Menschliches, sinnvolles, ethisches Handeln ist sohin ein Handeln, das diesem Zerfall entgegenwirkt, ihn aufhält. Und es ist nicht erschöpfbar in einem "ein für alle mal", sondern unentwegt gefordertes Gegenhalten. "Die Geschichte ist nicht durch ein das Gute hervorbringendes Gesamttelos bestimmt," schreibt deshalb Spaemann, und er schreibt es damit gegen Hegel, Marx, Kant, denen das menschliche Handeln in jedem Fall nur Teil eines Gesamten ist, das ohnehin immer zum Besten führt.
Aber es geht im Leben eben um diese 70, 80 Jahr, um diese kurze Spanne, damit es gelingt. Fortschritt hat - wie beim Klavierspielen - auch dann einen Sinn, wenn kein Endzustand erreichbar ist, sondern eine Steigerung in der Vervollkommnung erzielt werden soll. Der Zweck ist bereits realisiert, wenn der Weg überhaupt begonnen wurde, angestrebt wird. Anders als beim Hausbau, wo ein Ziel vordefiniert ist: Fertigstellung. Wo alles darunter, alles etappenhafte, noch sinnlos ist.
Denn das Ziel, das Ganze - das existiert schon! Es geht immer darum, es mehr oder weniger zu realisieren. Der Sinn dieses Weges ist bereits dann realisiert, ist bereits dann Gestalt, wenn es überhaupt vorwärts geht, unabhängig von den Fortschritten. Der Mensch existiert bereits, seine Gestalt nimmt mit der Vervollkommnung nicht "zu", sondern wird im Streben vollkommen. Es ist bedeutungslos, Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert wie Horrowitz spielen zu können - dennoch kann und soll man es anstreben, auch wenn man es nie erreicht, wird dennoch Klavierspielen lernen, um sich und anderen Freude zu bereiten.
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Darauf eben basiert der "Fortschrittsglaube", der im 18. Jhd. seine heutige Form annahm, und in dem der Mensch im Grunde alles nur falsch machen konnte, nichts richtig. Menschliches Handlen, in der Geschichte, wurde gar zum "immer Falschen" verleumdet.
Nein, sagt Spaemann mit Aristoteles und Plato, tut es eben nicht. Es verlangt das dezidierte Mühen um das Beste. Und so gibt es in der Geschichte auch Phasen des Guten, der Höherentwicklung, auch wenn der Mensch weiß, auch wenn es wahrscheinlicher ist, daß das Ende nicht vermeidbar sein wird.
Um ein gesamtes Leben eines Menschen unter "Fortschrittsaspekten" in der Endgestalt beurteilen zu können, fehlen uns zudem alle Maßstäbe. Schon gar, weil jedes Leben unwiederholbare, individuelle Gestalt annehmen will und muß. Ziel kann also nicht eine bestimmte Endgestalt sein, sondern eine gewisse "Erfähigung" - Tugend.
Bei menschlichen Zielen - und besonders sei hier die Pädagogik, die Schule allen voran! erwähnt - kann es also nicht darum gehen, daß Teilziele, in sich abgrenzbare Ziele (Erlernen der "Kleinen Nachtmusik"; Sprachbeherrschung; Mathematik etc. etc.), das Gesamtziel gefährden. Der Mensch kann nicht Mittel zum Zweck werden, er ist selbst Zweck: es SELBST ist es, das fortschreitet, sich entwickelt. Um überhaupt also einen solchen Fortschritt feststellen zu können, braucht es - ein definiertes Menschenbild, ein Interpretat. Das keine Wissenschaft herstellen kann. Hinter jedem Fortschritt also versteckt sich ein Ziel, eine Vorstellung - um die geht es, diese ist zu hinterfragen.
Wissenschaftlich kann nur die Wahl der Mittel sein - nicht das Ziel. Schon gar trifft dies auf die Utopie zu, die ja noch nie war: deren Mittel zum Zweck wissenschaftlich also überhaupt nicht verifiziert werden können. Was den vielleicht entscheidenden politischen und gesellschaftspolitischen Ansatz des Handelns der Gegenwart als völlig irrational darstellt, als Aberglaube, weil seine Teilziele im Rahmen eines Ganzen gar nicht definiert sind. Was heißt "Emanzipation" - wovon? wann ist sie erreicht? Was heißt Aufklärung?
"Politische Reife heißt Zurückweisung jedes Zieles, das nicht operativ definiert ist."
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Der Mensch selbst ist für einen grenzenlosen Fortschritt nicht mehr das Maß der Vervollkommnung, wenn er als Evolutionsprodukt Durchgangsprodukt ist und damit ebenfalls endlos und beliebig veränderbar (Genetik!) dargestellt wird. Wobei unverändert gilt: damit sogar erst recht gilt: die Kriterien für diese Veränderung (im Sinne des Fortschritts) sind nicht vorhanden, was also gut, was schlecht ist.
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Verzögern des Endes ist die Grundstruktur aller humanen Politik. Nicht der ewige, sondern der lange Friede ist ihr Ziel. Der Ewige Friede bedarf keiner Politik, keiner Anstrengung zu seiner Erhaltung. Er erhält sich von selbst. Politik heißt: wachsames In-Schach-Halten der Tendenzen, die den Ausbruch der uralten Verwirrung begünstigen. (Spaemann)
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