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Freitag, 12. Februar 2010

Zum Verständnis der Antigone

Der wahre Konfliktstoff der "Antigone", so weist es der Religionsforscher Alfred Bäumler im Zuge seiner Untersuchungen über antike Religion nach, ist ein zutiefst religiöser. Und er ist nur verständlich, wenn man das antike Religionsverständnis (siehe unter anderem Aussagen von Kerenyi) begreift.

"Der Streit liegt nicht zwischen Antigone und Kreon - sie sind nur Repräsentanten, sondern im Gegensatz zwischen den unteren und den oberen Göttern." An den Toten hat der König aber so wenig ein Recht wie die Gottheiten der Oberwelt. Antigone dient mit ihrer Handlung den unteren Göttern. Und Teiresias spricht es am Schluß offen aus: weil Kreon den Unteren einen Leichnam entzogen hält, verfällt er den Erinnyen. Antigone muß den unteren Göttern mehr gefallen, als den oberen. Kreon spottet ja wenn er sagt, sie solle ruhig zum Hades flehen, dem alleine sie diene - sie werde erkennen, daß umsonst sie sich abmühe, wie jeder, der des Hades Reich verehre. Antigone hat keinen offiziellen Entscheid des Zeus gesehen, in dessen Namen sich Kreon im Recht fühlt. Und deshalb sieht Antigone sein Handeln als Willkür - als menschlich und verwerflich.

Hegel übrigens sah deshalb die Antigone (richtig) als großartigen Kampf um Pietät, die für Hegel ein Grundgesetz des Lebens - ein Gesetz des Weibes - war. Sie kommt aus den tiefen Urgründen des religiösen Lebens und Empfindens der Menschheit überhaupt, dessen Ursprung im tiefen Dunkel der Vorzeit liegt, und im Widerstreit mit den ("männlichen", apollinischen) Gesetzen der späteren Zeiten, den Zeiten der Staatengründung, liegen. Er wird durch Sophokles nur im "Männlichen" und im "Weiblichen" symbolisiert beziehungsweise individualisiert.

In Antigone setzt sich das chthonische, unterirdische Recht der Familie durch, die den (toten) Angehörigen der bloßen Geschehenshaftigkeit der Erde entreißt, sein "Schicksal" somit der menschlichen Sphäre anheimstellt. Die eigentliche Macht und Kraft des Staates liegt aber genau in diesem unterirdischen Reich, das in der Familie waltet: die Familie ist sohin über den Staat zu stellen, sie ist keine bewußte Tat, sondern an sich seiendes Wesen, innerliches Gefühl. Durch das Weib (Antigone) findet das unbewußte Sein ans Tageslicht, wird dem Dunkel entrissen.

Diesen Grundsatz überschreitet Kreon. Der entehrte Tote macht sich mit den Mächten der Unterwelt auf, um das Gemeinwesen zu zerstören. Denn die ihrer selbst sichere und sich versichernde Gewißheit des Volkes, so Hegel, hat die Wahrheit ihres alles in Eins bindenden Eides nur in der bewußtlosen und stummen Substanz Aller, in den Wässern der Vergessenheit.

Das Leben des Staates zieht seine Kraft aus den stummen Wässern der unterweltlichen Bereiche, aus der Pietät, aus der Familie.

Das Gedeihen des Staates hängt von der Art der (begattenden) Begegnung  des männlichen-apollinisch-geistigen, gestalthaften, und dieser (weiblichen) Pietas ab, die hinwiederum aber ... und hier bleiben wir vielleicht nicht ganz bei Hegel ...  nicht als lustvolle Gattin, sondern nur als keusche Schwester höchste Sittlichkeit erreicht. Wir neigen also zu der Deutung, daß das (familiäre) Recht von Schwester zu Bruder nach griechischer Auffassung näher, ursprünglicher, bedeutender wiegt als es (wie in der Orestie - der Mord der Mutter an ihrem Gatten wird vor den Göttern als geringerer Verstoß gesehen, als der des Sohnes, aus Rache, an der Mutter!) andere Verhältnisse tun. Denn der Staat ist in seinem Kern (siehe: Rede von Jacob Grimm am Grabe seines Bruders) eine Gemeinschaft von Geschwistern.




Donnerstag, 11. Februar 2010

Als alles zerfiel

"Das Imperium Karls V. in Europa war das Ergebnis dynastischen Erbganges und politischer Heiraten. Seinen Besitz hat der Kaiser von Anfang an mit Mitteln verteidigt, die viel beschränkter waren, als die meisten Zeitgenossen vermuteten.

(Der Machtanspruch des Habsburgerreiches beziehungsweise Spaniens, der ein Territorium umfaßte, das zwanzigmal größter war als das Römische Reich zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung, und Süd-, Lateinamerika, große Teile Afrikas und Asiens umfaßte, neben der Iberischen Halbinsel, ausschließlich Portugal, den Niederlanden, Siziliens, Sardiniens bzw. Teilen Italiens, neben allen habsburgischen Stammländern, stand in nahezu absurdem Widerspruch zu seiner realen Macht, die auf einer Bevölkerung von höchstens zwölf Millionen, unter Karls Sohn Philipp II., dann inklusive Portugal, von fünfzehn bis zwanzig Millionen Einwohnern aufruhte. Absurd? Absurd war er, wenn man ihn als egoistischen Machtanspruch eben eines einzigen Landes versteht, und nicht als eines Herrschers, der "zufällig", in dem Augenblick aber nicht mehr auswechselbar, als König von Spanien, Herzog von Brabant etc. etc., das Lehen der Weltregierung im Kaiseramt, das nur überlokal und als alle Weltherrschaften zusammenfassend zu verstehen ist, empfangen hat - so, wie Karl V. es tatsächlich verstand, und sogar persönliche Machtansprüche, wie an das Burgund, hintanzustellen lernte. Anm.)

Solange Karl herrschte, verlieh der mittelalterliche Kaisergedanke, auf dessen Grund noch ein Überrest des Willens zu friedlichem Zusammenleben der christlichen Völker ruhte, den Unternehmungen des Herrschers einen ernsten Gehalt. 

Aber seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts (Reformation, Anm.) gab es im Sinne des Mittelalters keine Christenheit mehr. Und was den dynastischen Landbesitz anbetrifft, so wurde er mehr und mehr als Grundlage zur wirksamen Ausübung des Kaiseramtes durch das überall hervorbrechende Nationalgefühl in Frage gestellt. Für alle Herrscher auf europäischen Thronen ging es von nun an nicht um die Vielfalt der Herrschaftsgebiete, sondern um Konzentration und Sicherung.


Carl J. Burckhardt in "Richelieu"







*110210*

Mittwoch, 10. Februar 2010

Nur eine ganze Welt

Nähert man sich den Dingen über die Ebene des "wissenschaftlichen Beweises", versucht man sie in ihrer Plausibilität als Konstrukte bekannter oder zu kennender Elemente positivistisch zu errichten, so begibt man sich zugleich ihrer selbst! Man verfehlt sie, tritt nicht in ihre Sphäre, um sie - sie - zu nutznießen. Sondern man reduziert sie auf das bereits vorhandene Maß.

Der Technizismus, der Positivismus, die Wissenschaftshörigkeit, sind also keine Probleme der Herangehensweise an ein Ding, und die Verfehltheit ihres Ansatzes ist keine "moralische" Frage eines möglicherweise "illegitimen" Weges, der aber denn doch zum selben Ziele führt.

Wenn es überhaupt eine moralische Frage ist, so ist es das Problem der Verfehlung der Fülle der Wirklichkeit durch Schuld. Denn die Verquickung von "Beweis" mit "Lebensverweigerung", mit Angst und mangelnder Bereitschaft sich ans Leben hinzugeben - und hier setzt Schuld in Wirkung an - ist evident.

Der Technizismus aber, der die Dinge meint über Funktionalitäten errichten zu können (sie sind bestenfalls zu begünstigen) erschließt nicht auf illegitime Weise dieselbe Wirklichkeit, die den Dingen anhaftet, eigen ist, um sie allenfalls zu mißbrauchen. Das Resultat aber wäre dasselbe - dieses, jenes "Ding".

Nein.

Er schließt genau diese Fülle der Wirklichkeit der Dinge aus! Er reduziert somit Welt und nimmt den wirklichen Wert der Welt, der immer ein Erkenntniswert der (und: durch) Teilhabe ist.

Haltungen, und es sind Handlungen gleichermaßen, wie Glaube und Gehorsam (der immer ein solcher der Tradition gegenüber ist) sind also Voraussetzungen, um die Wirklichkeit der Welt überhaupt zu erfahren! Weshalb der Rationalismus, der voraussetzt (!), daß die Welt nur über bestimmte (und bislang definierte) Meßverfahren überhaupt erfahrbar, erkennbar, nachvollziehbar und deshalb beziehungsweise weil auf sie reduziert ist, eine wahre Weltzertrümmerung ist, an dessen Ende nicht Erkenntnis, nicht einmal reduzierte, steht, sondern - leere Hände, sinnloses "Wissen".

Jede technische, technizistische Annäherung an die Welt ist lediglich eine ausschnittsweise, reduzierte, in bestimmten Teilaspekten an den Wirkungen erfahrbare, aber: genau um das Wesentliche entkleidete Welt und Wirklichkeit. Wissenschaft, Technik, Empirie, Tatsachentreue etc. - sie alle sind lediglich Plausibilitätsverfahren, die die wirklichen subjektiven Welt- und Wirklichkeitsebenen nur verifizieren (oder falsifizieren). Aber sie können die Wirklichkeit nicht nachschaffen. Um die Welt zu erkennen, und an ihr teilzuhaben, in aller Ganzheit, dazu braucht es eine Haltung des Gehorsams dem Geheimnis gegenüber, das sie ist, braucht es die Haltung des Abschieds von sich selbst, des Zuerkennens der Autorität, die man dem Begegnenden schenkt.

Das schließt nur der Kult, und in dessen Rahmen: die Kunst ein.

Ganzheitliche Welterkenntnis, die immer eine Teilhabe an ihr ist, setzt also immer eine religiöse Haltung voraus. Die areligiöse Haltung ist nämlich keine um eine Dimension lediglich reduzierte Art, der Welt zu begegnen. Sie ist eine Art der völligen Weltverfehlung.

Es bestünde keine Hoffnung. Wäre der Irrende nicht zuerst jemand, der schlicht nicht in Besitz seiner selbst ist, in dem sohin zwei Erkenntnisebenen miteinander in ungeschlichtetem Streit liegen. Denn den zweiten Baum, den des Lebens, den hat uns Gott ... vorsorglich gleich nach der ersten Katastrophe entzogen.




Alle Wirklichkeit im Menschen

Alles, was in der Weltgeschichte wirksam ist, bewegt sich auch im Innern des Menschen. Das historische Begreifen ist weder ein bloßes "Entwickeln" aus dem Subjekt noch ein bloßes "Entnehmen" aus dem Objekt, sondern stets beides zugleich. Das Allgemeine, das das Subjekt mitbringt, und das Besondere, das es vorfindet, sind kraft einer ursprünglichen Übereinstimmung zwischen Subjekt und Objekt aufeinander bezogen.

"Je tiefer daher das Gemüt einer Nation alles Menschliche empfindet, je zarter und vielseitiger und reiner es dadurch ergriffen wird, desto mehr hat sie Anlage, Geschichtsschreiber im wahren Sinne des Worts zu besitzen."

Denn das Menschliche ist eben das Allgemeine, das Allgemeine aber ist das Ganze. Nur aus dem Ganzen wird das Einzelne verstanden. Weil wir die Menschheit a priori in uns tragen, können wir Geschichte schreiben. Die Menschheit in uns ist das a priori der Geschichte. Wir kennen die "Ideen" die den Weltlauf durchwalten und beherrschen, weil und soweit wir reine Menschen sind.

Was Wilhelm von Humboldt da schreibt, läßt sich ohne jede Änderung auf die Kunst und ihr Erzählen übertragen. Man muß nur die Begriffe Kunst und Geschichte austauschen. Nein, nicht einmal das. Die Ideen der Kunst, das Dargestellte, sind in jedem Menschen vorhanden, der Künstler birgt nur, und sieht es im Ganzen, stellt die wirklichen, bewegenden Bezüge dar. Mehr aber, als im Menschen vorhanden ist, gibt es nicht in dieser Schöpfung, darüber zu spekulieren - über eine Wirklichkeit außerhalb der Wirklichkeit - ist sinnlos.

Humboldt weist aber noch auf einen anderen Gedanken hin, der in manchen Zusammenhängen seine Gültigkeit längst erwiesen hat: daß jedes Volk auch jene Künstler, jene Geschichtsschreiber, jene Deuter, jene Priester erhält, die es verdient. Weil es an den Bedingungen Ursache trägt, unter denen solche Begabung zu sich findet und blüht - oder ob die Betreffenden zeitlebens nur mit dem Volk streiten, das ihnen die Ausübung dieser Begabung erschwert oder verunmöglicht.




Dienstag, 9. Februar 2010

Wirkmächtigkeit und Mythos

Bäumler weist in seiner Auseinandersetzung mit Bachofen in "Das mythische Weltalter" darauf hin, daß es zu einem Konflikt zwischen Wissenschaft und mythischer Deutung der Geschichte bei Bachofen kam, und immer kommen muß. Aber es stellt sich die Frage, ob das nicht ein Scheinkonflikt ist.

Denn auch wenn man die tradierten Erzählungen "frei macht" von jenen Schichten und Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit darüber gelegt haben, so bedeutet auch das Freilegen einer "ältesten Schichte" keineswegs alleine schon mehr "Authentizitätsgehalt", weil auch die unmittelbarsten Niederschriften und Aufzeichnungen bereits eine Deutung sind, die, wie alle menschliche Deutung, ohne Phantasie nicht auskommen. Und die Phantasie konturiert schärfer, macht die Linien der Geschehnisse einfacher, und läßt manches weg, das nicht die wirkenden Prinzipien bedeutet - die in jeder Erzählung dargestellt sein wollen. Und zwar nicht im Maß dessen, was war, sondern was sich in den Herzen der gleichzeitigen und nachlebenden Menschen angesichts der Tage ereignet hat. Denn die Phantasie behält nur, was ihr Eindruck macht, und so, wie ihr etwas Eindruck macht. Auch darin liegt eine Wahrheit.

Weshalb es immer nur in der Geschichte um das Erfassen der "wirkmächtigen Linien und Kräfte" gehen kann. Die Zeitnähe zum Ereignis spielt da nicht unbedingt eine Rolle, im Gegenteil, manchmal kann das weitere Ausrollen von Ereignissen Zusammenhänge offenbaren, die erst nach langen Jahren ans Tageslicht treten, und die doch in jenem Ereignis ihre Wurzeln haben.

Die Empirie der Ereignisse, das Feststellen von Tatsachen, ergibt noch keine Geschichte. Also integriert sich in jeder Form von Geschichte auch das mythische Element. Geschichte ist sohin die Exegese der Menschheit, ist die Explikation des Mythos des Menschen im Ringen um Freiheit.




Das Exemplarische

"Ich habe niemals gemeint, daß die Kunst einer Konzeption dienen soll, oder einem System, das im Gegensatz zum Geist und zur Überzeugung des Volkes steht; und noch weniger, daß wahre Kunst geschaffen werden kann gegen oder ohne die eigene Überzeugung dessen, der sie macht. Ebenso wenig kann sie die Illustration weder eines historischen Faktums noch einer Legende sein, wenn in ihr nicht wenigstens ein Stück eigenen Lebens, Gefühls und Zeugnisses ist. 

Auch ich bin gleicher Meinung mit jenen, die sagen, daß die Kunst frei sein muß von aufdringlicher Autokratie, von falscher Demokratie oder doktrinärer Religiosität; doch ich kann mir sehr gut vorstellen, daß jene Namenlosen, die an den französischen Kathedralen arbeiteten, freiwillig und voll Überzeugung arbeiteten, wie auch alle richtigen Künstler vor und nach ihnen, die an das glaubten, was sie in Gestalten und Darstellungen verwandelten. Und diese Überzeugung führte mich eben bei meiner Arbeit auch zu nationalen Motiven und zur heiligen Geschichte. 

Niemals habe ich weder das eine noch das andere bereut, noch bin ich auf solche Gegensätze gestoßen, wie manche annehmen mögen, denn jede kleine Tragödie ist einer großen ähnlich, und uns Menschen scheint es seit Menschengedenken, daß die menschliche der göttlichen ähnlich ist."


Ivan Mestrovic




 

Montag, 8. Februar 2010

Wie geht man unter?

Wir werden sagen können: wir waren Zeugen. Man wird uns fragen, ob wir das nicht haben kommen sehen. Wir haben, werden dann die einen sagen können, aber wir konnten es nicht ändern.

Einer von ihnen ist der (legendäre) Schweizer Wirtschaftsanalyst Marc Faber, der zwar mehrere Marktzusammenbrüche - die aufgrund ihres begrenzten Umfanges meist nur "Bereinigung" genannt wurden - exakt vorhergesagt hat (unter anderem 1987, 1989), aber zu Unrecht als Schwarzseher tituliert wäre. Faber hat sich sogar noch mehr Ansehen erarbeitet, als er schon vor Jahrzehnten die asiatische Entwicklung sehr genau vorhersah, und selber (zu seinem Vorteil, wie sich nun herausstellte) dort investiert hat.

Die derzeitige Lage sieht er, und er lächelt dabei milde, recht nüchtern: Die Staaten haben durch "Gelddrucken" (Vermehren der Geldmengen durch Kreditschöpfung zur Stimulation von Wirtschaftswachstum, das es - und das ist das Merkmal der derzeitigen Weltwirtschaftskrise - gar nie real gab, sondern das im wesentlichen aus "Leerlaufwirtschaft" bestand; Anm.) sämtliche Probleme aufgeschoben. Weil es aber zu keinen substantiellen Wirtschaftserholungen gekommen ist, werden sich diese Effekte rasch abschwächen. Faber sieht dann als nächsten (und für ihn unvermeidlichen) Schritt den von Staatsbankrotten.

Marc Faber  sagt im Gespräch mit der Neuen Züricher Zeitung ja  etwas sehr Bemerkenswertes: "Nach meinen Berechnungen ist es mathematisch unmöglich, daß die Amerikanische Regierung ihren Verpflichtungen noch nachkommen KANN!" Bereits jetzt betrage die amerikanische Staatsschuld 375 Prozent des Bruttosozialproduktes, und werde sich nicht nur alleine durch das derzeitige Defizit von 1,6 Billionen Dollar - um eine Billion zur "Krisenbekämpfung" ausgeweitet -  erhöhen, sondern nun kämen noch die Kosten für die von Obama eingeleitete "social security" zum Tragen! Bezieht man diese Kosten noch mit ein, dann beträgt das amerikanische Staatsschuldenkonto bereits sechshundert Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts.

Damit wird Amerika gezwungenermaßen weiterhin viel Geld drucken müssen (= den Geldumlauf erhöhen), was unweigerlich zu Inflation und Rezession und Depression führen wird. Das kenne man ja alles längst. "Das Ende ist normalerweise," sagt Marc Faber larmoyant, "daß man sich dann in einen Krieg einmischt." Amerika sei darin ja sehr geübt. Dieses Szenario ist für den Schweizer Wirtschaftsanalysten unausweichlich, er steckt (lächelnd) einen "garantierten" Zeitrahmen von zehn bis zehn Jahren, bis das eintreten wird.


Zurück auf etwas kleinere Maßstäbe: Das "griechische Modell" gilt also natürlich längst global, und man darf ruhig die Frage stellen, ob das medial so laut raschelnd hinausposaunte "Wir bekämpfen die Wirtschaftskrise wirklich!" der Staaten nicht nur deshalb auf so viel Echo stieß, weil die PR-Abteilungen der Großinvestoren  und Schuldner die Bevölkerungen und Realwirtschaften gnädig stimmen wollten, um selbst noch ihre Schäflein ins Trockene zu bringen: so flossen noch wirkliche Werte in ein System, das aber von Eingeweihten längst aufgegeben und nur noch ausgenutzt wurde.

(Diesen Verdacht darf man äußern, denn wirkliche Investoren sind meist sehr "vernünftig" ... ganz anders als die vielen vielen privaten Anleger, die mit sinnlosem Universitätsdenken bestenfalls noch ausgestattet, von Zeitungen mit viel zu wenig kompetenten Redakteuren aufgebraten, nicht zu vergessen aber: durch verantwortungs- weil längst machtlose, wirklichkeitsfremde weil verbeamtete Politiker, noch weitere Reserven ins Geschehen warfen.)
Die "Griechenland-Krise" ist also nicht einmal eine Krise der wirklichen Staatsverschuldung, sondern des rapide abbröckelnden Vertrauens in die Rückzahlungskraft der Staaten. Deshalb steigt die Spannung auf ein Höchstmaß, denn es zeichnet sich ab, daß die "Entkleidung" Griechenlands Vorbildcharakter für die Neubewertung von Staatsschulden überhaupt haben wird.

Nun stellt sich ja sogar (wenn man schon ehrlich ist, dann kann man eh alles sagen) heraus, daß Griechenland durch beziehungsweise im Euro - und das ist für die akademische Wirtschaftsanalyse ein Mysterium, weil Paradoxon - die Wettbewerbsfähigkeit ... eingebüßt, statt gesteigert, hat! Im Gegensatz zu Ungarn (als Beispiel) stehen dem Land über Währungsparitäten aber keinerlei Regulationsmöglichkeiten mehr zur Verfügung. Griechenland geriet in einen Sog, kaschiert, wenn nicht sogar ausgelöst durch EU-Gelder, die ins Land geflossen sind, der die eigene Produktivität drückte, ohne daß es erst auffiel. Über die Notwendigkeit, manche "Aktiva" neu zu bewerten, weil die Weltwirtschaftskrise zeigte, daß Geld selbst keinen Wert besitzt, wenn es als Leistungsversprechen nicht durch reale Leistungswerte gedeckte Schuld ist, entdeckte sich das griechische (jährlich erwirtschaftete) Haushaltsdefizit als nicht bei rund drei oder vier oder fünf Prozent, sondern  ... bei mehr als dreizehn Prozent liegend.

Der nunmehrige vollmundig angekündigte Sanierungskurs geht - wie auch anders!? - von angekündigten (und gesteigerten) Wirtschaftsleistungen aus, die aber nichts als unglaubwürdig sind. Was also kann einen Staat wirklich retten? Nur seine Bürger selbst, die beginnen, die Last, die sie sich aufgeladen haben, unter Belastung der Zukunft, nun abzutragen.

Und schon fürchtet man um die nächsten Kandidaten: Spanien und Portugal. Wer aber in Europa sollte das alles noch auffangen? Irgendjemand muß aber diese Lasten zusätzlich übernehmen! Was wird mit Amerika nun wirklich weiter geschehen? Und: was macht China, das wie es aussieht noch kaum Beschädigungen davontrug, aber solche schon längst riskiert, weil es das Weltsystem noch aufrechtzuhalten versucht?

Logischerweise drückt sich dies sehr genau auf den Geldmärkten aus: eine Reihe von Analysten spricht von derzeit zwei Blasen (nicht jede Inflation ist ja eine Blase), die sich durch das viele billige Geld am Markt (Staatsgelder!) gebildet haben - die (weit überbewerteten) Immobilien in chinesischen Großstädten, und ... langfristige Staatsanleihen, deren Glaubwürdigkeit zum einen hoch zu halten überlebensnotwendig für die Staaten ist, an die aber insgeheim niemand mehr glaubt, sodaß auch hier die Preise künstlich hoch gehalten sind, bei hohen Zinsen, dem Risiko entsprechend.

Hier noch einige Fakten zu Griechenland, der Presse entnommen:

"Griechenland hat Wertpapiere in Höhe von 290 Milliarden Dollar ausstehen - das ist mehr als doppelt so viel wie die 140 Milliarden Dollar, mit denen Lehman im Herbst 2008 in der Kreide stand", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, laut "Spiegel Online". (Das Bankhaus Lehman hat durch seinen Zusammenbruch die Weltfinanzkrise ausgelöst; Anm.) Und Griechenland ist unter Druck: Zwölf Milliarden Euro Schulden muss Athen bis April zurückzahlen und neue Anleihen ausgeben.

Werden also keine Investoren gefunden, stünde Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit. Griechische Staatsanleihen wären dann nichts mehr wert. Ein Kollaps der griechischen Staatspapiere würde eine Lawine von Abschreibungen bei den europäischen Banken lostreten: "Dann müssten europäische Banken massive Abschreibungen vornehmen. Zusätzlich dürften ihre Kreditbeziehungen zu griechischen Banken leiden", sagt Krämer.

Angst vor dem "Dominoeffekt"
Betroffen wären viele Länder. "Zwei Drittel der seit 2005 emittierten Anleihen hat das griechische Finanzministerium im Ausland abgesetzt, vor allem in den anderen Staaten der EU", führt Krämer aus.
"Schlimmstenfalls geraten die Kreditgeber Griechenlands dadurch selbst ins Wanken, so daß eine Kette fallender Dominosteine entstünde", warnt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, laut "Spiegel Online".




*080210*

Ein recht junges Ehepaar

Zur Stärkung seiner Forderung auf Eingliederung von Lothringen in sein französisches Reich hatte dessen legendärer König Heinrich IV. den Plan, seinen Sohn Ludwig (den späteren König Ludwig XIII.) mit der ältesten Tochter des damaligen Herzogs Heinrich von Lothringen zu verheiraten. Nach einem Jahrhundert, in welchem die Hausmacht der Habsburger durch Heirat ohnehin bereits in schwindelerregendem Tempo gestiegen war, sah er die Notwendigkeit, auch seinen Machtbereich durch Allianzen zu stärken, und Frankreich befand sich mit dem Deutschen Reich ohnehin schon jahrhundertelang im Dauerstreit.

Der Plan scheiterte. Aber nicht, weil das Objekt der Pläne, die lothringische Herzogstochter Nicole, zum Zeitpunkt der Heiratsverhandlungen ... erst ein (!), der Sohn Heinrichs, Ludwig, auch noch recht zarte acht Jahre alt war, sondern weil Heinrich IV. einem Attentat zum Opfer fiel. Und seine Witwe, Maria de Medici, dynastisch Habsburgerin, anschließend sofort die Heiratsallianz mit Spanien suchte.

Da trat Franz II. von Vaudémont auf, um Nicole für seinen Sohn Karl, geboren 1603, also damals sieben Jahre älter als das fürstliche Kleinkind, der spätere Karl IV. von Lothringen, zu erhalten. Doch Heinrich lehnte ab, Nicole sollte nach den Plänen ihres Vaters, Herzogs Heinrich II., dem Baron von Ancerville, mit dem Sohn des 1588 ermordeten Kardinals von Guise, vermählt werden, einem Mann von dreißig Jahren. Worauf es im Adel und im Volk zu einem Aufbegehren kam - Anceville wäre zu ... französisch, Lothringen immerhin (damals noch) dem deutschen Kaiser sowie dem Bischof von Trier untergeordnet. Also gab Heinrich nach, und das Kind wurde die Frau des Sohnes von Franz II. von Vaudémont, mit dem sie dann auch nach dem Tode des Vaters 1624 die Regierung übernahm. Da war Nicole zwölf, ihr Gemahl neunzehn Jahre alt.

Die Ehe wurde sehr unglücklich. Heinrich II. sagte über seinen (ihm aufgezwungenen) Schwiegersohn: "Ihr werdet sehen, daß dieser Tölpel alles verlieren wird." Und er ließ im Ehevertrag festhalten, daß Nicole nicht nur gemeinsam mit Karl regieren würde, sondern dieser verblieb in seinem (geringeren) Adelsrang.

Das Lothringen Heinrich II. beschrieb der französische Memoirenschreiber Nicolas Coulas als kleines Paradies: "Stellen Sie sich große dichtbevölkerte Marktstädte am Ufer schöner Flüsse vor, fette Viehherden aller Art, mit Reben bedeckte Hügel und Täler, die so fruchtbar sind, daß man das Getreide kaum zu ernten vermag; da leben Bauern, an deren Häusern es überall mit Glasscheiben versehene Fenster gibt, und diese Landleute verwahren in ihren Truhen große silberne Becher. Stellen Sie sich all dies vor, und Sie werden nur eine ungefähre Ahnung vom Glück dieser Gegend haben, so wie es herrschte, bevor der Krieg ausbrach. Nie mehr sah ich wie einstmals dort den wahren Überfluß und nie mehr das Bild solcher Harmonie."

Die Voraussage Heinrich II. ist eingetroffen, auch wenn Karl IV. von Zeitgenossen als schlagfertiger, witziger und körperlich sehr gewandter Fürst mit kühnem Temperament geschildert wurde. Aber er war im Lavieren zwischen Frankreich und Deutschem Reich, in dem der Dreißigjährige Krieg tobte, überfordert, und überschätzte sich in seinen politischen Fähigkeiten noch dazu lächerlich maßlos.

1625 brach ein schwerer Ehestreit zwischen Nicole und ihrem Gatten Karl IV. aus. Karl war formal ja nicht Herzog, sondern seiner Frau untergeben. Das wollte er nicht mehr dulden.

So griff er zu einer List: ein (vermutlich gefälschtes) Testament eines Vorfahren seines Schwiegervaters Heinrich II. tauchte plötzlich auf, das Frauen die Regierungsgeschäfte nur dann zusprach, wenn die Linie keinen Nachfolge habe. Er ließ deshalb seinen Vater erheben - und der ... verzichtete wenige Tage nach der Inauguration zugunsten seines Sohnes - Nicole war entmachtet.

Aber von nun an ging's bergab: Erst brachte Karl IV. ins eigene Land Unruhe, indem er die langjährig bewährte Harmonie der Stände zerstörte. Und schließlich gelang es ihm, als labilem Charakter, durch ungeschicktes und widersprüchliches Lavieren nicht, Frankreich gegenüber neutral zu bleiben, ja dieses mußte annehmen, er stünde auf der Seite auch innerer Feinde. Karl IV. suchte und fand Schutz bei Kaiser Friedrich III., der garantierte ihm Beistand - und so wurde 1630 der erste zentraleuropäische Friedensschluß, der aus dem Dreißigjährigen einen Zwölfjährigen Krieg gemacht hätte, verhindert: Richelieu zerriß den unterschriftsreifen Vertrag wegen der Garantien für Lothringen.

Während aber der Kaiser militärisch bereits zu schwach war, Lothringen wirklich zu schützen, wurde die Souveränität Lothringens nach und nach vom "bedrohten" Frankreich ausgehöhlt, und als die Schweden München einnahmen, nützte Richelieu die zweifelhafte Legitimität Karls, nannte Nicole die rechtmäßige Regentin, und marschierte unter fadenscheinigen Gründen in Lothringen ein.

Verzweifelt wandte sich Karl an Habsburg und Wallenstein - doch der ließ seine Truppen unter General Aldringer wieder umkehren ...

Karl wurde von Ludwig XIII. 1633 schließlich abgesetzt, soll heißen: er verzichtete zugunsten seines Bruders, eines Bischofs, auf die Regierung, und trat Lothringen vorerst zeitlich begrenzt an den französischen König ab. Anschließend floh er nach Deutschland und wartete auf den Tag der Wiederkehr - als Herzog.

Richelieu freilich holte konsequent Nicole nach Paris, als Gefangene, und rechtmäßige Thronfolgerin. Dort starb sie auch - völlig vereinsamt. Während Karl IV. sogar ... eine offizielle Parallelehe führte.

Und während Richelieu "nachweisen" ließ, daß Lothringen historisch belegt seit 1285 französisches Eigentum sei.

Die Bevölkerung freilich hielt zu "ihrem" Herzog, ja verehrte ihn wie einen mittelalterlichen Heiligen, der für sie die Freiheit erkämpfte ... Sie sollte es bitterlich büßen: Karl kehrte tatsächlich zurück und führte bis 1675 Krieg gegen die Franzosen, die die Taktik der verbrannten Erde anwandten, Lothringen letztlich völlig verwüsteten, und die Bevölkerung auf brutalste Weise dezimierten.




*080210*

Sonntag, 7. Februar 2010

Eine Episode aus dem Kalten Krieg

Claus Christian Malzahn erzählt in "Die Signatur des Kreises" eine nette Anekdote aus der Zeit des Kalten Krieges, der Teilung DDR/BRD:

Eines Tages sollte einem blonden, großgewachsenen Bäckermeister aus Königs-Wustershausen (Brandenburg, damals: DDR, ca. zehn Kilometer südöstlich von Berlin; Bild: das dortige Schloß - nach der Renovierung) zur Flucht verholfen werden. Seine heimliche Verlobte war bereits im Westen, und sie und Helfer hatten ihm Papiere besorgt, die ihn als schwedischen Staatsangehörigen auswiesen. Er sollte, so die Taktik, einfach sagen, daß seine Mutter Schwedin gewesen, er aber in Deutschland aufgewachsen sei. Deshalb seine fehlenden Sprachkenntnisse.

Gesagt, getan. Der Mann packte einen Koffer mit möglichst zur Geschichte passendem Inhalt, machte sich zu einem vereinbarten Tage auf, das Land der Volksdemokratie zu verlassen. Vom Westen aus, verborgen, mit Feldstechern, beobachteten seine Helfer, wie er zu Fuß auf den Grenzübergang im Osten Berlins, der ja eigentlich der Norden war, zuging, seine Papiere zeigte, befragt wurde, während man seine Personalien kontrollierte, und schließlich scheinbar problemlos auf den Deutschen Grenzbalken zuging.

Schon atmeten seine Freunde im Westen auf, daß alles so leicht gegangen zu sein schien, als sie mit Schrecken sahen, wie ein Grenzsoldat aus dem Wachhäuschen stürzte, dem Bäckermeister nachlief, und ihn barsch aufforderte, zurückzukommen. Zurückgegangen, verschwanden sie im Grenzerhaus, und alle hielten seinen Fluchtversuch bereits für gescheitert, als er nach einer halben Stunde noch immer nicht zurück an der Sonne war.

Da, endlich, tauchte er wieder auf, verabschiedete sich freundlich lächelnd per Handschlag von dem Offizier, der hinter ihm aus der Türe getreten war, und ging in beherrschtem Tempo ... schnurstracks in den Westen.

Dort wurde er jubelnd empfangen, und gleich bestürmt, was denn passiert sei, man habe ihn bereits für verloren, das Unternehmen für gescheitert gehalten!

Der Bäcker schilderte nun, daß dem Offizier tatsächlich Zweifel an der Echtheit seiner Papiere gekommen waren, und deshalb hatte er ihn scharf verhört. Er aber sei stur und steif bei seiner Geschichte geblieben: er sei Schwede, und wolle zurück in den Westen!

Schließlich war der Offizier an ihn herangetreten, und hatte ihn - wie beiläufig - gefragt, was denn überhaupt die Hauptstadt von Schweden sei!

Der Bäcker: "Kopenhagen."

Der Grenzer: "In Ordnung, Sie können gehen."




*070210*
 

Zeugender Geist

"Jede Seite der Kunst, die sich die 'schöne Kunst' nennt, und zwar die, welche sichtbare Formen hat, und die, wenigstens teilweise, zu unserem Gehirn durch den Sinn des Sehens gelangt - und das ist: die Architektur, Skulptur und Malerei, - setzt sich aus zwei Elementen zusammen: aus dem materiellen Wesen, und aus dem spirituellen Wesen, das ins Werk setzt. Das materielle Wesen ist sichtbar, das spirituelle unsichtbar. Also eins ist dem anderen ganz entgegengesetzt. 

Doch ein Gegenstand dieser Art besteht für uns erst dann, wenn sich diese zwei Elemente kreuzen, denn wie sehr die Materie in Wahrheit auch gesteht, so besteht sie doch nicht ALS Bauwerk, Statur usw., bevor sie sich nicht mit jenem entgegengesetzten Element gekreuzt, befruchtet hat; so wie in Wahrheit ein geistiges Werk im Gehirn besteht, wo es geboren wurde, doch für andere Augen nicht eher, bis es sich mit der Materie vereinigt." (Ivan Mestrovics)




*070210*
 

Aber es braucht mehr

Kardinal Cordes hat jüngst die heurige Fastenbotschaft des Papstes zum Zentrum eines Aufrufs an die Bischofssynode für Afrika gemacht. Einige schöne Gedanken daraus übernimmt der VdZ vom Zenit.

[...] Das Problem des gerechten Zusammenlebens könne nicht allein durch weltliches Einschreiten gelöst werden, da es „die politischen Kategorien überschreitet“. Aufgabe der Kirche sei es, das Denken jenseits des Horizonts der Gesellschaft vordringen zu lassen.

Angesichts so vieler Fälle, in denen die Gerechtigkeit als „dare cuique suum“ – jedem das Seine geben – verletzt wird, erinnerte Cordes daran, dass es „soziale Faktoren gibt, die korrigiert werden müssen; [...]

Der Papst halte [aber] fest, dass ein volles Leben von etwas abhänge, das das Kennzeichen des Geschenks trägt. Indem er bei der Einforderung der Gerechtigkeit einen rein weltlichen Horizont überwinde, sage er: „Wir könnten sagen, dass der Mensch aus jener Liebe lebt, die allein Gott dem geben kann, den er nach seinem Abbild und ihm ähnlich erschaffen hat“ (Fastenbotschaft 2010). Die verteilende Gerechtigkeit, die es zu verfolgen gelte und die jeder Förderer des Friedens anerkenne, sei noch nicht in der Lage, dem Menschen all das zu geben, dessen er bedarf.

Benedikt XVI. zitierend erklärte der Kardinal, dass „das Böse von innen kommt, aus dem Herzen des Menschen“: „Die Ungerechtigkeit, die aus dem Bösen hervorgeht, hat nicht nur einen äußeren Ursprung; sie gründet im Herzen des Menschen, wo sich die Keime für ein geheimnisvolles Übereinkommen mit dem Bösen finden lassen“ (Fastenbotschaft 2010). Die Erfahrung des Bösen lehre, dass es naiv wäre, sich allein der menschlichen Gerechtigkeit anzuvertrauen, die von außen in Strukturen und Verhaltensweisen eingreife. Das Herz des Menschen müsse „geheilt“ werden, so Cordes. Der Mensch aber könne nicht aus eigenen Kräften genesen, was Benedikt XVI. bekräftige: „Um Gerechtigkeit zu erlangen, ist es unumgänglich, den Trug der Selbstgenügsamkeit aufzugeben, jenen tiefen Zustand der Verschlossenheit, der selbst der Ursprung für die Ungerechtigkeit ist. 
In anderen Worten: Ein tiefer gehender ‚Exodus’ steht an als der, den Gott durch Mose bewirkt hat, eine Befreiung des Herzens, die durch ein bloßes Wort des Gesetzes nicht realisiert werden kann“ (Fastenbotschaft 2010).

Kardinal Cordes sprach in diesem Zusammenhang von „einer Art Autismus des Menschen, der durch die Säkularisierung verursacht ist“. Das Evangelium steht für den Präsidenten des Päpstlichen Rates „Cor Unum“ nicht in Einklang mit dem bürgerlichen gesunden Menschenverstand, „für den einem allein das gehört, was man aus eigenen Kräften verdient hat, und nichts geschenkt wird“. [...]




*070210*

Samstag, 6. Februar 2010

Eine deutsche Eigenart

Es scheint keine Ausnahme, wenn man heute beobachtet, wie alles, was doch schon da war, versinkt, wenn sich so vieles, das sich neu gebärdet, heute, in Wahrheit Kindergebrabbele ist, lautstark angekündigt vom gerade Bekehrten, der einen nächsten Schritt erstmals entdeckt hat, und nun meint, er sei am Ziele.

Schon Rudolf Borchardt schreibt gegen 1910 in seinem Vorwort zu "Die großen Trobadors": "Alle hundert Jahr muß die Leidenschaft einer stolzen Poesie einem geknechteten Deutschland von neuem zeigen, daß es eine Vorzeit besitzt, an deren Gefhülserwerb mindestens aller echte Begriff des Vaterlandes sich erst anknüpft, und ihre wieder längst verratenen und verlachten Denkmäler erneuern."

Das Alte neu entdecken, wie hier die Trobadors der Provence, die die deutsche Literatur aus der Taufe hoben, wo das Romanische endete, wo das Germanische begann. Ja, hier begann die gesamte westeuropäische Literatur. Es bedeutet nicht aber pflichtschuldigst abgespulte Schuldandacht, sondern bedeutet, daß im Wiederaufleben der Gefühle der wirkliche Schatz der Tradition erst wieder neu zu leben beginnt, sich erst beleuchtet und entdeckt. Sodaß auf den Schultern der Vorfahren, auf den Leistungen der Literatur der Vergangenheit, weiter - und jetzt erst: neu! - gebaut werden kann.

Damit wir nicht entdecken müssen, daß wir trunken vom Enthusiasmus ... alte Hüte in unseren Händen drehen, deren Form voreinst bestenfalls belacht worden wäre.

Die Anfänge wieder hören ist wie das Wiederhören des Zieles, jener Melodie, die neu zu gebären Sinn und Aufgabe jedes Dichtens ist, das von der immer gleichen Kraft nur beseelt werden kann - weil es dieselbe Seele ist, deren jeweilige historische Gestalt wir doch nur sind, weil wir Historie sind als Tänzer, um eine Mitte herum, und kraftlos und bleich werden, je weiter wir von dieser Mitte uns entfernen. Wie leicht vergessen wir sie dann, die Quelle, und meinen, wir könnten auch ohne sie leben, ja seien uns selbst Quelle.

Wir scheinen heute also genau dort wieder zu stehen, wo wir schon so oft gewesen sind, und verachten das Alte, weil wir meinen, es sei überholt. Dabei sind wir, von den Greisen, überholt ...

Ist uns das Gestern zu schwer? Sind damit wir selbst uns zu schwer? Haben wir nicht nur einfach zu wenig Kraft, das Erbe anzunehmen?




*060210*

Wirbelnde Winde

Im Kreis Bergstraße (Odenwald, D) wurde diskutiert, ob Windkraftanlagen gebaut werden sollen. Lesen Sie, was das Nachrichtenportal Rhein-Neckar dazu schreibt:

Die Windlobby macht mobil und winkt mit viel Geld", warnte stattdessen Peter Wassenaar von der Geschäftsführung der Geothermie RheinMainNeckar GmbH und Mitglied im Energy Center der TU Darmstadt vor einer übereilten Entscheidung, vor Folgekosten und negativen Preise. Zu viele nicht erfüllbare Hoffnungen würden in die Windkraft gesetzt, diese sei überbewertet und wirble stabile Systeme durcheinander. Wassenaar malte ein Szenario, in dem nicht mehr die für die Region typischen, Bauwerke das Landschaftsbild prägen, sondern hässliche Industrieobjekte: "Die einen sprechen von Idylle (gemeint waren die Hersteller), die anderen von Folter", polarisierte der Referent.

Während Diplomingenieur Eberhard Wagner, Autor zahlreicher Publikationen über Erneuerbare Energien, der Effizienz von Windkraftanlagen anhand von Statistiken eine klare Absage erteilte ("2009 war ein ganz mieses Windjahr"), erörterte Tilman Kluge aus Nauheim Rechtsfragen und Interessenskonflikte und zeigte bisherige Versäumnisse der Regionalen Planungsversammlung bei der Standortbeurteilung auf.


Gefahren für die Vogelwelt

Referent Stephan Schäfer führte all die Gefahren vor Augen, die der Vogelwelt durch rotierende und reflektierende Arme von Windrädern droht. Dabei spielten sogenannte Vogelschlagopfer nur eine untergeordnete Rolle, klärte der Mitarbeiter der Staatlichen Vogelschutzwarte auf. Viel wichtiger sei es, Korridore für die mehr als fünfhundert Millionen Zugvögel freizuhalten, sowie Ausschlussgebiet, Pufferzonen und Tabuflächen im Gebiet um Windräder auszuweisen. 

Durch Windenergieanlagen würden Rast- und Brutplätze für immer vernichtet, dem Vogelzug drohe in der Gefahrenzone die Desorientierung. Dabei sei noch gar nicht hinreichend erforscht, wie sich die immer höher in den Himmel wachsenden Anlagen auf das Flugverhalten der Vögel auswirke: "Je höher die Anlagen, desto größer die Räume, die von Vögeln gemieden werden." Schäfer nannte die bindende Schutzverpflichtung in den Europäischen Vogelschutzrichtlinien als ein wichtiges Pfund, mit dem sich gegen Windkraftanlagen wuchern lasse.




*060210*
 

Freitag, 5. Februar 2010

Auf der Suche nach Dionysos

"Jede erotisch-sinnliche Zivilisation wird zu demselben Resultate führen, das Weib über den Manner heben und diesen zum Werkzeug der Lust erniedrigen, jenes mit allen Reizen eines verfeinerten Daseins ausstatten, diesen dem Wesen seiner Mannesnatur entfremden."

Dem Weibe, so Bachofen davor, sei Dionysos zunächst geoffenbart. Er ist der Frauen Gott. "Jede Seite ihres aus sinnlichen und übersinnlichen Trieben so wunderbar gemischten, mehr seelischen als geistigen Daseins weiß Er gleichmäßig zu befriedigen. [...] In dem Sitze seines Lebens getroffen, durchstürmt das Weib die stillen Gebirgshöhen, überall den erkannten Gott suchend, der selbst am liebsten über die Anhöhen einherschreitet." Das Weib, dem die Hingabe an den "Gott der männlichen Kraft" als Bedingung des Heils erscheint, ist eien Stimula, nur darauf bedacht, den Mann an sich zu fesseln, eine Eva-Pandora, eine Ariadne: ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, ihrem Dasein den höchsten Liebreiz zu leihen, und mit aller Erfindungsgabe des weiblichen Geistes die natürliche Schönheit durch die Mittel der Kunst zu erhöhen.

Wenn man auch bei diesen letzten Sätzen fast aufseufzt.




*050210*
 

"Der einzige Weg Künstler zu werden ...

... ist zu arbeiten," schreibt Ivan Mestrovics (1883-1962) einmal. "Manchmal fragen mich Bekannte: warum ich gerade hier sitze [in Belgrad, Anm.], und was von dem, was ich gewollt und vorgeschlagen habe, akzeptiert wurde? Ob ich mit dieser Welt irgendetwas Gemeinsames habe, und ob wir uns verstehen? Und was ich überhaupt hier unter euch will?

Ich will, sage ich, zeigen, daß man auch hier leben und arbeiten kann, ich will zeigen, daß auch dieser Winkel der Erde allen bewegenden Kräften ebenso nach und fern ist, wie irgendein anderer, ja, daß er für mich sogar näher ist, als sonst ein anderer. Jeder muß, glaube ich, an Seinem und aus Seinem, an sich und aus sich arbeiten ...

Ich glaube, daß die Sonne aufgehen und die Erde erwärmen wird. Ich glaube, daß die Frauen Kinder gebären und die Äcker Früchte tragen werden. Ich glaube daß Liebe und schwielige Hände immer bauen, doch niemals zerstören werden. Nur unvernünftige und Parasiten vernichten. Ich glaube, daß böse Menschen nicht verhindern könne, daß gute geboren werden. ich glaube, daß die Chemie nicht vernichten wird, aber ebenso auch, daß sie nicht den Weg zur Rettung der Menschheit heraufführen wird. 

Ich glaube, daß der Wohlstand nicht der Beweger der Welt ist, und daß die Börsen, Banken und Zollschranken nicht die Harmonie herbeiführen werden, noch die Reichen die Gerechtigkeit ... Ich glaube, daß wir nicht die Letzten unter den Letzten, sondern allmählich den Besten ebenbürtig sein werden. Ich glaube schließlich, daß auch diese unsere weiße Stadt [Belgrad = beli grad = weiße Stadt] das werden wird, was sie noch nicht ist, einfach darum, weil es das Volk so will, und es wird Herz und Hirn in sie hineintun, wie es auch jetzt alles herbeischafft, wovon sie lebt."




*050210*