Dieses Blog durchsuchen

Sonntag, 28. September 2008

Wunsch nach dem richtigen Platz

Die Patience enthalte viel politische Theorie, sagte Hermann, während er still eine rote Sieben an eine schwarze Acht legte. Immer schon hatte er seine planlos gesammelten Lesefrüchte zu eigentümlichen neuen Anordnungen gruppiert. Ziel des Spiels wie des Staates sei es, eine gerechte Ordnung herzustellen. Um zu dieser Ordnung zu gelangen, nach der jeder Mensch und jede Karte sich sehne - denn mit dem eingezeichneten Wert sei auch der Wunsch, diesen Wert zur Geltung zu bringen, verbunden - müßten alle zusammenwirken, die Schwarzen und Roten müßten sich dafür verschränken und miteinander verbinden. "Die gerechte Ordnung ist ständisch, denn die Kartenwerte sind nicht gleich, aber es gibt so viele Stände wie Kartenwerte und Menschen, und im Turmbau der Gesellschaft hat jeder Wert, auch der kleinste, seinen unverzichtbaren, zum Bestehen des Ganzen notwendigen Platz. ..." 

(aus: Martin Mosebach, "Eine lange Nacht")





*280908*

Dienstag, 23. September 2008

Wiederkehr der "nuclear primacy"

Die USA wären durch die Stationierung eines Raketen"abwehr"systems in Polen und der Tschechei erstmals seit den 1950er Jahren (erst da hatte die Sowjetunion den Rückstand in der nuklearen Rüstung aufgeholt) militärisch wieder in der Lage, einen erfolgreichen nuklearen Erstschlag gegen Rußland durchzuführen. Deshalb war, was für Europa überraschende Aggression war - die russische Aktion im Kaukasus der jüngsten Zeit - für Rußland ein Befreiungsschlag! Rußland hat so seinen Einfluß am Kaukasus lediglich behauptet, fühlt sich psychologisch bedrängt und militärisch eingekreist.

So Militärexperten im Hessischen Rundfunk. Unter diesem Gesichtspunkt und Zusammenhang müsse man auch die Reaktion Rußlands auf einen Nato-Beitritt der ehemaligen "Satelliten" sehen, womit die Nato erstmals direkt an den Grenzen Rußlands stünde. Dies muß Rußland als Aggression werten, weil es die eigene Position im Eventualfall schwächt! "Strategisch hat, wer Mitteleuropa kontrolliert, den gesamten eurasischen Raum im Griff. Wer die Ukraine kontrolliert wiederum hat den Kaukasus - neuralgischer Energieversorgungspunkt Europas - in der Tasche," so ein britischer Militärstratege. Die EU bräuchte nur die Türkei und die Ukraine integrieren - schon wäre es strategisch Sieger.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch die Prämissen des "Kalten Krieges" erinnern: der nominelle "Friede" beruhte darauf, daß keine der Weltmächte (die weitgehend mit den Mächten mit atomarem Rüstungspotential ident waren, also Rußland, USA und China) in der Lage gewesen wäre, einen atomaren Krieg zu gewinnen, weil kein Land einen erfolgreichen nuklearen Erstschlag hätte führen können: die Reaktionsfähigkeit des Gegners wäre immer noch so weit vorhanden gewesen, als der Zweitschlag den Angreifer in selbem Maß getroffen hätte.

Ein deutscher Rußland-Experte: "Es ist nicht die Spintisiererei eines Putin oder Medwedjew,  sondern die Meinung der Menschen in Rußland: Man fühlt, denkt europäisch, fühlt sich aber durch NATO und EU aus Europa ausgegrenzt. Deshalb die Annäherungen an Asien, die rein strategischer Natur sind."

Dazu noch ein weiterer Hintergrund: die Ölreserven in der Nordsee gehen in absehbarer Zeit zu Ende. Die Abhängigkeit Europas von eurasischen bzw. russischen Energielieferungen wird in jedem Fall weiter steigen. Ersatzlieferanten wie der Iran sind aber für die USA strategisch unerwünscht.

Gleichzeitig würde eine Forcierung der Ölversorgung über die Ostsee oder Polen/Weißrußland Europa von den von den USA kontrollierten Energieversorgungslinien in Eurasien unabhängig (und damit den Einfluß der Amerikaner zunichte) machen ...
"Geopolitisch könnte man die Frage stellen, ob nicht der wahre Konflikt zwischen der EU und den USA besteht: um die Rohstoffversorgung der Zukunft! Die USA hat bereits einmal - in den 1930er Jahren: JAPAN - einem Konkurrenten die Rohstoffversorgung abgesperrt!"

Zur Erinnerung ein paar Stichworte: Weltwirtschaftskrise - New Deal (USA) ... Wir haben uns auf eine seltsame Weise angewöhnt, insofern wirklichkeitsfremd zu denken, als wir aus unseren Urteilskriterien ausschließen, was aber sehr rasch eintritt: daß nämlich ein Entscheidungsträger, ein Land, relativ rasch unter das Gesetz des geringeren Übels kommen kann, und im Sinne eines Überlebens als Gesamtes auch eine militärische Krise riskiert. Man nennt das: Realismus.

Gerade die jungen Menschen Europas scheinen fest überzeugt zu sein, daß ein Krieg nur eine Frage einer kontrollierbaren Moral - und damit sowieso: der anderen - mit einem klar definierbaren Bösen sei.



Wir haben jeden Gedanken, jedes Gefühl dafür verloren, wie sehr die Geopolitik seit über zweihundert Jahren klare Fragestellungen aufgedrängt hat, mit denen wir heute nicht minder als damals - nur in anderen Stadien der Entwicklung - zu tun haben. Und die uns heute bestimmen, wie auf die historischen Entwicklungen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts viel Licht werfen.




*230908*

Automatischer Konkurs

Viel fehlte nicht - und United Airlines wäre vorige Woche bankrott gegangen, ohne daß ein Anlaß vorgelegen hätte. Nur das Eingreifen eines Mitarbeiters, dem die Unregelmäßigkeit aufgefallen war, hatte im letzten Moment den Ausverkauf des Unternehmens verhindert. Grund?

Die automatischen Nachrichtenauswertungen von Google-News hatten auch alte Meldungen, die nicht datiert waren, ausgewertet, darunter diese sechs Jahre alte Nachricht. Nach und nach klickten immer mehr Menschen auf diese Meldung, bis sie zur Top-Nachricht wurde. Die Aktienkurse fielen ins Bodenlose ...

Im Zuge der derzeitigen Wirtschaftskrisen wird auch diskutiert, welche Rolle die automatisierten Börsenprogramme dabei spiel(t)en. Die ja nicht mehr können als Tendenzen zu verstärken bzw. aus der Erfahrung gewonnene Reaktionsweisen auszuführen.




*230908*

Samstag, 20. September 2008

Leben = Was während des Wartens zustößt

Den heutigen Menschen ist jeder Morgen eine neue Enttäuschung: weil sie schon als Kinder mit (medial transportierten) Idealen aufwachsen, die ihrem Lebensvollzug in Leobersdorf, Wien oder Admont niemals entsprechen (welche ewige Wahrheit in der Ähnlichkeit mit dem Geschehen im Don Quijote!) niemals inhärent sind, sie sich also mit dem Gegebenen nie abfinden mögen, warten sie mit ihren Entscheidungen, ob nicht doch etwas Besseres - über Nacht - auftauchte.

Ihre Tage verbringen sie damit, neue Möglichkeiten aufzubauen, wie dieses Ereignis eintreten könnte. Davon zu träumen, was sie dann machen würden. Und diese neue Zeit zu simulieren.

Deshalb wird auch alles verhindert und vermieden, das egal was des normalen, notwendigen Lebensvollzugs definitiv machte! Deshalb wird alles abgelehnt und relativiert und klein gemacht, was eine Entscheidung definitiv machen könnte - der Wert der Ehe ist nicht zuletzt zu nennen. Selbst die Kleidung drückt diese Standesverweigerung aus - es könnte ja noch ein besserer Stand warten! Vielleicht begründen sie es auch mit den Mängeln, mit dem was zur Perfektion noch fehlte, daß man sich auch entschließen könnte. (Und sich damit gar nicht mehr entschließen muß, weil die Sachlage nahezu zwingt.)

Es ist eine Art "Startverweigerung" - sie gehen nie wirklich los, entschlossen, warten lieber im Nestchen. Die Menschen heute starten also nie wirklich. Sie schauen nur zu, wie alles um sie herum läuft, nehmen bestenfalls mit spitzen Fingern mal diese, mal jene Rosine aus dem Flusse heraus. Im übrigen aber - bewahren sie sich auf. Nehmen zähneknirschend in Kauf, was ihnen während des Wartens so zustößt. Weil sich viele Lebensvollzüge (die Sexualität läßt es am deutlichsten spüren) nicht warten können oder wollen.

Es stößt den heutigen Menschen alles nur noch zu, passiert, ungewollt, irgendwie. Schwangerschaften z. B. passieren meist nur noch.

So beenden sie den Tag im Rausch des Unbewußten, fern von sich, und alles vermeidend, was sie zu sich bringt. So fallen sie ins Bett. Und müssen doch am Morgen wieder aufwachen ... nichts blieb.




*200908*

Freitag, 19. September 2008

Hunde

(Titelverlinkung: der Artikel in voller Länge auf Genesisnet)

Schon die ersten Untersuchungen des Genoms von Hunden Anfang der 1980er Jahre brachten die Gewißheit, daß sämtliche Hunderassen weltweit vom Wolf abstammen. Ausgangspunkt des Hundes an sich ist mit größter Wahrscheinlichkeit Ostasien.

In der Studie zeigt sich ferner, daß hoher Selektionsdruck, der sich in Züchtungsprioritäten bestimmter Merkmale niederschlägt, schon nach relativ kurzer Zeit (Jahrhunderten) zu stark veränderten genetischen Gesamtbildern kommt: in denen sich die unter bestimmten Umständen verstärkt, vereinzelt oder gar nicht ausgebildeten genetischen Anlagen ausdrücken. Welche Anlagen sich wiederum ausbilden, hängt bekanntermaßen von der "weiblichen" (mitochondrialen; von der Frau vererbt) DNA ab.

Knapp zusammengefaßt: Während das Erscheinungsbild bei Hunden starke Abweichungen aufweist (was Darwin unter anderem zur Annahme brachte, manche Hunde stammten auch von Schakalen etc. ab) läßt es sich eindeutig als aus einem Genpool stammend klassifizieren. Die Ausbildung vererbbarer (genetisch sich abzeichnender) Unterschiede passiert bereits innerhalb sehr kurzer Zeiträumen.





 *190908*

Samstag, 13. September 2008

Die alles fressende Metaidee

Edmund Burke warnt in seiner Bestsellerschrift "Gedanken über die (französische) Revolution" bereits 1792 vor den dramatischen Folgen der französischen Revolution für die ganze Welt:

Erstmals hat man es nicht mehr mit Auseinandersetzungen verschiedener konkreter Interessen zu tun. Erstmals ist es eine Meta-Idee, die alles Konkrete aushebelt, die an kein Land, an kein konkretes Hier und Jetzt mehr gebunden ist. Diese jedem Staat gegenüber feindliche Religion (wie Burke es bezeichnet) ist an der Idee von Menschenrechten festgemacht, die ihre anarchistischen (anti-autoritären) politischen Implikationen dogmatisiert in sich birgt. Von Menschenrechten, deren Verankerung in einem nicht-absoluten anthropologischen Bezugspunkt liegt, und deren Verwirklichung dem menschlichen Verhalten, und zuvor noch dem Zustand der Sittlichkeit anheimgestellt ist. Damit hat die Aufklärung den Charakter einer sich zur Religion ereifernden, eine solche werdenden Bewegung erhalten.

Bereits in den ersten konkreten Prognosen hat Burke auch völlig recht behalten: in der Vorhersage der jakobinisch-totalitären und aus ihrem Wesen heraus grenzenlosen Terrorgewalt. (Die den Kommunismus Stalins vorwegnahm, dessen Verwirklichung 1793/95 im letzten Augenblick verhindert wurde.)

Übrigens: wir meinen heute vielleicht, daß Bestseller ein Begriff der Jetztzeit sei. Es mag um noch kürzere Zeitspannen gehen, gewiß, in welchen sich ein Buch wie das von Burke heute verbreiten und zum Tagesgespräch werden könnte. Aber Burke's Schrift hat sich binnen Wochen in ganz Europa, schließlich bis in alle Weltzipfel herumgesprochen und verkauft, sodaß innerhalb des ersten Jahres zwölf Auflagen mit insgesamt (im ersten Jahr!) 50.000 Exemplaren gedruckt werden mußten. Die Macht des gedruckten Wortes war nicht zuletzt seit Luther bewiesen.





*130908*

Staat ohne Land

Der eigentliche Zerstörungsakt der abendländischen Kultur war (und ist) das Herauslösen der das Konkrete befeuernden Fragen, sodaß die Menschen aus ihrem natürlichen Sein heraustreten müßten, um diese Fragen, die ihrem So-Sein apriori liegen, weil es in den Sinnhorizont stellen, innerhalb welchem nur der Vollzug entscheidend ist, innerhalb ihrer eigenen Gewissensverantwortung selbst zu lösen.

Damit sind sie selbstverständlich überfordert.

In den Erscheinungen des Protestantismus zeigt sich exakt dieser Vorgang, ja sie haben diesen Vorgang zum Inhalt. So wurden die organischen gesellschaftlichen Gefüge auseinandergerissen, füllten mit sich selbst die Bewußtseinsinhalte der Menschen, thematisierten sich selbst zwangsläufig, als Bilder, zur Ideologie erstarrt.

Plötzlich gab es eine alles Konkrete übersteigende Frage, plötzlich wurde das Menschsein aus dem Konkreten - und das heißt: Land, Leute, Beruf, Familie ... Stand eben - herausgelöst, abstrahiert über alles gestellt. Damit zerfiel das Reich, damit zerfiel der Staat (und wurde zur Ideologie), die Region, der Stand, die Familie. (Übrigens: in einer dafür typischen Ausprägung: Preußen! Ein Staat, der sich von jedem konkreten Land überhaupt emanzipiert hatte - und deshalb so federleicht zu einem Deutschland mutierte!)

Plötzlich galt ein Wertegefüge, das kein Konkretes - und das setzt bei der Bindung an den Boden an - mehr benötigte, um die Menschen zum Heil zu bringen: als abstrahierte Moral.





*130908*

Freitag, 12. September 2008

Hunger und Biosprit - weitere Fakten

Der UN-Sonderbeauftragte Olivier de Schutter hat in einer Rede die stark gestiegene Nachfrage nach den Treibstoffen als Hauptursache für die weltweite Hungerkrise genannt. Die von der EU und den USA aufgestellten Produktionsziele für Biosprit hätten zu verstärkten Spekulationen mit landwirtschaftlichen Nutzflächen und Rohstoffen geführt.

...

Der Internationale Währungsfonds IWF schätzt, dass 70 Prozent des Preisanstiegs bei Mais auf das Konto von Biotreibstoff gehen, bei Soja seien dies 40 Prozent. (Anm.: Mais und Soja sind entscheidend für die Fleischversorgung)

...

Der Umweltexperte Gerhard Glatzel von der Wiener Universität für Bodenkultur: "Die Fläche, die für den Anbau von Biosprit-Pflanzen unter Einhaltung der 5,75-Prozent-Beimengung bis 2010 (Anm:: in Europa) benötigt wird, ist nicht vorhanden. Die Katastrophe ist, dass man erneut auf Importe aus Brasilien oder anderen Ländern angewiesen sein wird."





*120908*

Doch, es kann.

Golo Mann zum Vietnam-Krieg:

Verführt wurden sie (die Amerikaner) dazu durch falsche Analogien, durch geschichtsleere Formeln, an die man sich klammert, durch Welt-Unkenntnis trotz allem in der Welt-Herumfliegens, durch die unausmessbare Blindheit der Kriegsfachleute, denen die Nicht-Fachleute, die Provinz-Politiker sich beugen zu müssen glaubten, durch uralten Missionsdünkel, durch brutale Neigungen, Prestigesucht, Rechthaberei und was noch - nur nicht durch die Dialektik des Kapitalismus. So dumm, glauben Hegels Urenkel, kann es in der Geschichte doch nicht hergehen. Doch, es kann.





*120908*

Zwischen Engel und Tier

In den Duineser Elegien setzt Rilke sich mit einem Zustand auseinander, in den die Figurlosigkeit des Künstlers einerseits zwangsläufig mündet, zugleich aber, in welchen Konflikt es gerade durch seine höchste geistige Möglichkeit gerät. Traurig und resigniert nimmt er zur Kenntnis, daß das Menschsein in ihm noch immer so weit lebt, als es ihm Fesseln auferlegt, die das Aufsteigen eines Teils seiner Selbst, der ihm das Eigentlichere scheint, hindert: dem alle Süße entsteigt, die dem Kosten einer Welt entspringt, die uns so offen scheint, und die wir doch nur je durch Fenster erblicken können.

Zwischen Engel und Tier - der Mensch.

...

Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;

das was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen
alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
Engel(sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten.

...
(aus: Duineser Elegien - Die erste Elegie)

Heißt Künstlersein: Auch kein Engel sein zu wollen? Oder mehr: nicht nur Engel sein wollen? Ja: nicht dürfen!





*120908*

Vernunft und vernünftig

Aus der Vernunftstruktur des Kosmos heraus schließt Hegel sohin, daß der faktische Geschichtsverlauf auch nur vernünftig sein kann.

Eigentlich ist mit der Verwendung der Worte Vernunft und vernünftig alles gesagt.





*120908*

Der Becher der Zeit füllt sich langsam

Im Grunde nahm die Hegel'sche Philosphie exakt denselben Weg wie jede Philosophie seither (mit dem vorläufigen Schluß- und Höhepunkt: dem Konstruktivismus, der Descàrtes auf grotesk plumpe Weise vollendet, indem er ihn mit Kant verbindet, und das Erkennen als physischen Vorgang zum Gegenstand des Erkennens macht): sie schied nicht mehr das Faktische vom Ewigen, legte den faktischen geschichtsbildenden Kräften - und damit allen - und Resultaten Seinsbildende Wirkung bei.

Sie hielt nicht für möglich, daß sich ganze Epochen in Schleier hüllen können, daß ganze Geschichtsperioden in die Nebel von Scheinereignissen abtauchen können. Daß es Geschichte gibt, die diesen Namen gar nicht verdient, weil sie gar nicht mehr Sein bewegt sprich: enthüllt.

Mit ihrer größten Gefahr: aus mangelnder Tugend und Ungeduld lieber zu zerstören, greifbare Bewegung und scheinbar Geschichte damit zu schaffen, als den auf diese Weise "verlangsamten" Fortgang der Geschichte zu erdulden.





*120908*

Mittwoch, 10. September 2008

Vererbte Todeswahrscheinlichkeit

Der österreichische Genforscher Markus Hengstschläger, Mitglied des päpstlichen Rates der Wissenschaft, in einem Interview:

...

Was passiert beim Altern?
Grundsätzlich ist das Altern die Anhäufung von Fehlern – im Sinne von Schädigungen in Zellen und deren Erbgut. Diese Fehler können von außen ausgelöst werden, aber auch von innen. Bei jeder Zellteilung passieren Fehler im molekularen Mechanismus, die sich im Laufe des Lebens anhäufen: Die Zelle funktioniert nicht mehr wie vorher. Knochen werden porös, Haare dünn, Haut wird faltig. Und dann kommen die für das Altern typischen Erkrankungen – Krebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie sind überwiegend Konsequenzen des zellulären Alterns.

Sie beschäftigen sich mit der Frage, warum wir überhaupt sterben.
Darwins Theorie beruht darauf, dass bei der Fortpflanzung immer wieder Fehler passieren. Solche Mutationen im Erbgut können von Vorteil sein, dann tragen sie zum Fortschritt der Evolution bei. Sie können aber auch von Nachteil sein. Nachkommen, die ein weniger vorteilhaftes Rüstzeug haben, werden von der Evolution ausgeschaltet. Man nennt das "Survival of the fittest". Die Generation, die sich fortgepflanzt hat, hat keinen Druck mehr, nicht älter zu werden und zu sterben. Es gibt aber auch Tiere, die sich nicht sexuell fortpflanzen und nicht altern. Die Hydra, ein Nesseltier, ist so ein Beispiel. Ihre Nachkommen sind allesamt Klone und haben daher keine Varianten. Wenn sich die Umwelt ändert, können sie nur darauf reagieren, indem sie sich zwischendurch wieder sexuell fortpflanzen – was sie auch können.

...

Wie würde das Gehirn auf Unendlichkeit reagieren?
Grundsätzlich kann man immer dazulernen. Das Gehirn ist aber eine Struktur mit endlichen Verschaltungen. Wahrscheinlich würde man im Fall der Unendlichkeit etwas vergessen müssen oder Prioritäten setzen, um dazulernen zu können. (Anm.: Es läßt sich neurobiologisch zeigen, daß es zu Synapsenbildungen kommt, die unter dem Blickwinkel der "Abstraktion" deutlich Sinn machen.) Dann stellen sich sofort die Fragen: Was vergisst man? In welchem Alter würde man körperlich stecken bleiben wollen? Und wäre es irgendwann nicht furchtbar langweilig, weil man alles schon gesehen und getan hat? Daher glaube ich, daß der Mensch gar nicht unendlich werden will. (Anm.: Seltsam, daß der Mensch bzw. Lebewesen genau den Telos des Evolutionsprinzips nicht wollen soll?) Es gibt nämlich so viele Dinge, die unser Leben maßgeblich prägen, die in der Unendlichkeit bedeutungslos werden: Man würde ein Versprechen nie brechen, auch wenn man es nie einlöst. Alles löst sich auf. Auch die Generationen. Der Mensch ist geistig für die Unendlichkeit nicht ausgerüstet. Heißt: Es entstünde wieder eine durchschnittliche Lebenserwartung, weil die Leute zum Beispiel Selbstmord begehen würden.





*100908*

Dienstag, 9. September 2008

Biosprit statt Brot

Das Agrarinstitut der "Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit" (OECD; siehe: Titelverlinkung) in Berlin prophezeit für die kommenden zehn Jahre einen Anstieg der Lebensmittelpreise um 60%. Grund: die nach wie vor mit EU-Milliarden gestützte Produktion von Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen, bei gleichzeitiger Beschränkung der Produktion, was Importdruck auslöst.

Die europäische Situation befeuert unter anderem in den USA die Produktion von "Treibstoff-Mais", dessen Preisentwicklung einen Löwenanteil an den zu erwartenden Preissteigerungen am Lebensmittelsektor ausmacht.

An den jüngsten weltweiten Preissteigerungen trägt Biosprit einen Anteil, der - je nach Interessenslage der Aussagenden - in Gutachten und öffentlichen Aussagen wohl zwischen 3% und 60% schwankt, laut dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) aber realistisch mit 30% anzusetzen ist.

Insgesamt leistet Biosprit im Endausbaustadium einen Beitrag zur Senkung der Schadstoffemissionen (Stichwort: Klimawandel und CO2) von weltweit 0,8%.





*090908*

Mittwoch, 3. September 2008

Zeugen, nicht schaffen

Eliezer zu Jaakob (aus: "Josef" von T. Mann): "... Da du ihn (Josef, Anm.) zeugtest, kanntest du ihn nicht. Denn der Mensch zeugt nur, was er nicht kennt. Wollte er aber zeugen, wissend und kennend, so wär's Schaffen, und er vermäße sich, Gott zu sein."





*030908*

Zweifel an der Herrschaft Gottes über die Welt

Es schaudert einen, angesichts einer Dimension der Folgen der Lüge, die sich auf den Angelogenen und sein gesamtes Lebensfundament bezieht:

Die Lüge untergräbt im Angelogenen (langfristig auch beim Lügner selbst, denn diesem fehlt zunehmend das Vertrauen in den anderen) auf zerstörerische Weise das Vertrauen in das Sein. Weil es das Wissen, die Vernunft in einen Zwiespalt mit dem Wahrgenommenen bringt.

Sohin beginnt der Angelogene, an seiner Wahrnehmung zu zweifeln, und stürzt fast unabänderlich in Wahn.

Gegenwehr gegen die Lüge - als Gegenwehr gegen den Lügner - ist nur möglich, indem dieser generell aus dem Wahrnehmungskreis ausgeschlossen, also ignoriert wird. (Was manchmal nicht einmal möglich ist - man denke an vom Lügner abhängigen Kinder, denen bestenfalls die Flucht in "Separatwelten" möglich ist.) Der Lügner verbreitet somit Wahn und Verzweiflung am Gut der Welt, der ein Gut nur noch mit Gewalt entrissen werden kann. Während - zugleich mit dem Verlust des Selbststandes, der Abhängigkeit also - die Angst vor dem eigenen Handeln wächst, weil dessen Folgen in keinem Zusammenhang mit der eigenen Vernunft stehen.

Verankert sich dieser Mensch nicht - gnadenhaft - in einer immer weitergehenden Hingabe an Gott selbst, die auf alles Gut der Welt verzichtet, zugunsten der späteren Welt. Dann ist die Lüge des anderen auch mit einer Prüfung zu vergleichen, in der Gott die Welt der Methode und Technik entreißt, um den personalen Charakter der Kommunikation (Welt IST Kommunikation Gottes mit den Menschen) auszuschmelzen. Wobei der einzige Rückzugspunkt noch ... A-Figuralität ist. Wie beim Künstler, beim Priester, beim Philosophen.

In Anklängen findet sich dieser Gedanke im "Josef", dem Alterswerk des Thomas Mann, von dem Golo Mann meint, es sei dessen Entscheidendes, dargestellt: als Jaakob vom (angeblichen) Tod des Josef (durch wilde Tiere) erfährt. Als Zweifel, ob Gott die Welt noch nach Vernunft und Weisheit lenkt, ja ob er sie überhaupt noch beherrscht. Indem das reale Geschehen alles, was Gott gesagt hat, widerlegt. Jaakob sieht es wider die Abmachung Abrahams, dessen Bund mit Gott. Im letzten bleibt ihm sohin nur noch der völlige Weltverzicht.





*030908*

Entflogene Worte

So viele deutsche Worte, immer wieder, die man kaum noch benutzt, ja überhaupt schon vergessen hat ... Ihr Verlust ist ein Verlust an Differenzierungsvermögen in der Kommunikation.

Gleisner - der Blender, der Heuchler; im Wortstamm wohl ident mit gleißen(d), das noch bekannter ist

Haselant - der Narr; von "Hase" im Stamm; ein Wort, das wohl kaum noch jemand kennt.

Gauch (Gäuche, Gauche) = (auch für "Kuckuck") Narr





*030908*

Berufsprobleme einer Wahrsagerin

Vor etlichen Jahren beklagte mir eine Wahrsagerin in Berlin - Karten und Hand - daß sie es nicht leicht hätte: denn bei den meisten Menschen, die zu ihr kämen, sei die Diskrepanz auffällig, die zwischen ihrer Vorstellung von ihrem Leben und dessen tatsächlichem "Kuriositätswert" herrsche. "Die Menschen wollen, daß was Wunder alles in ihrem Leben passiert - und ich sehe einfach nichts, außer banalem Alltag ..." Sie hätten aus Film und Fernsehen Vorstellungen, was ihr Leben nicht sei und vor allem sein könnte, die mit ihrem eigenen Leben aber nichts zu tun hätten, sich nie erfüllten.

Schon gar, weil die Bewertungsrahmen, die ihre Wünsche prägten, im alltäglichen Leben nie vorhanden seien. "Es ertönt keine tränendrückende Hintergrundmusik, wenn sie sich in der Disco in einen Typ verlieben! Sondern es endet dann in Fernsehabenden, Kindergartenproblemen und Berufswechseln, in Scheidungen und dem Tod der Eltern ... was eben so das Leben der meisten erschöpfend ausmacht! Nur ganz selten habe ich mit Menschen zu tun, in deren Leben sich wirklich etwas wie Schicksal und Größe abspielt."

Das mache es ihr nicht leicht, ihre Klienten nicht zu enttäuschen, sie müsse dann sehr viel Phantasie entwickeln, um aus diesen schlichten Lebensläufen etwas zu basteln, das den Wünschen ihrer Kunden halbwegs entgegenkomme, ohne noch gelogen zu sein.





*030908*

Freitag, 1. August 2008

Nicht mal das leistet sie

"Ein kaum weniger fragwürdiger geistiger Bundesgenosse der Demokratie war die fortschrittliche Sozialwissenschaft, so wie sie in einigen Universitäten gelehrt wurde. In der Nachfolge Max Webers, der die Wertfreiheit oder reine Sachlichkeit der Soziologie gefordert hatte, aber kaum mit dessen menschlicher Größe. Auch in der Nachfolge von Marl Marx.
...
In einfachem Deutsch: es kam Ideen und Werten keine Wahrheit zu; man mußte zeigen, welche Interessen sie maskierten, woher sie kamen und warum sie zu vergehen verurteilt waren.
...
Wie konnte man helfen, die geistige Krise zu überwinden, von der man so gerne sprach, wenn alle Glaubensinhalte nur als vergängliche gesellschaftliche Erscheinungen galten?
...
... unfähig, die Dinge zu verstehen, was doch gerade ihr Beruf gewesen wäre, geschweige denn, zu einem Hort des Widerstands zu werden? Um wie viel hilfreicher waren hier die alten Zentren des Glaubens und der Tradition, die christlichen Kirchen."

Golo Mann in "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" über das Versagen der marxistischen Sozialwissenschaften, auch dem Nationalsozialismus gegenüber.





*010808*

Die Leistung der Kunst

"Schöne Gedichte helfen immer, bringen immer etwas in Ordnung, tun der Seele immer gut." 

Golo Mann, wie in einem beschwörenden Appell an die Reinheit der Kunst, inmitten seiner Betrachtungen über die Dämonien der Zwischenkriegszeit in Deutschland, und enttäuscht über die Unverantwortlichkeiten und "sensationsheischenden Arrangements" von Tucholsky oder Brecht.





*010808*

Donnerstag, 31. Juli 2008

Endlich nicht mehr sich selbst gehören müssen!

Endlich in einer Aufgabe aufgehen können, die so offensichtlich weltgeschichtliche Bedeutung hatte. Für die man sich aufgeben konnte, für die all die kleinen und großen Angestellten und Beamten, Arbeiter und Volksschullehrer aus ihrem langweiligen Alltagsleben ausbrechen, dem Leben so viel Sinn und Heldentum geben konnten ... endlich hinaus in den Krieg!

Endlich ausbrechen aus dem Gefängnis der selbstischen Interessen, in das man jahrzehntelang gelangt war. Endlich ein Ziel, das all diese kleinen Leben und Alltage überstieg. Endlich ein Ende mit der Mühe, sich selbst gehören wie verwalten zu müssen. Endlich bewegt werden, und zwar mit aller Rechtfertigung, anstatt selbst bewegen zu müssen. Endlich nicht mehr ... göttlich sein müssen, und doch am Kreuz erhöht sein.

Endlich keine Mühe des Alleinseins mehr. Endlich August 1914.





*310708*

Wenn wir schon mal dabei sind ...

... dann können wir auch gleich bei dem Ersten Weltkrieg anfangen:

Rußland ließ im August 1914 seine gesamte Armee - also auch gegen die "deutsche Front" - nur deshalb auffahren, weil ... kein Plan vorlag, wie eine Teilmobilisierung lediglich gegen Österreich (um Serbien zu unterstützen) stattfinden hätte können. Hätte man nur einen Teil seiner Armee aufmarschieren lassen, wäre auf jeden Fall der Gesamt-Aufmarschplan durcheinander geraten. Immerhin hatte sich ja Deutschland in seiner nächsten Kraftmeierei so demonstrativ hinter Österreich gestellt und dieses zu überzogenen, weil endlich alles klarstellen sollenden Forderungen an Serbien ermuntert. Österreich wiederum meinte, durch diese Demonstration von Entschlossenheit endlich wieder an Stärke gewinnen zu können - nach Jahrzehnten des Verfalls der außenpolitischen Machtposition und daraus folgenden gefährlichen inneren Zerfallserscheinungen fast eine Überlebensfrage.

Wobei: Stärke nach außen zu demonstrieren war für nahezu alle europäischen Staaten zur Überlebensfrage geworden. Denn überall drängten neue Staatsordnungen, kämpften die Herrscherhäuser ums Überleben.

Also argumentierte Rußland, daß Deutschland ja im Grunde ohnehin auch "irgendwie" mit schuldig sei ... und setzte den Gesamtplan um. Eine Gesamtmobilmachung Rußlands dauerte natürlich Monate, weshalb die deutschen Generale, die die deutschen Armeen rascher aufstellen konnten, sich zum Losschlagen gezwungen fühlten - Wien zur Generalmobilmachung aufforderten, und los ging's:

Serbien hätte Österreich elegant düpieren können - weil die Annahme der Bedingungen auch wieder nicht so unmöglich gewesen wäre. Aber nein: der Traum von Großserbien war auch nicht schlecht. Österreich wiederum war schon Jahrzehnte von England alleingelassen worden, Rußland in seiner panslawistischen Phantasie im Balkan in die Schranken zu weisen (deshalb die notwendigerweise starke Bindung an den einzigen Verbündeten, Deutschland) - gemäß der einzigen friedenssichernden Idee, die Europa seit dem Wiener Kongreß beherrschte: dem des Gleichgewichts der Mächte am Kontinent. Das wollte auch England, das ja wußte, daß ein Machtvakuum in Zentraleuropa (durch einen Zerfall Österreichs) fatale Folgen im Wettlauf mit Rußland um die Weltposition haben würde. (Deshalb auch die Ambivalenz in der Haltung Frankreich gegenüber, das als Verbündeter Rußlands fest stand, damit seine eigenen Machtträume gegen England absicherte.)

Ehe Rußland seine Kriegsmaschinerie so richtig entfalten konnte, mußte sein Verbündeter Frankreich in einem massierten Angriff außer Gefecht gesetzt werden ... denn Frankreich würde sicher nicht neutral bleiben, Deutschland wäre an zwei Fronten gebunden. Man meinte also, rasch handeln zu müssen, und erklärte Frankreich den Krieg - denn dort gab es auch längst Kooperationen (mit England), die man als Kriegsvorbereitungen deutete. Im Schliefen-Plan meinte Deutschland, den Krieg rasch beenden zu können - griff über Belgien an (das völkerrechtliche Unrecht würde man nach dem schnellen Sieg wieder gutmachen ...), Belgien wehrte sich wider Erwarten (man hatte nur einen blutschonenden Protest erwartet, zu chancenlos war das Kräftemessen), und damit hatte England seinen anständigen Kriegsgrund.

Alle diplomatischen Möglichkeiten waren mehr und mehr von militärischen Überlegungen erwürgt worden, und schließlich waren ja ohnehin alle überzeugt gewesen, daß irgendwann einmal ein Krieg losbrechen würde ... na dann halt gleich.

Alle, ausnahmslos, wollten den Krieg, zumindest unter der Hand: alle wollten endlich wissen, wie es wirklich stand, mit ihrer Autorität, mit ihrer Macht, ihrem Gewicht in Europa und in der Welt. Alle - bis hinunter zu den Bürgern und Arbeitern - waren nicht mehr zufrieden damit, welche Rolle sie zur Zeit spielten. Also konnte man riskieren, die Ordnung aufs Spiel zu setzen ... Nach dem Motto: mal schauen, was sonst kommt. Endlich diese unerträglichen Spannungen, endlich dieses Irrationale loswerden.

Wie dem Drogenabhängigen die erlösende Spritze, so senkte sich der Krieg über Europa, so enthusiastisch wurde er überall begrüßt.





*310708*

Mittwoch, 30. Juli 2008

Sein Land lächerlich gemacht

"Das Maß von Verachtung, welches uns als Nation im Ausland (Italien, Amerika, überall!) nachgerade - mit Recht! das ist das Entscheidende - entgegengebracht wird, weil wir uns dieses Regime dieses Mannes gefallen lassen, ist nachgerade ein Machtfaktor von erstklassiger 'weltpolitischer' Bedeutung für uns geworden. Jeder, der einige Monate lang die fremde Presse liest, muß das bemerken. Wir werden 'isoliert', weil dieser Mann uns in dieser Weise regiert und wir es dulden und beschönigen ..."

Max Weber über den für die deutsche Außenpolitik desaströs wirkenden Kaiser Wilhelm II. in einem Brief von 1906 an Professor Naumann.





*300708*

Groteske Überlegenheiten

Auffallend und zum Greifen, weil aus heutiger Sicht so übersichtlich, die unzähligen, im Ganzen grotesk irrationalen, phantastischen wie phantasievollen Einzeltheorien, die die Politik der europäischen Staaten in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg dominierten.

Umso bemerkenswerter, daß die heutige Weltpolitik bzw. die Politik der Staaten mit weltpolitischen Ambitionen von recht ähnlichen Auffassungen und Thesen bestimmt ist - am markantesten von jener, daß nur Weltmächte, und zwar: einige wenige, überleben würden, so daß die Staaten zu versuchen hätten, ihren Status als solche zu behaupten.

Die Rolle der Kolonien (speziell in Afrika) spiegelt dabei diese Synthese der Eigentümlichkeiten: KEIN Land Europas verdiente an ihnen, im Gegenteil, allen waren sie große Kosten- und (auch geistige) Ressourcenräuber. Wenn, dann profitierten jeweilige inländische Gesellschaften, wie jene, die Schiffe und Kriegsmaterial lieferten. Doch die Position des überlegenen Europäers, noch mehr: der überlegenen nordischen Rasse (Endländer, Niederländer, Deutsche, Amerikaner ...)





 *300708*

Einzige Rechtfertigung von Eigentum

"... vernichtenden Kritik, welche die Grundbesitzer selber an dem Fortbestand ihres Privateigentums üben, durch das Verlangen, in Gestalt des Getreidemonopols und einer Kontribution ..., ihnen das Risiko, die Selbstverantwortlichkeit für ihren Besitz, seinen einzigen Rechtfertigungsgrund, abzunehmen."

Max Weber um 1900 zur Frage von Forderungen nach Subventionen und Schutzzöllen, die im damaligen Deutschland seitens der Landbesitzer (Junker) und Landwirte erhoben wurden.





*300708*

Die toten Augen

Eine nahezu vergessene Oper - mit einer phantastischen Geschichte. Die Oper von Eugen d'Albert wurde 1916 mit großem Erfolg in Dresden uraufgeführt, seither aber nur noch selten gespielt:

Eine blinde, wunderschöne Frau ist (zur Zeit Jesu) mit einem häßlichen, mißgebildeten und moralisch verkommenen römischen Hauptmann verheiratet. Als sie von Jesu Wirken hört, erreicht sie, daß man mit ihr zu ihm geht, damit er sie sehend mache. Jesus hört sie an, und sagt, daß er ihr wohl den Wunsch erfülle, weil sie es wolle. Aber sie müsse wissen, daß sie noch am Abend desselben Tages ihren Mann verfluchen würde - was sie nicht glauben kann.

Wirklich: sie wird sehend, und eilt heim. Der erste Mann, der ihr begegnet, ist aber der Freund ihres Mannes, denn jener ist außer Haus. Ein gutaussehender Mann, der sie heimlich schon lange innig liebt und begehrt, aber bisher nicht wagte, seinen Freund zu hintergehen. Als sie ihm aber um den Hals fällt, im Irrtum, in der Glückseligkeit, daß er ihr Ehegatte sei, übermannt ihn sein Gefühl für sie, und er beläßt sie in dem Glauben - und gibt sich der leidenschaftlichen Liebe mit ihr hin.

Da kommt der Gatte nachhause, entdeckt den Betrug der beiden, und erwürgt den Freund. Die Frau ist völlig verzweifelt, und das noch mehr, als sie erfährt, daß das häßliche Ungeheuer, das ihr ihr vermeintes Glück stahl und dann davonlief, ihr eigentlicher Gatte sei. Da verflucht sie ihn - und stellt sich in die Abendsonne, die sie so lange anstarrt, bis sie erneut erblindet.

Ihr Gatte kehrt zurück, und pflegt sie fortan hingebungsvoll.





*300708*

Wahnsinnig ob der Verdummung rundum

Es ist grotesk, daß ausgerechnet Nietzsche, der ob der Tatsache regelrecht verzweifelte, daß im aufwabernden Zeitalter des Nutzens, des Zwecks, des Erfolgs und der Macht Deutschland in Vermassung und -ismen verdummte, von manchen dieser Bewegungen als Beleg zitiert wurde. Golo Mann meint, daß es daran liegt, daß Nietzsche in seiner so persönlichen, emotionalen Polemik gegen diesen Tod des Geistes rund um ihn nicht nur Teil dieser Zeitströmung selbst war, sondern so tief involviert wenig mehr darauf achtete, ob seine Polemik nicht widerspruchsvoll war.





*300708*

Samstag, 26. Juli 2008

Das frustriert sogar Gott

"Im Grunde muß Gott verzweifelt und verwirrt sein! Ich stelle ihn mir vor, wie er dasitzt, verdutzt und verdattert, ratlos ... eben hat er gesagt, was er denkt, hat Gerechtigkeit widerfahren lassen. Da kam einer daher, ein Sozialarbeiter, ein Psychologe, und erklärte das, WAS er soeben getan hatte, zu etwas ganz anderem: das sei natürlichen Ursprungs, erklärbar aus dem und dem Grunde, das sei außerdem niemals so gemeint, und schon gar nicht von ihm getan, sondern vom Menschen verursacht, usw. usf. Schon gar dann jene, die meinen, er würde ohnehin niemals strafen. Die erklären, was seine Liebe sei - anders jedenfalls, als er sie versteht.

Das muß ihn ziemlich frustrieren: Da schickt er schon die schlimmsten Katastrophen, eine nach der anderen, und keine bewirkt persönliche Umkehr, bestenfalls neue Verhaltensgesetze! Alles waren angeblich nur Sünden, die man gutmachen, die man vermeiden kann. Zuviel CO2, zuviel Öl, zuviel Stromverbrauch; zuwenig Bildung, zuwenig Wohlstand, zuviel väterliche Gewalt ... Und wo bleibt da er?" 


Roger Atlantov





*260708*

Fin de siècle

"Würde man mich fragen, was das bestimmendste Lebensgefühl der jüngeren Vergangenheit war, ja des ganzen 20. Jahrhunderts, so würde ich sagen: Die Angst, daß morgen nicht mehr geht, was heute noch geht; weshalb ich heute - und wenn es unvollkommen ist - alles ausreize, weil es morgen nicht mehr möglich sein könnte. Das ist die eigentliche Zukunftsangst, der ein Verhindernmüssen der Zukunft zugrunde liegt, das mit jedem Tag stärker notwendig wird: weil die Folgen mit jedem Tag schrecklicher werden könnten. Weil die Welt TROTZ ALLEM einfach so weiterzugehen scheint.

Daraus steigt etwas wie ein Zweifel an der Gerechtigkeit des Seins, Gottes: Warum läßt er einfach alles weiterlaufen? Das ist der eigentliche Grund für die heutige Abkehr von den Kirchen. Der Mensch glaubt eher an die Gerechtigkeit der Geschichte - als an eine Religion.

Daher kommt die Ungeduld unserer Jugend. Denn sie erfaßt das Gerechtigkeitssystem der Alten, und ein solches ist jede Religion, als im Zwiespalt mit dem, was sie selbst als Gesetz der Welt erleben. Sie erlebt Geduld und Tugend als Widerspruch zum aus eigenem Erleben Erwarteten. Sie versteht nicht, daß was sie tut keine greifbaren Folgen hat. Ein Universum aber, das nicht gerecht ist, ist sinnlos."

(Roger Atlantov)





*260708*

Da waren doch mal Gewinne? - Gewinne?

Aus einem Bericht des Deutschland-Radio: Etwa die Hälfte von Nordrhein-Westfalen ist durch den Bergbau der letzten 150 Jahre so verändert, daß der Mensch nie mehr dort wird wohnen können, ohne laufend Maßnahmen zu setzen, die eine Bewohnbarkeit gewährleisten: In erster Linie durch ein nunmehr erfolgendes allmähliches Absinken des Landes über den Bergwerken. Teilweise wären riesige Landstriche bereits heute überschwemmt, würde man nicht pausenlos pumpen.

13 Milliarden Euro müßten die Rücklagen der Bergwerke betragen, um "auf ewig" die Kosten für diese Maßnahmen bezahlt zu haben.

Der Kohle verdankt Deutschland seinen wirtschaftlichen Aufstieg, der beispiellos in der Wirtschaftsgeschichte der letzten 200 Jahre dasteht. Von einem Land mit 4/5 bäuerlicher Bevölkerung (1815) hat es sich binnen 100 Jahren (bis zum Ersten Weltkrieg) zur weltweit zweitstärksten Wirtschafts- und Industriemacht emporgewirtschaftet, damals mit gerade noch 1/5 landwirtschaftlichem Bevölkerungsanteil, und gleichzeitig verdreifachter Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert ist Deutschland in jeder Hinsicht regelrecht "explodiert".

Erst durch die reichen Kohlevorkommen aber war die Erzverarbeitung und vor allem die elektrische Industrie (die beiden Hauptstandbeine) in dem Ausmaß aufzubauen möglich, wie es geschehen ist. Mit der Konjunkturlokomotive, der Eisenbahn. Das Eisenbahnnetz aufzubauen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der eigentliche Entwicklungsmotor. Von diesen Gewinnen hat man Deutschland aufgebaut, hat man gelebt, hat man investiert, hat man (auch) Luxus geschaffen wie konsumiert.

Schwachpunkt: der extrem hohe Anteil an Außenhandel, der die Wirtschaft Deutschlands seit je kennzeichnete und nicht unmaßgeblich und "nicht immer glücklich" die Außenpolitik bestimmte.

Einen weiteren Schwachpunkt nennt aber keine Wirtschaftsgeschichte: Die Kostenunwahrheit, die bei Folgeschäden wie im Bergbau nun erst zutage treten. Und künftige Generationen in einem Ausmaß belasten, wie wir es immer noch nicht glauben wollen.





*260708*