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Montag, 1. März 2010

Von sich fälschlich ausgehend

Gerhard Ritter reagiert in seiner Biographie Carl Goerdelers (1884-1945, hinger.), das ein Buch über die deutsche bürgerliche, konservative Widerstandsbewegung gegen Hitler ist, auf Kritik an seiner Goerdeler (und seine Kreise) verteidigenden Grundhaltung. Darin wird nämlich das Dilemma bürgerlich-konservativer Grundhaltung deutlich: als Tragik, aufgrund eines in sich unlösbaren Widerspruchs zwischen Konstruktivität, Volksliebe und -treue, nobel-diskreter, ja gebotener, christlicher "bona fide", und einem ab einem gewissen Punkt dennoch erstehenden Gebot, einer also erst ab einer bestimmten Grenze erstehenden Verantwortung, zu handeln.

Goerdeler war ja im Plan des Putschversuches vom 20. Juli 1944 als Reichskanzler vorgesehen, hatte sich aber zuvor lange einem Umsturz verweigert, der eine Tötung Hitler's verlangt hätte.

"Nichts liegt mir in Wahrheit ferner als der Wunsch, sie möchten Revolutionäre gewesen sein, dämonische Naturen von der Art Hitlers, denen jedes Mittel recht war im Kampf um die Macht. Denn was hätte Deutschland und die Welt damit gewonnen, wenn das Hitlerregiment durch Kräfte gestürzt worden wäre, die ihm irgendwie wesensgleich waren? Es hätte nichts weiter bedeutet, als daß der Satan von Beelzebub verdrängt wurde. Ganz gewiß war es nicht die Aufgabe der deutschen Widerstandsbewegung, Revolution zu machen, sondern im Gegenteil:

einem revolutionären Treiben, das die ganze Welt ins Unheil stürzte, schleunigst ein Ende zu machen. Man kann auch sagen: streng gesetzliche, meinetwegen bürgerliche Ordnung an die Stelle von mörderischer Willkür und ewig gärendem Chaos zu setzen. Was Deutschland nach dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft brauchte, waren nicht neue Machtmenschen, sondern Männer, die allgemeines Vertrauen verdienten - Vertrauen im Inland wie im Ausland. Die Träger des Widerstandes durften also nicht Ehrgeizige sein, denen es primär auf die Erringung der Macht ankam, sondern Patrioten, in denen das sittliche Gewissen alle anderen Stimmen übertönte: gewissenhafte, rechtlich gesinnte Idealisten, die bewußt ihr Leben für Freiheit und Ordnung aufs Spiel setzten. Andernfalls hätten sie ihre historische Mission verfehlt.

[...] Noch einmal: nicht darin sehe ich den entscheidenden Einwand gegen die Politik Goerdelers, daß er nicht Revolutionär und hemmungsloser Machtpolitiker gewesen ist, sondern darin, daß er die Dämonie seiner Gegner und wahrscheinlich auch die politische Blindheit der Massen des deutschen Volkes unterschätzt, überdies die politische Weitsicht und Handlungsfreiheit ausländischer Staatsmänner erheblich überschätzt hat. Praktisch bedeutet dies vor allem: daß er nicht rechtzeitig die eiserne Notwendigkeit erkannt hat, den Tyrannen gewaltsam aus dem Wege zu räumen, sondern fast bis zum letzten Augenblick sich dagegen sträubte.

[...] Die deutsche Widerstandsbewegung ist niemals ein echter Machtkampf gewesen - einfach deshalb nicht, weil sie zwangsläufig machtlos war. [...] Sie war ein reiner Aufstand des Gewissens, und eben darin liegt ihre geschichtliche Bedeutung."




Donnerstag, 25. Februar 2010

Ein gern vergessenes Detail

Vielleicht sollte man sich aus bestimmten Gründen zuweilen daran erinnern, daß die Kommunisten in den Jahren vor 1933 in Deutschland zur Überraschung vor allem der bürgerlichen Konservativen fortlaufend mit den Nationalsozialisten paktierten. Denn sie waren sich einig, daß es darum ging, die Weimarer Republik auszuhebeln.

Genau das war für viele Bürgerliche und Liberale der Beweis, daß der National-Sozialismus die Überwindung der inneren Spaltungen und Einigung des Volkes war, tatsächlich die Versöhnung zwischen den verfeindeten Lagern der Nationalen und der Sozialisten schaffte. Selbst Stalin sah keine wirklichen Unterschiede - das geht aus seinen Bemerkungen zum Nichtangriffspakt 1939 hervor.

Man kann nur vermuten, daß auch die Kommunisten den Nationalsozialismus einfach zuwenig ernst nahmen und zu sehr mit der laut Marx unausbleiblichen Volkserhebung rechneten. Das bezahlten die deutschen Kommunisten freilich teuer: rund 20.000 Kommunisten wurden im Sommer 1933 in Gefängnissen und Konzentrationslagern zusammengetrieben, nachdem man ihre Führungsriege bereits unmittelbar nach dem Reichstagsbrand inhaftiert hatte.

Dennoch bleibt manches nicht ganz erklärlich: Warum zum Beispiel der Kommunistische Führer Torgler sich nach dem Reichstagsbrand den Nazis stellte, um "seine Unschuld" zu beweisen. Warum auch die Kommunisten keinen Aufstand gegen die Nazis initiiert hatten. Dabei waren sie bei den Wahlen 1932 in Berlin noch auf beinahe 38 Prozent der Stimmen gekommen!

Man weiß es nicht. Die Erklärungen gehen bis zu gewiß falschen Vermutungen, Stalin hätte es so befohlen, weil er mit Hitler noch so seine Pläne gehabt hätte.

Das größte Mirakel aber bleibt eine Tatsache, die in genau diesem "kommunistischen" Berlin festzustellen war. Dort, wo sich bis 30. Jänner 1933 Nazis und Rote die blutigsten Saalschlachten und Straßenkämpfe geliefert hatten, war NACH der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein regelrechter Ansturm ehemaliger Kommunisten zur SA zu bemerken.

Siebzig Prozent der Aufnahmen in die SA wurden von nun bekehrten Kommunisten rekrutiert.

(Die Zahlen in dieser Höhe, aber nur darin, sind nicht ganz gesichert, weil sie vom damaligen Leiter des deutschen Geheimdienstes Rudolf Diels stammen, der nach Meinung ihrerseits glaubwürdiger Autoren, darunter Gerhard Ritter in "Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung", in seinem Memoirenbuch "Lucifer ante portas" glaubwürdig ist. Andere Autoren, wie J. C. Fest, erwähnen diesen Umstand, beziffern ihn aber kaum.)