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Donnerstag, 10. April 2008

Chinesische Epigonen der Antike

Malraux sieht die Ausstrahlung der griechischen-antiken Kunst bis nach Indien, ja von dort ausgehend bis in die letzten Winkel Südostasiens (Khmer), China und Japan. Insofern hält er die Entwicklung regionaler Kunst für eine Illusion. Die chinesische wie die japanische Kunst sieht er gar als epigonal, als stark von europäischen Vorbildern beeinflußt. So sucht er vielmehr das generell Menschliche in der Kunst, das nicht chinesisch oder griechisch oder afrikanisch ist, sondern dort jeweils nur andere Gesichter und historische Kampfspuren trägt.





*100408*

Beseelte Antike

Die Renaissance stellt die Welt innerhalb des Christlichen in Frage. Während sich die Frage stellte, ob die Antike in ihren Formen, ihrem Geist der Vernunft, aber auch ihrer natürlichen Religiosität im Mythos nicht die Harmonie zwischen Gott und Mensch besser wiederherstellen konnte, begann die Kunst, den überlebten antiken Formen, den Ruinen, in denen die Kultur stand, Seele einzuhauchen und sie dadurch zu überwinden.

Für Malraux ist die Renaissance deshalb ein Beispiel dafür, wie die Kunst (und damit die Kultur) immer wieder durch den Kampf gegen bestehende Formen, durch deren Überwindung weiter voranschreitet.





*100408*

Der gereinigte Blick


Nicht das Objekt ist in der Gotik das eigentlich Gereinigte am Geschöpflichen - sondern es ist der Blick des Künstlers, der nur noch das Sein sieht, das nur schön sein kann und das die Sünde lediglich verdunkelt.

"Zwar scheint das gotische Individuum immer wieder in eine Sündhaftigkeit zu fallen ... doch die Ehre und Würde, Mensch zu sein, bleibt wie ein dunkles Rauschen unterirdischer Ströme unter aller italienischen Kunst vernehmbar."

André Malraux





*100408*

Stilisierte, symbolistische Darstellung des Heiligen vs. Darstellung des Heiligen selbst

Malraux schreibt in "Psychologie der Kunst", daß mit der Gotik - als deren Hauptkunst er die Plastik und die Malerei sieht, in die der Gesamtausdruck des Gotischen überging - der byzantinische Stil nicht mehr der einzige war, der für die Darstellung des Heiligen Gültigkeit besaß.

Und dann findet sich folgender Satz, in Parenthesen: "(so wie heute noch allein das Lateinische Gültigkeit für die Feier des Meßopfers besitzt)..." Das Buch wurde 1949 veröffentlicht.

Aber wieder zum Thema: Auf das Symbol folgte also die Psychologie. Nicht mehr wie in der Antike, kannte die Gotik erstmals die Seele, und sie zeigte sie, überwand damit die Starrheit der Idee, sondern suchte die Gestalt auf Erden.





*100408*

Schicksal - Gotik - Renaissance


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In dem Maß, in dem sich die Einsicht durchsetzt, daß die Schöpfung in ihren (idealen) Formen von Gott selbst erzählt, ja diesen repräsentiert - bis Gott sich in Jesus selbst zeigte, in einem Menschen repräsentierte - wird die Darstellung naturalistisch-exakter, ohne in bloßen Realismus zu versinken. Im selben Maß vollendet sich die den dargestellten Menschen umgebende Welt, schließt ihn immer nahtloser und natürlicher ein, bis er mit ihr verschmilzt. Das kennzeichnet den Übergang von der Romanik zur Gotik.

Malraux meint deshalb, daß die Gotik für den Orientalen obszön wirken mußte, weil sie ihn auf die Erde gewissermaßen hernieder zerrte. Denn das dem Menschen eigentliche sei seine höhere Bestimmung, die sich in der Stilisierung ausdrückt. Wo immer der Mensch also im Allgemeinen aufgeht, folgt Stilisierung. Je individueller der Schicksalsbegriff wird, umso naturalistischer wird die Darstellung, weil die Sicht davon. Die Kunst geht von der Zeichenhaftigkeit zur Ähnlichkeit, ja "Restaurierung" vollkommener natürlicher Formen, die vor dem Hintergrund ihrer Idee, im Spannungsverhältnis dazu gezeigt werden.

Ebenso findet sich natürlich im Denken, in der Literatur der Weg vom Symbolischen zum Konkreten, vom Reimepos zum Roman. Malraux: "Das gotische Auge ist kein Zeichen mehr - es ist ein Blick. Denn im Ausdruck selbst zeigt sich das Sein, die Vereinigung mit Christus. Sie ist Menschwerdung. Gott wird in seinen Geschöpfen gezeigt, nicht mehr in seiner Einsamkeit." So erobert sich die Gotik einen Stand nach dem anderen, einen Schmerz nach dem anderen - ausgehend vom Schmerz selbst als dem eigentlichsten Drama des Geschöpflichen. In ihren Varianten blitzt das vollkommene Sein auf - in den Heiligen. Und in Maria als dem Tor der Frauen. So steigt Christus zum König auf, erwächst ihm aus den Dornen die Krone, nimmt er der Welt auch an Schwere damit.

Nicht das Abstrakte wird also idealisiert, wie in Byzanz, wie in der Antike, sondern das Besondere. Denn das Christentum erkannte jedem seinen besonderen Wert zu. Nur Gott selbst ist einst Richter. Der Glaube selbst aber hat die Form jedweden Gesichts. "Das Besondere ist weder Amt noch Ruhm noch Schicksal - es ist die Seele."

"Christliche Idealisierung bedeutete Ausdruck einer Ordnung und Harmonie, wie sie die Kirche dem Menschen und der Geschichte - nicht ohne tragische Rückschläge - aufzuerlegen bestrebt war. Die Welt nicht als Ordnung zu empfinden, bedeutet in der Kunst weniger, sie als Unordnung, denn als Drama aufzufassen ... Sie ist die Kunst der ersten Verdrängung des Dämonischen."

Und damit schwand die Angst. Die Formen wurden immer weicher, geschmeidiger, Lächeln taucht auf, die Linien werden zur Sprache. Man "ahmt" aber nicht nach, sondern man "wendet sie an." Womit der Weg ... zur Antike sich öffnet, zur Renaissance, zum Barock. Brauchte der Mensch zuvor Theologie, brauchte er nun, im menschlichen Lächeln, Anatomie.





*100408*

Christus - forma universalis

Malraux über die Gotik: "... Vom frühen Kapitell bis zur Reimser Blattranke wird die Kunst geduldige Bemühung, alle Form zur Aussage über das zu zwingen, was sie von Christus in sich birgt.

Den gleichen Weg beschreitet das Denken ...

In der Kunst beginnt Leben immer mit dem Sinn des Lebens."





*100408*

"Auch ich werde Maler sein"

"Was den Künstler zum Künstler macht, ist, daß die Entdeckung von Werken der Kunst ihn in jungen Jahren tiefer berührt als die Entdeckung des Gegenstandes, den diese Werke wiedergeben."

André Malraux

 

*100408*

An der Welt erblinden, um zu sehen

"Wieviele lange Tage braucht ein Schriftsteller, um mit dem Klang seiner eigenen Stimme schreiben zu können? Die souveräne Sehweise der Größten unter den Malern ist die der letzten Bilder Renoirs, Tizians, Frans Hals' - der inneren Stimme des tauben Beethoven ähnlich -; das Sehen, das in ihnen erwacht, wenn sie zu erblinden beginnen." 

André Malraux; "Die künstlerische Gestaltung - Psychologie der Kunst"





*100408*

Von Nachahmung über Nichts zur Form ...

"Künstler bilden sich nicht aus dem Stadium ihrer Kindheit, sondern aus der Auseinandersetzung mit fremder, gereifter Form; nicht aus ihrer noch ungeformten Welt, sondern aus dem Kampf gegen eine Form, die andere dem Leben bereits auferlegt haben.

Als junge Menschen sind Michelangelo, Greco und Rembrandt Nachahmer; ... In Zeiten, da man alles früher Entstandene verwirft, erlischt künstlerisches Schöpfertum während langer Jahre: denn im Leeren kann keiner gehen."


André Malraux in "Die künstlerische Gestaltung"



*100408*

Wissenschaftlicher Standard ...

Bei Diplomarbeiten und Dissertationen melden Universitäten des deutschsprachigen Raumes folgende Fakten:

Beim Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten - vor allem zum Erwerb akademischer Grade - ist ein "Wandel der Kulturtechnik" zu beobachten, wo Forschen und Wissenschaft immer mehr zu einem mehr oder weniger "themengemäßen" Zusammenstellen von Textbausteinen aus dem Internet entwickelt, deren Stimmigkeit nicht selten "ästhetischen" Gesichtspunkten bzw. der Intuition anheimgestellt wird.

Eine für ein österreichisches Ministerium erstellte aktuelle Studie belegt den steigenden Einfluß des Netzes als Wandel der Kulturtechnik drastisch: selbst in akademischen Abschlußarbeiten sind in sieben von dreißig Arbeiten eindeutig Plagiatsstellen zu finden. Ein noch stärkeres Indiz für den Wandel bedeutet der Umstand, daß sich in Quellenverzeichnissen wissenschaftlicher Arbeiten mittlerweile fünfmal soviele nicht-wissenschaftliche WEBquellen wie DRUCKquellen finden. Das legt eine Änderung der Kriterien nahe: denn web-literacy (Kenntnis des webs) ist für einen Prüfer mittlerweile unerläßlich. Denn die "Produktpiraterie" nimmt dramatisch zu. Und damit die Verflachung universitärer wissenschaftlicher Arbeit.

Derzeit gibt erst zaghafte Vorstöße dahingehend, wie dieser Plagiatisierung wissenschaftlichen Arbeitens Einhalt geboten werden kann. Wobei das von der EU so stark geförderte "E-Learning" (Stefan Weber nennt das in einem Buch "Technologie-PR") sehr kontraproduktive Auswirkungen hat, weil es diesen rücksichtslosen und undifferenzierten Umgang mit diesen Technologien (dieser Umgang liegt in deren Natur und Wesen) fördert. Denn elektronische Information ist auch extrem "vorläufig" (ein falscher Text kann sofort gelöscht oder verändert werden.) (Es ist ein Irrtum des Rationalismus zu meinen, daß es gleichgültig ist, welche gestalthafte Form Information trägt, welches Medium also sie trägt. Denn auch das Medium ist Botschaft.)

Eine Auswirkung - Symptom, Wirkung, aber auch Ursache - dabei: der Verlust jeder Schreib-, Sprach-, Textkultur. Denn ein Text-Assembler der Generation Google braucht kaum noch mehr Sprachkenntnisse als das Formulieren von "Textbrücken" erfordert.



*100408*

Mittwoch, 9. April 2008

Empiriker sind Tieren gleich

(Leibniz - Sinngemäße Zusammenfassung einer Passage) "Der Streit um den Ursprung unserer Begriffe, ob angeboren oder ganz aus der Sinneserfahrung erworben, ist also ... ein Streit um den Wissenschaftsbegriff: Sollen unsere wissenschaftlichen Sätze nur Wahrscheinlichkeiten oder sollen sie Gewißheiten einschließen? Das ist der tiefere Sinn der Problematik um den Empirismus und den Sogenannten Rationalismus. Der Empirismus kommt mit seiner Induktion immer nur zu einer Summe von Beispielen; mag diese Summe aber noch so groß sein, sie liefert niemals allgemeine, ewige oder streng notwendige Wahrheiten. Die Folgerungen, die Tiere ziehen, stehen auf derselben Stufe wie die von reinen Empirikern. Erst in den Vernunftwahrheiten haben wir sichere, ewige und notwendige Wahrheiten vor uns. Erst dann haben wir es mit Wissenschaften zu tun. Und dort liegt auch unsere Gottähnlichkeit."




*090408*

Dienstag, 8. April 2008

Goethe's Aussicht

In "Dichtung und Wahrheit" führt Goethe das Gedicht in Originalintention an, wie es in seinem Notizbüchlein stand, weil es in seiner Werkausgabe anders lautet. Es war ihm eingefallen, als er von den Bergen beim Zürcher See abstieg und den wundervollen Seeblick erlebte:

Wenn ich, liebe Lili, Dich nicht liebte,
Welche Wonne gäb mir dieser Blick!
Und doch, wenn ich, Lili, Dich nicht liebte,
wär', was wär' mein Glück?




*080408*

Leibniz' Metaphysik

Das überraschende Ergebnis: Die Metaphysik (und: daß er überhaupt eine hatte!) des Protestanten Leibniz war zutiefst scholastisch, also thomistisch-aristotelisch, und damit ungemein offen. Aber damit ist auch klar, warum er die katholische Theologie dermaßen gut verstand.

So verstehe ich auch seinen Begriff der "Monade", in welchen er die Schöpfung teilt bzw. aus welchen diese sich zusammensetzt, in Hierarchien, Mächten und Ordnungen zueinander - es dürfte sich mit dem treffen, was ich mit "Seinseinheit" bezeichne. Wobei Leibniz diesen Monaden auch entelechiale Kraft zuschreibt. Etwas, das für mich beim Lebenden endet. Noch mehr aber sehe ich hier Schnittstellen mit der Engelslehre. Etwas, das bei Leibniz allerdings völlig fehlt. Das er so der potens, dem Möglichen der Seinseinheiten zuschreiben muß, um ihr actu, die Entelechie dieser Substanzen zu erklären.



*080408*

Montag, 7. April 2008

Scheitern der Reunion 1694 (Leibniz)

Alle Bemühungen Leibnizens um eine Union der christlichen Kirchen scheiterten schließlich 1694 nach einem spektakulären Briefwechsel mit dem Theologen des französischen Königs, Bossuet. Der schrieb:

"Warum wollt Ihr zu uns kommen, wenn ihr so denkt? 'Ihr Katholiken setzt voraus' werdet Ihr Protestanten sagen, 'daß Ihr allein die allgemeine Kirche seid.' Ja, wir setzen es voraus, anderswo haben wir es bewiesen. Aber es ist sogar genug, es bloß vorauszusetzen, weil wir es mit Personen zu tun haben, die mit uns zu einer Reunion kommen wollen, ohne uns zu nötigen, von unsren eigenen Prinzipien abzugehen."

Leibniz wies, um den Unionsgedanken zu retten, unter anderem darauf hin, daß es eben Advokaten und Vermittler gebe, also die einen plädierten, die anderen negoziierten - Bossuet solle doch zu den Vermittlern wechseln. Der aber antwortete:

"Was die Zuvorkommenheit betrifft, die Sie von unserer Seite über die Dogmen der Lehre zu erwarten scheinen, so habe ich Ihnen oft geantwortet, daß die Verfassung der römischen Kirche keine andere Zuvorkommenheit duldet als auf dem Weg der Erklärung und Auslegung. Die Angelegenheiten der Religion lassen sich nicht wie die weltlichen Angelegenheiten behandeln, die man oft beilegt, indem jede der beiden Seiten etwas nachgibt; weil nämlich weltliche Angelegenheiten Dinge sind, deren Herren die Menschen zu sein pflegen. Die Angelegenheiten des Glaubens aber hängen von der Offenbarung ab, die man einander gegenseitig zwar ERKLÄREN kann, um einander besser zu verstehen; über die man aber KEINE GESCHÄFTE abschließen darf. Es würde der Sache gar nicht nützen, wenn ich andere Wege einschlüge; und es hieße wahrlich, höchst unzeitgemäß den Gemäßigten spielen. Die wahre Mäßigkeit, die man bei solchen Dingen beobachten muß, besteht darin, den Stand, worin sie sich befinden, nach der Wahrheit zu sagen: indem jede andere Willfährigkeit, die man suchen könnte, nur dazu diente, Zeit zu verlieren und in der Folge noch größere Schwierigkeiten entstehen zu lassen."

Als Leibniz die theologisch nicht widerlegten Argumente gegen das Konzil von Trient häufte, dessen Beschlüsse zurückzunehmen nachweisbar die Bereitschaft Roms vorlag (!), fragte Bossuet nur kühl, wozu soviel Gelehrsamkeit denn gut sei. Denn selbst, wenn das geschähe, man das Konzil von Trient fallen lasse, blieben noch immer alle Meinungsverschiedenheiten über Transsubstantiation, Oberhoheit des Papstes, Fürbitte der Heiligen etc. etc. Man müsse also die Konzile bis auf sieben-, ja achthundert Jahre zurück aufheben. "Finden Sie ein Mittel gegen diese Unordnung, gegen diese Verwirrung, oder verzichten Sie auf die Auswege, die Sie vorschlagen!" schrieb Bossuet.

Die Reunion war gescheitert.

Unbestritten ist, daß die politische Situation Frankreichs so war, daß ein geeintes Deutsches Reich alles andere als seinen Interessen gelegen kam. Die so waren, daß man den Türken Unterstützung gab (die 1683 dann ja prompt vor Wien aufgetaucht waren), um das Deutsche Reich so weit zu schwächen, als man es leicht in Besitz nehmen konnte. Von Osten die Türken - von Westen also Frankreich.

Der sogenannte "gallikote" Zug der Kirche Frankreichs - ihre Verschwisterung mit der nationalen Politik - war damals schon Jahrhunderte alt, und er dauert in gewissen Strömungen bis zum heutigen Tage an. In jedem Fall ist bei Leibniz ab einem bestimmten Punkt der Debatte zu bemerken, wie er selbst begann, mit seinem Nationalgefühl zu ringen, mit dem Bossuet spielte.



*070408*

Was Geschichte ist

Als Leibniz vom Hannoveraner Welfen-Herzog Ernst August den Auftrag erhielt, die wahre Herkunft der Welfen zu erforschen, gab es in Europa defacto keine Geschichtswissenschaft. Wozu auch? Bis dato hatte allen genügt, aus einem Geflecht von Legenden, Mythen und Wunschvorstellungen heraus die Vergangenheit zu "kennen" - als Zerrbild gegenwärtiger Vorstellungen und Nutzanwendungen. Nutzanwendungen, wie sie Ludwig XIV. austüftelte, der anhand verschiedenster und oft genug obskurster "historischer" Fakten daranging, die rechtsrheinischen Gebiete Deutschlands eines nach dem anderen für sich zu beanspruchen.

In Italien fand Leibniz die Herkunftszeugnisse der Welfen - und sie stammten tatsächlich vom legendären Azos von Este ab, dessen Grabstein aus dem 8. Jahrhundert stammt.

So nebenher aber legte Leibniz in seinem Nachforschen der europäischen Geschichtswissenschaft den Grundstein. Indem er dieser erstmals eine Grundlage, eine Definition gab, nach der sie sich hinkünftig ausrichtete. Leibniz, 1690 endlich zum Reichsfreiherr Gottfried Wilhelm von Leibniz geadelt, definierte Geschichte "als die Betrachtung vergangener Weltenläufe und ihrer Stufenfolgen unter dem Kriterium einer Idee." Ob es sich um die Idee des Guten, der Macht, des Fortschritts, der zunehmenden Gottesnähe oder was auch immer handelte. "Geschichte ist Prüfstein des Erreichten, ist Richtungspfeil des Zukünftigen, das eine Extrapolation aus dem Gesetz der Gegenwart in die kommende Zeit zu sein scheint."

Niemals dürfe Geschichte ein Phantom sein, das sich eine zweckwollende Gegenwart unabhängig von wirklich beglaubigter Vergangenheit gewissenlos und wahrheitsfremd zurechtstutze. "Das verstehe ich unter jenem TESTIMONIIS NITENDUM ESSE, jener Forderung, daß nur beglaubigte Quellen als Stütze wahrer Geschichtsdurchdringung dienen dürfen."



*070408*

Ein Protestant als Kardinal!

(Leibniz 1685 im Gespräch mit dem Sekretär des Kardinals Casanata, Magliabechi, in welchem er vorgeschlagen hatte, die Naturwissenschaften weit stärker als bisher den Orden zu übertragen.)

"Nichts ist der Frömmigkeit gemäßer als die Betrachtung der bewunderungswürdigen Werke Gottes und der Vorsehung, die nicht weniger in der Natur als in der Geschichte und der Regierung der Kirche hervorleuchten. Solcher Beschäftigung die Frömmigkeit absprechen, hieße dieser Frömmigkeit die gediegene Nahrung entziehen und ihr nur trockene Meditationen übrig zu lassen, von denen die unbefriedigte Seele leicht zu leeren 'Spekulationen übergehen würde; die wieder alle Gefahr von eingebildeter Weisheit mit sich führen könnten. ... Ein "beschauliches" Klosterleben ist oft recht nur die Sehnsucht fauler Bäuche, so daß dadurch die ganze Kirche noch außerdem in den Verdacht käme, aus Angst vor wahrer Wissenschaft die Wissenschaft der Natur zu unterdrücken. Eben jene Naturwissenschaft, die recht eigentlich Domäne und Sprungbrett aufgeblasener Freigeister und Gottesleugner ist. (Leibniz war einer der europaweiten Vordenker wie -kämpfer gegen den pantheistischen Spinozismus und den rationalistischen Cartesianismus.) Während nach meinem Vorschlag die vereinigte Kerntruppe gelehrter und weiser Mönche, der edle Wetteifer uralter Orden untereinander, mit Leichtigkeit den Freigeistern auch auf ihrem eigensten Gebiet vor aller Welt den Rang ablaufen würde."
Zwar wurde dem Protestanten Leibniz die Stelle des Custoden der Vatikanischen Bibliotheken - eine Position, die traditionell und "automatisch" zum Kardinalat führte - angetragen, doch seine Vorschläge blieben denn doch unberücksichtigt. Im Gespräch mit Cardinal Casanata, dem das "Rosenkranzwunder" vorangegangen war, bei welchem Leibniz der Rosenkranz - Matrosen wollten den protestantischen "Ketzer" berauben und ermorden, als zufällig Leibniz anstatt des Messers in seiner Tasche nur einen Rosenkranz griff, den er zuvor geschenkt bekommen hatte, woraufhin die Matrosen in die Knie sanken - das Leben gerettet hatte, hatte Leibniz aber doch um Bedenkzeit gebeten, denn mitten in seine Gedanken war ihm die Lösung eines mathematischen Problems eingeschossen, so daß er die für einen Protestanten unfaßliche Ehre - Kardinal! - vorerst (und später überhaupt) ausschlug. Denn selbstverständlich sollte Leibniz - "vom katholischen Standpunkte aus noch mehr" - protestantisch bleiben.

Der Jesuit Grimaldi, der von diesem Gespräch berichtet, tat dies am Vorabend seiner Reise nach China, wo er am Hofe des Kaisers von diesem berufen die Stelle eines Präsidenten des mathematischen Tribunals in Peking im Gehorsam dem Orden gegenüber, der ihm die Annahme des Amtes befahl, bekleidete.

Übrigens: welche Entdeckung hatte Leibniz während des Gesprächs mit Cardinal Casanata? Pater Grimaldi SJ berichtet auch darüber: Leibniz hatte das binäre Zahlensystem (er nannte sie "Onadik") entdeckt. Er hatte entdeckt, daß sämtliche Zahlen aus EINS und NULL bildbar sind, zumal auch das Zehnersystem von der Ganzheit der Finger an den Händen ausgeht, sodaß mit acht vierziffrigen Zahlen die gesamten Möglichkeiten der Darstellung ausgeschöpft sind, während das Zehnersystem neuntausend vierziffrige Zahlen benötigt. Leibniz sah die Zahlen als Sinnbilder letzter Mysterien, demgemäß waren die NULL und die EINS Symbole für den Schöpfungsvorgang Gottes - creatio ex nihilo.

Und die Kardinalswürde? Leibniz hatte sie dann doch abgelehnt. Und zwar aus der Überlegung heraus, daß er - in Gehorsam der Kirche gebunden - eine Philosophie entwickelt hatte, die zwar bei Kirchenleitung, Kardinälen und Gelehrten größte Zustimmung fand, doch aus "pädagogisch-politischen" Gründen dennoch oder auch nur vielleicht "verboten" würde. Einem "vielleicht" aber wollte er seine Lebensaufgabe, zu der er sich sehr nüchtern berufen sah, nicht leichtfertig opfern: der Entfaltung seines Geistes im Dienste des (deutschen) Volkes.



*070408*

China's natürliche Theologie

Leibniz wurde, als er nach Rom gereist war, von sämtlichen katholischen Institutionen mit größtem Respekt aufgenommen. Besonders wurde sein Ausspruch berühmt, demgemäß er (etwa 1685) davon sprach, daß es angesichts des Zerfalls Europas gut wäre, wenn chinesische Heiden nach Europa kämen, um die natürliche Theologie zu predigen - während Europa's Theologen nach China reisen sollten, um die Offenbarung bekanntzumachen.

Das Tor zu China erhoffte man sich vor allem von den Jesuiten geöffnet zu erhalten. Denen spielte auch tatsächlich ein "Zufall" in die Hände:
Der Kaiser von China, Cham-Hi, war an einem schweren Wechselfieber erkrankt. Ausgerechnet noch dazu zu einem Zeitpunkt, da die Mongolen das Land bedrohten. Gegen enorme Widerstände der einheimischen Ärzte und Gelehrten, gelang es den Jesuiten, das Vertrauen des Kaisers zu gewinnen - denn fünfzig Jahre zuvor war in Peru (!) durch die Gattin des peruanischen Vizekönigs, der Gräfin von Chinchon, die "Chinarinde" - das "Polvo de los Jesuitos" - bekannt geworden, weil die Gräfin die heilende Wirkung der Rinde an sich bzw. Ihrem Gatten erfahren hatte. ("Quina" bedeutet in der Inkasprache zusätzlich "Rinde".) Mithilfe dieses "Chinin" wurde der Kaiser tatsächlich gesund.



*070408*

Totengericht

Im alten Ägypten, aber auch an manchen europäischen Höfen, wie jenem der Welfen, den Fürsten von Hannover (und später England), war es üblich, beim Begräbnis des Fürsten ein "Totengericht" zu halten. Dazu wurden in einer entsprechend detaillierten Grabesrede nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Taten eines Herrschers vor versammeltem Volk aufgezählt und abqualifiziert.



*070408*

Einigung durch Verzicht auf "Recht haben", ohne zu sagen, daß man im Unrecht sei

Leibniz als einer der führenden Köpfe Europas seiner Zeit war einer der treibenden Männer hinter dem Ende des 17. Jahrhunderts noch sehr warmen Wunsche aller, die protestantischen und die katholische Kirche wieder zu vereinen. Und es kam nahezu zu einer solchen Einigung!

Und zwar nicht so sehr, weil die dogmatischen (sprich: philosophischen und dadurch theologischen) Ansätze so vereint waren. Die waren zwischen Calvinisten und Lutheranern im übrigen weit gravierender empfunden als zwischen Lutheranern und Katholiken. Man sah diese Differenzen im Rahmen der Auffassungsunterschiede innerhalb der katholischen Kirche selbst.
Doch war der die Einigung schon fast formal abschließende Gedanke der, daß die Eingliederung in ein und dieselbe Körperschaft aus einer gewissen "Selbstformierungskraft der Gestalt" auch die Unterschiede in den Lehrmeinungen substantiell überwinden helfen würde.

Daß also die "zweite Natur", die formende Kraft der gemeinsamen Sitte, wieder eins machen würde, was die reine Kraft der Gedanken, ja die Entelechie der Worte selbst, auseinandertrieb.

Auch Leibniz verzichtete also - wie die katholischen Unterhändler (im Namen des Kaisers wie des Papstes übrigens) - auf die formelle Anerkennung des Umstandes, daß "sie im Recht seien"! Sondern überantworteten dieses "Recht haben" (denn natürlich: es war auch nicht möglich, daß "beide" im Recht waren, das war allen klar) der "purifizierenden Wirkung der von göttlicher Kraft durchwobenen Gestalt der Kirche." Ohne auch nur im Geringsten zuzugeben, daß sie im Unrecht waren.

Das macht auch deutlich, welche Bedeutung man der Aufhebung des wechselseitigen Bannes beimaß, und wie wichtig die Anerkennung der jeweiligen Eucharistie - mit Zulassung des jeweils anderen zum Gottesdienst, der "Interkommunion" - war. Ein für Protestanten eigentlich bemerkenswerter Schritt, weil diese gemeinsame Basis, zu der man nach langen Verhandlungen bereits gefunden hatte, für die Protestanten bereits ein gewaltiges Abweichen von ihren (impliziten, damals noch bei weitem nicht so herausgearbeiteten) philosophischen Grundsätzen. (Erst im Laufe der Jahrhunderte - unter anderem sei der Name Bultmann genannt - bildete sich aus der protestantischen Orthopraxie auch eine dezidierte protestantische Orthodoxie!)

Eine Haltung, die weit mehr als Synkretismus oder Relativismus war, den beide niemals für gut geheißen hätten.

Damals schmerzte die Trennung nämlich interessanterweise und offensichtlich noch weit mehr als heute. Die (allmählich) so klare Trennung entpuppte sich zudem mehr und mehr als politisch und von außen motiviert. So kann man heute eine grundsätzliche Differenz ausmachen, die zwar anfänglich in nucleo enthalten gewesen war, sich aber unter Umständen und durch andere Politik nie so kräftig heraus- und sogar wieder zurückgebildet hätte - sodaß eine Vereinigung zu EINER christlichen Kirche damals zumindest noch viel leichter möglich gewesen wäre.

Einen sehr ähnlichen Weg nahm ja auch die Geschichte des großen abendländischen Schismas Roms - Konstantinopels, das allem Anschein nach ebenfalls maßgeblich durch politisch ungeschicktes Verhalten das wurde, was es heute ist. Auch hier waren ja theologisch-philosophisch die Differenzen (zuletzt von Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert) quasi beigelegt. Theoretisch ...



*070408*

Ein einziges, riesiges "Auch"

"Ich bin ein einziges, riesiges Auch," sagte Leibnitz einmal. "Ich bin AUCH Philosoph, AUCH Mathematiker, AUCH Theologe, AUCH Jurist ..."



*070408*

Fürstenpflichten

Leibniz sah seine Aufgabe, ja seine hauptsächlichste berufliche Möglichkeit im "Hofratsein", das für ihn einerseits die Möglichkeit brachte, sich in Forschungen zu vertiefen. Das aber die andere wichtige Aufgabe hatte, Philosophen, Denker, Forscher und Künstler zu sichten, zu empfehlen, und damit zu versorgen.

Denn die Höfe der Fürsten sahen sich als Zentren, die den Geist nicht nur an sich zu binden hatten, sondern ihn pflegen mußten, weil vom Stande des Denkens auch das Wohlergehen und die Zukunft ihrer Reiche abhing! So hielt man sich für die einzelnen Fachgebiete Hofräte.

So kam es sogar zu einem Wetteifern der Höfe, um die fähigsten Köpfe zu holen und zu binden.

Starb der Fürst, kam ein neuer an die Macht, so warteten alle diese Hofräte etc., ob sie durch Bestätigung weiterhin in ihren Ämtern (und Pfründen) bleiben konnten (so sie wollten) - oder gehen mußten.



*070408*

Naturgesetze und Statistik

Im Grunde erledigt die Quantenphysik die mechanistische Weltsicht - indem sie nämlich klar macht, daß die beobachtbaren Vorgänge in der Natur alles andere als Automatismen sind, die von ihrer Stellung in der Welt unabhängig sind und ablaufen. Daß sich also die Dinge des Universums mechanistisch verhalten - und nicht weil alles in einem direkten Zueinander steht. Im Grunde wagt es derzeit nur niemand auszusprechen - aber die Quantenphysik scheint zunehmend als Darstellung des Satzes, demgemäß die Schöpfung auf ein personales Wesen hin geschaffen wurde. Selbst der (philosophische Zirkelschluß) Konstruktivismus ist nichts als eine solche Beschreibung eines von außen erkennbaren faktischen Verhaltens (das im Irrtum oder in Krankheit eben bis zur Wirklichkeitslosigkeit von Sprache führt).

"Naturgesetze" sind aber nie etwas anderes gewesen als statistische Wahrscheinlichkeiten!





 *070408*

Feminismus ist Mainstream

Sie erzählte von ihrer Veranstaltung, in der sie - Zeichen des Feminismus - eine Reihe von Frauen dazu gebracht hatte, aufzutreten. Nun war der "Weiberabend" schon in die Bundesländer gewandert. Der eine Art "neues Selbstbewußtsein" der Frauen" repräsentierte. Sichtlich stolz erzählte sie von den Geldern, die sie dafür aufgetrieben hatte, und die jeder Veranstalter dafür auftrieb.

Ganz ruhig sagte M: "Naja, sicher, das ist heute Trend, das ist Mainstream, sicher, damit läßt sich im Moment viel öffentliches Geld ziehen."

Sie blickte verwirrt.

Ruhig und heiter setzte M fort: "Ich finde das geschickt, daß man das ausnutzt. Dieser Feminismus gilt als Herrenmoral, der politisches Handeln zu folgen hat. Keiner von denen da oben traut sich zu widersprechen! Da läßt sich derzeit gutes Geld machen. Das muß man ausnutzen - diese Politiker gehören geschoren, gratuliere."

Sie ging.

G daraufhin zu M: "Sie glaubt scheinbar tatsächlich, daß sie einer verfolgten Minderheit angehört. Ich hatte geglaubt, sie wäre einfach clever. Dabei ist sie so dumm."

M: "Ach, ein alter Hut. Die Moral der Herrschenden hast Du immer an den Weibern ablesen können. Das ist ja auch klar - ein wichtiger Zug der Evolution: Sie müssen ja ihre Jungen überlebenstüchtig aufziehen! Also legen sie sich immer mit der Macht ins Bett."





*040408*

Freitag, 4. April 2008

Schauspieler sollten nichts sein

Es ist die Frage zu stellen, ob es für einen Schauspieler nicht besser wäre, sich nicht über eine der herkömmlichen Schauspielschulen "ausbilden" zu lassen.

Erstens ist ja der einzige Vorteil, den eine solche "Ausbildung" bietet, die intensive Beschäftigung mit Schauspiel verbunden mit der Intensität der Rückmeldung. Der Effekt einer rascheren Reifung ist aber in höchstem Maß von der Qualität der Lehrer abhängig, die Gefahr einer Verbildung ist immerhin nicht gering. Zumal ja übersehen wird, daß man Schauspiel nicht lehren kann. Das einzige, was gelernt werden kann, sind Kulturtechniken, sind also Prozesse, die ansonsten das Leben übernimmt. Einer ähnlichen Auffassung war übrigens Max Reinhardt, dessen Ideal einer Schauspielerexistenz der ständige Wechsel zwischen einem halben Jahr Bühne und einem halben Jahr "Leben da draußen" gewesen war.

Zweitens und wichtigstens aber ist, daß das größte Problem der Schauspieler (heute) das Problem der Identitätsbildung ist. Gerade aus großen Schulen mit renommiertem Namen kommende Schauspieler sind oft extrem davon geprägt, eine äußerst feste Identität "als Schauspieler", und damit als Figur innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges, aufzuweisen. Sie tragen also ein ausgeprägtes "Selbstbewußtsein" als Absolvent jener Institution, und noch mehr: als Schauspieler vor sich her.

Ich frage mich aber, ob es nicht für einen Schauspieler - als Künstler verstanden - nötig ist, sich zutiefst existentiell in Frage gestellt zu sehen. Ob es nicht nötig ist, diese Nacht des Nichts-seins wirklich durchleben zu lassen. Um so stets mit ganzer Ungeprägtheit und Bereitschaft die Inhalte der zu spielenden Rollen zu suchen wie zu sehen, wie ein Ertrinkender nach dem Rettungsring zu greifen.

Immerhin ist mir aufgefallen, daß Schauspieler nach Engagementpausen, nach Phasen, in denen sie nicht gefragt waren, faktisch immer einen Reifeschub aufwiesen. Ja, erst dadurch zu reifen schienen, diesem Nichts ausgeliefert gewesen zu sein.





*040408*

Otto Mühl's method to act

Aufgeregt verlangte K ein Treffen, er habe etwas entdeckt, etwas Wichtiges. Wir wählten die Kantine des Konservatoriums, der Kaffee kostete dort nur 2 Euro, und die Bedienung war gleichgültig genug, damit man dort auch längere Zeit sitzen konnte, ohne etwas bestellen zu müssen.

"Und?"

"Ich habe die Unterwanderung der Wiener Schauspielszene durch die Kommunarden des Otto Mühl aufgedeckt" flüsterte er. Dann erklärte er. "Du erinnerst Dich doch an dieses Buch, von diesem Aussteiger? Der hat doch beschrieben, daß viele Mitglieder der Mühl'schen Kommune ins Schauspiel eingestiegen waren, und nicht nur das - auch ins Ausland, namentlich in die USA gegangen waren?"

Ich erinnerte mich. Wie zur Bestätigung hatte ich damals am nächsten Tag - da rede noch einer von Zufälligkeit des Lebens - bei einem Dreh einen Schauspieler kennengelernt, dessen Gesicht mich sofort an Mühl erinnert hatte. Sie haben ja alle dieselben Gesichter! Der hatte genau davon berichtet. Von seinem Weg aus der aufgelösten Kommune heraus, von Aufenthalten in New York und auf den Philippinen und auf Mallorca, und vom Schauspiel. Und er hatte Namen genannt, von anderen Schauspielern und Schauspielerinnen, die in der Szene Wiens eine nicht überragende, aber doch nicht vernachlässigbare Rolle spielten. K's Ohren hatten damals geglüht, als ich ihm davon berichtet hatte.

Nunmehr wisse er, setzte er fort, daß diese Leute eine weit bedeutendere Rolle spielten, als er bisher angenommen hatte. Er war ja gerade einem "method acting"-Kurs entstiegen. Schon nach dem ersten Tag hatte er berichtet, daß ihn die Atmosphäre stark an die Schilderungen des ausgestiegenen Mühl-Kommunarden in dessen Buch erinnert hätten. Dieselbe totalitäre Atmosphäre, dieselbe aggressive Brechung, dasselbe Unterwerfungsgebot. Manchmal war es mit der Seminarleiterin sogar wie durchgegangen, weshalb K seine Definition des "method acting" sogar veränderte - als rein persönliche Methode, Macht auszuleben, unbedingte, totalitäre Macht. Ja, es war ihm sogar als ebensolche direkte Absicht erschienen, die die Vertreter dieser Methode kennzeichnete. (Was solche Systeme dazu geneigt macht, weniger durch Anwendung und Brauchbarkeit zu glänzen, als durch "Vermehrung"; solche Systeme brachten also fast mehr Lehrer-Jünger hervor als Schüler.)

Am letzten Tag des Seminars hatte sich die Kursleiterin geoutet. So nebenher war der Satz gefallen, sie wollte manche der Schüler motivieren, die Schwierigkeiten mit manchem Verständnis zu haben schienen (als sei das dabei gefragt! Ist doch der unbedingte Gehorsam mit der Frustration durch Irrationalismus Teil des theoretischen Systems). Die Schauspielerin, die auch eine Reihe anderer Schauspieler "coachte", bekannte sich als Schülerin von P. Jener P, die ebenfalls Kommunardin Mühls gewesen war, im Rahmen eines damals bekannt gewordenen Mißbrauchsfall übrigens, und als Schauspielerin zu jener Gruppe gehörte, die der Kommune auch Geld verdient hatten. Und die in einer Wohnung in Wien - also außerhalb der eigentlichen Kommune im Burgenland - gelebt hatte.

Geld, das übrigens in Immobiliengesellschaften versickert war, die große Grundstücke auf Mallorca, aber auch weltweit Destinationen (u. a. in New York) angekauft hatte. Von denen heute keiner mehr etwas zu wissen scheint ... außer daß die Internationalität mancher Kommunarden auffällt.

"Nun denk Dir zu diesem System noch die Journalisten dazu, die ebenfalls in Mühl's Dunstkreis waren, und sei es, daß sie später in die auf den Arealen der Kommune errichteten Reihenhäuser einzog. (Wer sucht schon den Gruftgeruch? Nur Vampire!) Darunter sind ja, wie Du weißt, leitende Redakteure sogenannter Qualitätszeitungen!"

Er habe die Verschwörung aufgedeckt, meinte er aufgeregt. Und blickte nervös um sich.




*040408*

Mittwoch, 2. April 2008

Warum man Künstler überall kennt

Y, Schauspieler, saß in der Küche und rauchte eine Camel, trank Kaffee aus dem Automaten.

"Man kennt mich oft," meinte er dann. "Ich bezeichne mich deshalb als krypto-populär. Dabei kann das fast nicht sein, ich war noch nie groß in der Öffentlichkeit."

Wir lachten, eher verhalten, denn auch andere schienen dieses Phänomen zu kennen.

Da sagte X, ein Schriftsteller: "Ist das nicht für einen Künstler logisch? Wenn seine Aufgabe wirklich ist, universal zu werden, also so frei, daß er alle menschliche Form in sich birgt, so muß er als privater Mensch immer allumfassender werden. Damit aber wird man zunehmend meinen, ihn schon gesehen zu haben. Denn in ihm begegnet einem etwas, das man mit größer Wahrscheinlichkeit bereits kennt."

Einige blickten nachdenklich. Z lächelte. Ich dachte an einen Ausspruch von NN, der einmal meinte, bei älteren Schauspielern würde die Biographie "wächsern" an ihnen kleben. Bei Schauspielern ergeben die Rollen die Lebensvorkommnisse.





*020408*

Das Neue entsteht aus Altem

Eine Kunst, die nicht zuerst die Vollkommenheit der Vergangenheit sucht und an ihr sich mißt, ist meist keine Kunst mehr, weil sie zumindest aus einer wesentlichen Bedingung von Kunst heraustritt - aus der Gegenwart.

Neues zu schaffen ist nicht eine Frage des Neu-sein-wollens, sondern eine Frage des Künstlers an sich. Denn zu schaffen heißt nicht, sich selbst zu funktionalisieren und schlicht nachzuplappern. Wie alle Kunst der Vergangenheit zeigt, entstand Neues immer aus der Weiterentwicklung des Vorhandenen.

Vielleicht sind so viele heute einfach entmutigt ... denn ich kenne beileibe mehr Avantgardisten als Könner wie Kenner (eines steht für das andere, denn Erkennen bedeutet Nachbilden der Form, damit deren Beinhaltung, Können aber Gestalt von und aus der Form, so daß Werk nur Äußerung der Natur wird) dessen, auf dessen Schultern sie vorgeben zu stehen.

Genauso wie es kein Kunstwerk geben kann, das nicht auf eine Weise unnachahmlich vom Schöpfer erzählt.




*020408*

Muß Kunst getauft werden?

Braucht der Künstler die Taufe, um vollkommene Werke zu schaffen? Im Grunde müßte man Ja sagen - Künstler als "Mechanismus" - weil alles Werk vom Hervorbringer kündet, der ungetaufte Künstler die Dimension der Übernatur nicht erfassen kann.

Doch kann er auf seine Weise vollkommene Transzendenz sein, kann innerhalb seiner Wahrheitspflicht innerweltlich ("natürlich") direkten Hinweis auf Gott, das Sein, der unendlichen Summa aller unendlichen Formen, bilden. So, wie jede Religion innerhalb der natürlichen Möglichkeiten von Gott kündet, freilich ohne ihn zur Teilhabe darzubieten.

Im letzten ist eben deshalb die Liturgie das vollkommenste Kunstwerk, weil in ihr auch der Hervorbringer - der Priester "in persona" Jesus Christus, dieser eben als Künstler, als Welterschaffer wie Weltträger und damit -richter - alle Dimensionen im Werk der Darstellung vereint.





*020408*

Und doch - Hoffnung Kunst

Aber die Kunst ist Träger einer großen Hoffnung - daß sich auch in ihr das Material aus dem täglichen katharsischen Prozeß, den das Leben darstellt, das Leben also als Fegefeuer, in immer größerer Reinheit zeigt.

Und was ist ihr Material? Es ist das Sein selbst, das sich ans Seiende gebunden hat. Es fordert die Vollkommenheit, es fordert Gehorsam, und verbindet im Künstler objektive Gerechtheit mit subjektivem Empfinden.

Das einzige Problem freilich ist das Problem der Tugend. Denn im Künstler verbindet sich eben nicht a priori - wie im Sakrament - das vollkommene Seiende mit dem Sein selbst. Der Künstler, sein Werk unterliegt faktischen Einflüssen. Sein Gebot - seid heilig wie Euer Vater im Himmel heilig ist - bleibt gefährdete Forderung, er bleibt zerbrechliches Gefäß.





*020408*

Dienstag, 1. April 2008

Strafe für den Vater

X wollte von seinem Vater nichts mehr wissen, der Kontakt mit ihm aufzunehmen versucht hatte. Der habe da und da falsch gehandelt; weil er seinerzeit gegangen sei, sich scheiden, ihn zurückgelassen hatte. Nun besuche er ihn nicht mehr, verweigere überhaupt jeden Kontakt. Denn er brauche ihn nicht, sei bisher auch ohne ihn ausgekommen - viel zu selten habe sich der Vater gemeldet. Und ab nächstem Monat verdiene er ohnehin, dann habe er ausgelernt.

Es schien ihm so selbstverständlich: Er wollte den Vater bestrafen, und verstieß ihn also.

Die Mutter nickte.





*010408*