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Sonntag, 29. März 2009

Die Vorfahren für dumm halten

"Wenn Kirche, Staat und Gesellschaft miteinander Eheformen sanktionieren, die nicht mehr auf dem Gedanken eines gemeinsamen Opferns, sondern auf dem eines gemeinsamen Genusses oder Verzehrs aufgebaut werden, und wenn dies nicht das Privileg einer ohnehin nicht mehr besonders geachteten Adelskaste ist (...), dann nehmen die Kinder der alten Familie mit der Zeit an, daß ihre Eltern einfach dumm sind (...).

Der Konsumgedanke wird nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Familie bestimmend. Die Ehe selbst wird - zumindest in der Vorstellung von Halbwüchsigen - etwas, das man konsumiert. Die Gesellschaft leistet diesem Denken Vorschub, indem sie alles Ehe nennt, was sich unter bestimmten äußeren Formen zusammenfindet - ganz gleich, ob es sich um Partnerschaft, Schlafgemeinschaft, Konsum- und Einkommens-Pool oder das alte, auf Lebensdauer berechnete »Ehebündnis zweier Menschen verschiedenen Geschlechts« bezieht, bei dem Besitz und Kinderzahl gemeinsames Ziel von zwei Eltern bilden, die aber gegeneinander scharf begrenzte Funktionen ausüben.
"

Das schreibt der Arbeiterdichter Richard Kaufmann Anfang 1960er Jahre. (Titelverlinkung: prägnante Aussagen aus diesem Buch) Er nimmt in "Gebrannte Kinder" zur Nachkriegsgeneration Stellung, und analysiert (in der Absicht, die jungen Menschen zu verteidigen) so treffend, daß man heute die Zutreffendheit seiner Prognosen überprüfen kann - und staunt, wie absehbar so vieles war.




*290309*

Donnerstag, 5. März 2009

Theater ist KEINE Welt der Symbole

Das Wesen des Theaters ist eben nicht - wie Friedell schreibt - daß alles Symbol ist.

Das Wesen des Theaters ist vielmehr seine Abgeschlossenheit als Kosmos, der kein Element des Zufälligen und Ungewollten, Unintendierten zuläßt beziehungsweise beinhalten KANN.

Womit auch die Abgrenzung zum heute oft vorzufindenden Mißverständnis von "Echtheit" auf der Bühne oder im Film klar ist (siehe die Filme und Fragestellungen von Ulrich Seidl): Das darstellerische Talent beziehungsweise Element ist eben nicht die faktische Soseinsqualität in der Welt, sondern die Fähigkeit, diese Gestalt zu abstrahieren, aus der Welt abzuschneiden wie einen Pilz vom Waldboden, und ihn in neuer Umgebung ganz und vollkommen, in allen Bezügen und Kämpfen wie Reinheiten, darzustellen.

Theater und Film ist kein Dokumentarereignis. Es ist eine Nach- und Neuschaffung.

Gleichzeitig wird auch damit deutlich, worin sich die vielfach als "Naturalismus" mißdeutete Kunstlosigkeit der zum Symbol werdenden simplen Nachäffung einer Erscheinung von der Gegenständlichkeit, die einzige den Namen "Naturalismus" - als Kunst beziehungsweise als Element der Kunst nämlich - verdient.

Hinzugefügt sei noch der Hinweis auf die zu treffende Unterscheidung, daß die Abstraktion - Quelle der Kunst - vom Symbolbegriff strikt zu scheiden ist. Unklare Begriffsverwendungen haben hier nur Verwirrung angestiftet.




*050309*

Daher liebt man das Talent

"Das Talent vermag zu leisten, was die Leistungsfähigkeit, jedoch nicht die Apprehensionsfähigkeit der übrigen überschreitet: daher findet es sogleich seine Schätzer. Hingegen geht die Leistung des Genies nicht nur über die Leistungs-, sondern auch über die Apprehensionsfähigkeit der anderen hinaus: daher werden diese seiner nicht unmittelbar inne. Das Talent gleicht dem Schützen, der ein Ziel trifft, welches die übrigen nicht erreichen können; das Genie dem, der eines trifft, bis zu welchem sie nicht einmal zu sehen vermögen: daher sie nur mittelbar, also spät, Kunde davon erhalten, und sogar diese nur auf Treu und Glauben annehmen" 

 (A. Schopenhauer)




*050309*

Dienstag, 3. März 2009

Im Rausche der Macht

Es ist ganz gewiß kein Zufall, daß die Berufe des Regisseurs und des Architekten keinesfalls alt, sondern kaum mehr als hundert, zweihundert Jahre sind. Im Zerfall des Ganzen, in der Disparatheit der Weltanschauungen, der Individualisierung der Menschen, weil mehr und mehr der kulturell-charakterlichen Prägungen (nicht zufällig entstanden auch die ersten "Pädagogiken"), im Zerbrechen der Autoritäten, die ein Ganzes noch gewährleisten, wuchs die Angst um das Ganze, und das führte zu Personen, die sich dieses Ganzen anzunehmen hatten.

Oder dies vorgaben. Die Hinweise auf die Machtfunktion der "Wahrer des Ganzen" - als Letztentscheider, Kopf, Vorgeber und Schrittmacher - und somit als freigewählte, funktionalisierte Autorität scheint höchst zeitgemäß.

Noch bei Goethe war es selbstverständlich, daß der Autor die Interpretation festgeschrieben hatte, und der Baumeister war noch vor einhundert Jahren selbstverständlich auch Architekt, ja diese beiden Funktionen waren jahrtausendelang unmöglich zu trennen.

Auf ihre Art sind beide zu Regisseuren geworden. Und ihr Auftreten, ihr Vorhandensein alleine schon degradiert jeden der übrigen Teilnehmer am Ganzen zur Funktion. Was als temporäre Zeiterfordernis noch nichts darüber aussagt, ob sie nicht notwendig wären. In jedem Fall aber beschleunigen sie den Verfall des Ganzen, weil sie von den Teilen die ihnen innewohnende, natürliche Integrationskraft abzustreifen verlangen. Wirklicher Ethos - bei Regisseur wie Architekt - ist selten.

Regisseure im Machtrausch aber, für die jeder Schauspieler, ja jeder Mensch, der zum Gesamtwerk beiträgt, nur noch technische Funktionen sind, die sie beizusteuern haben, (scheinbar und suggeriert) ersetzbar, weil eine Funktion Depersonalisiertheit sogar benötigt, sind heute der Normalfall.

Wie der Architekt stehen sie unter ungeheurem Rechtfertigungsdruck, und um diese Rechtfertigung (bewußt), diese Daseinsberechtigung zu liefern (weshalb das Zusammenspiel mit ihrem Brötchengeber von großer Wichtigkeit ist - was jener verlangt, werden diese liefern), gepaart mit Zuchtlosigkeit (die den Vertrauensverlust in die Wirklichkeit, das Sein, mit sich zieht, nur noch eine Welt der Selbstvergewisserung und des Diktats der Betitelung akzeptiert - scheinbar, denn jeder unterliegt den Gesetzen der Mühle des Seins), bleibt ihnen kaum eine andere Wahl als alle Beteiligten zu entmenschen.

Während ihnen für ein eigenes Werk die wirkliche Schaffenskraft fehlt, was sie meist mit noch mehr Ingrimm (auch und vor allem den Autoren gegenüber) erfüllt. DAS ist der wahre Tod des Theaters. Völlig gleichgültig, welcher weltanschaulichen Orientierung - in diesem Punkt sind sie sich alle nämlich gleich: Sie schaffen ein Theater frei von Künstlern, aber voll mit Simulanten und "Menschenmaterial".

Valerie Martens schreibt in ihren Memoiren sehr richtig, wie einfach es ist, einem Werk etwas hinzuzufügen. So einfach, daß es den Regisseur (den sie als Musterbeispiel anführt) allzu rasch dazu verleitet, eine Inszenierung mit Ideen "anzureichern". So einfach aber auch, daß der Unterschied zwischen dem schwierigen und wirklichen künstlerischen Akt, ein Werk, ein Stück zu schreiben, überhaupt einmal ein Ganzes zu schaffen, und der Possenhaftigkeit, diesem etwas hinzuzufügen, meist verschwimmt.

Der Künstler zeigt sich nicht in "Einfällen", sondern in der Gesamtidee.




*030309*

Aus Mücken werden Elefanten

Valerie von Mertens' Bericht über ihr Leben mit Curt Goetz ist nicht nur dem Umfang nach fast doppelt so lang, wie die beiden Erinnerungsbücher ihres Mannes zuvor, die dieser bis zu seinem Tode veröffentlichte, sondern sie sind auch mit jener Verehrung verfaßt, die einen achtgeben lassen sollte, weil sie zwar von wunderbarem Respekt und Liebe zeugen, aber gefährlich vergessen lassen will, daß es um einen Kollegen geht.

Denn durchaus lassen sich je gleiche Erfahrungen abgeklärt und ruhig - und bombastisch zum weltzeugenden Moment schildern. So daß einem Alltägliches durch den Blick des Dilettanten plötzlich zum Fremden, Staunenswerten wird.

Als Schauspieler Biographien von Schauspielern zu lesen kann also durchaus gefahrvoll sein, indem man sich selbst laisiert und zum Dilettanten macht.

Dies ist häufiger zu beobachten als man meinen könnte! Ja, manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, daß es im Künstlerbetrieb (vor allem der darstellenden Künste, wo das Material der Künstler selbst ist) vorherrscht. Schon die Bedeutung, die man dem Beifall zollt, weist auf solche Maßstabsverrückung.

Wieviel mehr noch die abstoßende Unsitte, nicht mehr zu fragen, WAS man tut, sondern nur noch, WO beziehungsweise, ob es der Mehrung der Popularität dient. Eine Kategorie, die teuflisch-nachäffend künstlerischen Ruhm (und: wo Rauch da Feuer: Künstlertum) vortäuscht. Was bis zur Simulation des Künstlertums an sich geht, welches aber nur als Vehikel benutzt wurde.

Und wo es kaum bis gar nicht um künstlerische Ziele und Inhalte geht. Weshalb sich solche Geisteshaltung gerne mit ideologisch-moralischen Forderungen, oder sogar deren Gegenteil (weil es überhaupt um den demonstrativen Umgang mit Moral geht) verschwistert, die vielfach als Ausweis für Künstlertum gelten, ja wo moralische Qualität (einer Konvention entsprechend) überhaupt dem Künstler auferlegt wird, was bis zum Entzug der Daseinsberechtigung geht. Was zwar wiederum den echten Künstler kaum zu beeinträchtigen vermag, aber seine Arbeits- und Lebensbedingungen doch erheblich erschwert, weil das Publikum verbildet - oder (wie heute) verjagt.




 *030309*

Hingabe und Weltvergessenheit

Valerie Mertens, in ihren Memoiren beziehungsweise den Aufzeichnungen über ihr Leben mit Curt Goetz, macht den Gedanken über das Wesentliche künstlerischer Entwicklung noch klarer:

Wenn sie schreibt, daß der Künstler im Gegensatz zum Dilettanten (der Begriff Laie erscheint mir immer weniger präzise für dieses Thema) und Normalbürger sich von so vielen Hin- und Rücksichten frei macht, um nur noch in seiner künstlerischen Aufgabe zu leben, beschreibt sie in ihrer natürlichen Art den Weg zur Hingabe, und das ist ein Weg zur Freiheit als Gestalter, als Kreator: Fern von allen faktischen Vernetzungen als Mensch zu leben, in einem neuen Morgen, dessen Tau noch niemanden benetzt hat.




*030309*

Sonntag, 22. Februar 2009

Unterbrechung der Staffel - Auslöschen der Fackel

Auch wenn es niemanden davon freispricht, alles Erlittene hinter sich zu lassen und allen Startproblemen zum Trotz das Gute und Beste zu wählen:

Die Umwandlung der Bildung von der Bring- zur Holschuld mußte zwangsläufig zu einem Verfall derselben binnen kürzester Zeit führen. Den Verlust des Geistes, der sich seit der Revolution der späten 1960er-Jahren endgültig (Jahrzehnte zuvor noch schleichend) vollzog, und zu einem erschütternden Siegeszug des Technizismus führte, der selbst persönlichste Lebensbereiche durchdrang, indem er sie auseinanderriß und zu mechanischen Prozessen machte, aber schlicht als Klage an die Jugend zu richten ist unerträglicher Zynismus.

Er geht auf das Konto der Nachkriegsgeneration, die schlicht die Fackel - in allen Bereichen - nicht mehr weitergab: aus Mißtrauen auf den Sockel, auf dem die Welt errichtet wurde? Aus politischem Kalkül, weil der Sozialismus (der nie eine andere Waffe hat als auf menschliche Schwächen und Laster zu bauen - Neid, Jähzorn, Wollust ...) aus dem Zweifel seine Wählerstimmen zog?

Wer immer heute aber an seine eigenen Wurzeln anknüpfen will - er muß sie erst mühsamst rekonstruieren, ja noch mehr: Die aktuelle Gegenwart abschütteln, um überhaupt diesen Weg der Anknüpfung noch wählen zu können.




 *220209*

Mittwoch, 18. Februar 2009

Rechtmäßige Nachfolger

"Die Bischöfe sind die recht mäßigen Nachfolger der Apostel." (Aus einem Schulaufsatz; nach der Rechtschreibreform.)




*180209*

Wer mit der Herde geht



Titelverlinkung: "Die Hirten folgen den Herden" - Die Erklärung der österreichischen Bischöfe zur jüngsten "Kirchenkrise"




                                                    *180209*

Freitag, 13. Februar 2009

R. i. p. - Amerika hat keinen Präsidenten mehr

Was Barack Obama so treibt, nett, nicht wahr? Fliegt mit der Airforce One und sagt nachher, daß es geil war. Bekennt offen Fehler, ernennt die Falschen, macht nix, er korrigiert es notgedrungen, jeder macht mal Fehler! Nicht Du, nicht ich, nicht wir alle auch? Ein Mensch wie Du und ich! Er geht durchs Weiße Haus, und bestaunt den Ort, wo Geschichte gemacht wurde, ehrfurchtsvoll fast. Dann flieht er mal wieder in den nächsten Kindergarten, in die nächste Schule, um mit den Kids zu quatschen, wenn ihn im Oval Office alles mal wieder erschlägt. Nett. Sicher bestellt er, wie Clinton, seine Hamburger nachts. Oder nein: Obama holt sie sich selber! Oder schickt seine Frau, weil er grad mit China telephonieren muß, um den dritten Weltkrieg zu verhindern.

Armes Amerika, armer Westen. Amerika hat keinen Präsidenten mehr.
Es hat endgültig den Technizismus auf den Thron gesetzt. Und was an Menschlichkeit so warm rüberkommt, ist die entfleuchende Verwesungsenergie letzter Kulturreste. Aber die gibt es nur einmal, und dann nie mehr wieder.

Das Wesentliche am Absolutismus war - heute völlig mißverstanden, weil ideologisch mißbraucht - daß für alle, ausnahmslos, und den Regierenden zur nicht unbeträchtlichen Last (Ludwig XIV. wollte nie regieren), der Staat am Kopf nicht nur anfing, sondern das war, was sich an diesen Kopf anschloß, weil erst daraus erwuchs. Das hat den Spruch "L'etat - c'est moi!" geprägt, und das macht ihn verständlich. Der König war Ursprung, Prinzip und Spitze eines Staates, gab allen Identität und Bestimmung.

Erst Niedrigkeiten in Person - wie Rousseau - lösten dann alles in Funktionen auf, weil aus ihrer Person nichts erwuchs.

Aber es ist ja heute alles anders.




*130209*

Dienstag, 10. Februar 2009

Die Destruktivität der Folgen


Manchmal wünschte man sich, man wäre in Amerika, und hätte (mehr) Teil an dieser lockeren Art, sich selbst nicht ernst zu nehmen. (Titelverlinkung: Interviewaussagen von John Goodman) Ich wußte ja, warum ich ihn mochte ... als Schauspieler. Eine Kunst, die auszuüben enorme Vorsichtsmaßnahmen erfordert, weil sie über die größten Schwächen des Menschen wie eine Brücke gebaut sein muß.

Wieso leben Sie nicht in Hollywood?
Ich habe ein Mädchen aus Louisiana geheiratet. Und ich wollte meine Tochter nicht in L.A. in der Nähe des Filmbusiness erziehen. Die Fixierung auf Celebrities, die Hollywood bestimmt, ist destruktiv, das ist echt eine Krankheit. Ich kann dort nicht leben. Die Unterhaltungsindustrie hat nichts mit mir zu tun. Ich bin Schauspieler von Beruf, der andere Teil dieses Business ist Scheiße. Die andere Seite des Glamours ist tödlich.




*100209*

Montag, 9. Februar 2009

Prüllereien - man gönnt sich ja sonst nix

Das "stehle" ich dem KURIER (der sich mit der Titelverlinkung zufrieden geben muß), das ist köstlich: Aussprüche von Heinz Prüller, TV-Kommentator von Formel 1-Rennen seit ich denken kann, nunmehr ausgebootet. Es sind im übrigen interessante Sprachspielereien, die auf den Konflikt zwischen der immer ärmeren Logik und der Mimesis der Poesie hinweisen.

"Besonders hier in Estoril sind die Seitenwinde besonders gefährlich, weil sie nämlich auch von vorne und von hinten kommen."

"Ich darf ihnen leider noch nicht verraten, dass die Slicks nächstes Jahr wiederkommen, da es noch geheim ist."

"Mansell führt mit sechs Sekunden Rückstand."

"Noch 68 von 42 Runden zu fahren."

"Die Kurve ist sehr eckig."

"Ralf Schumacher fährt schneller als sein Auto fahren kann."

"Die ganze Williams-Box jubelt. Frank Williams kann leider nicht aufstehen, er ist ja an den Rollstuhl gefesselt."




*090209*

Samstag, 7. Februar 2009

Die kranke Idee

Egon Friedell: 

"Es ist bekannt, daß gewisse Irrsinnige sich durch tadellose Logizität auszeichnen. Nur die erste Prämisse ist bei ihnen falsch, von da an folgern sie mit einer staunenswerten Schlußfähigkeit, Geistesstärke und Denkschärfe."


Gilbert K. Chesterton über den Wahnsinn: 

"Große Rationalisten sind nicht selten geisteskrank; und Geisteskranke sind in der Regel große Rationalisten. (...) Wer mit einem Irrsinnigen diskutiert, wird wahrscheinlich den kürzeren ziehen; denn in mancher Hinsicht funktioniert sein Geist nur um so schneller, je weniger er sich bei all den Erwägungen aufhält, die für den gesunden Menschenverstand in Betracht kommen. Er wird durch keine humoristische Anwandlung gehemmt, durch keine Regung der Nächstenliebe, durch keinen Einwand der eigenen Lebenserfahrung. Er ist gerade deshalb logischer, weil gewisse Sympathien bei ihm nicht mehr vorhanden sind. Insofern ist der Terminus 'irrsinnig' irreführend. Der Irrsinnige ist nicht ein Mensch, der die Vernunft verloren hat, vielmehr ist er der Mensch, der alles verloren hat, nur nicht die Vernunft. Die Aussagen, die ein Irrsinniger macht, sind stets erschöpfend und, vom rein rationellen Standpunkt betrachtet, auch einwandfrei (...) Sein Geist beherrscht einen vollkommenen, aber zu engen Kreis. Die Erklärungen eines Wahnsinnigen sind ebenso vollkommen wie die eines Gesunden, nur sind sie nicht so umfassend. (...) Das stärkste und unverkennbarste Merkmal des Wahnsinns ist eben jene Vereinigung von fehlerloser Logik und geistiger Kontraktion. (...) Der Kranke befindet sich in der leeren und grellen Zelle einer einzelnen Idee, auf die sein Geist mit peinvoller Schärfe konzentriert ist. (...) Der Materialismus trägt den Stempel einer gewissen wahnwitzigen Einfachheit, genau wie die Argumente eines Irrsinnigen; man gewinnt sofort den Eindruck, daß hier alles gesagt und zugleich alles ausgelassen ist. Der Materialist versteht alles, aber dieses 'Alles' erscheint zugleich als sehr nichtig."

Vielleicht erweitern wir noch diese Definition, machen sie auf hin zur menschlichen "Identität", um aus dem Wahnsinn den Wahnsinnigen zu machen. Aber mit Vorsicht. Sonst sind wir gar zu tief in den Diskussionen der Gegenwart.




*070209*

Samstag, 31. Januar 2009

Es war alles nur Schimäre

Nun gibt es Zahlen, Hans Rauscher bringt sie im Standard-Artikel (Titelverlinkung), wo er die Sachlage auf den Punkt bringt:

Die Osterweiterung, deren wirtschaftlicher Segen für Österreich durch großzügige Kredite der österreichischen Bankenlandschaft (ausnahmslos) in Höhe von zweihundertdreißig Milliarden (230.000.000.000) Euro (das sind knapp drei Billionen Schilling, also 3.000.000.000.000 Schilling) vorfinanziert wurde - ist eine für heute so typische Luftblase gewesen. Jene "Hoffnung", die rechtfertigte, über Kredite das Wirtschaftsvolumen aufzublasen, weil dieses zusätzliche erschaffene Geld ja irgendwann zurückgezahlt werden könne, ist weggebrochen, nun geht es ans Zahlen.

(Nur auf solchem Hoffnungshandel beruht nämlich diese Art des Wirtschaftens, sowie auf der Annahme, daß es ein fehlerfreies System geben kann, man muß nur alle Störfaktoren ausschalten. Das zur Totalität fast unausweichlich führende Aggressionspotential dieser Art des Wirtschaftens, in der alles bereits zum technischen Vorgang verkommen muß, dem alle Menschen schlicht zu dienen haben, kann man sich also ganz leicht ausrechnen.)

Nun können diese Staaten diese Kredite nicht mehr zurückzahlen. Wir werden sie ohne Zweifel zum Teil zumindest selber bezahlen müssen, nur dann sind diese Kredite nämlich überhaupt noch etwas wert: Wenn wir dieselben Kredite retten, die wir vergeben haben. Und das müssen wir, sonst ist auch unsere Bilanz dramatisch: Gehen unsere Banken flöten, geht unser System, in dem wir's uns so gemütlich eingerichtet haben, flöten.

Man darf also die Oststaaten nicht pleitegehen lassen, will man unser eigenes System am Leben halten! Wobei wir aus denselben Gründen, aus denen heraus nun alles so bedrohlich aussieht, diese EU-Erweiterung lautstark als "nötig" gefordert erlebten. NUR dadurch konnte ein weit früherer Kollaps unserer Mechanismen verhindert werden. Da war es nur eine Formalität, diesen Staaten auch die Gelder gleich zu geben, mit denen sie dann - bei uns, durch die gesteigerte Nachfrage, bei ihnen durch den noch verbleibenden Rest der mit Geld künstlich geschaffenen Nachfrage - Wirtschaftswachstum produzieren sollten. Nur hatte das System einen kleinen Haken ... wie jedes System gibt es am Fuß dieser Pyramide ... Menschen. Sie stehen nicht nur im ehemaligen Osten und sind letztlich das einzige Kriterium, sondern sie standen auch in den USA, von wo (aber das müßte man noch breiter untersuchen, ob denn das überhaupt so war, lassen wir mal die Formulierung: Dort wurde es am ersten sichtbar) diese derzeitige Krise, die ein Kollaps ist, keine Krise, seinen Ausgang nahm. Man hat nicht mit dem Faktor Mensch gerechnet ... der nicht einfach beliebig "Wirtschaftsleistung á la Turbokapitalismus" erbringt, der das längst auch bei uns völlig übersteigerte Wirtschaftssystem noch hätte retten können. Und das haben wir im Grunde erhofft! Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Nun suchen die Werte einen realistischen, einen glaubwürdigen Grund, und sieh da ... dieses Spiel des (angeblich aber nur jemals) Geglaubten beginnt zusammenzufallen, wie ein Kartenhaus, wie ein Dominospiel - ein Stein wirft den anderen.

Rauscher und EU-"Fachleute" sprechen von mindestens hundert Milliarden Euro "Berichtigungsbedarf". Nur für Österreichs Banken, wohlgemerkt. Die - wie hieß es so schön? - in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Erfolgszug hingelegt hatten, vor lauter Tüchtigkeit platzten ja die Bilanzen vor Gewinnen. Ah ja, ich verstehe.

Noch einmal, zum Mitschreiben: Man verkaufte etwas, das der Osten sich nicht hätte leisten können. Aber weil wir die Ware sonst nicht abgesetzt hätten, gab man ihm auch das Geld, damit dieser überhaupt Kunde sein konnte, und zwar aus den zukünftigen Erträgen, die man mit dem Verkauf erzielte ... nein: Erzielen WOLLTE, weil mußte - das hat man uns dann als positiven Effekt der Osterweiterung der EU verkauft, der wir angeblich unseren Wohlstand (der nur noch ein Aspekt eines unbedingt notwendigen Wirtschaftswachstums war) verdanken.

Verwirrt? Aber es ist doch recht einfach?

Jetzt können diese Oststaaten ganz einfach nicht nur nichts mehr kaufen, weshalb unsere Produkte in den Lagern verrotten, oder gleich: Gar nichts mehr produziert wird, mangels Abnehmer, weil nur noch ein Irrer weitere Kredite geben würde, nicht einmal mehr österreichische Banken das tun, sind alle Schienen in eine rosige Wachstumszukunft abgeschnitten. Jetzt MÜSSEN wir diesen Schuldnern, die nicht mehr zahlen können, es ja nie konnten, sogar WEITERE Gelder geben. Ja, wir "müssen"! Sonst ist der Strudel gar nicht mehr aufzuhalten, und er wird auch uns nicht nur möglicherweise, sondern ganz sicher - und gleich - verschlucken. Unser System würde radikal - und sehr sehr realistisch - auf die Gegenwart abgeschlankt. Wobei noch immer die Frage offen bleibt, ob das überhaupt zu vermeiden sein wird.

Offen bleibt? Es wird nicht zu vermeiden sein. JETZT - und das müßte man einmal öffentlicher sagen - geht es nur darum, ob wir noch einmal das System um drei, um fünf, oder vielleicht zehn Jahren hinausschieben. Wovon das abhängt? Ob es gelingt, noch einmal eine Zukunftsblase auszubauen, die durch zukünftige Erwartungen die Erwartung glorreicher Zukunft rechtfertigt. Zum Beispiel: durch eine gigantische Erfindung. Der verdanken wir ja, daß wir uns aus den müden 1970ern noch einmal zu dreißig Jahren Prosperität hochpumpen konnten: Weil alle Kredite gerechtfertigt schienen.

Stell Dir vor, es ist Prosperität, und alle gehen hin - und dabei ist gar keine.

Verwirrt? Aber es ist doch so einfach ...

Mein Geschäftspartner aus dem 1980/90ern (treue Leser dieses Blog kennen ihn schon: HvW, Gott hab ihn selig) hatte nicht nur weise Sprüche als Essenz aus seinem bewegten Leben gezogen. Er hatte ein Gefühl für ökonomische Wirklichkeiten, und deshalb auch ein nie ganz zu überwindendes Mißtrauen zu der Art, wie in Österreich Geschäfte gemacht wurden. Er meinte nämlich immer, in einer Art "Restskepsis", daß er nicht verstünde, wie das hier (also der österreichische Wohlstand) alles überhaupt möglich sei. Nach seinem Dafürhalten fehlten da überall die Aktiva! Also das, was er also solche sähe.

Mein Gott, was diese Preußen doch immer nüchtern und sachlich sind ... Bis heute: Jetzt wollen sie nicht einmal beitragen, zu diesen hundert Milliarden Euro, oder 1,4 Billionen (1.400.000.000.000) Schilling. Die EU hat mehr als genug mit anderen Problemen zu kämpfen. Wir haben ja allen erzählt, wie gut es uns geht. sie haben es geglaubt, oder: Haben uns beim Wort genommen. Wie wir es gewollt haben. Die EU hat nämlich alle Hände voll zu tun, den Euro am Leben zu halten! Gehen die Länder der EU pleite oder werden noch schwächer, stürzt der Euro ins Bodenlose (zur Erinnerung lese man das gestrige Interview mit G. Soros), und reißt alle mit, und - das wird ja gerne vergessen - werden die Regulierungseinheiten KLEINER werden, wenn nicht sogar kleiner werden müssen! Schon jetzt kann man die Krise nur NATIONAL effektiv bekämpfen, und "Währung" ist über den Wechselkurs eines der wesentlichsten Krisenbekämpfungsmittel!

Aber HvW hatte so recht mit seiner ewigen Skepsis, er hatte so recht. Was nun als Ergebnis der phänomenalen "Osterweiterung" und der letzten "Boomjahre" auf uns zukommt, an (nicht: in!) denen wir "so gut verdient haben", ist nichts als ein weiteres, aber ziemlich definitives Ergebnis auf diese österreichische Art, sich in Erfolge frohzurechnen: Indem wir es nun selbst sein werden, die diesen so tüchtig erwirtschafteten Wohlstand - der als reines Luftgespinst ein simpler Kredit war - über höhere Steuern zurückzuzahlen haben. Es gab ihn nicht, den Wohlstand, es gab ihn nicht, das Geld das umzuverteilen war. Es gab nur den Glauben daran, die Illusion, die sowohl Rechten wie Linken nur recht war, weil sie genügte, um Kredite zu besichern, sodaß niemand recht auf wirkliche Kostenwahrheit achten mußte - das war's!

Aber die gelernten Österreicher wissen seit den 1970er Jahren: es kann nur aufwärts gehen, es gibt ihn, den Weihnachtsmann. Sobald sich alles wieder erholt, wir wieder auf der Überholspur der jährlichen Wachstumsraten der Bruttosozialprodukte sind, wird eh alles gut. Wählen wir halt dann eine andere Regierung. Oder machen einen Generalstreik.

Eines nur darf nie passieren: Dieser Glaube an den Weihnachtsmann, der darf freilich nie brechen.




*310109*

Donnerstag, 29. Januar 2009

Das System IST eigentlich zusammengebrochen

George Soros ist (ebenfalls) dieser Meinung, und er meint, daß die Ankurbelungspakete nicht ausreichen werden, um es zu retten. Lesen Sie dazu das gerade durch die Hilflosigkeit, die sich in den Andeutungen verrät, so aussagekräftige Interview im Standard (Titelverlinkung) Soros, über dessen Verantwortungsbewußtsein man ja durchaus geteilter Meinung sein kann (wir erinnern uns: vor fünfzehn Jahren hat er alleine durch geschickte Spekulationstaktik das Britische Pfund ums Haar zerstört), meint dabei immerhin, daß es nichts nützt: man wird JETZT einen Schlußstrich ziehen, die Schulden BEZAHLEN müssen.

Soros: ..."Man bräuchte eine Art Vereinbarung über verlorenes Kapital, damit die Last geteilt wird, und woran jedes Land sich beteiligt, sonst leiden noch mehr Staaten."

Schulden bezahlen aber heißt: Geld dem Wirtschaftskreislauf entziehen, damit ein "Gesundschrumpfen" einleiten, eine Konsolidierung und Strukturbereinigung ganz anderer Art als man gewöhnt ist. (Bisher haben dies vor allem die Zinsen und ihre Auswirkungen auf die Investitionen übernommen.) Und das bedeutet eine sofortige Anpassung des "Wohlstandsniveaus" ... das gewaltig nach unten rutschen würde. Wenn aber nicht jetzt - dann in wenigen Jahren. Ein Sozialstaat derzeitigen Ausmaßes ist aber schon jetzt in keinem Fall mehr zu finanzieren.

Wie lange wird die Politik aber noch gutes Geld dem schlechten hinterher werfen? Wann wird man erkennen, daß ein Neubeginn notwendig ist? Wer wird den Mut aufbringen - in Demokratien?

Setzen wir ihn aber jetzt nicht, wird er uns in wenigen Jahren unausweichlich aufgezwungen werden. Aber dann wird Europa von der Weltbühne abtreten. Darüber scheint noch niemand nachgedacht zu haben. Denn Schulden der Zukunft werden eben diese bis zur Bewegungsunfähigkeit einengen. Noch aber könnten wir es: Handeln.

Soros: ... Die Krise hat sich eigentlich als schlimmer herausgestellt, das habe selbst ich nicht erwartet. Der Kollaps der Lehman-Bank war ein Wendepunkt-Ereignis. Ich habe erwartet, dass die Krise bis an den Rand des Abgrundes reicht, aber nicht darüber hinaus. Wir sind weitermarschiert. Eigentlich ist das Finanzsystem kollabiert. Es gibt jetzt eine künstliche Lebenshilfe. Das Ausmaß ist viel schlimmer als erwartet.




*290109*

Mittwoch, 28. Januar 2009

Fünfzig Jahre später

David Kelly war unter anderem Botschafter Großbritanniens in Moskau, also ein Insider. Wenige Jahre vor seinem Tod 1959 schrieb er "Die hungernde Herde". 

Er warnte damals eindringlich davor, geostrategisches Denken weiter zu vernachlässigen - die "Feinde" im Kalten Krieg, die UdSSR und China, würden das auch nicht tun. Nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg sei auch eine Folge dieser Nachlässigkeit vor allem Englands als europäischer, aber eben weltumspannender Macht gewesen.

Es ist sehr interessant, aus 50jährigem Abstand nicht nur eine innere Stimmung - diese ständige Angst und erlebte Bedrohtheit (Ängste, die, so belegt Kelly, die UdSSR selber schürte) erinnernd wieder zu erleben, die meine Kindheit in den 1960ern so prägte. Es ist noch interessanter, die Stichhaltigkeit vieler Thesen und damit der Analysen der Geschichte überprüfen zu können.

Kelly hatte in enorm vielem Recht, und er hatte noch mehr darin recht, die UdSSR nicht zu unterschätzen. Er schrieb es westlichem Leichtsinn, ja mangelndem Selbstbehauptungswillen zu, einem kommunistischen System "guten Willen" abzunehmen. Den gebe es nicht, so Kelly, und es sei kein schwererer Fehler getan, als Chruschtschow als "Reformer" einzuschätzen.

Stalin hingegen sei in seinen letzten Jahren regelrecht milde geworden, auch weil der Widerstand immer größer geworden war. Sein Nachfolger hingegen, frischer Kraft, habe sofort mit allen Widersachern aufgeräumt, seine Machtposition gestärkt, und auch geostrategisch Seiten aufgezogen, denen der Westen gar nicht gewachsen war.

Die Taktik: vollendete Tatsachen schaffen, und dann Verhandlungsbereitschaft zeigen. Damit wird in Wahrheit etwas legitimiert, was in nuce nie hätte stattfinden dürfen. Das kommt einem doch (zum Beispiel aus der Pädagogik) bekannt vor?




*280109*

Dienstag, 27. Januar 2009

Ein Muslim ist überlegen.

Es ist natürlich schon interessant, was der Falter (Titelverlinkung) nun ans Licht bringt: eine Studie im Rahmen einer Dissertation über in Österreich wirkende Islam-Lehrer. Vielleicht nicht zufällig, denn vor einigen Tagen tauchte in Deutschland eine ebenfalls erschreckende Studie auf, die den Stand der "Integration" muslimischer (und vor allem türkischer) Zuwanderer in Deutschland zum Inhalt hatte.

Auch dort wurden in einer langfristigen und breit angelegten Untersuchung alle "Vorurteile rassistischer Bösmenschen" mehr als bestätigt: Von Integration kann man so gut wie nicht sprechen, sie sei, so die Studienautoren, definitiv gescheitert. Und die Ursachen liegen bei den Zuwanderern selbst, die Subkulturen bilden und gar nicht integriert sein wollen (siehe dazu: die Akzeptanz der hiesigen Gesellschafts-, Werte- und Rechtsordnung bei der österreichischen Studie). Der Bildungsstand ist weit unterdurchschnittlich, auch in zweiter oder dritter Zuwanderergeneration, die Bindung an das Herkunftsland (Türkei) entscheidend, der Anteil jener, die hier von staatlichen Zuwendungen leben, weit überdurchschnittlich. Die Erwerbsquote vor allem der Frauen ist extrem niedrig, die Arbeitslosenquote der Männer, wohl korrelierend mit der geringen Schulbildung, sehr hoch.

Hier zeigen sich allerdings auch ganz andere Konfliktpotentiale, wo die "offene Gesellschaft", der Technizismus, der uns längst auf allen Ebenen beherrscht, mit dem Naturrecht in Widerspruch steht, und muslimische Einwanderer lediglich einen Mut aufbringen, der zum Beispiel den Christen des Abendlandes längst fehlt.

Auch im Detail sind Ergebnisse wie sie unten angeführt stehen, täglich als Realität erlebbar. Das meiste sind aber nicht einfach Kultur- oder Mentalitätsunterschiede, also schlichtweg das, was man vorwirft: fremd. Das meiste berührt die Frage, ob man bei so manchem überhaupt von Kultur sprechen kann, die uns da oft genug umgibt. Noch in meiner Kindheit galt vieles von dem, was man beobachten kann, schlichtweg als "asozial," als unfähig, in einer (noch dazu: so dichten, fein verästelten, alten) Kultur, in sozialem Umfeld zu leben. Waren wir damals aber vielleicht bloß verbohrte Querköpfe?

Der Falter schreibt also: ...Mouhanad Khorchide ist ein liberaler Muslim, einer, der den Koran nicht wortwörtlich nimmt und der sich im Studium von der Wissenschaft und nicht von Gottes Wahrheit leiten lässt. Er predigt in Wien als Imam und bildet Lehrer fort, er hat selbst als Religionslehrer unterrichtet und am Islamischen Religionspädagogischen Institut der Uni Wien als Assistent gearbeitet.

Was die Studie aber zur bisher wohl wichtigsten Arbeit in Sachen Islam, Schule und Integration macht, ist ihr exklusiver Zugang: Da die Oberen der IGGIÖ in Khorchide eine Zukunftshoffnung sahen, durfte er 2007 bei einem Kongress der heimischen Religionslehrer seine Fragebögen austeilen. Zweihundertzehn der damals etwa dreihundertdreißig Lehrer retournierten die Bögen ausgefüllt. Vor allem für Wien und Niederösterreich, wo laut Experten die weitaus besseren Lehrer unterrichten, sind die Aussagen repräsentativ; Hilde Weiss, eine Kapazität auf dem Feld der Integrationsforschung, betreute die Dissertation, die mit "Sehr gut" benotet wurde.

Wer die Studie liest, kann sich vorstellen, wie überrascht Mouhanad Khorchide gewesen sein muss, als er die Bögen auswertete (siehe Grafiken). Beginnen wir mit den verstörendsten Antworten: 

„Lehnen Sie Demokratie ab, weil sie sich mit dem Islam nicht vereinbaren läßt?“ 
21,9 Prozent („trifft sehr zu“ und „trifft eher zu“ wird jeweils addiert) sagen Ja. 

„Lehnen Sie die Menschenrechtserklärung ab, weil sie sich mit dem Islam nicht vereinbaren lässt?“ 27,1 Prozent bejahen. 

„Hätten Sie Verständnis dafür, wenn Muslime, die vom Islam abgefallen sind, mit dem Tod bestraft würden?“ 
18,2 Prozent Zustimmung. 

„Sehen Sie einen Widerspruch zwischen Muslim sein und Europäer sein?“ 
28,4 Prozent sagen Ja. 

Zwei Drittel der Lehrer gaben an, bei Problemen zwischen Schule, Schülern und Eltern als Mediator zu fungieren.

Es ist nicht lange her, dass katholische Priester als weltliche Autoritäten galten und in den Schulklassen im Namen der Erziehung religiöse Indoktrinierung betrieben. Heute nutzt der kleine Franz „Reli“ eher dazu, Hausaufgaben zu schreiben, als sich Anleitungen für den Alltag zu holen.

Für seinen Sitznachbarn Mohamed hat der Islamunterricht hingegen noch eine andere, weltlichere Bedeutung. Die immense Rolle der Religion als Identitätssensor für Migranten der zweiten und dritten Generation ist mittlerweile unbestritten – Khorchide selbst kam in seiner vorangegangenen Studie zu diesem Schluss. Nun hat er bei denen nachgefragt, die diese Identitäten maßgeblich stiften.

Die Studie weist ein Viertel der Lehrer aus, die auf Fragen nach Demokratie, Rechtsstaat und Integration genauso antworten, wie rechte Populisten es behaupten und Liberale es befürchten. Je älter die Lehrer, desto höher die Ablehnung rechtsstaatlicher Prinzipien. Je höher die Identifikation mit Österreich, desto höher auch die Anerkennung. 

32,7 Prozent lehnen die rechtsstaatlichen Prinzipien ab (35,5 Prozent von im Ausland und 21,3 Prozent von im Inland Geborenen). Der Studienautor fasst mehrere Fragen zu Demokratie und Rechtsstaat zusammen und zieht den Schluss, dass 22,6 Prozent der Lehrer „fanatische Haltungen“ einnehmen – die Zahl ist übrigens zwischen Österreichern und Ausländern gleich verteilt.

Zwar meldet sich etwas mehr als die Hälfte der Schüler vom sunnitisch geprägten Pflichtfach ab. Dennoch unterrichten derzeit dreihundertvierundneunzig Lehrer fünfzigtausend muslimische Kinder. Vor diesem Hintergrund ist Beunruhigung angebracht, wenn 44 Prozent der Lehrer die Vermittlung von Überlegenheitsgefühlen als vorrangiges Ziel betrachten.
...

Vor allem dieses letztgenannte pädagogische Ziel scheint ja recht erfolgreich umgesetzt. Denn diese kaum faßliche Überheblichkeit ist häufiger Gegenstand der alltäglichen Erfahrung.

Noch ein Hinweis auf das ARS ACTU Forum, wo es jede Menge stichhaltiger demographischer Daten (mit Berücksichtigung der Frage, ob Zuwanderung die Folgen aus dem Geburtendefizit ausgleichen kann) nachzuschlagen gibt.




*270109*

Montag, 26. Januar 2009

Einblick und Trost

Ganz unvermittelt bricht der Briefverkehr Schiller - Goethe bei Brief 1005 vom 25. April 1805 ab (in der Ausgabe von Emil Staiger), Goethe antwortet noch darauf.

Bis zuletzt bleibt Schiller klar bei Verstand, sind seine Kommentare sachlich und konzentriert, sofern er überhaupt noch in der Lage ist zu schreiben. Kein Jammern, auch zuvor nicht, über all die Jahre seit 1794, in denen sich in diesen Briefen Persönlichkeiten vorstellen, die man bei der Arbeit belauscht. Von diesem plötzlichen Ende berührt, schließt man das Buch.

Was ist das so ungemein ... Tröstliche? ... bei dieser Lektüre, war es auch schon für so viele andere - Hofmannsthal als Beispiel, auch nicht gerade der Unproduktiven einer. Nein, nicht daß man sich einfachhin vergliche. Aber man sieht, wie die Probleme dieser beiden unbestreitbaren Größen keine anderen sind als jene, mit denen man selber sich herumschlägt. Sie erteilen einem das Placet, ja, man darf diese Probleme haben, sie gehören dazu, sie sind keine Disqualifikation vom Beruf.

Nebenher erhält man einen ungeheuren Einblick in die Literaturszene der damaligen Zeit, und sieht, wie alle, wirklich alle mit Wasser kochen, aber immer aus ihrer Zeit herauskommen und in sie hinein antworten.

Man sieht Goethe unsicher werden, ob des enorm scharfsichtigen Gegenübers, ja oft wagt Goethe seinem Freund gar nicht mehr die unfertigen Werke vorzulegen, überrascht ihn schließlich schon mit Gedrucktem! Während sie in den ersten Jahren noch heftigst über quasi alle ersten Produktionsschritte und Projekte diskutieren. Man sieht, daß die Probleme am Theater dieselben waren wir heute, und man ist befreit vor allem auch, beider Ringen um jene "produktiven Stimmungen" zu sehen, die sie für ihre Werke benötigen, unter Anwendung sämtlicher Tricks, die man eben so kennt.

Man sieht und erkennt - zwei Künstlerleben. Die in ihren Briefen einen so tröstlichen Einblick in ihre Welt des Schaffens geben. Was auch immer man selber ist - man atmet auf, weil an sich in so vielem Empfinden wie Denken schlicht und ergreifend ... zu sich selbst, und nur dazu, und nur wieder einen Schritt mehr, legitimiert fühlt.




*260109*

Menschsein heißt immer, einem Volk anzugehören

Wenn ich mir die Freiheit nehme, mich als "Deutschen" zu sehen, so darf ich das wohl. Nicht nur, weil es mütterlicherseits auch, was die Nation anbelangt, stimmt. Auch wenn ich in Österreich geboren und hier aufgewachsen bin. Es ist ganz gewiß auch nicht nur deshalb, weil meine Mutter (als Schlesierin 1945 nach Österreich geflüchtet, vermeintlich interimistisch) mich im besonderen vielleicht - als dem Jüngsten, an dem "nichts mehr falsch gemacht" werden sollte - in ihrer ursprünglichen Intention aufzog: Als Fremden, inmitten einer Umgebung, die mir Heimat hätte sein sollen, sich aber stets verweigerte, weil auch ich mich ihr verweigerte. Eine Intention, die nur die Spitze des Kampfes gegen den Vater und seiner Identität - Bauernsohn aus Neuhofen/Ybbs: Gibt es Ursprünglicheres als Österreicher? - war. Oh, wie habe ich gelitten unter diesem "Schrein", den sie in sich trug und bis zum heutigen Tag trägt, diesem Allerheiligsten, von dem wir täglich Kommunion empfingen, nein, sie wie ein Schaubrot gezeigt erhielten, ohne je davon essen zu dürfen. Denn wir waren nicht rein ...

Wenn ich mir dennoch die Freiheit nehme, mich (zumindest: auch) als "Deutschen" zu sehen, weil ich mich als solcher zu begreifen lerne. Nicht erst, seit ich in der Dichte und Geschlossenheit Krakaus nahezu schockartig begriff, wie sehr diese mitteleuropäische Kultur in ihrem wirklichen Kern und Wurzelstock mir entspricht, mich darstellt, mir schlicht gefällt, wie sehr ich mir ihr verdanke, wie sehr sie in mir nämlich eine Antwort findet, so daß ich erstmals und bewußt diese Kultur als "Heimat" begreifen mußte, nicht nur konnte.

Sondern deshalb, weil ich diese Kultur als die meine zu empfinden begann. Oder mir diese Empfindung gestattete, einen Teil der Ängste ablegend, wo es einem seit 1945 verboten ist, dies auszusprechen. Oder: Wo so getan wird, als sei es verboten. Diese Angst ist nämlich ... neu! Sie stammt nicht aus der Zeit nach dem Krieg, fast im Gegenteil: damals waren die Kräfte stark und gut, die daran erinnerten, was die eigentlichen, die wirklichen, die guten Wurzeln jenes Volkes waren und sind, das sich in so unendliche Schuld hineinziehen ließ, sich damit besudelte und besudelt wurde.

Es ist dieselbe Bewegung, die meinen Vater (Generalsekretär des Bundes der "Freiheitskämpfer") bewog, in Neuhofen eine "Ostarrichi"-Gedenkstätte zu initiieren, auch wenn sich ein anderer heute mit deren Verwirklichung rühmt, wahrscheinlich schon zu Recht, das läßt sich nicht mehr eruieren, mein Vater ist - wie der andere - längst tot.

Dieselbe Bewegung, ja derselbe mythische Urgrund, wie ihn ... Kurt Kluge in seinem "Der Herr Kortüm" in den frühen 1950er-Jahren so berührend und begeisternd niederschrieb. Ein Buch, das es in vielerlei Hinsicht wert ist, dem Vergessen entrissen zu werden.

Voller Weisheit, und voller Poesie, aber auch in einer Metaphysik, die dem Leben jenen Zauber, jenes Geheimnis nicht gibt, sondern darauf verweist, den es hat. Und der es lebens- und liebenswert macht.

"Der Herr Kortüm" hat aber noch einen anderen Zauber, und ich glaube nicht, daß ich zufällig darauf gestoßen bin. Es macht einen Urgrund dieses Volkes greifbar, fühlbar, der berührt, und der zu einer Liebe kräftigt, die heute so fehlt. Eine Renaissance, wenn schon nicht dieses Buches - es hat, gegen Schluß, einen ganz leichten zeitbezogenen Zug, der aber nicht nur verzeihlich, sondern der ihm sogar zu Ehre und Rang gereicht, wenn auch vielleicht auf anderer Ebene, der Verfasser ist eben Protestant, insofern tendenziell Moralist, es sei ihm verziehen ... - so doch der Wiederbesinnung auf die Grundlagen als Volk, ist nicht schwer vorhersagbar. Vorausgesetzt, es gelingt rasch, diese Empfindung allem Nationalismus zu entreißen, indem man sie, weil schlicht natürlich, richtig und zur Regeneration des Besten in uns notwendig, aus der Schmuddelecke holt. Stattdessen: In der Liebe birgt!

Man ist Mensch, und man ist es immer ALS, immer ganz konkret - so ist man es immer auch als Deutscher, wenn man ein solcher ist.

Dies in seinen besten Wurzeln wiederzuentdecken, dazu trägt Kurt Kluge's "Der Herr Kortüm" in jedem Fall bei. Ich kann das so poetische Buch, das so voller Weisheit und Güte und Wahrheit ist, das einem so hilft, sich und die Welt zu verstehen und zu lieben, nur empfehlen, und damit zumindest ein wenig dem Vergessen entreißen. Eines jener Bücher, von denen ich sage: Es macht einen, als Kunstwerk (nicht als Moralverweis), zu einem besseren Menschen.




*260109*

Starke Frauen sanft geschmeichelt


KURIER: "Die Wirtin" lässt Sie nicht los – Ihre erste Fassung des Goldoni-Stücks stammt aus den 70ern. Das Stück dominiert eine sehr starke Frau. Sind Sie Feminist?

Peter Turrini: Mich faszinieren starke Frauen. Sie sind besonders liebevoll, während unterwürfige Frauen früher oder später verzweifeln und böse werden. Sie verfallen der inneren Frustvermehrung und der Dauerkeppelei. Je emanzipierter eine Frau ist, je mehr sie ihr eigenes berufliches Leben lebt, desto hingebungsvoller und weichherziger ist sie. Einige Kollegen haben das noch nicht ganz durchschaut ...

Ich bin mir nicht sicher, ob bei Turrini nicht diese riesenhafte Dimension annehmende Sehnsucht des Mannes den Blick trübt, die sich in eine solche Frau - und das erhofft man ja von einer Frau - mehr hineinträumt als sie real vorfindet. Ich kenne keine solche Frauen, wie Turrini hier anführt. Ich kenne nur einen unvereinbaren Zwiespalt in ihnen, der sie zwischen diesen Rollen s. o. hin- und herspringen läßt.

Ansonsten aber gibt sich Turrini schon seit Jahren sehr geläutert, was ihn als Künstler ausweist, der sich zwar lange wehren kann, aber langfristig zur wahren Form zurückkehrt. Denn sie ist es, die ihn überhaupt treibt. Damit höre ich auch gerne zu, wenn er über Theater und Dramaturgie spricht. Es gewinnt schon längere Zeit zunehmend Relevanz.

Diese Priorität der Form erkennt man bei ihm an Sätzen wie diesem:

In meine Fassung aus dem Jahre 1973 sind mir ein paar feministische Töne hineingerutscht, die weniger nach Literatur, mehr nach Zeitgeist klingen. Wann immer ich das Stück in den letzten dreißig Jahren gesehen habe, sind mir auch ein paar schlechte Sätze aufgefallen. Da hat mich kurzes, heftiges Leid ergriffen. Das habe ich jetzt geändert.

Wobei das durchaus ein wenig zornig macht. So leicht kann sich Saulus nicht als Paulus ausgeben. Turrini hat auch viel angerichtet, dem wiederum nur er - nicht aber andere - entfliehen können. Für so viele andere nämlich ist der Rucksack von ihm selbst sehr schwer gemacht worden. Er aber ist "mit der Bewegung groß geworden, er verdankt ihr alles." Er war ein Mitschwimmer.

Ob sich das wirklich noch ändert, wird man sehen. Die Hoffnung habe ich aber bei jedem Künstler, für den Wehrlosigkeit gegenüber der Wahrheit - als Gestalt, als Form, in seiner ihm gemäßen Darstellungsart - Fluch wie Gnade ist. Sein Leidensinstrument, sein Kreuz, ist eben die Form. Disput ist letztlich für ihn irrelevant, nur Instrument der Befreiung. Er ist nicht Philosoph.




*260109*

Intensive Sinnlosigkeit

Wenn wir heute schon dabei sind - diese Theaterkritik aus der Wiener Zeitung (siehe Titelverlinkung) möchte ich auch noch erwähnen, ehe sie in den dunklen Gründen der Internetarchive bis zum Jüngsten Tag verschwindet:

Der Theaterkritiker des Standard - Ronald Pohl - hat wieder einmal ein Stück geschrieben. Ein Stück?

"Der Zuschließer" entspringt der Feder des Kulturredakteurs und Sprachkünstlers Ronald Pohl und wurde nun im Theater Drachengasse uraufgeführt.

Plot gibt es keinen, dafür umso schönere Wortkaskaden. Pohls Sprache ist blumig, fast schon ausufernd. Jeder Satz eröffnet ein neues Universum.

Ein Hammer, mehr gibt es dazu nicht mehr zu sagen. Und weil am selben Ort, vor etwa drei Jahren, vom selben Autor ein Stück bereits jämmerlich durchgefallen ist, ging er diesmal einen Schritt weiter:

Die Intensität des Textes konnte Stephan Bruckmeier allerdings nicht konstant auf die Bühne bringen, wodurch das Stück einige Längen aufweist.

Denn das ist, gelinde gesagt, eine Frechheit und zutiefst beschämend. Man bekommt Mitleid mit dem Schauspieler, dem man höchstens sagen kann: Selber schuld, warum spielt er einen Text, der nicht zu spielen ist, und dessen Sinnlosigkeit mit Begriffen wie "Sprachkünstler" vertuscht wird? Was bitte spielt ein Schauspieler, dessen Figur "keinen Plot" (also: keinen Handlungsstrang) hat? Wobei die Figur nur so tun kann, als gäbe es keinen - denn: In dem Moment, wo der Vorhang hoch geht, beginnt eine Handlung. Dasein IST Handlung. Die Frage ist nur, ob man es gestalten kann, oder es dem Zufall überläßt, wie es offensichtlich hier geschieht. Womit eine Anwendung des Begriffs "Kunst" automatisch unmöglich oder fraglich wird.

Mit diesem Thema übrigens gibt es jede Menge theatralische Auseinandersetzung, nicht die schlechteste und nur scheinbar bloß humorvolle ist die von Curt Götz, "Der Lampenschirm", die ich zufällig vor ein paar Tagen las.

Aber für Langeweile den Schauspieler zitieren ... wahrscheinlich hat er gut gespielt, so daß die Eigenart des Texts durchkam. Vor drei, vier Jahren, beim ersten "Stück" Pohls, das ich schon vor der Uraufführung kennenlernte, ging die Zeitungswelt Wiens noch nicht solch beschämende Seitenwege. Aber weil es damals unter den Leserzuschriften ("Postern") des Standard (der das Stück diesmal nicht einmal erwähnt) heftige und hämische Kritik am Vorgehen der Zeitung gab, wo sich nämlich die Redaktion selbst heftigst und salbungsvoll lobte, ging der Verfasser und Redakteur es diesmal wohl anders an - und einer der Wiener Zeitung tat ihm den Gefallen. Darin sind die ja geübt. Eine Krähe hackt der anderen...  usw.

Anders wird es kaum gewesen sein.




*260109*

Samstag, 24. Januar 2009

Nur Eigentum bleibt bestehen

In seiner erstaunlichen Schrift "Maschine und Eigentum" zeigt Friedrich G. Jünger, daß der Maschinenkapitalismus, der sich seine Menschen unterwirft, zwangsläufig in ein technisches Kollektiv mündet, dessen Vollendung und Höhepunkt im Grunde der Kommunismus ist. Die Umwandlung des freien Unternehmers und Handwerkers zum Funktionär (des Organismus wie der Maschine) ist unausweichlich. Wie es die Enteignung ist, ohne daß sich das Kollektiv Eigentum im eigentlichen Sinne schafft, denn der Technizismus vernutzt und verkonsumiert die Welt lediglich.

Und tatsächlich finden sich in den Schriften Marxens wie Lenins bemerkenswerte Prognosen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen, in denen das Wort "Kommunismus" beliebig gegen "Maschinenkapitalismus" auszuwechseln ist!

Noch bestechender ist Jünger's Analytik dort, wo er die Enteignung zugunsten des technischen (organisatorischen) Kollektivs als wesentliche Eigenschaft des technischen Maschinenzeitalters feststellt. Denn hierin nimmt er sogar die Auflösung der Familien vorweg - die mit eben dieser Auflösung des Eigentumsbegriffs direkt zusammenhängt.

Das Kollektiv aber kennt keine Verantwortung, und auch kein Eigentum, es kennt nur Vernutzung und Raubbau. Verantwortung kann nur in Verbindung mit Eigentum existieren - wo der Eigentümer nur dann solcher bleibt, wenn er das Objekt seines Eigentümerseins auch "pflegt", also in bestem Bestand hält. (Was nicht ohne "Naturgemäßheit" und Abwesenheit von "Raubbau" denkbar ist.) Nur das hat Bestand, das auch einen Eigentümer hat. (Nicht: nur Besitzer!)




*240109*

Das Unbewußte und das Schaffen

Goethe in Antwort auf Schiller auf die Fragestellungen nach Art und Grad des Poeten (Goethe setzt den Begriff mit 'Genie' gleich): 

"... sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube, daß alles, was das Genie, als Genie, tut, unbewußt geschehe. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Überlegung, aus Überzeugung; das geschieht aber alles nur so nebenher. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre Nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und Tat nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Je mehr das Jahrhundert selbst Genie hat, desto mehr ist das einzelne gefördert.

Was die großen Anforderungen betrifft [...] daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subjekt, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmütige, ins Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen produktiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist. Wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden; und so verhält es sich mit den verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitsten Sinne.
"




*240109*

Von der Art - und vom Grad

Schiller an Goethe: 

"Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben der Poesie einen höheren Grad zu geben ihren Begriff verwirrt. Jeder der imstande ist, seinen Empfindungszustand in ein Objekt zu legen, so, daß dieses Objekt mich nötigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grad nach ein vortrefflicher. Der Grad ... [beruht] ... auf dem Reichtum, den er in sich hat, und ... auf dem Grad der Notwendigkeit, die sein 'Werk ausübt. Je subjektiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objektive Kraft beruht auf dem Ideellen. ... Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mit den Poeten.

Ebenso gibt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Produkt jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja [nicht einmal jene erreichen] die sie an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt nur der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dies, meine ich, wird jetzt zu wenig unterschieden.
"




*240109*

Es hebt im Dunklen an

Schiller an Goethe während der Arbeit an "Johanna von Orleans": 

"... habe ich Schelling den Krieg gemacht wegen einer Behauptung ... daß 'in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde, um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtsein ausgehe zum Bewußtlosen' .... fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzu wenig Not zu von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtsein seiner Operation nur soweit kommt, um die erste dunkle Total-Idee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wiederzufinden. Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose auszusprechen und mitteilen zu können, das heißt es in ein Objekt überzutragen. ... Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Produkt mit Bewußtsein und mit Notwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus."




*240109*

Manchmal hörst Du's rauschen innerlich

Tiefer Blick
(A. Wildgans)

O, du kannst einsam sein, daß Gott erbarm
Und es dich mitten in dem Fliegenschwarm
Der Menschen jäh befällt wie Scham und Grauen!
Und manchmal muß du vor den Spiegel gehn
Und voller Angst nach deinem Bilde sehn,
Um in dein Antlitz, das dich kennt, zu schauen.

Und Freunde kannst du haben, Weib und Kind
Und so allein sein wie ein Baum im Wind,
Der zitternd steht auf namenloser Heide;
Und mit den Freunden hast du viel verbraucht,
Und mit dem Weibe schläfst du jede Nacht,
Und jenes Kind ist deiner Seele Weide.

Sie aber fassen deine Rede kaum,
Als sprächest du aus einem irren Traum,
Der nicht Bewandtnis hat in ihrem Leben;
Zu deiner Freude sind sie fremd und kühl,
Für deine Drangsal ohne Mitgefühl,
Neugier ist alles, was sie zögernd geben.

Da wirst du selbst dir mählich unbekannt
Und wie ein minderer Komödiant,
Der jede Miene einlernt und Gebärde;
Nur manchmal hörst du's rauschen innerlich
Und hältst erschrocken inne: bin das ich?! -
So einsam kann man sein auf Gottes Erde.





*240109*

Freitag, 23. Januar 2009

Das Viehgeld

Vielleicht überraschend, aber erhellend: Geld an sich kommt aus dem sakralen Opfer, aus dem Horten von Schätzen! Der ursprüngliche Sinn von Geld war: Präsentation, Darstellung von Schönheit und Macht(überfluß)!

Von dort aus - die ersten Bankiers waren die Priester! - hat es sich mehr und mehr über private Hortung (Schatz) über Liquiditätsschöpfung (Geld = "pecus" - "vechu" - Vieh) und Geldmehrung (über "Zukunftsphantasie", wie man das so schön nennt) als Wert (mit zukünftigem Tauscherlös) abgelöst, bis zur völligen Abstraktion, dem heutigen Buchgeld, das in Sekundenbruchteilen um die Welt wandelt und sich nahezu völlig vom Hortgeld entfernt hat, dennoch - wie sich jetzt herausgestellt hat - auf immer denselben und absolut gesehen unverändert gebliebenen "Schatz" zugreift.

Langfristig verglichen, bleibt das Geld einer Volkswirtschaft immer nur ... im Umfang des Hortgeldes (in etwa, weil der Wert des Schatzes für die Menschen immer etwa gleichbleibt) werthaltig. Dieses Verhältnis bleibt stets in etwa gleich. Das ist an der lange Jahre stufenweise reduzierten, dann völlig aufgegebenen (verpflichtenden) Golddeckung ablesbar - bezogen auf die Inflation, bezogen auf jene Güter, die es für Geld zu kaufen gibt.

Was bleibt von Geld ist immer simpler Tauschwert real zu erbringender menschlicher Leistung.




*230109*

Bis zur bitteren Wahrheit

Der KURIER und andere Medien bringen nun, nachdem das Weihnachtsgeschäft am Laufen gehalten wurde, weil man die Krise kurzfristig für abgeschafft erklärte, Stück für Stück Wahrheiten, die weit mehr sind als weitere Berichte von der Krisenfront. Es sind nämlich Abrechnungen mit so vielen Lügen, die uns in den letzten Jahrzehnten aufgetischt wurden.

Zum Beispiel jene mit den positiven Effekten der "Osterweiterung" der EU.

Diese "positiven Effekte" waren nichts anderes als durch immense Kredite in die Kreisläufe gepumpte künstliche Nachfragen. Damit hat man im Osten auf Deibel komm raus eingekauft, saniert, renoviert, ja, auch investiert, und nicht zuletzt: Konsumiert.

Nun bricht auch dort der Zuckerguß. Und es stellt sich heraus, daß zum Beispiel in Ungarn die Haushalte bereits ein Drittel Ihres Einkommens für Kredittilgungen ausgeben. Zuviel! Breite Zahlungsunfähigkeit liegt längst in der Luft, das Leben ist schon jetzt sehr hart. Damit der nächste Immobiliencrash mangels Nachfrage, weil die Preise verfallen, damit die Kredite nicht mehr gedeckt sind ... Die laufenden derzeitigen Abwertungen zeigen es längst - zuviel Geld im Verhältnis zu den Vermögen ist um Umlauf. In anderen Ländern ist es weit ärger.

Nun werden mit österreichischem Steuergeld die österreichischen Banken, die von diesen gigantischen Krediten enorm hohe Anteile halten (weil sie ja so tüchtig waren, wie wir gehört haben - den Banken ging es ja zuletzt sowas von gut in Österreich, da waren lauter Helden am Ruder, einen Zug zum Größenwahn gab es nie), gestützt, und noch weit mehr werden sie zu stützen sein! Denn mit einem mal müssen wir Österreicher die Liquidität dieser Länder aufrecht halten, mit noch mehr Geld, noch mehr Krediten, weil uns sonst unsere eigenen Gelder davon brechen ...


Übrigens
Wir haben unsern Kunden Geld geliehen, damit sie unsere Waren kaufen konnten, damit wir daran verdienen konnten, um ihnen Geld zu leihen, das wir nur haben, weil wir ihnen das Geld leihen, damit sie uns die Ware bezahlen können ...

Einmal geht es ans Zahlen, Herrschaften!

Fragt der KURIER-Reporter treuherzig, ob das Konsequenzen haben würde, auch in den USA seien Bankenchefs zurückgetreten. Sagt der Raiffeisenboß: Na, das wär doch das blödeste! Der kennt sich doch überall so gut aus - wer soll denn sonst nun das Schlamassel wieder beseitigen?! Wir haben doch so profitiert vom Aufschwung im Osten, und nun muß uns das doch auch was wert sein?! Wir können es uns aber sicher nicht leisten, daß die illiquid werden, dann schaut es dumm aus für uns ...




*230109*

Automatische Inflation

Einer der Nenner, auf die man Friedrich G. Jünger's Thesen vereinfachend bringen kann, lautet: Die Mechanisierung der Produktionsvorgänge bringt eine ebensolche Technisierung sämtlicher Lebensvorgänge. Weil aber jede Mechanik mit ihren zunehmend abstrahierten Werten (der Wert ist nicht mehr direkt aus dem fertigen, gesamten Produkt der Arbeit erkennbar, sondern nur noch aus dem geglaubten Wert im Rahmen einer Organisation) unweigerlich und unvermeidlich Reibungsverluste hat, erzeugt Mechanisierung zusätzliche Arbeit, ohne aber den letzthinnigen Mehrwert zu erhöhen.

Damit führt Mechanisierung automatisch (!) zu Inflation, zu zumindest relativer (im Verhältnis zu den schaffenden Händen) Geldentwertung.




*230109*

Dienstag, 20. Januar 2009

Der pädagogische Effekt der Maschine

Friedrich G. Jünger zeigt in "Die Perfektion der Technik" sehr überzeugend, daß die heutige Wissenschaftsauffassung - vor der er noch warnte, heute haben wir sie bereits als Postulat - eine Vorentscheidung ist: Nämlich die, reines Denken mit Technik und Mechanismus gleichzusetzen. Ähnliches führt ja auch Goethe als Kritik an der Wissenschaft an.

Diese Entwicklung erfolgt nach Jünger'scher Auffassung (und ich wiederhole: sie wirkt schon deshalb glaubhaft und überzeugend, auch wenn man nicht allen seinen Gedanken folgen kann, weil das, wovon er 1940 noch als Möglichkeit schrieb, heute vollständig und nachprüfbar eingetroffen ist - aber Intuition ist immer VOR jeder Theorie ...) deshalb und in breitem, die gesamte Kultur, ja die Welt umfassender Weise, weil die Herrschaft der Maschine unausweichlich ist.

Durch sie wird der Umwelt - wie erst dem Arbeiter, der durch die Maschine zum Proletariat herabsinkt, vom Handwerker zum Vollzieher einer nur noch mit abstraktem, nicht mehr sinnlich wahrnehmbaren Sinn belegten technischen Handreichung - das Unlebendige einer technischen Organisation aufgezwungen, der sich auch der Mensch zu fügen hat, ja gerade er. Während zwar auf der einen Seite - immer aber unter Raubbau betreibender Ausbeutung der Bodenschätze und der Menschen - Effizienz damit erreicht wird, wird auf der anderen (gemäß dem "Zweiten Thermischen Lehrsatz" vom Energieverlust) mehr Arbeit notwendig, die jedoch in die Bürokratie und die Organisation fließt:

Höhere Technisierung bringt laut Jünger also immer auch steigenden Bürokratismus mit sich.

Keine Frage, daß Jünger mit seinem Denkansatz eine große Gefahr für den Nationalsozialismus darstellte (er konnte gerade diese Schrift damals nicht publizieren): Denn das Aufgehen der Menschen in einem Volksganzen, das zu einem despotischen Organismus verschmilzt, ist für Jünger eine der schrecklichsten Gefahren des Technizismus.

Man übersieht blitzschnell, daß dieses "klare" logische (technische) Denken ein Hilfsmittel zum Erfassen der Wirklichkeit - und nicht diese selber - ist, womit wir wieder bei Goethe und Schiller wären.




*200109*