Dieses Blog durchsuchen

Mittwoch, 14. April 2021

Filmempfehlung (4) - Exkurs zu den Quellen des Rechts

 Teil 4) Exkurs zu den Quellen des Rechts


Am Sheriff des Ortes, in dem sich der "Let him go!" letztlich vollzieht, wird jedenfalls deutlich: Das offizielle Rechtssystem vollzieht das Recht einer regionalen, in Lebensweise und Wertewelt abgrenzbaren Bevölkerung. Dieses Recht (letztlich das Recht der USA, dessen Rechtssystem durch seine Rückkoppelung an den Volkswillen diese Mutung, der hier gewissermaßen ins Kochrezept geguckt wird, auch tatsächlich hat) wird also gar nicht von abstrakten Prinzipien getragen, sondern von einem viel stärkeren Lokalspirit. Das ist der vielleicht interessanteste Aspekt, sodaß sich einfach stärkeres "subjektives" Recht durchgesetzt hat. 

(Hintergrund-Parallelstrang, gewissermaßen der Kontrabass) Wenn aber, wie wir festgestellt haben, das irdische Recht (Recht in Welthaftigkeit, konstitutiv wie apperzeptiv, aus dem Numinosen, Transzendenten inspiriert) immer in einem realen Individuum wurzelt, ja wurzeln muß, das aber seine Subjektivität (als Willkür aus Eigenwillen) überwunden hat (also dem Transzendenten gehorsam ist), dann wird die Qualität dieses Menschen (was grosso modo als "Grad der Heiligkeit" zu verstehen ist) das Kriterium. 

Historisch hat in diesem Neusiedlungsland des Western Frontier lange Zeit furchtbares Chaos geherrscht. Der amerikanische Westen war - spätestens nach dem Rückzug der großen Mächte Spanien, Frankreich und England - vom Faustrecht bestimmt. Erst im 19. Jahrhundert hat sich ein Rechtssystem durchzusetzen begonnen. Das zuerst aber von Einzelkämpfern getragen war, die unter Einsatz ihres Lebens das schufen, auf dem sich dann überhaupt erst eine amerikanische Kultur und Zivilisation bilden konnte. 

Und es scheint auch wirklich so, als wüßte der Mensch davon, und seine instinktive Suche" nach einem menschlichen Verursacher ist keine Fehlleitung, sondern wahrhaftiger Instinkt.  

Weil nun der "normale Mensch" leben konnte, weil sich erst im Recht die wesentlichsten Eigenschaften der Menschen entfalten können. Im Faustrecht läßt sich keine Familie großziehen, kann sich keine Kultur entwickeln, die aus mehr besteht als aus Waffenpflege und Kampftechnik, vor allem aber: Kann sich keine Wirtschaft entfalten. Die immer als System sozialer Obligation (Verpflichtung) von auf Wechselseitigkeit und damit Vertrauen aufbauenden Leistung beginnt. Die aber Schutz vor Gewalt und Störung durch "das Fremde" braucht. 

Dem aber nun dieser "absolute, vollkommene Mensch" fehlt. Den es in zweifacher Hinsicht aber nun gibt: In der letzthinnigen Unfehlbarkeit der Kirche, die im Stellvertreter des Gottmenschen gipfelt. 

Dieses Rechtssystem, das sich von diesen Einzelkämpfern ausgehend allmählich und unter Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt hat, ist somit ursprünglich subjektiv bestimmt gewesen. Dem nur der Konsens der Mehrheit den Rücken stärkte. Worauf erst es sich durchsetzen konnte, weil Recht von allgemeiner Zustimmung abhängt. Erst danach hat ein Staat Platz, der dieses Recht an sich zieht. Was bis heute nicht ganz gelungen ist. Gott sei Dank. Weil es insoweit gar nie gelingen darf, als es soziale Organismen nicht mehr als subsidiäre Rechtsräume behandelt.

Der aber ein Pendant hat, vom eben Genannten in seiner metaphysischen Quelle nicht zu trennen - und das ist der König. Als Haupt eines Volkes, in dem auch das Pristertum enthalten ist bzw. ursprünglich war.

Aber Recht stammt aus der Moral. Und diese ist wiederum von der Religion bestimmt. Sodaß es eine unumstößliche Wahrheit ist, daß das heute (scheinbar) säkulare Recht ein bloß umgelegtes religiöses, theologisches Recht ist. Immer. In jedem Fall. Auf der ganzen Welt.

Historisch ist das auch nachweisbar: Der König (dieses Wort hier als Synonym für die höchste Leitung eines Volkes, das immer ins Transzendente reicht, also immer eine Doppelnatur hat: Prophet, Gottmensch und physisch präsenter Herrscher) 

Wie sehr das Thema, das sich sogar schon in einem der frühesten Kostner-Filme findet, in "The Untouchables - Die Unbestechlichen", ihm also scheinbar an den Füßen klebt, auch in "Let him go" aus dem Jahre 2020 Allgemeinwert hat wird noch deutlicher, wenn wir eine Analogie zur europäischen Geschichte ziehen. Denn die Legende vom Sheriff des Wilden Westens" ist das, was wir hier mit den Erzählungen aus der Ritterzeit im Erinnern präsent halten. Auch bei uns waren es Einzelne, auch bei uns waren es religiös bestimmte, todesmutige Männer, und auch bei uns setzten sie es als Minne, als Liebesdienst an der Frau um und damit als Recht durch. 

Die obere Schichte des (in generellem, weitestem Sinn) dreischichtigen Aufbaus eines Volkes (wie hier bereits spezifizierten, der Leser möge nachlesen, wenn er es nicht mehr präsent hat) ist dieser Sphäre der Verbindung mit dem Transzendenten generell zuzuordnen. 

Erst im 18. Jahrhundert, im Zuge der Aufklärung, setzte sich (von säkularer Macht verordnet; als hätte es vorher nie ein allgemein gültiges Recht gegeben! ist nicht das genaue Gegenteil der Fall?) in allen Ländern Europas so etwas wie ein abstraktes, aufs Land bezogenes Rechtssystem durch. Vorher gab es unzählige einzelne Rechtsräume, die stets ihren Ursprung in einem Kopf hatten, der sich auf den "Ritter" zurückführt: Auf den Pater familiae, selbst ans Transzendente als Quelle absoluter Legitimität - in der Kirche - gebunden, als Geber und Maßstab des Rechts als den Schöpfer des (weltlichen) Rechts, das nach und nach aufhörte, sich an einen Gott, das begann sich an das bloß Rationale zu binden.

Dieser Ausgang des irdischen Rechts ist also auch in Berufungen zu erkennen, für die das "Königtum" im weitesten Sinne gilt: Propheten, Dichter weil Poeten, und Priester generell. 

Erst hier setzte dann das ein, was wir heute "Nationalstaat" nennen. Als Staatsmaschine - siehe den Leviathan von Hobbes! - die über allem Persönlichen und schließlich über allem transzendenten Absoluten steht. Die Entwurzelung der europäischen Menschen im 21. Jahrhundert ist also kein Zufall. Sie ist systemisch im Löschen der persönlichen, dialogischen Beziehung zur Rechtsquelle.

Man kann darüber nachdenken, ob diese Zurechnung (die sich hier auf Einzelne und durch göttliche Vorsehung Herausgehobene - alle diese Genannten müssen eine "Berufungsgeschichte", also einen Ruf von außen, von "oben" haben - bezieht) auch durch Akklamation ("vox populi = vox Dei", also "Legitimität durch spontane Volkswahl durch Ausrufung im Konsens") real werden kann.

So glauben wir jedenfalls. Aber die Frage, ob das nicht dennoch auch heute so ist, daß sich also Recht im Subjektiven konstituiert, kann angesichts der Erfahrungstatsache, daß auch bei uns ein gar nicht unbedeutender, ja vielleicht sogar entscheidender Rest des scheinbar so objektiven, sachlich bestimmten Rechtssystems persönlich geblieben ist, auch heute nur bejaht werden. Wer einige Erfahrung damit hat (wie der VdZ) wird das bestätigen. Dieser Rest je Fall neu aktueller Rechtsschöpfung findet sogar in jedem Urteil statt, und zeigt sich nicht zuletzt in der Person der Rechtspfleger und Richter, die bei weitem nicht so "objektiv gerecht" sind, wie getan wird, und keineswegs frei von Einflüssen von außen sind. Ein Außen, das früher (stärker) aus der Religion stammte, das heute (als Beispiel) aus Ideologie und Politik kommt.

In so gut wie allen nicht-westlichen Völkern ist dieser Sinn für Menschen, die "heilig" (also von Gott auserwählt, in einer besonderen Nähe zu diesem) sind, oft sogar noch sehr lebendig. So, wie er das bei uns bis ins Hohe Mittelalter getan, hat, wo historisch das "santo subito" oder das "im Ruf der Heiligkeit stehen" noch erinnert wird.

Spätestens aber seit der "santo subito"-Akklamation von Hl. Johanes Paul II. meint der VdZ, daß diesen "spontanen Volksakklamationen" (zumindest im Westen) nicht mehr zu trauen ist. Zu sehr haben bereits massenpsychologische Phänomene um sich gegriffen. 
Selbst in der Bildung des "Rufs" eines Menschen sind die Elemente der gezielten, vernutzenden Manipulation (insbesonders durch die technische Entwicklung bei den Kommunikations-Medien) bereits enorm verbreitet.


*280321*

Dienstag, 13. April 2021

Filmempfehlung (3)

Teil 3) Der Traum von einem Leben im Traum


Die Erzählweise bei "Let him go" ist extrem ruhig. Die Bilder leben aber von der Landschaft, deren überwältigende Größe man als Potenz ahnt. Als Möglichkeit, in der die Zivilisation wie ein zerstörerischer, verhäßlichender, das Große zerhackender Eingriff wirkt. Die meisten Straßen wirken wie skrupellose, lieblose Vernutzung. Schönheit durch die Gestaltung aus Liebe zur Schöpfung bleibt bestenfalls auf ein paar Meter Umkreis beschränkt. Ab und zu blitzt in der Ferne eine Grandiosität auf, die aber zur fernen Kulisse wird.

Das ist wohl das Problem der USA überhaupt. Dieses riesige, überwältigende weil jede menschliche Dimension übersteigende, den Menschen so klein machende Land, das erst zu einem Bruchteil geliebt und ehrlich, schuldlos und schuldbefreit besessen und damit wahrhaft kultiviert wurde. So bleibt der Einzelne groß und in seinem subjektiven Wahn des "Strebens nach Glück," koste es dem großen Ganzen was es wolle, ungestört. Und weil man nur begrenztes Lebensalter erreichen wird, muß alles schnell gehen, und genügt allem Glück das Dasein als Teil einer Kulisse.

Fast beiläufig entwickelt sich in "Let him go" eine Szene aus und nach der anderen. Nur ab und zu geben Rückblenden eine notwendige Erklärtiefe, weil im Film doch (verglichen mit Literatur, auch hier gibt es ja eine Romanvorlage, in der deren Autor Larry Watson vermutlich jene Hintergründe darstellen könnte, die für die Verfilmung recht sicher den eigentlichen Grund geliefert haben; es ist ja interessant, daß meist genau das, was eine Literaturvorlage so beeindruckend macht, in einem Film prinzipiell gar nicht umsetzbar) so wenig wirklich darstellbar wird. 

Und obwohl alles so unspektakulär, so "normal" wirkt, beginnt der Film den Betrachter schon nach wenigen zehn, fünfzehn Minuten einzusaugen und bleibt in jedem Moment spannend. Er bekommt sogar etwas von Traum, in den er versetzt, und liefert auf dieser Ebene dem Geschehen unausgesprochene, wahrscheinlich unaussprechbare Begreifbarkeit. Bis in einer Apokalypse alles sein Ende findet. Man sitzt dann da, weiß sich nur bewegt.

Daß diese Unaussprechbarkeit auch auf das Leben von George zutrifft muß man als Notwendigkeit verstehen. George hat gegen sein eigenes Verstehen gehandelt, in dem er dieser Zivilisation zugehört hat. Damit liefert man sich Unbeherrschbarem, Irrationalem aus, von dem erst die Zukunft zeigen wird, ob es dem logos gefolgt ist, also in eigentlicherem, höherem Sinn vernünftig war.

Aber damit riskierte George auch jenes Schicksal, das ihm dann widerfahren ist. Er ist in die Zivilisation hinabgestiegen, seiner Frau zuliebe, um zu beenden, daß sie weiter auf die edlere Traumwelt der geliebten Frau, die doch jener Welt zugehört, so zerstörerisch einwirkt. Denn das Banale, das bloß Nützliche, Nutzbare, bloß Gerechnete, das nur Funktionale hat immer den Vorteil unbeschränkter Gewalt. Ihm fehlen die Grenzen, die das feine Herz aber grundlegend bestimmen. 

Er, der edle Ritter, muß es deshalb in jeder Hinsicht und ohne Rücksicht auf sich befreien. George hat Dornröschen aus dem Dornengestrüpp herausgeschlagen. Aber die Dornen haben ihn tödlich verletzt. 

"Wozu?! Wozu?!" ruft die Mutter, als alles zu Ende geht, das Haus lichterloh brennt, sämtliche Söhne tot sind, und der finale Kampf mit dem Altscheriff bevorsteht. Denn hier kann nur einer überleben, der Kampf muß lauten Mann gegen Mann(-Frau). In dem aber alle ihr Leben verlieren werden, die der Welt der Frau nicht zugehören. Moses darf das Gelobte Land nie selbst betreten, es ist nicht für ihn.  

Kostner kann auf die Frage der Frau keine rationale Antwort geben. Es bleibt dem Zuschauer nur die Antwort, daß er alles seiner Frau zuliebe gemacht hat. Seine Vernunft hätte von Anfang an anders geredet. Aber ihm bleibt ein Trost, er gehört doch ihrer Welt zu. Und seine geliebte Frau zeigt ihm das, indem sie ihm in seinen letzten Atemzügen etwas ins Ohr flüstert. Woraufhin sein Gesicht entspannt wird. Sanft lächelnd stirbt er.

Zurück bleibt die Frau, ein junger Indianer, ebenfalls ein Zivilisationsflüchtling, der ihnen geholfen hat, das Kind und dessen Mutter, die Schwiegertochter. Die den Schritt in diese andere, Anti-Zivilisationswelt gesetzt hat als sie, vor die Wahl gestellt, den zuvor von George völlig entmachteten Zweitehemann verlassen (und damit dem Tod ausgeliefert) hat. 

Bis zum Schluß bleibt der Film klug und aus den Charakteren heraus spannend weil glaubwürdig. Und nur dann kann ein Drama spannend sein. Denn Glaubwürdigkeit ist kein Kriterium, das das Überraschende ausschließt. Ist nicht jedes Leben ein Drama genau deshalb ein Drama, weil es ständig mit dem Überraschenden konfrontiert wird, das doch so viel über das Leben in seinem Ringen um den ultimativen Traum als des Wandelns in den Hainen des Paradieses erzählt? 

Hatten deshalb nicht, um diese Betrachtungen endlich abzuschließen, die Indianer in ihrem Anspruch auf Traumhaftigkeit den Rechtsanspruch des Strebens nach Glück bereits zu einem Zeitpunkt in ihre Verfassung geschrieben, als noch kein einziger Puritaner seinen Fuß auf dieses neue Paradiesesland gesetzt hatte? Könnte es also sein, daß der Haß, mit dem sie verfolgt und getilgt wurden, dem Neid entsprungen ist? Haben die Puritaner des 18. Jahrhunderts also nicht nur die Verfassung der Indigenen übernommen? 

Und jetzt kommt's: Weiß der Leser, daß die amerikanische Verfassung von 1783 tatsächlich die Verfassung der Irokesen (die mit ihrem "Fünf-Stämme-Pakt" am Sprung zu einem Imperium waren!) als Ordnungsprinzip ÜBERNOMMEN hat? Daß die amerikanische Verfassung also den Traum der Indianer weitergeführt hat? Kann daraus aber dann, wie wir nun wissen, etwas anderes folgen als ... Chaos und Gewalt? Als die gebündelte Zerstörungsgewalt dem Vernunftsystem des Abendlandes gegenüber?

Hier nun der offizielle Trailer zu "Let him Go - Laß ihn gehen". Der Film ist natürlich auch in deutscher Synchronisation am Markt.


Morgen Teil 4) Exkurs zu den Quellen des Rechts


*280321*

Montag, 12. April 2021

Filmempfehlung (2)

Teil 2) Der Kampf des Matriarchats um das Recht endet in Gewalt.

Einem pensionierten Sheriff (gespielt von Kevin Kostner), George Blackledge, und dessen Frau Margaret, die zurückgezogen auf einer Farm im südlichen Minnesota leben, stirbt bei einem Sturz vom Pferd ihr einziger Sohn. Er läßt eine junge Frau sowie einen kleinen Sohn zurück. Der in seinen ersten Lebensjahren als "Großelternkind" aufwächst. Margaret läßt auch der leiblichen Mutter wenig Spielraum, und reißt die Herrschaft über das Kind an sich. Das zu "ihrem" wird, weil in ihm der tote Sohn weiterlebt.

Die junge Mutter ist damit alles anderes als glücklich, und heiratet wieder. Vielleicht auch, um die Gewalt über ihr Leben zurückzuholen, denn die Wahl ihres neuen Ehemannes ist offenbar überstürzt und nicht sehr glücklich. Da ist der Bub etwa fünf Jahre alt. Und vielleicht hat bei der Wahl des neuen Mannes auch die Stärke der Herkunftsfamilie eine Rolle gespielt. Denn natürlich macht der neue Mann von seinem Recht Gebrauch, ein eigenbestimmtes Leben aufzubauen. Damit gerät er erst recht in Konflikt mit Margaret. Und eines Tages ist er sogar samt Frau und Kind verschwunden, ohne zu hinterlassen, wohin die junge Familie gegangen ist. 

Die Großeltern - vor allem Margaret will es, einmal mehr fügt sich ihr Mann George - machen sich auf, und suchen nach ihrem Enkelkind. Sie finden die Familie auf der Ranch der Eltern des Mannes in Nord Dakota. Aber dort wird er von einem starken Familienganzen bestimmt, das wiederum fest in die sozialen Gefüge der Region eingebunden ist. 

QR Trailer "Let him go"

Auch der Sheriff des Ortes steht somit hinter der Familie, deren Integrität offenbar hoch geschätzt wird. Womit der Stiefvater, der solche Eingriffe in sein Leben nicht zulassen will - ob aus Gehorsam zur Mutter oder aus eigener Lebensvernunft kann aber offen bleiben - selbstverständlich auch das staatliche Rechtssystem auf seiner Seite hat. 

Dieses autoritär strukturierte, soziale Gefüge gibt das Kind ganz sicher nicht mehr frei. Die Familie wünscht nicht einmal engeren Kontakt mit den Großeltern. Denen (unausgesprochen, doch schwingt es mit: Margaret ist eine "Pferdeflüsterin", was sie am deutlichsten zur Indianerin macht) ein Geruch von Indianischem anhaftet. Das dort nicht unbedingt erwünscht ist. Nicht als Kulturerscheinung. Dabei sieht sich Margaret sogar als Atheistin. Aber auch das ist ein Widerspruch zu ihrer Herkunft und ihren tiefsten persönlichen Wurzeln.

Aber wie in einer Handlungsnebenlinie ausgesagt wird, werden in Nord Dakota Indianerkinder mit dem Schulalter ihren Herkunftsfamilien entrissen, und der Zivilisation zu- und ein-erzogen. Was jedoch bei den Kindern, sobald sie in der Adoleszenz wieder "in die Welt entlassen" werden, zur Identitäts- weil Ortslosigkeit führt. Sie gehören als Erwachsene keiner Welt mehr an. Nicht der der leiblichen Indianerkultur, schon gar nicht aber der westlichen Zivilisation, der sie angeblich durch ihre staatliche Erziehung assimiliert sind.

Dieser Konflikt wird im Film zwar nicht direkt angesprochen, kommt aber als Motivgrund der Figuren klar zum Ausdruck. Zudem meint Margaret, daß die Schwiegertochter (und ihr Enkel) nicht ganz freiwillig auf dem Hof des Mannes lebt. 

Als Kostner und seine Frau keine Anstalten machen, wieder einfach zu verschwinden, wird ihnen das überdeutlich zu erkennen gegeben. George wird, als er Margaret schützen will, sogar brutal verletzt. Eigentlich will er nun endlich aufgeben. Aber das würde ihn von Margaret trennen. Die nun erst recht ihr Enkelking "befreien" will. Und George tut ihr auch diesmal den Gefallen, ihren Willen umsetzen zu wollen.

Margaret, gespielt von Diane Lane, wird dabei so entzückend ins Bild gesetzt, daß man als Mann freilich schon versteht, warum man ihr als Ehemann und freiwillig letztlich jeden Wunsch erfüllen möchte. Auch wenn die - männliche, sachliche - Vernunft so gar nicht dafür spricht und man weiß, daß man es bereuen wird, weil das Wertesystem der Frau mit dem des offiziellen Rechts in Konflikt steht. Ihre Gewalt über den Mann, der ihr, nicht dem Gesetz folgt, ist aber vielleicht nicht weniger skrupellos wie die der "Gegner". Sie ist zwar nicht explizit, aber sie liegt im Infragestellen der Gemeinschaft, in der Wahl, die sie ihm läßt, ob er sie weiterhin besitzen, weiterhin mit ihr leben möchte - oder nicht. Denn sie, sie wird diesen neuen und eigenbestimmten, eigensinnigen Weg beschreiten.

Das gesamte Geschehen wird somit dominiert von Frauen, von zwei starken Frauen. Die beide im Grunde ihr System betreiben, und sich hier unversöhnlich gegenüberstehen. Als Welt des Gefühlten, A-Rationalen, wie es auch das Indianische repräsentiert, und Welt der vernunftgeprägten, oder sagen wir besser: rationalen Zivilisation, repräsentiert von der Herkunftsfamilie des Stiefvaters. Die von der Mutter (ausgezeichnet gespielt von Lesley Manville) bestimmt wird, die bereits Witwe ist. Formal. 

Aber beide Frauen sitzen nun nicht im Stuhl der Herrschaft im Hause, die eine explizit, die andere mit psychologischer Gewalt, um das System für den Mann (ob Vater oder in dessen Nachfolger, dem Sohn) bereitzuhalten, um dessen Willen aufrechtzuhalten, sondern um nach ihrem eigenen Willen zu herrschen. Was der Handlung eine bemerkenswerte psychologische Tiefe und Erhellungskraft gibt. 

Ohne Vater, sind die vier Söhne somit nur die verlängerten Arme der Mutter. Sie erfüllen nun deren Willen und werden von ihr beherrscht. In so einer Situation verknüpft sich das bei Söhnen - weil Männern das Streben nach Ort, der immer mit Hierarchie einhergeht, quasi initial eingeschrieben ist - mit der Nähe zur Mutter. 
Sie in concretum, sie als Faktum, und nicht ein transzendentales Gesetz der Ordnung ist die Quelle der Autorität. Wer ihrem Willen gefügiger ist, steigt nach oben. Wer ausbricht, ja wer nur hinterfragt, wird verstoßen. Na? Fällt der Groschen, werter Leser, betrachtet man die seelische Situation heutiger Generationen?

Morgen Teil 3) Der Traum von einem Leben im Traum


*280321*

Sonntag, 11. April 2021

Der Tod des Königs

Leser A schreibt dem VdZ, und stellt die Frage, ob beim gestern vermeldeten Tod des englischen Königs Philip (der fälschlich überall als "Prinz" bezeichnet wird) nicht dieselbe Seltsamkeit auffällt, wie beim Tod des österreichischen Journalisten Hugo Portisch die Woche davor. Auch der war ja (nun das zweite Mal) geimpft worden. Am nächsten Tag verstarb er. Natürlich, alles klar - Zufall. Zeitlich nacheinander, aber ohne Zusammenhang.

QR Bericht ORF
Leser M, der ein ausgewiesener Englandkenner ist, schreibt nun aber noch Folgendes: "Am 9. Jänner haben Prinz Philip und die "Queen", die eigentlich keine Königin ist, die erste Teilimpfung erhalten. Es steht, daß er seit Februar Probleme mit dem Herzen gehabt hätte; sogar operiert hätte werden müssen. Ob das im Zusammenhang mit der Impfung steht?" 

Der geschätzte Leser möge sich selbst ein Bild machen. Auch zum hier verwendeten Begriff des "fälschlich" findet er unten einige vielleicht erhellende Anmerkungen. An denen auch siebzig Jahre nichts ändern, die er und die "Queen" verheiratet waren.

***

Lese man dazu auch diesen Bericht aus der New York Post. Dazu noch ein Ausschnitt aus der weiteren Korrespondenz mit Leser A, dem der VdZ die Übermittlung dieser und weiterer interessanter Berichte in Zusammenhang mit dem Tod des englischen Königs verdankt.)

"Solche Berichte hört man zuweilen, und sie sind immer sehr berührend. Weil es in vielen Völkern und Menschen noch so etwas wie eine (von Generation zu Generation überlieferte) "Ahnung aus Erinnerung" gibt, die auf die wesenhafte Verfaßtheit des Menschen verweist. Der (selbst ein Ebenbild Gottes, das somit wie ein "innerer Schatten" in ihm vorhanden ist) von einem Gott und König "weiß" und "darauf ausgerichtet ist". Weil der einmal unter ihnen weilt(e) und in den Hainen des Paradieses wandelte. 

QR New York Post
 
Was Menschen wie am Bild aber noch so frei und offen praktizieren, steckt meines Erachtens in uns selber auch nicht weniger drin. Die Demokratie ist in meinen Augen doch lediglich eine recht kompliziert gestaltete Form einer vom Menschen betriebenen Verschleierung jener Tatsache, daß der Mensch Leib eines Hauptes ist - eines Königs und Gottes. 

Diese Einheit war ja auch bei uns bis in die Neuzeit sehr präsent. Etwa in der Orthodoxie hat sie noch bei den Romanows existiert, denke an die Praxis der Wassersegnung zu Neujahr an der Newa. Und die Frage, ob die Königsweihe - im Ritus der Priesterweihe fast gleich - auch der sakramentalen Priesterweihe entspräche, ist auch im Katholischen meines Erachtens bis heute nicht beantwortbar und lediglich durch die Disziplin "gelöst".

Aber die Realität der Menschen auch im Westen, wie sie uns also umgibt, auch heute, ist in Wahrheit eine Praxis der Anbetung eines inkarnierten Gottes (Götter). Nur kennen wir (ich meine natürlich: außer uns beide, Sie, werter Leser, und der VdZ) ihn nicht, weil die Aufklärung verboten hat, zuzugeben, daß es einen sehr realen Gott gibt. Der (im Sakrament) sogar unter uns weilt." 

***

Der Hinweis aus dem Schreiben von Leser M auf die "Königin" bezieht sich auf eine dort vorausgehende Korrespondenz über die Tatsache, daß "Prinz Philip" der eigentliche König Englands (Wales, Schottland, beider Irlands, etc.) gewesen ist. Trotz aller Gegenbehauptungen einer "Queen" oder "Königin", was nur als "Die Frau des Königs" gedeutet werden kann, sonst fehlt ja für eine Königskrönung die Materie, die Basis. Die Engländer haben da ja seit Heinrich VIII. einen ziemlichen Kuddelmuddel in ihrer Geschichte. Philip gehört dem Haus der Hannoveraner an, und dieses Haus hat seit ein paar hundert Jahren die englische Krone, die der jeweilige Hausherr übernimmt. 

So schön die Zeremonie der Krönung einer Queen auch ist - sie bleibt eine Simulation. Man kann das Zeremoniell in der Serie "Crown" herrlich sehen. Wo sie sich wunderbar entfaltet und erkennbar wird: Die Königskrönung ist wie ein Sakrament zu verstehen.

Prinz Philip von Hannover, der in wenigen Wochen seinen hundersten Geburtstag gefeiert hätte, war bekannt dafür, daß er launisch, zynisch, ja ein Misanthrop gewesen sei, der oft darüber geklagt habe, daß er sich nicht wirklich ausgelastet und erfüllt finde. Nun, plausibel wären solche Zustände allemal, ja es wäre verwunderlich, wenn es je anders gewesen sei. Denn der englische König, der nie König sein durfte

(weil die Engländer diesem ihm seit Heinrich VIII. eingeredeten Unsinn einer "KönigIN" aufsitzen, und darüber kritisch zu befinden war zumindest damals mit der Todesstrafe belegt, also durfte nicht einmal Shakespeare darüber laut nachdenken, und in dessen Stücken spielen solche Dinge - und auch eine aus Angst um die Existenz unterdrückte Kritik - eine sichtbare und nicht zu unterschätzende Rolle!) 

muß tief in seinem Innersten diesen Widerspruch gespürt haben, in der der Ruf des Seins eines unerfüllten Königtums nie verstummt ist. Er wird ihn auch im Jenseits noch tragen, soviel ist sicher.

***

"Crown" ist (in der ersten Staffel) übrigens auch aus anderen Gründen die zweite Filmempfehlung an diesem Tag. Mit Aspekten, die man bei einer solchen TV-Produktion nie vermuten würde, und die mit Neid (weil nun deutlich wird, was man hierzulande schon längst nicht mehr kann) und Respekt über den Kanal blicken läßt. 


*100421*

Filmempfehlung (1)

Kevin Kostners Phase der größten Erfolge liegt schon etwas zurück. Wenn jemand aber so hoch gestiegen war, gibt es gar kein Höheres mehr, dann kann alles nur noch geringer sein, mißt man es mit reinem Ehrungs- und Auszeichnungsmaßstab.

Denn zu Anfang der 1990er feierte er unter anderem mit "Dancing with Wolves - Der mit dem Wolf tanzt" und "Waterworld" große Erfolge. Aber bald mischte sich viel Mist in sein Wirken. Dennoch hat der VdZ seine Entwicklung als Künstler immer ein wenig verfolgt, und so auch seinen aktuellsten der Filme mit ihm, "Let him go - Laß ihn gehen" (2020), riskiert. 

Und es nicht bereut. Ab und zu finden sich eben Perlen in all dem Mist, den Kostner sonst noch gedreht hat. Ob es letztendlich in inhaltlicher Höherführung auch einmal kulminieren wird, sodaß der weltliche Ruhm posthoc eine ihm entsprechende Innendimension erhält, bleibt abzuwarten.

Kostners schauspielerische Leistung ist dabei das Überschaubarste an ihm. Seine Stärken (und die hat er) liegen woanders. Daß Kostner (halb-)indianischstämmig spielt dabei vielleicht eine Rolle. Es soll hier deshalb erwähnt werden, weil es nicht so überdeutlich wie in "Dancing with Wolves", sondern auch in "Let him go!" seine Bedeutung hat, aber viel komplexer. 

Nicht nur kommt dieses Erbe im mittlerweile gereiften Gesicht des Schauspielers durch, sondern es hat auch in diesem Filmgeschehen entscheidende Bedeutung. Aber auf subtile Art und Weise, und das macht schon Kostners frühere Filme interessanter als die Oscarflut, die sie manchmal auf sich zogen, verwischen könnte.

Einmal mehr ist ein Culture Clash thematisiert, als Aufeinandertreffen von Indianerkultur und westlicher Zivilisation. Welch letztere lückenlos und despotisch herrscht, unhinterfragbar ist, und deshalb nötigenfalls ohne Scheu mit Gewalt durchgesetzt wird. 

Es ist auffällig, wie eng Kostners Schaffen als Künstler wieder und wieder um eine Frage kreist: Der nach der Entstehung und Legitimität des Rechtsystems, in dem wir leben. 
Der Culture Clash könnte aber die Frage sein, ob es ein Recht gibt, das NICHT im Subjektiven wurzelt. Sodaß sich Gerechtigkeit als Motiv allen Rechts als Frage nach Zugang zu den immer transzendenten Quellen des Rechts sowie nach der Legitimität dieser Quellen herausstellt.

QR Trailer "Let him go"

Der Film steht also in einer inhaltlichen Kontinuität, die sich in den Hauptfilmen Kostners zeigt. Die alle die "Werdung des Rechts" zum Inhalt haben. "Let him go" ist damit aber sogar ein Western, und zwar im eigentlichsten Sinn. Das ist nämlich auch das Thema des Westerns! Es ist das Thema der Landnahme der Europäer, die den Kontinent überschwemmt und an sich gerissen haben, und deren Zivilisationswerdung. 

(Siehe Teil 4) Exkurs zu den Quellen des Rechts)

Man sieht diesen thematischen Kern im Schaffen Kostners auch daran, daß er gerne sogar als Produzent (wenn nicht Regisseur) mitmischt, wenn dieses Thema im Zentrum steht. Als Kampf um ein Rechtssystem und um einen Rechtsstaat, und zwar durch alles urtümliche Chaos durch.
Dieses Chaos ist aber - und das macht diese Filme von Kostner so interessant - von Frauen getrieben. Frauen, deren Willen die Männer aus Liebe durchsetzen. 
Dieser Wille ist aber nicht in Übereinstimmung mit einem objektiven Recht zu bringen, er nimmt darauf keine Rücksicht. Das Chaos ist also frauenbedingt, und wir werden davon bestimmt. 

Genau darum geht es auch in "Let him go - Laß ihn gehen", das im südlichen Minnesota und nördlichen Nord Dakota spielt. Ein Streifen Nordamerikas, der übrigens einen im Rahmen der USA weit überdurchschnittlich hohen Anteil deutschsprachiger Einwanderer hat, und deren Landnahme auf Kosten von Sioux-/Lakota-Indianerstämmen ging. 

Zwar kämpfen auch in "Let him go!" nur Männer. Aber sie kämpfen alle im Auftrag der Frauen.

Morgen Teil 2) Der Kampf des Matriarchats um das Recht endet in Gewalt.


*280321*

Samstag, 10. April 2021

Gedankensplitter (1122)

Wenn wir aber sagen, daß alles in einem Wort gründet, so muß noch mehr gesagt werden (und wir haben die Ableitung hier bereits einmal unternommen), daß dieses Wort ein Name ist. Der Name für jene Person, die dieser Name ist, sodaß die Teilhabe an diesem Namen auch die Teilhabe an der Person selbst bedeutet. Wenn es denn in der rechten Haltung geschieht, ungeschuldet und nur im Bitten und Flehen. Nicht als Herrschaft, also keineswegs als Namensmagie. Wie die Kabbalah (glaubt man Gustav Meyrink in seinem "Golem") es technisiert zum Weltenschlüssel in der Sprechformel machen möchte.

Sagen wir nicht "Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes", weil wir eine Handlung als von diesen kommend bezeichnen? Sodaß in dieser gesagten Teilhabe eine ganz reale stattfindet, und nur im Sagen dieses "im Namen"?

***

Aber nun wird der Weg kurz, von dem aus diese Teilhabe an dem einen, alles begründenden und tragenden, im Sein erhaltenden Namen auch in einem anderen Punkte zur Weltensäule wird. Denn in der Öffnung, die dem Herzen eigen wird, wenn es in dieser rechten Haltung actu wird, öffnet sich das Tor der Welt hin zum Göttlichen. Das aus dem Universalen, das dem Namen Jesu so eigen ist, daß beides in eins fällt, und nur ihm.

Und zwar vorstellbar wie Abspaltungen, wo aus einem riesigen Pool von Möglichkeiten an Menschen alle Menschen hervorgehen. Wo somit aus dem Namen, in dem alle Namen enthalten sein müssen, alle Namen hervorgehen, in denen sich eine Seele zum Menschsein konzentriert. 

Ob nun im Johannes oder Agnes oder Herbert, ob in Birger oder Michael oder Dragobert, sind die Namen die Pflanzschalen, in denen sich ein Allgemeines zu einem Spezifischen, ein Universales zu einem begrenzt Individuellen, auf einen bestimmten Ort konzentrierten Individuum - denn es ist der Ort, der individualisiert! es ist der Ort, der somit das ist, wodurch etwas und jemand "wird" - konstituiert. Konstituiert durch die Selbsttranszendierung. Und die ist ein Selbstüberschreiten auf ein Bild hin, auf eine Person hin, die der "Ur-Birger,", der "Ur-Sebastian", der "Ur-Johannes" war. 

***

Jeder später Kommende, dessen Teil als Ablaufmenetekel der Welt, in dem das Grundgesetz der Thermodynamik in einer eigenen Charakteristik erkennbar wird: Als Weg vom Allgemeinen zum je Spezielleren, das zugleich aber auch das Ärmere ist. Bis sich das Geflecht der Menschen so stark ausdifferenziert hat, bis auf dem schmalen Ort, an dem er zu stehen kommt, eines Tages gar kein Platz mehr ist, auf dem noch ein Mensch zu stehen kommt. Spätestens dann ist er da, der Tag des Endes, der Tag der Abrechnung, der Tag an dem die Welt aufhört. 

Aber jeder dieser Kurt und Fritz und Gerlinde und Rattaboimine, jeder ist nur ein später Folgender dieses einen Ur-Fritz und -Gustav. Und er ist überhaupt nur er selbst, wenn er sich als Repräsentant dieser einen Art Mensch zu sein begreift. Dessen Individualität nicht darin besteht, daß er eine andere Kappe oder ein anderes Wamst oder ein anderes Güpfelchen am Schnubbel trägt, sondern daß er eine andere Art der Repräsentanz hat. 

Die sich freiich im Rahmen der Grundgesetztheiten des Gustav-Seins bewegen muß, die aber dadurch "eigen", "individuell" ist, und NUR dadurch, das sie an diesem Ur-Gustave teilhat. In der rechten Haltung. Sonst fällt er ins Nichts. Nicht ganz, aber graduell, und mehr oder weniger, und irgendwann zu viel. Dann ist er tot. Und dann ist er vergessen.

So existiert nur, was im kleinen Plätzchen, dem Ort als Wesenskomposit, als Einzelnes einem großen oder riesigen Allgemeinen zugehört, in dem der kleine Name am äußersten Vorposten der Fronten und Begegnungen am großen ganzen Namen teilhat. Und diesem Namen alle Ehre verschaffen will, wie aus dieser Ehre selber lebt und den ihm gehörigen Grad der Autorität hat, weil ein Name auch eine bestimmte Position impliziert.

***

So wie wir "Cappi" zum Orangensaft, "Keli" zur Limonade, Cola zum (egal welchem) Schwarzgebräu sagen, "Flotte Lotte" zum Passiergestell, und "Rüstiger Hansganz" zum Sauschlägel, die alle einmal und zum ersten Male unter diesem Ur-Namen an unsere Ohren gedrungen sind. Sodaß fortan im Namen eine Gattung des Existierens die Weltbühne betreten hat. Und alles Dingelchen, das fortan die Nutzanwendung fortführt, die nun im Weltengefüge ihren Platz, Anspruch und Pflicht weil Erwartungshaltung in so unzähligen anderen erweckt hat - denn eine Nachtbar ohne Cola ist nicht mehr möglich, die Nachtbar ist darauf ausgerichtet. 

Ein Caesar ist ein Kaiser, eine Art, ein Ding, das einer Person entstammt. Ein Name wurde zum Ding, zum Titel! Mit dem sich mancher gerne schmückt, und noch mancherer alles daran setzt, daß ihm dieser Titel zugesprochen würde. Von jemandem, der diesen Namen in der Hand hält, um ihn vergeben zu dürfen. Dessen eigene Position in der Welt sich sogar (mit) daraus ableitet, daß er diesen Kaiser/Caesar zu vergeben, jemandem auf den Kopf zu drücken hat. Auf daß dieser unter dem höchlichsten Hut verschwinde, der Kaiser/Caesar ihn absorbiert.

Was sich im großen Weltenspiel so nachvollziehbar abrollt, hat dort nur seine große Musterrolle für jeden Einzelnen. Nur die Ebene ist anders. Die Art ist dieselbe. Und der Schweizer (der Melkknecht) ist nicht weniger KaiserSchweizer, wie der DreiPhasenhobler der KaiserDreiPhasenhobler, und wie der KonnotationenAmbrosius ein KaiserKonnotationenAmbrosius ist.

***

Haben wir es denn heute aber anders? Sollten wir uns nicht (wenigstens hier) jeden Jammerton ausnahmsweisig versagen? Nennen wir unsere Kinder nicht nach Vorbildern, an denen wir Eigenschaften bewundern, die wir selber gerne hätten? Oder wir, indem wir sie in unserem Nachwuchs (endlich) finden? Hat sich also in der Teilhabe an den Eigenschaften eines Ur-... durch und mit der Namensgebung je etwas geändert?

***

DAS ist der Grund, warum wir als alte Katholen, die wir nun mal sind, nicht den Geburtstag feiern, wie es die Heiden tun und getan haben, und damit die Welt und die leiblicher Abstammung hochpriesen als wäre sie der Umstand, daß es von diesem oder jenen in die Welt gebumst wurde auch ist, was ein Ding zu einem Ding macht, nein: Ein Ding wird zu einem Ding, weil es seinem Begriffe zustrebt, und ein Heinrich ist ein Heinrich, weil er seinem Väteli und Müateli ein herzlich Pfiatgott jodelt, wenn er aufbricht, um dem ersten Heinrich der Weltgeschichte zu- und nachzustreben. 

Sodaß dieser Heinrich der Stammvater einer ganzen Pyramide, ja eines Pyramidengebäumsels wurde, das er stolz dereinst vor den himmlischen Vater trägt, der sie dann an den großen großen Knopf, diesen einen Namen anhängt, an dem alle Pyramiden hängen, große, kleine, alle, sodaß am Beginn wie Schlußstein der Kathedrale der Schöpfung auch hoffentlich ein kleines Ambrosius "sein-wollen" hängt. Siehst Du's nicht, werter Leser? 

*260321*

Freitag, 9. April 2021

Beim Lesen von Gerhart Hauptmann

Kein Millimeter, der nicht voll der Welt und Wirklichkeit wäre, keine Betrachtung, in der sich nicht die ganze Welt öffnete, keine Wendung, die nicht im Spiel des Wirklichen die Freude der Wahrheit atmet, die sich im Text auftut, als stünden alle Fenster offen. Ach, könnte man es doch auch ...

Wie dumm dagegen jene erscheinen, die meinen, es gäbe einen methodischen Weg, "gut schreiben" zu lernen. Das Handwerkzeug der Beherrschung der Sprache steht jedem zur Aneignung offen. Und mir graut sogar gerade vor jenen, die so "gut schreiben", die so geschickt mit Worten und Wendungen umzugehen wissen. Die aber nicht einen Augenblick lang die Sprache hinter der Sprache mit sich führen, um die es aber ausschließlich geht. Selbst das Ungelenke, gar nicht so Geschmeidige vermag da noch mehr an Bedeutung zu haben, also alle diese Texte. Die einen heute in Massen umgeben. 

Die Arbeit des Schriftstellers ist aber nicht die "am Text". Dort wird sie zu einer solchen nur - da muß sie aber auch stattfinden - als es beim Schleifen des Textes darum geht, ihn "gehorsamer" zu machen. Ihn dem wirklich Wirklichen, das er mit sich führen und ans Licht bringen soll, anzuschmiegen wie der Hand den Handschuh, dem Bein den Nylonstrumpf, dem Fisch das Wasser. 

Nur insofern hat das Material (die buchstäbliche, werkzeugliche Sprache) seine Bedeutung, weil jeder Bildhauer weiß, daß die Gestalt einer Figur durch Weglassen, nicht durch Hinzufügen entsteht. Und daß sie im Material enthalten ist, sodaß das Schöpferische zur aufmerksamen Suche wird, wo die Wesenslinien des Materials liegen.

Die Arbeit des Schriftstellers ist die an seiner Haltung. An seiner Moral. An seiner Sittlichkeit. An seinem Selbstbesitz. Damit alles, was er in der Sprache an Material in Händen hat, dem von der innersten Seele ausgehenden Strahl des Wirklichen ins Wahre zu leiten vermag. 

Wieviel Geschmeidiges, Geschicktes, "gut formuliertes", das von vorne bis hinten eine Lüge ist. Das ein einziges Täuschungsmanöver sein soll, um die Abgründe der eigenen Seele zu verbergen. Und eine Figur in die Welt stellen soll, die nur in jenen Scheinwerfern zu glänzen beginnt, an deren Positionierung und Funktion das einzige ist, woran der Schreibende wirklich gearbeitet hat.


*260321*

Donnerstag, 8. April 2021

Gedankensplitter (1121)

Je älter ein Mensch wird, desto weniger Bedeutung hat das, was sich in seinem Leben bislang abgespielt hat, als Einzelereignis. Vorausgesetzt, wer wird erwachsen, wird seine im Alter aktuelle Existenz zu einer Abstraktion seiner Vergangenheit. 

Aus allem, was gemeiniglich als "Erlebtes" und "Getanes" bezeichnet wird, destilliert sich dann ein Abstraktum, das selbst wiederum eine Existenz fundiert. In der dieser Mensch nun lebt und sich darstellt. 

***

Sogar Erwachsenheit selbst läßt sich somit daraus erkennen, daß ein Mensch in der Abstraktion - das heißt, daß das hinter allem Stehende Wirkliche, wirklich Verursachende, wirklich Treibende, wirklich Geschehende - zu einer immer reineren Wahrheit über sich und damit (!) über das Leben selbst gelangt. 

Was nur dann möglich ist, wenn alles Erlebte (als Begegnendes gesehen) zu einem Probefall für ein Exemplarisches wird. Das erst gesehen werden kann, wenn man sich vom Faktischen löst - der Welt also stirbt! - und die Grundzüge sucht, die allem zugrunde liegen.

So führen sich beim alten Menschen, der erwachsen wurde, sämtliche Linien zu ein und derselben Wurzel und Quelle zusammen. Ziel wie Ursprung zugleich, sind sie das ein Leben wirklich Tragende. Und das ist ... ein Name.

***

Letzthinnig kann ein Mensch jedoch nur als alter Mensch im Vollsinn erwachsen werden. Weil nur der Alte auch alle Lebensphasen durchlaufen hat; vorher gibt es zwar so etwas wie Erwachsenheit, aber nur auf die jeweilige Lebensphase bezogen. Die immer unvollständig bleibt, weil jede Lebensphase die vorausgehend in sich subsummiert, aber in einer neuen Dimension übersteigt. Dem, der jung stirbt, bleibt zwar die Möglichkeit sich zu vervollkommnen, aber nur jeweils auf seine Lebensumfänglichkeit und -phase bezogen. 

In diesem Sinn sind beim Mann im Alter von etwa 30 bis 33 Jahren (bei der Frau etwas früher, da ist es etwa im Alter von 28 bis 30 Jahre am Programm) sämtliche Potenzen seiner Welt- und Figurhaftigkeit angelegt und erreicht, weil auch sein leib-seelisches "Wachsen" sämtliche Potenzen erreicht hat. 

***

Nicht nur sind die in diesem Alter getroffenen Entscheidungen deshalb für jedes Menschenleben schicksalhaft, sondern er hält nunmehr alle Fäden in der Hand, die im Alter zusammenlaufen. Aber er erkennt nur die Fäden, und vielleicht (!) deren Richtung. Genau darum aber geht es. Ist er nicht in Vollbesitz seiner Kräfte (akmé), ist er nicht in Besitz seiner selbst - was Menschen im Laster, im Irrtum ausschließt, sie bleiben gewissermaßen dem Unverständlichen, dem Zufälligen, allen möglichen fremden Willen ausgeliefert - sieht er diese Fäden nicht in ihrer Wirklichkeit. 

***

Soweit sie seinem Lebensalter halt angemessen ist. Denn Begreifen im Sinne von Definieren, Interpretieren vermag der Mensch nur anhand jener Bilder und Gestalten, die bereits konkret in ihm vorhanden sind. Und hier haben wir es durchaus mit einer Quantitätsfrage zu tun, nicht nur mit einer der Qualität.

Und das trifft beim erwachsen werdenden Alten zu. Sodaß dieser diese Fäden in allen irdischen Ebenen nicht nur mehr und mehr sieht, sondern in ihrer Wirklichkeit erkennt, und damit (erst) das Leben in allen Äußerungen überblickt. 

Die immer auf Lebensstufen, Lebensphasen, nicht auf allfällige "kulturelle Allsonderheiten" bezogen sind. Sodaß erst der Alte sie in seiner Überblicksschau zusammenlaufen weil auf dasselbe ausgerichtet gewesen sieht, von dessen faktischer Form er sich nicht irritieren läßt.

***

Apropos Kulturen. Die Kulturen der Welt unterscheiden sich in ihren Spezifitäten, in ihren faktischen Details überhaupt nicht. Das will nur beim oberflächlichen Blick so erscheinen. Wo die Pfauenfeder "anders" erscheinen will als die des Eichelhähers. Nein, die Welt unterscheidet sich nie "inhaltlich", also in der faktischen Gestalt, sondern alles wird von ein und derselben Wirklichkeit getragen - und somit auch die Gestalten durchwest. 

Dementsprechend kennt der VdZ Menschen, die viel gereist sind, und ständig von allen möglichen Details erzählen, die sie hier und da "erlebt" haben, die nach wie vor in ihrer faktischen Wucht vor ihnen stehen. Und an die sie "glauben", auf die sie nach wie vor unabgelöst und fasziniert starren. 

Aber er kennt auch Menschen, die viel gereist sind, und kaum noch etwas erzählen. Weil sie erkannt haben, daß in allem Verschiedenen (und sie haben selbst einmal diese Verschiedenheit gesucht) das immer Selbe verborgen ist. Daß sich weder die Menschen noch das von ihnen geführte Leben wirklich unterscheidet. Nur das Material ist verschieden, nur das Material hat gewechselt, nicht aber die Wirklichkeit. Und nur um die geht es, nur die sucht der Mensch.

Deshalb ist der nicht Erwachsene nicht jemand, der nicht das Wirkliche suchte, sondern jemand, der sich vom Faktischen so beeindrucken läßt, daß es für seinen Erkenntnishorizont kein Wirklicheres gibt. Das wirklich Wirkliche aber findet er einfach nicht, auch wenn es ihn genau so bestimmt, wie jeden anderen. Sodaß der nicht Erwachsene zum wahllos Summierenden wird, ohne daß es zu einem Zuwachs an Erkenntnis kommt. Und damit zu einem Zuwachs an Selbstbesitz.

***

Nur im Erwachsenen summiert schließlich der Name seine gesamte Existenz. Die sich auf einen Punkt reduziert hat, der alles enthält - seinen Namen als Gesamtbild, als Gesamtton, als Gesamtklang. 

"Sich einen Namen machen" hat nur von dort her seinen Sinn. 

Damit wird aber auch verständlich, daß es in allen Kulturen anzutreffen ist, daß Menschen durchaus ihre Namen wechseln. Oder daß ihnen im Laufe ihres Lebens Namen zugedacht werden. Die Sitte des Ruf- oder Spitznamens hat somit durchaus einen Sinn, wenn sie aus diesem Umstand motiviert ist. 

Und nicht eine im Grunde schwere Beleidigung weil Nihilierung eines Menschen ist (werter Leser, das ist das Hauptwerkzeug des sogenannten Mobbing: Die Ignoranz, die Nicht-zur-Kenntnis-Nahme eines Menschen) und irgendeinen willkürlichen Namen heranzieht, der meist aus Bequemlichkeit den wahren Namen desjenigen nicht einmal zur Kenntnis nimmt, weil sich dessen wahrer Lautfolge gar nicht stellt. Die ... Mühe wäre. 

Solche Form von "Spitznamen" kann man zudem als Inbesitznahme durch die Gemeinschaft der "anderen" sehen. Die einem doch das Ich "zuwerfen" sollten, und das auch tun müssen, weil sonst den Menschen, der im Du sein Ich sucht, und das tut jeder, als mindestes in die Irre führen. 

In solchen Spitznamen erfolgt ein Niederzwingen in die Gemeinschaft, die in dem wesensfremden, willkürlichen, der Bequemlichkeit entstammenden Namen (der somit von einem selbst das Maß nimmt, nicht vom anderen, nicht vom "Namensträger") den anderen bestimmen und nicht in die Freiheit der Wahrheit stellen will. Denn dann bleibt der eigene Name, der Rufname, der einem selbst Grenzen setzt, ein Gefängnis, das nicht begreifbar weil eben irrational ist.

***

Solcherart kann man darüber nachdenken (und im Einzelfall ist es durchaus legitim), ob man nicht als älter Gewordener einen neuen, anderen Namen annimmt. Ob wir es in einer Zeit des Matriarchats (das immer eine Zeit der Irrationalität und Willkür weil Ordnungsfeindschaft ist) nicht sogar durchweg mit "falschen" Namen zu tun haben. Die das Wesen des neu Geborenen gar nie erfassen, sondern diesen immer nur zwingen wollen. Und zwar genau durch Fremdheit des diesem zugeworfenen "Ich" von dessen eigentlichem Wesen.


*260321*

Mittwoch, 7. April 2021

Gedankensplitter (1077)

Wie rasch - das war 2015 so herrlich und amüsant zu beobachten - Liberale plötzlich zu "Konservativen" wurden, wie sie die Punzierung als "Rechte" (gerade im Widerspruch dagegen, gerade darin) genossen.

Wie schön sich darin aber einmal mehr eine der wesentlichsten (weiteren) Eigenschaften des Liberalen zeigt: Die Fähigkeit, seine Weltanschauung blitzschnell zu wechseln. Und darin, seltsamerweise, darin lügt er nicht einmal. Denn er sagt ja, daß er vom subjektiven Bedürfen ausgeht. Ändert sich die Welt, dann ändert sich eben auch das eigene Bedürfen.

Wie deutlich aber damit die Lüge des Liberalismus selbst wird. Dem genau das fehlt, was überhaupt eine Weltanschauung bedeutet: Die Transzendierung auf ein Ideengebäude hin, dem alle Sorgfalt angedeiht, um es der Wahrheit anzugleichen. Um so an der Wahrheit selbst teilzuhaben. An der ERST dann teilgehabt werden kann, wenn die persönliche Haltung die des Selbstübersteigens - als Sterben - ist.

***

Gottseidank für die Liberalen, hat sich dazu so mancher im Eiltempo die Finger wundgeschrieben, damit man am nunmehr so bemitleidenswert blutbefleckten Papier die Verwirrung der Gehirnwindungen nicht allzu offen erkennen konnte, mit denen diese Lächerlichkeit in ein dick gefüttertes theoretisches Gewand gehüllt wurde, in dem nun mit breitem Schritt die Autorität der Wahrheit oder zumindest die Diskurs- weil Satisfaktionsfähigkeit dieser Position behauptet werden konnte. 

In Wahrheit dasselbe Unterfangen, das den Liberalen generell kennzeichnet. Der sofort zum scharfen Kritiker und Oppositionellen, ja "um der Wahrheit willen Verfolgten" wird, wenn ihm etwas - egal was - auf die Zehen fällt. In dem Moment unternimmt er alles, um das rein subjektive Bedürfnis (wie man es im üblichen Sprachgebrauch eben Egoismus nennt) zu befriedigen.

Und alles nur, damit er sich weiterhin nicht aus seiner Bequemlichkeit heraus zu bewegen braucht. Denn dem Liberalismus fehlt unter anderem eines - der Schlüssel zum schöpferischen Dasein, der Selbstüberschreitung heißt. Die genau das Gegenteil des Fundaments des Liberalen bedeutet, ihm deshalb Todfeind ist. Denn das Liberale hat nur die Behauptung, daß Gott die Welt im subjektiven Bedürfen ausreichend geregelt hat.

Er befindet sich deshalb im exakten Widerspruch zum Kreuz. Der Liberalismus befindet sich damit im genauen Widerspruch zur Erlösung.

***

Übrigens ist auch jenes Verhalten der Arroganz zuzurechnen, das sich am häufigsten findet, und in dem diese Klasse durch betont joviales Verhalten "zeigen will", daß sie NICHT in Standesdünkel und Hochmut verfallen ist, TROTZ ihres eigentlich berechtigten Rechtes auf Übergeordnetheit.

***

Somit ist es am naheliegendsten, die (besorgte) Feststellung, daß der Liberalismus praktisch lückenlos zur allgemeinen Weltanschauung in unseren Landen und Kulturen, ja in Europa und der gesamten westlichen Welt (aber auch nur dort!) wurde, mit dem "sozialen Aufstieg" in eins zu setzen. Aber nicht einfach nur mit diesem, sondern mehr noch mit der Hoffnung, dem Versprechen auf einen solchen. Sodaß er mit dem sozialistischen Sozialstaat heutiger Prägung in eins fällt. 

Den - eiderdautz, wieder einmal: eiderdautz! - die Liberalen ABLEHNEN! Zum Gegenteil, sie sind in der Regel die eifrigsten Verfechter eines ungebremsten Kapitalismus als Folge des Dogmas von der "Freiheit", die Freiheit von allem meint.

Warum ist das so? WEIL ER SIE aus oben bezeichneten Gründen GEFÄHRDET. Weil sie bemerken, daß ihr Zugewinn gar kein solcher war, aber noch so gewertet wird, daß es ihn aber nun in die Exklusivität zu stellen geboten ist, weil er sonst endgültig verwässert. 

Während er für sie selbst noch jenes Pferd war, das sie zu diesem "aus eigener Leistung errungenen Aufstieg" getragen hat. An einen Ort, dessen Türen und Tore sie aber nun rasch schließen wollen. Den sie gerade noch erreicht haben, aber nun ist Schluß. Den sie mit dicken walkwollenen, blick-, geruchs- und schalldichten Laken verhüllen, damit ihre Eigensüchte und Egoismen nicht gesehen werden, die sie mit großzügiger Geste des "ego me absolvo" ins Land des ewigen Vergessens abschieben möchten. 

Und sollte doch etwas vom Müllhaufen, den sie verbergen, noch ans Licht kommen, dann fällt es unter dieselbe Generalabsolution, die sie angesichts des heute Erlittenen - an dem sie, wie gesagt, selbst ihr gerüttelt Maß an Schuld und Ursache zu tragen hätten (sic!) - verdient zu haben behaupten. 


*250321*

Dienstag, 6. April 2021

Gedankensplitter (1076)

Das größte Übel am Liberalismus ist, daß er nicht nur Lügen verbreitet, sondern in sich eine Lüge IST. Denn sein Ziel ist kein positives Programm zu verwirklichen, sondern es ist antinomisch: Es besteht darin, jeden Widerspruch gegen die subjektive Willkür im Keime zu ersticken. Indem dem anderen und allem Begegnenden das Eigensein genommen wird. Das immer Ansprüche hat! 

So sehr, daß man überhaupt nicht von einem Sein der Dinge und damit der Welt sprechen kann, wenn die Dinge (und mit diesem hier stets ontologisch verwendeten Begriff sind auch Menschen gemeint) auch Ansprüche haben, die nicht verhandelbar sind! Die sich aus der Bedingung des Seienden überhaupt ergeben - an einem Ort zu stehen, das heißt ein Knotenpunkt von Beziehungen zu sein.

Liberalismus ist die Lüge der Tugendlosen, der Bequemen, der Menschen mit Acedia (als der seelischen Trägheit selbst), oder auch nur der schlichtweg Faulen, die allesamt mehr oder weniger versteckte Egoismen sind (den offen darzustellen doch noch geächtet ist).

Die Behauptung, daß nichts in der Welt durch scharfe Kontur seinen Ort in der Gesamtordnung HAT, daß überhaupt alles Humane disponibel ist, setzt das eigene Beharren auf grenzenlose und rücksichtslose Bedürfniserfüllung zur generellen Eigenschaft des Menschen. Und wer das nicht zugibt, ist einfach ein Lügner. Oder jemand, der sich halt nicht so gut kennt (wie man selber). 

***

Der VdZ hat nicht wenige Menschen kennengelernt, die sich heute als Liberale bezeichnen. (So, wie sich heute ohnehin alle als Liberale entweder bezeichnen, oder faktisch Liberale sind. So sehr, daß es gar keine anderen Geisteshaltungen mehr gibt bzw. diese zahlenmäßig zu einem Bevölkerungsanteil geschmolzen sind, der in Bruchteilen von Prozenten zu messen ist.) 

Am vielsagendsten über die Natur des Liberalismus sind dabei jene, die aus Arbeiterfamilien stammen, und ihre gesamte Kindheit und Jugend im sozialdemokratischen Milieu verbrachten, wie es noch von ihren Eltern selbstbewußt vertreten worden ist. Deren Kinder sich sogar selber noch zu Beginn ihres Studiums als Links oder Sozialistisch bezeichnet haben. Die aber dann, eiderdautz, sobald sie "sozial aufgestiegen sind", ihre Bildungszertifikate in der Hand halten und ihrem "durch Leistung errungenen Recht" gemäße "Führungspositionen" erhalten haben, "toleranter" geworden sind. 

Weil sie nun liberaler geworden sind. Und das heißt angeblich weniger "eng", und was es noch an Unsinnsprädikaten für diese Aufweichungsgebote gibt, die im Liberalismus immanent sind, und die allem Widerständigen - und das ist nunmehr alles, das sich selbst noch als Identität sogar explizit behauptet - entgegengebracht werden, und diesen Anspruch mit der Behauptung höchster Moral umkleiden.

Und in einer Kultur der Auflösung, der Nichtung, ist tatsächlich das Gebot zur Auflösung, also der Liberalismus, höchstes Moralgebot. Weil Moral auf Erhaltung ausgerichtet ist, also auf Identität, die wirklich solche ist. Die somit als Identität fundamental jedem Liberalismus entgegensteht, und diesem niemals beitreten, diesen als gleichberechtigem Anspruch aber niemals neben sich dulden kann ohne ihn als das zu begreifen, was er ist: Feind, ja Todfeind.

***

Wenn wir von Studium sprechen, dann meinen wir das von eben dieser Sozialdemokratie verschleuderten, zur Volksverwirrung der Allgemeinheit "zugängig gemachten" Universitäts-Schullehrgänge, die lediglich den Zweck hatten und haben, sozialen Aufstieg zu ermöglichen. 

Nicht durch Bildung, sondern durch die Ansprüche, die sich aus Zertifikaten ergeben. Die gegen jede echte, innere, wirkliche Bildung auch jenen den Stand der Gebildeten zusprechen, und diesen sogar gesetzlich absichern. Und damit gegen jede (auch von ihnen selbst so gefühlt; machen wir uns nichts vor) Wahrnehmung der Umwelt eine Behauptung, Rang, Geltung und Autoritätsanspruch einer gewissen (vorgetäuschten) Gestalt durchsetzen können.

Aber wir müssen das noch schärfer weil umfassender, ganzheitlicher sehen. Mit der Massenuniversität wurde kein Aufstieg der früher "unteren" Schichten der Bevölkerung erreicht. Der war auch gar nie intendiert. Sondern es wurde der dieser Klasse übergeordnete Stand zerstört. Zerstörung, nicht Auferbauung war das Ziel des "allgemeinen, hürdenlosen Zugangs zu Universitätsstudien." 

Die man als "Chancengleichheit" bei der Verwirklichung von "Talenten" verkauft hat. Alleine in diesen Begriffen findet sich aber ein wahres Feuerwerk an Begriffsverwirrtheit und Lüge.

***

Kaum eine soziale Gruppe aber, die die neu gewonnene Klasse der Aufgestiegenen mehr gegen alle Gefahren absichert, ja: offensiv absichert, das heißt: präventiv. Kaum eine soziale Gruppe, die mehr darauf bedacht ist, sich sofort gegen alle "unteren" abzusichern, und kaum eine soziale Gruppe, die eifriger am Bann arbeitet, überhaupt noch zu erkennen: Am Großziehen des Hochmuts und der Arroganz.

Vorwiegend jene sind und werden deshalb "liberal", die etwas zu verlieren haben, von dem sie selber wissen, daß es ihnen entweder überhaupt nicht zusteht, oder das sie sich mit Gewalt und unter vielerlei Opfer der Umwelt widerrechtlich angeeignet haben. 

Genau dort kippt dann der Liberalismus auch zur rücksichtslosen Gewaltanwendung. Genau dort wird der Liberale zum Vertreter strikter staatlicher Gewalt gegen alle jene, die die Gefährdung ihres Anspruchs gefährden. 

Am erheiterndsten fand der VdZ dabei einen Spruch, der vor ein paar Jahren aufkam. Mit "Keine Toleranz den Intoleranten" wurde vorbeugend dieser Forderung nach Gewalt, die im Widerspruch zum ursprünglichen Anspruch steht und genau die hier beschriebenen Motivzusammenhänge zeigt, in eine vernebelte, irrationale Hausverstandskategorie zu heben versucht. Welcher Zug dann sämtliche Liberalen aufgesammelt hat, die ein wenig ratlos angesichts der einbrechenden Realitäten herumgestanden sind. 

Realitäten, die im übrigen - auch - die Frucht ihres eigenen Verhaltens sind bzw. waren: Die Rede ist hier von der 2015 allzu offensichtlich überbordenden Migration. Der Spruch ist deshalb nicht zufällig auch ... 2015 im öffentlichen Diskurs aufgetaucht. Und wurde sofort heftig akklamiert, und von erlöstem Aufatmen nach oben geblasen.


*250321*

Montag, 5. April 2021

Gedankensplitter (1075)

Das Heidentum (und im speziellen das Neuheidentum) ist wie alle Häresien und Abspaltungen, aber auch das neue Judentum (das nach Christus neu gegründet wurde), deshalb als Versuch zu werten, diese eigene Wahrnehmung zu verhüllen. Sich selbst zu verblenden!

Heute umfaßt der Talmud siebenundsechzig Bände. Darunter Stellen der Schmähung Christi, die so unerträglich sind, daß sie nicht zitiert werden sollen. Von denen sich aber das spätere oder heutige Rabbinertum nie distanziert hat. (Etwas, das von der Bibel, vor allem aber vom Koran, in deren als gegen das Judentum zu interpretierende Stellen längst gefordert worden ist. (Da könnte man vor allem das gesamte Johannes-Evangelium samt den Paulus-Briefen als "tendenziell antisemitisch" stornieren.)

***

Es gab eine Reihe von (geschichtlichen) Ereignissen, die dem geschichtlichen Tod und der Auferstehung Christi gefolgt sind. Nur wurde von allem Anfang an von vielen versucht, dies zu vertuschen, und die Zeugen mundtot zu machen. Aber es gibt Zeugen, die über den Kreis der Pharisäer und Schriftgelehrten hinausgehen, es gibt außenstehende Zeugen. 

Etwa die Wunder, die passiert sind, als im Mittelalter versucht wurde, den Tempel in Jerusalem neu zu errichten. Als man ans Fundament ging, öffnete sich plötzlich die Erde, und durch den Spalt schossen Flammen, die alle Nahestehenden töteten. Auch am folgenden Tag wurde es versucht, mit demselben Ereignis. Das viele mit riesigem Entsetzen erfüllt hat.

Aber unmittelbar nach Christi Tod, und bis zur Zerstörung des Tempels gab es über vierzig Jahre eine Reihe von höchst merkwürdigen Ereignissen, die Ianto Watt als "Anti-Wunder" bezeichnete. Weil einige bislang jedes Jahr geschehene Wunder, die als Zeichen gewertet wurden, daß Gott mit den Juden ist, nicht mehr geschahen. Als Zeichen, daß das Neue das Alte überwindet.

Das ging bei den meisten dieser neuen Wunder/Anti-Wunder, die historisch gut belegt sind, bis zum Jahre 70. Als die Römer einmal mehr einen Aufstand der Juden niederschlugen, und es immer gründlicher machten, weil es nicht aufhörte. Bis zur Vertreibung nach dem Bar Kochbar-Aufstand im Jahre 135, wo die Römer versuchten, das Judentum, diese durch geistige Subversion sogar große Gefahr für das Römische Reich, als die es manche sahen, ein für allemal auszulöschen. Das bedeutete auch die Vertreibung aus Palästina, die Diaspora. Nur einige alte, zur Fortpflanzung unfähige Leute durften bleiben.

***

Das Zeichen, das dem VdZ am besten "gefällt" war, daß seit der Kreuzigung Christi die Tempeltore (allen Zeugnissen nach riesige, schwere Tore) jede Nacht aufschwangen. Wieder und wieder versuchte man sie zu schließen und verschlossen zu halten, wieder und wieder, jede Nacht, schwangen sie auf. Als Zeichen, daß Gott den (alten) Tempel, in dessen innerster Kammer "Gott selbst" wohnte, und den nur einmal im Jahr, zum Paschafest, ein ausgewählter Priester betrat, verlassen hat.

***

Von wem versucht? Natürlich vor allem von denen, die dem Papier nach noch "Juden" waren. Dem Papier nach. Denn wer wirklich Jude war, wurde nun Christ genannt. Genannt! Denn das wirkliche Judentum - die Schriften des Johannes sind voll von solchen Verweisen - ist in Christus erfüllt, also nahtlos ins "Christentum" übergegangen. Das deshalb und in dieser Hinsicht eine kontinuierliche Linie (auch in der Liturgie ist das eindeutig) zum Judentum bilden, ja dieses "sind". 

Was dann folgte, war eine Neugründung. Die vor allem von den Schriften ausging, die eine neue Lehre, eine neue Religion begründet haben. Die sich intellektuell immer mehr vom eigentlichen Judentum wegbewegt hat, und - das war der Grund zur Unzufriedenheit, die sich in exakt derselben Weise zur Zeit Jesu abgespielt hat und der Grund war, ihm nicht zu glauben, ja, ihn als massivste Provokation Gott selbst gegenüber (Nun handele, nun zeig Dich als geschichtlicher Herrscher und Volksernährer wie -befreier!) ans Kreuz zu schlagen.

Weil in der Kreuzigung Christi der wesentlichste Teil der Torah (das weitgehend identisch mit dem ist, was wir Altes Testament nennen) ebenso verneint wurde - die Torah weist als Ganzes auf Jesus Christus hin, erfüllt sich in ihm in allen Teilen, ja erhält erst dadurch überhaupt Sinn, ist erst durch Jesus Christus überhaupt zu deuten! - gewann die Interpretation immer mehr Bedeutung. Die so gestaltet wurde, daß möglichst keine Lücke auftrat, die noch Raum für Jesus Christus läßt. Somit gewann der Talmud immer mehr Bedeutung, wurde immer umfangreicher, bis er die Torah überhaupt ersetzt hat. 

***

Diese Unzufriedenheit mit dem (eigentlichen, abrahamitisch-mosaischen) Judentum hat sich bereits in der vierzigjährigen Wanderung auf Sinai gezeigt. Wo das Volk, angetrieben von einzelnen Priestern, immer wieder zu dieser "neuen Religion" abgefallen ist. Das sich heute Judentum nennt, ohne daß es irgendjemandem auch nur annähernd möglich wäre, das verbindlich "als Judentum, für alle gültig" zu definieren. Die ältesten Schriftteile der Kabbalah (manche meine sogar, daß der Talmud in seinen ersten Teilen darauf zurückgeht) stammen angeblich auch aus dieser historischen Zeit.

Aus Opferpriestern wurden aber fortan Schriftgelehrte. Aus einer Opferreligion (die kein Opfer mehr hat, denn das ist nur im Tempel in Jerusalem möglich) wurde eine gnostische Lehre.

***

In dieser Abgrenzung war das Christentum eindeutig und neu. Das in seinem tiefsten Sinn keine Lehre ist, sondern ein Geschehen des Wirklichen. Somit ist das Stehen des Menschen in einer Welt vor Gott eine Begegnung von realen Gestalten. Womit wir beim Ausgangspunkt der letzten Überlegungen wären. Denn mit der Inkarnation Christi, in der er die Welt stellvertretend vor Gott Vater hineinnahm, hat er sie über sein Leiden erlöst. 

Das ein Leiden an allen Sünden der Menschen war. Und Sünden zu allen Zeiten, weil Gott zeitlos ist und somit alles in sich trägt. Deshalb konnte das auch nur ein Gott, und das wissen oft die Heiden am besten. Die nicht das Bedürfnis nach Erlösung unterscheidet, sondern daß der Christ alleine den real präsenten Gott als Ansprechstation hat.

Weil dieser fortan wieder unter jenen Menschen wandelt, die ihm qua Taufe in dieser neuen Welt, die man nun "Kirche" nennt, ganz real zugehören. Und fortan, wie Adam und Eva, in jenen unendlich schönen, freudvollen Hainen wandeln, in denen sich auch Gott ergeht. Ab und an, wenn man ihn gerade einmal trifft, ergeht er sich vielleicht, vielleicht ... als Gärtner.


*240321*

Sonntag, 4. April 2021

Frohe Ostern!

 

Der Verfasser dieser Zeilen (VdZ) wünscht

auch im Namen seines kleinen Teams von Mitarbeitern und Zuarbeitern 

- diesen einmal mehr ein aufrichtiges Vergelts-Gott! - 

allen regelmäßigen wie nicht regelmäßigen Lesern dieses Blog,

der ambrosius.konnotationen


denen gleichermaßen für ihre Treue, für ihr Wohlwollen, für ihre großherzige Unterstützung durch Gebet wie praktische Hilfe,

worunter nicht zuletzt Zuwendung in Form von Geld zu nennen ist, 
ohne das es nicht geht, ein Blog wie dieses zu betreiben,
mit in dreizehneinhalb Jahren veröffentlicht gehaltenen 10.000 Beiträgen,
die helfen sollen, durch alles Alltags- und Gegenwartsgeräusch hindurch das Bleibende, das alles letztlich alles immer doch Tragende und das, verglichen mit dem Herantretenden Bedeutendere zu sehen,
so sehr dieses auch Aufmerksamkeit und Energie beansprucht und vor allem: so gefinkelt, so subtil es seinen wahren Charakter zu verbergen sucht,

ein

Frohes, Segensreiches, Gnadenvolles Ostern 2021

***

Als kurzes Nachläufsel, das einen kräftigen Zug von jenem Geist gewährt, den wir ihn alle so dringend brauchen, sei ein sinngemäß übertragenes Statement eines österreichischen Politikinsiders angefügt, das dieser vor einigen Tagen im Fernsehen abgeliefert hat: 

"Nach der Fleischweihe zu Ostern kommt seit immer schon die Familie zusammen, die Tant', die Nichten, die Neffen, die Kinder, der Schwager, und dann wird gefeiert. Und die Regierung kann mich kreuzweise."


*240321*
Die Zeiten sind hart. Auch für den VdZ

Samstag, 3. April 2021

Gedankensplitter (1074)

Was theologisch eindeutig ist, was philosophisch eindeutig belegbar ist (denn Philosophie kann nur hinweisen, verweisen, sie kann die Wahrheit selbst nicht definieren, ist im wahrsten Sinn Magd, werkzeuglich, dienstlich) findet sich im alltäglichen Glaubensleben kaum noch. Und wo es in formalen Fragmenten noch da ist, wird man das Gefühl nicht los, daß es nicht mehr wirklich geglaubt wird, die befruchtenden Wurzelwasser also bereits fehlen. 

Gerade bei sogenannten "Traditionalisten", wie sich die Besucher der "Alten Liturgie" gerne nennen, ist der Hochmut die vielleicht häufigste Erscheinung. Glauben wir wirklich (noch), daß alles, buchstäblich alles, und das heißt: Alles Geschichtliche, alles Seiende, alles was ist (indem es auf Gott zu isset), von diesem Gott am Kreuz abhängt?

Die gesamte Evangelisierung Europas hat sich jedenfalls darum gedreht: Glaubten die Heiden, die in diesen unseren Ländern gelebt haben, unsere (damals noch nicht, heute nicht mehr bekehrten) Vorfahren also, daß alles von der Erlösung durch den am Kreuz hingeopferten Gottmenschen abhängt. Glauben wir's? 

Kein Gutmenschentum, keine noch so "gute" Tat hat Wert, wenn sie nicht durch das Lamm Gottes vor Gott getragen ist. Da spürt man im Grunde nix, das geschieht geistig, im ontologischen Gefüge der Welt nämlich. Es geschieht mit dem Schlüssel, dem Gehorsam als Aufgabe jedes Eigenwillen in der Hand, in der Herzenseinigung mit Jesus, in diesen wir dann hineingenommen wurden und werden. Ein Akt, der im realen, also real geschehenen Schritt der Taufe angelegt sein muß, und nur deshalb möglich wird. (Von der Begierdetaufe mag ich nicht reden, sie ist zum einen vermutlich extrem selten, wenn auch im Sterbeprozeß möglicherweise recht häufig, auf daß der Liebe Herrgott seinen Himmel vollkriege,)

***

Das sogenannte "Neuheidentum", mit dem wir es heute zu tun haben, ist immer von Hochmut getragen. Als Verweigerung des Gehorsams. Aber vor allem - aus Angst! Es ist deshalb eine Flucht vor der eigenen Schuldhaftigkeit, und seine Liturgien sind immer Handlungen, die den Teilnehmenden das Selbstgefühl der Geheiltheit und Erlöstheit vermitteln. 

Wie viel es doch dadurch mit Protestantismus und allen diesen evangelikalen, pfingstlerischen Charismatismen, die auf erschreckende Weise bereits das Katholische durchfault haben, zu tun hat. Die von demselben Subjektivismus (das Gefühl als Grundlage des Urteils) ausgehen.

***

Nur in der Not wird es noch eindeutig. Da beginnt der Mensch wieder zu erwarten, zu hoffen, auch weil ihm das, was ihm fehlt, zu deutlich vor die Augen steigt. Umso leerer und irrelevanter wird die Losung der Aufklärung. In diesem Liberalismus spielt sich da gar nichts mehr ab, wenn es drauf ankommt. Man sieht es doch mit dem Krückstock - wenn es drauf ankommt, werden die einen Liberalen runzeldifutz um des einfach sonst nicht kommen wollenden Bessern willen zu Diktatoren, die anderen schießen sich eine Kugel durch den Kopf, und der größere (aber verschwiegene) Rest bekehrt sich endlich. 

Und ist froh, nicht mehr pausenlos gegen sich selbst Wache stehen zu müssen. Sagt adies zu dieser Seinsschwächung, in der ihm die Welt verborgen geblieben ist. Weil sie im Liberalismus zum nutzigen Putzfetzen wird. 

Vor allem aber weil Seinsschwächung nicht einfach einen fundamental anderen, rationalistischen Zugang zur Welt als "das andere" bedeutet, wie vom Liberalen behauptet, damit er als Weltanschauung auch ernst genommen wird (und nicht nur als gar nicht definierbare Legitimierung seiner Willkür und Begierde; rede man doch mit Liberalen! Jeder Liberale hat eine andere Anschauung, je nach subjektivem Bedarf eben, sondern ein "anderes", dem man Autorität geben müßte, um es im Staunen als Ganzes inhalieren zu können, gar nicht mehr kennt.

***

In Wahrheit ist die Frage, wie Gott aussieht, wie der Gottessohn aussieht, eine Scheinfrage. Ich bin sicher, daß wir es wissen. Daß wir deshalb augenblicklich, wenn er vor uns steht, wissen, daß DIESER DA GOTT IST. Und zwar aus seiner Gestalt! Aus seiner Erscheinung! Als Objekt der körperlichen Sinne, sozusagen (die freilich ohne Geist blind und taub), bloßes "Geräusch" bleiben.

Siehe Cochlea-Implantat bei Säuglingen, die nur "Rauschen" haben, also keineswegs "hören" - bleiben.

Sodaß alles unser Verhalten auch eine direkte Antwort auf das ist, WAS WIR KENNEN. Weil wir es sehen. Weil uns die gesamte Schöpfung so deutlich von Gott erzählt, ihn darstellt, ihn in seiner Charakteristik erkennbar macht, ihn durch das von Gott ausgegangene Wort ("Name") von Mensch zu Mensch weitergegeben, uns dieses geistige Sehen von Anfang an gegeben hat. Das wir prinzipiell nur im Empfangen uns "aneignen" können, auf das wir also nicht selber kommen können. 

Erkenntnis ist also völlig anders, als die Aufklärung behauptet hat. (Und nach deren Vorgabe die sogenannte "Naturwissenschaft" seit hundertfünfzig, zweihundert Jahren sucht - ohne diese je bestätigt gefunden zu haben, ohne, daß man der Logik Gewalt antut und vor allem in frei erfundenen Legenden, im behaupteten autoritativen Range des Mythos, ausweicht.) 

Erkenntnis ist eine über das gegebene Wort geschenkte, geschenkhafte und gewährte Teilhabe an der Wahrheit als Grundstruktur und vor allem -grammatik, als dem lebendigen, letztlich und in der Wahrheit vom Heiligen Geist getragenes weil letztlich innertrinitarischem Zueinander als Grammatik der gesamten Schöpfung, ja des Kosmos. Sie ist insofern also "dialogisch", weil sie den Rahmen wie Boden der persönlichen Beziehung zur Wahrheit selbst braucht.


*240321*

Freitag, 2. April 2021

Gedankensplitter (1073)

Liberal heißt, nicht vom Sein auszugehen, sondern von der Funktion. Nicht von der Gestalt, und die Welt als Gestaltgefüge zu sehen, sondern als technische Maschine, die entsprechend funktioniert und beherrschbar ist. Man sieht dann die Welt völlig anders, sie zerfällt einem regelrecht. Denn ganz und heil bleibt sie nur, wenn man - wie im Traum - in einem Gestaltgefüge lebt, und bei allem, was man tut, diesen Ort (also: diese Gestalt) zu sehen, und nur sie. Daß es nur darum geht, daß alles seinen Ort hat, seine Ordnung, und daß somit von dort her alles ausgeht, was zu tun ist: Vom Sein, das das Handeln bestimmt.

Er hat engstens mit der Aufklärung zu tun. Und ist auch in dieselbe Zeit zu verankern, das heißt, daß er uns seit zweihundert, zweihundertfünfzig Jahren programmatisch zu durchsäuern begonnen hat. Ausgegangen ist er vom 13. Jahrhundert, ich bin sicher, dort wurden die Weichen erstmals durch die Politik, durch gezielte Veränderungen der Kulturinstitutionen, so gestellt.

Die Welt ist dadurch zerfallen, weil die Dinge zerfallen sind. Weil das Gesamte weggenommen wurde, verdunstet ist. Ein Teufelskreis. Je mehr das Außen, das Gesamt verdunstet, desto mehr richtet man sich aufs Einzelne, um es noch zu befestigen.

***

Als die entscheidende Folge ist seit dem 19. Jahrhundert eine Veränderung der Haltung der Menschen in dieser Kultur erfolgt. Sie haben von einer Haltung des Erwartens, des permanenten Bitt- und Flehensgebetes, aus einem Erfahren der eigenen Unfähigkeit, sich selbst in den Himmel zu tragen, zu einer Haltung des Beherrschens gewechselt. Das wurde zur Grundstimmung in dieser Kultur, und das war ihr Todesgift.

***

Dasein ohne Schuld, ohne Verschuldung, ist ein Dasein ohne Verbindlichkeit. Dies ist zur Form der Freiheit geworden, um die es der Aufklärung "geht". Eine Freiheit, die nie aktualisiert wird, weil sie sich nie realisiert. Denn das tut sie erst in der Verbindlichkeit, die ich auch verneinen kann. Die in dem Sinn kein Zwang ist, aber eine Notwendigkeit, der ich folgen kann.

So wird begreifbarer, wenn man denn sagt, daß es ohne Verbindlichkeit überhaupt keine soziale Einheit gibt. Ja, ohne Verbindlichkeit wird das soziale Bedürfen des Menschen - das als Bedürfen auf die Verbindlichkeit hinweist! - frustriert. Es gibt keine Gesellschaft als Gemeinschaft ohne Verbindlichkeit, also ohne Schuld. Und insofern haben die Geldtheorien recht, die darauf hinweisen, daß es nicht Gold oder Vermögen ist, das Geld schuf, sondern soziale Verbindlichkeit, also Schuld.

Geld kann nur dort bestehen, wo es wechselseitige Verbindlichkeit gibt. Und das ist der Kern jedes Gesellschaftlichen: Es ist die Bereitschaft aller Teilnehmer, sich jederzeit und gegenüber allen zu verschulden. Weil man selber darauf vertraut, daß der andere ebenso eine Verbindlichkeit eingeht, indem er mir eine Leistung erbringt, um die ich ihn bitte, und deren ich bedarf.

Das ist der einzige Boden, auf dem Geld als Ausdruck dieser wechselseitigen Verbindlichkeit und des wechselseitigen Vertrauens - das ich mit dem Übergeben eines Geldstückes an den anderen besiegele - Sinn hat. Wo dieses Vertrauen, daß der andere zuläßt, daß ich ihm verbindlich bin (weil er mir etwas leistet), das ich mit einer höchsteigenen Leistung erfülle, besteht. Fehlt es, entstehen alle die Erscheinungen in Zusammenhang mit Geld, die wir kennen. Inflation oder Deflation (als Mangel an Verbindlichkeitsbereitschaft) sind somit Erscheinungen der Schwäche sozialer Netze, die zugleich der Geltungsraum von Währung (Geld) sind.

***

Das war eine der wichtigsten Erfahrungen in meiner Zeit der Bekanntschaft mit der (russischen) Orthodoxie: Ich habe dort diese Haltung des Empfangens, des Erwartens noch deutlich erkannt, die jene hatten, die an den Gottesdiensten teilnahmen. Etwas, das der römischen Liturgie mittlerweile fast völlig fehlt. 

Die auch in der sogenannten "Alten Liturgie" übrigens nicht da ist. Die einem vielmehr wie eine der vielen Vorstufen zur Liturgie (mit dem Trienter Konzil beschleunigt, behaupte ich) erscheint, wie wir sie heute vor Augen haben. Und die die in ihrer (umfassend gemeinten) Architektur die Gesamthaltung der Menschen dermaßen deformiert, daß diese heilsunfähig und damit taub und blind gemacht werden. 

Werden können, muß man hinzufügen, weil es stark von den individuellen Bedingungen, vor allem auch von der konkreten Architektur der Kirche abhängt, die man besucht. Ich habe bei meinen (dienstlich bedingt) häufigen seinerzeitigen Besuchen in Pfarren einer österreichischen Diözese festgestellt, daß die Art der Kirche auf die Art des Glaubens der Menschen dort Rückschlüsse zuließ. Nicht immer klar in Worte zu fassen, aber immer zumindest atmosphärisch.

***


*240321*

Donnerstag, 1. April 2021

Im Bemühen, den richtigen Nagel zu treffen (3)

 Teil 3) Ungarn sowieso.


Ungarn sowieso. Das gibt halt gerne bei Themen, wie sie Polen der EU an den LGBT-Latz gepatzt hat, seinen rhetorischen Senf dazu. Aber man wird vor allem dort die Praxis abwarten müssen. Weil die in Ungarn gerne einmal dem verlauteten Ziel sogar widerspricht. Wie bei der vielgepriesenen Familienförderung (und, mit Verlaub, katholisierende Personen oder Gemeinschaften im Westen lassen sich meist schon durch Henkel-Begriffe spielend leicht triggern; der Heilige Geist ist leider gerne woanders zu Hause, auch wenn sein Lager noch warm ist.) Ungarn verschüttet als "Politik" bestenfalls jede Menge Geld. Buchstäblich. Aber Geld, das nicht dem Standeswesen entspricht weil dessen Seinsspannung adäquat ist, hat einen für jedes soziale Gefüge auflösenden Effekt. Sodaß Ungarns Politiker in obigem Sinn gerne einmal "schizoid" sind. 

Man denke an die "Familienförderungsmaßnahmen" der letzten Jahre, die Viktor Orban gerne ins Schaufenster stellt, will er bei Konservativen punkten. Damit sollen Frauen angeregt werden, Kinder zu kriegen, Paare, sich das Ja-wort zu geben. Aber damit wird alles andere gemacht als "Familien" gefördert. Weil solche nur solche im eigentlichen Sinne sind, wenn sie auf der Ehe aufbauen. Die zwar in Ungarn per Verfassungsrang als "Gemeinschaft von Mann und Frau" definiert ist, und die sogar - welche perfide Selbsttäuschung! denn Irrtum in der Sache ist immer vor allem das! - auf der "Ehe" gegründet sein solle. Aber ist jedes Paar aus Mann und Frau, das sich vor dem Standesbeamten das Ja-Wort gibt, auch ein Ehepaar!

Herrschaften ... nein. Somit sind auch die ungarischen Verfassungsgesetze nur als präventive Maßnahme gegen allfällige und bei zukünftigen Machtwechseln realistisch zu erwartende Zersetzungsmaßnahmen sehen kann. Denn an sich ist es Unsinn weil Tautologie. 

Aber das reicht noch nicht, um eine Ehe im Wesen zu beschreiben, ja ist weniger als zu wenig. Ehe ist, wenn sie sein will, weit mehr als "Mann und Frau," die es sich dann ausschnapsen. Sie ist auch keineswegs einfach ein "Vertrag" zweier gegengeschlechtlicher Menschen, sagen wir: Mit Rechten und Pflichten (wo es für die Männer übrigens ganz schlecht aussieht, das nur nebenbei.) Sie ist vielmehr der Eintritt in einen Ort mit und unter bestimmten Bedingungen, die dem Wesen der Ehe gemäß sind. 

Und dieses ist (hörthört!) ein hierarchisches Zueinander von Mann (als Haupt) und Frau (als Leib.) Trage man DAS einmal den Menschen vor, Herr Orban, und DANN können wir von Familien sprechen. Vorher - nicht! Vorher ist alles eine Mogelpackung, das verhüllen soll, daß zwar der Berg kreißte, aber ein Mäuslein entsprang. 

Entsprechend ist der Pallerwatsch, der aus diesen Familienförderungsmaßnahmen angerichtet wurde, vorhersehbar und schon heute aussagbar, nur ist hier nicht der Platz dafür. 

Und entsprechend vorsichtig wird man sein müssen bei der Beurteilung des polnischen Vorstoßes, der sich gegen LGBT richtet. In der Praxis wird sich erst das wahre Motiv erweisen: An dem, was wirklich bewirkt wird. Und das zeigt sich (wie bei Impfstoffen) erst nach einer langen Reihe von Jahren.



*Die ersten richtig guten Untersuchungen dazu in den letzten vierzig Jahren, die nach wir vor ihre Gültigkeit haben, finden sich in den Publikationen des Niederländischen Psychiaters Gerard van den Aardweg. Sein "Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen" ist nach wie vor ein großartiges, erhellendes und die Homosexualität substantiell begreifbar machendes Buch. Der durchschnittliche Bildungsstand der Allgemeinheit in diesem Bereich ist immer noch dermaßen niedrig (weil ignorant, von Zeitgeistmoral-Imperativen blockiert) daß diese mittlerweile vierzig Jahre alte Untersuchung kaum bekannt ist. Dabei würde der Hausverstand (der VdZ hat es schon häufig beobachten können) aufatmen, und Menschen mit Hausverstand sind von sich aus häufig bereits auf dieselben Schlüsse gekommen, die ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen erhellen. 

²Man sieht es an der "Ehe für alle". Bei der es um eine prinzipielle Diskussion geht, die gewiß gewiß sehr wichtig ist, die aber in der Praxis überhaupt keine Bedeutung hat, die der medialen Lautstärke auch nur annähernd entspricht. In Österreich etwa werden heute pro Jahr keine fünf Dutzend "Ehen Homosexueller" abgeführt! Und selbst in dieser Zahl sind noch etliche Scheinpatienten, bei denen es um etwas ganz anderes, viel Praktischeres geht. Etwa um Sozialbetrug durch getürkte Partner-Rentenansprüche.

**Damit sind wir sogar exakt in der "geistigen" Grundlage des Liberalismus. Der von der irrationalen Utopie ausgeht, daß sich in menschlichen Gesellschaften immer ein Bedürfnis-Befriedigungs-Gleichgewicht einstellt, sofern man die Menschen sich selbst überläßt. Ein Staat ist somit lediglich eine posthoc-Servicestelle, die bei nicht von Einzelnen erfüllbaren Bedürfnissen erwünscht ist. Sofern jemand Unrecht erleidet (das lediglich das Unlustempfinden bei Nichterfüllung von Bedürfnissen ist) ist er gewissermaßen selber schuld, weil er seinen Bedürfnissen nicht ausreichend Nachdruck verleiht. Wozu ihn die totale Emanzipation der totalen Aufklärung ermächtigen soll.


*230321*