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Samstag, 24. Januar 2009

Manchmal hörst Du's rauschen innerlich

Tiefer Blick
(A. Wildgans)

O, du kannst einsam sein, daß Gott erbarm
Und es dich mitten in dem Fliegenschwarm
Der Menschen jäh befällt wie Scham und Grauen!
Und manchmal muß du vor den Spiegel gehn
Und voller Angst nach deinem Bilde sehn,
Um in dein Antlitz, das dich kennt, zu schauen.

Und Freunde kannst du haben, Weib und Kind
Und so allein sein wie ein Baum im Wind,
Der zitternd steht auf namenloser Heide;
Und mit den Freunden hast du viel verbraucht,
Und mit dem Weibe schläfst du jede Nacht,
Und jenes Kind ist deiner Seele Weide.

Sie aber fassen deine Rede kaum,
Als sprächest du aus einem irren Traum,
Der nicht Bewandtnis hat in ihrem Leben;
Zu deiner Freude sind sie fremd und kühl,
Für deine Drangsal ohne Mitgefühl,
Neugier ist alles, was sie zögernd geben.

Da wirst du selbst dir mählich unbekannt
Und wie ein minderer Komödiant,
Der jede Miene einlernt und Gebärde;
Nur manchmal hörst du's rauschen innerlich
Und hältst erschrocken inne: bin das ich?! -
So einsam kann man sein auf Gottes Erde.





*240109*

Freitag, 23. Januar 2009

Das Viehgeld

Vielleicht überraschend, aber erhellend: Geld an sich kommt aus dem sakralen Opfer, aus dem Horten von Schätzen! Der ursprüngliche Sinn von Geld war: Präsentation, Darstellung von Schönheit und Macht(überfluß)!

Von dort aus - die ersten Bankiers waren die Priester! - hat es sich mehr und mehr über private Hortung (Schatz) über Liquiditätsschöpfung (Geld = "pecus" - "vechu" - Vieh) und Geldmehrung (über "Zukunftsphantasie", wie man das so schön nennt) als Wert (mit zukünftigem Tauscherlös) abgelöst, bis zur völligen Abstraktion, dem heutigen Buchgeld, das in Sekundenbruchteilen um die Welt wandelt und sich nahezu völlig vom Hortgeld entfernt hat, dennoch - wie sich jetzt herausgestellt hat - auf immer denselben und absolut gesehen unverändert gebliebenen "Schatz" zugreift.

Langfristig verglichen, bleibt das Geld einer Volkswirtschaft immer nur ... im Umfang des Hortgeldes (in etwa, weil der Wert des Schatzes für die Menschen immer etwa gleichbleibt) werthaltig. Dieses Verhältnis bleibt stets in etwa gleich. Das ist an der lange Jahre stufenweise reduzierten, dann völlig aufgegebenen (verpflichtenden) Golddeckung ablesbar - bezogen auf die Inflation, bezogen auf jene Güter, die es für Geld zu kaufen gibt.

Was bleibt von Geld ist immer simpler Tauschwert real zu erbringender menschlicher Leistung.




*230109*

Bis zur bitteren Wahrheit

Der KURIER und andere Medien bringen nun, nachdem das Weihnachtsgeschäft am Laufen gehalten wurde, weil man die Krise kurzfristig für abgeschafft erklärte, Stück für Stück Wahrheiten, die weit mehr sind als weitere Berichte von der Krisenfront. Es sind nämlich Abrechnungen mit so vielen Lügen, die uns in den letzten Jahrzehnten aufgetischt wurden.

Zum Beispiel jene mit den positiven Effekten der "Osterweiterung" der EU.

Diese "positiven Effekte" waren nichts anderes als durch immense Kredite in die Kreisläufe gepumpte künstliche Nachfragen. Damit hat man im Osten auf Deibel komm raus eingekauft, saniert, renoviert, ja, auch investiert, und nicht zuletzt: Konsumiert.

Nun bricht auch dort der Zuckerguß. Und es stellt sich heraus, daß zum Beispiel in Ungarn die Haushalte bereits ein Drittel Ihres Einkommens für Kredittilgungen ausgeben. Zuviel! Breite Zahlungsunfähigkeit liegt längst in der Luft, das Leben ist schon jetzt sehr hart. Damit der nächste Immobiliencrash mangels Nachfrage, weil die Preise verfallen, damit die Kredite nicht mehr gedeckt sind ... Die laufenden derzeitigen Abwertungen zeigen es längst - zuviel Geld im Verhältnis zu den Vermögen ist um Umlauf. In anderen Ländern ist es weit ärger.

Nun werden mit österreichischem Steuergeld die österreichischen Banken, die von diesen gigantischen Krediten enorm hohe Anteile halten (weil sie ja so tüchtig waren, wie wir gehört haben - den Banken ging es ja zuletzt sowas von gut in Österreich, da waren lauter Helden am Ruder, einen Zug zum Größenwahn gab es nie), gestützt, und noch weit mehr werden sie zu stützen sein! Denn mit einem mal müssen wir Österreicher die Liquidität dieser Länder aufrecht halten, mit noch mehr Geld, noch mehr Krediten, weil uns sonst unsere eigenen Gelder davon brechen ...


Übrigens
Wir haben unsern Kunden Geld geliehen, damit sie unsere Waren kaufen konnten, damit wir daran verdienen konnten, um ihnen Geld zu leihen, das wir nur haben, weil wir ihnen das Geld leihen, damit sie uns die Ware bezahlen können ...

Einmal geht es ans Zahlen, Herrschaften!

Fragt der KURIER-Reporter treuherzig, ob das Konsequenzen haben würde, auch in den USA seien Bankenchefs zurückgetreten. Sagt der Raiffeisenboß: Na, das wär doch das blödeste! Der kennt sich doch überall so gut aus - wer soll denn sonst nun das Schlamassel wieder beseitigen?! Wir haben doch so profitiert vom Aufschwung im Osten, und nun muß uns das doch auch was wert sein?! Wir können es uns aber sicher nicht leisten, daß die illiquid werden, dann schaut es dumm aus für uns ...




*230109*

Automatische Inflation

Einer der Nenner, auf die man Friedrich G. Jünger's Thesen vereinfachend bringen kann, lautet: Die Mechanisierung der Produktionsvorgänge bringt eine ebensolche Technisierung sämtlicher Lebensvorgänge. Weil aber jede Mechanik mit ihren zunehmend abstrahierten Werten (der Wert ist nicht mehr direkt aus dem fertigen, gesamten Produkt der Arbeit erkennbar, sondern nur noch aus dem geglaubten Wert im Rahmen einer Organisation) unweigerlich und unvermeidlich Reibungsverluste hat, erzeugt Mechanisierung zusätzliche Arbeit, ohne aber den letzthinnigen Mehrwert zu erhöhen.

Damit führt Mechanisierung automatisch (!) zu Inflation, zu zumindest relativer (im Verhältnis zu den schaffenden Händen) Geldentwertung.




*230109*

Dienstag, 20. Januar 2009

Der pädagogische Effekt der Maschine

Friedrich G. Jünger zeigt in "Die Perfektion der Technik" sehr überzeugend, daß die heutige Wissenschaftsauffassung - vor der er noch warnte, heute haben wir sie bereits als Postulat - eine Vorentscheidung ist: Nämlich die, reines Denken mit Technik und Mechanismus gleichzusetzen. Ähnliches führt ja auch Goethe als Kritik an der Wissenschaft an.

Diese Entwicklung erfolgt nach Jünger'scher Auffassung (und ich wiederhole: sie wirkt schon deshalb glaubhaft und überzeugend, auch wenn man nicht allen seinen Gedanken folgen kann, weil das, wovon er 1940 noch als Möglichkeit schrieb, heute vollständig und nachprüfbar eingetroffen ist - aber Intuition ist immer VOR jeder Theorie ...) deshalb und in breitem, die gesamte Kultur, ja die Welt umfassender Weise, weil die Herrschaft der Maschine unausweichlich ist.

Durch sie wird der Umwelt - wie erst dem Arbeiter, der durch die Maschine zum Proletariat herabsinkt, vom Handwerker zum Vollzieher einer nur noch mit abstraktem, nicht mehr sinnlich wahrnehmbaren Sinn belegten technischen Handreichung - das Unlebendige einer technischen Organisation aufgezwungen, der sich auch der Mensch zu fügen hat, ja gerade er. Während zwar auf der einen Seite - immer aber unter Raubbau betreibender Ausbeutung der Bodenschätze und der Menschen - Effizienz damit erreicht wird, wird auf der anderen (gemäß dem "Zweiten Thermischen Lehrsatz" vom Energieverlust) mehr Arbeit notwendig, die jedoch in die Bürokratie und die Organisation fließt:

Höhere Technisierung bringt laut Jünger also immer auch steigenden Bürokratismus mit sich.

Keine Frage, daß Jünger mit seinem Denkansatz eine große Gefahr für den Nationalsozialismus darstellte (er konnte gerade diese Schrift damals nicht publizieren): Denn das Aufgehen der Menschen in einem Volksganzen, das zu einem despotischen Organismus verschmilzt, ist für Jünger eine der schrecklichsten Gefahren des Technizismus.

Man übersieht blitzschnell, daß dieses "klare" logische (technische) Denken ein Hilfsmittel zum Erfassen der Wirklichkeit - und nicht diese selber - ist, womit wir wieder bei Goethe und Schiller wären.




*200109*

Heraufdämmern einer Fehlentwicklung

Es muß um die Zeit der Wende 18./19. Jahrhundert noch sehr evident gewesen sein, daß für die Annahme der Newton'schen Physik als allumfassende Erklärung der Welt - als Mechanismus - viel zu glauben war. Das geht für mich aus der Diskussion zwischen Schiller und Goethe hervor, soweit sie aus den Briefen nachvollziehbar ist.

Beide lehnen dieses Weltbild deshalb als völlig ungenügend ab, und sie bestreiten auch seine Wissenschaftlichkeit: Eben, weil es keinen ganzheitlichen Ansatz hat.

Diesen wiederum bei diesen beiden zu finden ist faszinierend, wie immer man zu ihnen stehen mag, und ich bin mir selbst noch nicht im Klaren darüber. Aus ihren Briefen finde ich aber eine Gesundheit der Weltsicht angezeigt, die diese in einer Universalität sucht, die die Ergebnisse heutiger Quantenphysik ebenso einschließt wie umfassende Warnung vor einer immer umfassenderen Technik, die damals erst dräuend am Horizont stand. Aber nah genug, um sie als Krankheit zu ahnen, die im Begriffe war, sich bereits allerorten festzusetzen.




*200109* 

Montag, 19. Januar 2009

Lebt der Mensch?

Die Maschine ist tot, weil sie nicht nur nichts aus sich selbst heraus kann, sondern weil alle ihre Funktionen und Bewegungen mit Hilfe der Begriffsbildungen der klassischen Mechanik angeben können.

Wenn wir das gleichermaßen auf den Menschen übertragen, wenn wir also annehmen, daß der Mensch ebenfalls eine bloße Abfolge von (von mir aus: höchst komplexen) mechanischen, funktionalen Vorgängen ist - dann ist auch der Mensch ... tot.




*190109*

Verpackte Propaganda

Ein interessanter Gedanke von G. F. Jünger: In dem Moment, in dem Lebensmittel verpackt sind, ist ihr Kauf ein grundlegend anderer Vorgang - er ist technisiert, seine innewohnende Qualität wird von einer substantiellen zu einer akzidentiellen.

Denn ab dem Moment kann der Käufer die Eigenschaften nur noch "glauben". Das Ausmaß der Propaganda, das so gestiegen ist, sieht Jünger in direktem Zusammenhang, weil verursacht von der Umwandlung der jeweiligen Produkte in technische Produkte ("Markenartikel"), so daß sie zugleich der technischen Organisation verfallen, diese also notwendig brauchen.

Der Kaufentschluß hat sich also völlig verlagert: von einer humanen, "ganzheitlichen" Entscheidung zu einer technisch-rationalen. Damit entlarvt sich auch das Etikett "bio" ("grün" etc. etc.), das demselben technischen Denken, nur von anderer argumentativer, ja genau eben vermeintlich technisch-rationalerer Seite her, entspringt.

"Sanis omnia sana" (Paracelsus; Dem Gesunden gereicht alles zur Gesundheit.) Die Technisierung der Ernährung hat lediglich mit sich gebracht, daß der natürliche Instinkt getäuscht (Inhaltssurrogate) und gestört wurde.




*190109*

Das Maß der Ordnenbarkeit überstiegen

Ein Satz von F. G. Jünger, geschrieben circa 1940/50: 

"Der Währungsverfall ist weder eine lokale noch eine vorübergehende Erscheinung. Er wird in einer bestimmten Phase des technischen Fortschritts hervorgerufen, und zwar dann, wenn die Mittel, welche die Technik zur Finanzierung ihrer Organisation gebraucht, jenes Maß übersteigen, innerhalb dessen eine geordnete Finanzwirtschaft fortgeführt werden kann.

(Aus Die Perfektion der Technik, überarbeitet erschienen (1946/49/53/93), verfaßt1946)

Aktueller geht es kaum. Genau das ist im letzten Jahr zu beobachten gewesen, wo man das Getriebe der Vorgänge so schön krachen hat hören.- Als Folge der Finanzwirtschaften des letzten Jahrzehnts vor allem, denn das Wesentliche war ja längst passiert: die Art zu finanzieren, Geld zu schaffen und um den Apparat am Leben zu halten, umlaufen zu lassen! Und genau das passiert, nur auf anderen Wegen auch jetzt wieder, als angeblicher "Kampf gegen die Krise".




*190109*

Es gibt keine Ausbildung zum Künstler

Aus der Korrespondenz zwischen Schiller und Goethe die Bestätigung: daß eine Ausbildung zum Künstler im eigentlichen Sinn nicht möglich ist. Eine "Schule" macht nur insofern überhaupt Sinn, als erzieherisch eingewirkt werden kann, daß Unarten nicht zur Reife gelangen, sondern Raum wird für das (Schiller nennt es: Naive) Natürliche in ihm, das Reine sohin - so daß man nur in diesem Zustande von Freiheit überhaupt sprechen kann. Diese Arbeit muß in jedem Fall geleistet werden - und ist im höheren Alter meist mühsam und kostet viel Zeit, die für Produktionen verloren geht.

Schiller geht es vor allem um die "sentimentalische Stimmung", die auszurotten für ihn notwendig ist, weil sie der wahren Empfindung kontrapunktisch entgegensteht und eine Unart ist. Sowenig das "Schöne Naive" auch faßbar und überlieferbar ist. Aber es ist eben dem Wesen des Menschen natürlich. Hat sich aber Sentimentalisches bereits fest herangebildet, so meint Schiller sei auch von einer Schule nichts mehr zu machen. Wobei er überhaupt der Ansicht ist, daß "heute" (1798) Schulen fast nur noch kritisch (ausscheidend) denkbar seien, nicht mehr schöpferisch-produktiv (wie bei den antiken Griechen.) Einen festen Punkt freilich, um den herum sich die Bildung guten Geschmacks und künstlerischer Echtheit als Quelle ständiger Erneuerung formieren könnte, den kann Schiller auch nicht erkennen, so notwendig er ihn (bereits) sah.

Es ist vielleicht nicht ganz untypisch, daß Goethe (erst) gegensätzlicher Ansicht war: daß das Künstlerisch-Geniale in keiner Weise vermittelbar sei. Nicht nur in dem Punkt, hatte Schiller die überzeugenderen Argumente.

Die Kenntnisnahme der Zeit, der Traditionen des handwerklichen der ausgeübten Kunst sind noch weitere Ausbildungsfelder, die eine Schule sinnvoll machen können, wobei diese Bereiche auch das Leben selbst, und persönliches Bildungsinteresse vor allem, ersetzen können.

In dem Moment, wo das Künstlerische erlernbar und lehrbar betrachtet wird, erstickt es im (von den Sezessionisten so genannten) "Akademischen".

Dies betrifft nicht nur die Dichtkunst, sondern jede andere gleichermaßen, denn alle Künste haben an sich die gleichen Grundbedingungen zu ihrer Entstehung.

Ob die "Argumente pro" freilich die Gefahr, daß eine Schule nämlich die gerade für eine künstlerische Natur immense Versuchung darstellt, das Künstlertum in einer Art und Pose zur Identität einzufrieren, aufwiegen, steht auf einem anderen Blatt Papier, und muß aus der empirischen Erfahrung heraus fast ... verneint werden.




*190109*

Psychologie geht für Poesie

Durch die Auflösung der Kultur, im Entwerten aller überkommenen Prägemerkmale, wird die damit ausgelöste Identitätssuche zum scheinbar faszinierenden Prozeß künstlerischer Qualität. Die Poesie wird durch Psychologismen eines verzweifelten Versuchs, sich aus sich selbst zu definieren, nahezu verdrängt. Mit der Tücke, daß das Pathologische auf der Ebene der Psychologismen scheinbar deckungsgleich, dabei aber nur äquivok ist.

Ja oft ist scheinbar poetisches Empfinden nichts Simpleres als der zwanghafte Versuch, ideologische Forderungen und verirrte Ansprüche als ureigensten innersten Seelenkonflikt auszugeben - Falschgeld pur also, und besonders bei Frauen (heute) häufig.

Wieder andere - auch hier seien Frauen als häufigste Übeltäter genannt, wo sogar behauptet wird, es gäbe eine "Frauenspezifische Literatur und Kunst" - geben als Poesie aus, was nichts als das Ergebnis ersparter Mühe des poetischen Läuterns ist, ja wird gerade das Aussparen dieser Mühe und die daraus folgenden Wirrnisse als ... Mimesis der Kunst, des Poetischen ausgegeben. Wenn es frauenspezifische Kunst gibt, dann insofern, als von Frauen angefertigte Poesie gerne die für Frauen spezifische Neigung zum Fehler voreilig abschließender Synthese zeigt, die diesen Läuterungsprozeß - bei ihm kann man erst eigentlich von männlich sprechen - zu vermeiden sucht. Aber ungeläuterte, von ungereinigtem Wollen und Sehen bedrängte Poesie ist eben nicht oder noch nicht oder nur verminderte Poesie.

Zur Politik gemünztes Wollen ergibt keine Poesie, es kann bestenfalls als Bezugsgegenstand vorkommen.

Das gilt natürlich ebenso für das andere Ende der Fahnenstange - für jene, die meinen, "katholische" oder "christliche" Literatur und Dichtung zu verfassen, eigentlich: zu erfinden. Die gibt es genauso wenig, und die strengen Gesetze der Kunst gelten auch für sakrale Werke, die sich lediglich durch ihren Inhalt von weltlichen Werken unterschieden, nicht durch ihre Formgesetze. Auch jede moralische Wirkung ist eine indirekte Folge des Schauens (als Seinsübergang), aber nicht direkt intentierbar.

Stefan George: Solange der Dichter etwas will, und sei es noch so versteckt, ist er noch weit weg von Kunst. Nur die Läuterung und die Zucht ermöglicht Kunst. "vor zu lebhaften Ausdrücken der Kraft im Kunstwerk muß man auf der Hut sein ... hinter ihnen steht oft gar nicht des Empfindens Tiefe und Wahrheit - sondern nur schwärende Unreife oder die Anstrengung sich durch die eigenen Schreie etwas einzureden was nicht vorhanden ist ... Kunst ist nicht Schmerz und nicht Wollust, sondern der Triumph über das Eine und die Verklärung des anderen."




 *190109*

Sonntag, 18. Januar 2009

Eine Wiederholung

Ich nehme mir vor, den Gedanken weiter zu verfolgen, der zuletzt mehr und mehr aufgetaucht ist: die kulturkritische Literatur von vor fünfzig Jahren, in ihren vorbereitenden Wegen seit Jahrhunderten, liest sich als wäre sie gestern geschrieben worden. Bis hinein in Details, die wir so verräterisch dem Nationalsozialismus alleine vorbehalten wollen.

Was aber nichts anderes bedeuten kann, als daß wir im Begriffe sind, die ultimative Katastrophe 1918 und 1945 ... vorzubereiten und zu wiederholen.

Ich halte es für immer wahrscheinlicher. Und wir sind nicht im Jahre 1929, oder 1931, nein: wir stehen bei 1935 oder 1936.




 *180109*

Mythos Technik II

F. G. Jünger: "Die Technik erzeugt keine Reichtümer; durch ihre Vermittlung aber werden uns Reichtümer zugeführt, verarbeitet und dem Verbrauch erschlossen. Es ist ein beständiger, stets wachsender, immer gewaltiger werdender Verzehr, der hier stattfindet. Es ist ein Raubbau, wie ihn die Erde noch nicht gesehen hat. ... Nur dieser Raubbau ermöglicht sie (die Technik; Anm.) und läßt sie zur Entfaltung kommen. alle Theorien, die diese Tatsache außer acht lasen, haben etwas Schiefes, denn sie unterschlagen die Voraussetzung, unter der das Arbeiten und Wirtschaften jetzt stattfindet."

Ein Raubbau, der längst auch das Humankapital (unsere Kultur) verzehrt (hat) ... Es gibt eben nur zwei Faktoren, die überhaupt Reichtum ausmachen können: Menschen, und Rohstoffe.





*180109*

Technik = Zeichen von Mangel

Man müßte F. G. Jünger sogar reziprok erweitern: Nicht nur, daß Organisation (=Technisierung) eine Erscheinung ist, die Mangel anzeigt, sondern umgekehrt macht (willkürliche, zum Beispiel ideologische) Technisierung von Vorgängen diese zu Mangelvorgängen.

Dies läßt sich bei sozialen Vorgängen beobachten, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund ideologischer Maximen sehr grundlegend umzuformen versucht wurden. Die Folge? Die erwünschten Folgen sind nicht eingetreten (man beachte nur die Umfragen zur Geschlechter-/Rollenfrage, die regelmäßig Heiterkeit erregen), vielmehr ist eine immer weitergehende Zerrüttung sämtlicher sozialer Vorgänge zu beobachten, sprich: die einzigen "Erfolge", die man bemerken kann ist völlige Desorientierung

(Was natürlich als "Fortschritt" verkauft wird, als "Auflösung überkommener Rollenbilder" zum Beispiel während das Fehlen von Ersatz als Frage der Zeit gutgequatscht wird. Da interessiert nicht einmal, was "in der Zeit bis dahin" eigentlich ist ... Gerade solchen Vorgängen wird es zu verdanken sein, daß wir auf dem besten Weg zu einer extrem moralistischen, scheinbar "konservativen" Gesellschaft sind. Wie weit wir auf dem Weg dorthin bereits vorangekommen sind, ist uns natürlicherweise - als mitten in den gesellschaftlichen Vorgängen Stehende - gar nicht klar.)



 *180109*

Mythos Technik I

Für F. G. Jünger ist die Korrelation von Technik und Reichtum ein bestenfalls politisch motivierter Mythos: "... Auch der kleinste technische Arbeitsvorgang verbraucht mehr an Kraft, als er hervorbringt. Wie sollte also durch die Summe dieser Vorgänge (in Technisierung und Rationalisierung; Anm.) ein Überfluß geschaffen werden?"

Jünger stellt mit sehr grundsätzlichen Überlegungen infrage, ob ein Ziel "Reichtum" überhaupt mit Technisierung erreicht werden kann. Zu obigem Satz führt er als Beleg den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre an (Carnot-Prozeß), der vereinfacht besagt, daß die Umwandlung von Wärme in Bewegung (zur Technisierung in Maschinenform) ausnahmslos nur einen Teil der Wärme, die sie einem heißen Körper entziehen, in mechanische Arbeit verwandeln können (es gibt also keinen "Wirkungsgradfaktor/thermodynamischer Wirkungsgrad = 1").

Vielmehr meint Jünger, ob nicht beobachtbar sei, daß die Zunahme der Technisierung die Quantität an manueller Arbeit ebenfalls erhöhte! (Man möge sich nur die Regelkreise größer als in Nationalökonomien geteilt vorstellen - Stichwort: Globalisierung!)

Jünger sagt nichts anderes, als daß es immer einen ausgleichenden Faktor "menschliche, manuelle Arbeit" braucht, und daß dieser Sektor mit der Zunahme der Mechanisierung (irgendwo auf der Erde) ebenfalls größer (bestenfalls verschleierter, weil auch viel indirekt verursacht) wird.




 *180109*

Wir SIND Katholiken.

Friedrich Georg Jünger in "Die Perfektion der Technik" über den heutigen Menschen, den "Techniker", weil alles in Technik aufgelöst ist: "... Mit solchen Menschen ist auch kein Gespräch zu führen, da sie nicht mehr Partner eines Gesprächs, sondern Demonstranten sind. Die Umwandlung des Gesprächspartners in einen Demonstranten kennzeichnet die Dogmatisierung der Glaubensgrundlagen einer mechanischen Bewegung."

Ein anderer Satz, ich glaube von Kaltenbrunner (auch wenn ihn der anders meinte, aber sich damit eigentlich verriet), zeigt, was Jünger 1953 prinzipiell meinte: "Wir SIND Evolution!"

Beim Spaziergang steigt mir dann der Satz auf, daß der Sozialstaat heutiger Prägung einem Hochstand des Technizismus entspricht, technisierte Zwischenmenschlichkeit ist, der durch Moralismus (die depersonalisierte, weil in Technik aufgelöste Gutheit des Seins, das somit regelrecht in Ursache und Wirkung aufgespalten, zum jeweiligen Ziel an sich wird) definiert wird. Als Diktatur einer öffentlichen Moral, deren Fratze deshalb nur so wenige kennen, weil sie nur so wenige derzeit noch erlebt haben. Denn das Große auszurotten war eine der ersten politischen Zielsetzungen des Sozialismus.

Größe - und damit erlebbare Würde - ist dort nicht nötig, wo alle Vorgänge technisiert sind.

Selbst der Umgang mit dem Mitmenschen ist simple Analyse möglicher technischer Vorgänge im anderen. Um der Unerträglichkeit wirklicher Autorität auszuweichen.




*180109*

In Gesellschaft von Kindern lacht sich's leichter

Was den Umgang mit Amerikanern immer wieder so angenehm erscheinen ließ? Im Zug, in aller Schmuddeligkeit, Unkompliziertheit, die, streng betrachtet, Ausweis völliger Kulturlosigkeit ist. Aber so rasch findet sich ein (nettes) Gespräch, so rasch sind sie zu verblüffen, so rasch lachen wir, auch ohne Zynismus ... - nun denke ich, daß die Ursache dafür ist, daß ihnen Neid weitgehend unbekannt ist. Wo allen alles möglich ist, zumindest prinzipiell, nimmt mir der andere nie etwas weg, das auch mir gehört oder gehören könnte, sondern er ist maximal schneller.

Wo Scheitern konsequenzlos bleibt, weil es zu gar keiner Identität kommt, mangels kultureller Institutionalisierung, die weitertragen könnte, oder weiterzutragen wäre (eine bemerkenswert asketische, fast mystische Seite der Wurzellosigkeit), da ist Neubeginn mit veränderten Vorzeichen jederzeit möglich. Sie sind alle eben Kinder.

Das alles läßt sie auf eine Art und Weise unbefangen und offen, in gewissen Hinsichten angstfrei sein, die wohltut. Eine Seite der Kindlichkeit, die gerade dem gelernten Österreicher inmitten unverweslicher Leichenberge Balsam ist.




*180109*

Freitag, 16. Januar 2009

Blind geworden

Der Verzicht darauf, daß ein Werk auch Kunst zu sein habe, wie er im Barock als Verdrängung der Kunst durch die Imagination davon stattfand, durch die Imagination einer Stimmung und Spiritualisierung des Sinnlichen durch dessen Ersatz und Symbolisierung stattfand, war der Tod des Sehens.

Man verzichtete auf "wirkliche Gegenwart" des Gesehenen (was eine Eigenschaft der Kunst ist) zugunsten einer bloßen und rein geistigen Erinnerung daran.

Geist ohne jedwede Wirklichkeit und Geschöpflichkeit - das ist Barock. Und das ist Subjektivismus des Descartes wie der Konstruktivismus der heutigen Philosophie. Und das ist heutige Liturgie: auf Dualismus, Zweispaltung des Menschen aufbauend wie davon herstammend. E-Soterisch - nicht mehr soterisch.

Die Liturgie der Katholischen Kirche von heute ist also nichts als eine Ausformung einer jahrhundertelang "gelehrten" Wirklichkeitssprache. Es ist also wirklich kein Wunder, daß Aufklärung und Barock so engumschlungene Geschwister waren.




*160109*

Samstag, 10. Januar 2009

Es geht doch noch tiefer


Eigentlich dachte ich schon bei Bill Clinton, daß das Maximum erreicht sei - aber diese kleine Auswahl an Sprüchen aus dem Munde George Bush's jun. zeigt, daß es stimmt: Es geht immer noch tiefer, als man glaubt.

"Die Menschen in Louisiana müssen wissen, dass es überall in unserem Land viele Gebete gibt - Gebete für diejenigen, deren Leben auf den Kopf gestellt wurden. Und ich bin einer von ihnen. Es war gut, hier her zu kommen." (In Louisiana nach dem Hurrikan "Gustav".)

"Es ist nicht die Umweltverschmutzung, die unsere Umwelt schädigt, es sind die Verunreinigungen in unserer Luft und in unserem Wasser."

"Ich weiß, daß in Washington viel Ehrgeiz existiert. Aber ich hoffe, daß die Ehrgeizigen mitkriegen, daß sie mehr Erfolgschancen mit Erfolgen haben werden als mit Misserfolgen."

"In unserer gesamten Geschichte haben die Worte der Unabhängigkeitserklärung Einwanderer aus der ganzen Welt inspiriert, die Segel zu setzen und unsere Küsten anzusteuern. Diese Einwanderer haben dazu beigetragen, dreizehn kleine Kolonien in eine große und wachsende Nation von mehr als dreihundert Leuten zu verwandeln."

"Es gibt einen alten Spruch in Tennessee - ich weiß, es ist in Texas, vielleicht in Tennessee - der besagt, täusche mich einmal, Schande über dich. Täusche mich - Du kannst nicht erneut getäuscht werden."

"Unsere Feinde sind erfinderisch und haben viele Mittel, und wir auch. Sie hören nie auf, über neue Arten nachzudenken, wie sie unserem Land und unserem Volk schaden können, und wir auch nicht."

"Es war nicht immer so festgelegt, dass die Vereinigten Staaten und Amerika enge Beziehungen haben. Schließlich waren wir sechzig Jahre im Krieg - vor sechzig Jahren waren wir im Krieg." (Bei einem Empfang des japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi im Weißen Haus.)

"Herr Ministerpräsident, danke für Ihre Einleitung. Danke, dass Sie ein so guter Gastgeber für den OPEC-Gipfel sind." (September 2007 in Sydney bei der Teilnahme an einem Gipfel des Asiatisch-Pazifischen Forums APEC.)

"Ich bin im Westen aufgewachsen. Im Westen von Texas. Das ist ziemlich nah an Kalifornien. In vieler Hinsicht näher an Kalifornien als Washington."

"Sie haben drei verschiedene Arbeitsstellen? ... Sowas kommt nur in den USA vor, nicht wahr? Ich meine, das ist doch fantastisch, dass Sie so etwas machen." (Zu einer geschiedenen Mutter von drei Kindern.)

"Es ist Zeit für die menschliche Rasse, in das Sonnensystem einzutreten."

Als begnadeten Redner würde man Georg W. Bush wohl nicht gerade bezeichnen. Zu seinem Repertoire gehört etwa die Neuschöpfung des Verbs "to misunderestimate" - eine innige Verbindung von "to misunderstand" (missverstehen) und "to underestimate" (unterschätzen).

"Ich weiß, daß Mensch und Fisch friedlich zusammenleben können." (Bei einer Erklärung zur Energiepolitik in Michigan)

"Selten wird die Frage gestellt, lernen unsere Kinder etwas?"

"Wir werden die bestausgebildeten Amerikaner auf der ganzen Welt haben.

"Es gibt in mir keinen Zweifel, keinen einzigen Zweifel, dass wir scheitern werden."

"Sie haben mich fehlunterschätzt."

"Sie mißunterschätzen das Mitgefühl unseres Landes. Ich denke, Sie mißunterschätzen auch den Willen und die Entschlossenheit des Oberbefehlshabers." (Über die Terroristen vom 11. September.)

"Wenn wir keinen Erfolg haben, werden wir scheitern."

"Und sie haben keine Geringschätzung für Menschenleben." (Über Rebellen in Afghanistan.)

"Ich erinnere mich an eine Begegnung mit der Mutter eines Kindes, das von den Nordkoreanern entführt wurde genau hier im Oval Office."

"Es wäre ein Fehler, wenn der Senat der Vereinigten Staaten zulassen würde, daß irgendeine Art von menschlichem Klonen aus dieser (Parlaments)Kammer kommt."

"Ich habe gehört, dass es in den Internets Gerüchte gibt, wir würden die Wehrpflicht wieder einführen." (Präsidentschaftsdebatte 2004)

"Ich glaube, wir befinden uns auf einem unumkehrbaren Trend zu mehr Freiheit und Demokratie - aber das kann sich ändern."

"Es ist nicht die Umweltverschmutzung, die unsere Umwelt schädigt, es sind die Verunreinigungen in unserer Luft und in unserem Wasser."




*100109*

Freitag, 9. Januar 2009

Geschmacklos

Da wird es natürlich schon happig: Wenn als Show der Gewinn von 100.000 Euro für jenen Übergewichtigen in Aussicht gestellt wird, der am meisten abnimmt. So, wie es Pro Sieben jüngst machte.

Da drängen sich Vergleiche mit den Tanzwettbewerben der 20er Jahre auf, die in den USA so populär waren. Wo jenes Paar jeweils den Geldtopf gewann, das am längsten durchtanzte. Was zumindest in einem Fall sogar zum Ableben eines Teilnehmers wegen Erschöpfung führte. Gerade die verbissensten Teilnehmer waren natürlich unter jenen zu finden, die bettelarm waren und das Geld dringend benötigten. Und sich deshalb selbst verzweckten, auch diese Entwürdigung auf sich nahmen.





*090109*

Samstag, 3. Januar 2009

Den Habsburgismus geläutert überstanden

Man muß Ricarda Huch in ihrem "Federico Confalonieri" eigentlich rechtgeben - ihre Wut auf die Katholische Kirche begründet sie dort (durch den Mund eines Proponenten) mit der "entsittlichenden Wirkung", die der katholische "Formalismus" hat.

Es ist natürlich prinzipiell falsch und unverstanden, diese Soteriologie (die Verbindung von Gnade und Zeichen im Sakrament), die wiederum auf einer Metaphysik aufruht, als "magisch" zu verurteilen, wie es Luther (ff.) tat. Aber rein praktisch gesehen hatte sogar Luther (ff.) im Einzelfall (und auf vielfache Volkspraxis bezogen) recht: Der Mißbrauch der Gnadenmittel, ja ihr quasi-magischer Gebrauch sind auch heute sehr häufig zu beobachtende Erscheinungen.

Ganz kann man diesem Urteil die Wahrheit also nicht absprechen. Denn wenn auch stimmt, daß die Sünde niemandem den Zugang zu den Gnadenmitteln verbaut (ein Problem, das der Protestantismus schlicht und ergreifend gar nicht realistisch - und nur durch ein Wunder - lösen kann: was ist nun mit dem Sünder hier auf Erden!?), sofern er sich von ihr abwendet, so sehr verführt diese Bindung der Gnade und der Rechtfertigung an die Form und Praxis (der Beichte) zu Laxheit und Heuchelei.

Genau so, falsch, heuchlerisch und bösartig-dumm, hatte ich als Jugendlicher in den späten 1960ern, frühen 1970dern das kirchlich-katholische Umfeld wahrgenommen.

Ich hatte mich mit Grausen davon abgewandt.

Der Mailänder Graf und italienische Nationalist Federico Confalonieri interessanterweise (Huch ist Protestantin) überwindet in bemerkenswerter sittlicher Haltung einer (durch das Leid der 14jährigen Festungshaft in Spilberk/Spielberg bei Brno/Brünn) sich mehr und mehr läuternden Liebe diese (prinzipielle) Anfechtung.

Ich habe mich deshalb schon mehrfach gefragt, ob der Protestantismus als "Ordensgründung" nicht durchgegangen wäre ... denn jeder Orden betont einen Aspekt stärker als dem Ganzen wohltäte. Im Protestantismus eben den des rigorosen Bemühens um subjektive Wahrhaftigkeit.




*030109*

Einfach die Strategie gewechselt

Immer wieder erinnert sich in mir, wie ich beim Umräumen meiner Bücher ein schmales Bändchen aus früheren Zeiten zur Hand nahm, erst nur sentimental-belustigt darin blätterte, dann (erneut) las. 

Es war eine Schrift von Mao Tse-tung. 

  • Vier philosophische Monographien
  • Über die Praxis
  • Über den Widerspruch
  • Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke
  • Woher kommen die richtigen Ideen im Menschen

Die Schrift ist klug, weil Mao sehr klug war, das wird gerne unterschätzt oder vergessen. Oder glaubt man hierzulande wirklich - den Eindruck hat man manchmal - daß diese Menschen dumm waren oder sind? 

"Vier philosophische Monographien" behandelt ganz praktische Fragen politischen Handelns. Ich war perplex. Hatte ich doch ganz vergessen, was darin so offen stand, und was ich doch einmal (aber gewiß auch völlig anders, aber wie? ich weiß es nicht) gelesen hatte. Nun las ich es mit völlig anderen Augen. Nun las ich nämlich, was sich wie eine Niederschrift der politischen Handlungsstrukturen bei uns (!) las. Als wären wir der von Mao empfohlenen Strategie bis auf den letzten Buchstaben erlegen. Man muß es selbst gelesen haben.

Ähnliches ist mir bislang bestenfalls beim Lesen von Alexis de Tocqueville passiert - zu sehen, wie (sehr) lange zurückliegendes Wort aus präziser Analyse der Wirklichkeit gewonnen, sich buchstabengetreu der Prophezeiung gemäß erfüllt hat. Aber Tocqueville prophezeit eben aus Menschenkenntnis, als Beobachter, als Außenstehender. Seine Hellsicht ist besorgte Warnung.

Mao arbeitete Strategien aus - ebenfalls aus Menschenkenntnis. Seine exakte Analyse dient aber dem Erreichen eines politischen Zieles. Und, verdammt noch einmal, wer seine Schriften liest, könnte meinen, er hätte alles, wirklich alles erreicht.

Aber ist China nicht ... kapitalistisch geworden? Hat sich der Kommunismus dort nicht selbst aufgelöst?

So lautete doch die Mär bei uns. Gäbe es nicht ab und zu irritierende Nachrichten über grausame Vorgänge in China, mit denen aber ... niemand hier etwas anfangen kann? Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Denn die Widersprüche sind für uns nicht auflösbar. Es fehlt an einer erhellenden These, an einem gültigen Urteil über China. Das vergangene - die pöhsen pöhsen Kommunisten - darf man irgendwie nicht mehr anwenden, das ist ja nicht mehr gültig?

Gleich vorweg: China hat keineswegs den Kommunismus aufgegeben. Nach wie vor ist es ein kommunistisches Land und verheimlicht das nicht einmal. Könnte es aber nicht sein, daß man diese Mischung aus Konfuzianismus und Marxismus in seiner praktischen Wirkung schlichtweg gänzlich unterschätzt? 
Die Chinesen waren, anders als die Russen und Osteuropäer, keineswegs so dogmatisch verbohrt, dafür in der Umsetzung unvergleichlich konsequenter. Sie haben stets rasch Realitäten zur Kenntnis genommen, und sie haben auch keinerlei abendländische Skrupel hinsichtlich Wert und Würde des Einzelnen - worin sie vom Konfuzianismus ganz elegant getragen werden. Ihr System der Gehirnwäsche zeugt von einer beeindruckenden Kenntnis des Menschen. Da klingt "Archipel Gulag" fast steinzeitlich rückständig in seinen Methoden - als hätte der sowjetische Kommunismus immer noch einen Rest an abendländischem Dünkel vor dem Menschen bewahrt.

Die Chinesen haben stets viel rascher gelernt - weil sie schlicht lernbereiter waren und sind. Sie sind kühl pragmatisch, wie es bei uns bestenfalls die Römer waren. Und die haben es ja auch weit gebracht.

Die Chinesen haben vor 15 bis 20 Jahren einfach die Strategie gewechselt.

Worin der Strategiewechsel der Chinesen bestand? Nur Ewiggestrige, Verbohrte greifen die politischen Gestalten noch direkt an. Heute wird der Boden ausgetrocknet. Dann fallen die Bäume von selbst. Das Zaubermittel "Realismus" - in der paradoxen Intention - wirkt auch in begrenzten Systemen. Dazu braucht es keinen Gott, den Viktor Frankl ebenso treuherzig-berührend wie kantianisch reklamierte. Was hat ein Mitspieler zu verlieren, der eigentlich nur gewinnen kann? Entweder wird er reich und hat so die Macht, oder das Spiel bricht zusammen - ein Sieg (des Kommunismus) bedeutet (wie Sun Tsu in seiner Kriegstaktik sagt) letztlich nur, daß der Gegner mehr fällt als man selbst. Bei wem aber menschliche individuelle Würde ohnehin keine Rolle spielt - der kann (machiavellistisch gesehen) gar nicht fallen. Sieg verhält sich auch relativ zum Ziel. Man siegt dann am elegantesten, wenn man den Gegner dazu bringt, sich selbst zu lähmen. Zum Beispiel indem man ihn auf Phänomene fixiert, indem man sie ihm läßt, ja liefert - bis man ihn süchtig gemacht hat.

Gegenprobe? Nie konnte China mehr Phänomene kontrollieren als in den letzten Jahrzehnten, wo auch die wirtschaftliche Potenz dazu entstand, im Westen mitzumischen. Hat China aber sein Verhältnis zur menschlichen Würde geändert? Im Gegenteil: der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, seine Kapitalpotenz, die ohnehin nur auf das westliche System bezogen war und ist, baut auf genau jener Menschenverachtung. China hat ja nicht einmal Rohstoffe, wie die Sowjetunion sie hatte. China aber hat Asketen.

Die Sowjetunion ist genau daran gescheitert: es war wirtschaftlich ausgehungert, es ist strategisch dem Westen unterlegen, bis zum Todesstoß, dem SDI (Star Defense Initiative)-Programm.

China hat genau zu der Zeit umgeschaltet.

Nein, nein, der Marxismus ist keinesfalls tot, und ich habe das auch nie so gesehen, mich auch nicht vom "Mauerfall" täuschen lassen. Er ist nur viel schlauer, als der naive Abendländer es sich vorstellen kann, und er ist dabei, das Feld von hinten aufzurollen. Und wenn man sich "Vier philosophische Monographien" durchliest hat man den Eindruck, daß die westliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte darin vorweggenommen ist, ja präsentiert sich diese als Ergebnis politisch klugen Handelns, wie Mao es beschreibt. Präsentiert sich auch und vor allem in der Verlagerung des politischen Handelns hin zu moralischen Bewegungen (ich erwähne nicht zufällig die Grünen, aber auch die FPÖ etc.), die nämlich extrem geschickt weltanschauliche Diskussionen regelrecht ins Abseits stellen, zu grotesk-lächerlichen akademischen Ehrenrunden machen, als strahlender Sieger.

Es ist auch kein Wunder, denn der Marxismus spiegelt die Charakter- und Handlungsstruktur charakterloser Muttersöhnchen, denen es nicht um die eigene Würde geht: "Das Schwache macht das Starke schwach, damit die Schwäche Stärke wird." (Eberhard Wagner, in "Zwei Seelen - Keine Welt")

Nirgendwo übrigens, so hört man, ist die Familien- und Mutterbindung, ja die symbiotische Abhängigkeit der Jungen von den Alten, so hoch wie in ... China.




*030109*

Ursache war nicht eine vergessene soziale Komponente

Etwas gefällt mir an der Stellungnahme des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der mit einfachen Worten einen Kern des Problems aufzeigt: Der Hinweis darauf, daß sich kein Mensch überlegt hat, woher denn die versprochenen, erwarteten Gewinne kommen sollen, mit denen angeblich die Zukunft abzusichern wäre. Daß es aber jede Menge Narren gab, die allen Ernstes an ein mathematisches Wachstum ad infinitum glaubten und (das ist ja der Kern!) ein ganzes Wirtschaftssystem auf dieser Annahme aufrichteten.

Und die sich nach wie vor nicht hinterfragen, ob an ihren Denkmodellen etwas grundsätzlich nicht stimmen könnte. Nein, dieselben Denkmodelle und Masken werden bestenfalls stromlinienförmiger gemacht, im Windkanal "Öffentlichkeit und Autorität" (sprich: Identität) kam es ja zu Turbulenzen! Also wird rasch auch diese Krise zur "die weltweite Finanzkrise" mythologisiert, wird ihr ein selbständiger Körper gegeben, auf daß sich dieselben Versager an ihren Plätzen halten und nun mitten in der Schar der Krisenbekämpfer auftauchen, die sie durch intellektuelles Versagen mit verursacht haben: da ist sie, die Krise, bekämpfen wir gemeinsam das Ungeheuer aus der Unterwelt!

Das Geschehen 2008 auf den weltweiten Finanzmärkten war schlicht widervernünftig, das ist der Kern. Und das erwähnt EB Zollitsch leider nicht, sondern er spielt wieder die scheinbar leichtere Moralbande, kick und - mal sehen, wo der Ball letztlich landet, Moral klingt immer gut ...

Es war eben nicht das Scheitern des Neo-Liberalismus oder sonst eines -ismus, es war auch nicht ein vergessenes soziales Gewissen, so daß man hätte sagen können: MIT diesem wäre alles gut gewesen, alles lag ja nur an einer fehlenden (positivistischen) Moralität der Beteiligten.

Sondern es war die Kapitulation des Verstandes vor einer Mentalität, die jeden Bezug zu Realitäten verloren hat und Folge einer Wohlstandsideologie ist, die die Menschen - und das schon eine ganze Generation lang - jeden Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verlieren hat lassen. Ein irreales Lebensgefühl, das in diesen Breiten vorherrscht, wankte jetzt erstmals beträchtlich, die Wirklichkeit meldete sich zurück, durch alle Nebel, die gar niemand mehr durchdringen wollte.

"Schnell noch diese Beute gemacht, und noch eine, und noch eine ... und dann rasch die Tür zu, hinter uns die Sintflut ..." Einmal freilich ist man einfach nicht rasch genug, aber das nimmt man in Kauf. Auch jetzt noch. Weltweit wird längst an einer weiteren Vernebelungsmaschine gebaut.

Ich weiß, ich spinne da vor mich hin, aber ... mich würde keineswegs wundern, wenn irgendwo, auf einer Parteihochschule der Chinesischen Kommunistischen Partei, in tiefster Provinz, die Sektkorken zum messerscharf gedachten Strategiewechsel knallten. Zu auffällig ist die Deckungsgleichheit der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Mao's Schriften vorgezeichnet. Mittlerweile verstaatlicht sich der Kapitalismus nämlich selbst - über die Allmacht des Proletariats, das bei Gefährdung des Wohlstands zur Bestie würde. Man mußte das System über seine Schwächen nur hochkochen! Die Finanzmittel dazu hat China nämlich. Es ist seit Jahren weltweit der größte Investor. Und was soll China passieren? Daß der Kapitalismus endgültig zusammenbricht? Dreimal gelacht.

Gut, weit gegriffen, ich weiß. Diese Vernebelung der Geister war und ist aber in jedem Fall - und diese These paßt mit Gewißheit - Folge einer ideologisch-politischen Maßnahme des Zerreißens aller Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, und diese politische Naivität, deren bösartiges Gesicht einmal auch für Wohlstandsbäuche bedrohlich (aber noch nicht mehr) wurde, dominiert nach wie vor. Denn nur wer Ursachen von Wirkungen (in falschen Theorien) trennt, kann sie politisch zur Bekämpfung freigeben.

Dies betrifft weltweit die Grundlagen des Menschseins (nach dem Mechanismus, dem Subjektivismus der Entwertung der Gestalten über die Geschlechterfrage zur Gottesfrage), indem man auf diesem Weg die Existentialität des Menschen zu manipulieren sucht. Die Ausweglosigkeit, in die man den heutigen Menschen hineinmanövriert, ist ganz klar absehbar, und wird sich in gewaltiger Irrationalität Luft verschaffen. Das kann gar nicht anders sein.

Aber nun EB Zollitsch - wobei: Was mir an seiner Stellungnahme ebenfalls nicht gefällt sind diese "flinken Vertreterbeine": als wollte die Kirche nun rasch den Fuß in die Tür kriegen. Das war auch im Wirtschaftsgeschehen verräterisch.

... Der Neoliberalismus sei an seine Grenzen gestoßen und in seiner radikalsten Ausformung in den USA bereits am Ende angekommen. Ein Kapitalismus, der allein auf Wachstum setze und die soziale Komponente vergesse, sei zum Scheitern verurteilt. „Wenn ich Geld anlege und hoffe 15 oder 25 Prozent Gewinn zu machen, dann muss ich mich fragen, woher der Gewinn kommen soll. Den muss ein anderer bezahlen. Diese Gier ist so ins Maßlose getrieben worden, dass wir jetzt diesen gewaltigen Einbruch erleben“, sagte der Freiburger Erzbischof.

„Es waren ja nicht nur die Manager, die große Gewinne machen wollten. Es hat sich ja auch die breite Bevölkerung darauf eingelassen, daß man tatsächlich 15 oder 25 Prozent Gewinn machen könnte: Die Gier ist eine Untugend und eine der Hauptsünden, die nun die breite Bevölkerung erfasst hat. Darum ist es wichtig, dass wir uns alle gemeinsam besinnen und nicht nur darauf aus sind, möglichst viel Gewinn zu machen, sondern dabei auch immer an die anderen denken.”

Es sei wichtig zur Besinnung zu kommen und zu der Erkenntnis: „Geld ist nicht alles, die Vermehrung des Gewinns ist nicht alles“. Im Blick auf die Krise der Banken sieht Zollitsch das große Problem darin, dass keine Bank der anderen Bank mehr Geld ausleihe. Das bedeute, dass das Vertrauen zerstört sei. Inzwischen hätten auch Banker begriffen, dass Management allein nicht ausreiche, sondern Glauben und Vertrauen die Basis soliden Wirtschaftens sei.




*030109*

Freitag, 2. Januar 2009

Einen Weg der Katharsis finden

Wenn die Dichtung (als einzige Kunstform hat sie die Gegenwehr gegen den Irrtum in der Hand, das Wort) es nicht schafft, sich die Gesetze des Schönen wieder zurückzuerobern, und sohin zur wirklichen Handlung zu finden, wird dies die Weltgeschichte selbst übernehmen. Denn die Kräfte der Menschen und der Welt werden sich ihren Weg der Katharsis suchen.





*020109*

Immer sich selbst gespielt

Volker Schlöndorff im Interview: "Viele Filme sind nicht Filme MIT Schauspielern, sondern Filme ÜBER Schauspieler, Dokumentationen gleich. Schauspieler wie Romy Schneider waren gar keine "großen" Schauspieler, das würde ich so nicht sagen, sondern sie hat alles in Bezug auf sich gesetzt und war mit einem Magischen Moment ausgestattet, das gerade in der Kamera - (während im Filmgeschehen den Phänomenen der Seele ohnehin völlig neue Interpretationen verschafft werden) - so hervorragend wirkte. Romy blieb immer sie selbst, war immer sie selbst, und das berührt einen, weil sie auch tiefste, intimste Seelenregungen in ihr Gesicht ließ.

Dustin Hofmann - mit dem habe ich gedreht, nicht aber mit Romy, die dann zum Schluß schon so neurotisch war, daß uns das in "Die Fälschung", wo es um diese Frage ging, zu riskant war - als anderes Beispiel ist wiederum einer von jenen, die mit einer ungeheuren Wandlungsfähigkeit ausgestattet sind. Er ist auch wirklich ein Charakterdarsteller, viel mehr als ein Star. In "Marathonman" z. B. hat er darauf bestanden, daß ihm der Zahnarzt wirklich die Wurzel anbohrt - er wollte den Schmerz spüren, nicht nur so tun als ob."
 

(Sinngemäße Wiedergabe)




*020109*

Donnerstag, 1. Januar 2009

In testimonium fidei

Ich selbst habe verschiedentlich Zweifel an der Heiligsprechung von Edith Stein dahingehend vernommen, als das Sterben am Judentum unter den Nazis kein Sterben "in testimonium fidei" gewesen sei. Auch manche Äußerung Johannes Pauls II. konnte dahingehend gedeutet werden. Das wäre an sich stichhaltig, denn es wäre im strengen Sinn nicht möglich, an Umständen wie jenem, Jude zu sein, ein Martyrium im eigentlichen Sinne zu erleiden.

Wäre Edith Stein nicht aus ganz anderen Gründen verhaftet worden. Denn mit 26. Juli 1942 hatten sich die niederländischen katholischen Bischöfe in einem bewundernswert klaren Hirtenbrief gegen die (geplante) Ausschließung der Juden vom öffentlichen Leben, deren Verschleppung usw. ausgesprochen. Als Racheakt verhaftete daraufhin die Gestapo viele derjenigen Katholiken und Kleriker bzw. Ordensangehörigen, gegen die gesetzliche Handhabe vorlag - z. B. als konvertierte Juden.

Edith Stein selbst hat übrigens immer die Verfolgung der Juden in einem Zusammenhang mit deren historischer Schuld - der Kreuzigung und Leugnung Christi - und dem daraus erwachsenen Fluch gesehen. Was natürlich niemals dessen Rechtfertigung bedeutet. Einmal schreibt sie sinngemäß, daß es wohl richtig sei, daß Kain verfolgt würde. Wehe aber dem, DURCH den er zu Schaden komme (hier: die Nazis, das Deutsche Volk). Man fand in ihren Schriften ein Bildchen, auf dessen Rückseite eine Aufopferung ihres Lebens für die Bekehrung der Juden niedergeschrieben stand.

Aber weil ich es für wesentlich halte - und zwar als historischen Faktor, denn die wahren Kämpfe sind nicht die in großem Lärm - noch die Abschrift einer Bitte an ihre Priorin: Liebe Mutter, bitte erlauben Euer Ehrwürden mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten, daß die Herrschaft des Antichrist wenn möglich ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die zwölfte Stunde ist. Ich weiß, daß ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und er wird gewiß in diesen Tagen noch viele andre dazu rufen. (Passionssonntag, 26. III. 1939)



*010109*

Die Teilung der Erde

Zum Zusammenfall von künstlerischem Ideal und jener Armut, wie sie den eigentlichen Weg des Kreuzes bedeutet, auch dieses Gedicht, von Schiller 1795 verfaßt:


"Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. "Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein."

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: "Der Zehente ist mein."

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern';
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn.

"Weh mir! so soll ich denn allein von allen
vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?"
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.

"Wenn du im Land der Träume dich verweilet,
Versetzt der Gott, "so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?" -
"Ich war," sprach der Poet, "bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
berauscht, das Irdische verlor!" -

"Was tun?" spricht Zeus. "Die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein."





*010109*

Opera maxima

Ich glaube es ist Carl J. Burckhardt, der "La Divina Comedia" des Dante Alighieri als die umfassendste Ausfaltung abendländischer Weisheit bezeichnet, und ich glaube es ist Goethe, der die Ilias des Homer als die umfassendste Darstellung menschlicher Möglichkeiten bezeichnet, die wir in der Literatur besitzen. Alle andere Literatur sei nur noch Ausformung von mehr oder weniger großen Kapiteln oder Episoden daraus.




 *010109*

Armut als Haltung

Man mißversteht das "Kreuz", wenn man es mit "Leiden" gleichsetzt. Edith Stein nennt deshalb in "Die Kreuzeswissenschaft" das Leiden lediglich "Hilfsmittel." Ja, Kreuz bedeutet die Bereitschaft zur Entfaltung des Seins zum Seienden hin, der eigentliche Auftrag des Menschen im Selbstdialog Gottes, den Schöpfung darstellt. Wo Gott sich in sich selbst liebt, weil herausstellt, und den Menschen daran teilhaben läßt, neben ihm, und doch nur aus ihm.

Wir töricht also fast alles, was man zum Thema Armut und Armutsbekämpfung hört! Fast ausnahmslos hat dieses Reden den Charakter der Kreuzesvermeidung - nicht einmal den der Hilfe, Kreuz zu tragen (das im Gegenteil eben wieder mit Leid und Leidvermeidung identifiziert wird.)

"Der Mensch stirbt nicht vom Gift, 
er stirbt auch nicht vom Tod,
er stirbt vor lauter Todesangst, 
er stirbt, wenn man ihm droht," 

singt Arik Brauer einmal. 

Und so ist es auch im Kreuz: Es bedeutet letztlich die bloße Bereitschaft - und hier muß und kann man vom eigentlichen Geheimnis und Fruchtbarkeit der Armut sprechen - alles aus der Hand und in die Hand Gottes zu geben. Alles dem Sein zu überantworten, ohne diese Deutung als simple Passivität ausgelegt zu erlauben.

Das ist nicht Fatalismus, sondern Armut als Weg zur Freiheit. Und es ist diese Armut der Kreuzesannahme.

Diese Armut als vollendete Haltung der Kreuzesannahme ist das Geheimnis Christi in dieser Welt. Sie bedeutet nicht einmal "Güterlosigkeit." Sie bedeutet lediglich das Ja zum Kreuz, zugleich die freie Annahme der Gesetzlichkeiten, die anerkannte bis zum Tode gehende (weltliche) Ernsthaftigkeit sohin, in Erfüllung des Standes, in welchem man steht.




*010109*

Frausein als erfüllte Hingabe

Edith Stein zum Wesentlichen des Frauseins: "Sich liebend einem anderen Wesen hinzugeben, ganz eines anderen Eigentum zu werden und diesen anderen ganz zu besitzen (im Sinne von: ganz von ihm im Erkennen durchwirkt sein; Anm.) ist tiefstes Verlangen des weiblichen Herzens. Darin faßt sich die Einstellung auf das Persönliche und auf das Ganze zusammen, die uns spezifisch weiblich erscheint."

"Wo diese Hingabe einem Menschen gegenüber erfolgt, ist sie eine verkehrte Selbstpreisgabe, eine Versklavung und zugleich ein unberechtigter Anspruch, den kein Mensch erfüllen kann. Nur Gott kann eines Menschen Hingabe ganz empfangen und so empfangen, daß der Mensch seine Seele nicht verliert, sondern gewinnt."

"Darum ist die restlose Hingabe, die Prinzip des Ordenslebens ist, zugleich die einzig mögliche, adäquate Erfüllung des weiblichen Sehnens."




*010109*