Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Baberowski (Jörg) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Baberowski (Jörg) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 26. April 2018

Gewalt ist Teil des Lebens

Auch in Zukunft wird die Gewalt ein Teil unseres Lebens sein. Davon wissen Menschen, die mit der Gewalt leben müssen, mehr als Menschen, die nur den Frieden kennen. Der Glaube an die heilende Kraft der Zivilisation ist eine Illusion. 

Nicht aus Friedfertigkeit, sondern aus Furcht sehnen sich die Menschen nach Sicherheit und Ordnung. Denn der Tod ist das Ende von allem. Der Mensch aber will überleben, und deshalb ist die Gewalt eine Erfahrung, die Ordnung stiftet. Jeder weiß um die Präsenz der Gewalt und die Verletzungsoffenheit des Menschen. 

Deshalb kommt die Ordnung aus der Einsicht, daß die Gewalt niemals verschwinden wird und dennoch gebannt werden muß. Eine deprimierende Einsicht, zweifellos, aber wenn man begriffen hat, daß Gewalt nicht aus der Welt zu schaffen ist, wird man auch Vorkehrungen treffen können, sie einzuhegen. Für den Träumer, der den ewigen Frieden herbeisehnt, ist die Erkenntnis enttäuschend, für den Realisten ist sie ein Trost.


Jörg Baberowski in "Räume der Gewalt"






*030418*

Donnerstag, 19. April 2018

Über den Einzelfall der bösen Tat (4)

Teil 4)




Wußte der Leser, daß es etwa in Polen die brutalsten Judenverfolgungen gab? Oh ja, die Polen sind Weltmeister in den Vergangenheitsbeschönigungen. Grotesk und voller Widersprüche, was der VdZ da von Polen schon gehört hat, er kennt kein europäisches Volk, das ein derart unaufgearbeitetes Verhältnis zu seiner Vergangenheit - und damit zu seiner Gegenwart - hat. Aber dieses Thema ist lückenlos belegbar: In Polen gab es schon lange vor Hitler den härtesten Antisemitismus am Kontinent. Warum sonst glaubt der Leser haben schon in den frühen 1920er Jahren sämtliche amerikanische Zeitungen von drohenden "Sechs Millionen" (eine magische Zahl, die heute bei uns gewissermaßen dogmatisiert ist) drohenden jüdischen Toten in diesem geographischen Raum geschrieben!? Warum kam es genau damals und genau dort zur Massenauswanderung nach West-Amerika? Hollywood läßt grüßen, übrigens.

Zu einer Judenverfolgung im heute verstandenen Sinn wurde der deutsche Anti-Judaismus erst im Laufe der Jahre unter Hitler. Er war zuerst (und europaweit) ein politisches Argument, das sich auf die revolutionäre Grundgesinnung des Judentums als Welthaltung bezieht. Und wie er sich im Kommunismus (85 Prozent der kommunistischen Revolutionäre waren jüdisch) exemplarisch bewiesen hatte. (Wir leben heute ja gar nicht im Marxismus, übrigens: auch Marx war ein Jude. Sondern wir leben im Trotzkiismus, der permanenten Revolution. Auch Trotzki (aka Bronstein) war Sohn einer (wohlhabenden) jüdischen Familie.

Die Dummheit der nationalsozialistischen Strömungen (denn eine geschlossene, in sich widerspruchsfreie, durchentwickelte Ideologie war er nie) ist vielmehr im Rahmen jeder Verdummung und Fragmentarisierung, weil Instrumentalisierung von Geist durch Ideologie gesehen werden. Und soll deshalb hier gar nicht noch einmal abgehandelt werden, das ist bereits oft genug geschehen. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, die Nachkriegspropaganda, die "alles erklärte" (und dabei nur die Erzählung festlegte, die fortan zu gelten habe) kritiklos hinnehmen. Die auch eine "nationalsozialistische Ideologie" quasi "schuf". Dabei aber vor allem etwas ganz anderes rechtfertigte und Narrative installierte.

Selbst die SS-Einheiten an der Front - wenn also schon: gut, die SS war ideologisch mehr geformt - waren nicht bekannt, ja berühmt-gefürchtet, weil sie so barbarisch waren, sondern weil sie von einem fanatischen, absolut gesetzten Dienstwillen geprägt und damit harte Gegner an der Front waren, die das eigene Leben jederzeit opferten. Sie hatten deshalb auch überdurchschnittlich, ja katastrophal hohe Verlustraten, weil sie oft Charisma vor Fähigkeit setzten.

Wo es dieses Ehren-Maß überschritt, in Barbarismus ausartete, war es gleichermaßen nicht Teil der NS-Ideologie, sondern stand im Rahmen eines sich gewissermaßen verselbständigenden Automatismus, zu dem sich das "System SS" (der ehemalige KZ-Häftling Eugen Kogon ist in seinen Beschreibungen hier sehr lesenswert) entwickelte. Bis hin zu Geldgewinnungsmethoden aus den Rückständen von Toten, den berühmten Goldzähnen also. Und natürlich dem Handel mit der Industrie, der zum Sklavenhandel wurde, aus dem sich die SS finanzierte und damit zum Staat innerhalb des Staates wurde.

Aber was soll man davon denken, daß mit die schlimmsten Gewalttäter ... Häftlinge selbst waren? Über das Kapo-System geschahen die brutalsten Verbrechen, das wird oft und oft von Augenzeugen berichtet. Es waren inhaftierte Ukrainer, "Untermenschen", die in Bergen-Belsen massenhaft Juden erschlugen. Es waren inhaftierte Juden-Kapos, die Juden am schlimmsten drangsalierten. Waren die auch ideologisch präpariert? Das Brechen des Kulturellen und damit Humanen im Menschen war kein ideologisches Ziel, es war die Folge subjektiver, immer aber einzelner Schuld.

Die KZs waren eben ein Raum, in dem jede Einzelfall-Täterschaft ohne Konsequenzen blieb, ja in der Hierarchieleiter (die aus Personen besteht, also: aus einzelnen Menschen) genau darauf zählte - totale, unberechenbare Macht des Einzelnen! - und das war ihr Geheimnis des Schreckens: Genau der Umstand, daß es KEINE allgemeine Richtlinie gab, die berechenbar gewesen wäre. Viele relevante Zeugenberichte beschreiben genau das. Es gab auch keine Richtlinien des Schreckens. Es war alles unberechenbar, das war das Furchtbarste daran. Weil die KZ-Häftlinge der subjektiven, persönlichen Willkür der Einzeltäter ausgeliefert, und zwar total ausgeliefert waren.

Und also war der sogenannte Holocaust tatsächlich immer ein Einzelfall. Zumindest - auch. Ihn einer Ideologie zuzuschreiben hat ganz andere Gründe und ist Teil einer Legende, die nach dem Krieg - vor allem im Zuge der Gewaltherrschaft und über Umerziehung der Deutschen - etabliert wurde.






*290318*


Mittwoch, 18. April 2018

Über den Einzelfall der bösen Tat (3)

Teil 3)




Die Konzentrationslager waren zum Zeitpunkt ihrer ersten Errichtungen gleichermaßen prinzipiell nicht gedacht, um Menschen massenhaft zu vernichten. Bis heute ist nicht geklärt, wie das rein technisch hätte ablaufen sollen. (Auch hier also: Es konnte schon deshalb nur über "Einzelfall-Lösung" ablaufen.) Die Idee von Anhaltelagern, wo Regimegegner konzentriert waren, gab es im übrigen auf der ganzen Welt, nicht zuletzt in den USA. Wo es unter anderem zweihunderttausend Japaner betraf. Ihre Ursprungsidee war eigentlich ganz anders. Sie sollten nur Kräfte, die dem Neuaufbau hinderlich waren, aus der Gesellschaft fernhalten. Das war die Idee jedes der zahlreichen Faschismen, die in Europa damals auftraten.

Sie sind nur zu Vernichtungslagern GEWORDEN. Über aller sich später entwickelnden (!) Vernichtungsidee, die es natürlich gab. Aber die Konzentrationslager sind vor allem zu dem geworden, als was man sie heute kennt, weil sie ein Raum waren - daran hatte eigentlich niemand wirklich gedacht, das trat aber dann logischerweise auf - in dem sich jeder Einzelfall an willkürlicher Täterschaft entwickeln konnte, ja fast mußte, und sich tatsächlich entwickelte. 

1945, nach der sogenannten "Befreiung", waren etliche KZ-Kommandeure Berichten der Alliierten nach völlig "reinen Gewissens". Sie führten die Befreier sogar im Lager herum, als wäre es das Normalste auf der Welt. Und verstanden überhaupt nicht, warum sie nun "Täter" sein sollten. Aus ideologischer Verblendung? Nein. Weil sie "nichts Böses getan" hatten. Das waren alles ... Einzeltäter. Nirgendwo wurde Vergewaltigung etwa so schwer geahndet, wie innerhalb der SS. Sadisten wurden in der Regel verachtet, wenn nicht bestraft.

Denn auch (ja gerade in der SS) gab es einen Ehrencodex - so sehr man über diesen diskutieren muß, denn er war ganz klar evolutionistisch (sic!) und damit atheistisch! - der subjektiv motivierte Gewalt, Sadismus etc. ächtete. Von Biergesprächen, in denen man mit Gewalttaten prahlte, muß man insofern ganz anders sprechen, als sich der Gewaltraum (in dem das passierte) fast unmerklich realisierte, aber ideologisch nur irgendwie rechtfertigbar, nicht Bedingung oder Ursache war. Einzelne Aussagen herbeizuholen, um das doch zu belegen, ist einfach falsch und treffen nicht die Realität.

Oder wie glaubt der Leser, warum nach dem 8. Mai 1945 der weit überwiegende Teil der Deutschen nicht im Traum daran dachte, daß er "einer verbrecherischen Nation" angehört haben sollte? Was an seinem Verhalten - Einzelfall! - war falsch gewesen? Man war im Krieg gewesen. Das erklärte alles. Auch die Mutter des VdZ hatte sich diesem gegenüber in Gesprächen so verteidigt, als dieser selbst in seiner Jugend von der Propaganda angekränkelt war. Gott hab sie selig, der VdZ bereut alles das heute, er hatte es damals nicht verstanden. Dabei war sie tief katholisch! So katholisch, daß sie die Veränderungen des 2. Vatikanums nicht mehr nachvollziehen, begreifen konnte und sich für die Demenz entschied, da war nichts mehr mit Vernunft in Übereinstimmung zu bringen.

Explizit gemacht war sogar die gesamte Herkunftsfamilie des VdZ - väterlicher- wie mütterlicherseits - stark anti-nationalsozialistisch weil erzkatholisch. Das war unvereinbar. Dennoch haben alle (!) als (dekorierte) Soldaten mutig an der Front gedient, und viele sind auch gefallen. Andere wurden nach 1945 in Schlesien von Polen ermordet. Die wirklichen Bewegungen liegen also auf ganz anderer Ebene als auf der einer Ideologie. Der VdZ behauptet sogar, daß die zutiefst ideologisch denkenden Menschen die ... feigesten waren. Ein Mann kämpft nur als Krieger gut, auch Kampf und Krieg lebt von der Poesie, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Aber ein Krieger ist nie ein Ideologe. Er ist vielmehr hoch-wirklicher Mensch.

Genau so muß man vom sogenannten "Antisemitismus des Dritten Reiches" mit Vorbehalt sprechen. Denn dahinter stand und steht eine ganz andere Auffassung, wir haben sie an dieser Stelle bereits darzustellen versucht. Der sogenannte deutsche Antisemitismus war ZUERST kein ethnischer Vorbehalt. Und ganz Europa war in diesem exakten Sinn antisemitisch. Weil es die Macht und Machinationen der Juden, als Drahtzieher des Finanzsystems, das alle schöpferische Kraft vernichtete, erkannte. Prinzipiell verankert in ihrer Ablehnung der Seins-Ordnung. 

Denn sie hatten "als Juden" Gott selbst ans Kreuz geschlagen. Ein ontologisches Problem. Und erst daraus in Folge ein gesellschaftliches und politisches. Als verteidigender Haß einer Minderheit auf die Seins-Ordnung, ja auf jede vorgefundene Ordnung. Als echtes - ontologisch verankertes - Schuldproblem, das sich, weil es ontologisch ist und war in jedem individuellen Leben niederschlägt. Als existentieller Haß auf die Ordnung einer Gesellschaft. Als revolutionärer, alle Ordnung überwinden wollender, Ordnung zerstören wollender weil - aus Schuldproblematik getrieben - müssender Geist. 

Jede Schuld aber versucht, ihre Unschuld aus dem Beweis der Allgemeinheit, der Richtigkeit, damit der empirisch belegbaren ontologischen Berechtigung ihres Verhaltens zu beweisen.


Morgen Teil 4)







*290318*





Dienstag, 17. April 2018

Aus einem Brief

Meine liebe Y!

Kartoffeln sind noch ausreichend da. Sie vermehren sich sogar schon von selber ... ;-)

Morgen bin ich in Wien. Am späten Nachmittag werde ich mich mit S treffen. Er ist gerade von zehn Wochen Kambodscha zurück, wo er nun schon mehrmals hingefahren ist. Das Leben dort ist ziemlich günstig, es ist also finanziell bei so langem Aufenthalt trotz Flugkosten eine Nullrechnung. Wir werden morgen vielleicht vietnamesisch essen gehen, er meinte da ein Lokal in der Brünner Straße zu kennen, werden sehen. Und ich hätte durchaus mal wieder Lust auf etwas Exotisches.

Die Beschäftigung mit Südafrika fand nach zwei Tagen heute ihr vorläufiges Ende. Es war sehr aufschlußreich sich damit zu befassen, und ich bin erschüttert. Über das, was sich dort abspielt, aber auch darüber, daß sich hierzulande aus political correctness und Desinteresse keine Sau in den Medien damit auseinandersetzt, wo doch die Parallelen, was auf uns hier in Europa zukommt, augenfällig sind. Es gibt unter den Buren offenbar äußerst vernünftige, ja kluge Leute. Im Grunde sehen sie außerdem genau das als Lösung, was ich für Europa sähe.

Freilich sind die Buren, die einer ungeheuren Gewaltwelle der Schwarzen gegenüberstehen, komplett allein, schon das hat mich Verwandtschaftsgefühle empfinden lassen. Auch unter den Weißen im Land. Der Großteil der insgesamt kaum noch sechs Prozent Weißen (vor allem die in den Städten) ist liberal, zudem englisch (stammt also aus Kolonialtradition, nicht aus der Heimatsuche der Buren, die sich dort seit 1652 verwurzelt haben) und ist damit völlig verblödet. Man sieht außerdem am Beispiel Südafrika deutlich, wie die sozialistisch-demokratische Ideologie zur Gewalt führt. Alles dort steuert auf einen offenen Bürgerkrieg zu.

Verdammt ... ich bin nun gezwungen, mir einen Film anzusehen, das heißt: die Kopfhörer zur Beschallung aufzusetzen, meine Sinne anders zu binden. Seit zwei Stunden trommelt der Nachbar Baßrhythmen herüber, ich kann das nicht länger ausblenden, schon gar weil ich nun müde bin. Auch das ist Gewalt.

Apropos, gerade lese ich ein Buch von Baberowski über Gewalt - es war die ersten sechzig, siebzig Seiten ziemlich unergiebig und begrifflich verschwommen, ich war enttäuscht, wollte es schon weglegen, aber da wurde es plötzlich besser. Ich hatte es wegen seiner Grundthese bestellt, in der er darüber angeblich handelt, daß Gewalt (er meint: haßerfüllte Gewalt) eine Frage des Raumes ist, nicht primär eine Sache des Bösen. Was mir nun gut gefällt ist, daß er die Moderne als Bedingung dafür sieht - wegen der technischen Perfektionierung - daß sich die Gewalt im 20. Jahrhundert derartig exzessiv auszutoben anfangen konnte.


Erinnerst Du Dich? Ich habe es zumindest im Blog mehrere Male schon ausgeführt: Hitlers Deutschland war ein hochmoderner Staat, der die Gegenwart vorweggenommen hat. Ich ziehe also die Linien bis heute. Der technisch perfekte Staat mit seinem totalen Gewaltmonopol ist in den Händen von Anonymität und Bürokraten die perfekte Voraussetzung für totale Gewalt. Man muß, schreibt er an einer Stelle, sich die Gewalt des Mittelalters sehr sehr schlimm vorreden, wie es auch heute passiert, um die weit schlimmere Gewalt heute nicht zu sehen. Dabei war die Gewalt damals weit kultivierter, bemessener, berechenbarer, konnte nie so total werden wie heute. Natürlich war die soziale Kontrolle durch die engverflochtenen Lebensweisen groß, im Dorf kannte jeder jeden. Aber in dem Maß, in dem die menschliche Kontrolle zerriß, stieg die technische, und die kriecht einem bis in die privatesten Winkel nach, ja okkupiert einen selbst. Das ist angesichts des momentanen Facebook-Skandals ziemlich aktuell illustriert. Und das Buch hat auch bereits gestreift, wie das mit Demokratie zusammenhängt: Denn in der Demokratie (eben, viele Ungenauigkeiten: er meint die Parteiendemokratie) entstehen automatisch in der Wahlwerbung Fronten, die den Gesamtkörper eines Volkes in "rein" und "unrein" separiert.

So entsteht (unter den anonymen technischen Möglichkeiten) die Vorstellung, daß man Andersdenkende, unliebsame Bevölkerungsgruppen eliminieren, zumindest ausschalten muß und kann, das liegt quasi in der Pflicht der Wahlsieger, die sich mit Gründen gegenüber den anderen abgrenzen müssen. Denn nur in der Demokratie entsteht die konkrete bildlich gefaßte Vorstellung, daß es ein System gibt, das unbedingt gut ist, während andere Systeme schlecht, ja gefährlich sind. Hitler, so schreibt Baberowski, wäre ohne Demokratie nicht möglich gewesen. Nur in der (Parteien-) Demokratie gibt es somit den Automatismus zur Gleichschaltung aller.

Ich sage ja immer: Man muß Parteien in einer Demokratie verbieten. Nur auf persönlicher Basis kann das ein Stück weit funktionieren, und da halte ich sogar was davon, auch wenn es nicht bis in die oberste Spitze reichen darf. Der König kann nicht einfach zur Disposition stehen.

Alsdann, für heute lasse ich es wieder, wünsche noch einen schönen Abend und eine gute Nacht, und verbleibe

A.



*260318*

Über den Einzelfall der bösen Tat (2)

Teil 2) So einfach ist das alles nicht.
Der Holocaust war die Tat - vieler - Einzeltäter.



Die oft schrecklichsten Gewalttaten wurden von Menschen begangen, die absolut glaubhaft im "normalen Leben" gute Väter, Kunstliebhaber und feinsinnigste Kulturmenschen waren. Sie hatten nur "!das Pech", in eine Lage zu kommen, wo das Schreckliche durch einen Tastendruck, eine Unterschrift, einfach als Teil einer Sache passierte. 

Dabei - hört, hört! - überaus oft (wenn nicht mehrheitlich, aber das ist kaum noch festzustellen) von Männern, die ganz sicher niemals Nationalsozialisten waren! Sie waren stinknormale Soldaten, Wachmannschaften, was auch immer, und kamen in eine Situation, in der alles möglich war, ja gefordert wurde, daß alles möglich gemacht wurde. Von wem? Das wußte meist niemand. Es war irgendwie so. Und plötzlich tauchte etwas auf, mit dem im Zivilleben niemand rechnen würde.

Soviel auch zu den heutigen Gutmenschen, die alle "so gut" sind, weil sie noch nie ganz persönlich in einer Situation waren, wo sie gegen einen (auf oft seltsame Weise entstehenden, vorhandenen, meist sogar nur vermuteten) Mainstream entscheiden mußten. Freiheit, Gutheit ist aber eine Frage der individuellen, situativen Entscheidung!

Es ist gefährlich, ja es ist dumm zu glauben, daß menschlicher Barbarismus eine Frage der Ideologie ist. Ideologie ist - wie fast immer menschliches Denken - eine Bewegung der Rechtfertigung, oberflächliches Gebrabbel gar, "Meinungswust", in dem man sich so im Alltag bewegt.  

Die bösesten Taten begeht der Mensch aber nicht aus ideologischen Gründen. Diese Gründe sind vielmehr immer "Einzelfälle", individuelle Fälle einer Zustimmung, die nicht einmal gefordert wäre. Die zu verweigern aber in jedem Fall die sittliche Kraft fehlt.   

Hannah Arendt war perplex, als sie 1962 bei den Adolf Eichmann-Verhandlungen in Jerusalem feststellte, daß dieser "Nazi-Schwerverbrecher" ein völlig normaler, ja banaler Mensch war. Da war nichts Böses, da war nichts Außergewöhnliches, da war keine Schreckensfratze, da war vor allem nicht das, was sie selber geglaubt hatte: Ein ideologisch Verblendeter. Als sie das schrieb, war sie natürlich plötzlich schwer angefeindet. Das MUSZTE doch Ideologie sein!?

Nein, sagte Arendt bis zu ihrem Tod. Das war normal, das war einfach einer der vielen Ausflüsse der Moderne. Der sogenannte böse Nationalsozialismus brach sich herunter bis auf simpelste, banalste Menschen. Das total durchdacht erscheinende Gesamtsystem wurde plötzlich zu einer Sammlung von ... Einzelfällen.

Noch 1936 schrieb der amerikanische Botschafter nach Washington, daß er keine Gefahr für die Juden sähe, weil sich im deutschen Volk, beim Mann von der Straße, kein Antisemitismus feststellen lasse. Die Juden waren praktisch assimiliert. 90 Prozent der jüdischen Männer hatten deutsche Frauen, 30 Prozent der jüdischen Frauen deutsche Männer geheiratet. Hitler würde also mit einer aggressiven Behandlung der Frage der Juden, von dem er freilich ab und an (vorsichtig!) sprach, nicht durchsetzen können.

Morgen Teil 3)





*290318*

Montag, 16. April 2018

Kultur als Schule der Gewalt

Wer ständig mit Gewalt konfrontiert wird, wer damit aufwächst, gewöhnt sich nicht nur an sie. Sein Verhalten wird zum Verhalten des Umgangs mit Gewalt. Die Menschen werden vorsichtig und mißtrauisch, denn der andere könnte jederzeit gewalttätig werden. Man will eher Krieger werden als Opfer.  

Deshalb kann Kultur - man müßte eigentlich sagen: der Zustand der Kultur - Anlaß und Grund für die Bereitschaft sein, jederzeit Gewalt sprechen zu lassen, denn sie formt Standardisierungen, die dem Zustand des Alltäglichen entsprechen.

Wer mit Gewalt aufwächst, stumpft ab und wundert sich nicht mehr über die Gewalttätigkeiten, denen er laufend begegnet, schreibt Jörg Baberowski weiter. Die Hemmschwelle sinkt und der Tod wird fatalistisch als Schicksal empfunden, das man nicht abwenden kann. Als die Wehrmacht im Juni 1941 die Grenzen zur Sowjetunion überschritt, wunderten sich ihre Soldaten über die Leidensfähigkeit und Unempfindlichkeit des Gegners, über die stoische Gelassenheit, mit der sie das Grauen ertrugen. Jean Amery wunderte sich, daß die russischen Häftlinge im Lager Buchenwald Schmerz und Folter mit Gleichgültigkeit hingenommen hätten und auf die alltägliche Gewalt besser vorbereitet gewesen seien als Häftlinge aus Westeuropa oder Skandinavien. "Wir sind in der Tat als Körper nicht gleich vor dem Schmerz und der Tortur."

Sie waren im Terrorregime des Kommunismus einfach an alltägliche Gewalt gewöhnt.  

Menschen, die mit Gewalt umzugehen verstehen oder sich an das Töten gewöhnt haben, überschreiten die Hemmschwelle im Nu, und irgendwann wird Gewalt zu einem Begleiter, den sie nicht wieder loswerden. Gewohnheit und Sozialisation machen Menschen zu Mördern.

So geschieht es auch in den gegenwärtigen Bürgerkriegen in Kolumbien, im Kongo, im Irak, in Afghanistan oder in Liberia, die nicht aufhören wollen und eine Kultur des Mißtrauens und der Vorsicht begründet haben, die nichts anderes als eine Bewältigung von Gewaltverhältnissen ist. 

Kultur integriert Gewalt. Sie gibt ihr einen Sinn, der von allen Menschen verstanden wird, die im Gewaltraum konditioniert worden sind. Man betritt einen Gewaltraum nicht voraussetzungslos und man verläßt ihn nicht folgenlos. Kultur formt Gewalt, Gewalt formt Kultur.

Und alle Kulturen unterscheiden zwischen erlaubter, verbotener und gebotener Gewalt. Solche Regelungen variieren aber zwischen Kulturen, und sie variieren auch innerhalb einer Kultur von Zeit zu Zeit. Erst wenn Menschen glauben, sich innerhalb eines Raumes zu befinden, in dem Gewalt gestattet oder sogar geboten ist, öffnen sich die Wege für Gewaltbereitschaft. Menschen haben keine Tötungshemmungen an sich, sondern sie haben nur Hemmungen, an dafür nicht vorgesehenen Orten gewalttätig zu sein.


Aus Jörg Baberowski in "Räume der Gewalt"






*030418*

Erschlichenes Recht auf Tadel - Über den Einzelfall der bösen Tat (1)

Zur Causa Tellkamp eine Anekdote, die Siegfried Unseld öfter erzählt haben soll: Dessen Vorgänger Peter Suhrkamp, Gründer des Verlages, habe einst den Brief eines Lektors korrigiert, der einen Autor loben wollte. Man habe nicht das Recht zum Lob; denn dadurch fordere man auch das Recht zum Tadel.


Von der immer wieder lesenswerten Homepage des Berliner AfD-Sprechers Dr. Nicolaus Fest


***


Allerdings muß man Nicolaus Fest in einem Punkt (dieses seines Gesamtbeitrags) irgendwie widersprechen. Da "meint er es zu gut", sozusagen, indem er sich vom Holocaust, Nazismusvorwürfen etc. präventiv distanzieren will. Denn er schreibt da vermeintlich ironisch (so daß er es anders zu meinen erklärt):

Der Holocaust war gar nicht Konsequenz einer bösartigen Ideologie der Weltherrschaft und Vernichtung; es waren sechs Millionen Einzelfälle.

Tja, dem kann man nur mit einem "Naja" begegnen, mit einem "Tja, es war wohl aber tatsächlich so!" Denn eine explizite "Ideologie der Menschenvernichtung" gab es nicht. Nicht explizit zumindest. Auch wenn das viele - posthoc - behaupten, um das Schreckliche auf eine Art zu erklären, in der sie auf jeden Fall ausgenommen sind. Ein leider sehr gefährlicher Irrtum ...  man unterschätzt nämlich damit das Böse.

Vielmehr war die Ideologie der Menschenvernichtung Teil, nein Konsequenz eines Denkens der Moderne, das zeigt Jörg Baberowski in "Räume der Gewalt" sehr richtig auf. In demselben Buch weist er genauso richtig darauf hin, daß Gewalt nie einem System an sich zuzuschreiben ist, sondern immer die ganz persönliche Komponente eines Menschen hat, der diesem Gewaltraum, in dem alles möglich ist, zustimmt. 

Auch wenn solchen Räumen - die auf ihre Art immer Einzelfälle, lokal vorgefundene, aber durch jeden Täter auch selbst geschaffene und verfestigte Bedingungen sozusagen waren - also viele zugestimmt haben, heißt das eben noch nicht, daß es systemisch-zwanghaft war. Das verkennt das Wesen der Schrecklichkeit auf gefährliche Weise. Darum es mal eingehender (auch hier) behandelt werden sollte, was vermutlich noch kommt. 

Man muß sogar erwähnen, daß nach den Vorkommnissen beziehungsweise Säuberungen im Juli 1934 die Führung der NSdAP tatsächlich darüber beriet, wie man die Gewalteskalationen in den über zweihundert kleinen Einzellagern, die der SA zur Verwaltung zugeteilt waren und wo Systemgegner inhaftiert worden waren, eindämmen könne. Denn in diesen Sonderräumen kam es zu Exzessen, die den Führern der SA gar nicht so recht waren. 

Zur Erinnerung: Als der SS-Oberchef Heinrich Himmler das erste Mal einer Massenexekution an der Ostfront beiwohnte, wurde er Erzählungen nach kreidebleich und blickte zu Boden, soll sich sogar übergeben haben. Später hat er es gerechtfertigt, indem er von der Pflicht zur Hygiene sprach. War das also dann Ideologie? Man hat es dazu erklärt, aber was war zuerst? Aber überzeugend war er nicht dabei, und wer seine berühmte Rede vor SS-Offizieren in Danzig hört, der wird feststellen, daß er zur Sachlichkeit aufruft, der subjektiven Gewalt eigentlich keinen Raum lassen will. Er spricht da vom "stark bleiben angesichts der furchtbaren Pflicht" als eigentliches Ideal, und es wirkt auch wie eine posthoc-Erklärung.

So wie die oft ganz bürgerlichen Väter und Ehemänner, die die Polizei im Osten einsetzte. Niemand war gezwungen, alle hätten verweigern können, und der Witz dabei: Man hatte dafür volles Verständnis, niemand wurde unter Druck gesetzt. Aber kaum jemand verweigerte diesen Dienst, der unsägliche Taten mit sich brachte, die alle einen Sinn hatten: Partisanenbekämpfung, Bekämpfung deutschfeindlicher Personen, etc. pp. Dafür schrieben diese Männer die rührendsten Briefe an ihre Frauen, daß sie eine schwere Pflicht zu erfüllen hätten, die ihnen nicht leicht falle. Und die Frau solle den Sohn herzlichst küssen. Etc. pp. Und wenn sie in die Nähe ihrer Heimat kamen, waren plötzlich sogar die dortigen (gewohnten) Juden das, was sie immer gewesen waren: Die Nachbarn von hier und dort, der Milchlieferant, der Schuster, der Tischler von gegenüber. Und Männer, die noch zwei Tage zuvor fünfhundert Kilometer entfernt jüdische Frauen barbarisch mißhandelt und deren Männer mit dem Spaten erschlagen hatten, gaben den Juden ihrer Heimat die Hand und plauderten mit ihnen, als wäre nie etwas geschehen.


Morgen Teil 2) So einfach ist das alles nicht.
Der Holocaust war die Tat - vieler - Einzeltäter.






*290318*

Samstag, 14. April 2018

Kultur als die einzige Barriere gegen Gewalt

Kultur und Gewalt sind keine Gegensätze, denn niemand tritt der Welt, die ihn umgibt, unvermittelt gegenüber. "Der Mensch könnte seine Gedanken und Empfindungen nicht mitteilen und könnte demzufolge nicht in sozialen Beziehungen leben," schreibt der Philosoph Ernst Cassirer, "wenn er nicht die eigentümliche Gabe besäße, seine Gedanken zu vergegenständlichen, ihnen eine feste, dauerhafte Gestalt zu verleihen." 

Die Kultur bringt die Gedanken in eine Form, und sie gibt dem Menschen die Werkzeuge in die Hand, mit der er die Welt erschließt. In der Kultur gewinnt das Leben Stabilität, die den Tag überdauert, und der Mensch kann sich durch sie überhaupt erst erzeugen, darstellen und erweitern.

Nur in der Kultur können wir Menschen sein. Durch sie geben wir uns einander zu verstehen und erschaffen uns eine Welt, in der wir zu Hause sind. Aber wir sind nicht in der Kultur schlechthin zu Hause, sondern in einer historisch gewordenen, die sich von anderen Kulturen unterscheidet. "Die Menschenwelt ist keine von allem losgelöste Entität, keine Wirklichkeit für sich," sagt Cassirer. "Der Mensch lebt in einer materiellen Umgebung, die ihn ständig beeinflußt und seinen Lebensformen ihren Stempel aufdrückt."

[Kultur ist nicht etwas, das keine Zeit und keinen Raum hat,] sie ist kein Instrument der inneren Repression, das die Gelüste im Zaum hält. Solch eine Interpretation widerspricht allen Erfahrungen, die Menschen mit der Gewalt gemacht haben.

[Menschen, die über Jahre mit der Gewalt leben] verändern ihre sozialen Beziehungen, sie werden mißtrauisch, sie planen nur noch für den Tag, nicht mehr für Jahre, sie sind bereit, zu töten, wenn es sein muß, und sie werden autoritären Konzepten der Macht den Vorzug gegenüber offenen, liberalen Modellen der Herrschaft geben, weil alles, was sie brauchen, Sicherheit ist. Denn offene Möglichkeiten und Risiken kann man sich erst leisten, wenn Leib und Leben nicht mehr täglich in Gefahr sind. Man kann sich auch in der Gewalt einrichten, sich mit ihr arrangieren und ihre Techniken erlernen.


Jörg Baberowski in "Räume der Gewalt"






*030418*