Ich dachte erst, daß es Papst Benedikt XV. in RERUM NOVARUM gewesen ist, der den AMERIKANISMUS verurteilt hat ("anathema sit"). Aber es war schon lange vor ihm Papst Leo XIII., und nicht in einer Enzyklika. Also lege ich doch wieder die mittlerweile vor sich hin staubende zweibändige Biographie von Papst Leo XIII. auf den riesigen Stoß "Endlich zu lesen!" Möge sie dort weiter stauben.
Denn ich habe anderes dringend zu lesen, und das wird mehr denn weniger. Durch meine Krankheiten ist das Lesetempo bejammernswert niedrig. Dafür das des Denkens entzückend hoch. Denn so wird mein Abstand zur Welt noch größer und entfremdender, sodaß das Erkennen mitterweile Gegenstände sieht, die die Weltgegenwart noch tiefer, noch hintergründiger begreifen lassen.
Was hier aber noch fehlt, ist fast der wichtigste, entscheidende Teil dabei, nämlich der Ideologismus, der sich darin verbirgt, und sich heute erst so richtig herausgearbeitet hat.
Die Verurteilung des sogenannten Amerikanismus als theologische Strömung bzw. Häresie erfolgte nicht primär durch eine klassische Enzyklika, sondern durch das Apostolische Schreiben Testem benevolentiae nostrae von Papst Leo XIII. am 22. Januar 1899.
Zuvor hatte er bereits am 6. Januar 1895 in der Enzyklika Longinqua Fehlentwicklungen der katholischen Kirche in den USA kritisiert.Die Kernpunkte der VerurteilungDer Vatikan sah im Amerikanismus eine gefährliche Anpassung des katholischen Glaubens an die moderne, liberale und demokratische Kultur der USA. Kritisiert wurden insbesondere:
- Verwässerung der Lehre: Das Bestreben, katholische Dogmen abzuschwächen oder zu verschweigen, um Nicht-Katholiken nicht zu verschrecken.
- Falscher Begriff von Freiheit: Die Annahme, der Einzelne könne im Glauben seiner persönlichen Gewissensentscheidung mehr Gewicht beimessen als der Lehrautorität Roms.
- Überbetonung natürlicher Tugenden: Die Höherbewertung von „aktiven“ und weltlichen Tugenden (wie Fleiß, Organisationstalent und Philanthropie) gegenüber den „passiven“, übernatürlichen Tugenden (wie klösterliche Askese, Demut und Gehorsam).
- Trennung von Kirche und Staat: Die US-amerikanische Praxis der Religionsfreiheit und der strikten staatlichen Neutralität wurde von Leo XIII. zwar für die USA geduldet, aber ausdrücklich nicht als ideales Zukunftsmodell für die weltweite Kirche anerkannt.
Das „Phantom“ der HäresieDas Schreiben war an den Erzbischof von Baltimore, Kardinal James Gibbons, gerichtet. Die US-amerikanischen Bischöfe reagierten loyal, betonten jedoch umgehend, dass die vom Papst verdammten theologischen Irrtümer in den USA in dieser radikalen Form überhaupt nicht gelehrt würden. Daher bezeichnen Kirchenhistoriker den Amerikanismus oft auch als eine „Phantom-Häresie“, die eher den europäischen Ängsten vor dem aufkommenden Modernismus entsprang.