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Donnerstag, 10. September 2020

Dinge, die zusammengehören

Bei vielen Indianerstämmen des amerikanischen Westens, beschreibt P. Wilhelm Schmidt in seiner "Geschichte des Eigentums", wird der Besitz des Verstorbenen nach seinem Tod vernichtet, ins Grab gegeben oder an Fremde verschenkt. Nur eher selten findet sich etwas, das man mit "Erbgut" bezeichnen könnte, also nach verschiedenen Gesichtspunkten hinterlassen und weitergegeben wird. Die Begründung ist weitgehend überall gleich: Man will den Schmerz vermeiden, indem man alles vernichtet, was an den Toten erinnert. Und das ist manchmal sogar das ehemalige Familienhaus. Sein Leichnam sowieso.

Es ist interessant, daß in unseren Kulturen das Auftreten der Verbrennung von Toten nicht nur mit dem Auftreten des Atheismus als Weltanschauung, sondern gleichzeitig mit den Gedanken der Verminderung oder Umverteilung eines Erbes durch Steuern gleichzeitig auftritt.*
Etwas, das bei uns tatsächlich weil massiv in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren durch politisch initiierte "Gesellschaftsreformen" einsetzte.
Nicht nur das, auch die Schlechtsprechung des Überkommenen, die Beladung der Tradition - auch das eine Auslöschung der Vorfahren - als Wurzel allen Übels mit Schuld, die in einem nächsten Schritt deren Beseitigung verlangt. 

Wie sie bei uns weitgehend noch in Einzelfällen, (auch wenn diese immer häufiger werden), in den USA bereits als Großbewegung stattfindet, von Denkmälern, Benennungen von Orten, und generell von Erinnerungsstellen erfolgt.  

Alles läuft auf dasselbe hinaus: Eine Auslöschung der Ahnen. Deren Folgen man bei den erwähnten Indianerstämmen exemplarisch ablesen könnte: Mit der Vernichtung und Ausschaltung des Erbes (als aktivem, präsenten Teil der jeweiligen nachfolgenden Gegenwart) hört jede Entwicklung auf.

Das ist auch dort der Fall, wo Kriege oder Seuchen oder Naturkatastrophen die physisch gewordenen Errungenschaften der Vorfahren (Häuser, Gebäude jeder Art, oder generell Einrichtungen des Erwerbes wie Staudämme, Stallungen usw.) vernichten. Was bis zum Sprichwörtlichen "Anfangen bei Null" gehen kann. 

Eine Haltung, die sich aber über kurz oder lang auch in einer Geringschätzung der jeweiligen Gegenwart äußert. Wer erfährt, daß der Mensch - also auch er selbst - nichts zu schaffen vermag, das über der Zeit steht, aus ihr herausgehoben ist, und damit ihn selbst überdauert, erfährt sich selbst, sein Leben, und somit auch das Leben seiner Nächsten als unbedeutend.

Weshalb eine Agenda zu oben genannter Gleichzeitigkeit von Erscheinungen unbedingt fehlt: Das der Verhütung von Nachwuchs einerseits, und das von seiner Auslöschung durch Abtreibung (also Eugenik) anderseits.


*Anfang der 1970er wurde auch im (wie Gesamtösterreich zum damaligen Zeitpunkt) von der SPÖ dominierten Geburtsort des VdZ (Amstetten in Niederösterreich) am Hauptfriedhof der Stadt ein "Krematorium" errichtet. So wurde der damals errichtete Neubau wenigstens kommuniziert, und das vertrat er somit für die Bevölkerung. Obwohl es noch so gut wie keine Einäscherungen gab! Die wurden damals nämlich noch als öffentliches Bekenntnis zum Atheismus gesehen, und das wollte niemand abgeben. 

(In Wahrheit wurden freilich damals wie heute Kremierungen in Niederösterreich nur in einigen zentralen Verbrennungsanstalten durchgeführt. Der Bau enthielt also - neben einer WC-Anlage - lediglich Räumlichkeiten zur Zwischenlagerung von Särgen, sowie einen angeschlossenen "neutralen" Einsegnungssaal, der wahlweise "Kapelle" oder "Verabschiedungssaal" hieß. Vom Aussehen her trug der Bau freilich schon den an einen Industriebau erinnernden Charakter eines Krematoriums, wie man es sich eben vorstellt.)



*240820*

Freitag, 24. Juli 2020

Erinnerung

Manchen Leser mag das erstaunen. Diese Aufnahme zeigt die Literatengruppe WIDDERHAKEN, die der VdZ seinerzeit in Amstetten zusammen mit einer Reihe von Kollegen gegründet hatte. Sie bestand von 1982 bis 1984, und in deren Rahmen wurden Lesungen etc. durchgeführt. Die sogar erstaunliche Resonanz fanden. Damals befaßte sich der VdZ (im Bild mit dem Kind am Arm, seiner ältesten Tochter Julia) mit Lautmalereien und ganzheitlicher Sprachphilosophie, was nicht überall auf Verständnis stieß, ja sogar so manche Ablehnungsgeste hervorrief.



*220720*

Sonntag, 25. Februar 2018

Kindheitserinnerung

Es ist nicht übertrieben - "beim Zarl" gab es alles. So ausgefallen konnte es gar nicht sein. Der VdZ ist in Amstetten (Niederösterreich) aufgewachsen, und in all dieser Zeit gab es "den Zarl". Tagtäglich stand der Mann mit dem blonden Oberlippenbärtchen in seinem braunen Arbeitsmantel hinter der Theke, und es gab in seinem vollgeräumten Gemischtwarenladen nichts, das er nicht führte. Dieses Photo stammt noch aus 2004! Es hatte sich dort nie etwas verändert, schon alleine das war so wohltuend. Immer im Hintergrund dabei: seine Frau.

Der VdZ hatte nie den Eindruck, daß "der Zarl" ein besonders guter oder ideenreicher Kaufmann war. Und fragte sich immer wieder, wovon er wohl lebte. Denn man besuchte ihn schon längst nicht mehr für die Alltagskäufe, die Wohnhäuser rundherum waren allesamt nach und nach zu Geschäftshäusern geworden, die Supermärkte und Einkaufszentren hatten längst den kleinen Geschäften in der eigentlichen Stadtmitte ihre Existenzgrundlage entzogen (das Zentrum von Amstetten hat heute einen Geschäfte-Leerstand, der wohl an die 50 Prozent grenzt), sondern wenn man etwas (meist eine Kleinigkeit) suchte, das man sonst nirgendwo fand. Umso mehr bewunderte er ihn, denn irgendwie schien er es immer zu schaffen, zu überleben, es gab ihn immer noch, wenn der VdZ später einmal die Stadt besuchte. Dabei hatte er auch als Person nichts Besonderes, war ruhig und unscheinbar. Vielleicht paßt das Wort hier: Demütig. Freilich auch bis an die Grenze fast abstoßender Devotheit.

Mit immer demselben Gesichtsausdruck räumte er jeden Morgen seine Gemüse- und Obststeigen in die Eisenrahmen vor den Schaufenstern, und zu Weihnachten hatte er ein paar Christbäume in der seitlichen Hofeinfahrt stehen. Er war aber einfach ... da. Und das wirkte beruhigend. Denn bei ihm bekam man eben alles.

Worin er dem VdZ auch immer fremd blieb, bei aller Sympathie, die hier seltsam sachlich wurde. Denn auf seine Weise schien er doch der Zeit nach dem Strich zu bürsten. Und doch genau darin zu zeigen, daß er ihr nur nachhinkte.

Wörtlich. Denn hinkte er nicht wirklich?

Er hatte Faschingskostüme. Jedes Jahr wieder war die Auslage mit Masken und Kostümen voll. Zorro, Ritter, Prinzessin, Clown, Hexe, das ganze Repertoire eben. Er schien ein ganzes Arsenal davon zu haben, hinten, in einem Nebenraum. Wer bitte feiert heute aber noch Fasching, wo gibt es noch Faschingsbälle wie damals, in den 1960ern, auf die man sich Jahr für Jahr freute, die zur Jahreszeit gehörten, auf die man sich gewissenhaft vorbereitete, für die man sich eine phantasievolle Verkleidung ausdachte?

Er hatte auch etwas Liebes. Etwas still Liebes. Vielleicht deshalb so Fremdes? Der Welt Fremdes, in der man doch irgendwie leben, nach der man sich also auch orientieren mußte?

Und er hatte Feuerwerkskörper. Da war um Sylvester auch mal Andrang im Geschäft. Als man nach seinem Tod die Lager ausräumte, mußte angeblich sogar der Sprengdienst der Polizei anrücken, denn am Dachboden hatte man große Mengen Nitroglyzerin gefunden, die sich niemand anzurühren wagte.

Das letzte woran sich der VdZ erinnert das er bei ihm gekauft hatte, waren Zylinder für Petroleumlampen, und Öl dafür. Natürlich bekam man es bei ihm. Und nur bei ihm. Ja, er hatte sogar zwei, wenn nicht drei Sorten Öl. Er kannte seine Ware. Jede. Das muß um 1990 herum gewesen sein.

Mittlerweile ist er verstorben, und das Haus wurde verkauft. Der neue Besitzer läßt es aber jetzt in diesen Tagen schleifen. Angeblich, weil die Bausubstanz des Gründerzeithauses zu schlecht war. Wieder wird ein Merkmal dieser an Merkmalen so armen Kleinstadt, die im Laufe der letzten Jahrzehnte wirklich jedes Gesicht verloren hat (Amstetten hat u. a. die höchste Drogenkriminalität Österreichs), nur noch eine ausgeleierte Konsumlandschaft der Mittelmäßigkeit ist, ausgelöscht. Wird der Erinnerung anheimgeschrieben. Erinnerung an die Zeit eines völlig anderen - ja, so muß man es nennen: glücklicheren - Wirschaftens, die Zarl noch bis in diese Jahre repräsentierte.


Bild: NÖN





*050218*

Montag, 4. Mai 2015

Erinnerungen

Geboren 1961, sind diese Rhythmen und Gefühle Kindheitserinnerungen, die nachgeweht haben. Denn seine Geburtsstadt war russische Besatzungszone, 1955 "frei" geworden. Man beachte vor allem das musikalisch großartige "Eij uch nem" ab ca. Minute 13. Mit dem "Puth" (gleich zu Beginn; richtig übersetzt: "Marsch! Der Weg ist unsere Aufgabe!") ist er aufgewachsen. Und mit den Erzählungen seiner Mutter, die die Russen als einerseits wilden, dabei von Gefühlen (vor allem für Kinder, freilich, auch für Frauen; die Mutter des VdZ hatte sich durchaus zu wehren, auch wenn die Russen die älteren Geschwister regelmäßig mit Zucker oder Butter - rare Güter damals - versorgten) regelrecht überschwemmten Haufen, anderseits als von hochkultivierten Offizieren großartig in Schach gehaltene Armee erlebte. Amstetten in Niederösterreich hatte als Besatzungsregime das russische Garderegiment. Die Zeremonien etwa zur Totenehrung (Amstetten hat bis heute zwei russische Friedhöfe) müssen beeindruckend gewesen sein.

Russophilie? Vielleicht. Vielleicht als Erbe übernommen, als Grundhaltung. Vom Vater. Wenn der VdZ später, mit dem ersten Radio, das er etwa 1976 als Weihnachtsgeschenk erhielt, war das Hören von "Radio Moskau" verbunden. Und damit verbunden war eine tiefe Sympathie mit dem Volk, seiner Seele, allen politischen Intentionen abhold. Ein Volk. Man nannte ihn später "Kommunist". Dabei liebte er nur das Volk, das was er davon in Musik (und Sprache ist pure Musik) fühlte. (Und die Schule, die er später besuchte, die Russisch als Pflicht- und Schwerpunktfach eingerichtet, weil den Handel mit der UdSSR zum Schwerpunkt hatte, Frucht der Besatzungszeit, diffamierte ihn sogar - im übrigen: erfolglos - dahingehend bei Anfragen späterer Unternehmen, in denen der VdZ beschäftigt war.)

Die vom Vater des VdZ gegründete Zeitung - die erste in Niederösterreich nach dem Ende des 2. Weltkrieges, die es schaffte, wirklich periodisch in tausend Exemplaren gar zu erscheinen, unter unendlich schwierigen Bedingungen, die zu bewältigen der enormen Kommunikationskraft des Vaters des VdZ zu verdanken ist, die wie jede Zeitung in Kaffeehäusern vorgelesen wurde: auf ein Exemplar kamen zehn "Leser"="Hörer" - berichtet freilich auch von "verschwundenen" Frauen und Mädchen. Tragisch, diese Nachrichten zu lesen, man ahnt das Furchtbare dahinter. In einer Zeitung, die aus russischen Papierbeständen gedruckt wurde, die der Vater des VdZ mit so viel Klugheit losgeeist hatte, daß hier wirklich Diskussionen stattfanden, die den Boden für das spätere Österreich bereiten halfen. Ehret die Väter!

Als die Pläne des groß Denkenden aber die Horizonte der Bauernschädel des Dorfes Neuhofen (Wiege Österreichs! im Dritten Reich eine berüchtigte "Nazihochburg") überstiegen, man ihn absetzte, ihm im Amt getroffene Entscheidungen aus formalen Verfehlungen privat anlastete (und damit die gesamte Entwicklung der Familie des VdZ entscheidend beeinflußte), rückte die in Amstetten stationierte Gardeeinheit aus, um ihn wieder in Amt und Würden zu setzen. Nur das Einlenken des Vaters - Josef Wagner, r. i. p. - verhinderte eine Eskalation der Lage. (Im übrigen: nicht das erste Mal; sein ausgezeichnetes Verhältnis zum Kommandanten der Russen verhinderte mehrmals blutiges Einschreiten der Roten Armee; weil der russische Major in Amstetten ihn nicht nur als "Freiheitskämpfer", sondern wie ganz Amstetten "als Kopf" hoch schätzte; als Freiheitskämpfer bezeichnete man damals jene, die zwar nicht "im Widerstand", aber doch unter lebensgefährlichen Umständen ein Wiedererstehen Österreichs noch unter der Nazi-Herrschaft vorbereiteten und jene Strukturen vorbildeten, auf denen dann wie aus dem Nichts 1945 DOCH ein Österreich erstehen konnte.)

Neun seiner elf Geschwister waren also noch unter russischer Besatzung geboren. Das zumindest emotionale Urteil des VdZ über die Russen beruht also durchaus auf sehr persönlicher Überlieferung, weil Familiensaga. Es ist damit auch sehr differenziert und war immer von Sympathie für den russischen Menschen selbst begleitet, in all seinen Höhen und Tiefen. So hat er es von schwer kriegsgebeutelten, opferreichen Vorfahren übernommen. Kann jemand, der so singt - und Singen, Musik heißt: Einordnen in den Rhythmus der Ideen, also der Ordnung Gottes - einfach nur böse sein?

Martin Mosebach hat übrigens zum VdZ einmal tatsächlich die Meinung geäußert, daß dessen Seele "etwas Russisches" habe. Das bestreitet er überhaupt nicht, auch wenn es einen Mangel ausdrückt. (Der Leser dieser Zeilen möge das durchaus berücksichtigen.) Zu dessen Lieblingslektüre immer Dostojewskij, Gogol ("Tote Seelen"), Puschkin, später auch Leskow, vor allem aber immer Ivan Gontscharow ("Oblomow") gezählt hat. Und der kaum je etwas leidenschaftlicher gesungen hat als russische Volkslieder, schon ab fünfzehn in Aufführungen (mit Hintergrundchor) im Pfarrsaal seiner alten Heimatpfarre. Und dessen Sangesweise bis heute von kaum jemandem so geprägt worden war wie von Ivan Rebroff. Neben der seiner Mutter. Neben Rudolf Schock. Neben Peter Alexander. Neben ... Man verdankt alles irgendjemandem. Die Welt zeugt sich aus sich selbst, wenn sie dem Sein folgt, offen für das Schöpferische Gottes ist.








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Dienstag, 24. Mai 2011

Pars pro toto

Das ganze hat sich in Amstetten abgespielt, die NÖN berichtet darüber. Dort hat nun ein Unternehmen, das Gas aus der Verrottung und Kompostierung gewinnen wollte, endgültig den Konkurs angemeldet. Die Gasgewinnung sei technisch nicht ausgereift gewesen, das Unternehmen habe sich nie  gerechnet. Hauptgesellschafter waren im wesentlichen Gemeinden, die Biogasanlage hätte zentral den gesamten Biomüll der Umgebung - rund 7.000 Tonnen im Jahr - verwerten sollen.

Warum ist dieses Beispiel hier angeführt? Weil in den Stellungnahmen dazu allgemein richtige Aussagen auftauchen, die als Menetekel genommen werden sollten - denn die Folgen noch weitergehender, ja totaler Zentralisierung, wie sie gerade die "Ökologieprojekte" (v. a. im Energiesektor) erfordern, werden gravierender sein, als man jetzt zugestehen mag. (Hätte man sich das jemals überlegt, denn das ist ja - wie im gegenständlichen Fall - zu bezweifeln.)

Zum einen: daß auch solche edlen Vorhaben auf für sich gesehen vernünftigen wirtschaftlichen, autarken Füßen stehen müssen. Solche Projekte funktionieren nie, wenn sie mit öffentlichen Geldern spekulieren. Dann fehlt zum einen der existentielle Ernst, zum anderen Kostenwahrheit. Vor allem aber wird (sogar rein technisch) die Gefahr virulent, die darin liegt, zentrale Strukturen aufzubauen, die quasi öffentliche Funktionen übernehmen. Unausweichlich verkommt dadurch die Selbstbewältigungsfähigkeit der Teile. Fällt eine solche Zentrale aber einmal aus, fällt augenblicklich eine ganze Funktion eines gesellschaftlichen Bereichs (oder lokalen Raumes) aus, der sich nicht mehr selbst helfen kann.

Knackpunkt in Amstetten war der politisch motivierte, unnatürlich niedrige Preis, den die Betreiber der Zentralanlage für angelieferten Biomüll verlangten. Man habe damit, so auch der Obmann des Bauernbundes, mit Dumpingpreisen - das wirtschaftliche Desaster war für Leute mit Hausverstand also absehbar - die Landwirte ausgeschaltet, die diese Aufgabe früher erfüllten, und damit funktionierende Strukturen zerstört. Nun entstehen gewaltige Kosten aus ca. 1,7 Millionen Euro Schulden, die direkt wie indirekt die Allgemeinheit zu tragen hat.

Was passiert nun? Die klügeren (und warnenden) Köpfe haben unter der Hand längst vorgedacht, weil alles kommen gesehen, und binnen kürzester Zeit eine vorläufige Ersatzstruktur eingesetzt.

Der Fall ist deshalb so prototypisch. Denn genau das wird auf die europäischen Gesellschaften in hohem Ausmaß zukommen. Die Staaten werden die Aufgaben, die sie sich aus politischen Gründen angemaßt haben, über kurz oder lang nicht mehr erfüllen können. Der Schaden wird immens sein. Und wer wird alles letztlich ausbaden? Die, die sich den Verstand bewahrt haben und immer wußten, daß es so nicht geht. Die, die gegen alle öffentliche Meinung widerständig und ungehorsam waren und es geschafft haben, sich vom Massenwahn fernzuhalten. Die die dem Aberglauben der Gegenwart, die Dinge der Welt seien durch Technik und Automatismen zu ersetzen, weil nämlich als solche durchschaut, nicht auf den Leim gegangen sind.

Jede Maschine (und auch ein erdachter Ablauf ist eine Maschine) ist ein Ding für sich, und verändert die Weltvorgänge. Sie braucht damit aber immer "Energie". Sie ersetzt also niemals, was sie in ihrer Konzentration auf den Effekt  hervorzubringen scheint, sondern sie verlagert. Und weil es ein zusätzliches Ding ist - machen wir es einfach - braucht es auch zusätzliche Energie.

Deshalb wird der Energiebedarf des Ganzen immer weiter steigen und steigen. Und zwar genau deshalb, weil wir immer mehr Einrichtungen schaffen, die die Effizienz steigern sollen. Wir erreichen keine Einsparung, wir erreichen nur eine Veränderung durch weitere Ausfaltung des Lebens. Es wird nur schwer erkennbar sein, weil der Satz "aber es KÖNNTE oder HÄTTE KÖNNEN" einer der meistausgesprochenen der nächsten Jahre werden wird.


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Dienstag, 30. Juni 2009

Der Fall Amstetten - kein österreichisches Spezifikum

Thomas Müller, Kriminalpsychologe und Autor mehrerer (nicht wirklich guter ...) Bücher (die vor allem große Eitelkeit beweisen) in "Frühstück bei mir":

Der Fall von Amstetten sei zwar ungewöhnlich, aber er stehe weltweit durchaus nicht einzeln da, weshalb er sich über ausländische Zeitungskommentare gewundert habe, die die Frage stellten, ob denn so etwas nur in Österreich vorkomme, was denn da los sei.

Er habe viel Erfahrung mit Tätern, die ihre Opfer ähnlich dem Amstettner Fall gefangen hielten und beherrscht hatten. Er kenne Fälle, wo die Täter nur einen einzigen Tag dazu gebraucht hätten, ihre Opfer völlig willenlos zu machen - indem sie sie (je nach Geschick schneller oder weniger schnell) meist subtil behandelten und brachen, willenlos machten. Das war so weit gegangen (in einem Fall), daß der Täter mit dem Opfer zu deren Eltern gefahren war und die Frau dort behauptet hatte, sie sei freiwillig bei ihm. Vor allem Täter mit bestimmten Narzißmen entwickelten oft eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihre Opfer zu foltern, zu brechen.

Ebenso seien ihm Fälle mit Bunkern, die als Gefängnisse (und Folter- und Mörderkeller) gedient hatten, bekannt; in anderen Ländern oder aus der Vergangenheit.

Zum Fall Amstetten: Seine Monstrosität sieht Müller nicht in Zusammenhang mit der Quantität des Geschehens - der Anzahl der im Inzest gezeugten Kinder, oder dem immer perfekteren Ausbau des Bunkers. Es gäbe in Kriminalfällen eben zwei Entwicklungen - die Phantasie-Entwicklung sowie die "pragmatische Entwicklung", die aus rein praktischen Fähigkeiten und Anforderungen erwachsen sei, wie in einem sachlichen Automatismus.

Müller trägt übrigens Steinchen im Schuh - sie sollen ihn erinnern, daß alles vergänglich ist, er vor allem im Glück nicht meint, es würde immer bleiben. Gerade die Erfahrung mit Opfern habe ihn demütig gemacht: obduzierte Kinder zu sehen, die Opfer von Verbrechen waren ... da relativiere sich so viel, was an Alltäglichem für die Menschen Grund zur Klage darstelle.

Tote zu sehen berühre ihn vor allem, weil die Vergänglichkeit des Menschen so sichtbar werde - wenn ein Toter tagelang daliege, bei geöffnetem Fenster ... Er meine, daß im Tod nur "die Schale zerbreche". Der eigentliche Kern aber "gehe voraus."

Er glaube, daß entscheidend für außergewöhnliche Leistung sei, ob jemand Selbstwertgefühl habe oder nicht. Was aber nicht heiße, daß dies auch heiße, daß solch ein Mensch nicht destruktiv sein könne. Wichtig sei dabei Ausgewogenheit, z. B. zwischen Privatem in Interaktivität wie Dingen, die man nur für sich tue, und Beruflichem. Die Menschen lebten aber in Schwankungen aller dieser Bereiche, "Kurven", und so komme es zu Ausbrüchen, auch in Bereichen, die man für völlig "normal" gehalten habe.

Er kenne eben Fälle, wo die Täter nach getroffener Entscheidung alles Nachdenken über weitere Konsequenzen ausgeschaltet hätten. Auch sei ihm wiederum ein Fall bekannt (aus den USA), wo der Unsterblichkeitsgedanke den Täter dazu getrieben hatte, inzestuös viele Kinder zu zeugen. Vielleicht sei es aber auch einfach das Gefühl, Macht auszuüben. Im konkreten Fall (Amstetten) könne er gar nichts sagen, kenne den Täter nicht.

In jedem Fall aber sei er der Auffassung, daß es nicht gut sei, generell das Mißtrauen zu schüren - keinem mehr zu trauen, wie der Bezirkshauptmann gesagt habe. Jeder habe seinen Hausverstand, und es sei ein guter Lebensrat, einfach ab und zu stehenzubleiben, und 360 Grad Rundumschau zu halten.

Natürlich sei der Fall außergewöhnlich, aber er glaube auch, daß der Täter genug Fähigkeiten habe, andere nichts davon merken zu lassen. Trotz allem glaube er, daß sich in der detaillierten Aufarbeitung noch "böse" Überraschungen in dem Fall auftun könnten.




*300609*