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Dienstag, 22. Dezember 2009

Hauptsache: Nebensächlichkeiten

Man würde sehr irren, wenn man Leuten wie Rudolf Borchardt oder Paul Ernst, beide in höchstem Maß "Theoretiker" ihres Faches, unterschieben würde, sie hätten "Konzeptliteratur" gemacht.

Nicht nur ist das Ideal bei beiden gerade im Gegenteil zu suchen, in der völligen Unmittelbarkeit, sondern es dient die umfassende theoretische Beschäftigung mit der Literatur  und der Kunst ausschließlich dem, was im Klappentext zu Borchardt's Briefe I so klein und lapidar steht: zur theoretischen Absicherung ihres Werkes. Das erst so verantwortbar und damit Werk wird.

Dieses ist zuerst da, dieser Schaffensimpuls, bei beiden, unbezweifelbar, in all seiner geheimnisvollen Kraft aus Rhythmus, Sinn, Klang, Laut ... Es geht aber um die Freiwerdung dazu, und dazu ist gerade in bewegten Zeiten ein enormes Verarbeiten von Ideen und Argumenten notwendig. Umso mehr, als beide äußerst intelligent sind. Aber eben beide - Fremde, und in höchstem Maß einsam. Ob ihres Talents, ob ihres Erkenntnisstandes.

So holen sie sich aus ihrer Theorie, die zum simplen und im Grunde unbedeutenden Nebenprodukt wird, auch wenn sie rein mengenmäßig den Großteil ihres hinterlassenen Schrifttums ausmacht.

Dasselbe schreibt sinngemäß auch Doderer in seinen "Tangenten", wenn er die Zeit seines Offizierstums 1938-1945 unter dieses Motto stellt, seine Beschränktheit aufs Tagebuch, seine Unfähigkeit zum wirklichen Werk "in solcher Zeit", in der er täglich alle Kraft braucht, um sich überhaupt freizustrampeln, so begründet.

Man darf sich durchaus fragen: was wäre aus allen diesen ... heute geworden.




*221209*