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Freitag, 5. März 2010

Alles zu verlieren

Solon (Bild) gab den Athenern 593 v. Chr. ihr erstes Grundgesetz. Denn das Land hatte sich über die Jahrhunderte seit der Landnahme durch die Dorer (um ca. 1000 v. Chr.) auf eine Weise entwickelt, die es in eine veritable Krise geführt hatte: wenigen Reichen standen zunehmend verarmte, tief verschuldete Bauern, wenn nicht bereits Schuldsklaven gegenüber. Das Handwerk versiegte, das Land verödete. Das war auch den Reichen nicht recht, und sie suchten den Dichter auf, er möge - bei grenzenloser Vollmacht - das Land retten! Und das tat der weise Mann.

Er regelte tatsächlich die Grundgesetze Athens völlig neu, und das kostete die Reichen größte Teile ihres Vermögens - aber die Staatsgesinnung war höher, sie stimmten im Interesse eines gedeihlichen Ganzen zu.

Eine seiner bewundernswertesten Bestimmungen aber ist gewiß jene, dergemäß in den Abstimmungen jeder Athener für Ja oder Nein stimmen MUSZTE. Tat er das nicht, verlor er das Bürgerrecht. Damit konnte sich keiner aus der Verantwortung stehlen!

Und in einem weiteren bemerkenswerten Gesetz verankerte er die Verantwortung der Bürger: Staatsämter durften nur von Bürgern eingenommen werden, die Vermögen besaßen.

Weil es sich die Reichen richteten?

Das ja genau eben nicht.

Solon wollte aber unbedingt vermeiden, daß Leute Staatsangelegenheiten entschieden, die nichts zu verlieren hatten! Oder die mit dem Amt ihre Stellung erst begründen mußten!

Nur wer einerseits bereits Eigentum besitzt, wer so in die Volksgemeinschaft wirklich eingebunden und verwurzelt ist, daß der Zerfall des Ganzen ihm auch wirklich schadet, kann und wird auch verantwortlich handeln, weil er für das Wohlergehen seines Besitzes zu sorgen hat. Und anderseits sollte sich niemand bereichern wollen oder müssen. Sein Selbstwertgefühl sollte möglichst gesättigt, seine Stellung im Volk bereits ausgeprägt, seine Karriere beschlossene Sache sein - damit nicht persönlicher Ehrgeiz ihn treibe.

Es geht (und ging Solon) nur noch um eine ausgewogene Gewichtung der einzelnen Stimmklassen und Interessensgruppen. Das ging so weit, daß Kriege, die alle betrafen, auch nur durch alle beschlossen werden konnten.

Ein weiser Mann. Das zeigte sich bis zuletzt: Man nahm alle seine Gesetze an, und schwor in einer Volksversammlung, nichts ohne seine Zustimmung zu ändern.

Als dies geschehen war, verließ Solon Athen.




*050310*
  

Donnerstag, 4. März 2010

Von der Hure zur Ehefrau

Zumindest der Gedanke ist interessant - ob er historisch in diesem Zusammenhang ganz exakt so gewesen ist, mag man bezweifeln, J. J. Bachofen verhält sich zuweilen eher frei Chroniktafeln gegenüber. Aber das spielt auch keine Rolle, wenn der Grundgedanke hält. Und an dem scheint manches Brauchbare, Erhellende.

Bachofen sieht das Fortschreiten zum Patriarchat (freilich schon in dieser zeitlichen Abfolge, generell als Menschheits- und damit anthropologisch verankertes Schicksal, mag man Suppenhaare finden) nicht nur als sittliche Höherentwicklung, sondern er meint zuvor zwei Stufen zu ersehen: die Gynaikokratie der Einehe, als unmittelbare Stufe VOR dem Patriarchat, und davor liegend - die Hetärokratie (Wortschöpfung von mir).

Jene Phase also, wo - "in Analogie zum Sumpfe, aus dem ungeformt das Leben sich erhebt" (Bachofen) - jede Frau, jedes Mädchen sehr promiskur mit ihren körperlichen Freuungen umging. Daß es solche Phasen gab, zumal in Italien, zumal in Kleinasien (unter anderem in Lykien), scheint ziemlich unwiderlegbar, auch andere (zum Beispiel B. Franz Altheim in seinen Studien zur Frühzeit Roms) beziehen sich darauf. Die Altrömer selbst - als Abspaltung der Etrusker - erhoben sich ja genau daraus (übrigens: auch aus den Sümpfen ...), und sie taten es im formal (nicht praktisch!) strengsten Patriarchat (als Prinzip der Gestalt), das historisch belegbar ist.

Bachofen aber, und darauf soll das hier hinaus, erzählt noch etwas anderes: er deutet die fast immer und fast überall in der Menschheitsgeschichte per Gesetz sehr streng gehandhabte Sitte der Mitgift als Vorbedingung der Überwindung der Hetärenphase, ja darin liegt ihre Begründung bis heute.

Denn erst die Mitgift erhob das Mädchen (die Frau) zur Unabhängigkeit vom Liebesdienst, der ja selbst als Tempeldienst dotiert war. Sogar das Erbrecht für Vermögen in der Gynaikokratie, die ja (bei den kleinasiatischen Türken übrigens bis heute) über die Frau läuft, könnte, so Bachofen, darin ihren Sinn finden: als Hebung der inneren Reinheit und Würde (Zitat: Bachofen) der Frau. Bachofen geht sogar soweit, die Mitgift als Beweis dieser gynaikokratisch-hetärischen Form zu werten.

Erst in dieser Stufe und Kulturtat auch, werden Kinder von apatores (Vaterlosen) oder polypatores (von vielen Vätern) oder gar spurii (Gesäten) - zu Kennern ihres Vaters, erst hier beginnt die Ehelichkeit der Geburt eine Rolle zu spielen.

In der Mitgift aber, und das dürfen wir festhalten, wird tatsächlich jeder hetärische Gedanke aus der Ehe verbannt.

Die Morgengabe, in Österreich erst 2008 als "totes Recht" (man beachte in diesem Zusammenhang die Aussage dieses Schritts!) abgeschafft, sollte ja genau demselben Zweck dienen: jeden Anflug von Prostitution aus der Ehe durch einen Beitrag zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frau zu verbannen). Sie dient somit der Würdigung der Frau, von der Hetäre zur Partnerin. Bleibt sie aus, wird die Frau in eine schlechtere Stellung dem Manne gegenüber im Rahmen der Erwerbsgemeinschaft Ehe entlassen.




*040310*

Mittwoch, 3. März 2010

Fehlender Mannesmut

"Schlecht am Militarismus ist, daß er das Gros der Männer zahm und furchtsam und über Gebühr friedfertig werden läßt. Je mehr die allgemeine Tapferkeit in einer Gemeinschaft abnimmt, umso mehr Macht erringt der Berufssoldat. 

So wurde die Prätorianergarde in Rom immer wichtiger, je mehr Rom dem Luxus verfiel und ermattete. 

Die Militärs übernehmen in dem Maße die zivile Macht, wie die Zivilisten die kriegerischen Tugenden einbüßen. Und wie damals im antiken Rom, so geht es auch im heutigen Europa zu. 

Nie waren die Nationen militärischer als heute. Nie waren die Männer weniger tapfer. Alle Zeitalter und alle Epen künden von Waffen und von Mannesmut; wir aber haben in eine den Verfall der Mannhaftigkeit und eine phantastische Perfektionierung der Waffen erreicht. Der Militarismus war Zeichen für den Verfall Roms, und er ist Zeichen für den Niedergang Preußens."



G. K. Chesterton im Jahre 1905

Dienstag, 2. März 2010

In sich vergeblich

Ein schönes Bild des Lebens, eine der zahlreichen ernüchternd  realistischen Allegorien der Antike für die Vergeblichkeit irdischen Strebens: Oknos, der Seileflechter, in dessen Händen die Vielfalt der irdischen Stoffe zu einem (kunstvollen) Ganzen geflochten wird, das aber doch nur ... von der närrischen Eselin sofort wieder vernichtet wird.

Es ist, darin sind sich alle Deuter einig, nicht zufällig, weil immer ein weiblicher Esel, und ebenfalls nicht zufällig weil immer ein Mann, der flicht.

Im ersten Bild (Museo Pio Clementino) zeigen sich noch die Mühen im Leben, im zweiten die Ruhe des Alten, dem die Welt im Tod ruhig geworden ist (aus einer Grabkammer in der Villa Doria Pamphili).




 *020310* 

Montag, 1. März 2010

Von sich fälschlich ausgehend

Gerhard Ritter reagiert in seiner Biographie Carl Goerdelers (1884-1945, hinger.), das ein Buch über die deutsche bürgerliche, konservative Widerstandsbewegung gegen Hitler ist, auf Kritik an seiner Goerdeler (und seine Kreise) verteidigenden Grundhaltung. Darin wird nämlich das Dilemma bürgerlich-konservativer Grundhaltung deutlich: als Tragik, aufgrund eines in sich unlösbaren Widerspruchs zwischen Konstruktivität, Volksliebe und -treue, nobel-diskreter, ja gebotener, christlicher "bona fide", und einem ab einem gewissen Punkt dennoch erstehenden Gebot, einer also erst ab einer bestimmten Grenze erstehenden Verantwortung, zu handeln.

Goerdeler war ja im Plan des Putschversuches vom 20. Juli 1944 als Reichskanzler vorgesehen, hatte sich aber zuvor lange einem Umsturz verweigert, der eine Tötung Hitler's verlangt hätte.

"Nichts liegt mir in Wahrheit ferner als der Wunsch, sie möchten Revolutionäre gewesen sein, dämonische Naturen von der Art Hitlers, denen jedes Mittel recht war im Kampf um die Macht. Denn was hätte Deutschland und die Welt damit gewonnen, wenn das Hitlerregiment durch Kräfte gestürzt worden wäre, die ihm irgendwie wesensgleich waren? Es hätte nichts weiter bedeutet, als daß der Satan von Beelzebub verdrängt wurde. Ganz gewiß war es nicht die Aufgabe der deutschen Widerstandsbewegung, Revolution zu machen, sondern im Gegenteil:

einem revolutionären Treiben, das die ganze Welt ins Unheil stürzte, schleunigst ein Ende zu machen. Man kann auch sagen: streng gesetzliche, meinetwegen bürgerliche Ordnung an die Stelle von mörderischer Willkür und ewig gärendem Chaos zu setzen. Was Deutschland nach dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft brauchte, waren nicht neue Machtmenschen, sondern Männer, die allgemeines Vertrauen verdienten - Vertrauen im Inland wie im Ausland. Die Träger des Widerstandes durften also nicht Ehrgeizige sein, denen es primär auf die Erringung der Macht ankam, sondern Patrioten, in denen das sittliche Gewissen alle anderen Stimmen übertönte: gewissenhafte, rechtlich gesinnte Idealisten, die bewußt ihr Leben für Freiheit und Ordnung aufs Spiel setzten. Andernfalls hätten sie ihre historische Mission verfehlt.

[...] Noch einmal: nicht darin sehe ich den entscheidenden Einwand gegen die Politik Goerdelers, daß er nicht Revolutionär und hemmungsloser Machtpolitiker gewesen ist, sondern darin, daß er die Dämonie seiner Gegner und wahrscheinlich auch die politische Blindheit der Massen des deutschen Volkes unterschätzt, überdies die politische Weitsicht und Handlungsfreiheit ausländischer Staatsmänner erheblich überschätzt hat. Praktisch bedeutet dies vor allem: daß er nicht rechtzeitig die eiserne Notwendigkeit erkannt hat, den Tyrannen gewaltsam aus dem Wege zu räumen, sondern fast bis zum letzten Augenblick sich dagegen sträubte.

[...] Die deutsche Widerstandsbewegung ist niemals ein echter Machtkampf gewesen - einfach deshalb nicht, weil sie zwangsläufig machtlos war. [...] Sie war ein reiner Aufstand des Gewissens, und eben darin liegt ihre geschichtliche Bedeutung."