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Donnerstag, 4. Februar 2010

Atomstrom für die Alpen

Da hinten, im Hinterkopf, da sitzt sie noch, die Botschaft: Kein Atomstrom in österreichischen Netzen, kein Atomstrom AUS österreichischen Netzen.

Nun liest man  in der Niederösterreichische Nachrichten, vulgo: NÖN, daß Amstetten beklagt, daß es, obwohl es seine Bevölkerung (23.000 Einwohner) mit Strom aus den eigenen Flußkraftwerken (sogar: zwei mal) versorgen könnte, gezwungen ist, Strom aus dem Verbundnetz abzunehmen und zu liefern, der ausgewiesenermaßen zu 25 Prozent Atomstrom führt.

Wie kann es so etwas geben? Vielleicht hat es etwas mit der zweiten Meldung zu tun, die der KURIER in diesen Tagen lieferte: Österreich plant, die Windkraft verstärkt auszubauen. Und ist damit im europäischen Trend, ja hinkt hinterher, Deutschland und andere Länder sind bereits weit voran.

Einer der am meisten gelesenen Artikel dieses Blog bisher war jener über "Die Energieberichte des Eberhard Wagner". Darin führt ein Namensvetter aus, verkürzt, daß Windenergie aufgrund seiner wechselhaften Verfügbarkeit und Erzeugung die Stromerzeugung aus Atomkraft wie das Amen im Gebet im Gefolge hat. Zwar stimmt, daß die einzige Energieart, die diese sehr rasch auftretenden Stromlöcher überhaupt füllen kann, die aus Speicherkraft ist, aber das heißt auch, daß diese Speicherkraft weit mehr "standby" stehen muß, als geplant - daß der Normstrombedarf, das Grundversorgungsnetz, mit Strom aus kalorischen und atomkraftbetriebenen Stromerzeugern kommen muß.

Im Klartext: Strom aus Windkraft wird nie Strom aus Atomkraft ersetzen können, weil für jedes Windkraftwerk (ich vereinfache - aber nur marginal) ein Speicherkraftwerk bereit gehalten werden muß, das für die Grundversorgung aber vom Netz genommen wird.

Und das heißt nichts anders als daß die Speicherkraftwerke Österreichs - denn Speicherkraftwerke (nicht bzw. nur theoretisch: Flußkraftwerke!) sind vor allem und nur den Alpenländern möglich - nicht mehr dazu dienen (werden), die Stromversorgung im Lande zu sichern. Das Stichwort von Energieautarkie ist nur noch leer. Speicherkraftwerke werden zukünftig sogar noch mehr als bisher - 25 Prozent Atomstrom im Grundversorgungsnetz Österreichs! - parat stehen müssen, um beim beschlossenen Ausbau der Windkraft ... den unerläßlichen Ausgleichserzeuger zu "spielen", ohne den Windkraft einfach nicht in großem Umfang nutzbar ist. Man müßte sogar davon ausgehen, ob wir nicht sogar den Ausbau der "Energie-Highways" deutlich erweitern müssen. Und zwar genau in dem Maß, wie die Nordseeländer (erst jüngst beschlossen, unter lautem Jubel des Blätterwalds) ihre Energiewege ausbauen, um Windkraft noch weit stärker als bisher zu nützen.

Die Nützung der Windenergie für die Stromerzeugung fordert also den gleichzeitigen Ausbau der ... Atomstromnützung, will man nicht weitere kalorische Kraftwerke bauen, womit man aber dem selbstgesteckten Ziel der CO2-Senkung zuwiderläuft.

Auf einen provokanten Punkt gebracht: Während wir selbst unseren Strom aus den Atomkraftwerken Hessens und Nordrhein-Westfalens beziehen müssen, dienen unsere Speicherkraftwerke, mit denen wir die Alpen zubauen, dazu, den Anteil der Windkraftenergie in Deutschland und Holland zu erhöhen.




040210*
 

Mittwoch, 3. Februar 2010

Der adäquate Preis



„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften. Es ist unklug, zuviel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld. Das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.“ 
John Ruskin, 1819-1900




John Ruskin - Er verfasste 1843 bis 1860 eine mehrbändige Geschichte der modernen Malerei und lehrte ab 1869 in Oxford Kunstgeschichte. Als vielseitig gebildeter Kunsthistoriker und bedeutender Sozialreformer nahm er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beherrschende Stellung im englischen Gesellschaftsleben ein. In vielen Schriften beschrieb er das Evangelium der Schönheit, worunter er eine Verschmelzung von Kunst, Politik und Wirtschaft verstand, die sich am Idealbild mittelalterlicher Kunst orientieren sollte. Kunstgeschichte.  In der zunehmenden Industrialisierung sah er die Gefahr einer Verkrüppelung sowohl menschlicher Tugenden als auch künstlerischer Schaffenskraft. Er trat für eine Wirtschaftsethik ein, in deren Mittelpunkt der Mensch stehen und bei der handwerklichen Arbeit als schöpferischer Wert betrachtet werden sollte. In seinen Vorstellungen zur Sozialreform unterbreitete er zahlreiche konkrete bedeutende Vorschläge, wie zum Beispiel Gartenstädte und Arbeiterhochschulen. Als Maler und Zeichner trat Ruskin vor allem durch Architekturdarstellungen und Landschaftsstudien in Erscheinung. 
Aus: Wikipedia



*030210* 

Weitere groteske Fakten zu Biosprit

pressetext.at bringt einen Bericht mit Aussagen der kolumbianischen Politologin Paula Alvarez Roa, Expertin für Organisationen im Bereich Umwelt und ländlicher Raum bei der NGO Grupo Semillas http://www.semillas.org.co. Der über Details informiert, die das "Ökologie- und Nachhaltigkeitsmäntelchen" über biosprit (das hier schon Thema gewesen) noch weiter umfärben:

Kolumbiens Palmöl wird derzeit zu Kochöl, Margarine und Seife verarbeitet, für die Zukunft steuert man jedoch ein stärkeres Augenmerk auf die Erzeugung von Biodiesel an. Einen anderen biogenen Treibstoff gewinnt man schon bisher aus dem Zuckerrohr, das zu Ethanol verarbeitet werden kann. Bisher versorgen die Agrotreibstoffe erst den nationalen Markt Kolumbiens - zehn Prozent Biosprit werden hier dem Benzin beigemischt. Die Regierung hofft jedoch, angetrieben von weltweit steigender Nachfrage und internationalen Subventionen, Biosprit in Zukunft in großem Stil exportieren zu können. Damit verbunden ist derzeit eine rasante Zunahme der Energie-Monokulturen. 

Soziale und ökologische Katastrophe 
 
Dieser Anbau habe hohe soziale Kosten, macht Alvarez aufmerksam. In Kolumbien gibt es aufgrund des seit über vier Jahrzehnten anhaltenden Konflikts derzeit vier Millionen vertriebene Menschen im eigenen Land, für die bisher noch keine Lösung gefunden werden konnte. Gleichzeitig seien fünf Millionen Hektar im Besitz weniger Agrosprit-Unternehmer, die es besonders auf die ertragreichsten Böden abgesehen haben. Der Druck auf die Bauern steige, ihre Gebiete aufzugeben oder Zuckerrohr und Palmen statt Lebensmittel (ähnliches übrigens gab es seit Jahrzehnten in Haiti, mit Mangos und Kaffee, das genau deshalb heute keine ausreichende Lebensmittelproduktion mehr schafft; Anm.) anzubauen. „Wir glauben, daß durch den zunehmenden Anbau von Biotreibstoffen die Konflikte rund um den Landbesitz verschärft wurden, was auch zu einem Anstieg der Gewalt geführt hat“, so Alvarez.

[...] sei hohe Ausbeutung mit vierzehn Arbeitsstunden pro Tag bei Niedriglohn die Regel. Möglich sei dies durch die Ausgliederung der Arbeiter in Arbeitskooperativen, die ihnen auch Sozialleistungen verwehrt. „Üblich ist auch die Verbrennung des grünen Zuckerrohrs, bei der das Saccharose-Produkt konzentriert wird und ein Drittel seines Gewichtes verliert. Dieser Vorgang sorgt dafür, daß Transport und Arbeitskraft billiger werden, da sich der Gehalt nach dem Produktgewicht richtet.“ Die dabei erzeugten Abgase würden dafür sorgen, daß in den Plantagenregionen die meisten Atemwegserkrankungen registriert werden. (Na, und was sagt da das CO2 überhaupt erst dazu, das ja die Ursache dieser Biosprit-Initiativen ist ...; Anm.).


"Es gibt keine grünen Biotreibstoffe"

Jedoch auch für die Umwelt sei der agroindustrielle Anbau von Palme und Zuckerrohr schädlich. Beide seien sehr wasserintensive Pflanzen, betont die kolumbianische Politologin. „Ein Hektar Palmen oder Zuckerrohr benötigt jährlich über 10.000 Kubikmeter Wasser, somit rund dreimal mehr als Tomate und Mais.“ Wasser sei auch in Kolumbien zunehmend ein knappes Gut, das soziale Konflikte herbeiführen könne. Der Monokultur-Anbau erfordere hohen Einsatz von Pestiziden, die die Böden langfristig belasten, zudem bedeute auch die Zerstörung des Regenwaldes zugunsten der Plantagen einen Verlust an Biodiversität.
(Und es bleibt noch die Frage, warum wohl in Afrika und Südamerika bereits so riesige Landwirtschaftsflächen in den Händen von Konzernen oder Staaten - wie China! - sind, gekauft, oder gepachtet.)

"Weder Palmöl noch Biotreibstoffe sind als nachhaltige, grüne Produkte anzusehen", resümiert Alvarez. Es sei daher nicht sinnvoll, Agrotreibstoffen Nachhaltigkeits-Zertifikate zu erteilen. Als einzigen Ausweg sieht Alvarez ein globales Umdenken weg von Biotreibstoffen. „Es braucht mehr Bewusstsein dafür, wie problematisch diese Energieform für die Anbauländer und schließlich auch für den gesamten Planeten ist. Weit günstiger und nachhaltiger wäre es, andere Formen der Energieerzeugung zu fördern.“




Dienstag, 2. Februar 2010

Geschlecht, Recht, und Sprache

Das wirkliche Hauptwerk Jacob Grimms ist weder die Märchensammlung (mit seinem Bruder), noch ist es das unvollendet geblieben (erst 1988 fertiggestellte) in jeder Hinsicht monumentale Deutsche Wörterbuch. Es ist die Deutsche Grammatik, es sind seine Schriften über Ursprung, Herkunft und Wesen der Deutschen Sprache.

Grimm sieht die Herkunft der Sprache als historisch mehr oder weniger überlagerte Botschaft aus dem urtümlichsten Menschsein, das denkbar ist - jenes Menschsein, das als Zeitalter der Mythen ferne, aber umso konstitutiver für das Menschsein jedes Volkes, und in diesem eingebettet, dem Einzelnen in gewisser Hinsicht vorgeordnet, jedes Individuums ist. Und er findet in Namen wie Wilhelm von Humboldt oder Friedrich Creuzer, ja er findet in einer ganzen geistigen Bewegung des 19. Jahrhunderts, seine Gesellen. Und nicht zuletzt: im Mutterrechtler Johann Jakob Bachofen, der ihn regelrecht anbetet.

Denn Grimm, zeitlebens zutiefst seiner Mutter verbunden (er hat nicht einmal geheiratet), der er auch die Grammatik widmet, begreift die Sprache als herabgesenkt auf uns Heutige, aus der langen langen Reihe, die uns mit den Ahnen verbindet, und wo in der Tradition uns das Heiligste, der Bezug zum Wesen der Welt im Mythos, im Grundempfinden, und insofern mutterrechtlich eingebettet. Denn das Wesen der Frau ist das Überindividuelle, Volkhafte, Sprachhafte, Unbewußte.

Und in besonderer Weise hat sich Jacob Grimm in die Problematik des grammatikalischen Geschlechts regelrecht verbissen, was entzündet vom Erkenntnisinhalt der Sprache selbst. Er sieht die Geschlechtsfrage der Substantive tief symbolisch, ja mythisch gegeben und erfaßt, und jedem menschlichen Willküren völlig entzogen.

Die Sprache selbst teilt uns so Botschaften aus einem Zustand des Menschseins mit, den mit "Paradiesisch" gleichzusetzen, in dieser Ferne zu verorten, geboten ist: hier erzählt sich das bessere, heilere, glücklichere Menschsein, das zugleich ein Dasein der Poesie ist - denn wie die Sprache, so ist damit zusammenhängend das Recht eines Volkes GEGEBEN, nicht gemacht, und auch keinesfalls logizistisches Konstrukt, sondern jeder Rechtsfindung gingen die Symbole, die Mythen VORAUS. Aber die Frau, auch symbolhaft für das Volk, gibt diesen Funken weiter, von ihr hängt ab, ob er lebt, oder verkümmert.

Aus ihnen erst hat sich der Maßstab von Recht und Gerechtigkeit, aus dem tiefen Erkennen der Natur selbst die Sprache gebildet, deren historische Entwicklung so wie jede Geschichte gleichfalls nicht beliebig erfolgt sein kann - denn was immer dem Gut abläuft, geht zugrunde. Dauer ist - dazu muß man nicht einmal Scholastiker sein, dazu genügt die Empirie - eine Qualität des Wahren! (sic!)

Die Sprache sei "gleich allem Natürlichen und Sittlichen ein unvermerktes, unbewußtes Geheimnis", es waltet der unermüdlich schaffende Sprachgeist, der "wie ein nistender Vogel wieder von neuem brütet, nachdem ihm die Eier weggetan worden; sein unsichtbares Walten vernehmen die Dichter und Schriftsteller in der Begeisterung und Bewegung durch ihr Gefühl."

Er teilt in einer ganz groben Systematik die Worte in folgende Symbolträger, und aus ihr die Geschlechter folgend, ein:

"Das Maskulinum scheint das Frühere, Größere, Festere, Sprödere, Raschere, das Tätige, Bewegliche, Zeugende; das Femininum das Spätere, Kleinere, Weichere, Stillere, das Leidende, Empfangende; das Neutrum, das Erzeugte, Gewirkte, Stoffartige, Generelle, Unentwickelte, Kollektive." (Deutsche Grammatik, III)

Die Geschlechtlichkeit ist also eine Erhellung des Wesens des bezeichneten Dings, das Wort ist sein Symbol, im Gehorsam gefunden - nicht willkürlich gesetzt. Die Sprache ist für Grimm wesentlich lebendige Mythologie, (wobei man Grimm vielleicht nur, aber gerade eben, dort widersprechen muß, wo er Mythus in die Mythologie zu weit ausdehnt - denn der Mythus ist unbewußt und "kollektiv" übernommen, gehört dem Volk - die Mythologie, als Geschichte, aber ist zweifellos positive Einzelleistung, wie A. W. Schlegel aufzeigt) tradiert aus "reinen Zeiten" (denen er, mit Bachofen, sogar freie Liebe als die poetischere zuschreibt, immerhin ist ja auch der Minnesang immer auf "Ehebruch" abgespannt). Und in dieser Geschlechtsidentifizierung ordnet er die gesamte Sprache, und sieht auch deutlich den Einfluß der Frau auf die Sprachtradition selbst.

Doch auch wenn Grimm der Frau die wesentliche Aufgabe in der Überlieferung zuschreibt, so sieht er immer das Maskulinum als das Frühere, das Zeugende, das "lebendigste, kräftigste und ursprünglichste", und er sieht den klaren und erhellenden Zusammenhang mit den Mythen der Völker, in denen (fast) überall der Mann der Frau vorausging beziehungsweise diese aus ihm geschaffen wurde.




Das Gegebene entwickeln

"Der verantwortungsvolle künstlerische Führer wird bei jeder jungen Begabung stets von Ehrfurcht erfüllt sein vor dem inneren Wesensgeheimnis des künstlerischen Menschen. Die "Äußerungen" sind wandelbar und lenkbar im erweckenden (wie leider auch im zerstörenden) Sinne - die "Innerungen" aber erscheinen als unbedingt gegeben. Der Glaube an sie, das schöpferische Eigengefühl, der Hingebungstrieb, die Ganzheitssehnsucht - das sind die Garantien für kommende Entfaltung. In jedem Augenblick der Entwicklung sollte die Ganzheit als solche dem Lehrenden wie dem Lernenden innerst bewußt bleiben. Dann kann die Erziehung zum Sänger, zum Künstlertum nicht allein die Vervollkommnung vorhandener Anlagen und Kräfte, sondern auch etwas wie eine Wesensverwirklichung, ja nach außen hin einen Wesenswandel bedeuten.

Kein Erzieher kann dem inneren Wesen des jungen Künstlermenschen in seinem Grundbestand etwas hinzufügen. Erziehung kann schlummernde Möglichkeiten, Anlagen erkennen und zur Entwicklung bringen. Aber nicht der Erzieher, sondern der Sänger persönlich in seinem ganzen inneren und äußeren Wesen muß entscheiden über seine Ausweitungsmöglichkeit - auch über Wachstum und Blüte der Stimme! Immer muß im Unterricht darum der ganze Mensch angepackt werden. Ein höherer Wertwille wird dann die Selbstgestaltung von innen her tragen."



Franziska Martienßen-Lohmann 
in "Berufung und Bewährung des Opernsängers"





Montag, 1. Februar 2010

Da sagte mir M

Die Zeitungen sind wieder einmal voll mit Berichten über die Zustände bei Jugendlichen: Österreich ist im europäischen Spitzenfeld beim Rauchen, beim Alkohol und beim frühen Sex. Es ist im Spitzenfeld bei Selbstmorden und psychischen Problemen.

Auffällig, mehr als auffällig dabei: während die objektiven Parameter verheerende Zustände signalisieren, liegt das subjektive Wohlgefühl hoch! Subjektives Wohlgefühl - ohne objektive Entsprechung also? Es wäre nicht so auffällig, würde es nicht genau den Entwicklungen der Pädagogik in diesem Land entsprechen: der Entwirklichung; würde es nicht den Intentionen der Psychotherapie (mit der Psychologie als maßgeblicher Einflußkraft bei der Meinungsbildung) entsprechen: der Entobjektivierung des Sachlichen.

(Leitthema sämtlicher Maßnahmen offizieller Pädagogik, ja nachgerade deren Ziel: Verhaltensdressur über existentiell implementierte Ressentiments, also: über die erste Angst, in Wahrheit: den Tod, die Nichtung; und Persönlichkeitsauflösung und Entspannung anstelle objektiver Problemattacke und Spannungsintegration.)

Und: würde es nicht den Aussagen zeitgeistiger philosophischer Strömungen entsprechen: der Relativierung der Sichtweisen der Welt, der Entkoppelung von subjektivem "Gefühl" und Welt - der Schaffung einer Zweitwirklichkeit also, auf die als Zeitkrankheit und typische Krankheit des Österreichers bereits ein H. v. Doderer so eindringlich hingewiesen hat. In Wahrheit also: eine Form des Manichäismus, eine Entkörperlichung des Selbst (siehe u. a. in "Helena oder: Das Gute ist was bleibt", Passagen-Verlag) als Flucht und Ausweg mangels wirklichem Eigenbesitz.

Die Presse schreibt also:

Der Patient ist die Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich – und seine Lage ist kritisch. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter „Lebensstilerkrankungen“ wie Hyperaktivität, Stress oder Fettleibigkeit. Mehr Jugendliche im Alter von 15 rauchen und trinken in Österreich als in anderen EU-Ländern, mehr entwickeln ein Problem mit Aggression oder leiden unter täglichem Mobbing in der Schule. Die Sterblichkeitsrate der 15- bis 19-Jährigen liegt vergleichsweise hoch.

[...]

Fast jeder dritte 15-jährige Österreicher raucht – mehr als in jedem anderen OECD-Staat –, jeder fünfte trinkt regelmäßig Alkohol, die Selbsttötungsrate liegt mit 9,5 pro 100.000 in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen im negativen Spitzenfeld. Dazu kommen 100.000 Kinder, die laut Klaus Vavrik „in manifester Armut“ leben.

M (damals 18) sagte mir vor einiger Zeit, in einem erschütternden Tonfall:

"Wir erleben, daß das, was wir als Ursache dieses Wahnsinns, als den wir alles rundum empfinden, sehen, oder mehr noch: ahnen, daß also genau das als Gegenrezept diskutiert wird, sobald solche Verzweiflungsschreie auftauchen. Kann man sich eine noch hoffnungslosere Situation für uns Junge vorstellen? Wir haben so das Gefühl, daß es doch was anderes geben müßte, und wir wollen daran festhalten, aber es wird immer schwieriger ...

Das, was ich und so viele meiner Freunde sich als gute Gegenwelt empfinden, ist immer weiter von dem entfernt, was uns die Lehrer und Medien als gute, lohnenswerte Welt vorstellen und wofür sie kämpfen. Ich habe sogar oft so ein dumpfes Gefühl, daß das, was als moralisch erstrebenswerte Ziele dargestellt werden, diesen geahnten, ersehnten Lebenszielen völlig widerspricht. Und am ärgsten sind oft genau die, die mir erzählen, daß sie mich verstehen - es ist wie ein Horrorfilm, der mitten drin verspricht, daß er nie endet. Aber dann fühle ich mich so schuldig, wenn ich das denke ... Aber es ist schrecklich - man ist rundum wie einbetoniert, ausweglos, so wie es in den Städten auch aussieht. Da frage ich mich dann, warum ich überhaupt noch weiterlebe. Man hofft halt trotzdem immer noch auf irgendetwas. Nur so ein Gefühl."





Kunst heißt: Persönlichkeitsäußerung

Was Franziska Martienßen-Lohmann über den Gesang sagt, läßt sich über jedes Kunstschaffen - und nicht nur auf der Bühne - sagen:

"Jeder Organismus - und die Stimme ist Gott sei Dank ein Organismus und kein mechanisches Instrument - braucht eine klare Ordnung seiner Lebensfunktionen, wenn er gesund gedeihen soll Gesangsunterricht heißt zum guten Teil: Zurechtrücken, In-Ordnung-bringen der ungeordneten Funktionen, Wegnehmen von falschen und unzweckmäßigen 'Griffen', Antriebgeben für die richtigen, gesunden und kräftigen Tätigkeiten, - Ausschalten und Aktivieren, Lockern und Spannen im ausgewogenen Verhältnis der inneren Ordnung. Es gilt den Kampf gegen die individuellen Möglichkeiten vom kleinsten Physischen bis zum größten Psychischen."

Vehement wendet sich die Pädagogin, die nicht nur in den Augen von Dietrich Fischer-Dieskau zu den besten Lehrern weltweit gehörte, und die zahlreiche Bücher verfaßte, gegen jede Form vom Methode. "Es kann kein Wort scharf genug sein, um die Einseitigkeit, Stumpfsinnigkeit, Unverständigkeit der Gesangsschablone zu brandmarken, die das Stimmorgan als ein abgetrenntes mechanisches Instrument zu drillen versucht."

Und: "Man kann den paradoxen Satz aufstellen: jede Stimme ist eine Ausnahme! Dennoch bleiben sichere Zielsetzung, gesundes Training der Tätigkeiten, konsequentes Durcharbeiten des ganzen sogenannten Gesangsapparates Forderung und Selbstverständlichkeit. Nicht Methode, sondern Individualsystem!" Jede Stimme, schreibt sie, habe ihre eigene Natur und deshalb ihr eigenes Gesetz der inneren Ordnung - das gelte es zu finden.

(Schon früher habe ich an dieser Stelle davon geschrieben: Wo sie davon spricht, daß jeder Kunstausübende auf eine Weise deshalb Autodidakt bleiben müsse, nur so gelinge diese Notwendigkeit der "Eichung" an sich selbst.)

Und sie warnt gleichermaßen vor der Kritiksucht, die sie als Laster bezeichnet, wie vor Zerstörung, die falsches Lob anrichtet - mit der besonderen Nuance der Gefahr, die sie darin sieht, daß "schöngestaltete" Menschen, so sehr sie an jeder Bühne gebraucht werden, einer ganz besonderen Gefahr ausgesetzt sind: Nämlich nie unterscheiden zu können, ob die Zustimmung ihrem Aussehen gehört, oder auf ihre Leistung zurückzuführen ist. Häufig aber werden sie stimmlich-künstlerisch besseren Kollegen vorgezogen, was in den Karrieren vieler Künstler schwere Deformierungen hinterläßt und viel Potential für immer verkommen läßt.

Sie warnt eindringlich vor der "schiefen Ebene" des falschen Lobs, die zur völligen künstlerischen Impotenz führen könne. "Wer von jedem [Kollegen], von jeder Tante [...] sich 'sachverständige' Urteile über [sein Ausübungsorgan] einblasen läßt und sich auf diese Art tausend mißtrauische Ohren anschafft statt zweier, die zuverlässig sind, der muß immer erneut mit ernstem Hinweis für die grundsätzliche Lebensgefahr der schiefen Ebene hingewiesen werden, in die die Stimme durch falsche Selbstkritik hineingebracht wird."

Dennoch meint Martienßen-Lohmann, daß falsches Lob leichter "wegzuerziehen" sei, und daß man sich leichter davor schützen könne, als dies falsche Kritik anbelange. "Wieviele Stimmen sind durch ein einziges falsches Wort - sachlich, psychologisch oder einfach menschlich - für immer ruiniert."

Wieviele weitere - weil immer sehr wahre - Sätze finden sich aber bei ihr: "Wie überall in der Kunst ist [...] zuletzt doch die Persönlichkeit das Ausschlaggebende. Gegen eine bestimmte Art seelischer Lässigkeit und Trägheit ist kein Kraut gewachsen, und fragwürdig ist auch ihr Widerspiel, eine bestimmte Art willens- und ehrgeizmäßiger Verkrampfung und Übersteigerung. Fleiß auf der höheren Ebene künstlerischer Arbeit ist keine Tugend, sondern ein Talent. Dieses Talent schließt von vornherein Anschauungskraft und Konzentrationsfähigkeit ein, - wenn auch oft eiserne Mühe dazu gehört, beide in voller Kraft nach außen hin wirksam werden zu lassen."

"Geschäftiger Ehrgeiz erreicht nichts. Wille, Verstand können in der Kunst merkwürdig gegenstandslose Begriffe werden. Allein im Gebiete der menschlich-künstlerischen Intensität liegen die großen Überraschungen wie die großen Enttäuschungen selbst des erfahrenen Stimmbildners. Stimmbildung ist Menschenbildung."