Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Mittwoch, 11. Mai 2022
Die Mahlzeit als humanisierender Ritus
Freitag, 4. Dezember 2020
Ein neuer Faktor, eine verlagerte Beziehung
In dem Moment, schreibt Georg Simmel in seiner "Philosophie des Geldes", wo der Tauschhandel durch das Medium Geld ersetzt wird, schiebt sich ein dritter Faktor in die Beziehung der Wirtschaftspartner. Die direkte Linie der Verbindung zwischen ihnen verlagert sich auf die Beziehung, welcher jeder der beiden zur wirtschaftlichen Gesellschaft hat, die dieses Zahlungsmittel (dieses Geld) akzeptiert.
Wir haben es also ab dem Moment mit einer grundsätzlich veränderten Wirtschaft und damit Gesellschaft zu tun, in dem Geld eingeführt wird. Noch mehr, wenn es das Wirtschaften dominiert, gar, wenn es zum Ziel selbst wird.
Genau das ist in diesem besprochenen Zeitraum, der als Übergang Europas (als Kulturraum des Abendlandes) vom Mittelalter zur Neuzeit (also grob die Zeit des 15./16. Jahrhunderts) bezeichnet wird, auch passiert. Die Einführung des Faktors Geld in das alltägliche Leben* veränderte das Leben selbst durch ein neues Ziel - Geld und dessen Herstellung.
Um uns das vorzustellen müssen wir aber beileibe nicht in mythische Tiefen der Steinzeit zurückgehen. Noch tief bis ins 18. Jahrhundert hinein tauschten weite Teile der europäischen Völker und Menschen weitgehend geldlos. Erst mit der Enteignung der Bevölkerungen, die eigentlich die Folge der An-Eignung bislang gemeinschaftlicher Güter (Almenden) durch Einzelne war**, verloren weite Teile der europäischen Bevölkerungen die Möglichkeit, sich innerhalb von sozialen Gefügen rein aus zwischenmenschlicher Verbindlichkeit im Geben und Nehmen am Leben zu halten. Ja, innerhalb eines bescheidenen Wohlstands zu leben.
Nie fiel somit die Erwerbsmöglichkeit unterhalb eine bestimmte Grenze, nie verlor die Nächstenliebe, das zwischenmenschliche Helfen und Beistehen ebenso wie das gemeinschaftliche Verzehren und Feiern, seine bedeutsame Realität. Wenn Geld notwendig war, dann nur für Wirtschaftsbeziehungen mit mehr oder weniger weit entfernten, vor allem aber fremden Partnern.
Mit einem Mal war auch die nackte Existenzangst zum Schatten der Existenz der nicht-besitzenden Gesellschaftsschichten entstanden. Sie begann deren Leben zu bestimmen. War der Mensch des Mittelalters noch freimütig und in seinem Denken und Meinen Herr seiner selbst, trat hinfort ein neues Phänomen auf: Die Vermassung von Menschen.
Die mehr und mehr zwei Leben führten. Das der offiziellen Unterordnung aus existentiellen Notwendigkeiten unter ein fremdbestimmtes Sollen, und das des eigentlichen Lebenswollens. Zumindest tendenziell fiel auch der Wohlstand weil der über das Medium Geld bemessene und bewertete Lohn.
Somit war auch die Arbeit dem Prinzip nach nicht als mit Geld zu entlohnende Tätigkeit verstanden. Sondern in den Rahmen eines wechselseitigen Dienstleistens gestellt, dessen Maß eines des Moralgefühls - also der Ehre - war.
Ab dem Moment aber, wo Gemeingut (und noch im 16. Jahrhundert war alleine mehr als die Hälfte des Eigentums in Europa im Besitz der Kirche) in individuelles Eigentum wechselte, verloren immer größere Teile der Bevölkerung ihre Verwurzelung. Das heißt, sie waren nicht mehr in der Lage, an dem Ort, an dem sie lebten und wohnten, auch zu überleben. So begann einerseits die Landflucht, in der die Menschen in die Städte zogen, weil ihnen gar nichts anderes übrigblieb.
Und anderseits der Aufstieg des Geldes, das inmitten einer fremden Umgebung, die über soziale Beziehung nicht mehr zu ordnen war, welche erst jene Verbindlichkeit schafft, die kein Gesetz brauchte, sondern auf dem individuellen Ehr- und Moralempfinden fußte, das mehr oder weniger allen gleich war, eine neue Art des Umgang mit dem anderen einführte. Was etwas "wert" war mußte nun in das Medium Geld transponiert werden.
Auch die Arbeit: Es begann damit die Lohnarbeit, in der der Einzelne sein Tun als Ware einzuschätzen hatte. Die es noch dazu im Überfluß gab, sodaß sie im Preis verfiel.
Selbst wenn man jene kurze Epoche berücksichtigt, in der die Pestepidemien die Arbeitskraft zu einem knappen Gut machte, stieg aber umgekehrt deren Geldeswert NICHT. Und warum? Weil sich die Besitzenden, die Eigentümer von Grund und Boden als Produktionskapital, mit der politischen Macht verbündete. Welch letztere per Anordnung die Verteuerung der Arbeitskraft verhinderte.
Dieser Faktor war neu: Der Staat, der mit dem Beginn der Neuzeit wie nie zuvor in das Leben der Menschen eingriff und es damit gravierend veränderte.
*Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist das Geld zu jener Zeit nicht "erfunden" worden! Die Menschen hatten nie aufgehört, seine Existenz zu berücksichtigen. Es spielte nur keine Rolle, man BRAUCHTE es buchstäblich nicht! Das änderte sich erst mit der Renaissance. Das änderte sich erst mit der Zentralisierung der Fürstenmacht. Das änderte sich erst mit der immer klareren Definition von Staat und Land.
Und das änderte sich vor allem mit EINEM UMSTAND. Dem Umstand, daß die Zentralmacht begann, die Bezahlung von Steuern MIT bzw. IN GELD zu verlangen. Und zwar mit dem, was diese Zentralmacht selbst ALS GELD festgelegt hatte. Während gleichzeitig die Verbreitung von Geld durch die Auszahlung von Löhnen und Zuwendungen in jenem selbst "erfundenen" Geld erfolgt ist. Somit hat die Phase der Etablierung von Geld direkt mit dem Aufkommen von Soldaten- und Söldnerheeren, also der völligen Neudefinition von Krieg und Strategie zu tun. Denn die Soldaten waren es, die das Geld in den Alltag schwemmten.
Während die Bevölkerung in dem Maß nach Geld zu streben begann, in dem es Geld für seine Steuern brauchte. So bauten sich unsere Volkswirtschaften um, bis das Geld zum generellen ersten Ziel des Lebens und Arbeitens wurde.
**Wir können und müssen es beim Namen nennen. Diese Vorgänge waren die Folge der Enteignung der Kirche durch den Protestantismus, die "die Kirche" als Institution aufgaben und auf das jeweilige Verhältnis des Einzelnen zu Gott reduzierte. Große Teile des europäischen Vermögens fielen dadurch in die Hände der Landesfürsten und deren Günstlingen, also ins Eigentum des fürstennahen Adels und des Beamtentums. Historisch belegbar fiel der Wohlstandsverlust in den reformierten Ländern dementsprechend gravierend aus und schuf eine gewaltige Schichte von Verelendeten, die sich in den Städten ansammelten.
Dienstag, 17. Mai 2011
Zwei Lebenswirklichkeiten
Ihnen ist das gewidmet, womit bislang die Inflation gemessen wurde, der sogenannte "Warenkorb". Er hat sich aus jenen Waren zusammengesetzt, für die der durchschnittliche Bürger angeblich sein Einkommen verwendet. Diese Warenzusammenstellung hat sich also gehörig gewandelt. Vor allem ist der Anteil an Lebensmitteln (und auch hier: eher hochwertig) deutlich gesunken, dafür jener für Fernreisen oder Computerschnickschnack (Pardon: Unterhaltungselektronik) deutlich gestiegen, samt jenen Einkommensbestandteilen, die für Investitionsformen verwandt wurden, die man bis zur Finanzkrise dieser Jahre noch frech als "Spar- und Vorsorgeformen" bezeichnet hat. Diese Werte ergeben dann die offiziellen Inflationszahlen.
Vor einiger Zeit hat man nun entdeckt, daß dieser erste Warenkorb aber nicht jene Realität wiedergibt, in der ein immer größerer Teil (manche meinen: die überwiegende Mehrheit) der Bevölkerung leben muß. Seither führt man eine (inoffizielle) Parallelrechnung. Und sie führt zu bemerkenswerte Ergebnissen: zwar sind die absoluten Zahlen dieser Warenkörbe deutlich bescheidener, aber wer mit 700 Euro im Monat auszukommen hat, denkt nicht über den geplanten Panama-Trip nach, sondern für ihn sind die Hofer/Aldi-Lakritze bereits Luxus pur. Seine Warenkäufe sind also völlig anders strukturiert. Und jemandem, der binnen eines Monats für ein Viertelkilo Butter 1,35 Euro anstatt 0,99 Euro bezahlt, und das bei etlichen übrigen Grundnahrungsmitteln vielleicht gleichermaßen, zu erklären, die Inflation im selben Zeitraum wäre nur um 2,9 Prozent gestiegen, ist Zynismus.
So sind auch die Zahlen im April zweigespalten: die "offizielle" Inflation beträgt gerade 3,3 Prozent, und ist damit mehr gestiegen, als den Währungsmanipulateuren lieb ist. Für den zweiten Warenkorb, den "Mikrowarenkorb", der den "wöchentlichen Einkauf" bewertet (und damit im Grunde jene Produkte ausklammert, die sich diese zweite Bevölkerungsschichte sowieso nie anschafft) aber muß die Zahl mit 6,7 Prozent festgestellt werden. (Hier der Bericht in der Kleinen Zeitung, als einer von vielen.)
Und das trifft jemanden, dessen monatliche Gelddisposition ohnehin nur die Produkte dieses "Miniwarenkorbs" umfaßt, deutlich schwerer, weil es ein ganz anderes absolutes Gewicht hat, als jene der ersteren Gruppe. Und natürlich hat das mit entsprechenden umfassendere Lebenswelten zu tun - der Warenkorb der Grundnahrungsmittel hat wenig Relevanz auf die Preisermittlung von Fluggesellschaften. Wobei man dazusagen muß, daß auch diese Menschengruppe von eben diesen Ausgaben noch einmal rund 25 Prozent Steuern und Abgaben zu leisten hat! (Man denke nur an Mehrwertsteuer, Verbrauchssteuern jeder Art, Alkoholsteuern, Abgaben, Gebühren, etc. etc.) Ohne noch Einkommenssteuern berücksichtigt zu haben, die betreffen diese Menschengruppe nur marginal.
Nur: das kann ja gar nicht ander sein. Inflation - eine stille, destabilisierende, weil gegen langfristige Substanz gerichtete Form der Entwertung und vor allem der Umverteilung - ist eine Konstante der modernen Gesellschaften geworden. Denn sie ist die unausweichliche Schwester jeder Geldmengenvermehrung - und diese ist das hauptsächliche Mittel der Politik.
Weil die realen Preise sich immer - es ist nur eine Frage der Zeit und der Verbreitungsgeschwindigkeit der zusätzlichen Geldeinschüssen in Volkswirtschaften - wieder auf reale Warenwert-Verhältnisse einpendeln. Denn anders als die Interventionisten meist glauben, hat Geld und Ware keinen, wirklich keinen "absoluten" Bezug. Sondern die Preisfindung ist eine höchst "flüssige" Angelegenheit des Gegenüberstehens subjektiver und höchst relativer Wertbemessungen. Oder, wie Mieses oder Georg Simmel schön zeigen:
Die Gesamtmenge an Geld (das ja gleichfalls als Ware, als praktischere Tauschware - oder dere Repräsentanz - nämlich, zu verstehen ist) und die Gesamtmenge Waren befinden sich selbst bei noch so großen Gleichgewichtsstörungen immer wieder im annähernd selben Verhältnis zueinander.
Und damit wird die wirkliche Aussage dieser Inflationszahlen deutlich: die Struktur der heutigen Gesellschaften ist eine Struktur der "Gewinner", die umso vehementer an deren Fortbestand interessiert sind - sie haben zu verlieren. Während die einfachen Menschen, um es so zu sagen, die Verlierer sind. Denen mit gewaltigem Zynismus jener Staat, den die Gewinner (die "Funktionselite") sich als Instrument ihrer "Lebensgestaltung" halten, als großer Verteiler von Wohltaten, im Sozialstaat, vorgestellt wird.
Ein Staat, dessen Hauptaugenmerk sich auf eine Infrastruktur und eine Verwaltungsnotwendigkeit richtet, die für die untere Schichte irrelevant, ja ihnen zur Belastung ist. Weil sich Lebenswirklichkeiten herausgebildet haben, die miteinander kaum noch zu tun haben. Die aber nicht unabängig voneinander bestehen, sondern wo sich die Kosten-Nutzen-Verhältnisse nicht ohne Grund völlig verwischt haben. Daß das so bleibt liegt im Interesse der Oligarchie, die sich längst gebildet hat, und die nur eines möchte: es möge sich nichts für sie verändern ...
Wer aber diese beiden Warenkörbe und Lebenswirklichkeiten vergleicht, wer dazu berücksichtigt, woraus Inflation entsteht, wer berücksichtigt wer am meisten unter dieser leidet - wer diese Punkte also zusammenzählt, der könnte zu einer wirklich überraschenden Feststellung kommen:
Daß nämlich der Sozialstaat, der staatliche Interventionismus, allen anderen dient als jenen, deretwegen zu bestehen er ausgegeben wird. Er dient NICHT den Kleinen und Armen. Diese schafft er sogar erst, indem er sie nicht einmal als überwindenswerten Zustand bezeichnet, sondern als Zustand in dem es sich - mit ein paar staatlichen Beihilfen - schon aushalten läßt. Womit sogar das Beste an sozialer Unterschiedlichkeit - Dynamik aus persönlichem Antrieb - erschlafft.
Er schafft sich aber vor allem eine Schichte von Profiteuren. Aus Leuten, die endlich auch aus Nicht-Leistungsgründen - sondern aus "moralischer Überlegenheit" - ans Ruder kommen. Der Sozialstaat wie er derzeit überall zu finden ist bringt keine Verteilung von "Reich zu Arm"! Diese beiden Warenkörbe beweisen es eindringlich, vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, die eine Geldmengenkrise ist. Das einzige, worauf der Sozialstaat wirklich Einfluß nimmt ist die Verteilung der Plätze am Futtertrog, die Neuverteilung der Profiteure.
Ein einziger Bluff eines Revolutionskommitees eines Staates in Dauerrevolution, die nur deshalb nicht immer leicht erkennbar wird, weil sich die Stadien der Revolte ineinander verschieben, verschleiert werden. Einer Revolution, die aber nie zu einem Ende kommen wird, weil sie sich gegen Sein und Vernunft selbst richtet.
Donnerstag, 7. Oktober 2010
Kaum zu glaubendes Unwissen
George begriff jenen Katholizismus, in dem er ja aufgewachsen war, nur als Brauchtum, als Angeborenheit, als eine Eigenschaft, die in der Sippe weitergegeben wird, und nun das Erstaunen darüber, daß diese Erbschaft ausblieb, Katholizismus nicht als Freiheit des Glaubenswagnisses, nicht als Entscheidung des Selbst, sondern als Äußerlichkeit."
"Gott weiß woher das kommt, daß ich vom Christentum, außer in seiner heidnischen Form, so gar nichts verstehe, ich bin doch, möchte man sagen, aus einer schon lange katholischen Familie ..." schreibt er.