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Montag, 10. Februar 2014

Morgenleuchten der Demokratie

Niemals hätte das Rechtsgefühl bis ins hohe Mittelalter hinein das Volk als Souverän angesehen. Genauso wenig wie den König als absoluten, in keinem Fall angreifbaren Herrscher. Er war Mittler zwischen Gott und dem Volk, und das Volk erteilte ihm bei einer Wahl nicht die Macht, sondern wählte jemanden, der die Macht ausübte - die er von Gott erhielt. Sich gegen die Macht zu erheben wäre deshalb immer ein Sakrileg gewesen, ein Verstoß gegen ein göttliches Gebot. Es ging wenn - nur um die einzelne Person, in genau abgezirkelten Verstößen und Bereichen. 

Man wählte keinen Diener, sondern einen Herrscher. Das uralte Widerstandsrecht der Germanen lebte solcherart im Rechtsgefühl aller fort, und es bezog sich nur auf den Einzelwiderstand, wo Recht vorenthalten oder Unrecht ausgeübt wurde. Wo jeder sogar das Recht hatte, dem König die Fehde zu erklären.

Wie dieses Verhältnis genau zu verstehen war blieb freilich in den Randbereichen immer ein wenig unklar und verschwommen, und oft genug einfach durch den Sieger in einem Streit definiert. 

Beide Gedanken - Absolutismus und Volkssouveränität - tauchten erstmals im Investiturstreit auf, im Streit, ob der Papst Gregor VII. einen ketzerischen König, Heinrich IV., absetzen könne, oder nicht. Und man nahm sie nicht wirklich ernst, denn das Rechtsempfinden war fest, jeder wußte, was es meinte, und das war nicht im Sinne dieser Gedanken. Daher kümmerte man sich eher wenig um diese Argumente, die beide Seiten der anderen an den Kopf warfen, um ihr Recht im politischen Streit zu beweisen, und wo die Richtigkeit des Gedankens manchmal der politischen Taktik unterlag.

Aber ausgerechnet die Kirche war es, aus deren Kreisen jenes Argument erstmals in der Geschichte des Abendlandes auftauchte, daß das Volk SOUVERÄN sei. Der kirchliche Rechtsgelehrte knüpft dabei an das germanische Widerstandsrecht an, und überinterpretiert es, im Sinne der päpstlichen Politik.  Niemals aber hätten die Germanen ihren Herrscher als ihren Diener begreifen wollen.

Und im Gegenzug entstand der Gedanke der Unangreifbarkeit des Herrschers, auf kaiserlicher Seite. Gestützt durch das Ausgraben der spätrömischen Gesetzeswerke, in denen man den damaligen Absolutismus der Imperatoren auf die neuen Verhältnisse umlegte. Auch das hatte es nie gegeben.  Kein Fürst war je unantastbar, ja etwa bei Westgoten, bei den Merowingern oder den Langobarden gab es eine Unzahl von Fürstenverlassungen und Absetzungen. 

Während von einzelnen Kirchenrechtlern wieder argumentiert wurde, daß wer einen König wähle, diesen auch jederzeit wieder absetzen könne, erwiderten die Königstreuen unter Bezug auf das römische Recht, daß wer jemandem etwas schenke, diese Gabe nicht wieder zurückverlangen könne.

Aber in diesem Streit zeigte sich im 11. Jhd. erstmals als Wetterleuchten der spätere Absolutismus hier, die Demokratie dort, schreibt Fritz Kern. 

Es hatten sich Unsicherheiten der Auslegung offenbart, die aufbrachen, als das Empfinden versucht wurde, und ausformuliert werden mußte. 

Immer mehr versuchten daraufhin die Herrscher, das Widerstandsrecht zu eliminieren. Und sie taten es auch durch Verträge, in denen etwa das Staatsrecht beim Lehensrecht Anleihen nahm. 

Damit trat immer mehr auch der Gedanke auf, daß das Verhältnis des Herrschers zu seinem Volk ein Vertragsverhältnis sei - die konstitutionelle Monarchie bereitete sich vor. Der König war damit nicht mehr Zeichen Gottes für seine Untertanen. Worin auch der alten christlichen Auffassung von der Staatsgewalt widersprochen wurde, die jeden Herrscher zu ertragen hatte, das (passive) Widerstandsrecht nur dort auftrat, wo er die Verletzung der ersten Pflicht - der Gott gegenüber - verlangte. 

Ebenso versuchten die Herrscher des späten Mittelalters zunehmend, das Volk "präventiv" in die Staatsgeschäfte einzubauen, in den ständestaatlichen Einrichtungen, um so nicht Gefahr zu laufen, abgesetzt zu werden. Während von anderer Seite her sich in Deutschland* der Rat der Reichsfürsten bildete, der einerseits das Recht hatte, den König zu wählen, aber auch abzuurteilen, ja ihn abzusetzen. Was gedacht war als "Formalisierung", um die Rechtslage klarer zu halten, Wildwuchs zu beschneiden weil das Recht zu institutionalisieren, erwies sich in ganz Europa als unhaltbar, und zerstörte formal die Souveränität. Weshalb es ab dem 15. Jhd. in "stillschweigendes Verlassen" überging ...

Aber vor allem, so Kern in "Gottesgnadentum und Widerstandsrecht", hat sich im Gedanken des Volkssouveräns, der im 11. Jhd. auftauchte, die Demokratie des 19./20. Jhds. vorbereitet. 

Denn fortan sind diese Gedanken, die ursprünglich je Grenzüberschreitungen im Investiturstreit waren, nicht mehr von der Bildfläche verschwunden, und sie wuchsen sich zu ihrer späteren Vollgestalt aus, die eigentlich in Widerspruch zum Rechtsempfinden der europäischen Völker stand.




*Das Wesentliche an der Magna Charta in England war nicht, daß das Volk gewisse Rechte erhielt. Das Wesentliche war, daß der König einem Gericht unterstellt wurde, das sich an seinem Privatvermögen schadlos halten konnte - ihn aber NICHT absetzen oder persönlich verurteilen konnte. Damit wurde der Staat nie destabilisiert, man mußte den König nie stürzen, und dennoch mußte man Absolutie nicht dulden. Gleichzeitig wurde das Widerstandsrecht gegen königliches Unrecht institutionalisiert, was anfangs zwar noch nicht wirklich funktionierte, aber den Weg zur Schaffung eines Parlaments ebnete, mit dem es endgültig funktionierte.




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Sonntag, 9. Februar 2014

Irrationalität der Moderne

Vernunft, schreibt Eric Voegelin in "Das Drama des Menschseins", ist an erster Stelle das Bewußtsein, von einem Grund der Existenz her zu existieren. Vernunft ist also ein Inhalt, der äußerst wichtig ist.

Das Ausharren zu diesem Grund ist das, was als humane Leistung bezeichnet werden kann - als existentielle Tugend. Und dieses beharrliche Suchen des Bezugs des Vielen zu diesem Grund (als Inhalt) ist das, was man mit Weisheit bezeichnet.

Entfernt man diesen Inhalt, etwa gar indem die Frage nach dem Grund ausgeklammert wird, was ja möglich ist, so wird die Vernunft leer, zu einem bloßen Instrument der Handhabung weltimmanenter Dinge. Das einzelne Fragen wird zu einem grundlosen Fragen (im wahrsten Sinn), der Blickpunkt, unter dem die Beziehungen der Dinge untersucht werden, wird zufällig und vor allem: er wird irrational, willkürlich. Das führt im Fortlaufe der Zeit zu einem völlig chaotischen Fragen, das immer weniger Inhalt und Antwort enthält.

Oder man nützt eine der zahlreichen Möglichkeiten, diesen Grundinhalt durch andere Inhalte zu ersetzen. Diese aber werden damit zu bloßen "-ismen", zu Ideologien, die nur so lange und so weit tragen, als die Grundprämissen eingehalten werden, von denen aus die Beziehungen zu den Dingen konstruiert werden. 

Fehlt aber die reale Beziehung des Grundes zu den Dingen der Welt, so ist auch die Welt zwangsläufig nicht mehr vernünftig. Weshalb der Grund - als Ursprung - zur (bald fanatischen) Kernfrage aller solcher Vernünftigkeit wird, die keine andere Antwort neben sich erträgt. Sie wird irrational, die Wirklichkeit wird zur potentiellen Bedrohung, und alle, die sie vertreten oder verkünden (wie die Kirche, die ja nicht nur über die Menschen, sondern in ihrer Existenz in der Polarität zu ihrer Potenz alleine die wirkliche Wirklichkeit vertritt), zu Bedrohenden.*

So, wie die Moderne seit dem 18. Jhd. zwar "rationalistisch", aber zutiefst irrational wurde, weil sie den Grund auszuklammern begann. Ja, sie wurde zwangsläufig im Maß ihrer Unvernünftigkeit "rational", weil die Widersprüche aus der Grundlosigkeit heraus mit der (historisch zwangsläufig zunehmenden) Quantität der Dinge gleichfalls zunehmen.

Weil somit der Grund die Vernunft konstituiert, ist die menschliche Vernunft auch durch ihre Art die Struktur des existierenden Menschen selbst. Und darin die Struktur einer Gesellschaft. Denn nur aus der Teilhabe (wie Aufrechthaltung) an einer einzigen bzw. vom selben Grund her bestimmten Vernunft kann sich Gemeinschaft bilden. Als Quantität von Menschen, die in ihrer Qualität zueinander vom Grund und seinen Forderungen her bestimmt sind wie sich bestimmen lassen.

Das begründet damit ihre Ethik - der gemeinsame nous, die gemeinsame Vernunft. In der sich alle von derselben Art sehen, denselben Bezügen ausgesetzt und unterworfen. Deshalb kann es nur auf dieser Ebene eine gemeinsame Ethik geben, weil Ethik dieser Vernunft entspringt. Die nicht willkürlich (nach bestimmten Glücksvorstellungen etwa) postulierbar, ausrufbar ist, sondern der alle beitreten müssen, und die ihr Einigungspotential nicht in Zwecken, sondern in ihrer Fähigkeit erweist, die Weltbeziehungen erschöpfend zu begründen. Sodaß das Gemeinweisen allen gleichermaßen zum Gedeihen wird.

Hat aber eine Gesellschaftsform, ein Staat etwa, diese gemeinsame Vernunft als Bezug zu einem Grund NICHT, so kann in ihm nicht die alles Zusammenleben tragende Liebe entstehen. Nur sie läßt Zusammenhalt zu. Deshalb muß das Handeln eines Staates - die Politik - sich auf das beschränken, was diese Gemeinsamkeit fördert bzw. ihr entspricht. Seine Politik kann nur so weit stark sein, als sie sich auf der Grundlage des gemeinsamen Grundes bewegt.

Das muß er durch seine Institutionen auch vertreten, genauso wie es die Kirche tun muß: Sie müssen die einende Lehre vertreten und verkünden und den Grund in Symbolen und im Kult zugängig machen weil lebendig halten**. Denn Menschen unterschiedlichen Grundes wissen im Gespräch miteinander mit der Zeit nicht mehr, wovon der andere überhaupt spricht, und eine Gesellschaft bricht zwangsläufig auseinander.

Voegelin sieht wie Aristoteles und Heraklith dabei klar, daß es nur unter transzendentem Bezug auf Gott (das Sein als Ursprung von allem, das IST) hin Gemeinschaft und Würde des Menschen gibt. Nur wenn Geist als Schatten Gottes (in Ähnlichung) gesehen wird, kann es zur Einung weil zur Harmonie und Ausgewogenheit kommen.




*Jeder Totalitarismus ist vom äußeren Zwang gekennzeichnet, einen bestimmten Grund vorzuschreiben, der sonst nicht von allen akzeptiert würde, weil er nicht aus sich heraus die Potenz hat, die Vielfalt der Welt widerspruchsfrei in der Vernunft zu einen. Insofern ist Totalitarismus von Autoritarismus zu unterscheiden. Letzterer setzt zwar einen Grund (und damit eine Art der Vernunft) bindend, aber er beschränkt sich darauf als Doktrine offiziellen Handelns und der Gesetze. Er beschränkt anders gelagerte Vernunfthandlungen in ihrer Offiziösität, verlangt aber nicht das je innere Beitreten, und er läßt deshalb etwa Ausreise zu. Er kann also nicht "gemeinsame Werte" verlangen, er kann aber bestimmte Verhaltens- und Vernunftweisen vorschreiben. Wenn er auch auf lange Sicht nur Bestand haben wird, wenn er sich (wieder) in dem einen Grund eint. Deshalb hat Voegelin den Ständestaat unter Dollfuß unterstützt, weil in Zeiten - was damals von innen (Sozialisten) wie von außen (Deutschland bzw. Nationalsozialismus) gegeben war - drohenden Zerfalls kann ein autoritärer Staat notwendig sein.

**Einen Staat ohne Symbole kann es deshalb gar nicht geben, er wäre eine Mißgeburt, die nicht lebensfähig ist. Genauso wenig wie es eine Kirche ohne priesterlichen Kult geben kann.





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Filmempfehlung

Es ist ein Irrtum zu meinen, Erzählung müßte immer "Neues" liefern. Wo gute Erzählung nur wäre, was bedeutungsschwanger daherkommt, weil es gerasde die Welt völlig neu denkt. Das tut gute Erzählung nie. Und das ist auch nicht "denken". Denn die Topoi des Lebens sind begrenzt, es geht vielmehr darum, sie wieder und wieder zu finden, sich von der Vielfalt des Lebens nicht verwirren zu lassen, in dem es immer wieder ums selbe geht. Wie es schon die Alten sungen ... Manchmal könnte man gar meinen, daß der oft seltsame Trieb nach "Neuem", nach "anderem" ein lächerlicher Versuch ist, genau das zu verschleiern, und die Mär einer völlig neuen Welt zu verkünden.

Das Publikum verzeiht sogar, wenn man das Handwerk gar grob rascheln hört.

Und damit, gar nicht überraschend*, findet sich genau das in diesem aktuellen Hollywood-Schinken, in "Zwei vom alten Schlag" (R. de Niro, S. Stallone), der wahrlich nichts Neues bringt, läßt sich diese somit immerwährende Aktualität (wieder)erkennen. Man muß freilich dreimal hinschauen. Gute Unterhaltung ist es aber allemal. In der die Selbstpersiflage des Genres sich selbst feiert. (Ja, so steht es, es ist keine Tautologie.)









*Ach ja, der "schnöde Mammon" und die Kunst, der Verfasser vergaß. Aber daß Kosten mit Energie, daß Gewinn oder Verlust auch mit Unwahrheit zu tun haben könnten (wenn auch nicht nur), ist eine Tatsache, über die man lieber hinter vorgehaltener Hand spricht. Und die der nicht subventionierte, damit nicht an der Wirklichkeit vorbeigefälschte (weil so "tiefsinnige"), aber vom Einspielergebnis abhängige Film immer wieder demonstriert.





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Samstag, 8. Februar 2014

Autorität als Grund der Vernünftigkeit

Weil aber Erkenntnis (der Welt) nur möglich ist, wenn das zu erkennende Objekt in seinem So-sein gesehen wird, ist Erkenntnis nur möglich, wenn ich dem Objekt Autorität einräume. Nur, wenn das Objekt der Erkenntnis "sich selbst" frei im Erkennenden entfalten kann, kann der Erkennende seine Eigenschaften abnehmen. Die aber immer einen geheimnisvollen Rest enthält, weil der Verstand nur Allgemeines ablösen kann, das hinwiederum auf Objekte zurückgeht, die immer individuell sind. Individuelles aber kann nicht anders erkannt werden als durch personale Beziehung, es ist im Verstand nicht weiter auflösbar.

Daraus aber schließt sich weiter, daß es ein Erkennen ohne Offenbarung, ohne Geglaubtes, gar nicht gibt. Es ist das Erste, auf dem alle weitere Erkenntnis aufbaut. Denn Vernunft bedeutet ja das Herstellen (und Halten) der Beziehung zum Grund von allem, und das ist das Sein (Gott). Im Sein ist alles enthalten, was IST. Damit alles, was erkannt werden kann.

Unterliegt nämlich - wie es der Positivismus meint - dieses Erste, dieser Grund der Autorität des Erkennenden selbst, als (primär) "zu Setzendes", so schließt dieser sich vom zu Erkennenden ab. Denn das Objekt läßt sich nicht erkennen, wenn ich die Bedingungen seiner Erkenntnis, das Resultat damit, bereits vorgebe.

Ohne "Staunen" (mit einem anderen Begriff) gibt es also keine Erkenntnis. Es bedeutet jene Ergebnisoffenheit der Sinne zum einen, die die Objekte in den Erkennenden "einläßt", ohne Offenbarung zum anderen sind sie nicht in Wahrheit zu fassen. In diesem Sinne läßt sich das Sein (im Seienden) gar nicht erkennen, wenn sich das Sein nicht selbst offenbart.

Und das tat es ja auch. Im Alten Testament als "Jahwe" (="Das seiend Seiende", das "was das Sein als sein tätig sein läßt" - Sein als Akt), und dann im ultimativen Akt: mit der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus.*

Damit zeigt sich aber auch, daß es eine Vernunftoffenheit OHNE Vertrauen in die Tradition, in das Weitergegebene, gar nicht geben kann. Darin gründet das vordringliche Recht der Eltern, als Einzige, die Verantwortung für ihren Nachwuchs tragen können (und müssen), und das in der Regel in Liebe tun, für die Erziehung (zur Vernunft) ihrer Kinder zuständig zu sein. Und niemand darf sie darin einschränken oder zu ersetzen versuchen. 

Sinngemäß dasselbe läßt sich von den weltlichen Ordnungen ("Identität") sagen, in die ein Mensch bei der Geburt ja hineingeworfen wird. Weshalb er ja einen Namen VON dieser Ordnung erhält, weil er FÜR diese Welt etwas/jemand ist.

In einer sich von Gott entfernenden Welt, wie wir sie heute erleben (was einem Abschneiden vom Grund ist, der die Vernunft begründet), streiten zum einen die strukturell IMMER notwendige Angebundenheit an eine Autorität mit dem Anspruch, diese Autorität NICHT zu wollen. Was zu nichts anderem führt als daß die Menschen schlicht nicht mehr wissen, weil verdrängen, WEM sie glauben. Und damit in Verwirrtheit enden, weil sie keine widerspruchsfreie Wahrheit mehr kennen. Ja, im letzten zerfällt eine solche Gesellschaft in immer mehr und immer kleinere Sekten, die alle die Begründungen zum Inhalt haben, warum sie dieser oder jener Autorität (die ihre Erkenntnis begründet) glauben.

Das Konzept des "frei sich selbst entwerfenden Menschen" (Autonomismus) ist reine Illusion. Sie entspricht nicht dem, was der Mensch überhaupt ist. Ein Mythos, der wirklich NUR die Selbsttäuschung verschleiern soll.** Denn das Entscheidende in der Erkenntnis (und der Vernunft) ist eben eine persönliche Haltung. Insofern ist Vernunftverweigerung (bzw. Gottesverweigerung) immer persönliche Schuld.***

[Eric Voegelin führt diese Geisteswende, die im 11./12. Jhd. erstmals in großem Umfang in Europa erkennbar ist - damals traten erstmals die großen "mystischen Bewegungen" auf, die genau das zum Inhalt haben: die Autorität wird in die subjektive Erfahrung, dem eigenen Urteil eingesenkt -, genau darauf zurück: Auf das Verschieben des autoritativen Horizonts hin auf sich selbst. Damit wird das Selbstverständliche, Geglaubte, das autoritative Gefüge, das einem durch sein Bestehen Erkenntnis vermittelt, die Einbettung in einen Kosmos, zur "Idee", Erkenntnis zum subjektiven Gefüge, und Kosmos wird zur "Welt", in der der Mensch nur noch Funktion ist, weil alles Funktion ist. 

Was sich im 5. Jhd. VOR Christus erstmals als genau das, und zwar fast weltweit, zeigt: die kosmischen Ordnungen (die alten Reiche) zerbrechen, und die Philosophie, die Ideensysteme treten auf. Man denke nur an diew griechische Tragödie, wo mit einem mal und binnen zweihundert Jahren aus dem noch mit einem Bein kosmologischen Äschylos heraus die Entwicklung über Sophokles bis zum "intellektuellen", psychologischen Euripides (und von dort bis zur Satire und Komödie des Menander) folgt. Während sich die ekstatischen Kulte (derselben Setzung des Subjekts als Ort der Theogonie, der Gotteszeugung) etablieren. Wenn man nichts über die Geschichte Griechenlands wüßte - daraus könnte man sie erkennen.

Diese Verlegung des Grundes auf das erkennende Subjekt selbst ist der sicherste Weg, um dem Erkennen den Kontakt mit der Realität, die ihre Autorität verliert, abzuschneiden. Verstand wird zum entwurzelten Rationalismus, der immer weniger Realität enthält, zu einer zweiten Realität wird. Für Voegelin ist es aus seinen historischen Analysen heraus DIE Grundkrankheit des Abendlandes, die als Grundkonzept eines ganzen Kulturentwurfs wie in der Renaissance geschehen, einer puren Sackgasse, nur in Verwirrung und Irrationalismus enden kann. Die Philosophie Europas, ja die Wissenschaft seither ist gerade dort, wo sie innovativ sein will, nahezu eine einzige rhetorische Fluchtbewegung vor der immer dräuenderen weil immer unbekannteren Wirklichkeit.]




*Um diese Vernunft-Notwendigkeit wußten auch sämtliche Religionsstifter. Auch die Veden der Inder führen sich auf göttliche Offenbarung zurück, und das Wesen von Religion kann überhaupt nur sein, das Geoffenbarte zu enthalten und dem Menschen weiterzugeben. Die Frage kann nicht sein, ob es der Offenbarung bedarf, sondern ob die Quelle der Offenbarung WAHR ist. Das zu prüfen ist dem, dem geoffenbart wurde, aber nicht in der Lage. Er muß nämlich dazu JEMANDEM, einem realen Gegenüber glauben. Eine rein subjektive Erfahrung hebt nie über diesen Notstand hinaus. Der Glaubensakt dieser Art ist nie über die Selbstgebung enthoben, weil das Urteilsforum zugleich der Boden der Vernunft ist - eine Aporie, die nicht ohne menschliche Beimischung durch einen Willensakt - und damit NICHT Geoffenbartem - lösbar ist. Deshalb zeigt sich auch bei näherer Analyse in allen Weltreligionen ein menschlicher, bedingender, die Umfassendheit des Seins einschränkender Faktor im Gebäude der Wahrheit, der einer objektiven Prüfung durch den Verstand - als Widerspruchsfreiheit - nicht standhält. 

Die einzige Religion, die genau diesen Faktor übersteigt, ist tatsächlich der Katholizismus, der insofern die einzige "Nicht-Konfession" ist, weil er immer dem Sein gegenüber offenbleibt, die Erkenntnishaltung nicht einschränkt. Entsprechend sind die Vorwürfe, die ihm "als Religion" unterstellt werden, so gut wie immer von Personen entworfen, die selbst in solchen Einschränkungen gefangen sind, sodaß ihnen ein "System" der Offenheit der Vernunft (bzw. des Verstehens) gar nicht vorstellbar ist.

**H. v. Doderer meint deshalb einmal (in den "dDmonen"), daß Reife nur heiße, "auf sich selbst nicht mehr hereinzufallen".

***In den meisten Fällen - deshalb der Zusammenhang zwischen Kulturniedergang und Atheismus - ist dies schlicht auf Trägheit des Geistes (Acedia) zurückzuführen. Wo der Einzelne die geistige Konsequenz aus dem sinnlich Erkannten verweigert.





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Schreckensbild

Die größte Brückenbaustelle Europas, die Hochmoselbrücke bei Longkamp im Hunsrück (Rheinland-Pfalz). Auch dieses Bauwerk wird aufgrund jener Erkrankung des Denkens entstanden sein, die es uns verunmöglicht, Wahrnehmung und Verstand in eine Reihe zu bringen.


Gesehen auf welt.de





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Freitag, 7. Februar 2014

Unaufrichtiges Unbewußtes

Das Unbewußte, schreibt Voegelin in einer Replik auf Sartre, ist ein interessantes Problem ganz anderer Art und Ebene, als gemeiniglich geglaubt wird. Denn es gibt überhaupt kein Unbewußtes!

Vielmehr beweisen gerade die Mechanismen im Umgang damit, daß das Unbewußte nur ein Gewußtes ist, das verdrängt werden soll. Dazu aber müssen seine Inhalte gekannt werden, und aus der Stellung des Menschen dazu entschließt er sich, sie zu verdrängen, zu verbergen, meist in einer spontanen Bestimmung unseres Seins. (Sartre über die Unaufrichtigkeit)

Man läßt sich unaufrichtig werden, so wie man einschläft, und man ist unaufrichtig, so wie man träumt. Und der Aufwand, ein Aufwachen zu vermeiden, nimmt in dem Maß zu, als durch die Dauer die Wahrheit aus der Wirklichkeitsrezeption anklopft. Es ist keine willentliche, reflektierte Entscheidung, sondern Reflex aus Haltung. Verglichen damit ist der direkte Lügner, der bewußt falsche Fakten behauptet, ein aufrichtiger Mensch.

Der Unaufrichtige aber versucht sich selbst (und die anderen in ihrer Funktion für das eigene Selbst) in diesem Widerstand gegen das Gewußte zu befestigen, in dem er es "nachweist", als Eigenschaft der Welt behauptet, seine Erhebung zum Allgemeingesetz durchzusetzen sucht (indem man vor allem gegenteilige Behauptungen unterdrückt oder gar verfolgt), und andere dazu bringen oder zwingen will, dasselbe zu tun: Die Prämissen dürfen nicht mehr in Frage gestellt werden.

Die Unaufrichtigkeit ist eine Weise, in der Welt zu sein, die durch sich selbst danach strebt, fortzubestehen, auch wenn ihre Struktur zum metastabilen Typus (Sartre) gehört.

Ist die Unaufrichtigkeit institutionalisiert (wonach sie strebt), vergibt sie deshalb bevorzugt Autorisierungen an jene, die sie stützen. So entsteht eine neue und aggressive Elite - der Unaufrichtigen, die sich zunehmend nur noch damit befaßt, sich selbst zu erhalten. So entsteht eine ganze Welt der "zweiten Realitäten", die die Bewußtseinsschicht (als "Wissen", und das heißt: als allen vorgeschriebene, tabuisiert, unangreifbar gemachte Lüge) von ganzen Gesellschaften ausmachen können, und dabei nur institutionalisiertes Symptom der Verdrängung der Wirklichkeitsverweigerung sind.

Die Unaufrichtigkeit ist sich [dabei] ihrer Struktur bewußt und hat ihre Vorkehrungen getroffen, indem sie beschlossen hat, daß die metastabile [unbalancierte] Struktur die Struktur des Seins und daß die Nicht-Überzeugung die Struktur aller Überzeugungen sei. (Sartre) Nichts darf mehr "wahr" sein, alles wird zur "Meinung".

Infolgedessen ist der ursprüngliche Entwurf dieser Unaufrichtigkeit nur die Benutzung dieser Selbstzerstörung des Bewußtseinsfaktums, schreibt Sartre weiter. Wenn jeder aufrichtige Glaube ein unmöglicher Glaube ist, dann ist jetzt Raum für jeden unmöglichen Glauben. Weil der Unaufrichtigkeit nicht gelingt zu glauben, was sie glauben will. Aber sie ist ja genau deshalb Unaufrichtigkeit, weil sie das gar nicht glaubt, was zu glauben sie vorgibt. Die Unaufrichtigkeit will vor dem "Nicht-das-glauben-was-man-glaubt" in das Sein fliehen, vor dem sie anderseits ins "Nicht-das-glauben-was-man-glaubt" flieht. Damit wird die Unaufrichtigkeit zur allgemeinen Menschennatur erhoben.

Erfüllungsbefriedigung gibt es entsprechend nur noch im Traum. Weshalb Droge, Selbstentfernung (Ekstase), Wirklichkeits- durch Wahrnehmungs-Betäubung und Zweitwirklichkeit einander bedingen.

Einen Ausweg daraus gibt es nur, wenn man Kontakt zur Wirklichkeit aufnimmt und Evidenzen akzeptiert. Denn diese Deformationen des Bewußtseins entstehen aus der Vernachlässigung eines Teiles der Realität. Und sie sind als Folge des Herausfallens aus einer (kosmischen) Ordnung identifizierbar, wo sich das einst "Selbstverständliche" zu einer Idee ausfällt. Wo Kosmos zur "Welt" wird, die einem als Objekt in funktionaler und ideenhafter Beziehung gegenübersteht. Wenn aber auf der Ebene der wichtigste Teil des Bewußtseins, der Grund, durch Konstruktionen verstellt wird, ist praktisch die gesamte relevante Realität aus dem Bewußtseinshorizont der Symbolisierung herausgerückt, und es kommt zu vielerlei mentalen Störungen, schreibt Voegelin.




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Wie wir leben


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Donnerstag, 6. Februar 2014

Hoppala

Wer noch immer nicht begriffen hat, worum es bei der "demographischen Katastrophe" geht, wird es bald am eigenen Leib verspüren. Und das ist eine Milchmädchenrechnung, die auch keinem linksgrünen Trottel mit "Zuwanderungen von Beiträgern ins Sozialsystem" erspart bleiben wird. Der jubelfroh verkündet, daß die Einwohnerzahl Österreichs sich in den letzten drei Jahrzehnten um 10 Prozent erhöht hat, und sich in den nächsten zehn Jahren um weitere 10 Prozent durch arbeits- und schaffensfrohe Zuwanderer erhöhen wird.

Denn die Zahl der Pensionsbezieher hat sich im selben Zeitraum verdoppelt. Und jeder auch nur etwas helle Kopf weiß, daß Ruhestandsbezüge nur von Aktiven erarbeitet werden können, daß kein Ansparsystem der Welt diese Logik durchbrechen kann. Denn Geld "arbeitet" bekanntlich nicht. Es "erwirtschaftet" nur Zinsen, die Aktive erarbeiten. So schaut's aus.

Hier einige Graphiken auf "Agenda Austria". Und darunter die hier interessanteste: Die der Entwicklung der Pensionsbezieher. Die natürlich schon deshalb interessant ist, weil der Pensionsantritt der Jahre des "Geburtenbooms", zu denen auch er Verfasser dieser Zeilen übrigens rein theoretisch wenigstens gehört, in den nächsten 10-15 Jahren einerseits bevorsteht, dem anderseits SEHR RASCH der sogenannte "Pillenknick" folgt.

Ja, genau, da steht jene Generation, die dafür derzeit noch sorgt, daß der Wagen "wie geschmiert" läuft, und die den Super Sozialstaat gewählt und genossen haben, jener gegenüber, die schön gewöhnt ist, daß das Geld aus dem Bankomaten, und der Strom aus der Steckdose kommt, uns sie nur noch Rechte, die anderen nämlich Pflichten haben. Woraufhin sich der Beamtenanteil im Lande gleichfalls verdoppelte, Produktivkräfte also zur schützenswerten Spezies wurden, die mit Maden zu füttern sind, damit sie anderseits vom Zucker gemolken werden können.

Bei der aufgrund einer höchst sinnigen Erfindung die "Empfängnis verhindert" werden konnte (womit sich natürlich auch schön die Schuldfrage verschiebt). Sodaß sich innerhalb eines Jahrzehnts (!) die Zahl der Geburten halbierte, die Lebenshaltung völlig verdrehte. Das heißt: Den sich ihrer "wohlerworbenen Pension" erfreuen Wollenden folgen UNMITTELBAR die der diese Pension mit doppelter Belastung zahlen Müssenden. Denen die freudig Aufjuchzenden antworten, die ohnehin den Erdenkreis mit viel zu vielen Menschen bevölkert wähne. 

Ist jetzt also noch jeder achte eingenommene Euro den Vätern gewidmet, wird es innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre jeder vierte sein. Das wird ganz schnell gehen. Warten wir mal ab, was die "nur noch Gewollten - trotzedem Gewollten - häufig aber nur trotzdem PASSIERTEN", vor allem aber ihrer verhinderten oder abgemordeten Geschwister und Nachbarn Beraubten, dann zur Wirklichkeit ihrer Verpflichtungssituation sagen. Leichter vorstellbar ist die der "Was haben wir mit den Österreichern zu tun, wir wollten hier nur ordentlich Geld verdienen."

Graphik: Agenda Austria


Noch dazu, wo schon derzeit die am BIP gemessenen prozentualen Pensionsausgaben der Alpenrepublik die zweithöchsten der EU sind.

Graphik: Agenda Austria






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Wie wir leben


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Mittwoch, 5. Februar 2014

Pflicht zum Widerstand

Es kann einem schon seltsam erscheinen bei näherem Studium der Geschichte des Widerstandsrechts feststellen zu müssen, daß es bis ins Mittelalter auf eine derart selbstverständliche Weise gehandhabt wurde, daß man meinen könnte, es hätte noch nie derartig autoritäre Zeiten gegeben wie - heute.

Wenn Thomas v. Aquin den Tyrannenmord als gerechtfertigt darstellt, so ist das kein Sonderfall eines gelangweilten Denkers, sondern fügt sich in ein allgemeines Rechtsempfinden, das durch die aufkommende Renaissance (die geistig bereits im subjektiven Autonomismus enthalten lag) gefährdet war. 

Denn seit alters her war es - und ganz besonders bei den Germanen - im allgemeinen Rechtsempfinden verankert, daß die Gehorsamspflicht sich nie vorbehaltlos auf den Regenten, den König bezog, sondern auf "die Krone". Kein Herrscher konnte gegen das Volk regieren, ein solcher wurde nie zur Macht gehoben, oder erfreute sich ihrer nicht lange. Die Zahl der Thronstürze sind deshalb zahllos, und sie zeigen kein Rechtschaos, wie man fälschlich meinen könnte, sondern im Gegenteil: die Verankerung des Einzelnen im Recht selbst.

In den überlieferten Krönungszeremonien drückt es sich aus: Erst mußte der Thronprätendent sich verpflichten und schwören, die göttlichen Gesetze und die Rechtsordnung der Väter zu befolgen und zu schützen. DANN erst wurde er durch Akklamation durch das Volk (als mehr oder weniger auf einen Formalakt beschränkter Wahl) gewählt, und dann (später) gesalbt.* Was wieder für manche Mißverständnisse Anlaß gab. Erst galt das Königtum einige Jahrhunderte als Sakrament, und dann bildete sich im Volksglauben, in Anknüpfung an altes Volksempfinden, die Quasigöttlichkeit des Königs selbst heraus. Die Kirche aber hat alles dieses stets bekämpft, und sich in ihrer Stellung dem Herrscher als GEGENÜBER begriffen. Und entsprach damit dem Volksempfinden. Niemals wurde Herrscherwillkür akzeptiert! 

Wollte ein König Änderungen durchführen, Neuerungen, so sah er sich in der Regel rein auf seine privaten Möglichkeiten beschränkt. Etwas wie heute, wo sich die Politik regelrecht als "Gestalterin" des Gesellschaftslebens begreift, hätte es sowohl bei den Germanen wie im Mittelalter NIEMALS gegeben. Es hätte jedes Recht verletzt. Diese Gedanken kamen mit dem Wiederaufleben des römischen Rechts, und sie kamen mit der Zunahme des orientalischen Einflusses, wo die Sichtweise der Göttlichkeit und damit Absolutheit des Herrschers seit Jahrtausenden üblich war. Der Absolutismus in Europa ist sehr jungen Datums.

Die Großen der Völker, die Adeligen, hätten Zentralismus niemals zugelassen, bildeten ein Gegengewicht zum Herrscher. Was mit der Zentralmacht deshalb zwangsläufig mit der Erstarkung der Herrschermacht (Stichworte: Handel - Städte - Bürgertum - Geld) kam war die Auswechselung des Adels - vom Volks- und Landadel hin zum Beamten-, Geld- und Herrscheradel. Selbst Außenpolitik war damit strengstens an das Volksempfinden gebunden. Imperiale, persönliche Gelüste hatten kaum eine Chance, stießen auch oft genug auf Widerstand, oder wurden zur Privatangelegenheit des Herrschers, für die er allenthalten Allianzen im Volk suchen mußte.

Wer etwa die Geschichte Tirols ansieht, wo die Freiheit noch so ungebrochene Tradition hat, stellt diese erstaunliche Stärke des Volkes immer wieder fest. Nie hätte ein Tiroler die Waffe zu anderen Zwecken als der Verteidigung seines Landes erhoben, nie sich für Außenpolitik mißbrauchen lassen. Darüber (und über mehr) hat sich erst die absolutistische Maria Theresia hinweggesetzt. Außenpolitik dieser Art war eine Frucht der Marken (wie Preußen, Österreich), die von Boden- und Wurzellosen besiedelt wurden, wo eine völlig andere Rechtssituation als in den alten Ländern herrschte.

Die Geschichte Englands in ihrer freiheitlichen Tradition, dem Widerstand gegen absolute Königsmacht, ist deshalb auch wohl den Sachsen zu verdanken, bei denen die Freiheit des Einzelnen besonders stark verankert war.

Aber wenn noch im Mittelalter der Herrscher gegen göttliches Recht verstieß, ging er seiner Herrschaft verlustig. Beispiele gibt es jede Menge. (Und in Wahrheit lebt dieses Rechtsempfinden sogar bis heute; selbst wenn man Politiker der Korruption anklagt, hat das diesen Hintergrund.) Der Widerstand war zum einen Recht, aber er war noch viel mehr PFLICHT jedes Bürgers seinem Volk und Land gegenüber. Unrecht des Herrschers entband den Einzelnen sogar vom Eid. Der sich in einem solchen Fall erhob, um gegen den (konkreten, aber geschändeten) Thron FÜR den Thron, nämlich für seine Würde und Unangetastetheit in der objektiven Stellung des (egal welches) Regenten in der Ordnung des Landes zu kämpfen.

Wobei sich jeder direkt dem König gegenübersah, wenn ungerechte Gesetze verhängt wurden. Hier gab es keine Standesschranken, Könige sammelten so oft viele sehr persönliche Feinde. Und niemand nahm sich ein Blatt vor den Mund, wenn er der Meinung war, daß der Herrscher gegen das höhere Recht verstieß.

Hier findet sich auch eine wesentliche Aufgabe der Kirche, die sie auch damals zumindest einhielt, damit auf der Seite des Volkes stand, weil es dessen Ordnung im Zusammenleben schützte. Ihr ausgearbeitetes und formalisiertes Widerstandsrecht verband sich hier mit dem alten germanischen Rechtsempfinden, wie es bis heute lebendig ist.

In der Praxis war es freilich nie leicht, und ist es im Rückblick noch weniger, zu entscheiden, was rechtmäßige (weil den Heiligen Gesetzen folgende) Rebellion war, und was nicht. Und gewiß auch damals wurde oft genug darüber gestritten. Aber niemand hätte das prinzipielle Recht (als Pflicht) zum Widerstand gegen einen ungerechten Herrscher angeweifelt.

Das stellt man mit Wehmut fest. Es ist der Freimut, der uns so fehlt. Der Untertanengeist, in dem wir lieber unsere Ehre verlieren, als uns falschen Gesetzen nicht zu beugen.




*Wobei ein Rest dieser Auffassung, daß ein Herrscher nur MIT der Zustimmung des Volkes regieren durfte, auch in der römischen Zeit als allgemeines Rechtsempfinden erkennbar ist. Anders ist vieles nicht zu verstehen, meint Fritz Kern in seiner Untersuchung des Widerstandsrechts. Also auch den romanischen Völkern nicht fremd gewesen sein dürfte.




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Schwarzer Humor



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Dienstag, 4. Februar 2014

Auf dem Weg zu einem christlichen Europa (2)

Teil 2) Deutsche Panzer mit 
österreichischen Ritterkreuzträgern




Eine gewisse Österreich- (und Deutschland-)Spezifizität solcher Dinge läßt sich freilich nicht von der Hand weisen. In keinem Land Europas hat sich der totalitäre Zentralismus so prägnant entwickelt, und zwar ZUERST in Österreich, dem seit dem 18. Jhd. aufgeklärtesten (und damit zentralistischesten) Land Europas, und dann im preußischen Deutschland, das im 19. Jhd. folgte. Kein Land Europas hat eine derartige Tradition der kollektiven Unfreiheit und Vermassung wie diese beiden Länder. Nicht England, nicht Frankreich (trotz 1789), und nicht einmal Rußland. Österreich als polarer Kopf Deutschlands hat seinen Sinn verloren, und Kleindeutschland torkelt seither wie ein angeschlagener Boxer, der mit den Armen rudernd in den Seilen Halt sucht und alles tut, um seinem Gegner immer noch zu imponieren.

Projekte wie dieses, das eine Selbsteliminierung Österreichs (das Raum in Zeit bedeutet) zum Inhalt hat, das sein gesamtes Land quasi nihilieren möchte, um dem europäischen Transport freie Bahn zu geben, Projekte wie das heillos wahnsinnige deutsche Energiewendeprojekt, sind nur sinnvoll und möglich, wenn man vor hat, ganz Europa zu zwingen. (Noch schlimmer dabei: Die Politik weiß das offenbar nicht einmal.) Die gesamte Energiewende in Deutschland ist ohne Einbindung ganz Europas unmöglich und sinnlos. Dabei in sich größenwahnsinnig und krank, mehr ist dazu nicht zu sagen, weil es jede Dimension des Beherrschbaren alleine schon überschreitet. Aus mathematisch-physikalischen Gegebenheiten.

Und da meldet sich nun ein Spanier, an sich der christlichsozialen Fraktion Europas zuzurechnen, und seit Jahren EU-Ratspräsident, Jose Manuel Barroso, mit einer Meldung, die einem fast den Atem nimmt. Denn sie bedeutet einen Paradigmenwechsel, der von den kranken und dummen Narren in Brüssel nicht zu erwarten war.

Barroso verkündet, daß es doch sinnvoll sei, ab 2020 (soweit ist es bereits vertraglich festgelegt) die Verbindlichkeit der Klimaziele - und damit der Energieziele - der EU ad libidum zu stellen! (Die Prozentzahlen sind irrelevant, weil sowieso Phantasiezahlen.) Er verkündet, daß man den einzelnen Staaten FREI stellen sollte, ob sie und in welchem Umfang "nur noch empfohlene Klimaziele" erreichen wollten, oder nicht. 

Das ist eine Meldung von enormer Tragweite, von enormer politischer Brisanz. Denn man riecht förmlich die preußisch-deutschen Panzer, und die österreichischen Ritterkreuzträger, die sie lenken. Das ist gemeint, wie es geschrieben ist.

Denn diese beiden Länder - Österreich, das seit 1938 überhaupt kein Sein mehr gefunden hat, als verabscheuenswürdiger Appendix des halbstarken Preußen-Deutschland, das ohne Technizismus meint, ins Nichts zu sinken, was wohl ein völlig richtiges Selbstwahrnehmen ist (das Gewerbe der Überwindung von Raum und Zeit ist erste Tragsäule des realen Lebensgebildes Deutschland) - können das niemals hinnehmen. Was immer Politiker daherschwafeln mögen.

Während Österreich 60 % eines BIP, die Gesamtheit einer jährlichen Steuereinnahme eingesetzt hat (und man denke nicht nur an die initiatorischen Schulden, denn nur so kann das "finanziert" werden, sondern an die reale Belastung künftiger Generationen, solche Netze zu ERHALTEN, ein Gesetzmäßigkeit, die JEDE Amortisationsrechnung solcher Gigaprojekte sowieso ad absurdum führt), hat sich Deutschland auf ein Energiesystem verlassen, das als reiner populistischer politischer Wille ein doppeltes Stromsystem (und damit die Grundlage seine Wirtschaft) leistet, das wenn es überhaupt denn je funktioniert nur funktioniert, wenn es auch ganz Europa integriert, mit Offenheit gegen das antipodische Asien (und darüber hinaus ins Weltall ...), und dabei die Freiheit der Lebensgestaltung des Einzelnen exterminiert, weil das System überhaupt nur zentralistisch funktioniert, wenn es denn funktioniert (und das, das ist es eben- es wird NIE funktionieren! wie die Alpen-Hochleistungsstrecken! die ohne Gesamtsystem nicht funktionieren, und dann - erst recht nicht ...) 

Was eine Zukunft präluminiert, in der deutsche Militärs neuseeländischen Solaranlagenbetreibern das Messer an die Brust setzt, weil deren Verhalten systemnotwendig wird. (die Amerikaner werden bald aus vieler Weltpolitik aussteigen, weil ihre Energiesituation dabei ist, sich auf einige Jahrzehnte - politisch freilich verkannt, deshalb auf weit mehr Jahrzehnte einkalkuliert - völlig zu ändern.) Übertreibung? Nein, bitterer Ernst. "Deutschland wird am Hindukusch verteidigt", oder wie hieß es doch?

Der Wahnsinn der ÖBB ist nur noch mit Lüge überhaupt darstellbar. Wobei Eisenbahn schon kurz nach ihren Anfängen als staatspolitsche Angelegenheit angesehen wurde. Und mit der Garantie als Geiselhaft eines ganzen Volkes. Nichts Neues, gewiß, auch nicht in der Energiepolitik Deutschlands. Es soll nur einmal mehr aufgezeigt werden. Weil sich die Politik um eine Größenordnung vergriffen hat. Daß sie das zwar nicht begreift, aber aufgrund von Einzelfakten da und dort bereits vorsichtig zurückzuckt, wenigstens außerhalb Deutschlands und Österreichs, das ist wirklich überraschend. Und gibt ... ja, tatsächlich: Es gibt ein wenig Hoffnung, daß das Einzige, was das Abendland noch vor dem endgültigen Krepieren retten kann, wenigstens irgendwie nicht ganz ausgeschaltet ist: Die Kraft seiner Einzelorganismen, sich aus der Wahrheit (die ohne Seinsdimension undenkbar ist, aber damit auch um ihre letztliche Unbeherrschbarkeit, Geschenkhaftigkeit weiß) zu regenerieren. Und das ist im wahrsten Sinn christlich. Auch, ja gerade wenn es Deutschland und Österreich um die Kraft eines ganzen Arbeitsjahres bringt.

Aber nicht vergessen werden sollte eines der wenigen Dinge, die der Staufer Friedrich II. so konsequent eingeführt hat: Beamte, Minister, die falsch entscheiden, haften mit ihrem gesamten Vermögen, und über Generationen. Denn wer solchen Geist atmet, was generationenlang entstand wie weiter wirkt - der soll auch seine Folgen spüren. Den will man dort nicht, wo Vernunft herrscht.




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Wo Hoffnung liegt

Die einzige wirkliche Hoffnung auf eine Reform einer Kultur liegt im Rückgriff auf die Kindheit der Menschen. Aber nicht, weil dort bereits die Lösung läge, wie auch oft geglaubt wird - in der kindlichen Unbegrifflichkeit nämlich. 

Sondern weil dort, und damit in der Erinnerung, der Ansatzpunkt für die Revision der Begrifflichkeit als Erwachsener läge. Nicht als Sprachmanipulation, sondern als Hinterfragung auf die Grundformen und -gestalten, die als Welt selbst schon vom ersten Moment der Existenz an wahrgenommen wurde. Sich aber dann in den gesellschaftlichen Prozessen in Labyrinthen verfangen haben, aus denen es schier oft keinen Ausweg mehr gibt.

Als einfache Frage: "Was ist (das) wirklich?" Denn nur das hat der Irrtum zu fürchten - die Überwindung der Angst, die für das Selbst verwendeten Begriffe auf ihren Wirklichkeitsgehalt, und auf die eigene Wahrnehmung damit hin, zu hinterfragen. 

Der ideologische Gestus der Gegenwart konzentriert sich deshalb auf die Belegung von Begriffen mit Emotionen, auf die Tabuisierung von Begriffen, auf daß sie einzementiert und unhinterfragbar, durch eigene Wahrnehmung nicht mit neuem Leben durchtränkt werden. Durch die sanktionierbar verpflichtende Verbindung und Wertung von Begriffen, und deren stillschweigende Umdeutung durch Hinterfüllung mit anderen Wahrnehmungsinhalten.




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Montag, 3. Februar 2014

Auf dem Weg zu einem christlichen Europa (1)

Die Erzählung des Turmbaus zu Babel wird allzu gerne auf die leichte Schulter genommen. Und man muß nicht alleine auf Spengler oder Toynbee zurückgreifen. Die Menge der Kulturanalysten, die die Endphase einer Kultur mit der Errichtung von Monumentalbauten charakterisiert sieht ist nahezu unzählbar. Selbst (und sogar gerade) die Physik zeigt, daß sich das Verhalten von Dingen (Seiendem) prinzipiell ändert, wenn sich gewisse Quantitäten (von Teilqualitäten) zu einem Ganzen binden: Die großen Dinge sind anders zu bewerten als die Vorgänge im Kleinen. Sie unterliegen anderen "Gesetzen".

Ausführlich wurde an dieser Stelle bereits über das Problem der "kritischen Massen" diskutiert. Es besagt, daß sich im Einzelnen keineswegs kritische oder problematische Vorgänge in kybernetischen Systemen - d. h. in Systemen, wo alles aus Eigengesetzlichkeit heraus auch zurückwirkt, mit dem Auftreffenden, den Wirkungen korrespondiert, sich verhält - schon aus mathematisch theoretischen Gründen zu einem unvorhersagbaren Insgesamt entwickelt. 

Große Erdbeben werden deshalb niemals vorhersagbar werden. Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt. Weil die Anlässe, die ein Megabeben auslösen, genauso klein und unscheinbar sind, wie zahllose andere zuvor, die nichts ausgelöst haben, vom Ganzen verschluckt wurden. Die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens ist lediglich an sich eine Gewißheit. Der Zeitpunkt aber bleibt im Dunklen.

Das hat weit konkretere, praktische Auswirkungen, als man meinen könnte. Die scheinbar komplexe, abstrakte Theorie beschreibt ein sehr reales Verhalten, das sich auch im simpelsten Wirtschaftsunternehmen ausdrückt. Wirtschaftliche Planungen, die einen gewissen Umfang überschreiten, in Zeit wie in Quantität, sind sinnlos. Unternehmensplanungen haben nur einen Sinn im Rahmen eines Sinngefüges. Dort liegt auch der alle Wahrscheinlichkeit umgreifende Rahmen. Nur faktische Zahlengebilde, die sich nur auf Vergangenes beziehen können, können schlimmste Fehlprognosen zur Folge haben.

Das gilt es zu wissen, wenn man sich mit Meldungen wie dieser befaßt: Die ÖBB (Österreichische Bundesbahnen) haben sich, wie ein unternehmensintern aufgelegtes, "vertrauliches" Papier, das an die Presse kam, darlegt, höchstwahrscheinlich in ihrer jüngsten und laufenden Investition, die eine Größenordnung von 60 Milliarden Euro hat und damit das gesamte Steueraufkommen Österreichs eines Jahres übertrifft, schlichtweg ... getäuscht. 60 Milliarden stehen kurz davor, in den Sand gesetzt zu werden.

Grund ist die Fehleinschätzung der Entwicklung des Frachtaufkommens in Zentral- und Osteuropa. Nicht um ein paar Prozent, sondern um Größenordnungen! Überall gehen die Volkswirtschaften andere als die vorausgeworfenen Wege, und auch die Fracht sucht sich andere solche. Neue Korridore haben sich aufgetan, und damit ist das Frachtvolumen im für die angeleierten gigantischen Neubauten relevanten Raum derzeit sogar RÜCKLÄUFIG. 

Nichts an den Prognosen, die die gesamten Ostalpen mehrfach untertunneln und überspannen sollen, wird halten. Das zeigt sich bereits jetzt. Die Hochgeschwindigkeitstrassen unter Semmering und Wechsel, unter der Koralm von der Steiermark nach Kärnten, und selbst unter den Brenner werden wie schon jetzt aussieht gigantische Fehlinvestitionen sein, die sich niemals rechnen werden. Das publik gewordene ÖBB-interne Papier zeigt es auf. diese Projekte werden sich niemals rechnen! Milliardengräber tun sich hier bereits jetzt vorhersehbar auf, mit Folgekosten, die alle künftigen Generationen belasten werden.

Immerhin hat Konrad Paul Liessmann in einem lächerlich substanzlosen Gequatsche im Schweizer Fernsehen, das als philosophisches Gespräch auszugeben man die Chuzpe hatte, darauf hingewiesen, daß Verantwortung mit Vorhersagbarkeit zu tun hat. Aber damit hat sie auch direkt damit zu tun, daß es für Argumente wie "Die Krise hat keiner vorhersehen können" keine Rechtfertigung gibt. Wer Entscheidungen über einen gewissen Mengen- und Zeitrahmen hinaus trifft, kann dies nur aus einer Gesamt-Sinnperspektive machen. 

Niemals kann er sich auf das technische Machwerk eines Zahlengebäudes verlassen oder ausreden. Das zeugt nur von (und das ist wörtlich gemeint) TOTALER Unfähigkeit, aus und nicht mehr, die kein Doktorgrad oder Ausbildungsdiplom oder formeller Wissenschaftsrang ersetzen kann. Sich auf derartige Prognosen zu verlassen, wie es offenbar die ÖBB tat, ist deshalb schlichtweg verantwortungslos, wenn auch vermutlich ausschließlich politisch motiviert. Wem es an Lebensklugheit fehlt, den Rahmen, in welchem überhaupt Dinge planbar sind, einzuschätzen, der hat an vorderer Stelle NICHTS zu suchen.





Morgen Teil 2) Deutsche Panzer mit 
österreichischen Ritterkreuzträgern





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Ästhetik als Naturbedingung

Es ist auffällig, daß in der Tierwelt nur jene Sinnesreize wahrgenommen und gewichtet werden, die den jeweiligen existentiellen Horizont einer Gesamtwelt für dieses Tier (bzw. diese Art) bedeutet. Eine Eidechse wird beim Rascheln von Stroh aufmerksam und versetzt sich in höhere Spannung. Das viel lautere Tönen einer Glocke interessiert sie aber überhaupt nicht. Max Scheler nennt es "Qualitätenkreise", die für je verschiedene Arten gegeben sind, und eine Art Alphabet darstellen, wodurch die gleichsam lebendigen Worte der Milieudinge darstellbar werden. Nur als solche treten sie figurhaft und komplex-qualitativ aus einem relativ neutralen Hintergrund hervor.

Beim Verstandeswesen Menschen, das im Intellekt von der bloßen Sinneswahrnehmung zurücktreten kann, tritt diese Gestaltauffassung unter den Gesichtspunkt der Unterscheidung von Wesentlichem zu Unwesentlichem (und ist damit vom Sinnhorizont des Menschen für das Ganze abhängig). 

An Untersuchungen bei Verletzungen des vorderen Stirnlappens hat sich gezeigt, daß dieses Unterscheidungsvermögen stark leiden kann. Der Untersuchte hat offenbar eine Störung des phantasmatischen Vorstellungsvermögens, die aber zur Erkenntnis der Dinge wesentlich ist, weil diese nur über Abstraktion (und damit unter der Bedingung der Phantasie) erfolgt.

Etwa bei der Wahrnehmung einer Blume, zeigt Hans André - deren Kelch in seiner Innigkeit erfaßt wird, als "annähernde Kugel". Wird der Blütenkelch zerzaust, nimmt auch die Wahrnehmung diese Abweichung von idealen Formen als Störung wahr. Dem kommt ein in der Natur feststellbares Streben der Lebewesen entgegen, sich in Symmetrie und bestimmten "geometrischen" Verhältnissen zu konstituieren. Bei Störungen versucht jedes Lebewesen, sich selbst wieder in diese Symmetrien zu bringen. Aus sich heraus versucht ein Lebewesen, Störungen von Größenverhältnissen und Spannungen von "abstrahierbaren" Gestalten (und -teilen) auszugleichen, in bestimmte Verhältnisse zu setzen.

Das leitet dazu hin, daß sich die geistigen Formen quasi in der Natur selbst vorausgehend finden, und mit dem Verstand des Menschen korrespondieren. André nennt es "angenäherte Rationalität". Die menschliche Rezeption dabei ist keineswegs von der bewußten Tätigkeit abhängig, vielmehr bezieht sich der Verstand selbst auf diese vorausgängigen Größen und deren Spannungen zueinander.

Es ist also nur bedingt richtig zu sagen, daß Anschauungen ohne Begriffe "blind" seien. Denn es gibt ein unbewußtes Erkennen, das sich dennoch auf geistige Größen bezieht, ja dieses ist vorgängig. 

Otto Willmann meint dazu, daß man zwar davon sprechen kann, daß das Wesen und die in ihm begründete Zusammengehörigkeit der Dinge oder Eigenschaften ohne Verstand nicht erkannt werden. Daß aber in der sinnlichen Wahrnehmung selbst das potentiell in ihr liegende Denken bereits vorliegt. Die Bildung eines Begriffs dafür ist sohin nicht willkürlich, sondern trägt potentiell die Struktur des Stoffes (des Objekts) in sich.

Anders also, als Descartes schreibt und wie es heute zur fast allgemeinen Sicht wurde, sind die rex extensa (die Welt der Objekte) und die res cogitans (die Welt der Subjekte, die die Kultur bilden) keineswegs zwei unterschiedliche Welten, die miteinander nichts zu tun haben, sondern korrespondieren direkt über die Gestalt, ja beziehen sich auf dieselben Formen. Die der Mensch im Laufe seines Heranwachsens nach und nach als Grundformen, die der Welt und ihm selbst als Teil der Welt zugrundeliegen, abstrahiert, die dann den Inhalt seines Verstandes bilden.

Dieses Abstraktionsvermögen hinwiederum ist im Maß der Liebe zu messen, wie Scheler etwa schreibt. Denn die Liebe ist jene Kraft, die von den bloßen Reiz-Reaktions-Verhältnissen freimacht, und das Objekt als es selbst stehen läßt und erfährt. Die Liebe ist deshalb ein Akzidens des schauenden Intellekts, der nur so weit und so tief schaut, als er liebt, aber nur so tief und weit lieben kann, wie er schaut*.



*Etwas, das dem Tier nicht möglich ist, so komplex seine Reiz-Reaktionsverhältnisse auch werden können. Letztlich kann es sich vom bloßen "Reagieren auf Eindruck" nicht lösen. Der Mensch aber kann zwischen Subjekt und Objekt scheiden.
 



*030214*

Beim Wort genommen

Modigliani's Modell


Gesehen auf thisisnthappiness





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Sonntag, 2. Februar 2014

Teil im Ganzen

Mit dieser Illustration macht Hans André in "Urbild und Ursache in der Biologie" ein bedeutsames Erkenntnisproblem beim Erfassen biologischer Ganzheit eines Organismus anschaulicher. Dessen Einzelteile, zerlegt man das Ganze, scheinbar als nicht mehr weiter zerlegbare Bestandteile identifizierbar sind, den Gesamtorganismus zusammensetzen, aber im Gesamtorganismus NICHT mehr als diese Einzelteile existieren, sondern Teil eines Neuen geworden sind.

Ausgangspunkt ist ein Swastika-Symbol, und dieses hat als solches ein Sein für sich. Nun läßt sich dieses kombinieren, zusammensetzen, auseinanderlegen, und es entstehen neue Gebilde, die allesamt die Grundelemente des Ausgangssymbols in sich tragen. Aber sie sind zu neuen Gebilden geworden, die ein neues Sein haben, das nicht etwa als Summation von Swastikas zu verstehen ist, und diese als Einzelne sogar gar nicht mehr gestalthaft erkennbar und als für sich stehend vorhanden sind. Man könnte aber umgekehrt nicht einmal sagen, daß sich das Swastika "auflöst", es ist nach wie vor auf eine Weise "enthalten", und dennoch umgeformt.

Ja, der Mensch (als Beispiel) besteht auf eine gewisse Weise aus einfachsten chemischen Elementen, und seine Einzelteile sind einzelne Zellen. Aber das Ganze ist etwas völlig anderes, und es hat eine völlig andere Gestalt. Wenn es auch in den Teilen die Grundeigenschaften des Einzelteils notwendig trägt und braucht, aber in neue Zusammenhänge stellt, das Einzelne (Kleine) damit überhöht. Das Ganze ist damit eine Überhöhung der Grundeigenschaften und Elemente des Einzelnen, aus dem es besteht, und doch ist es etwas Individuelles und Anderes, keine bloße Summe aus Einzelgestalten, das zum Vereinzelten, zum Teil, als diesem Fremdes, nicht Zugehöriges dazukommt. Und dennoch sind im Großen dieselben Gestaltprinzipien des Einzelnen angewendet.

Das Raster (1) etwa ist im Swastika nicht enthalten. Es ist der Geist, die Gestaltidee, die diese Potenz, diese Möglichkeit zu höherer (weiterer) Gestalt dazuträgt.







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Apokalypsen der Geschichte

Das Gefühl des Apokalyptischen wächst in einer Kultur dann und dort, wo die Gewißheit, daß wir uns ontologisch nicht selbst fundieren können, wächst. Es ist deshalb ständiger Begleiter jedes Zustands der Menschen, und als Aussage relativ neutral. Denn es ergibt sich immer aus der Grunderfahrung der Diskrepanz aus zivilisatorischem Zustand und ontologischer Grunderfahrung - daß wir unser Sein jemandem verdanken, und daß wir in unserem Dasein dieses Sein nur in zerbrechlichem Gefäß tragen. Immer. Und niemand ist sich dieser Brüchigkeit mehr bewußt als Heilige. Und niemand mehr als Unheilige.

Vielleicht kann man sogar daraus schließen, daß Zeiten, in denen die apokalyptische Grundahnung (die es nämlich ist) als Grundverfaßtheit der Welt besonders ans Tageslicht kommt, besonders "zelebriert" wird, Zeiten zweier Extreme sein können: Die besonderer Heiligkeit wie die eines drohenden Gesamtzusammenbruchs der kulturellen Situation.

Mit einer Unterscheidung: Der Heilige weiß darum, und wirft sich umso mehr auf Gott. Der Unheilige weiß darum, und schreit - vor Angst, in der er sich seine Rettung selbst zu schaffen sucht.

Der Heilige weiß, daß dort, wo die Nacht am tiefsten ist, die Rettung am nächsten kommt, der Moment des Eintritts des Lichtes ist. Eine Rettung, die dem Unheiligen zum Verdammungsurteil wird, weil sein Streben dieses "Hinzukommende", diese Erlösung, dieses Licht ausschließen, ja vermeiden will. 

Darauf beruhen alle Weltrettungsmissionen der Ideologien und sogar der Religionen der Geschichte, und es ist der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte überhaupt. Und das macht alle diese Weltrettungsversuche so ... lächerlich, wenn sie etwa von einer Welt ohne Menschen ausgeht. Weil Weltschicksal vom Menschenschicksal nicht zu trennen ist, es aber mit Gewißheit nicht in unsere Hand liegt, die Zeit zu beenden. Oder mit falschen Mitteln das richtige Ziel - Welterhaltung - zu erreichen. Der Bestand der Welt liegt in einer völlig anderen Dimension, im Übernatürlichen gegründet, an der der Heilige bereits teilhat.

Deshalb ist es uns auch nicht möglich (und sie war es nicht einmal dem Sohn Gottes), sie historisch zu verorten. Denn die Apokalypse steht immer quer zur Zeit der Welt, und ihre Erscheinungen, wie sie die Offenbarung des Johannes beschreibt, sind immer gleich da und gegenwärtig. Immer gleich da als geistige Wirklichkeit, die sich ihre teilartige weil auf jeden Menschen bezogene historische Wahrheit immer bildet. Die Apokalypse des Johannes ist also auf zwei Arten gültig und zu lesen: als "Schema" jedes Lebensschicksals, wie als (zeitloses) und ebenso unausweichliches Gesamtschicksal der Welt, in dem sich ihre Geschichte erfüllt.

Diesen Zeitenlauf zu beenden, zu dem dann diese Abläufe absolut und einmalig historisch werden, ist damit ein für sich stehender Akt, der alles, die gesamte Schöpfung (als Welt) umfassen muß, als Reinform zahlloser "Teilapokalypsen" freilich noch einmal gesteigert, weil ja alles in der Welt mit allem, zur großen Gesamtordnung gefügt, zusammenhängt. Als Ende der Geschichte, wie wir sie kennen. 

Das der, der um die apokalyptische Dimension seines eigenen Lebens ohnehin weiß, nicht zu fürchten braucht. Ja, der sogar mit besonderer Verheißung beladen ist. Wenn er denn glaubt.

Denn nur der Glaube ist dieser von jedem zu setzende persönliche Akt, nur er schließt die personale Ebene ab. Keine "Religiosität", keine Philosophie, keine Lehre vermag das je zu leisten, ihr fehlt dieser personale Anschluß an Gott selbst. Deshalb ist der Zentral- und Angelpunkt des Christentums der Glaube an Jesus Christus als Person, als Gott selbst, und er ist durch keine Religion sonst zu ersetzen. 

Wie immer Gott Andersgläubige einmal anschauen mag. Denen diese so überaus reale Dimension aber fehlt.





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Samstag, 1. Februar 2014

Woher und wohin die Milliarden fließen

Blicken wir wieder einmal hinein, in die Hintergründe und Zusammenhänge der Finanzkrise, der Staatshilfen und Euro-Rettung. Arte brachte vor etwa einem Jahr einen an sich interessanten Film dazu. Dem aber Anfangs- und Schlußstein fehlt, in den Profiteuren - denen der überhitzten (und sinnlosen) Investitionen in den Ländern, und denen, die der Herkunft des Geldes, das in diese Länder floß, um Renditen zu erwirtschaften. Wo es in oft genug haarsträubende Fehlinvestitionen samt aberwitziger Fehlbewertungen floß, wo sachliche Kriterien durch die Hoffnung auf selffulfilling prophecies (und die völlige Verkennung dessen, was Geld überhaupt kann) schöngerechnet wurden.* Das Spiel beginnt nicht bei "den Banken", und es hört schon gar nicht dort auf.

Mit diesem Geldzufluß wurde in Irland wie in Spanien das Wohlstandsniveau auf eine Höhe gepumpt, die es gar nie hätte haben dürfen.** Es war nicht gesund und aus dem regionalen Zueinander der Menschen und Dinge gewachsen. Es ist ein fundamentaler Irrtum zu glauben, daß Geldzufluß (sei es in Krediten, sei es als Anlagegeld) einer Volkswirtschaft "hilft". Das haben die Finanzkrisen Europas in den letzten Jahren eindrücklichst bewiesen. Diese Gelder richten enormen Schaden an, und müssen letztlich wieder abziehen, hinterlassen aber enorme Systemlöcher, mit denen diese Staaten nicht leben können. Die Internationalisierung der Wirtschaft, zumindest in dieser Form wie sie stattfindet, und damit ein Leitbild der EU-Politik, ist also in sich ein ganz schwerer (Denk-)Fehler. Wer wissen will, warum etwas so und so ist, muß die Ursachen suchen, nicht kurz davor aufhören.

Dieser eklatante Mangel an Tiefenschärfe (als wären alle diese Problemem auf der Ebene von Sensationsblogs zu lösen) zeigt sich auch in der naiven Frage, warum man denn nicht alle diese Milliarden Schulden, die ja "nur auf dem Papier" existieren, einfach ... per "Taste delete" streichen könne? Daß die Invertiewpartner darauf keine schlagkräftige Antwort finden (nur Schäuble versucht es, und an sich trifft er das Richtige) liegt lediglich an der verbalen Darstellbarkeitshürde des Problems.*** Je unanschaulicher aber die Dinge, das kann man fast generell sagen, desto dramatischer weil prinzipieller ihre Auswirkungen.

Damit fällt auch trotz vieler richtiger Details das Gesamtresumé des Films einfach falsch aus. Er zieht nicht die treffsicheren Schlüsse, sondern neigt zur Abschiebung der Schuld an Dinge, die "im Dunkel" bleiben, und angeblich gewollt im Dunkel bleiben. Aber vielleicht wollte das der Film auch gar nicht.

Er ist sehenswert, weil man manche sachliche Zusammenhänge recht deutlich aufbereitet sieht. Doch neu ist das alles nicht, und auch keine Sensation oder Aufdeckung einer Weltverschwörung, die als Geruch leicht drüberhängt.

Nur an einem Punkt wird dennoch das Fazit angedeutet, das alles zusammenfaßt, wenn man es richtig interpretiert: Alle diese Maßnahmen der Banken- und Staatsrettungen sind ausschließlich Maßnahmen zur Rettung der politischen Systeme, zur Rettung des Scheinwohlstands BEI UNS (aber auch in diesen Ländern), zur Rettung einer gar nicht mehr wirklichkeitstauglichen, durch staatliche Eingriffe deformierten Wirtschaft und Gesellschaft, was alles der interventionistische Sozialstaat seit Jahrzehnten aufgebaut hat. Man fürchtet die Wirklichkeit. Denn die könnte die Bevölkerungen aller Länder auf den Gedanken bringen, daß das herrschende System alles erdrosselt. Der sozialistische (marxistische) Gedanke ist in sich ein solcher Fehler. Schon theoretisch, nicht erst praktisch. Deshalb ist mit Praxis, mit Ablaufoptimierungen, auch nichts zu beheben. Es wird nur noch schlimmer.

Aber dieser marxistische Gedanke steckt hinter den ständigen Bezügen auf 1929 (Weltwirtschaftskrise) und die "Folgen" in Europa, als Gottseibeiuns, der alles rechtfertigt. Denn damals LIESZ man die Banken pleitegehen, damals ließ man die Wirklichkeit durch ein Fenster ein. Aber es gibt nur einen Feind des Scheins - und das ist die Wirklichkeit. Die kein Schein der Welt (im wahrsten Sinne) auf Dauer aber zurückhalten kann, die zur Verdrängung aber immer weniger Freiheit verträgt.







*Wo das Geld herkommt? Na dann überlege man einmal scharf ... Und die Listen, die Schumann da zugespielt erhält und öffentlich macht zeigen es ja. Alleine in den USA wird 5 % des Vermögenskapitals in Risikounternehmen gesteckt. In einem Land, in dem es keine offiziellen Pensionskassen gibt, ein gigantischer Geldbetrag. Die Schweiz mit ihren 3000 Pensionsfonds (!) überlegt nun genau dasselbe (mit vorerst 40 Milliarden Euro). Geld das in dem Moment, wo es dem Geldgeber (dem Einzahler in den Rentenfonds, also den Rentnern) ausbezahlt wird, von der gegenwärtigen Generation und Wirtschaft sehr real erwirtschaftet und damit mit Leistung gedeckt werden muß, sonst bricht tatsächlich "alles zusammen". Man kann es drehen und wenden, wohin man will - die massivste Dynamik am Geldmarkt (weil sich dieses Geld "neureich" verhält; s. a. a. O.) kommt von den einfachen Bürgern selbst. Die sich ihr Schicksal quasi selbst verhängen. Das 20. Jhd. ist aber nun das Jahrhundert der massenhaften Emporkömmlinge, ja das ist DIE Erscheinung dieser Zeit! Es ist damit auch solches "neues Geld", das von Bewertungsaktualitäten abhängt, das spekuliert. Man denke nur an George Soros, ein Emporkömmling reinsten Wassers. Substantielles Vermögen spekuliert nicht, es verhält sich substantiell und tendentiell konservativ.

**Wirtschaft ist realontologisch etwas völlig anderes als Mathematik. Das zu begreifen ist aber für viele sehr schwer. Und fällt der Politik noch schwerer, weil es den Traum vom gottgleichen Status der Regierenden gefährdet. Den in der Demokratie heutigen Zuschnitts die einen bereits haben, die anderen gerne hätten.

***Jede Sprache ist nur das Hinweisende auf ein durch Wahrnehmung zuvor und nicht weiter zerlegbar Gewisses, Gegenständliches, als es selbst Begegnendes, das der direkten Anschauung der Dinge, die immer ein geheimnisvolles "dieses da" sind, entspringt. Damit zeigen zwei Gesprächspartner einander lediglich, was sie je in der Welt wissen - sie "erfinden" es (das Ding) nicht mit ihrer Sprache, tragen es mit ihren Begriffen lediglich "am Henkel". Sonst würde Sprache leer. In einem Gespräch kann deshalb nur dann Übereinstimmung (communication) stattfinden, wenn beide dasselbe Ding anschaulich vor Augen haben. In abstrakten Termini, die kategorial zusammenfassen, als je nach Abstraktions- und damit Allgemeingrad je mehr konkrete Dinge "mit sich führen", aber sich gleichzeitig von diesen konkreten Dingen entfernen, zu sprechen verlangt deshalb sehr viel Gewahrheit von den Gesprächspartnern. (Deshalb ist das allgemeinste Wort - Sein, Gott - das Wort, das alles in sich führt, aber am unbegreiflichsten ist.)




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Der Diskussion entzogen

Zieht man die luciden Deutungen Eric Voegelins heran, erscheint die Geschichte der Moderne seit dem Mittelalter noch deutlicher als Geschichte der Neubildung von Eliten. Die von einer entscheidenden Wendung ausgeht: Vom subjektiven Berufungsgefühl (!) von Einzelnen.

Voegelin sieht dabei klar die Ursachen im Verlust der inneren (und damit äußeren) Stärke der kulturellen Institutionen, vor allem der Kirche. Denn das Aufkommen solcher Personen ist am sichersten mit der Suche nach einem Platz in der Gesamtordnung zu erklären. Die Reformation konnte sich vor allem deshalb so rasend schnell ausbreiten, weil sie keinen substantiellen Widerstand mehr antraf - den zu provozieren ja eigentlich die unausgesprochene Absicht war. Wie ein Magnet sammelten sich dabei alle möglichen Formen von Unzufriedenheit an ihren Enden.

In Luther und seiner Berufung auf den Einzelnen als letztgültige Deutungsinstanz endgültig entfesselt, in Calvin in ein gesellschaftliches Deutungssystem gebracht, wird die Geschichte des Abendlandes zusehendes zum Kampf Auserwählter für die richtigen Ideen, die sie zu jeder Konsequenz berechtigt, bestehende Ordnungen umzustürzen.

Damit wird subjektives Elitegefühl selbstbestimmten Kriterien unterworfen, der Objektivität des Denkens entzogen. Wer sich auf solche Erweckung und Bewußtheit davon beruft, ist logisch nicht mehr zu widerlegen. Auf dieser Rechtfertigung steht eine Entwicklung, die das Zeitalter der Emporkömmlinge einläutet. Und deren Siegeszug sich erst heute in vollem Ausmaß zeigt. In einem Subjektivismus, der seit dem 12. (in allen möglichen Erwählten-Bewegungen, die sich sämtlich etwa auf persönliche Mystik beriefen), vor allem aber dann im 15. Jhd. durchbrach.

Es ist eine anti-philosophische Haltung, denn dahinter steht kein konsistentes System, das sich bemüht, denkerisch die Widersprüche aufzulösen. Widerspruchslösung wird zur reinen zweckbestimmten Argumentation, die den Menschen guten Willens schon deshalb verwirrt, weil er von sich ausgehend dem anderen den Willen zur Widerspruchsfreiheit unterstellt. 

Dazu muß die Vergangenheit als gleichfalls und prinzipiell inkonsistent umgedeutet und entwertet werden. Wie sie in einer regelrechten Kulturwelle das Mittelalter nicht mehr verstehen wollte, sondern ins Dunkel des Bösen abdrängte - eine erst spät entstandene, absichtsvolle Deutung!

Zu sagen, daß dies oder jenes ja auch in diesen Lehren und Lehrgebäuden bedacht sei - weil erwähnt, weil da oder dort ja explizit ausgesagt, wie etwa die des so überaus heftigen Rückverweises Luthers und Calvins auf die Gottgegebenheit gesellschaftlicher Ordnung ist kein wirkliches Argument. Weil sie, wie Voegelin nachweist, nur Versuche darstellen, das in der Erstarkung als gesellschaftliche (und damit institutionelle) Kraft losgetretene Chaos durch praktische Maßnahmen wieder einzudämmen. Etwa mit starken, veräußerlichten Gehorsamsgeboten, wobei Gehorsam umgedeutet wird, um noch offen für die subjektive Rebellion zu bleiben. Aber sie sind nicht Ausfluß in sich konsistenter Theorien, die streng logischem Anfragen widerstehen könnten. Sie sind Argumente praktischer, in ihren Kriterien rein subjektiv bestimmter Notwendigkeiten.*

Ein erschütterndes Charakteristikum der Gegenwart ist nämlich genau das, wie Voegelin bereits vor 50 Jahren feststellt: Man hat es bis hinein in den täglichen Umgang nur noch mit Ausflüssen von praktischen Theorien zu tun, über deren wirkliche geistige Gründe sich niemand mehr Rechenschaft ablegt. Das geht einher mit dem Gefühl, die Welt prinzipiell bemeistern zu können. Das geht also einher mit der Zunahme von Wohlstand und (scheinbaren) Lebensbewältigungsmechanismen. Das geht einher mit Theorien, die nur  noch praktisch regeln zu müssen meinen, was theoretisch als "richtig" einfach nur noch vorausgesetzt wird, völlig der Subjektivität überlassen wird.**

Ordnung kann in einer der Ontologie (dem Sein) entrissenen Art zu "denken", Welt zu sehen, nur noch "von außen" (einerseits; anderseits durch subjektive Medialisierung für die Erwählung direkt durch Gott) kommen, und verlagert sich auf Staat und vor allem (Zwingli!) überstaatliche, weltumspannende Organisation. In Totalitarismen, in Zentralismen, in eine immer ausuferndere (und nur noch technische) Beherrschung äußerer Lebensvorgänge und -äußerungen, deren sichtbarer "Erfolg" Kriterium ihrer Berechtigung (wie Auserwählung) ist. Samt der Folge zunehmender Vehemenz, mit der die Befolgung dieser allgemeinen "göttlichen" Verhaltensregeln durchgesetzt wird. Getragen vom Paradiesesversprechen, das jenen verheißen ist, die sich je subjektiv bemessen*** im Stande der Auserwählung befinden.



*Damit kennzeichnet Voegelin einen Grundzug der Moderne, der zutiefst in persönlichen Konstellationen und Motiven ansetzt: Als Verzicht auf Wahrheit, um die Herrschaft (der Neuen) zu legitimieren. Im Selbstsein drückt sich einerseits (in der analogia entis) die Ähnlichkeit mit Gott aus, der aber im Umschwung das "Sein des Selbst" zum "Sein wie Gott" - die faktische Situation des Selbst als Anlandepunkt, quasi als Simulation des SelbstSEINS - folgt, als strukturell der Analogie nachgeformten Teilhabe an einem aber anderen Geist. Diese Bindung ans Faktische (der "gerade eben gegebenen" Motivlage, die das "gerade gegebene Selbst" konstituiert) ist damit eine Immanentisierung des Göttlichen (Hegel) ins Weltliche, und damit eine gnostische Bewegung.

**Selbst die Hl. Schrift wird von Luther, v. a. aber von Zwingli (der für den westeuropäischen, und von dort den amerikanischen Raum so bedeutend wurde) nur noch herangezogen, um subjektive Aussagen zu belegen. Widersprüche zu den eigenen Thesen werden entwertet oder als irrelevant (oder "anders zu verstehen") beiseite geschoben. Dieses Prinzip des Protestantismus - das ihm notwendig war, weil er sonst seine Widersprüche nicht "klären" könnte - findet sich heute sogar schon in der katholischen Kirche in erschreckendem Maß, die damit zeigt, wie sehr sie in vielen ihrer Vertreter bereits im Strom des Zeitgeists schwimmt.

***Es ist zumal heute fast schon generell zu beobachten, daß Menschen subjektiven "Offenbarungen" oder "mystischen Erlebnissen" einen Wert beimessen, der jederzeit den Verstand verdrängen darf. Enorm viele Menschen der Gegenwart gehen davon aus, daß subjektive Erlebnisse jedes objektive Ordnungsfeld der Vernunft verdrängen können. Und sie stürzen sich mit Gier auf jede mögliche Form von "Erwählungserlebnissen" - bei sich wie bei anderen. Die sie via Behauptung" jederzeit nüchterner Überlegung entziehen können. Wer die Erneuerungsbewegungen etwa der Kathol. Kirche ansieht, sieht exakt diese Grundstrukturen.






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Freitag, 31. Januar 2014

Anfang vom Ende?

Beginnt er schon, der große Katzenjammer über das Internet? Einer der zahlreichen selbsternannten "Internet-Experten" meint das. (Wie wenig sie es je waren, weil sie die Trunkenheit durch Technik mit Kompetenz verwechselt haben, wobei auch das eine Zeitkrankheit ist, zeigt sich ja nun.) Sascha Lobo nennt er sich, und wird in den meisten Medien mit seinem Lamento zitiert, daß er zu naiv gewesen sei in der Betrachtung der Chancen des Internet. Tatsache sei nun, daß es sich als perfektes Instrument der Überwachung herausstelle, das alle Ideen (welche, übrigens?) von Demokratie und Meinungsaustausch untergrabe, und die Menschen anfälliger für Manipulation statt stärker mache. Die NSA habe ihre Ideen der Weltverbesserung einfach schneller und besser umgesetzt, als es jede freie Netzgemeinde vermochte. (Lesen sie in der FAZ den ganzen Sermon von Lobo.)

Der Fall liegt aber viel einfacher: Unreflektierte Ziele und Ideen könne gar nie wirklich werden. Und sie scheitern in Wahrheit nicht an dem, was sie vorgeben, sondern an ganz anderen Kräften. Lobo hat sich nicht getäuscht, weil die Überwachung alles zunichte macht, sondern er hat keine Ahnung, was das Internet überhaupt ist. Was er von ihm von Anfang an erwartet hat war purer Schwachsinn. Dort lag und liegt seine Naivität, die in Wahrheit die Dummheit des Narzißmus ist. Lobo "hat" sich nicht geirrt, er irrt nach wie vor, er und seine ganze Masche ist selbst ein Irrtum, den der Irrtum Internet erst möglich gemacht hat. Das nun so endgültig nicht mehr in die heile Welt paßt, die er sich gedankenlos zusammengeschustert hat. Lobo ist nicht ein Opfer der NSA, sondern eines des Internetwahns, den so viele mit positiv besetzten "Werten" behängen, um seine wahre Natur zu verschleiern. Es reichte nicht einmal für eine Utopie.

Natürlich war rein praktisch zu erwarten, daß die Einsicht an den Phänomenen aufbricht, sobald diese gewisse Grenzüberschreitungen begeht. Das Bekanntwerden der schon lange etablierten Maßnahmen der Geheimdienste, übers Netz die Bevölkerungen zu kontrollieren, hat im Vorjahr eine Schockwelle ausgelöst. Neu oder unvorhersehbar war daran nichts, und wer noch seine letzen sieben Zwetschken an Verstand beisammen hatte, wußte das von Anfang an. Es ist dieselbe Kategorie wie der alte und sehr dumme Spruch, daß der Marxismus theoretisch gut, nur an seiner Verwirklichung gescheitert sei. Genauso wenig hat die Überwachung die Idee der Internetdemokratie und brüderlich im Netz verbundenen Weltgemeinschaft zerstört.

Die Idee selbst war falsch und unsinnig. Deshalb bräuchte man sich auch vor dieser Überwachung nicht fürchten, gäbe es nicht andere Aspekte, die sie bedrohlich machen. Und die eigentlich erst bedrohlich werden, wenn man das Internet so sieht, es mit solcher Wichtigkeit versieht, ihm solche Aufgabe zuschreibt, wie es Sascha Lobo tat und nach wie vor tut.

Aber das sieht er nicht. An Geistern, die das sahen und sehen, gab und gibt es ohnehin viel zu wenige, und sie hatten auch keinen Einfluß. Wie eine Lawine rauscht die Internethysterie über unsere Gesellschaften. Nicht als Schicksal oder gar als unausweichlicher Weg der Menschheit, sondern als selbst gewähltes Verhängnis der Entwirklichung, als Bewußtseinszustand also, einem Drogenrausch vergleichbar, der alle befallen hat.

Lobos Kritik zeigt ja gleichfalls, daß er nach wie vor naiv ist, und die Wirklichkeit des Internet nicht begreift. Doch diese Wirklichkeit äußert sich eben auch auf anderen Ebenen, auf selbst den Geistlosen greifbareren Ebenen, die sich selbst sogar innerhalb von Kategorien und Ahnungslosigkeiten bewegen. "Überwachung" war greifbar, war anschaulich. Daß sie innerhalb derselben Logik lag und liegt, die Lobos Begeisterung dereinst befeuerte, überfordert einfach auch ihn. Deshalb hat er es nicht gesehen.

Und wie zuvor die Hysterie ums Internet seine Verbreitung irrational beschleunigte, indem sie es zum Mythos aufblähte, der alles vorantrieb, genau dieselbe Irrationalität bestimmt also nun die Debatte um seinen Schrecken. Und äußert sich als Trauer um eine verlorene Chance - die es überhaupt nie gab. Nicht aus technischen Gründen, sondern aus der Natur des Internet heraus. Aus allen Ecken hört man deshalb die bekannte Klageform der Utopisten und Wirklichkeitsfremden - "man müßte nur", "man hätte nur müssen".

Das Internet war und ist keine Notwendigkeit des Jahrhunderts, sondern eine bewußte Entscheidung zum Umbau der Lebensvorgänge unter gewissen Blickwinkeln (die auch ein Lobo nie oder falsch sah), den man sich leisten wollte. Weil er nämlich, weil technisch gelagert, sehr teuer ist. Der seine Vorteile nur dann hat, wenn man überhaupt vergißt, was Leben und Menschsein bedeutet und dieses selbst umbauen möchte. Gerade der Begriff der "Effizienz" (den man aufs Minimalprinzip der Natur noch zurückführen könnte) wird schlicht umgedeutet zu einer Maschinerie, die sich selbst jenen Bedarf schafft, dessen Lösung sie vorgibt, sodaß der auftretende Mangel nur auf einem Wege lösbar scheint, der ihn überhaupt erst geschaffen hat und weiter schafft. 

Womit die Kosten - als Parameter des Energieeinsatzes - einfach umlagert und so verschleiert werden, daß sie gesamtvolkswirtschaftlich und gesamtmenschlich gesehen immer weiter steigen. Den Druck auf jene erhöhen, denen stattdessen versprochen wird, und die es auch selber glauben wollen, daß er eines Tages völlig weicht. 

Aber was sind Kosten, in einem Zeitalter, das tatsächlich meint, Geld wäre nur eine Größe des Bildschirms, die man auch beliebig manipulieren oder (bei Schulden) auch löschen könne. So, wie es eben die bloße Bedientechnik vorgaukelt. So, wie es eben der zur Sozialtechnik der Wirklichkeitsausschließung umgebaute Staat vorgaukelt und bereits eine ganze Generation geprägt hat, die sich ihre angenehme Welt herbeizappt. Die Wirklichkeitsrelevanz der Internetdaten, die Verhängung von Zeichen und Symbolen mit realem Leben aber ist eine Dimension, die gar nie gesehen wurde.

Es ist in dem Fall also eine Ausnahme, ein Zufall, wenn der Katzenjammer an der Stelle entsteht, wo auch seine Ursache liegt. Wenn er auch nicht begreift, warum er in Wahrheit recht hat.




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