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Donnerstag, 11. August 2011

Regiert von einer Parallelgesellschaft

Politiker leben in einer Parallelgesellschaft, sagt hier der deutsche Philosoph Norbert Bolz in einem 2minütigen Statement in einer deutschen Talkshow. Und man könnte es erweitern: Politiker und Presse leben in einer symbiotischen Verbindung (in beide Richtungen!), die die sogenannten Meinungsfelder und Öffentlichkeit zunehmend zu einer Luftblase werden ließ, die mit dem "normalen Leben" der Menschen kaum noch etwas zu tun hat, immer weiter von der "Wirklichkeit" abweicht. Deshalb wird die Politik von immer mehr Problemen überrascht, und wir stehen erst am Anfang dieses Entwicklung.* Schon gar weil man die "Wissenschaft" und leider auch über weite Strecken die "Kunst" in diese Symbiose mit hineinnehmen kann: zwitterhaft befruchtet sich hier eine Scheinwelt zu einer Scheinexistenz, und sie hat mit dem Internet und den social media die idealen Werkzeuge für diese Parallelwelt.

Der einzige Grund, warum solche Scheinwelten dennoch so hartnäckig und zäh existieren und Zuständigkeit vorschützen können, liegt in der sozio-ökonomischen Natur des Sozialstaates, der zwei Drittel der Gesellschaften in Europa bereits tiefgreifend erfaßt und die Menschen entwirklicht hat. Man vergesse dabei aber nicht, daß diese Entfremdung die Entfremdung von jenem Boden ist, auf dem ausnahmslos alle stehen! Die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt dies mit einer Deutlichkeit, die frappiert - nur will immer noch keiner die Zeichen an der Wand lesen! Sie ist die Krise einer Gesellschaft, die bereits auf Schein (Schulden) existiert und sich weigert zu begreifen, daß die Zahlungsversprechen leer sind, von niemandem mehr erfüllt werden können und wollen.

Gerade die Konzentration dieser Parallelgesellschaften auf "gesellschaftspolitische Aspekte" (in den Wertegefügen), die Umwandlung aller sachlichen Probleme auf Werteprobleme (als Schlüssel zum Wirklichkeitszugang), zeigt dies mit einer Deutlichkeit, die wunder nimmt, daß sie nicht alle Alarmglocken läuten läßt: Hier kämpft eine abgeschlossene Zellenblase mit aller Kraft und Macht ums Überleben, um (zunehmend aufgezwungene) Akzeptanz durch den Rest des alles nährenden Organismus!

Noch eine Aussage Bolz' ist zu nennen, wenn auch gleich wirkungslos (die Parallelgesellschaft ist aus ihrem Wesen heraus längst erkenntnisverweigernd) einzuordnen: Von Meinungsfreiheit kann man nur sprechen, wenn man die Meinung eines Andersdenkenden auch mit gehörigem Respekt betrachtet, und nicht alle Andersdenkenden nach politisch-mehrheitlichen Gesichtspunkten bekämpft. In diesem Sinn kann man in unseren Ländern schon längst nicht mehr von Meinungsfreiheit sprechen, denn letztlich ist es gleichgültig, aus welchen inhaltlichen "Rechtfertigungen" man Meinungen anderer unterdrückt, oder die anderer durchdrückt. Es fehlt ein Klima des Respekts!




*Das Internet ist ja noch verdammt jung, vergessen wir das nicht! Eine technische Neuerung aber, die sich so rasch durchsetzt - und es ist atemberaubend, wie das beim Internet geschah - ist mit schlafwandlerischer Sicherheit schon deshalb als ebenso massentauglich wie -verderblich zu diagnostizieren, weil so ungehinderte Aufnahme von Insitutionalisierungen nur bei menschlichen Schwächen der Fall  ist. Nur der Niedergang geht rasch - Aufbau ist immer mühsam und langsam. Dazu muß man ihre phänomenologischen Implikationen (die hier dazustellen ich mich schon so lange mühe, sie bleiben aber hochkomplex und für nicht mit Terminologie und Denkungsart Vertraute gewißlich schwer verstehbar) gar nicht mehr verstehen, dieses Indiz spricht bereits für sich.

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Abschied

Die Glaserei schreibt, es sei vieles zugleich - ausgezeichnetes Musikvideo, lyrische Geschichte, hervorragende Animation: das Filmchen über die seltsame Abschiedsinszenierung, die einem Toten zuteil wird. ich bin mir nicht sicher, ob es Poesie ist, oder nicht einfach intellektuelles Spiel. Schauen Sie selbst! (4 min)



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Mittwoch, 10. August 2011

Ins Irgendwie verloren

"Gewöhnt Euch daran, haltet Euch dazu an, bei allem, was Ihr tut, auf Klarheit, Eleganz und eine gute Gliederung zu achten; duldet nichts Verschwommenes, tut nichts ohne Geschmack und irgendwie. Bedenkt, im "Irgendwie" kann sich das ganze Leben verlieren, und umgekehrt, ein gewissenhaftes, rhythmisches Tun, selbst bei Dingen und Arbeiten, die gar nicht besonders wichtig sind, kann Euch vieles geben, was sich für Euch später vielleicht als die tiefste Quelle neuen Schöpfertums erweist. 

Wer seine Sache irgendwie macht, der wird auch so sprechen, aber das nachlässige Wort, das verschwommene, das konturenlose, zieht in seine Undeutlichkeit auch das Denken hinein. Meine lieben Kinder, erlaubt Euch keine Unachtsamkeit im Denken. Das Denken ist eine Gabe Gottes, und man muß sorgfältig mit ihm umgehen. Klarheit und Gewissenhaftigkeit in seinem Denken ist die Gewähr für geistige Freiheit und Freude am Denken."

Pawel Florenski in seinem Testamt an seine Kinder


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Power Inspires Freedom

Man trifft die Idee der Freiheit am stärksten, indem man dem Einzelnen seine Stärke nimmt. Ihn zur Maschine degradiert, ihn seiner Würde beraubt. Und dies tut man, indem man ihm seine Hoheit über sich und seine Möglichkeiten nimmt.  Den Mann seiner Kraft zu berauben ist deshalb die stärkste Waffe gegen die Freiheit der Völker.

Es ist bemerkenswert, wieviele Produkte es gibt, die einen enormen Ideenhintergrund offenbaren - und Harley Davidson gehört auf jeden Fall dazu.



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Dienstag, 9. August 2011

Ethik der Gefahrenrelativität

Bereits 200 alte Menschen haben sich in Japan freiwillig gemeldet, um radioaktiv verseuchtes Material wegzuräumen. Ihr Argument: Sie haben vielleicht noch 10-15 Jahre zu leben. Krebs durch Radioaktivität braucht aber 20-30 Jahre, um auszubrechen. Also sind sie nicht mehr davon betroffen.


Gefunden bei Glaserei

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Montag, 8. August 2011

Auf daß sich niemand bekehre

"Aber die Sache ist, die Pfarrer leben nicht selber im Religiösen, darum fürchten sie sich fast davor, daß ihre Rede die Wirkung hervorbringen sollte, daß einer wirklich in diesem Augenblick Ernst damit machen könnte. 

Es geht mit den Pfarrern, wie wenn einer, der selber auf dem Land steht, Schwimmunterricht gäbe: er darf es nicht bis zur Entscheidung kommen lassen, ja es würde ihm angst und bange werden, wenn einer von den Zuhörern Ernst machte und ins Wasser spränge, denn der Schwimmlehrer [der Pfarrer] würde in diesem Fall ihm nicht einmal helfen können, so verwirrt würde der Schwimmlehrer werden allein durch den Anblick, daß einer wirklich ins Wasser spränge. Mit tausend solcher Schwimmlehrer soll ein Land im Christentum weit kommen!"

Kierkegaard, Tagebücher, 1849


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Sonntag, 7. August 2011

Polnisches Hollywood

Das 12min Filmchen hat durchaus nette, berührende Momente. Aber sein Ende verrät etwas. Und im Nachgehen entdeckt man, daß hier mit (amerikanischer) Sentimentalität gespielt wird - nicht mit Poesie. Das ist die Sprache eines an Hollywood großgewordenen Filmemachers. Es bleibt Verzweiflung, Wut, und eine handfeste "Lehre"; nicht die Trauer des Verständigen, die Resignation des Poeten.

Der Kinematograph - von Tomek Baginski



Entdeckt bei Glaserei

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Um Söhne Gottes zu zeugen

Wenn die einen nach Verheiratung der Priester schreien, und die anderen nach dem Zugang des Priesteramts für Frauen, so fällt auf wie linkisch und unglaubwürdig  so manche Verteidigung bleibt, weil die wirkliche Antwort ausbleibt, mit wie vielen Krämpfen zu umschiffen versucht wird ... Schon gar, wenn mit "Gehorsam" argumentieren, die selber nur höchst selektiv Gehorsam anwenden.

Dabei geben die Protestanten die Antwort doch selber:

Der Akt des Gottesdienstes ist ein Akt der Enthusiasmierung (=Erfüllung mit Gott) des Volkes, der im Kult (und sowieso nicht in psychologisch oder psycho-methodischer, zwischenmenschlich profanierter Selbstbegeilung) geschehenden Befruchtung mit Gottes Geist - und es ist somit ein zutiefst dionysischer, zeugender Akt, der selbstverständlich ein Akt der Zueinander von Mann und Weib ist. So wie die Kirche das Weib ist, das sich von Jesus Christus befruchten läßt, und diesen Geist austrägt, in die Vollgestalt ihres Daseins.

Die antiken Dionsyos-Kulte zeigen diese Kontinuität, aber nicht als hätte Jesus fortgeführt, was längst begonnen, sondern erfüllt und in das totale Insgesamt - Natur und Übernatur geeint, in Ordnung gesetzt - gesteigert, was menschliches tiefes Ahnen schon über Jahrtausende erfaßt und zur Gestalt zu führen versucht hat. Doch fehlte ihm die Gnade, der Geist Gottes, aus dem alles erwächst, der "über den Wassern schwebt" und sucht, wo er zu formen findet.

Wer aus Prüderie und Kleinbürgertum diese Wirklichkeit auszublenden, feige und unmännlich zu verschweigen, versucht, wird niemals jenen Logos in seinem Argumentieren bemühen, der in die Welt kam, um Söhne Gottes - Abbilder des Vaters - zu zeugen. Auch der Gotteskult läßt sich nicht funktionalisieren, auflösen in technische Vorgänge. Er stellt ein tief mystagogisches Geschehen dar, das sich im Akt vollzieht. Und von dort aus erwächst die Kultur - aus dem kultischen Akt.

Wie wenig gebunden diese tiefmenschliche Kraft ist, ja diese in gewisser Weise tatsächlich "erste" Kraft, beweist die sittliche Häßlichkeit der Sexualisierung - aus freigelassener, zur unmenschlich-tierischen Suche nach Geilheit degenerierter Fruchtbarkeitssuche. Und historisch gleichzeitig ist der Verlust der zeugenden Kraft des Kultes zu bemerken. So, wie selbstverständlich Zusammenhänge zwischen der Impotenz (oder Potenz) der einem Volk Vorstehenden und der Fertilität eines Volkes bestehen.*

Es ist die Ehe, die der Kirche vorangingm, die ihr als Urbild dient. Und deshalb enthält diese (ganz gewiß nicht nur häretische, sondern zutiefst schon unreligiöse) Forderung nach Frauenpriestern und Ablegen des Zölibats Frage und Antwort in einem - worauf man hören darf ist nur das Provokative, das ihr eigentlicher Zweck ist.

So, wie die Frauen Männer provozieren wollen, Männer zu sein, und die Männer Frauen - so will der Kult jedes Geschlecht in seinem Zueinander befruchten. Denn im Kult wird das Leben gefeiert, das pure, unbegrenzte, unendliche, vor Fortzeugungslust berstende, im Spiel sich zum Höchsten steigernde Leben.

Aber solange es keine Männer mehr in der Kirche gibt, sondern die Muttersöhne das Sagen haben - was will man erwarten, als Niedergang?



*Es ist deshalb keineswegs Zufall, daß die führenden Männer der großen Lager in Frankreich über ihre Potenz immer wieder stolpern; Sarkozy hatte den Ruf eines Gockels, ebenso wie die Affaire Strauß durchaus unter diesem Blickwinkel zu sehen ist: Frankreich hat als eines der wenigen Länder Europas seit Jahren hohe Geburtenraten. Welche Frau wollte sich in Österreich von den führenden Männern begatten lassen, die den Eros einer vertrockneten Bisamratte aufweisen? Wo wären in Deutschland die potenzsprühenden führenden Männer, so wie es sie in den 1960er Jahren noch gab, und sei es - in Form eines Curd Jürgens, bzw. der großen Playboys?

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Hysterie und Aberglaube

Es bleibt aberwitzig, ja es wird immer mehr zu einem Theater des Aberwitzes: die Finanzmärkte, und die Wirtschaftsnachrichten, die wie Richtungspfeiler mal hierhin, mal dorthin deuten, und nicht merken, daß sie immer mit dem Wind drehen, und keiner mehr schaut, aus welcher Richtung der Wind überhaupt kommt, was denn überhaupt passiert, in der Welt, und was die Dinge sind, von denen alle reden.

Da wird zum Beispiel den Finanzmärkten zu entkommen versucht, in dem man in Gold und in Franken flüchtet. Beides ist eine Illusion, beide können die erhoffte Sicherheit nicht bringen! Nicht, wenn es alle tun! Währungen, Gold haben ein Wertverhältnis, das heißt: ihnen muß Ware und Leistung gegenüberstehen. Mehr Gold bei begrenzter Ware bringt nicht mehr Reichtum, sondern höhere Preise.

Der Franken wird wieder zurückgehen (müssen), sonst platzt die Schweizer Wirtschaft. Der Goldpreis wird rasant fallen, wenn die Staaten anfangen, ihre Staatshaushalte durch Verkäufe zu sanieren. Und dann?

Es gibt nur begrenzte Währungseinheiten. Wenn alle Franken kaufen, steigt der Preis, aber weil es eine Währung ist steigen auch die Preise der Waren. Die werden aber immer schwerer verkäuflich. Überlege man selbst, was die Folge ist. Schon jetzt fahren die Schweizer der Grenzregionen ins benachbarte Ausland, um ihre Einkäufe zu erledigen. Und die Schweizer Exportunternehmen überlegen massenhaft, ihre Produktion ins Ausland zu verlegen, weil ihre Preise nicht mehr konkurrenzfähig sind, die Verdienstspannen ohnehin längst deutlich gesunken sind. (siehe Graphik)

Allmählich aber zeigt der Markt ein Verhalten, das deutlich Esoterikwahn und Aberglauben gleicht, aber nicht mehr Sachverstand und Vernunft.  So reagieren und agieren Menschen, die nicht mehr wissen, was sie am Finanzmarkt überhaupt wollen, sich aus irgendwelchen Gründen - zu viel ungerechtfertigter Wohlstand (denn wer gerechtfertigt zu Gütern kommt, geht mit ihnen anders um), zu viel Zeit, zu viel Abgesichertheit, zu viel Langeweile, ja letzteres vor allem! - aber meinen dort aufhalten zu müssen.

Die Art, wie die ganze Welt nun Franken (und Gold) kauft, trägt alle Züge einer Massenpanik und -psychose. Da quatscht dann ein schizoider Paranoiker (pardon: Akademiker) davon, daß er noch schnell ein paar Golddukaten kaufen müsse, am Montag werde ja eine neue Währung eingeführt, er habe das in etlichen Internetforen gelesen. Und die Oma, die sonst von Kohlrabizucht und Enkelproblemen berichtet, schreit hysterisch ins Telephon, man solle Marmelade einrexen und südafrikanische Uranminenaktien kaufen, alles gehe tscheili, sie komme gerade von ihrer Bank und habe ihre Sparbücher in thailändische Unternehmensfonds investiert. (Aha, wieder also: das sind sie, die Spekulanten, die an allem Schuld sind, wie der Bundeskanzler meint; nur meinte er, sie säßen hinter verspiegelten Fassaden Times/Ecke 14., Manhattan-Süd, weit weg und sehr sehr böse also.)

Allmählich wird es also sogar amüsant ...

Hätte man in solchen Zeiten Geld, dann könnte man wirklich reich werden. Kaufen, lautete die Devise, kaufen! Unternehmenswerte, Reales, Aktien! Nichts rechtfertigt nämlich deren Kursverfall! Den Unternehmen Österreichs, Deutschlands geht es gut, die Auftragsbücher sind gefüllt, die Gewinne stimmen ... An all dem Irrsinn ließe sich also rasch und viel verdienen. Man kauft aber nicht, um rasch und viel zu verdienen, das ist der Trugschluß all der Ahnungslosen. Man kauft, was es der Sache nach wert ist besessen zu werden.




So schaut eine Blase aus: hohe Preise - wenig Wert. Man achte auf die Unternehmenswerte! (Graphik: FAZ)





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Inmitten von Weingärten

"Die, welche keltern, fühlen sich wie die Götter. Es ist ihnen, als wäre Bacchus mitten unter ihnen beim nächtlichen Werk. Als stampfte er neben ihnen, das lange Gewand hinaufgenommen bis übers Knie, im roten Saft, dessen Hauch schon trunken macht. Gleichzeitig sind sie Badende und Tanzende: und die Trunkenheit ihres Tanzes ist es, die ihnen das Bad immer höher und höher steigen macht. Stromweise fließt von der Kelter der Most, wie kleine Schiffe schaukeln die hölzernen Schöpfbecher auf der purpurnen Flut. Da bückt sich die schöne Rhodanta tief zur Kelter hinab, und schon ist ihr das weiß leinene Gewand durchnäßt, schon glänzt es triefend ihr um Brust und Hüften:

Da schlug jeglichem höher die Brust, und keiner von uns war, welcher dem Bacchus nicht und Aphrodite erlag."

Aus: Hugo von Hofmannsthal, "Das Gespräch über Gedichte"



Anläßlich der Präsentation des Jungbauernkalender 2012 - Photorechte Presse


*070811*

Samstag, 6. August 2011

Die gute Seite der Bühne

Niemand, der sich ernsthaft mit dem Islam auseinandergesetzt hat, glaubt das Märchen von der patriarchalen Gesellschaft - islamische Gesellschaft sind zutiefst matriarchalisch, und genau deshalb braucht es so definitive "Männlichkeitsrituale": in denen sich der Mann pro forma absetzt vom Weiblichen. Nirgendwo ist deshalb die Homophobie so ausgeprägt, wie in islamischen Gesellschaften (wenn schon davon die Rede sein soll.)

Jean Gebser macht aber (unter breitestem Literaturhinweis) auf noch etwas aufmerksam, das kaum Beachtung findet, aber jedem Bühnenmenschen ein Begriff ist: Eine patriarchale Kultur (und von Kultur kann man erst ab dem Moment sprechen, wo sich eine Gesellschaft aus der matriarchalen Dunkelheit und "Einsheit" ins die Individualität des Individuellen, die ja erst Geist entstehen läßt, der Kultur eben, erhebt) ist auch dadurch gekennzeichnet, als sie von links nach rechts zu schreiben beginnt.

Matriarchale Gesellschaften schreiben von rechts nach links, und/oder im Zeilenverlauf von oben nach unten, wie in China. In Indien gab es sogar Gesetze, die den niedrigen Parias (Tschandala) das Schreiben von links nach rechts als Kastenmerkmal verboten haben.

Die rechte Seite ist in allen Völkern die Seite des Geistes, des Richtigen, des Gestalthaften - nur die Drehung nach rechts ist überhaupt eine gestaltete Drehung, also eine "Richtung"! (Versuche man doch den Linkswalzer ...) Kultur bedeutet ja überhaupt "Raumwerdung", und erst in den patriarchalen Kulturen beginnt sich auch archäologisch schön erkennbar das Individuum aus dem Hintergrund abzulösen. Das Relief beginnt, die Hintergründe in der Malerei werden heller, die Ornamentik läßt Figuren frei, die sich herauslösen, und später beginnt sogar die Skulptur.

Erst, wenn eine Gesellschaft sich dieser - lichten, bewußten - Seite zuzuwenden begann, begann ihre Kulturwerdung, als Moment des Patriarchalischen: die bewußte, bedachte, geplante Handlung begann. (Wobei der Hinweis nicht fehlen soll, daß diese allmähliche Entstehung des bewußten Horizonts, analog der Philosophie, aus dem allmählichen Zerfall aufgrund der sündlichen Neigung des Menschen zu sehen ist, die nach und nach, in ihrem historischen Wirken, alles zu zersetzen begann, sodaß das Bewußtsein als Phänomen, und damit natürlich die Schrift, die Sprache als Logik, nach und nach zunahm.)

Die Bühne kennt das Gesetz: eine "gute" Bewegung, die Hoffnung und Zukunft ausdrückt, muß von links nach rechts ablaufen. Ein Stück muß sich also von links nach rechts entwickeln. Die Rettung darf nur rechts (aus Publikumssicht) liegen - das Publikum ist sonst tatsächlich irritiert, das Stück hat klare oder subtileGlaubwürdigkeitsprobleme.

Arabisch schreibt sich von rechts nach links. Über China solle man sich seine eigenen Gedanken machen.

Eine der Reformen Atatürks war die Reform der Sprache, und er meinte damit: eine Entarabisierung der gesamten Kultur - auch das erzählt viel: Er holte französische Sprachwissenschafter, und entarabisierte das Türkisch, das seither etwa ein Drittel französischstämmiger Wörter enthält. (Ein kanadischer Universitätsdozent erzählte mir einmal, daß er im Vortrag, wenn er mit seinem Türkisch auf Verständigungsschwierigkeiten stoße, auf das Französische ausweiche, und in der Regel werde er dann verstanden. Während die zypirotischen Türken die Festlandtürken, die nach 1974 zuhauf ins Land gekommen sind und mittlerweile die Mehrheit stellen, kaum verstanden hätten - mittlerweile sind sie gezwungenermaßen gleichfalls "neu-türkisiert".)

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Eine Geschichte

"Die Rache des Kameramanns" - Ein russischer Puppenfilm von Ladislaw Starewicz aus dem Jahre 1913

Zum Film: Die Untreue unter insekten ist ein weithin bekanntes Problem, das aber kaum in der Öffentlichkeit rezipiert wurde. Starewicz wollte endlich darauf aufmerksam machen, wurde in seinem Bemühen aber durch die politischen Ereignisse in seinem Land 1917 nachhaltig gehindert.



Gefunden via Glaserei

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Eine Generation der Rambos

Das Einzige, was ich wirklich an Allgemeinem über den norwegischen Attentäter meine sagen zu können, ist, daß er etwas erfüllt, das doch jahrzehntelang amerikanische Actionfilme verkündet und als individuelles Charakterziel erstrebbar gemacht haben: Ein stinknormaler Mensch sieht sich im Aufruf, die ganze Welt zu retten. Ob in "Independence Day" oder als "Rambo" - es sind überall die Einzelgänger, die zurückgezogenen Genies, die einen inneren Auftrag haben. Den sie noch kräftig mit PC-Spielen ("World of Warcraft") auf Touren bringen.

Ja was erwarten wir denn? Da wird es Jahrzehnte als Idol dargestellt, wächst eine ganze Generation mit diesen idolen bereits auf, die von Propaganda so weit weg sind wie Oslo von Norwegen, und dann wundert sich jemand, daß auch solche Menschentypen heranwachsen?

Anders Behrens Breivik, 32 - "Er schrie und jubelte, während er schoß."
DIESE Geisteshaltung findet sich noch dazu tatsächlich überall, ob links, ob rechts - die Grünen sind ja eine regelrechte Bewegung des individuellen Weltrettungsbewußtseins!

Die Richtung ist gleichgültig, weltanschaulich ist auch der Norweger keineswegs zuordenbar. Kant paßt zu "Rambo" wie die Faust aufs Auge, sieht das niemand? Wenn man sein Manifest überfliegt - wer liest schon 1500 Seiten Zusammenkopiertes; Breiwik zitiert z. B. deutsche Autoren, obwohl er gar nicht Deutsch kann - fällt vor allem dieses Durcheinander auf.

Christlich (wenn schon: protestantisch, überhaupt eine Erwähltheitsreligion, die auszog, den Katholizismus zu retten; aber Breiwik bezeichnet sich selbst als "ungläubig"!). Freimaurer (die sowieso die Welt, mit dem Verstand, retten). Muttersöhnchen. Dem der Vater fehlt, und damit die Ausgewogenheit der Selbsteinschätzung - wahrscheinlich im erhabenen Urteil über den Vater die Welt rettet, der einem sonst ja seinen Platz zuweisen sollte, wäre da nicht die Mutter, die linke Gesellschaft, der Liberalismus, der Sozialstaat ... Norwegen ist sogar extreme Wege der Formlöschung begangen, was eine Entwirklichung anzeigt, die jeden Realitätsdruck, und damit jede Identitätsbildung, vermissen läßt. Norwegen braucht niemanden mehr! Auch keinen Gott. Denn Norwegen hat Öl. Das Land hat gigantische Geldtöpfe angelegt, die für alle Generationen der Zukunft aussorgen sollen. Niemand wird mehr gebraucht in Norwegen. Alle sind nur noch auf Urlaub dort.

In dieser Analyse stimmt sogar die Richtung, aus der der Wind weht. Und solche Charaktere sind alles andere als selten. Links wie rechts. Die Richtung ist egal. Heute ist Totalitarismus bereits in prinzipieller Zug der Persönlichkeitsbildung geworden, auch als Reaktion.

Totalitarismus ist aber keine Frage der Inhalte. Er ist eine Frage der Zuordnung seiner selbst, der Interpretation des Ich in der Kommunikation mit dem Du, dem Gegenüber. Ähnlich der Sucht ist er ein Problem der Gewalt über sich, nicht der Gegenstände (wie die Linke es regelmäßig versucht, substantielle Inhalte an sich zu desvaouieren - als Haß auf alles Sein, das prinzipiell dem Ideologenhirn widerspenstig ist.)

Der Mann in Oslo hatte ja in etlichen Einzelaussagen recht, so ist es ja nicht. Aber "recht haben" sagt gar nichts: einer Meinung anhängen macht nicht gerecht. Breiwik war wirr, und das zeigt sich im Mangel an Klugheit, denn sein Handeln hat keineswegs erreicht, was er wollte. Wo hätte er enden wollen? Indem er alle seiner Meinung nach gesellschaftsschädlichen Norweger - also: fast alle - eliminiert? Im Gegenteil, er hat genau die inkriminierte Lage noch weiter verschlimmert, er war also sogar kontraproduktiv - und damit sind wir wieder bei der gemachten Einschätzung: es ging nicht um Inhalte! Diese dienten nur als posthoc-Rechtfertigung, um die wirklichen und irrationalen Motive zu verbergen. So sehr die Linke die Diskussion darauf zu bringen versucht hat und noch weiter versuchen wird, um das Feld für ihr Handeln zu räumen, in dem es auch nicht um Inhalte geht. Auch die sind nur das Tarnnetz, unter dem Rambo wartet.

Aber plötzlich stellt so einer, der bisher eher eingeordnet gelebt hat (wenn die "Beobachtung für rechte Umtriebe" meint, sie hätte ihn im Visier gehabt, so ist das nicht einmal einen Huster wert - die haben auch jeden der noch normalen Bürger im Visier, ihre Kriterien sind universal wie Schmiegen, für einen Linken ist alles gefährlich, das nicht links ist), freilich Einzelgänger, freundlos, der aber dennoch aktiv sein Leben gestaltet hat, etwas fest, das übrigens (schöner Zusammenfall) in einem der aktuellen Kinofilme - "Was Du nicht siehst" (mit meinem lieben Kollegen Andreas Patton in einer der Hauptrollen) - thematisiert wird: der Mensch hat die Freiheit, zu handeln!

Er hat die Möglichkeit, etwas zu tun, auch Schlimmstes. Er hat nur sein Gewissen! Und das zu manipulieren ist heute (aber das war nie anders) Fertigkeit des Alltags. Was ihn hindert sind vielleicht noch manche innere (natürliche) Hürden (Muttersöhnchen!), innere Hemmungen. Schaut man aber der Welt ins Auge, ist es plötzlich eine Welt, vor der man sich nicht fürchten muß, in der man handeln kann. Einfach so! Das erlebt der heutige Mensch wie einen Befreiungsrausch.

Völlig gefaßt, hat der Norweger sich bei den Verhören "kooperativ" gezeigt. Nach eineinhalb Stunden Blutbad auf der kleinen Ferieninsel, während dem er geschrieen, ja gejubelt hätte, wie Überlebende berichten, erst dann hatte die Polizei (die nicht gleich ein Boot auftreiben konnte) ihn verhaften können, er hatte sich nicht gewehrt. Kein Zufall ist, daß der Bombenanschlag in Oslo vor dem Gebäude des Ölministeriums stattfand - Norwegen schwimmt im Geld, weil im Öl, es braucht keine Männer mehr, es braucht keine Söhne, der Staat sorgt für alles (Norwegen ist derzeit auch eines der letzten drei, vier Länder Europas, wo noch Sozialdemokraten regieren. Wie in Österreich.) Breiwik war bei der Mutter aufgewachsen, lebte bei ihr. Der Vater lebt in Südfrankreich, und möchte mit seinem Sohn nichts zu tun haben. Jetzt schon gar nicht. "Es wäre besser gewesen, er hätte  sich (vor dem Anschlag) selbst umgebracht," soll dieser öffentlich gemeldet haben, ehe er sich jeder weiteren Stellungnahme entzog.

Norwegen zieht Massenkuschler heran. Dem Ruf des Attentäters, als Bursche, ihm zu folgen, ist niemand gefolgt - er blieb alleine. Also nimmt nicht wunder, daß er vor allem eines nun wollte: Öffentlichkeit. Bei den Verhören, bei den Verhandlungen zum Prozeß, der ihm nächstes Jahr gemacht wird. Angeblich aus Pietät den Angehörigen der Opfer gegenüber. Zweifel an der Täterschaft bestehen ja nicht, weshalb man ihn auch ohne Urteil schlicht unter Verwahrung hält.

Also ist das zweite Ziel gleichfalls verständlich: genau jene Massenkuschler, die sich ihm als Masse, als a-individuelle Nichtse, überlegen zeigen, indem sie einfach die Funktionen des Körpers konsumieren (denn: von "Leben genießen" kann man hier tatsächlich nicht sprechen), eingefügt in diese dichte warme Humusschichte des Unbeweglichen, des Nichthandelns des Zeitgeists, der nur noch Sattheit kennt, aber die Seinskraft des Menschen, den Willen zur Gestalt nicht mehr sättigt. Also muß Rambo aufstehen, gerufen von den Bergen, aus der Einsamkeit zurück, Racheengel, der nun im Blutrausch die Welt richtet und rettet. Entbindung aus dem Mutterleib Volk/Mutter gelungen, ein Kind ist geboren - ein Individuum, mit Namen, mit Profil, ein Mann. Wie es früher mal war, als sich Sein nur aus der Mutter, mit Gewalt, erhob.

Es würde regelrecht verwundern, wenn solche Geschehnisse nicht in immer kürzeren Abständen vorfallen würden. Es wäre zu logisch. Und zwar GERADE WEIL Europa erneut aberwitzig präventiv-restriktiv und "pädagogisch"-manipulativ reagieren und den Mutterleib noch energischer wie bisher verdichten wird.

Ersatzwege sucht sich diese Haltung - die in Rambo zur Handlungskraft wird - ohnehin längst. Und dabei wird es wohl auch bleiben, was die Sache nicht unbedingt sympathischer gestaltet.

Denn eines fehlt den heutigen weltrettenden Rambos, ob sie nun Julien Assange oder Anders Breivik - der Unterschied ist Geschmackssache - heißen: Sie wollen am Schluß nicht selbst sterben. Sie wollen ihre "Tat" eigentlich nur für sich nützen. Und weil sie im Positiven, mit ihrem normalen Leben, nicht weiterkommen, zerstören sie das Ganze, so gut sie können, indem sie mit Vertrauensmißbrauch - eine Gesellschaft von Freien muß ihren Mitgliedern zumindest gewisses Vertrauen schenken, was auch heißt, damit zu rechnen, daß jemand es mißbraucht - arbeiten.

Ob das fürs wirkliche Heldentum reicht?


Nachsatz: Ansonsten bleiben von dem Fall nur Auffälligkeiten. So die Berechenbarkeit der Reaktionen. auch hierzulande - sie wären auf den Punkt vorhersagbar gewesen. Was den Verdacht weiter verstärkt, daß eine gewisse innere Tendenz, Geneigtheit im Fall Breiwik ans Tageslicht trat: als würden alle (in allen Farben und Schattierungen) mit solchen Vorkommnissen rechnen, ja manchmal könnte man sogar zur Meinung kommen: sich wünschen. Als habe Breiwik nur etwas getan, wonach es viele längst gelüstet. Aus nur scheinbar verschiedenen Gründen.





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Blick und Gegenblick






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Freitag, 5. August 2011

Über den Wert von Lektüre

Man kann Einsicht in die Welt und die Dinge nicht kompilieren - indem man z. B. (auch aus diesem Blog heraus) Lektüre sammelt und "erledigt", wie man einen Motor zusammensetzt, ein Kochrezept befolgt, das am Ende wunderbaren Geschmack ergibt.

Deshalb verstehen auch manche nicht, daß man sich auf Bücher und Autoren beziehen kann, ohne ihre Werke in toto gelesen zu haben. Sich mit Autoren zu befassen kann oft ganz andere Gründe haben - und tatsächlich auch manche Erweiterung, weil man deren Häresie (und jeder Mensch hat seine Häresie, auf seine Art) als Erweiterung des spiralförmigen Weges nach ... (soll ich sagen: Oben?) vorne, im Sinne eines: weiter, plötzlich anziehend findet.

So komme auch ich immer wieder auf ältere Bücher und Autoren zurück, selbst wenn ich sie abgelehnt habe, oder mal weglegte, um in deren Welt wieder einzutauchen, sodaß meine Büchersammlung eine ständig neu zu entdeckende Quelle bleibt, die sich auch aus Vorhandenem nährt, das es auf andere Weise zu entdecken gibt.

Was man aus Lektüre gewinnen kann ist Nahrung für eine Leidenschaft der Wahrheitssuche, die aus sich heraus ihre Anregungen und Arten der Formulierung sucht.

Als ich seinerzeit Sedlmayr's "Die Entstehung der Kathedrale", zum Beispiel, entdeckte, war mir ihr liturgischer Aspekt (in Zusammenhang mit der Baugeschichte des Lettner, ein im Grund erkenntnistheoretischer Aspekt, der bei Florenski und der "Ikonostase" wieder aufgetaucht ist) wichtig und interessant. Heute nahm ich sie wieder her, weil ich die Gotik in ihrem Zusammenhang mit der Lichtmystik des Dionysos Areopagita immer schon erfaßt hatte, und über Kaltenbrunner's "Dionysius"-Buch neu darauf stoße. Und plötzlich sogar Henry Boulad wieder ausgrub, diesen Teilhardisten, um den vor bald zwanzig Jahren als dürr befundenen Strauch aufs neue zu untersuchen, ob nicht doch die eine oder andere Feige im Geäst sitzt.

Literatur ist unermeßlich wertvoll, ganz gewiß, und ich könnte nicht abgrenzen, was ich ihr verdankte, und was "eigenes" Denken (das eigentlich nur ein Streben ist) ausmachte. Aber wenn ich z. B. ein Buch von Walter Tritsch über Mystik hernehme, das neben Boulad stand, und das ich vor zwanzig Jahren als uninteressant, ja langweilig abstellte - und das nun genau das enthält, was ich gerade suchte, dann bin ich wieder einmal erschrocken über die einerseits gegebene Notwendigkeit, immer wieder feste Standpunkte zu bilden, anderseits diese aber nach Jahren wieder aufgebrochen werden müssen, weil sie zu eng geworden sind.

Es sind nicht die Bücher, es ist das eigene Herz. ich bin mit Kierkegaard der Meinung - auch das ein Autor, der mich bislang nicht interessiert hat, und erst jetzt sich zu erschließen anfing, worauf ich plötzlich entdeckte, daß er eine Kernfrage, das worum es mir doch immer ging, die unmittelbare Begegnung mit der Wirklichkeit als einzigen Weg zur Gottesbegegnung, zwischen seine Backen nahm und kaute - mit ihm also bin ich der Meinung, daß es das eigene Suchen und Denken ist, auf das es fast alleine ankommt.  Und hier ist Wahrheitssuche nicht vom ganz subjektiven Willen zur Heiligkeit zu trennen. Der Intelligenteste wird nicht über sein Herz hinaus denken können.*

In Büchern, schreibt er, findet er immer nur Bestätigungen (und das ist im Grunde langweilig) für Schritte, die er bereits vollzogen hat, auch wenn er manchmal noch nicht davon wußte. Sie können sogar hinderlich sein, weil sie eigenes Denken überlagern, einengen, in Schächte zwängen, in denen sie furchtbar nach Luft ringen.

Lebendige Herz Jesu-Verehrung, Tirol
Keine Lektüre, kein "Lernen" vermag einen über sich wirklich hinauszuheben. Sie vermag nur beizutragen, zu ernten, was bereits blühte, und man vielleicht gar nicht sah. Den wirklichen Weg muß man selber gehen. Und man muß ihn als wirkliche Entwicklung der Persönlichkeit wollen. Es beginnt, wenn man diese persönliche Dimension begreift. Denn dann erst beginnt die Begegnung mit der Wahrheit - als Person. Nicht als "Gewußtes". Als ... Herz. (Ich hätte nicht erwartet, das jemals so zu sehen.)

"Ego sum via vita veritas."


*Deshalb hat der Rationalismus ja so große Anhängerschaft gefunden - er liefert über die "Logik", die sich beschränken läßt, weil sie beschränkt IST, die Ausrede für die eigene Bequemlichkeit, in sich verbleiben zu können.


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Zwei Seiten einer Sache

Eine Kia-Werbung, für der erst ein Löwe in Cannes verliehen, udn nun wieder aberkannt worden war. Die Firma hatte die Kampagne für ihre neue Klimaanlage in ihren Wägen nie abgenommen, sie war ihr zu gewagt gewesen. Sie ist hier zu finden, weil sie viel über das Erzählen aussagt, über den Realismus, und über die Steigerung des Lebens zu seinen Höhen, wie die Kunst es beabsichtigt.




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Donnerstag, 4. August 2011

Es ist modern, traditionell zu werden

Noch ist es sicher keine Massenerscheinung, aber in Frankreich macht sich so etwas wie eine erste Gegenbewegung abzeichnet. Elisabeth Badinter, eine Paradefeministin, sagt sogar entsetzt: Da sieht man, wie die moderne Gesellschaft aussieht - als Rückkehr zu traditionellen Werten.

Was passiert? Immer mehr Ehepaare entschließen sich, aus dem Druck auszusteigen, den doppelte Berufstätigkeit bedeutet. Das Leben erscheint ihnen lebenswerter, wenn die Frau zu hause bleibt und sich um Haushalt und Kinder kümmert. Die Frauen bestätigen, daß sie in einem Konflikt zwischen dem gelebt haben, was sie wollten, und dem, was sie sollten (Karriere). Nun haben sie sich entschlossen, bei ihrer Familie zu bleiben. "Trotz" der besten Ausbildungen. Ein Wandel, der sich abzeichnet?

Frankreichs Frauen machen es aber nicht, wie in Interviews zu hören ist, weil sie Errungenschaften des Feminismus demontieren wollen, wie Feministen ihnen vorwerfen, die beklagen, daß sie stets dafür gekämpft hätten, Frauen den Arbeitsprozeß zugängig zu machen. Sondern als Akt der Selbstbestimmung - des Aussteigens aus einem Produktivitätsdruck, der das Leben nicht mehr lebenswert macht, als Rückkehr zur Familie als Ort lebenswerten Lebens.

Nebeneffekt (denn es ist frivol, von Fertilität wie von einem gesellschaftlichen Produktionsfaktor zu sprechen, den es zu steuern gelte): Immerhin hat Frankreich eine der höchsten Fertilitätsraten Europas, und hat die nahende demographische Katastrophe, die vor allem Deutschland massiv treffen wird, aus eigener Kraft mittelfristig deutlich abgeschwächt.

Leider ist der Film, auf den mich ML hinwies, nur direkt auf ZDF zu besehen, nicht einzubetten, gehen Sie also auf diese Seite. Aber die 6 Minuten sind es wert, und machen Mut!



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Kein Maß für Wichtigkeit mehr

"Die Zeit muß notwendig kommen, wo eine völlige Umänderung in der Betrachtung oder in der Vorstellung von der Presse vor sich gehen wird; aber noch imponiert die Entdeckung allzusehr den Menschen. Die Menschen müssen sich erst mehr daran gewöhnen, den Mißbrauch der Presse zu sehen, um ganz ruhig anfangen zu können, einen Überschlag zu machen über das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden, die diese Erfindung den Menschen gebracht hat. In den höheren Klassen der Gesellschaft ist man bereits nicht mehr weit von der Erkenntnis weg, daß die Presse unendlich mehr Unglück als Nutzen bringt. Ich rede beständig von der Tagespresse.

Bücher können wohl geduldet werden, doch am liebsten dicke Bücher; denn die haben durch ihre Proportion kein Verhältnis zu dem Augenblicklichen. Überhaupt liegt das Böse bei der Tagespresse darin, daß sie so ganz darauf berechnet ist, den Augenblick wenn möglich noch tausend und zehntausendmal mehr aufgeblasen und wichtig zu machen, als er bereits ist. Aber alle sittliche Erziehung besteht vor allem darin, daß man vom Augenblicklichen entwöhnt wird.

Wie China zum Stillstand kam auf einer Entwicklungsstufe, so wird Europa an der Presse zum stillstand kommen, stehenbleiben als ein Memento, daß hier eine Entdeckung gemacht worden ist, von der es zuletzt überwältigt worden ist."

Sören Kierkegaard in "Tagebücher 1848"

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Man nehme das Wort "Presse" und ersetze es durch "Internet", "Medien", etc. Verrücktheit, habe ich an dieser Stelle schon geschrieben, ist keine Frage des Irrtums oder der falschen oder fehlenden information! Verrücktheit ist eine Frage der falschen Gewichtung von Information und Wissen, der Unfähigkeit die Dinge noch sachgemäß zu ordnen weil zu gewichten. In den Medien tritt uns ja nicht die "Welt" gegenüber, sondern eine bereits von vielfachen Interessen gewichtete und selektierte Welt gegenüber.

Eine Welt, die wie die unsere so stark auf Medien aufruht, muß also zwangsläufig ihre Mitte verlieren, weil die Alltäglichkeiten - und sei es in der Kommunikation - zunehmend übergewichtetes Peripheres darstellen. Bis jedes Gefühl wir wirkliche Wirklichkeit verloren geht. Denn es geht nicht einfach nur um eine Welt des Scheins - es geht auch darum, daß diese Scheinwelt irre macht.  Solcherart ungesteuert, wird das reale Geschehen aber zunehmend unbewußt, hat mit der Welt des Denkens und Redens nichts mehr zu tun.


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Griechenland - Anfang und Ende

Griechenland ist gerettet? Der Euro gerettet? Mitnichten. Die Wahrheit ist so erschütternd, daß man nicht mehr weiß, was man sagen soll. Man habe "Zeit gekauft" sind noch die mildesten Urteile, deren zweiter Halbsatz aber schon lautet: "aber was dann wird, weiß noch niemand". Man weiß es nicht.

Wie hier bereits ausgeführt, bestätigt auch das Blog Querschüsse mit konkreten Zahlen, daß Griechenland ein Faß ohne Boden sein wird, weil man versucht, den Status quo aufrechtzuhalten. Nicht, um die Griechen zu retten! Wo denken Sie hin! Um den Euro zu retten, dem bei einem Fallen Griechenlands Portugal, Irland, Spanien, Belgien, Italien ... nachfolgen hätten können, weil auch deren Kreditwürdigkeit nachhaltig gesunken wäre.

Das ist alles nichts Neues. Längst sprechen Kommentatoren von zumindest 400 Milliarden Euro, die Griechenland kosten wird, und eine Erweiterung des Euro-Rettungsschirms (das Wort - eine Täuschung!) auf 1500 Mrd. ist nur noch eine Frage bürokratischer Abwicklung. Die Wirtschaftsleistung Griechenlands fällt und wird unweigerlich weiter fallen,während die Steuereinnahmen sinken. Schon im ersten Quartal 2011 wuchs das Defizit Athens um 18 Mrd. Euro, und der Finanzierungsbedarf für diesen "Zeitgewinn" - zu dem die gestundeten Schulden ja angeblich bezahlt werden sollen, was die Ratingagenturen, deren Wahrheitsfanatismus, weil an die Realitäten gekoppelt, unbarmherzig die Wahrheit angezeigt hatte - ist noch gar nicht abschätzbar. Daß in 10 Jahren, und man wird dann noch einmal strecken, und noch einmal, und noch einmal, und allen wird gestreckt werden, auf ewig vielleicht ... daß in 10 Jahren die Schulden nicht zurückgezahlt werden, davon gehen nicht nur die Ratingagenturen aus. Die Zahl der Politiker Europas, die nun doch einmal Farbe bekannten, benannten, was jedem Menschen mit Hausverstand seit Jahren klar ist, stieg ja zuletzt beträchtlich.

Aber was noch erschütternder ist ist der Umstand, daß im Dienste der "Rettung" des Euro und der EU stillschweigend die Weichen zu einem Superstaat Europa gestellt wurden. Wer am Blog Euro Area Summit liest, was nun alles vereinbart wurde, dem wird sofort klar, daß die Souveränität aller Staaten Europas zu Ende ist. Definitiv. Ohne Wackeln.

Und dazu fehlen längst schon die Worte. Hier wurde - vorausgesagt 1993! - eine Sozialistische Union Europas* eingeführt, was zwar unausbleiblich war, weil die EU in dieser Konstruktion darauf ausgelegt war, die uns noch in Stauen versetzen wird, warten wir's ab. Ab jetzt beschleunigen sich diese Entwicklungen ungehemmt, denn nun steht der Sozialistische Zentralplanungsstaat. Er darf keine substantielle Infragestellung mehr dulden.



*Hier der Beitrag eines sozialistischen Volkswirtschafters in der FAZ, der mit den salbungsvollen Worten schließt: "Europa bleibt nur die Flucht nach vorn. Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht nicht um die naiven Träumereien eines überzeugten Europäers. Anders als bei der Einführung des Euro geht es heute um eine funktionale ökonomische Logik. Wenn wir keinen volkswirtschaftlichen Suizid begehen wollen, dann muss diese Währung in ihrer jetzigen Form bestehen bleiben. Wenn [die Währung] bestehen bleiben soll, dann bleibt nur der Schritt zu mehr Europa und zu weitreichenden Souveränitätsverlagerungen von der nationalen auf die europäische Ebene."


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Holz kommt vom Wald, nicht vom Baum

Nun ist es freilich so, daß - wollte man Bäume "ernten", die auch verwertbares Holz haben (das heißt: vollholziges, astarmes, in der Struktur gleichmäßiges Holz) - man nicht sagen kann: gut, pflanze man viele Bäume, nein! Holz ist nur aus einem Wald zu gewinnen. Also muß ein Wald seinem Wesen gemäß gehegt werden.
Dabei ist es nicht so, daß es genügt, sagen wir 600 oder 1000 Bäume zu setzen, weit gefehlt. Die bloße Anzahl macht keinen Wald. Dieser ist vielmehr ein komplexes Gebilde von Beziehungen, die die Gestalt der einzelnen Bäume bestimmt. Im Agieren wie im Reagieren.

Vor allem müssen die Setzlinge in einem Wettkampf miteinander stehen, auf die Welt der Großen bezogen bleiben. Nur so wachsen jene Bäume, die einen Wald ausmachen und die ein Wald braucht. Man muß also 10.000 bis 30.000 Setzlinge je Hektar setzen, auch wenn die meisten im Laufe der Jahrzehnte sterben werden. Ohne Kampf ums Dasein, ohne hegerische Ausscheidung der unterdrückten Bäume, läßt sich niemals Holz aus dem Wald gewinnen. Zur Verjüngung - zum Heranwachsen unter dem Kronendach - dürfen aber nicht einfach objektiviert "ortsübliche" Setzlinge und Samen verwendet werden, sondern es müssen solche sein, die sich bereits im Überlebenskampf durchgesetzt, dem sozialen (!) Klima dieses jeweiligen Waldes angepaßt haben.

Wo der Nachwuchs, der Schwache, aber auch die Vorteile des Ganzen beanspruchen kann, das ihn in manchem dem direkten Überlebenskampf entzieht. Ohne Waldbildung würden die Setzlinge sogar nicht einmal den Kampf gegen den Rasen gewinnen. Weil die Schattenbildung das Gras besieht.
Ein Baum muß also - im lebendigen Wald - zum Holz erzogen werden. Aber alle Ideenvielfalt hat der Wald in sich - aus seinen Baumarten, den Böden, dem vorhandenen Wasser, den Außenbedingungen wie Klima und Landschaftsbedingungen. Auf alle diese Faktoren ist er in seinen Individuen eingespielt, und in diesem Rahmen kann er sich in seiner Persönlichkeit und Vielfalt entwickeln. 

Mit vielerlei Spielarten. Und sei es, wie bei manchen Baumarten, die das vertragen, daß Setzlinge 70 Jahre und mehr Karenzzeit erdulden müssen: Zeit, in der der Nachwuchs unter der geschlossenen Krone der Erwachsenen kümmern, oft sogar extrem kümmern kann, sodaß man die Bäumchen niemals für alt halten würde. Um aber dann bei "Freiwerden eines Platzes" zur vollen Größe aufzuschießen, die Idee von sich selbst, die zu entwickeln ihre Aufgabe ist, zur Gestalt bringen.

Die schützenden Einflüsse, die jeden einzelnen Baum aber eigentlich am Überleben halten - bei Frost, bei Trockenheit, oder Sturm - gibt es nur in einem Wald, der sich im freien Daseinskampf und Zueinander der einzelnen Bäume entwickelt hat. Nur natürliche Auslese, im freien Dialog mit allen äußeren und inneren Bedingungen, läßt jene Bäume wachsen, die einen Wald zu einem gesunden Ganzen machen. Mehr läßt sich nicht aus ihm herausholen. Es sei denn, man riskiert seine autonome Überlebensfähigkeit.

Dann aber stellt er sich sogar gegen klimatische Großveränderungen. Und sei es, daß es zu einem allmählichen Wechsel der Baumarten kommt, die unter veränderten Bedingungen im Vergleich für sie bessere Wuchsbedingungen nützen. Passiert solch ein Wandel allmählich, bleibt der Wald für sich aber bestehen, lösen sich die Generationen in einer nicht endenden, fast geheimnisvollen Verkettung von allem mit allem ab, wo alles - auch Tiere, Artfremdes - seinen Platz und seinen Sinn hat. Was keinen Sinn hat, bleibt nicht. Fehlen Faktoren, leidet der Wald als Ganzer, verschiebt sich sein Profil, weist auf dieses Fehlende hin. Wer einmal grob in einen Wald eingegriffen hat weiß, wie unmöglich es fast ist, das ursprüngliche Ganze wiederherzustellen.

Radikale Veränderungen auch durch vermeintlich fördernde Eingriffe aber, wie umfangreichere Baumartenwechsel, künstliche Bewässerung oder nutzungsbezogene Düngung, kann kein Wald als Organismus verkraften. Das Ganze löst sich auf, jeder Baum wird zum Einzelwesen, das selbständig nicht mehr überlebensfähig wäre, hegerische Hilfe braucht, sodaß auch seine Nutzung im Einschlag immer schwieriger und aufwendiger zu erreichen ist. Will man kontinuierlich Holz aus einem Wald gewinnen, soll der Wald stetig wachsen, braucht es also allenfalls behutsam regulierende Beachtung des vorhandenen Zusammenlebens - in seinem Zusammenspiel von alten, mittleren und jungen Teilen, in seinem Dialog mit der Fülle von konkreten Umweltbedingungen.
Der Waldpfleger betreibt also nicht "Baumzucht", sondern "Waldbau". Geht er klug vor, so läßt sich ein Wald fortwährend nutzen, ja die Nutzung wird selbst zur Quelle fortwährender Verjüngung des Waldes. Nicht nur das: Nutzung und Erneuerung sind dann zwei Seiten derselben Medaille. Dadurch unterscheidet sich der Waldbau vom Pflanzenbau der Landwirtschaft grundlegend. Nur der Wiesenbau läßt sich entfernt vergleichen, schreibt G. F. Morosow.

Es ist eine wunderschöne Metapher, was der Sozalist und Evolutionist Morosow über den Wald schreibt, als Aussage über das Wesen des Staates, über Kultur, und die Aufgabe der Politik, ohne daß er das beabsichtigt hätte.




*040811*

Mittwoch, 3. August 2011

Dienstag, 2. August 2011

Etwas Neues schaffen

Das Navigationssystem zeigt uns den Weg der Konvention, und es gibt ja wohl kaum konventionelleres, als den öffentlichen Verkehr. Aber private Situationen brauchen schöpferisches Tun, und das verlangt den Mut, neuen Status zu proklamieren - einer muß der erste sein. Und jeder setzt, geschlechtsspezifisch, Signale. Ist das nicht gegeben, bleibt nur noch Funktionalität - "Verhaltensmaßregeln", um zu einem bestimmten Ziel zu kommen.

Schön anzuschauen!




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Wofür? Na ... für das Gute, auf jeden Fall!

Eigentlich ist es nur noch komisch, und wie war doch alles vorhersehbar - nun ringen, schreibt die Neue Zürcher Zeitung, die Revolutionäre (welche?) in Ägypten um "ihre" Revolution! Und vor allem ringen sie um "demokratische Werte". Wie die aussehen? Sie wollen verhindern, daß das Parlament in jedem Fall gemäß der (demokratischen) Mehrheiten im Land besetzt wird. Warum? Weil ... die islamischen Gemeinschaften die deutliche Mehrheit haben könnten (und, so nebenbei, auch haben würden). Dafür käme den "Revolutionären", schreibt die NZZ, sogar ein Interventionsrecht des Militärs gelegen.

Na sieh einer an. Dachte das nicht auch Mubarak? Versucht das nicht auch der "undemokratische" Militärrat, gegen den sich die Proteste in Kairo ja auch richten?

Welcher Eindruck entsteht? Daß die Medienwelt, die moderne Welt, die, die auch diese "Revolutionen" (als "gegen alles, für ... also ... das Gute, in jedem Fall") auslöste oder trug, eine Welt von Menschen ist, die nicht mehr in ihren gegebenen Umfeldern leben möchten. Die Umfelder definieren möchte, die keine Bodenhaftung mehr haben, die nicht mehr mit den Wirklichkeiten umgehen, sondern - unter der Behauptung, daß gut nur ist, was keine Wurzeln und kein existentiell ernsthaftes Profil mehr hat - neue Lebenswirklichkeiten definieren wollen. Die mit beiden Beinen ... in der Welt des Internet stehen, in einer wirklichen Scheinwelt, die es so gar nicht, und zwar wirklich gar nicht gibt.

Die freilich längst so etwas wie Mainstream geworden ist, Grundhaltung die überall anzutreffen ist, auch in Europa, auch in Österreich. Die nur ein "dagegen" kennt, aber keinen positiven Aufbau mehr, der noch realistisch wäre, sondern in sich bereits Utopie ist - irrational sowieso. Einer Jugend, die zur Form bereits unfähig und unwillig ist. Eine Generation also, die sich zum Nichtsein entschlossen hat. Hauptsache, es lebt sich geil. Denn alles andere ist ja so mühsam.

Und das würde auf jeden Fall funktionieren! Es müßten sich nur alle Menschen zu der Wohltat der Formlosigkeit entscheiden, die ganz zufällig auch mit der totalen Rationalität zusammenfällt, die ja kein Sein mehr braucht, nur noch Funktion, Ablaufsoptimierung und Wunscherfüllung; deren Ethik sich längst in diese Perfektionsierungsprofile eingeschmiegt hat, und dieselben Wege, nur "anders", geht. Probiert es doch mal! Rasch. Sonst zwingen wir Euch. Denn Formlosigkeit, die ist ja auf jeden Fall gut. Oder?!



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Das Lachen des Teufels

Es sei, meint Kierkegaard, etwas Bemerkenswertes in dem Gedanken, daß das Weinen von Gott, das Lachen aber vom Teufel stamme. Denn je mehr es mit der Welt bergab gehe, umso mehr wird das Komische dominant.

Nichts läßt die Menschen mehr pathetisch innehalten, voll Ehrfurcht und heiligem Ernst schaudern - alles macht sie aber lachen. Denn die menschliche Verderbtheit ist komisch, die Komödie lebt ja nur von all der Verderbtheit und Korruption und Demoralisation des öffentlichen Lebens, all diese Erbärmlichkeit in Trug und Hinterlist. Aber es ist die Verzweiflung, die dieses Lachen macht, die sich sagt: alles ist Betrug, so wollen wir lachen!

Es ist aber zudem etwas Schreckliches darin, daß jemand sittlich tief gefallen ist, aber noch Schrecklicher ist es, wenn er darüber auch noch lacht und seine Leichtfertigkeit komisch auffaßt.


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Nicht besser - nur anders

In einer Diplomarbeit aus dem Jahre 2008, auf die ich zufällig stieß, fand ich die These bestätigt, daß unser technischer "Fortschritt" lediglich eine Verlagerung der "Zielarbeit", insgesamt betrachtet aber eine Erhöhung und keineswegs eine Verringerung der eingesetzten Mittel und Resourcen mit sich brachte.

Birke Maren Sukoup hat dabei den Einsatz von Pferden im Gemüseanbau im Gebiet Frankfurt/Oder untersucht. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß ausgefallen: die reinen Arbeitszeiten Pferd - Maschine am Feld sind direkt vergleichbar. Die Arbeits- und Lebensqualität freilich unvergleichlich höher, selbst für die Umgebung war die Anwesenheit eines Arbeitsgespanns bei weitem stressfreier und lebensbejahender, als es bei Traktoren der Fall war. Problembereiche waren lediglich manche Arbeitsschritte, wo der Schritt des Pferdes zu schnell war, doch wurde natürlicherweise nicht darauf eingegangen, daß viele Arbeitsgeräte für den Pferdeeinsatz erst entwickelt werden müssen (und können), weil die Entwicklung vor Jahrzehnten abbrach. Zeitnachteile entstehen ebenfalls, wenn Hof und zu bearbeitende Fläche größere Entferungen (über 1 km) aufweisen.

Zwar sind auch die Rüstzeiten beim Pferd höher als bei der Maschine, doch verändert sich das Bild schlagartig, wenn eine gesamtvolkswirtschaftliche Rechnung angestellt wird: würde die Produktion eines Traktors sowie seiner Betriebsstoffe eingerechnet, würde sich das Bild völlig auf den Kopf stellen! Die Arbeitskräfte, die am Land durch geringere Zeitaufwendung frei wurden, müssen nun in der Stadt (metaphorisch gesprochen) jene Arbeiten - und mehr: es entsteht höherer Arbeitskräftebedarf! - leisten, die dieser Zeitersparnis dienen.

Nicht untersucht wurde auch die Verbesserung der Lebensmittelqualität. Hier haben bereits andere Untersuchungen den Verdacht bestätigt, daß die "innere Qualität" der Lebensmittel, sie so produziert werden (Geschmack, etc.), deutlich über jener der mit Maschineneinsatz eingebrachten Produkte liegt. Von übrigen Vorteilen für das Land selbst (geringere Bodenverdichtung, Düngemittelersparnis, auch durch Pferdekot, kaum Umweltbelastung, etc. etc.) gar nicht zu reden.

Fazit: nur bei einem völligen Wechsel der Betrachtungsweise, und bei einem totalen Verschieben der Prioritäten, können Gründe für den Einsatz moderner Maschinen in der Landwirtschaft sprechen. Berücksichtigt man, daß die Prioritätenhierarchien auf "merkwürdige" Weise wieder in alte Ordnungen zurückfallen, jene früher selbstverständlichen "Effekte" der Landwirtschaft immer mehr wieder als oberste Ziele erkannt sind, ergibt sich überhaupt ein seltsames Bild der Sinnlosigkeit einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Und wahrlich - nicht nur in der Landwirtschaft.


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Montag, 1. August 2011

Homo homini lupus

Wir selbst sind es, in unseren von unseren Schwächen und Fehlern durchsetzten Alltäglichkeiten, die die Welt zu einem Vallis lacrimosa machen. Aber nichts wird das wirklich ändern. Der Mensch ist eine talwärts fahrende Lawine, nur punktuell vermag man sie umzulenken. Die Utopie meint hingegen, man könne sie überhaupt vom Niedergehen bewahren. Dann erst wird das Leben wirklich zur Hölle.



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Gestalt als göttlicher Auftrag

Nach dem Tod Alexanders des Großen wurde das Riesenreich - das Initial und Höhepunkt der Hellenisierung der Welt war - in 12 Satrapenreiche aufgeteilt, und eines davon umfaßte auch die Gebiete das Gebiet das die Juden bewohnten - Israel. Einer der Seleukidenherrscher, Antiochos IV. Epiphanes, verehrte Dionysos, einen der wenigen in der Bibel genannten Heidengott.

Antiochos versuchte, sein buntscheckiges Reich vor dem zunehmenden Druck der Römer noch einmal zusammenzufassen, und er tat es mittels einer durchgreifenden, kultur- und religionspolitisch orientierten Hellenisierung. Bei den oberen Schichten, schreibt Gerd Klaus Kaltenbrunner in "Dionysos vom Areopag", fand er auch große Zustimmung, denn sie bestand ohnehin bereits aus orientalisierten Hellenen, oder hellenisierten Orientalen.

Bei den weniger assimilierten Volksgruppen aber - darunter vor allem die Juden - entzündete sich gegen den Vereinheitlichungsplan des Machthabers heftiger Widerstand. Sie empfand diese Maßnahmen als religiöse und nationale Vergewaltigung. Antiochos IV. schändete den Tempel von Jerusalem, beraubte ihn seiner kostbaren Geräte und Zierden, so des siebenarmigen Leuchters, der goldenen Weihrauchgefäße und des Goldschmucks an der Vorderseite des Heiligtums. Ausdrücklich verordnete er den Juden wie allen anderen ihm unterworfenen Völkern eine "unitaristische" Lebensform. "Alle sollen ein Volk werden, und jeder sollte seine Bräuche aufgeben." 

Den Juden wurde unter anderem zugemutet, ihre herkömmlichen Opfer einzustellen, den Sabbat zu entheiligen, das Gebot der Beschneidung aufzugeben und Schweinefleisch zu essen. Es ist wohl zulässig, diese inschneidenden Gewaltakte als obrigkeitlich angeordnete Umvolkung in nivellierender Absicht, ja als kulturellen Genozid zu kennzeichnen. Das jüdischen Volk sollte dadurch nicht nur seiner äußeren Unabhängigkeit verlustig gehen, sondern seine unterscheidbare Eigenart und Wesenheit zugunsten eines hellenistisch-ökumenischen "way of life" völlig preisgeben. 

In diese Zeit fällt die großartige Erzählung der Bibel aus dem 2. Buch der Makkabäer: Wo eine Mutter den Tod ihrer sieben Söhne erduldet, die einer nach dem anderen die Unterwerfung unter diese neuen Götter verweigern und in den Tod gehen. Anlaß war, daß die Juden dem Rauschgott Dionysos huldigen sollten: "Sie wurden mit roher Gewalt monatlich an des Königs Geburtstag zum Opferschmaus getrieben, und beid er Bacchusfeier mußten sie efeubekränzt dem Bacchus zur Ehren festlich einherziehen." (2 Makk 6,7)

Die Makkabäer gehören übrigens als Märtyrer zu den ganz wenigen Gestalten des Alten Testaments, die auch im Heiligenkalender der Katholischen Kirche mit einem Festtag geehrt  sind.


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Einstürzende Fundamente des Lebens

Es ist halt so typisch ... da bringt nun die FAZ einen Artikel, der sich auf eine im "British Medical Journal" veröffentlichte Studie bezieht und eine vorgeblich "wissenschaftliche Erkenntnis", die die letzten Jahrzehnte wie eine Gewißheit im Volk festsaß, vom Sockel stürzt:

Das Dogma, das auch der Verfasser dieser Zeilen auf zahllosen Kuren und Gesundheitsbehandlungsaufenthalten zu hören bekam, lautete, daß man auch ohne Durstgefühl trinken solle. Täglich 1,5-3 Liter, je nach Konstitution. Legion ist die Zahl jener drahtigen, jungen Frauen und Männlein, die mit eilfertigst von der Getränkeindustrie bereitgestellten Trinkfläschchen in der Hand oder in den lässigen Umhängetäschchen herumliefen, um zu jeder Gelegenheit einen Pflichtschluck zu nippeln, der so nebenbei wie ein Bekenntnis zu modernem Lifestyle und positivem Körperbewußtsein wirkte - ein guter Mensch braucht das ja. Es soll gar nicht wenige gegeben haben, die sogar eine Uhr danach programmiert hatten, die jede Stunde daran erinnerte, das pflichtgemäße Wasservierterl zu sich zu nehmen.Gut zu sein ist ja längst auffallend mit dem Willen zu technischer Lebens- und Weltauffassung gepaart.

Alles ein Schmarren, so schaut es nun aus, alles nicht wahr! Ja, niemand weiß überhaupt noch, woher überhaupt diese Erkenntnis stammt! Niemand weiß noch, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat! Fest steht, daß es nicht stimmt, fest steht, daß es keine "wissenschaftlichen Erkenntnisse" gibt, die das sagen, worauf die Ernährungswissenschaften seit so vielen Jahren aufbauen. Nicht einmal die Haut dürfte straffer werden, wie der oft versprochene und gewiß nicht unbedeutende Zusatznutzen lautete. Kein Mensch weiß, wer die Mär aufbrachte, daß der Körper nicht wissen solle, wann er wieviel trinken solle, und damit wolle.

Im Gegenteil, es gibt sogar deutliche Hinweise, daß das Trinken außerhalb des sujektiven Durstgefühls (und wenn man nicht gerade Nierensteine hat, die abgehen sollen) dem Körper schwere Schäden zufügen kann. Der Körper wird von Spurenelementen regelrecht ausgewaschen. 13 % der Ausdauersportler, zum Beispiel, weisen Schäden auf, die recht eindeutig vom "getakteten", nicht vom "gefühlten" Getränkekonsum stammen! Schwere Organschäden können aber auch für Otto Normalverbraucher folgen, Gehirnschwellungen (die auch tatsächlich sprunghaft zunehmen), weiß der Deibel was noch alles (aber wen interessiert's?) ... Zudem ist der Flüssigkeitsbedarf für jeden unterschiedlich, eben: subjektiv!

Das einzige, was sich sagen läßt ist, daß einige "wissenschaftliche" Verkünder des Weisheit, mehr (und vor allem anders) zu trinken, als das Durstgefühl aussagt, bemerkenswerte Verbindungen mit der Getränkeindustrie haben. Danone zum Beispiel führt eine regelrechte Kampagne über die Gesundheitsschäden, die zu geringer Wasserkonsum bewirken könne.

Dabei stehe nur fest, daß es zwar sein könne, daß Dehydrierung die Entstehung von Krankheiten begünstige, aber nicht einmal das ist sicher.

Ich würde sagen: da sind wieder mal ein paar Gesetze fällig? Wenn wir schon Politiker haben ... Man kann doch nicht zulassen, daß es nicht mehr zulässig sein soll, das Denken bei der Garderobe abzugeben, und sich dem wohligen Alleins der gesellschaftlichen Hypen auszliefern - und dennoch getäsucht zu werden! Also muß alles Schädliche aus dem Volkskörper ausgeschieden, alle Böse präventiv verhindert werden. Wie wäre es mit einem Zertifikat der moralisch Guten, staatlich garantiert?



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Wer hat, dem wird gegeben

Es ist eine großartige und oft genug poetische Metapher auf die menschliche Gesellschaft, die das bis heute unerreichte Buch von Morosow, "Die Lehre vom Wald", ausfaltet. Und sie räumt, hört man ihr zu, mit so vielen dunklen Etwassen und Irrationalitäten auf, die unser Leben bestimmen.

So zeigt der Russe, wie sich ein Wald immer an den größten Exemplaren aufzieht - ja: es sind überhaupt erst die Größten, die einen Wald "machen", nie die Zurückgebliebenen, Kleinen. Beginnen die Setzlinge noch in scheinbar gleichem Zustand, unter identen Boden- und Umweltverhältnissen, so beginnt sich praktisch sofort ein Wettlauf abzuzeichnen, der von den unterschiedlichen genetischen Voraussetzungen anhebt: binnen kurzer Zeit verfügen die Setzlinge über unterschiedlichstes Festgewicht, und ein Wettlauf nach oben setzt ein, wo sich bald aus dem Dickicht der Jungpflanzen die einen und anderen nach oben drängen.

Wald ist mehr als eine Menge von Bäumen, Menge ist nur ein bedingtes Kriterium. Auch eine lange Allee hat viele Bäume, dennoch ist sie kein Wald. Es geht um die Bildung eines Ganzen - von Wald spricht man, sobald sich die Kronen zu einem Ganzen ausbilden, sodaß die Bäume sozial interagieren. Denn bald beginnt sich ein Gefüge abzuzeichnen, das Morosow grob in fünf Klassen einteilt: Die Leitbäume, die Herrschenden, die Mitherrscher, die aber im Grunde bereits Unterdrückte sind, sich aber noch halbwegs behaupten können, die Unterdrückungskandidaten, die sich in schlechtesten Bedingungen lange noch halten, und schließlich die Unterdrückten.

Noch einmal: trotz scheinbar völlig gleicher Lebensbedingungen. Ja im Gegenteil, je fruchtbarer die Böden sind, umso rascher differenziert sich diese Klasseneinteilung: die Bevorteilten agieren noch bevorteilter mit guten Lebensbedingungen! Nach und nach durchdringen auch die Wurzeln der Großen die Umgebung, und verdrängen auch so die unterdrückten Bäume, bis diese absterben ... und Nährstoff für die Überlebenden bilden.

Nach und nach verdrängen so die Herrscher die Unterdrückten. Beim Wald geht es so weit, daß am Ende der Lebensperiode eines Waldes - 80 bis 120 Jahre - nur noch 5 Prozent der ursprünglichen Stammanzahl vorhanden ist. Alles andere stirbt ab.

Ähnliches gilt von der Fruchtbarkeit zu sagen. Die bevorzugten und davonwachsenden Bäume sind - zusammen mit jenen am Rand des Waldes! - die fruchtbarsten, während die Unterdrückten immer weniger Samen produzieren, bis sie die Vermehrung überhaupt einstellen.

Freistehende Bäume werden bei weitem nicht so hoch, wie Waldbäume. Sie sind auch weniger voll-, mehr abholzig, das heißt, daß der Stamm sich stärker verjüngt, weniger Holzmasse enthält.  Der Stamm weist deutlich mehr Astbewuchs auf, und die Fruchtbarkeit ist ebenfalls hoch. Fast so, als wollten sie so rasch als möglich einen Wald bilden.

Nun könnte man zwar meinen, daß die Kronenbildung - ab hier zeigt sich das soziologische Gefüge am deutlichsten - von negativem biologischem Wert ist, weil es so viele und vieles unterdrückt! Doch weit gefehlt: Die zweite Seite dieser Geschlossenheit ist der Schutz, den der Wald vor allem dem Nachwuchs bietet. Der muß zwar schwer kämpfen, um sich gegen die Erwachsenen zur Wehr zu setzen, aber nur durch sie kann er überhaupt wachsen! Überall anders ist die Ausfallsquote enorm, kann er sich selbst gegen einfachste Gräser nur schwer durchsetzen, und ist er eine leichte Beute für Frost und Hitze.


*010811*