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Dienstag, 12. Januar 2010

Der völlige Auseinanderfall

Man bezeichnet den Barock gerne als letzte gesamteuropäische Kulturepoche. Nun, das stimmt auch wohl.

Aber betrachtet man seine Formensprache genau, so könnte einen der Verdacht beschleichen, daß der Barock - in seinem Explizitmachen, seiner Verbalisierung alles dessen, was zuvor immanent war, in seiner Liebe zu Allegorien - erschreckend deutlicher gesamteuropäischer Ausdruck der Entfesselung alles zuvor Gebundenen, in "intaktem" Zustand also Schweigenden ist.

Aufgestachelt durch die Reformation, in einem Atemzug mit der Gegenreformation ausgeblüht, ließ sich das allem Ganzen innewohnende Immanente plötzlich in seiner Vereinzelung - als Ding, das auch außerhalb seines Sinnbezuges wirken könne - erfassen, begann (und vermutlich, wie nämlich immer, das bereits Fehlende oder Bedrohte) plötzlich zu sprechen. Als Hauch der heraufziehenden Pest, zum tödlichen Keuchhusten gesteigert, wie ihn die Aufklärung sinngemäß bedeutet, die den Hammer der Zertrümmerung darstellt.

Unbedingt dafür spricht, daß nicht nur nach dem Barock Europa definitiv zerfiel, daß mit ihm die Europa noch einen sollende Reichsidee endgültig zerbrochen war (zu Tode gekommen durch ... französische Politik, die nur dadurch Frankreichs Bedeutung erhöhen konnte, daß Europa als Reich unter einer Reichskrone verhindert wurde, fixiert im Westfälischen Frieden 1648) sondern - betrachtet man den französischen Barock als Übersteigerung des Barock, so deutet sich darin sogar bereits die Französische Revolution an: die Explosion des Gefüges.

Und die Entwicklung des Theaters - losgetrennt von allem Kult - als Verbalisierung reiht ihn in kulturelle Gesamtentwicklungen ein, die die Literatur als Ausdünstung geistigen Todes entlarvt.


*120110*

Der Tod der Liturgie

Pindar reißt das Recht auf gültige, auf heilsbringende Weltdeutung wieder an sich, gegen den Rationalismus der Zeit, gegen dessen neue, aber unfruchtbare Schöße der Sinngebung.

So begreift man ihn, folgt man Borchardt's Schrift über dessen Gedichte, liest sie in Borchardt's Übertragung. Pindar hat sich damit - restaurativ, aus großer Kraft, aber auch: das letzte Mal - gegen die Trennung der poetischen Kunst als formale Sprachkunst an sich gewehrt, die sich in der aus Asien rückgewanderten Homerischen Symbolik über die ursprüngliche, aus den tiefsten Wurzeln des Menschseins, das mit der Landschaft, dem Boden verwurzelt, aus diesem, diesen deutend, erquollen ist, das religiöses (und in der Lyrik Liturgie gewordenes) Empfinden und Weltdeuten war. In der konsumableren, zum Buch (das im Ältesten Griechischen als "Sammlung" bezeichnet war: Sammlung der Lieder, der Poesie) "Literatur" aber bereits zur Unterhaltung abgesunken war.

"Es ist der höchste Anspruch, mit dem die Poesie je aufgetreten ist, seit sie in Urzeiten mit aller Vorstufe der Kultur verschwistert in der gleichen Knospe gelegen haben mag: heilige Enzyklopädie zu sein, von ihrer Basis aus das Weltall zu setzen und zu deuten; erst Dante und Goethe haben wieder wie der Thebaner das Recht auf die dichterische Summe als höchste Instanz der Zeit an sich gezogen, und sie setzen bereits unbewußt das Pathos des musischen Primates voraus, das sich aus Pindars hallenden Stuhlbesteigungsworten ätherhaft durch die ganze Antike verbreite hatte."

Für Pindar waren die Götter- und Heldengeschichten unmittelbar, reale Erfahrung - nicht symbolische Geschichten geworden, die in sich bereits ein Gemengelage an Deutung und Interesse der Zeit vermischten. Seine Lyrik war noch einmal der Versuch, nein: das reale Aufflackern, das Auflodern, einer Poesie der Verbindung von Gott und Mensch.

Historisch erfaßbar, verstehbar weil nachvollziehbar - und verifizierbar, weil wiederholt, vorhersagbar: "Der Sieg der Demokratie ist hier wie in Mittelalter und Neuzeit das Ende der Poesie. Was übrig bleibt, hier wie dort, ist Literatur, die der neuen Gesellschaft das Bild ihrer Misere liefert, und Romantik, die das der alten rekonstruiert, bis die Geschichte den Volkskehricht in die Sklavenecken neuer Herren räumt."

Borchardt faßt damit tief in die Wurzeln einer Liturgie, einer Religiosität - die den Begriff des Sakraments nicht kennt, aber mehr als ahnt: um ihn bereits weiß. Und das erst im Sakrament aber in sich diesen Anspruch auf Poesie, auf den Kreuzungspunkt von Ewigkeit und Geschichte, wie eine Erfüllung alter Menschheitssehnsucht real macht, aus dem bloß Aktualistischen des Erlebens des Moments aus dem Menschen selbst, aus seiner Brüchigkeit wie Flüchtigkeit, ins Wirkliche, Dinghafte heraushebt.

Pindar selbst wehrt sich entsprechend noch vehementest gegen Tendenzen, die diese Sakralität zur Sakramentalität heben wollen, die diese Grenzen (die, natürlich, gar nicht mehr wirklich zu ziehen ist, die nur noch in Sehnsucht und unerfülltem Drang verharrt) überschreiten wollen. "Weiter nicht - dünkle nie dich, Gott zu werden." Denn längst belegen unteritalische Schriftfunde, was da ausgelöst war: "Seliger, ein Gott geworden aus Sterblichem"; oder: "Du ist nun Gott, der du Mensch gewesen", "Du bist schon Gott: suche den Rückeingang zu den Göttern".

Dasselbe übrigens, zu dem die Katholische Liturgie seit vierzig Jahren implizit tendiert, zu dem sie (außerhalb der Ränder der Dogmatik allerdings) alle Tore aufgerissen hat, indem sie den Menschen selbst als Vollzieher der Sakramente bedeutsam machte, ihn faktisch damit vergöttlichte, worauf sich im nächsten Schritt das Sakrale auflöste ...




*120110*

Wozu Literatur?

Rudolf Borchardt schreibt an einer Stelle:

"Das alte Helenenvolk, das unter dorischer Vorherrschaft, nach Überfärbung Makedoniens und des aeolischen Theassalien und Boeotien, Mittelgriechenland besiedelt, den Peloponnes erobert, Athen gebrochen und schließlich bis zu Leuktra und Mantinea kraftmäßig das Festland gewaltet hat, das dorische, ist durch Ionien in die Abwehrformen starren Schweigens gedrückt worden und hat keine Literatur, denn Literatur haben hieß sich aufgeben.
Sparta schweigt und handelt [...] während Athen für alles Griechische das Wort prägt und führt, auch, und das ist die Tragik der Geschichte, für den lippenstrengen Feind und endlichen Bezwinger."

Auch die Geschichte der französischen Troubadoure - der ersten Formen dokumentierter poetischer Kunst außerhalb des Religiösen - zeigt: Schriftlichkeit trat erst in dem Augenblick ein, wo die Tätigkeit erstarb, von ihrem wirklichen Lebensquell abgeschnitten war.

Wie im alten Griechenland, war auch in Frankreich Aufzeichnung (außerhalb des Kultes) nur eine Angelegenheit des Arbeitsbehelfes - der nebensächlich behandelt, ständig verändert, angepaßt, erweitert, gekürzt wurde, und unter Kollegen blieb - der Sänger und Spielleute. Erst als sich diese so alltäglich eingebundenen Formen totgelaufen hatten, kam es zur Entwicklung einer eigenen literarischen Kunst "für sich".

Nimmt man Homer's Ilias oder französische Literatur - bei beiden hat sich die resultierende, später "siegende" Literatur (in Frankreich: die der militärisch überlegenen Franken) aus zahllosen Überlagerungen, aus persönlichen, politischen oder karrieretechnischen Motiven, aus Reaktionen auf Publikumsgeschmack etc. mehr oder weniger angepaßt, eingeschmiegt. Aber die wirkliche Verbindung mit den Volkswurzeln - also das, was man im besten Sinnen nur als "Nationalliteratur" bezeichnen kann - war oft genug abgetrennt. Die Funktion der Literatur veränderte sich.

Sie wurde zu einem im Leben selbst funktionslosen Ersatz für ungelebtes Leben.




*120110*

Gnadenlos

Frage in einem Zeitungsforum:


"Wann gibt es endlich eine DVD von Mitten im Achten, mit allen Folgen, mit Bonusmaterial sowie allen Hoppalas und dem Making Off?"

Antwort eines Posters:

"Sie haben doch zugesehen? Das Gesendete WAR bereits das Bonusmaterial, das Making-Off, und vor allem: alles an Hoppalas. Das Making Off also können Sie sich vorstellen!"

(Anm.: Mitten im Achten war eine vom Österreichischen Rundfunk ORF 2007 produzierte Daily Soap mit Comedyanspruch, die gnadenlos durchfiel, und nach wenigen Monaten mangels Zuschauerbeteiligung eingestellt wurde.)




*120110*

Charakter mehr, denn alles andere

"In großen Situationen entscheidet Charakter mehr als Geist und Wissen: man kann Anderer Geist und Wissen benutzen und muß ihn wegen der menschlichen Beschränktheit benutzen, aber den Charakter eines andern kann man sich nicht aneignen, wohl sich ihm mit Aufopferung aller Selbständigkeit unterwerfen ... Es war diese Charakterstärke, die man Enthusiasmus nennt ... 

Lebet der Mann, der sich durch die Natur zu einer großen Laufbahn berufen fühlt, inmitten der Weichlichkeit oder unter Kleinlichen, so kann er nur dann sich erhalten und diese Charakterstärke entfalten, wenn er sich mit den großen Männern der Geschichte umgibt und sich durch ihre Vorbilder gegen die zerstörenden Eindrücke verderbter und kleiner Umgebungen schütze: Religiöse Sittlichkeit und Vaterlandsliebe sind die einzigen nicht zu erschütternden Träger des Charakters."
(Freiherr H. vom Stein)




*120110*

Die Energiestudie des Eberhard Wagner

Man weiß, was man sich schuldig ist ... als Eberhard Wagner. Der deutsche Energiepublizist Dipl. Ing. Eberhard Wagner - mit dem Autor dieser Zeilen weder verwandt noch verschwägert noch persönlich bekannt - hat auf http://www.energie-fakten.org/ mehrere bemerkenswert prägnante Artikel zur Energieversorgung, besonders unter Bewertung des Aspekts der "Regenerativ-Energie", verfaßt. Die interessante Einblicke in reale Fragestellungen der Problematik bieten und andeuten, womit unter anderem eine Erfüllung der so häufig zu hörenden Forderung nach "erneuerbarer Energie" real zu kämpfen hat. Und was damit alles zusammenhängt. Wer dächte daran, daß z. B. ein deutlicher und rascher Ausbau der Windkraft derzeit gar nicht möglich ist, weil die zusätzliche Kapazität an eingespeister Energie die Gesamtversorgung ... gefährdet, ja zusammenbrechen lassen könnte?

In der Bewertung der Studie "Energiewirtschaftliche Planung für die Netzintegration von Windenergie in Deutschland an Land und Offshore bis zum Jahr 2020 (dena-Netzstudie)“ kommt Wagner nämlich zu folgenden interessanten Schlüssen:
  1. Eine erhebliche Nutzung erneuerbarer Energien ist ohne das Vorhandensein eines großen konventionellen Kraftwerksparks und eines leistungsfähigen Übertragungsnetzes zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit nicht möglich.
  2. Bereits 2003 wurden diesbezüglich kritische Werte erreicht: Bei hoher Windstromerzeugung infolge Starkwinds wurden regional die Stromübertragungsanlagen an der Grenze ihrer Kapazität betrieben. Bei der kleinsten zusätzlichen Störung hätten großflächige Abschaltungen eintreten können. Diese Situation hätte sich kaskadenartig weiter ausbreiten können. Wenn zusätzliche Windkraftanlagen installiert werden sollen, ist ein Ausbau des Stromnetzes zwingend erforderlich.
  3. Das ursprünglich zu untersuchende Ausbauszenario mit einer installierten Windkraftleistung von 48.000 MW im Jahre 2020 ist aus versorgungstechnischen Gründen nicht realisierbar. Während zahlreicher Stunden des Jahres wäre keine ausreichende Regelleistung in Gestalt konventioneller Kraftwerke am Netz, Versorgungsunterbrechungen wären vorprogrammiert.
In einem weiteren Artikel mit Bezug auf eine weitere europaweite Studie kommt der Namensvetter zu dem Schluß, daß zugleich eine Länderweise (was für Deutschland gilt, gilt für jedes andere Land gleichermaßen) autarke Versorgung mit "Regenerativ-Energie" nicht möglich ist: Sämtliche dieser Energiekonzepte bedürften also zumindest eines international "offenen" Versorgungsnetzes, das ausreichende Kapazitäten in den entsprechenden Leistungsmerkmalen besitzt, um die hohe Schwankungsbreite dieser Energieformen auszugleichen.

Gleichzeitig wäre aber auch diese weitere Vernetzung der europäischen Stromerzeugung keine Garantie für eine sichere Versorgung: Bei einer weiteren Steigerung der "unsicheren Energie" (v. a. Strom aus Windkraft) steigt (bei der derzeitigen Kraftwerksstruktur) unweigerlich die Gefahr einer "Stromlücke".

Liegt der Frequenzwert über 50 Hz, muss die Kraftwerksleistung vermindert werden. Diese Situation ist weniger problematisch.
Fällt die Frequenz dagegen unter 50 Hz, liegt ein Mangel an Kraftwerksleistung vor. Kann dieser Mangel nicht schnell ausgeglichen werden, z. B. durch schnell verfügbare Kraftwerksleistung (typisch aus Pumpspeicher-Kraftwerken) oder ist aufgrund von Engpässen im Netz eine Zuführung von Leistung aus anderen Regionen nicht schnell möglich, besteht die Gefahr, dass generell Last „abgeworfen“ werden muss; also einzelne Großverbraucher oder ganze Gebiete abgeschaltet werden müssen. In der Folge kann sich aus einem lokal begrenzten Lastmangelgebiet eine (auch europaweite) Großstörung entwickeln, gleichsam als Ergebnis einer Kettenreaktion. Beispiele sind die Störungen vor Jahren im Nordosten der USA, die Störung bei der Strom-Übertragung aus der Schweiz nach Italien und auch die große Störung, die durch das Abschalten einer Leitung über die Ems anlässlich einer Schiffsüberführung eingetreten war.

Es gibt ja Stimmen die meinen, daß hinter der Lobby für Windenergie Atomkraftkonzerne stecken.

Übrigens ist der im Bereich Windenergie weltweit führende Konzern ... Siemens.




*120110*

Montag, 11. Januar 2010

So ist es eben, das Leben

In einer bewegenden öffentlichen Stellungnahme entschuldigt sich die Ehefrau des Nordirischen Premierministers Peter Robinson, Iris, für ihre "schweren Fehler," wie sie es bezeichnet.

Gemeint ist eine Affäre mit dem 19jährigen Kirk McGambley, den sie vor eineinhalb Jahren anläßlich eines Todesfalls in der Familie kennengelernt habe. Ursprünglich rein aus Sympathie, habe sie ihm Kontakte und Beihilfen vermittelt, um ihm die Gründung eines Unternehmens zu erleichtern. Plötzlich sei sie mitten in einer ausgewachsenen Affäre gestanden, schreibt Iris Robinson, - u. a. in BBC-News nachzulesen. Mit der Gewissenslast sei sie schließlich nicht mehr fertiggeworden.

Ihre Anfälligkeit für solch einen Fehltritt, der ihr Leben völlig aus seinen Bahnen werfen hätten können - das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder - entschuldigt die attraktive 60jährige (sic!) mit einer fast ihr ganzes Leben bereits andauernden Krankheit, von der aber kaum jemand gewußt hatte. Und die sich in schweren Depressionen ausgewirkt hätte.

Nach dem gescheiterten Selbstmordversuch im März 2008 habe sie auch ihrem Mann ihre Verfehlungen gestanden.

"Ich verdiene keine zweite Chance," meint sie zerknirscht. "Aber ich habe sie erhalten, dafür kann ich nur dankbar sein."

Ihrem Mann, dem Prime Minister, bricht ihre Affaire - vor allem aber die unsaubere Optik aus der finanziellen Hilfe, es waren angeblich auch öffentliche Gelder im Spiel - politisch möglicherweise das Genick. Sie selbst, ebenfalls Parlamentsabgeordnete, hat bereits eine weitere politische Tätigkeit nach Ablauf dieser Legislaturperiode ausgeschlossen.

Die private Situation aber hofft sie noch retten zu können.




*120110*

Sie sind wie wir

Je mehr ich darüber weiß, desto spannender wird das, wie sich hinter diesem ganzen Schleier der Exotik dann doch Dinge und Verhaltensweisen verbergen, die uns sehr ähnlich sind. Obgleich sie so weit weg waren und eine ganz eigenständige Entwicklung hatten, sind die Maya zu den gleichen Schlüssen gekommen, standen sie vor den gleichen Problemen wie wir auch. (N. Grube)

Der renommierte Maya-Forscher, der deutsche Alt-Amerikanist Nicolai Grube, zu den Maya, in der Presse:
„Die Presse“: Sagen die Maya den Weltuntergang voraus?
Grube: Das muss man differenzieren. Die Maya sagen den Weltuntergang nicht für 2012 voraus. Es gibt keine Prophezeiung zum Jahr 2012. Was es wohl gibt, das sind apokalyptische Vorstellungen, in der vorspanischen Zeit wie auch bei manchen modernen Maya. Vorstellungen, dass die Welt eines Tages untergehen wird. Aber die finden sich eigentlich bei allen Völkern und sind nichts Besonderes.

Gibt es dafür ein Datum?
Grube: Nein, Zeitangaben werden immer bewusst offen gelassen. Es gibt moderne Maya, die glauben, dass es konkrete Vorzeichen gibt, die den bevorstehenden Weltuntergang ankündigen und einleiten würden. Solche Prophezeiungen gibt es in vielen dörflichen Gemeinschaften, wo Menschen ihre traditionelle Lebensweise bedroht sehen und den Weltuntergang als Metapher verwenden für den Kulturwandel, dem sie unterliegen. Andere sagen nur, es sei sehr wahrscheinlich, dass die Welt eines Tages wieder untergeht, weil sie daran glauben, dass es eine Anzahl zyklischer Weltschöpfungen und Weltuntergänge gibt. All diese apokalyptischen Vorstellungen münden immer darin, dass es irgendwie dann doch weitergeht, mit einer neuen Zeit oder einer neuen Art von Menschen. Wenn man sich das Popol Vuh ansieht, die Heilige Schrift der Quiché-Maya, wird von vier unterschiedlichen Schöpfungen berichtet. Wir sind die vierte Schöpfung, die Maismenschen.

Woher kommt die Aufregung um 2012?
Grube: Diese Interpretationen beruhen auf der Erkenntnis, dass tatsächlich 2012 ein Zyklus zu Ende geht, der 13. 400-Jahres-Zyklus seit dem Nulldatum des Mayakalenders. Das ist tatsächlich eine wichtige Periode gewesen, keineswegs aber die letzte. Wir wissen aus Inschriften, dass die Maya davon ausgingen, dass nach dem 13. Zyklus der 14. kommt und dass der Kalender einfach weiter gezählt wird. Der Übergang ist mit der Jahrtausendwende vergleichbar. Aber es ist nicht das Ende der Zeit.

Was fasziniert Sie selbst an den alten Maya?
Grube: Als Kind hat mich diese exotische Zivilisation interessiert, über die man noch nichts wusste. Jetzt merke ich, dass das eigentlich Interessante ist, diesen exotischen Schleier zu lüften und darunter das zu entdecken, was die Maya mit uns verbindet. 

Wir haben hier eine Gesellschaft, die in der neuen Welt gelebt hat, völlig ohne Kontakt zu Gesellschaften in der alten Welt, nach Afrika, Asien oder Europa. Und man kann zeigen, dass Menschen offenbar überall auf der Welt, völlig unabhängig voneinander, zu ähnlichen Lösungen und Ideen kommen, in Bezug auf die Organisation von Gesellschaft, das Messen von Zeit, die Vorstellung von Göttern oder Schrift. Man kann durch den Vergleich zeigen, was Menschsein überhaupt ausmacht. Dazu kommt, dass wir mit Hilfe der Maya-Archäologie den modernen Maya, die ja heute am unteren Ende der sozialen Skala leben, eine Möglichkeit bieten können, sich wieder zu entdecken und an die Vergangenheit anzuknüpfen.




*110110*

Sonntag, 10. Januar 2010

Die lauten Ruf erklimpern

Künstlertum ist ein Lebensprogramm, und nur höchst sekundär eine Angelegenheit des Talents, wenn auch ohne Begabung undenkbar. Wer aber diesen Weg des "Mönchtums" (Zit. Doderer) nicht zu gehen bereit ist ... Hugo v. Hofmannsthal ließ sich nicht zufällig im Franziskaner-Habit begraben. (Er war Zeit seines Lebens Mitglied deren Dritten Ordens.) Wer nicht das Leben wirklich erforscht und durchlitten und überwunden hat, alles in den Dienst seiner Berufung gestellt hat, allem gestorben ist, um so alles wahrhaftig zu gestalten, wird (und wie erst sein "Werk") vom Wind verweht.

Sei mittelmäßig als Minister,
Als General, als Arzt, als Priester,
So bist du - was die mehrsten sind.
Sei mittelmäßig als ein Dichter,
So ist (die Nachwelt noch wird Richter!)
Dein Ruhm, dein Einz'ges - Spreu im Wind!
Und diesen Ruhm dir zu erstreben,
Mußt du von deinem kurzen Leben
Den schönsten Teil Gesängen [dem Eigenlob, der PR; Anm.] weihn.

Und bist du endlich durchgedrungen,
Hast deinen Namen [selbst! Anm.] groß gesungen
Und deine Pfleg' im Alter klein,
Was wird dir Ruhm und Nachruhm sein?
Glaubst du, der Dichter wird geboren?
Nein, Freund, der erste Funke nur,
Und, o wie leicht geht der verloren.

Ja hätte dir auch die Natur
Zu Iliaden Geist gegeben,
Du stirbst, ohn' Iliaden, hin,
Wenn du nicht durch das ganze Leben,
So wie Homer, mit offnem Sinn,
Die weite Welt und ihre Bürger,
Vom Grashalm bis zum Cederbaum,
Vom Hirten bis zum Völkerwürger,
Erforscht im Wachen und im Traum.

Wo nicht: Singst du vielleicht dem Ohr
Der Damen an den Toiletten
Von Grazien und Amoretten,
Von Venus und von Cypripor,
in feinen, reinen, kleinen, netten
Gesängen braven Schnickschnack vor.

Du kannst, gehüllt in blauen Dunst,
Dir freilich lauten Ruf erklimpern.
Denn, wie du siehst, ist manchen Stümpern
Dies eine federleichte Kunst.
Doch, nach Jahrtausenden, noch allen,
Wie Flaccus und Homer, gefallen,
Das hängt nicht ab von Mädchengunst. 

(L. F. G. Göckingk; 1748-1828) 




*100110*

Samstag, 9. Januar 2010

Die Wirklichkeit ist unwahrscheinlich

In einer Besprechung des neuen Buches von Alexander Kluge, dem Erzählband "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft" resümiert die Wiener Zeitung einen Punkt, der die poetische Verarmung unseres Alltags höchlichst betrifft:

Kluge meint, und wir wollen ihm zustimmen, daß die Wirklichkeit viel "unwahrscheinlicher" ist, als wir ihr in unserem Denken zumessen wollen. Wir meinen alles schon zu wissen - alles wird letztlich damit reduziert, erhält nicht einmal mehr die Chance auf Wahrnehmung. Die Verstrickungen und Verwicklungen des realen Lebens sind aber oft von einer Würze und Pikanterie, die als dem heutigen Denken oft gar nicht mehr zumutbar eingeschätzt wird. Wer aber nicht mehr damit nicht mehr rechnet, erlebt die Welt nur noch ausschnitthaft - verarmt.

Je technizistischer unser Weltbild geworden ist, desto schmäler wurde der Grad des Möglichen, desto eingeschränkter dessen Überraschungsmöglichkeit - und desto schmäler der Grat des Wahrscheinlichen.

Während Große Teile einer Bibliothek (nicht nur von Künstlern, Anm.) früherer Zeiten aus ebensolchen Büchern bestanden, oder gar heute noch bestehen, die unglaubhaft erscheinenden Fällen des Lebens gewidmet sind - und aber "wahr", also "so" passiert sind. Und während die Literatur sich in der Hauptsache genau diesem erst "Berichtenswerten" widmete.

Denn was wäre sonst ... erzählenswert? Das mechanistisch Erwartete, und damit: das bereits Bekannte? Wie oft steht man als Geschichtenerzähler selbst vor Erlebtem, das man in dieser vorgefallenen Art niemandem erzählen kann - es würde nicht geglaubt.

Das Überraschende aber ist nicht das Irrationale, das Verrückte, als das es oft genug - eine simple, dumme Roßtäuscherei - ausgegeben wird! Das Überraschende ist vielmehr eine Anhaftung an allem was Individualität, was Einzelung ausmacht - ist Wesensmerkmal des Menschen an sich, der unwiederholbar ist, und der jeden Augenblick "neu", original zu entscheiden hat. Oder - hätte? Denn es ist nicht nur eine Frage der Wahrheit und der Freiheit, es ist auch eine Frage des Muts zu sich selbst, der nur aus einem transzendenten "Recht" auf das - nein, nicht schon wieder etwas von anderen Erwartetes, nicht schon wieder eine Bringschuld gegenüber greinenden Kleinkinder, nein: einer Pflicht zum Selbstsein erwachsen kann.

Aber heute passiert ja sogar in letzten Randbereichen das Gegenteilige: jede Ausnahme wird verlangt, zur Norm zu machen!

Die Wiener Zeitung schreibt also:

[...] Ohnehin ist die Wahrheit nicht selten unglaublicher als jede Erfindung. Auch das zeigt Kluges Buch etwa anhand von sechs dem Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gewidmeten Geschichten, [...]. Wie der mit Theodor W. Adorno gut bekannte Kluge nämlich recherchiert hat, hielt der damals noch völlig unbekannte Luhmann just während der heißen Hochphase der deutschen Studentenrevolte zu Ende der sechziger Jahre ein Vertretungsseminar für Adorno an der Uni Frankfurt. Das dazugehörige Manuskript wurde erst 2007 entdeckt, trägt den einfachen Titel "Liebe" und erweist sich als Grundlage jenes 1982 erschienenen Buches, mit dem Luhmann weit über die Grenzen von Soziologie und Philosophie bekannt wurde: "Liebe als Passion".

[...] Das unwahrscheinlich erscheinende Szenario, dass der spätere Urheber der wichtigsten Gegenströmung zur Kritischen Theorie mit [dessen Hauptvertreter; Anm.] Adorno zusammensitzen und ausgerechnet über dessen Liebeskummer philosophieren sollte, ist eine der möglichen Erfindungen, die in dem Buch geschildert werden.

Worum es Kluge in seiner neuen Geschichtensammlung einmal mehr geht, ist den Eigensinn der Literatur gegenüber dem platten Wirklichkeitsbild der Medien zu behaupten. Im Erzählen (und Wiedererzählen) seiner Geschichten, die nicht selten ergänzt werden durch teils authentisches, teils gefälschtes Faktenmaterial (wie Fotografien oder Statistiken) will er die Welt zum Oszillieren bringen und im Leser jene intellektuelle Fähigkeit wecken, die uns im Alltag ausgetrieben wird: den Möglichkeitssinn. Kluge erzählt exemplarische Fallgeschichten, die wir mit unseren eigenen Erfahrungen vergleichen können, um so das Gespür für die verborgene, aber immer präsente Möglichkeit eines anderen Umgangs mit uns selbst und mit anderen Menschen zu schärfen. Kritische Theorie in literarischer Form.




*090110*

Eine etwas andere Art

Als ein an Höflichkeiten kaum zu überbietender "Krieg", der eben erst gar kein Krieg sein sollte und schon gar keiner zwischen England und Frankreich, begann 1627 zwischen englischen (die Hugenotten unterstützen wollenden) angelandeten Truppen unter dem Großadmiral und Herzog von Buckingham, sowie königlich-französischen Truppen unter Herzog Toiras, auf der "Isle de Re" der Kampf um das hugenottische La Rochelle. Um das herum Truppen des Königs "friedlich" lagerten. Der dann noch so furchtbar enden sollte.

Als die englischen Truppen das Hauptfort der Insel, St. Martin (Bild: der heutige Ort), belagern, den Rest der Isle de Re einstweilen links liegen lassen, bitten die Belagerten, drei verwundeten Edelleuten freies Geleit zu gewähren, damit sich diese auf ihren Schlössern kurieren können. Buckingham gewährt nicht nur die Bitte, sondern die drei Franzosen werden in einer mit Purpur ausgeschlagenen Schaluppe mitten durch die englische Flotte geführt, Musikanten an Bord spielen heitere Sarabanden. Ein Trompeter und ein Mann bringen hieraus zwei englische Geiseln in des Herzogs Lager; Buckingham schenkt den beiden Franzosen 50 Pistolen in Gold. Toiras läßt sofort vier englische Gefangene frei und schenkt jedem von ihnen sechs Pistolen.

Buckingham (im Portrait von Rubens) läßt nun durch einen Parlamentär die Übergabe der Festung verlangen. Toiras schickt ihn mit stolz abschlägiger Antwort und mit Geschenken beladen zurück. Im Gespräch hat er den Engländer gefragt, ob es noch Melonen auf der Insel gebe. Nach einer Stunde bringt eine Ordonnanz des Herzogs dem Kommandanten der Festung ein Dutzend dieser Früchte, er geht nicht mit leeren Händen weg - zwanzig Goldstücke hat er von Toiras erhalten, und am nächsten Tag treffen bei Buckingham, vom späteren Marschall Ludwigs XII. gesandt, sechs Flaschen Orangenblütenwasser und zwölf Dosen mit Puder von Cypern ein.

Aber nicht daß der Kampf aufgehört hatte; man wußte zu sterben. Besonders die französischen Adeligen taten sich dabei hervor - das letzte Refugium der Ehre und Sinnerfüllung, das ihnen im verlorenen Kampf gegen den Zentralismus blieb: die ars moriendi, die Kunst zu sterben. Und über fortlaufenden Beschuß hinaus, beginnen die Belagerer ihre Maßnahmen zu verschärfen.

Schließlich hat die Höflichkeit scheinbar doch ein Ende: Die Engländer sammeln die Bevölkerung der Ortschaft St. Martin und treiben sie vor die Tore der Festung; wer umkehrt, wird erschossen. Toiras und seine Soldaten haben Mitleid, man läßt sie ein. Ein paar hundert Hungrige mehr befinden sich nun in der Festung. Das Wasser beginnt knapp zu werden. Die Ziehbrunnen sind bewacht.

Am 30. August 1627 übersendet Buckingham ein Ultimatum: "Da ich Sie nicht größeren Unannehmlichkeiten aussetzen möcht, biete ich Ihnen und der Garnison ehrenvollen Abzug ..." Er setzt fort: "Ich würde es überaus bedauern zu den äußersten Mitteln greifen zu müssen, die ich in Händen habe." Und er zeichnet als Toiras' untertänigster und gehorsamster Diener.

Dieser antwortet: "Euer Durchlaucht Courtoisien sind der ganzen Welt bekannt, und da sie von so viel klarem Urteil begleitet sind, so müssen vor allem diejenigen auf Sie rechnen, die rechtschaffene Taten vollbringen; nun kenne ich keine besser als die in seines Königs Dienst sein Leben zu lassen ..."

Buckingham aber hat keine wirklichen Mittel, und er muß vor dem Winter die Belagerung abschließen, um La Rochelle zu entlasten, für das die Lebensmittelsituation nun allmählich knapp wird. Auch wenn immer noch kein Krieg erklärt war - und Richelieu vor allem auf die Karte der inneren Spannungen bei den Hugenotten setzte, sowie auf jene der Vermeidung der Feindschaft mit Spanien (und dadurch dessen Allianz mit England), wozu er gegen England "leidend", nicht "macht-aggressiv" bleiben mußte.

Buckingham verständigt sich mit Toiras, und sie beraten sich - und senden gemeinsam (und geheim) jeweilige Unterhändler zum König, der nur den Franzosen zu sich vorläßt. Aber unter dem Einfluß von Richelieu schlägt er jede Verhandlung ab. Zurück auf der Insel, läßt Buckingham den Offizier - den er in Besitz geheimer Unterweisungen des Königs für die Belagerten wähnt - nicht mehr in die belagerte Festung. Er wird offiziell gefangen genommen, aber aufs höflichste behandelt, und speist täglich an der Tafel Buckinghams. Die von La Rochelle zunehmend unterhalten wird - die Stadt versorgt die Engländer, und fürchtet zunehmend, bald selbst Not zu leiden. Richelieu läßt nun sogar einen gewaltigen Damm ins Mees aufschütten, der jede Versorgung von See her unmöglich machen soll.

In der Festung St. Martin nimmt freilich ebenfalls der Hunger zu. Seuchen brechen aus, und Toiras kann knapp eine Revolte, die aufzugeben verlangt, niederschlagen. Er hat nun nur noch ein Drittel der ursprünglichen Mannschaft, aber die ist zu allem bereit: selbst Todkranke schleppen sich noch an die Mauern, geben drei, vier Schuß ab, um dann zu sterben ... während die Engländer Angriff um Angriff führen.

Es gelingt schließlich Toiras, einen (von drei) schwimmenden Boten (einer ertrinkt, einer wird gefangen) mit einer in einer Bleikugel eingeschmolzenen Botschaft an Richelieu (die bei Gefahr nur losgelassen werden muß, um unwiederbringlich zu versinken) durchzubringen: es geht um Tage, dann muß man St. Martin aufgeben. Toiras gibt nun auch wirklich vor, am 8. Oktober 1627 die Festung zu übergeben, am Vortag wird mit Buckingham alles bereits ausverhandelt.

Der Kardinal reagiert richtig und energisch, und in der Nacht vor der "Übergabe" werden 46 Schiffe, zum Teil mit eilig eingeschulten Landsoldaten bemannt, weil hugenottische Matrosen den Dienst gegen ihre Glaubensgenossen verweigern, losgeschickt. 17 gehen in Ablenkungsabsicht "absichtlich" den (nachlässigen, weil siegesgewissen) Engländern in die Sperre, die sie mit ihrer Flotte (und Seilen) gezogen haben - aber 29 kommen durch, versorgen die Festung mit Nahrung und Munition. Als die Engländer morgens zur Festung ziehen, um die Übergabe vorzunehmen, winken ihnen die Franzosen mit Truthähnen und Hühnern auf ihren Lanzen und Degen von den Festungsmauern.

Die Engländer stürmen entnervt, aber die Franzosen verteidigen sich so geschickt, daß es ein Gemetzel unter Buckinghams Soldaten gibt, die sich zurückziehen und die Festung weiterhin nur belagern. Zwischenzeitlich erfährt Buckingham, daß gegen ihn - der sich unsterblich in die französische Königin, die Habsburgerin Anna von Österreich, verliebt und ihr in den Jahren zuvor auf kaum faßbare und offene Weise den Hof gemacht hat - längst in London intrigiert wird.

Die Nerven reißen nun im bislang aufreizend "unkriegerisch" belagerten La Rochelle: man eröffnet das Feuer, und während man an dem englischen König wieder um Hilfe schreibt, schwört man im selben Brief die Treue zum französischen König, der ... mit seinen Truppen vor den Toren der äußerst stark befestigten Stadt liegt.

Weil die Engländer aber - es ist bereits November 1627 - offenbar keine Unterstützung von England aus zu erwarten haben, La Rochelle ihnen nichts mehr liefern kann, sie sich völlig isoliert wähnen, keine weitere Initiative setzen die Insel vollständig in ihre Gewalt zu bekommen, ja Anzeichen zeigen abzuziehen - sie schütten die Belagerungsgräben mit ihren Leichen zu, die sie nicht einmal mehr begraben -  beschließen Franzosen unter Leitung des deutschen Marschalls Schomberg heimlich überzusetzen, und bei gleichzeitigem Ausfall des Forts, greifen sie die Engländer an. Es gibt eine vernichtende Niederlage für Buckingham, die Blüte des englischen Hochadels ist unter den 1800 an einem Tag gefallenen Briten, deren Flotte - zu der Zeit die mächtigste der Welt - voll mit Verwundeten zurückkehrt und ... unterwegs dem Hilfsheer begegnet. Aber es ist zu spät: man hätte nicht einmal genug Proviant, um zurück in den Kampf zu ziehen.

Toiras wird hoch dekoriert, leidet aber unter Neid und Eifersucht. Als er für einige seiner Offiziere, die sich im Abwehrkampf verdient gemacht haben, Beförderungen verlangt, antwortet ihm der königliche Groß-Siegelbewahrer: "Sie haben sich großartig geschlagen, aber es gibt in Frankreich 500 Edelleute, die in der selben Lage sich nicht anders benommen hätten."

Toiras antwortet darauf: "Frankreich wäre sehr zu bedauern, wenn es nicht 2000 Männer aufbringen könnte, die fähig wären das zu leisten, was ich vollbracht habe. Aber wissen Sie ihm Königreich nicht 4000 Männer, die das Amt des Siegelbewahrers ebenso gut verwalten würden wie Sie?"

Das erschütternde Drama um La Rochelle freilich dauerte noch ein weiteres Jahr.  Wo eine eigene Pioniereinheit der Franzosen Wochen brauchte, um die Toten zu bestatten.




*090110*

Freitag, 8. Januar 2010

Zeit der Trümmerjugend

Man hört sie ja mittlerweile häufiger, die Stimmen, die davon sprechen, daß die "großen "Themen fehlten, am Theater, im Film, in der Kunst. Daß sich alles auf so privatime Fragen zurückziehe. Auf "den Pimmel", wie Peymann es nonchalant formulierte.

Tja - es hat sich ausgepolitisiert, meine Herren. Die Zeit der großen Entwürfe im bestehenden System, in denen ihr alle Eure Windeln vollgeschissen habt, die nun auszuputzen sind, natürlich von den selben Jungen, die nun verspottet werden, diese Zeit ist vorüber.

Es geht nun um Fundamentalstes, um Zuinnerstes, ums Eingemachte, um wesentlichste Grundfragen. Die nun zu klären sind, weil nichts mehr da ist. Weil ihr alle auf Kosten der Nachkommenden Eure "großen" Politikentwürfe, Eure "großen" Gesellschaftsneuansätze ausprobiert habt, im sicheren Netz des Bestehenden, wohlbemerkt, ohne daß alle Eure Würfe undenkbar sind.

Nun aber ist die Zeit der Trümmerjugend, die mühsamst aus den gigantischen Schutthaufen letzte Reste des Menschseins zusammensuchen muß. Mühsam sich neue Wege bahnen muß - wie das denn gehe, Mensch sein, wie denn das gehe, Mann, Frau sein, denn es ist ja alles niedergerissen.

Von jenen, die nun ihre Wichse genußvoll um ihre Mäuler schmieren.




*080110*

Und trinken auch noch den Kakao, durch den wir gezogen

Die Wahrheit ist auf jeden Fall, wo sie sind - das zu erreichen, waren sie ausgezogen, die 68er-Generation, die Generation der Muttersöhnchen, die zu schwächlich und zu charakterlos waren, um sich gegen die "Lodenträger" durchzusetzen, in der wirklichen Welt zu behaupten. Also entwerteten sie sie, also diffamierten, also verleumdeten sie alles, was ihnen entgegenstand, Denken war längst zu bloßem Agitieren geworden, und - trafen auf Menschen, die noch genug Anstand hatten, sich selbst zu relativieren, die mit solcher Perfidie nicht rechneten und die sich deshalb alles aus den Händen nehmen ließen. Die von Ansätzen ausgingen, die von sich auf andere schlossen und die danebenlagen. Denn mit dieser Charakterlosigkeit, die ihnen fremd war, hatte man niemals gerechnet.

Nun treten sie erneut auf, vollmundig, die damals alles entwerteten, um neue Welten zu entwerfen, dabei aber nur einer fatalen Strategie folgten: mit der sie dem anderen ausredeten, daß das, was er in Händen hielte, Wert hätte, die andere anhielten, denn Recht war, wo sie waren, nur sie hatten Interpretationsrecht auf Wahrheit, es jenen aus Händen zu reißen ... um es selbst dann aufgreifen zu können, feige, hinterrücks, heimtückisch ... - um nun, pensionsberechtigt und satt vom vereinsamten Buffet mit seinen Gänseleberbrötchen und Hummerscherchen, mit hämischem Grinsen, das Fett trieft noch aus den Mundwinkeln - mit den alten Bruchstücken daherkommen und tun, als hätten sie das neu entdeckt, als hätten sie nun erneut Anrecht, ja wären gar die Verteidiger des Guten, Wahren, Schönen, das sie selbst schlecht redeten.  Und dabei nur erbeuten wollten.

Wie Usurpatoren also, wie Diebe, genau so lächeln sie, genau so reden sie. Und bringen den Mythos gleich selber mit, in dem sie sich selbst sahen, auf den sie hinarbeiteten, den sie lange schon in den Requisitenkammern unterm Tuch stehen hatten, erklären gleich, wie sie zu sehen seien - ach wie romantisch kann Eitelkeit doch sein! Wie künstlerisch und wertvoll!

Man MUSZ ihnen doch verzeihen!? Man DARF doch nicht erwarten, daß sie sich nicht nur entschuldigen, sondern vertrollen, in die Bußecke, und Sühne leisten?

Merkt niemand mehr, wie sie nun, in dieser Phase, alle diese, die auszogen, das große, wirkliche Theater zu machen (Gänsefüßchen sind schon müßig, in ihren Reden nämlich Standard), wie diese nun auftreten und große alte weise Herren spielen, und gleich die Gedenktafeln prägen lassen, die sie an den Institutionen, die sie einst angeblich auszogen, um sie zu zerstören, angebracht wissen wollen.

Kam es ihnen doch nur, NUR darauf an, damals, in den wilden Jahren, mein Gott, was waren wir wild ... die Jungen heute sind doch arme Würstchen dagegen.

Und wir nicken, trinken den Kakao, durch den wir jahrzehntelang gezogen wurden, und werden, wo wir alle Institutionen verloren und nur noch aktualistisch erhalten sollten, was jene uns mal gaben und heute geben wollen, - so lesen wir betreten, was sie sagen, was die Presse ehrfürchtig abmalt, um ihren eigenen Mythos endlich, endlich auch noch vernaschen zu können - was wird man im Alter nicht doch weise!?

Aber was war das doch noch? Irgendwas stimmt doch da nicht? Aus aus, mal Pause!


[...]
Suchen Sie in Berlin trotzdem noch verzweifelt nach einem neuen Wunderteam?
Peymann: Wir haben eine regelrechte Dramatikerschwemme, jedes Dorf hat seinen Literaturpreis. Soweit ich es kenne, viel Unterholz und wenig Wipfel. Nach dem Tod von Thomas Brasch, Heiner Müller und George Tabori ist es einsam geworden. Die junge Dramatik ist vor allem privat geprägt, es geht um die Abhängigkeit von Mami und Papi, die Probleme mit dem Pimmel... Das ist angesichts einer Welt in Flammen nur hilflos.

In „Richard II.“ wird raffiniertest das Problem von Macht und Legitimität gezeigt...
Peymann: Dieses Stück wird nicht oft gespielt. Wenn man einen großartigen Schauspieler hat, spielt man lieber gleich den „Hamlet“. „Richard II.“ ist ein überforderter Monarch, wie viele unserer Politiker auch überfordert sind mit ihrer Aufgabe. Die Schuhe sind zu groß. Das führt zu Skrupellosigkeit und Verbrechertum. Aber auch Richards Gegenspieler wird im Kampf um sein Recht zum Populisten und Verbrecher.

Bei Shakespeare wird implizit gefragt, ob man schlechte Herrscher beseitigen darf. Das war damals wahrscheinlich noch skandalöser, als daß Sie für die Zahnbehandlung des RAF-Mitglieds Gudrun Ensslin sammeln ließen. Wie reflektieren Sie Recht und Macht?
Peymann: Das ist eine verwegene Parallele. Aber ich bin kein Geistesmensch, der sich dauernd Gedanken macht. Ich reagiere intuitiv. Was das Theater meiner Generation betrifft: Wir sind aufgestanden gegen die Theaterpatriarchen, die mit Hitler ihr Auskommen gefunden hatten und in den Nachkriegsjahren eine harmlose Biedermeierlichkeit vertraten. Dagegen haben wir geputscht. Wir probten in den Sechzigerjahren die Mitbestimmung, in Berlin, Frankfurt, Zürich. Daß wir am Ende selbst – und ich bin vielleicht das krasseste Beispiel – zu Patriarchen geworden sind, ist der besondere Witz. Manche sehen in mir einen Diktator. Ich gebe zu, ich habe keine Hemmungen, Entscheidungen zu fällen: Zu entscheiden, wer welche Rolle spielt, welches Stück auf den Spielplan kommt, wer welche Gage bekommt. Dennoch sind alle Entscheidungen kollegiale. Das Team! Aber einer muß entscheiden, wie in der Familie. Das Experiment der Mitbestimmung ist leider schiefgegangen. Kunst ist eben sui generis undemokratisch.

Die Sechzigerjahre sollen rebellisch gewesen sein. Sie wurden damals Regisseur. Warum?
Peymann: Zufall! Eitelkeiten und jähe Erfolge! Ich habe im Studententheater eine Inszenierung gemacht, weil ein Regisseur erkrankte. Die hat dann alle Preise gewonnen. Man schrieb Hymnen über mich: Peymann der Shootingstar. Mein Lebenstraum war eigentlich schreiben, Stücke, Romane: Briefe an die Welt, so wie von Hemingway, Thomas Mann oder Proust. Aber dafür bin ich wahrscheinlich zu blöd. Ich habe gern Leute um mich und fürchte die Einsamkeit.

Was sind also Ihre Vorzüge?
Peymann: Meine Lust ist es, Menschen zu verführen. Jeder Schauspieler braucht seinen eigenen Weg: Der eine will an die Hand genommen werden und alles genau wissen, der andere braucht völlige Autonomie. Das ist das Reizvolle an einer Neuinszenierung wie jetzt bei „Richard II.“ – mit einer Vielzahl sehr unterschiedlicher und komplexer Charaktere zusammenzukommen, jeden Einzelnen zu verführen und alle auf eine gemeinsame Idee zu vereinigen. Regisseure sind Verführer und Vergewaltiger.

Sie reden wie ein exzessiver Mensch. Was sind für Sie die orgiastischen Momente am Theater?
Peymann: Beim Liebesakt spielt Perfektionswahn keine Rolle. Man kommt – hoffentlich – gemeinsam zum Genuß. Probenarbeit ist stark von der Angst beeinflusst, das Ziel zu verfehlen. Man hat mich unlängst nach der Aufführung von Bernhards Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose“, die umjubelt wurde wie ein Popkonzert, gefragt, ob ich jetzt glücklich wäre. Hab ich gar nicht gemerkt! Ich hatte die Hosen voll auf dieser rasenden Flucht nach vorn. Gut, ich bin Laienspieler. Dieser Kampf gegen den famosen Beil, der meine Sekretärin, meinen Dramaturgen und meinen Lieblingsdramatiker Thomas Bernhard gab, war eine Strapaze! Selbst das Verbeugen vor 500 glücklichen Gesichtern war mehr Wachkoma als Orgasmus.

So reflexiv ist auch König Richard.
Peymann: Richard II. ist ein Spieler, wie Bolingbroke. Auch heute noch folgt das Welttheater der Politik der Dramaturgie des Schauspiels: Wie täusche ich die Öffentlichkeit, wie lüge ich erfolgreich? Als ich hier Direktor war, hat mich der Obmann einer Partei im Nationalrat ernsthaft um Schauspielunterricht gebeten.

Wer ist für Sie politisch durchgeknallt?
Peymann: Da denke ich an unseren Jürgen Möllemann, der sich beim Fallschirmspringen umgebracht hat, oder an Euren Jörg Haider. Das sind die bunten Papageien, aber ansonsten ist die Politikerszene eher farblos.

Sie klingen zuweilen wie ein engagierter junger Idealist. Ist das nicht anstrengend?
Peymann: Ich bin spontan. Das erweckt vielleicht den Eindruck einer etwas vergilbten Jugendlichkeit. In uns Theaterleuten stecken große Kinder. Wenn ich zum Beispiel an den Peter Stein denke, der jetzt bei uns am BE arbeitet, an seinen Größen- und Perfektionswahn, dann frage ich nur, wen Thomas Bernhard mit dem Theatermacher gemeint hat – den Oskar Werner, den Peter Stein oder doch den Claus Peymann? Bei Bernhard wimmelt es nur von Verrückten. Der 90-jährige Tabori, der immer noch behauptete, er verstehe vom Theater nichts, zählt auch dazu. Man möchte das geliebte Kind bleiben. Die Schauspielkönige wie der Hörbiger oder der Minetti waren doch im Grunde nur liebesbedürftige kleine Jungs voller Angst. Vielleicht soll ja auch mein notorisches Herumschimpfen das Licht der Aufklärung nicht erlöschen lassen. Sind meine Kollegen denn anders? Wir tragen gemalte Kindergesichter und wollen immer weiterspielen. Die Hoffnung, daß meine Arbeit die Welt verbessert, selbst in diesem gewaltigen Burgtheaterkasten! Wenn es ein Irrtum ist, ist es ein schöner.

Ihrer Generation reagiert etwas herablassend auf Jüngere. Sind das Verletzungen?
Peymann: Das beruht auf Gegenseitigkeit. Als ich nach Berlin ans BE ging, sagte Thomas Ostermeier, der neue Leiter der Schaubühne: Auf dem Grab von Peymann wollen wir noch tanzen. Das hat mich verletzt. Als wir jung waren, sind wir auch gegen die Theaterpatriarchen angetreten. Aber es gab keinen Zweifel an den alten, großen Regisseuren wie Kortner, Gründgens, Noelte oder Hans Bauer. Heute herrscht das Geschmacksdiktat des Jugendwahns! Warum soll es nicht irgendwo auch einen Platz für die alten Meister geben? – Breth, Bondy, Stein, Wilson und Peymann, bis vor Kurzem auch Zadek, Schleef und Tabori, leider sind die tot. Mehr als fünf oder sechs herausragende Regisseure hat es in keiner Generation gegeben. So ist es charmant, dass Matthias Hartmann noch einmal so einen alten Knacker wie mich herholt. Vielleicht kommt er auf den Geschmack und engagiert bald auch Peter Stein.




*070110*

Donnerstag, 7. Januar 2010

Der vorgeworfene Maßstab der Wahrheit

"Die Resultate," sagt Gauß einmal auf eine Frage eines Studenten hin: "Die Resultate habe ich längst. Ich weiß nur noch nicht, auf welchem Wege ich zu ihnen gelange." In diesem Sinne führt Rudolf Borchardt auch das Maß des Geschichtlichen an: als natürliche Tatsache, analog dem vollkommenen Gehör des Musikers, dem Form- und Wirklichkeitsgefühl des Dichters. Jedes "Faktum" liefert nur noch die Nagelprobe. Der Geschichtssinn aber wohnt einem Betrachter inne - oder nicht. Und er ist mehr wahr, in jedem Falle, ja nur er IST Geschichte, als jede "Gegenprobe der langsam schleppenden Beweise" es nachzurechnen vermag.

"Wie dem sinnlichen Auge kraft seiner optischen Ergänzungsfähigkeit ein intermittierender Umriß, aus einer gegebenen Entfernung gesehen, zum fließenden so völlig wird, daß erst die Kontrolle es darüber belehrt, wieviel faktisches Nichts sein Sehen in das geforderte Etwas erhebt [...] genauso ist die von der geschichtlichen Phantasie geforderte und vom geschichtlichen Sinn regierte Durchströmung des Nichts [...] der auf Überlieferung oder Nichtüberlieferung eingeschworenen Kritik keine Rechenschaft schuldig." Diese (die Überlieferung) könne ja bestenfalls Einzelheiten verbürgen, für ein Ganzes ist sie immer unter allen Umständen als ein zufällig-mechanisches Zerstörungsresultat geistig wertlos, schließt nie ganz und schließt nichts aus.

Erst der Mensch adelt das Datum zur Wahrheit, freilich nicht ohne durchlaufene Selbstobjektivierung, ohne Distanz zu sich, und ohne Liebe zum Beschriebenen, in der er "es" will. Aus einem solcherart geläuterten Vorwurf der Sicht heraus ergibt sich erst ein wahres Geschichtsbild. Selbst Tagebuchnotizen, Briefe, Dokumente ... sie alle sind ja bereits Annahme (aus jener Zeit). "Jede Tatsache," sagt Goethe einmal, "ist im Grunde schon Theorie." Der Geschichte müsse man sich ganzheitlich zuwenden.

Geschichte(n) auf solche "Tatsachen" reduzieren zu wollen, ist ein Mißgriff, ist mißverstandene Wissenschaftlichkeit. Ist der Verzicht auf Gehalt, und streift die Sinnlosigkeit, fügt der Zerstörung (die jede Überlieferung ist) weitere hinzu.

Kein Geringerer als Theodor Mommsen sagt dazu einmal, daß die Geschichte von den römischen Kaisern nicht mehr wisse (trotz der vielen Zeugnisse!) als von den (völlig im "mythischen Dunkel" gebliebenen) römischen Königen. Es stehe, sagt Mommsen einmal, dem Dichter, nicht dem Historiker, zu, das Antlitz des Arminius zu erfinden.

Deshalb ist das wirkliche Kriterium zur Beurteilung der 'Ilias' kein historischer "Beleg", sondern die tief menschliche Wahrheit und Ganzheit der Figuren.

Aber auch die "(Arbeits-)Hypothese", zeigt Borchardt scharfsinnig, ist kein Zugang. Denn ihr fehlt das Entscheidende: die integrierende Sehkraft. Zumal die "nüchterne Objektivität", die im asketischen Verzicht auf die Macht der geistigen Wertung (Borchardt meint: aus Scheu vor ernster Arbeit) besteht, wähnt sich sogar des Schlüssels jeden Geschichtsverständnisses enthoben: der Ehrfurcht.

Das einzige haltbare Kriterium für die Zulässigkeit (sic! nur von einer solchen kann man überhaupt sprechen!) der geschichtlichen Betrachtung (und eine solche ist ... jedes Lesen eines literarischen Textes, der hier völlig ununterscheidbar von "Historie" ist, die Namensgleichheit ist keine zufällige) ist weder eine "richtige" noch eine "falsche" Richtigkeit. Ihre Richtigkeit liegt vielmehr "in sich selbst", als Evidenz eines sich selber gehörenden und in allen seinen Organen auf seinen eigenen absoluten Gehalt wie auf ein schlagendes Herz bezogenen Körpers, der dadurch, daß er mit sich selber im Einklange steht, sich der ungeheuren Forderung des höchsten Einklanges mit dem Geheimnis des Geschehens bis an die Grenzen des Menschen nähert.

Sie ist auch sofort erkennbar: als "Überzeugungskraft". Und hält dem fragmentarischen kleinkrämernden Krittel als besseres inneres Wissen die Sicherheit der Beglückung entgegen.

Und dieser innerste Sinn, der erst im "überraschend" konstatierten Vollzug erfahrbar wird, ist Charakter - keine Funktion, die erlernbar oder erzielbar wäre.

"Färbt dieser tiefliegende männliche Charakter die Bilder der absolut sehenden Geschichte als Schöpfungen einer Kunst so vorzugsweise ernst und unterscheidet sie sich durch ebenso tiefe Schattierungen der Lichter wie durch Verklärungen der 'Verlust von den selbstgefälligen Bespiegelungen auch des kritischen Zeitgeistes, so ist der Raum der Geschichte eben auch nicht der menschliche Geist an sich, - das ist das Reich der Philosophie -, sondern der menschliche Geist in seinem Bezuge auf die absolute Tragikzität des Lebens, in der Begeisterung seines Freiheitskampfes gegen die Notwendigkeit.

(Rudolf Borchardt in "Epilegomena zu Homeros und Homer")


Erst in dieser Haltung kann gefühlt werden, was gefühlt worden ist, kann gebangt werden, wo Bängnis in einer, in der Geschichte herrschte.

Und erst dort vermag Kunst, vermag jede Soteriologie, als Verbindung der Urkraft mit dem menschlichen Herz, ihre Aufgabe zu erfüllen - um nichts als sie selbst zu sein.




*070110*

Mittwoch, 6. Januar 2010

Die Interpretation des Zusehers macht den Film zur Geschichte

Der Regisseur und Filmemacher Alain Resnais im Interview in der Presse:

 Ich bin kein Fanatiker, was TV-Serien angeht: Ich verfolge ungefähr ein halbes Dutzend treu. Übrigens sollte man diese Serien nicht episodenweise ansehen. Ich schaue sie immer am Stück, und wenn es 80, 100 Stunden dauert. Sie sind als kontinuierliche Werke konzipiert, nicht damit man eine Folge hier oder da sieht. Bei „Alias“ oder den „Sopranos“ stelle ich mir vor, dass Filmpioniere wie Erich von Stroheim oder Abel Gance ähnlich ausufernde Visionen hatten: Ein Film wie ein großer Roman.

In „Les herbes folles“ zitieren Sie viele andere Filme. So geht eine Figur ins Kino zu „Die Brücken von Toko-Ri“ (1954).

Resnais: Dabei kenne ich den Film nicht einmal – der steht noch auf meiner Liste! Das kommt direkt aus der Romanvorlage, obwohl ich auch Autor Christian Gailly verdächtige, Die Brücken von Toko-Ri nie gesehen zu haben: Mein Kodrehbuchautor Laurent Herbier stellte bei der Recherche fest, dass die Beschreibung des Films im Roman nicht stimmt! Gailly hat die Gewohnheit, fehlerhafte Details in seine Bücher zu packen, damit die Leute beim Lesen aufpassen. Also gibt es in meinem Film auch absichtlich unverständliche Momente – alles von Gailly! Einmal wird etwa eine Essenseinladung ausgesprochen: „Seien Sie pünktlich, es gibt Kalbseintopf!“ Aber wenn man etwas beliebig lange warm halten kann, dann Eintopf! Doch wir beließen es wie im Buch.


Spielt Nostalgie eine große Rolle für Sie?

Resnais: Man entdeckt überall Gründe, um nostalgisch zu werden. Es geht gar nicht anders, aber ich versuche, mich dagegen zu wehren und immer den interessantesten neuen Dingen zu folgen. Es gibt viele Texte über mich als „Regisseur der Erinnerung“: Ich weise diese Bezeichnung entschieden zurück. Ich bin kein „cinéaste de la memoire“, ich bin ein „cinéaste de l'imaginaire“, ein Filmemacher der Imagination. Ich bestaune einfach den Reichtum der Vorstellungskraft, bin immer aufs Neue verblüfft. Oft kann ich – auf einer rein konzeptuellen Ebene – den Unterschied zwischen Cézannes Äpfeln und wirklichen Äpfeln im Garten nicht erkennen. In gewisser Weise versuche ich, beide Vorstellungen gleichzeitig zu bedienen. Es gibt Tage im Leben, da haben Cézannes Äpfel größeren Wert, an anderen ein Korb echter Äpfel. Das ist nur eine Analogie, aber beim Filmemachen geht es für mich überhaupt nicht darum, ob ich mir etwas einfallen lassen, sondern ob ich Gefühlsregungen provozieren kann. Damit der Zuseher auf seinem Platz bleibt und nicht geht. Ich versuche keine besonderen Botschaften zu vermitteln.


Ihre letzten Filme waren stark theatralisch, „Les herbes folles“ ist wieder „cinema pur“.

Resnais: Ich konnte nie etwas anfangen mit dieser Debatte: Theater gegen Kino. Mir ist es am liebsten, wenn die Leute vom Film als einer Show sprechen, „un spectacle“: Das Publikum weiß, dass es projizierte Bilder eines Spektakels zu sehen bekommt. Das ist sehr ähnlich, wie auf der Bühne Schauspielern in Kostüm und Make-up zuzusehen, die Texte sprechen, die nicht von ihnen stammen. Ich bin gegen Illusionismus, ich will nie den Eindruck erwecken, dass ich schwindle. Wenn ich ins Kino gehe, kann ich ja auch von dokumentarischen und naturalistischen Filmen überwältigt werden. Aber ich lade mein Publikum dazu ein, sich Dinge vorzustellen, die gar nicht auf der Leinwand sind, sondern höchstens an ihren Rändern auszumachen sind.


Ihre ersten Spielfilme entwickelten Sie mit Schriftstellern wie Alain Robbe-Grillet bei „Letztes Jahr in Marienbad“. Wurden Sie vom Nouveau Roman beeinflusst?

Resnais: Ich bleibe dabei: Ich habe mich nie künstlerischen Moden angeschlossen. Robbe-Grillet wurde mir vom Produzenten vorgeschlagen, ich kannte seine Arbeit nicht. Erst nachdem wir uns einen Nachmittag unterhalten und geeinigt hatten zusammenzuarbeiten, las ich seine Bücher – und war fassungslos. Er war ein literarischer Trendsetter, doch ich bin nie Trends gefolgt. Aber auch mich fasziniert es, die Dinge zu abstrahieren, um sie wissenschaftlich zu sehen. Bei „Marienbad“ lag die Herausforderung darin, eine Geschichte zu erzählen, ohne auf die Chronologie zu achten: Robbe-Grillet hat mich daran erinnert, dass für die Fantasie die Zeit ebenfalls keine Rolle spielt. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nach Paris heimfahre, überlege ich mir auch nicht, wie ich ein Taxi rufe, einsteige, wieder aussteige, um den Zug zu nehmen usw., bis ich endlich daheim den Mantel ausziehe. Stattdessen sehe ich mich gleich, wie ich zu Hause die Post durchgehe. Also war das Erzählen der Geschichte eine Frage der Imagination – sie springt durch die Zeit.


Was hat Sie dann geprägt?

Resnais: Meine ästhetischen Ideen gehen wirklich auf die Zeit zurück, als ich 18 war und mein Freundeskreis glaubte, das Kino hätte keine Zukunft, weil es Bilder nicht interpretieren könnte, sondern nur zeigen, wie gedruckte Wörter auf einer Seite. Ich rechtfertigte also meine Liebe zu dieser Kunstform mit dem Argument, dass der Filmschnitt zwei Bilder zusammenbringt, und das eine dem anderen Bedeutung verleiht: Die Montage macht Film zu Kunst. In den Dreißigerjahren nahm man das Kino weit nicht so ernst wie heute. Kleine Gruppen debattierten über Pudowkin oder Lubitsch, aber die Filme konnte man nur in Zwergensälen in der Hauptstadt sehen. Ich kam mit 15 Jahren nach Paris, um in der trockeneren Luft mein Asthma zu kurieren. Das Kino hatte ich schon in der Bretagne entdeckt, da ging ich einmal pro Woche. Zuerst sah ich natürlich nur Stummfilme. Ich brauchte ein Jahr, um den Tonfilm zu akzeptieren!


Musik ist bei Ihnen immer wichtig. „Les herbes folles“ beginnt mit Jazz.

Resnais: An Gailly zogen mich seine blumigen Dialoge an: wie ein Jazzsaxofonist beim Improvisieren. Das wollte ich den ganzen Film über durchhalten. Die Musik erlaubt mir, Gefühle zu betonen: Wenn man die Chronologie zerlegt, hält das die Aufmerksamkeit in der Szene. Viele sagen ja, ein guter Film brauche keine Musik, aber ich weiß es aus Erfahrung besser: Als wir die erste Schnittfassung von Hiroshima mon amour zeigten, noch ohne Musik, fanden die Leute den Film zu kompliziert. Doch als Giovanni Fuscos Kompositionen dazukamen, kannten sich alle aus.




*060110*

Eine nüchterne Bestandsaufnahme

Das Interview war zwar vielfach bereits zu finden und zu sehen - dennoch soll es auch hier präsentiert und damit archiviert werden: Gloria.tv bringt ein Gespräch mit dem (zumindest bis vor ein paar Jahren) meistgelesenen deutschen Philosophen Robert Spaemann zu aktuellen Fragen.

Einige der Gesprächsaussagen:
  • Der (Nietzscheische) Ersatz Gottes durch den Übermenschen funktioniert nicht - Spaemann habe noch nie jemanden getroffen, der an einen Übermenschen glaubte. 
  • Der heutige Atheismus ist nicht autonomer oder selbstbestimmter, sondern "Gott" wurde durch "Faktendruck" ersetzt - eine (unpersönliche) Macht. Der Christ glaubt allerdings, daß diese Macht ihm wohlwill.
  • Die logischen Gesetze der Welt existieren unabhängig von unseren Erfahrungen, und sie existieren hinter den Erscheinungen, die Schatten sind. Zu dieser "wirklichen Wirklichkeit" aber muß man durchdringen.
  • Die Aufklärung zerstört sich selbst, wenn sie die Bezugspunkte der Wahrheit von Gott wegrückt. Ohne Gott wird Wahrheit völlig subjektiv, und damit relativ - unerkennbar. Die Folge, der Nihilismus, ist voraussehbar in der Spaßgesellschaft geendet. Aber: mit Nietzsche kann man sagen, daß dies ein Übergangsstadium ist, er hat es vorausgesehen. Und meinte, daß dem Nihilismus der Glaube an neue Mythen folgen würde.
  • Ohne Gott werden selbst soziale Spielregeln aufgelöst - soziale, innerweltliche Verflechtungen vermögen kein Wertesystem auf Dauer zu halten. Denn es fehlt die "Gerichts"-Instanz, der gegenüber ich verantwortlich bin.
  • Die derzeit angebotenen Atheismus-Bücher sind vertane Zeit - ihnen fehlt es an (intellektueller) Ernsthaftigkeit.
  • Der Schöpfungsglaube sagt ja nicht, "wie" die Welt entstanden ist, sondern "wodurch", wem sie sich verdankt. Die Theorie der Evolution ist also keine Dimension des Gottesglaubens. Es bleibt aber dennoch unerklärbar, wie evolutionär "Schmerz", "Trieb", "Gottesglaube" materialistisch entstanden sein soll. Materie kennt diese Dimensionen nicht. So wie sich nicht erklärt, woher die Selbstübersteigung des Menschen (z. B. im Selbstopfer) kommen sollte, das Unbedingte. Weltimmanent ist es nicht vorhanden.
  • Eine Perspektive, die weiß, daß sie nur eine Perspektive ist, ist bereits mehr als eine Perspektive. Insofern kann der Mensch sich sehr wohl selbst überschreiten.
  • Wenn wir uns als Menschen denkerisch ernstnehmen wollen, müssen wir einen Gott annehmen. Tun wir das nicht, so müssen wir vieles andere streichen - die "Kosten sind unter anderem der Verzicht auf "Wahrheit". Und: "Moral". Aus dem Nichts kommend, ins Nichts gehend, bleibt A-Moral, und damit die Aufforderung, sich wenigstens zu amüsieren.
  • "Herr, wohin sollen wir gehen" - Petrus drückt hierin die Alternativlosigkeit aus, drückt aus, daß er Gott begegnet ist, auch wenn er ihn nicht versteht. Spaemann erzählt, daß er einfach nie einer Alternative begegnet ist, die ihm plausibler erschienen wäre. "Auch wenn ich das Turiner Grabtuch ansehe: da ist etwas darinnen, das ich gerne "mein Herr!" nenne." Gott habe ihm eine vollständig andere Sicht auf die Welt geschenkt - die Welt als Geschenk zu betrachten, auf das man mit Dank reagieren kann.






*060110*

Dienstag, 5. Januar 2010

Das kann nur ein Dichter

Überzeugend führt Rudolf Borchardt - von der Figurengenese über die historisch-philologische Analyse der Ilias und der Odyssee selbst - in "Epilegomena zu Homeros und Homer" den Erweis, daß die beiden Werke aus einer einzigen gestalterischen Hand stammen müssen. Nicht nur tut Borchardt dies, indem er die Deutungs- und Rezeptionsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert in ihren Methoden wie unfruchtbaren Sinnlosigkeiten, die dieses große Werk menschlicher Dichtkunst aus der menschlich-sinnlichen Rezeption in eine widerliche, bildungs-kleinbürgerliche Erbsenzählerei verschoben hat, in der Luft zerreißt und ihre Irrtümer aufweist, sondern er tut dies mit der eindeutigsten Schlußziehung, die denkbar ist, und von einer schlichten empirischen Tatsache ausgeht: dergemäß die Ilias ein erfahrbar geschlossenes Dichtwerk ist. Und weil es ein Dichtwerk ist, muß es von einem Dichter sein. Dies, so Borchardt, sei kein Werturteil, sondern eine Identitätsaussage.

Wer das beurteilen könne? Ganz sicher kein Philologe oder Sprachwissenschaftler oder Historiker. Das könne, sagt Borchardt, nur ein Dichter selbst beurteilen. Zumal der Unterschied zwischen einem guten, großen Dichter und einem schlechten, kleinen Dichter, unendlich viele Male kleiner ist, als der unüberwindliche und prinzipielle Unterschied zwischen einem Nicht-Dichter und dem allerschlechtesten Dichter.

Zwar sei dieser Standpunkt, der der inneren Gewißheit auch eines Goethes entspringt, nicht die bereits belegbare Wahrheitsthese, aber das Gegenteil eines Unsinns - und die Erklärung der Ilias und der Odyssee als Endprodukt historischer (kollektiver) Überarbeitung und Tradierung, oder als Assemblierung einzelner Lieder, sei nachweisbar ein solcher - ist der Gegen-Unsinn. Und die Wahrheit liegt auch nicht in der Mitte. Das tut sie nie, meint Borchardt. "In der Mitte liegt das Problem, nicht die Wahrheit."

Speziell die Odyssee "war [aus den Stuben der Buchgelehrten heraus, Anm.] ein Bergwerk für außerdichterische Sachbezüge, für Mythus, Religion, Lokal- und Völkergeschichte - Dokument für alles Erdenkliche, was sie selber nicht war - Quelle für tausenderlei. Der Quellenwert war vorausgesetzt, nicht erforscht und abgewogen. Die Poesie wurde ungefragt als Mythographie oder geradezu als versifizierter Mythus angesprochen."

Der Mythos aber, so Borchardt, "liegt hinter ihrer nackten literarischen Willkür so weit in schattenhaften Fernen wie der echte Artuskreis hinter Chaucer. Geschichtliche Raritäten sind in ihr dort angebracht, wo es lokaler Empfänglichkeit schmeichelte, sie durch den fremden Spielmann hervorgehoben zu hören. Denn auch das jüngere Epos ist immer noch, was das älteste und alte und das mittlere gewesen ist, Spielmannskunst, nicht Schwarte, Zettelkasten und Scharteke zum Blättern und Nachschlagen."




*050110*

Montag, 4. Januar 2010

Von gezielter Fehlinformation (Forts.)

Der unten zugängig gemachte Filmbericht fand sich im ZDF: Die Informationsgesellschaft zerbricht an der Unglaubwürdigkeit weil Zweckgebundenheit der Information, und es bleibt anzuraten, jene Abstrakta zu suchen, die einer geläuterten "sens ratio" entspringen. Man muß ja nicht so übers Ziel schießen, wie der Bericht es zuweilen tut, denn nicht immer ist die Verwendbarkeit (und Verwendung) einer Prognose auch Ausweis ihrer Irrelevanz.

Und so manche der hinterfragten Prognosen (und der ZDF läßt so gut wie keine der vergangenen Weltuntergangsszenarien und Metamoralismen, aus) sind ja tatsächlich eingetroffen (Demographie; Rentenlast) - doch das untersucht der Bericht nicht, der nur hinterfragt, nicht argumentiert. Andere waren regelrecht falsch, wie die Prognose des Waldsterbens, wofür aber immerhin eine halbe Milliarde Deutsche Mark an Forschungsgeldern freigemacht wurde. Er zeigt nur die Verquickung von Prognose, Statistik, "Information" und politischem und wirtschaftlichem Interesse. Auch wenn die Medienlandschaft tatsächlich und immer offensichtlicher wie freimütiger zu einem bloßen Forum von Interessen verkommen ist. Dennoch tut die Hinterfragung im Interesse gebotener Wachheit, aber auch notwendiger Vorsicht vor Verhärtung, gut. (ca. 4 x 10 min.)

Der Bericht stellt schließlich die Frage, warum wir so prognoseabhängig geworden sind. Das regt an, mit den Römern, mit der Antike zu vergleichen, die nichts tun wollten, was nicht dem Willen der Götter entsprach, denn die eigentlich Handelnden waren in ihren Augen die Götter. Weshalb die Vorhersage zentrales Element ihrer Religion war. Es ist klar, daß eine Zeit, die wirklichkeitssteril und damit gottfern in ihrem Urteilen, in ihrem Entscheiden entgegen allen ihren Beteuerungen (häufigstes Symptom des Gegenteils) unfähig zur Sachlichkeit geworden ist, die Grundlage der Ethik, deren Sachlichkeit nämlich längst nicht mehr Wirklichkeitstreue besagt, in der der Einzelne herausgerissen aus seiner hierarchischen Einordnung ist, andere Formen der Bewertung und Führung, der Offenbarung von Gottes Willen braucht.

1. Teil


2. Teil


3. Teil


4. Teil

 




*040110*

Sonntag, 3. Januar 2010

Wo kämen wir hin?

Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte wo kämen wir hin, und niemand ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen ...

(aufgemalter Spruch auf einem Auto)




*031010*

Samstag, 2. Januar 2010

Von poetischen Zuständen

Die technizistisch-funktionalistische Auffassung von Welt und Wirklichkeit - fälschlich und unbeholfen auch häufig als "Realismus" bezeichnet - führt ausnahmslos in mehr oder weniger verzweigte Sackgassen, in denen das Leben erstorben ist.

Erst das Begreifen der Welt und Wirklichkeit als Poesie, auf geheimnisvolle Weise losgelöst von Utilitarismen, aber umso umfassender gebunden in Ursache und Wirkung, aber auf der Grundlage menschlicher Freiheit, und göttlicher Fügung, liefert jene Umfänglichkeit, die alles in sich birgt.

Allerdings ist der Zugang zu dieser Wahrheit nur in sittlichem Zustand möglich. Weshalb so viele Menschen an ihr vorbeigehen, und außer Sehnsucht keine weitere Ahnung von einer viel größeren Welt haben, als sie noch zu ergreifen vermögen.

Die Höhe einer Kultur also läßt sich zweifellos an ihrem Vermögen zur Poesie ermessen. Sie ist zugleich Gradmesser der sittlichen Weltwirklichung der Menschen, deren Teilhabe an der Schönheit der Welt, in der Darstellung, zu der Leben im Vollzug gerinnt.

Jeder Ästhetizismus, jede Romantik (der Zweitwirklichkeit, des Voluntarismus), jeder Moralismus, jeder Faschismus, ist nur der Versuch, solche Schönheit, solche Gesamtwelt zu simulieren, vorzutäuschen.

Die Poetische Haltung, eine sittliche Haltung, setzt Welt nicht im ontologischen Sinn, sondern stellt in einem weit ausgreifenden Realismus die Welt umfassend dar, um in ihr zu leben. Denn der realistischeste Zustand der Welt ist der des Poetischen.



*020110*

Freitag, 1. Januar 2010

Nicht mehr das Eigentliche

Andy Borg im Kurier-Interview (Photo: ibd.):

Haben Sie die Macht, Leute in die Sendung zu bringen?
Macht ist für mich ein Schreckenswort. Für mich ist es genug Macht, auf der Bühne zu stehen, und 3000 Leute dazu zu bringen, traurig oder lustig zu sein. Das reicht mir für mein kleines Leben. Die Entscheidung, wer beim "Stadl" auftritt, überlasse ich gerne der federführenden österreichischen Redaktion.

Sie haben Anfang der 80er Ihre Karriere begonnen. War es damals leichter?
Es war insofern nicht einfach, als ein normaler Mechaniker aus Floridsdorf, wie ich einer war, nicht die Möglichkeit hatte, ein ordentliches Demoband zu machen. Die andere Seite ist, dass die, die sich wirklich durchgebissen haben, dann auch in einer Nachwuchssendung auf der Bühne gestanden sind. Heute kann jeder Depp zu Hause ein Playback zusammenbasteln. Wir können immer weniger unterscheiden, ob hinter einem Demo ein g'scheiter Musiker steht oder nicht. Die meisten heutzutage wollen nicht Musik machen, sondern berühmt werden. Sie wollen auffallen, egal wie.
Ist es in der Schlagerbranche nach wie vor wichtig, dass man Musiker ist?
Das ist meine Meinung. Den Medien, einem RTL -Unterhaltungs-Chef zum Beispiel, ist es wurscht, ob einer was kann. Hauptsache, er fällt auf und hat 20 Prozent Marktanteil. Ich bin ein Musikant und finde, es hat mit Musik nichts zu tun, wenn jemand die Brust heraushängen lässt auf der Bühne.





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