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Donnerstag, 7. Oktober 2010

Eine Sprache - Ein Beitrag zur Weltdeutung

In Indien wurde eine völlig neue Sprache - "Koro" - entdeckt, das heißt: in einem abgelegenen Gebirgstal im Norden wurde die von noch rund 1000 Menschen gesprochene Sprache als eigene Sprache diagnostiziert. Bislang und oberflächlich dachte man bisher, es sei ein Dialekt. Das berichtet Pressetext.at.
 
Eigentlich sollten zwei andere, noch kaum erforschte Sprachen erfaßt werden. Da entdeckten die indischen Wissenschaftler, daß es im selben geographischen Raum, dem Grenzgebiet Indien - China - Tibet und Burma (Myanmar) - noch eine dritte Sprache gab.

Der Bericht findet sich hier aber aufgrund einiger Aussagen, die das Wesen und Verschwinden von Sprache betrifft, und durchaus allgemeinen, auch hier anwendbaren Charakter haben.

"Die Hälfte der derzeit 6.910 bekannten Sprachen wird dieses Jahrhundert nicht überleben", erklärt Frank Seifart von der Gesellschaft für bedrohte Sprachen http://www.uni-koeln.de/gbs im pressetext-Interview. Mit dem Verschwinden jeder Sprache verliere die Welt an kulturell-sprachlicher Vielfalt und die Sprachwissenschaft an Möglichkeiten, die menschlichen Universalien zu erforschen. Für die betroffene Sprachgemeinschaft steht die gemeinsame Identität auf dem Spiel. "In jeder Sprache stecken auch Kultur, Mythen, Rituale oder etwa ethnobotanisches Wissen. Da viele der bedrohten Sprachen nur mündlich weitergegeben werden, geht auch das verloren", so der Experte.

Bedroht werden die Minderheitensprachen meist durch ökonomische Faktoren. "Sprecher wechseln zur Mehrheitssprache, da sie dadurch Zugang zu Bildung, Arbeit oder Handel erhalten. Dieser Prozess ist besonders bei der Herausbildung von Nationalstaaten und der Einführung von Landessprachen zu beobachten." Um seltene Sprachen zu erhalten, könne man den Sprechern den Fortschritt nicht verwehren oder gar wegnehmen, betont Seifart. "Wichtig ist die Förderung stabiler Zweisprachigkeit. Sprecher sollen die Mehrheitssprache vollständig erwerben können, ohne die eigene Sprache aufgeben zu müssen."
 
 
*071010*

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Lebenstraum

Man könnte New York, aber das Leben heute überhaupt, diesen Bildern nach fast sympathisch finden - man wird leicht verführt dazu. Aufhören, zu kämpfen, aufhören die Dinge zu prüfen, und sich im Wind mittreiben lassen ... Genügt vielleicht nur Humor?

*061010*

Keine Methode der Freiheit

"Die Verfasser [der "Logischen Propädeutik", Paul Lorenzen und Wilhelm Kamlah, Anm.] haben ganz richtig gesehen, daß vernünftiges Denken die Rückbindung des Denkers an seinen eigenen "naiven" Anfang voraussetzt. Sie haben den Zusammenhang von Autonomie und dem Recht auf Naivität entdeckt. 

Aber sie sind bei weitem nicht radikal genug, wenn sie glauben, für diese Rückbindung wieder ein Verfahren angeben zu können. Genau das ist es, was nicht geht. Inhaltliche Kriterien für Autonomie verbindlich machen zu wollen, heißt Autonomie aufheben."

Robert Spaemann, im Essay "Der Streit der Philosophen"
 
 
*061010*

Einstige Pracht

Teil des ehemaligen Innenraums von Cluny
Am 11. September 910 wurde das Kloster gegründet, 1130 wurde seine bis dahin 3. Kirche eingeweiht, die auf eine Traumvision eines Mönches zurückgeht. Erst die Einweihung des Petersdoms 1623 löste sie als größte Kirche der Welt ab: die Abteikirche eines der bedeutendsten, einflußreichsten Klöster des Abendlandes, von dessen Boden auch die entscheidende Reform des abendländischen Mönchswesens ausging - Cluny.

Der Bau wurde längst zerstört, im 18. und 19. Jahrhundert grasten die Pferde des Napoleonischen bzw. kaiserlichen Stalls auf seinen grasüberwachsenen Böden, eine Allee führte sogar mitten durch.

Zur 1100-Jahr-Feier in diesem Jahr wurde der ursprüngliche Bau am Computer als Animation "nachgeschaffen", und auf den Seiten der Neuen Zürcher Zeitung kann man diesen dreiminütigen Film ansehen, erhält so einen Eindruck von den hunderten Säulen und Nischen und Altären und tausenden Fenstern.

 
*061010*

Schnell entschlossen

Entzückend gespielt. Die Werbebotschaft? Keine Ahnung.


*061010*

Dienstag, 5. Oktober 2010

Unerträgliche Banalität

In einem seiner Gedichte verarbeitet Stefan George das Schicksal des deutschen Archäologen Hans von Prott. Dieser hatte 1903 bei Ausgrabungen in der Ebene von Sparta eine ihn völlig überwältigende Vision des antiken Urmutter- und Phalluskultes. Er fuhr nach Athen zurück, konnte sich aber mit der Banalität des modernen Lebens nicht mehr abfinden, und erschoß sich in seinem Hotelzimmer.

***

Da hört ich von ihm der am klippengestad
Aus klaffendem himmel im morgenschein
Ein nur lang die olympischen sah
Worob ein solches grausen ihn schlug
Dass er zu der freunde mahl nicht mehr kam
Und sprang in die schäumenden fluten.

Stefan George, aus Geheimes Deutschland

*051010*

Selbstironie

Viel Schönes, auf einmal.

Langeweile des Orgasmus

"[Neben weiteren Runden um Stefan George gab es] die Schwabinger kosmische Runde [...] ein seltsames Treiben, ein Dauer-Fasching entfesselter Sexualität, die sich aus Bachofen rechtfertigte, eine würdige und diskussionsfreudige Akademie, sehr ernstgenommene Kostümfeste, denen tiefere Bedeutung untergelegt wurden. Alle Kosmiker [...] stimmten mit George in der Beurteilung der Zivilisation und in der Sehnsucht nach einem volleren Dasein überein, das sie im Mummenschanz zu verwirklichen meinten. 

Von diesen Festen ging eine Wirkung auf ganz Deutschland aus, eine Entfesselung des Geschlechts derart, daß dieser mythische Quell, der in den christlichen Jahrhunderten unterirdisch fließen mußte, in einer hohen Fontäne allen sichtbar wurde. Auch hier keine Wende, keine Rückkehr zur kultischen Paarung, sondern im Fortschritt der Lizenz, wie wir heute feststellen müssen, eine Verdünnung, die nicht weiter getrieben werden kann, wenn sie nicht zum Nichts werden soll.

Der Orgasmus, ehemals der Gegenpol der Langeweile, ist heute von ihr besetzt, die Geschlechter werden bei dem totalen Wegfall von Hemmung, Stauung, Werbung einander überdrüssig werden, Sexus als lästige Pflicht, vom Eros ganz zu schweigen: der Platz, auf dem sich Romeo und Julia, Werther und Lotte, Hatem und Suleika bewegen konnten, wird bald zu einem Punkt geschrumpft sein."
 
 
Gerhard Nebel, in "Stefan George und die entgötterte Welt"
 
 
über die enthemmte Sexualität in George's einem Kreis, in Vorwegnahme der "Befreiung" der Sexualität der 68er, und in exakter Vorhersage der Folgen, wie wir sie heute beobachten, wo gerade die scheinbar grenzenlose Sexualität zu einer völligen Entwertung und Banalisierung als Lebensgestaltung geführt hat.
 
 
*051010*

Kopernikanische Wenden

Die wirkliche Revolution löst aber nicht Franz von Assisi aus, er vollzieht nur noch eine Tendenz, der längst Bahn gebrochen ist. In Thomas von Aquin (oder, wenn man will, noch früher: in Albertus Magnus). Denn mit ihnen ist die Welt, wie sie konkret ist, nur als Sein selbst begriffen. D. h. es braucht zu ihrer wahren Darstellung nicht die Auffassung, daß sie nur Symbol ist, wie es sich in der romanischen (und byzantinischen) Kunst noch ausdrückt, die die Dinge so gestaltet, wie sie idealerweise sind.

Die Welt ist als Weg zu Gott ausreichend. Das ist die neue Botschaft des Thomas, der Scholastik. Und das ist die Wahrheit, wie sie in Franz von Assisi wirklicher wird, als bis dahin noch gedacht war, und als sie die Dominikaner - noch weit intellektueller, ja "konservativer" bleibend - noch darstellten.

Und über die von ihm ausgelöste, neu erwachte, oder: noch nie so dagewesene Volksfrömmigkeit, die als Bedürfnis lange schon schwelte, und in den verschiedensten (Ketzer-)Bewegungen nach Luft rang. Plötzlich mußten neue Kirchen gebaut werden, plötzlich war der Wunsch da, die Kirchen selbst auszugestalten, plötzlich wuchs das Bedürfnis, die Heilsgeheimnisse darzustellen, zu sehen, zu erleben, konkret - und damit war der Bedarf da nach einer Kunst, die diesen Mut aufbrachte, die Natur genug sein zu lassen. Die schöne, gereinigte, befreite Natur, ja, aber immer noch: die Natur selbst, in ihren Proportionen und Farben. In den Franziskanern bahnt sich die äußerste Konsequenz der Scholastik ihre Bahn, man muß nur eins und eins zusammenzählen, als gesunder Strom, der das Kranke, Übersteigerte, die Hybris der Ketzerbewegungen überflüssig macht.

Das brachte nun Maler wie Giotto auf den Plan, die bereits Kinder dieser Zeit waren, die diese Strömungen in sich fühlten, aus Gesprächen, aus Lektüren, aus Vorbildern, und sie wurden zu den Ecksteinen, zu den Fundamentsteinen einer neuen Epoche und Kunst, die sich in zwei Strömen unterschiedlicher Ausprägung und leicht variierter Charakteristik ergoß: Gotik, wie sie vor allem nördlich der Alpen aufbrach, und die im Grunde immer italienisch bleibende, römisch, die Antike als ihre genuine Wurzel auffassende Renaissance. Sie finden noch die großen Wandflächen der Romanik für die Fresken vor, und das wird auch zum Teil so bleiben, weil diese Architektur als genuin "römisch", italisch, die Antike als eigene Tradition (nicht wie nördlich der Alpen, wo die eigene Tradition sogar als kontraproduktiv oder bezugsgrößenfrei - was ist damals "deutsch?" - gesehen wird) empfunden wird. Sodaß die Gotik auch viel philosophischer, theologischer bleibt, als es Romanik und Renaissance tun, als sie quasi einander ablösen. (Italien hat keine wirkliche Gotik.)

Und es passiert in einer ersten wirklichen Trennung des Reichs. Das die deutschen Kaiser nicht mehr in einem Atem halten können. Auch durch den Machtkonflikt mit der Kirche, die einen derart starken (römischen) Kaiser fürchtet, und das Reich endgültig in Frankreich und Deutschland aufspaltet. Das Kaisertum erlischt ja auch nicht zufällig kurz darauf (nach Friedrich II. bzw. Konradin).

Aber solche Umbrüche sind in ihrer Dramatik nur dem Rückblickenden erfaßbar. Sie geschehen in der Zeit viel organischer. Und: konkreter, ganz konkret sogar, von Mann zu Mann, von Kirche zu Kirche, von Haus zu Haus, von Bild zu Bild, von Auftrag zu Auftrag.

***

Fresco Subiaco - ältestes Portrait des Hl. Franz
Die ersten eigentlichen Portraits der neueren Malerei sind Bildnisse des Mannes von Assisi, auch wenn sie noch lange im Bemühen steckenbleiben, erst in den folgenden zwei Jahrhunderten bildet sich die Fertigkeit dazu wirklich heraus. Man wollte sich aber an ihn erinnern, der nur zwei Jahre nach seinem Tod, in einer noch nie dagewesenen Popularität, heilig gesprochen worden war. Man hat diese Heiligkeit - über eine überwältigende Liebe - bei ihm an ihn selbst, an sein Menschsein geknüpft erlebt. Also hat man das auch von den Künstlern verlangt, denen man den Auftrag gab, Erinnerungsbilder zu malen. Plötzlich also wechselten die Kriterien des Bildnisses: vom Symbol, zum "ja, so war er! das war er! und so ist er's noch mehr!" Gegenwärtig im Erinnern. Gegenwärtig in der Ähnlichkeit.

Je länger Franz tot ist, desto unähnlicher, desto symbolischer werden diese Portraits wieder. Sie betonen mehr als die Portraits, die wohl zum Teil noch in lebendiger Erinnerung gemalt sind, u. a. sein Asketentum, er selbst wird zunehmend zum starren Typus, sofern nicht überhaupt nur noch symbolisiert. (Mit einem interessanten Detail: manche Maler, manche Auftraggeber, in manchen Ländern gar, wie in Spanien und Deutschland, glaubt man nicht an die Stigmatisation des Heiligen Franz, und deshalb finden sich auf seinen Bildnissen dort oft keine Stigmata.)

In Giotto aber, 200 Jahre später, findet sich wieder ein begeisterter, "kongenialer" Verehrer des Heiligen Franz: erfüllt von Liebe zur Natur, zum Natürlichen, zum Schönen in der Natur, und er verändert definitiv die Kunst. Weil sein Portrait so gefragt ist, immer noch, zum Ausdruck - bei einer kaum Ausdruck zulassenden Kutte - aber nur Kopf und Hände bleiben, um seine Innerlichkeit darzustellen, entwickelt sich an ihm die Renaissance-Kunst (während ja die Gotik viel tiefer in den Realismus hinabsteigt, um genau aus ihm, überschwer fast, zum Ideal geronnen, wieder aufzusteigen): in der Darstellung des idealtypischen Seelischen: Kunst als das, was etwas wirklich ist. Das auf der Transzendenz des Gestalthaften aufruht. Franz v. Assisi, der den Zeitgenossen wie der "eigentliche Mensch", der Mensch von Anbeginn und ohne Sünde vorkam, eignete sich hervorragend dazu.

***

Wo immer man in diesen Wenden und Umbrüchen Vorbildhaftes sehen kann, kann die Antwort auch für heute nur so aussehen, daß jede Wende, die keine Auslöschung sein will, nur eine sinnliche Konkretion in Richtung "Volksfrömmigkeit" sein kann. Um alle die häretischen Ketzerbewegungen einer vorgetäuschten, weil nur pseudowirklich, in vorgestellten, äquivoken Vorgängen existierenden "Erneuerung" aufzufangen. Und sie kann nur real-liturgisch (also völlig weg von allem, was sich heute vor allem im Jugendbereich abspielt), und sie kann nur über die Kunst stattfinden.

 
*051010*

Montag, 4. Oktober 2010

Wachgeküßt

“Psyche, belebt durch den Kuss der Liebe” von Antonio Canova (1757-1822)



Gefunden bei thisisnthappiness via Glaserei
 
 
*041010*

Wurzeln und Quellen

Henry Thode hält es für sehr wahrscheinlich, daß der Heilige Franz von Assisi mütterlicherseits bis zum Hl. Chlodwig hinabreichende, hochadelige Wurzeln hat. Die Quellenlage, schreibt er in seiner Biographie über den Heiligen, läßt durch zahlreiche Indizien davon ausgehen, daß Franz diese französischen Wurzeln hat. Das würde auch erklären, daß erzählt wird, daß er stets auf Französisch sang - was er wohl von seiner Mutter übernommen hat. Und es würde das Temperament des Heiligen Franz zusätzlich beleuchten, der ein Tagträumer war, der sehr zum Ärger seines Vaters jede Ernsthaftigkeit den Lebenspflichten gegenüber verweigerte, und in seinen jungen Jahren für sein fröhliches, unternehmungslustiges Wesen bekannt war. Ja, es erklärt, warum man ihn allerorten "Francesco" nannte, der Franzose, wo er doch auf "Giovanni", Johannes, getauft war.

Heilige Franz von Assisi - Heilige Klara
Aber darüber hinaus finden sich so historisch einordnenbare Motivblöcke für die Revolution, die Franz im Grunde war. Und die zeitlich auf die schweren Auseinandersetzungen und Kriege mit den südfranzösischen Ketzern und Schwärmerbewegungen folgen. Sie legen damit die Grundsteine für die Renaissance und den Humanismus, und lösen eine gewaltige Hochblüte der Kunst aus. Die Kunst, so Thode, war (man denke nur an Franz selbst) war dann nur die erste bedeutende Verwertung dieser Kraft, die aus dem aufbrechenden Individualismus eruptierte.

Daß Franz, der nach seiner schweren Krankheit die Welt plötzlich mit anderen Augen sah, zumindest von seiner Mutter her von den Waldensern gehört hatte, von der plötzlichen Umkehr von deren Gründer Petrus Waldus, den Gründer der ketzerischen und dann in Kriegen bekämpften Waldenser, ist mehr als wahrscheinlich: die Parallelen in beider Leben (und Bekehrungsgeschichte) sind schlichtweg auffällig.

Ein Individualismus, wie er in einer Bewegung der Franziskaner - auch damit als (zumindest im historischen Gesamtbild zu sehende) Antwort auf die (aus dem Orient stammenden) Schwärmerbewegungen - erstmals seinen bald legitimierten Ausdruck fand. Plötzlich zählte der Einzelne in seinem Gewissen, ja gar in seinen Gefühlen, fand sich deutlich aufgewertet - das erwachende Lebensgefühl einer Epoche in historischer Entwicklung. Das sich z. B. in den Städten, im sich formierenden Dritten Stand, dem Bürgertum, herauszubilden begann: selbstbewußt, und immer in der Spannung zwischen Ordnung und Emanzipation.

Pfarrkirche Franz v. Assisi - Wien, Mexicoplatz
Franz schuf damit den Boden, auf dem jene Geisteshaltungen und -bewegungen Nahrung fanden, die in der dann später so genannten "Renaissance" ihren gesamtkulturellen Ausdruck fanden. Aus einem Mangel an der Kirche und an der Kultur, den zu beseitigen die offizielle Ordnung verabsäumt, ja verursacht, erwächst dem Einzelnen ein immer stärker werdender Drang, diesen Mangel zu beseitigen.

Aber er tat es in eine große Bewegung eingebettet, wie sie sich auch in den Schwärmerbewegungen ausdrückte, z. B. den Albigensern, den Waldensern. Denen Papst Innozenz III. in gleicher Weise wie Franz betont versöhnlich und gütig begegnete. Er erteilte Franz und seinen Gefährten, Laien, die Predigterlaubnis, für die noch wenige Jahre zuvor genannte Schwärmer als Ketzer verdammt und verfolgt worden waren. Denn Innozenz hatte wohl erkannt (und das ist der tiefere Sinn des legendären Traumes von der einstürzenden Kirche) daß der Kirche eine Reform mehr als nottat.

***

Aber es waren nur so viele Äußerlichkeiten, die Franz mit diesen (ketzerischen) Schwärmerbewegungen gemein hatte, und zwar auffallend gemein. Die innere Haltung beider, der wahre Grund, aus dem sie schöpften, war jedoch - trotz gleicher Verbalisierung - grundverschieden. Er war hier wahre Demut und Liebe - und dort Hochmut und Selbsterlösung.

Und Franz bleibt auch völlig "innerkirchlich", auch was den Gehorsam anbelangt ordnet er sich demütig den Pfarrern und Bischöfen, also der Hierarchie unter, selbst wenn sie ihm verbieten, zu predigen. Gehorsam der konkreten Kirche gegenüber steht auch an der Spitze seiner späteren Ordensregel. (Und Gehorsam als essentielle Anbindung ans Heil, in ihren Wirkungen in allen auch anthropologischen Dimensionen, wird gemeiniglich von "Erneuerern" völlig unterschätzt und fehlbewertet. Aber genau sie ist DAS Kriterium, an dem sich alles entscheidet. Auch Erneuerung ist nicht zuerst Frage technischer Abläufe, selbst wenn sie sich auf solche bezieht.)

Er wendet sich zu Anfang aber nicht an die Heiden und Ketzer, das folgt erst später, und war im brennenden Wunsch nach dem Martyrium grundgelegt. Franz war auch schwer enttäuscht, als er nicht einmal aufgrund seines aberwitzigen Besuches bei - dem dann so milden - Sultan Alkamil diese Würdigung zur letzten Verdemütigung, als die er es sah, erfuhr.

Sondern an jene Christen, die nur noch dem Namen nach solche sind. Für eine Auseinandersetzung mit den Irrlehren fehlt ihm schlicht die Bildung und der theoretische Geist. Franz bietet also "von Erfahrung gedeckt" an, was jene nicht mehr für wahr halten wollen. Er bringt nichts "Neues". Er bringt das bisher Ungesehene, Vergessene, und er bringt es - für damals eine Sensation - in der Sprache des Volkes, in Italienisch, nicht in Latein. (In diesem zutiefst völkischen Aspekt liegt auch die Initialzündung für die Erneuerung der Kunst aus den eigenen menschlichen Wurzeln heraus.)

Und man glaubt ihm sofort. Weil er allen Quellen nach so spürbar voll jener Liebe war, daß er regelrecht überquoll, und von der er berichtete, daß sie am Grunde allen Glaubens wäre.  Diese Fähigkeit zur Liebe war das Ziel, das es durch die von ihm geforderte "Reform" anzustreben galt. Und sie war die Quelle, die alle scheitern ließ, die sich an seine "Rezepte" hielten oder ihn gar imitierten, und sich wunderten, daß sie nicht dieselben Ergebnisse erzielten.

*041010*

Warum es keine Dichter mehr gibt

Sokrates hört den Ion, den glänzenden Dichter und Kritiker und Ausleger des Homer, spöttisch an. Dann gibt er ihm den Tritt, und er spricht das Besondere an, das den Dichter in seinen Augen bemitleidenswert macht. Es sind aber genau dessen Kriterien:

"Ach was! Diese Gabe, die Du hast, uns den Homer verständlich zu machen, ist nichts besonderes; denn, wenn ich Dich bitte, einen anderen Dichter zu erklären, der Dir weniger liegt, so verlierst Du die Orientierung und sagst nichts mehr. Eine armselige Begabung die nur das Besondere begreift, während sich ihr das Allgemeine entzieht, von keinerlei Techne gekrönt, noch geregelt. Gewiß siehst Du ein, daß Du keinen Grund hast, Dich deshalb zu brüsten. 

Deine Auslegung des Homer kommt nicht aus Dir, sie fällt Dir vom Himmel, eine göttliche Kraft hat sie Dir eingeblasen, die wie ein Magnet Dich führt, und das, ohne daß Du Dir dessen bewußt bist, Unglücklicher. 

Gefällt es den Göttern, die Inspirationen von Dir zu nehmen, den Strom zu unterbrechen, so bist Du bemitleidenswert. Ich, im Gegenteil, ich besitze die sophia, die aus einem vernunftlosen Tier mich in einen Menschen verwandelt, die mir erlaubt, alle meine Hilfsmittel, die im übrigen durch sie verzehnfacht sind, auf gelehrte, zu verantwortende und technisch-vollkommene Weise anzuwenden. Du bist das willenlose Spielzeug einer göttlichen Kraft, ich bin der Kapitän meiner Seele."

***

Ion hat, so schreibt Breton, einen Frosch im Hals. Da der Dichter der Begriffsbestimmung nach ein Mensch ist, der sich nicht ausdrücken kann (sic!), so kann er sich ebensowenig verteidigen. Das ist der Preis, den Mystiker und Dichter für ihre königliche Begabung zu zahlen haben. 

"Sage uns doch," sagt Ion dann, "mein lieber Sokrates, wie es kommt, daß Deine wunderbare sophia Dich nicht singen lehrt?"
 
***

Henri Bremond schreibt auch: Alle großen Mystiker seien genauso gewesen, wie es Platon war: "Es ist ihre Vernunft selbst, die ihnen nach langen Überlegungen befiehlt, sich endlich mit geschlossenen Augen der Gnade hinzugeben, die sie ruft.
 
Diese Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes ist ihnen erst unerträglich, ist ihnen Qual, und sie scheuen wieder und wieder vor dem gefährlichen Sprung zurück, klammern sich verzweifelt an die sophia. Bis sie schließlich - vernunftgemäß - der geheimnisvollen Dynamik nachgeben. 
 

*041010*

Völliges Rätsel

Jede für sich hält es für erklärbar, und bleibt diskret. Erst als die Kommunikation eine Gesamtsicht ergibt, wird es zum Rätsel.


 
*041010*

Überall telephonieren

Solargetriebenes Münztelephon am Victoria-See, Afrika.


Gefunden bei Glaserei
 
 
*041010*

Ab heute: Kriegsschuld getilgt

Ab heute, dem 4. Oktober 2010, ist mit der gestrigen Überweisung der letzten Rate von rund 70 Millionen Euro, samt 2 Millionen Euro Zinsen, die Kriegsschuld getilgt, die Deutschland aus dem Friedensschluß von Versailles 1919 aus dem Titel Reparationsleistungen zu zahlen hatte.  Das berichtet die Junge Freiheit bzw. die Süddeutsche.

1953 war im Londoner Schuldenabkommen vereinbart worden, daß erst ein wiedervereinigtes Deutschland als Rechtsnachfolger und damit Schuldner aus diesem Titel gelte. Dieser Fall trat 1990 ein, und 1996 nahm Deutschland die Zahlungen wieder auf.

Nunmehr sind jene Reparationszahlungen geleistet, die für das Deutschland der Zwischenkriegszeit fast unbewältigbar schienen, und für Hitler als Empörungsgrund ein guter Steigbügelhalter gewesen waren.

Bei der jetzigen Zahlung handelte es sich um Zinsen für diverse Auslandsanleihen, die zur Tilgung der Reparationszahlungen aufgenommen, von den Nationalsozialisten aber später nicht mehr beglichen worden waren.


*041010*

Sonntag, 3. Oktober 2010

Abschied

C. W. Gluck - La clemenza di Tito - ''Se mai senti spirarti sul volto'' -

Cecilia Bartoli at its best

Wenn Du je spürst, wie über dein Antlitz
Ein leichter Hauch weht, sich sacht bewegt,
Sage: Das sind die letzten Seufzer
Meines Getreuen, der für mich stirbt.
Für meine Seele, aus der Brust befreit,
wird die Erinnerung an so viel Qualen
Süß sein mit dieser Gnade.


Nichts, nichts ist anders

Aber, fragen die einen, hat nicht der Sozialstaat in den letzten Jahrzehnten alles auf den Kopf gestellt? Geht es uns nicht gut? Herrscht nicht Bildung, statistisch belegt, und Sitte? Herrscht nicht Wohlstand? Herrscht nicht schöpferische Lebenswirklichung, generell? Seht doch, wieviel selbst einfache Leute besitzen?

***

Walther Rathenau beschreibt die Kinder des Proletariats - sie sind aus ihren Umständen herauszuheben, durch Bildung, durch Wohlstand, durch Sozialisierung des Eigentums. Dann sind sie seelisch befreit, dann sind sie schöpferisch.

"Die einen (die Reichen, Anm.) sind gepflegt und standesbewußt, an wohlgesetzte Gespräche Erwachsener gewöhnt, von leidlichen Manieren, leichtem Ausdruck, im Besitz der zarten Bildungsansätze, die aus einer Umgebung von guten Büchern, Kunstwerken, aus Reisen und gelegentlichem Vorunterricht erwachsen, frisch, ausgeschlafen, gut genährt, körperlich geübt. Die anderen (die Armen, Anm.) so ziemlich das Gegenteil. Nun wird von ihnen eine neue Haltung, Sprache und Anschauung verlangt, sie sollen aus einem gewohnten Kreise heraustreten und mühsam, neben dieser Verwandlung, die einen Teil der Kräfte und des Willens verzehren, die neuen Kenntnisse erwerben, die den Gutgekleideten so leicht werden, ja die sie zum Teil schon besitzen."
 
***

Ein Bruder, eine Schwester des VdZ, sowie deren Ehegatten, alle mittlerweile im Ruhestand, waren als Lehrer, ja alle sogar dann als Schuldirektoren in österreichischen Schulen - Mittelstädte die einen, ländliche Märkte die anderen - tätig. Was sie erzählt haben, wie der Zustand der Kinder ist, die morgens in den Unterricht kommen, so deckt sich ihre Schilderung aufs Wort mit dem, was Rathenau über die Unterschichtkinder vor 100 Jahren schreibt. Aber es ist allgemeine Erscheinung geworden. Geld, Essen, was auch immer, hätten die Eltern dieser Kinder mehr als genug, mit Betonung auf mehr. Ja gerade die Kinder, die im Wohlstand "ersticken", weisen jene Merkmale auf, die Rathenau noch auf die Unterschichte, auf die "Armen" angewendet hat.

Der Sozialstaat hat nichts, aber wirklich nichts verändert, außer daß man sagen muß, daß das Elend allgemein wurde - im Grunde auch das eine Tatsache, die Rathenau als gründlicher Überdenker der volkswirtschaftlichen Auswirkungen gewußt hat: ein über das Land gezogenes gleiches Einkommen bringt allen nie mehr als Auskommen, aber es löscht den Reichtum, den (im eigentlichen Sinn) Mittelstand aus. Er hat die Menschen im tiefsten Proletariat gehalten, und sie mit billigen Glasperlen, getäuscht. Er hat umverteilt, er hat die sinnlose Vergeudung von Ressourcen animiert, aber der sittliche Zustand der Menschen, das entscheidende Kriterium für Kultur und Allgemeinwohl, war ihm gleichgültig.

Die Entwürfe zu einem neuen Staat, zu neuen Ordnungen, zu neuen Volkswirtschaftssystemen, die vor gut 100 Jahren Grundlagen für den Umbau der Staaten in Österreich wie Deutschland waren, sind angetreten unter der Anforderung, "wieder Menschen aus den Arbeitstieren" zu machen, wie Rathenau es formulierte.

Sind wir heute wirklich wieder mit Menschen konfrontiert? Oder haben wir nur die Bewertungsmaßstäbe ausgetauscht? Könnten einem die Dinge nicht so erscheinen, daß die großen Ideen, die allesamt vorgaben, daß es ihnen um die Seele des Menschen ging, darum ging ihn von Sklaverei und Not zu befreien, den Menschen paradoxerweise weil auf andere Weise benützt haben - um diese Ziele, umgebrochen aber auf gewisse technische Quantitäten, zu erreichen.

Und das genau ist das Wesen der Utopie, die sich ausnahmslos in ein Zwangssystem wandelt.


*031010*

Nichts Weiseres gibt es

"Nicht, daß [die Philosophen] sich je geweigert hätten, die Dichter zu den Weisen zu rechnen. Es gibt vielmehr nichts Weiseres. Nur - sie können ihre eigene Weisheit nicht erklären, sie kennen sie nicht. Die schönen Dinge, die sie sagen, verdanken sie einem irrationalen Etwas, einer Art Instinkt. 

Nun ist aber der Instinkt das schwarze Schaf der Grammatik, der Dialektik und der Moral, des gestrengen Kleeblatts, das man damals 'sophia' nannte. Daher der trennende Graben [zwischen Philosophie und Poesie]. Auf der einen Seite die Vernünftigen, die bewußten Weisen; auf der anderen die weisen Narren."

Henri Bremond, in "Mystik und Poesie"


*031010*

Eine Wahrheit

"Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als bekehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß die Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht wird."

Max Planck
 
*031010*

Nicht nur in den Krieg gestolpert (4)

Fortsetzung von Teil 3 - Pläne zu einer NEUEN WIRTSCHAFT, und das Fazit

Und Rathenau's Pläne zur Umgestaltung der Volkswirtschaft? Er feilt sie aus, zu Berechnungen, die nachweisen, daß bei "wissenschaftlicher Steuerung" der Produktionsvorgänge Arbeitszeit, und damit Volksvermögen, und ein Viertel Energie gespart werden könnte; er berechnet, wieviel jede Familie Deutschlands an Einkommen beziehen könnte, wenn man seine Pläne zur Abschaffung von Privateigentum umsetzte, und kommt auf ein nur recht bescheidenes Einkommen, woraufhin er noch utopischere Pläne schmiedet, wie die Produktivität ins Uferlose gesteigert werden könnte, in jeder Werkstatt, in jedem Betrieb; eine zentrale Stelle soll die landesweite Arbeitsteilung im Sinne einer Effizienzsteigerung steuern, im Dienste einer Deckung eines Bedarfs, der nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ermittelt werden soll und jeden seiner Existenzsorgen entheben, frei zum schöpferischen Prozeß machen soll, organisiert in alles planende und beherrschende Berufs- und Branchenfachverbände mit staatlich kontrollierter und koordinierter Selbstverwaltung.

Auch wenn Rathenau freilich zugeben muß, daß eine entscheidende Funktion von Privateigentum, von Privatkapital, durch den Staat NICHT ersetzt werden kann. Man merkt hier seine reale Erfahrung als Unternehmer. Denn, so schreibt er, dem Staat fehlt der "leidenschaftliche Anreiz, der die Sorgen der Verantwortung überwindet." (Sprich: staatliche Verwalter werden eher mit Gleichgültigkeit auf Probleme reagieren.) Zudem sieht er freilich, daß das Personale des Unternehmers durch keine noch so fachlich korrekten Analysen, die sich noch dazu meist widersprechen, ersetzt werden kann, denn ein Unternehmer braucht vor allem - Instinkt.

Ja, selbst Risikokapital (und Risiko bedeutet jede Investition in der Wirtschaft) ist eine Frage des Überschusses. Arbeitnehmer, die gerade ein gutes Auskommen haben, werden niemals ihr Erspartes riskieren. Dazu brauchte es bislang immer überschüssiges Kapital.

Aber Rathenau glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen: einem unerschöpflich reichen Staat - mit nur einem die Berufs- und Gewerbeverbände überwachenden und koordinierenden Organ, der Staatsbank - gegenüber (der über sämtliche Privatvermögen verfügt), muß ein verantwortlicher Angestellter, der aus persönlichem Anstand und Ehrgefühl dieselbe Begeisterung wie ein Unternehmer aufbringen wird, Probleme zu lösen, lediglich die Begründetheit eines Finanzbedarf belegen - solche Sachzentriertheit von Entscheidungen muß die Motivation von alleine heben.

***

Nichts bleibt eben KEINE Angelegenheit des Staates. Auf eine Weise läßt sich ja tatsächlich alles als Sache der Gemeinschaft ansehen. Denn jedes Handeln des Einzelnen tangiert immer, über seine nähere oder weitere Umgebung, den Staat, in dem er lebt, und Rathenau reklamiert jedes Menschen Arbeitskraft als Volkseigentum. In dessen Interesse, im Interesse der Stärke des Landes, die vor allem eine Stärke nach außen ist, sieht Rathenau die Notwendigkeit zu solcher Sozialisierung der Wirtschaft. Den Boden dazu hat in seinen Augen der Umsturz des Weltkrieges bereitet.

In manchen Phasen, man muß es so formulieren, bei allem was sich in Rathenau's Schriften an interessanten Gedanken findet, erscheinen einem seine Pläne wie neurotische Übersteigerungen krankhaften Technizismus, die eine Wirklichkeitsfremdheit verraten, die für das Deutschland dieser Zeit wohl typisch ist. Eine Abgehobenheit, aus der das Land dann zwar furchtbar erwacht, die aber eine Fülle von Gesellschaftsentwürfen evoziert.

***
Wenn man Rathenau's Wirken und Denken fortführt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Sozialstaat heutigen Zuschnitts, in Österreich noch mehr als in Deutschland - natürlich ohne solche expliziten Pläne verfolgt zu haben - exakt die Verwirklichung solcher Sozialisierungsgedanken ist. Gedanken, Pläne, Entwürfe, die aus dem Daseinsgefühl erwachsen sind, daß der Welt ihre Ordnung abhandengekommen ist. Oder daß die alten Ordnungen abgeschafft werden müssen. Ja, in der Zeit des Nationalsozialismus steht man (in Deutschland) staunend einer "Ordnung" gegenüber, die nach den Entwürfen wie jenen von Rathenau, diesen aber manchmal sogar exakt, geformt scheint.

Sieht man von den kommunistischen Staaten ab, die pure Verwirklichungen solcher Ansätze sind, und für viele damals (wie ... heute) als "die Zukunft" der Völker und Staaten, als einzige Gesellschaftsform angesehen wurden, die mit den komplexen Problemen der Zeit fertig wird.

***

Zusammen mit den Entstehungsursachen und -gelegenheiten gesehen, beschleicht einen aber vor allem das seltsame Gefühl, daß wir, in unseren Sozialstaaten, uns in einem heimlichen, nie erklärten, chthonischen, aber bedrückend realen Krieg, einer noch immer nicht beendeten Revolution befinden: wo sich der Staat seit 90 Jahren in einer nur graduell unterschiedlichen, immer aber existenzbedrohlichen Situation fühlt, das allen diesen Staaten, als prägende Grundgestimmtheit, zugrunde zu liegen scheint. Woraus sie die Ermächtigung zieht, das Leben der Menschen zutiefst zu bestimmen.

***

Rathenau's Schriften aber zeichnen die heutigen Staatsmodelle in Europa regelrecht vor. Sie erschienen in Rekordauflagen, und Rathenau war um 1920 der am meisten gelesene und diskutierte Sachautor Deutschlands. Er hat nichts Neues erfunden, das stimmt, und dafür wurde von einer Zeitung damals sogar ein Preis ausgesetzt, den selbst zu spenden Rathenau sich nicht entblödete. Aber mit ihm kam plötzlich die Verwirklichung, er sprach diese alten Gedanken in eine Zeit, die für diese Ideen nun bereit war, und er kombinierte manche Gedanken neu, sodaß sie plötzlich verwirklichbar erschienen.


*031010*

Die tote Stadt

Die weite bucht erfüllt der neue hafen
Der alles glück des landes saugt - ein mond
Von glitzernden und rauhen häuserwänden -
Endlosen strassen drin mit gleicher gier
Die menge tages feilscht und abends tollt.
Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
Am felsen droben die mit schwarzen mauern
Verarmt daliegt - vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht
Wie stark ihr turm in ewigen sonnen ragt -
Das schweigen ihre weihebilder schüzt
Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
Sie spürt kein leid - sie weiss der tag bricht an:
Da schleppt sich aus den üppigen palästen
Den berg hinan von flehenden ein zug:

Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
Wenn ihr nicht helft - im überflusse siech.
Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
Und klaren quell! wir finden rast in hof
Und stall und jeder höhlung eines tors.
Hier schätze wie ihr nie sie saht - die steine
Wie fracht von hundert schiffen kostbar - spange
Und reif vom werte ganzer länderbreiten!<

Doch strenge antwort kommt: Hier frommt kein kauf.
Das gut was auch vor allem galt ist schutt.
Nur sieben sind gerettet die einst kamen
Und denen unsere kinder zugelächelt.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
Ihn übers riff hinab zum meere stösst.

Stefan George

***

Vergessen ruht die Stadt auf dem Gebirge. Die wohlfeile Menge zog ins Tal, und dort kam Wohlstand und Überfluß und Gier, kam aber vor allem die Zerstörung des Lebens selbst, denn ihnen starb die Welt. Verspottet blieben die "Armen" zurück, die aber eines hatten: Innere, wirklich Lebensqualität, denn sie bewahrten die Archaik, sie bewahrten die Fülle auch des Lebens mit den Göttern. Und sie bewahrten Gelassenheit ... denn eines Tages, sie wußten es, da kamen sie, von unten, und flehten, lockten und boten alle Schätze die sie aufbieten konnten, wenn sie nur von den wirklich wertvollen Lebensgütern verkosten dürften, denn sie hatten entdeckt, daß sie das Falsche gewählt hatten. Aber dann stießen die auf dem Berg die Schätze den Abhang hinunter, und verschlossen ihre Tore, denn die, die das Leben einmal verloren haben - sie können es nicht wieder gewinnen.


***

"Die Zivilisation ist nicht nur eine Erkrankung der Umwelt, sondern auch der Herzen." Solche Träume werden immer wieder geträumt, Yeats dachte daran, Irland innerhalb der Moderne als eine Insel kultischer Altertümlichkeit zu bewahren. "Bevor die Entwicklungshilfe ihre Zerstörungen begann, waren solche Bezirke der Unberührtheit nicht selten, aber nun sind auch sie in das Rasen des Prozesses hineingerissen worden. Es bleibt eben nur eine einzige Möglichkeit, die der individuellen Reserve." 
 
Gerhard Nebel

*031010*

Samstag, 2. Oktober 2010

Als hätte Gott einen Teufel geschaffen

Offizieller Filmtrailer zu "Der weiße Hai" (1975); Regie: S. Spielberg.

"Es gibt ein Lebewesen, das Millionen von Jahren Evolution überlebt hat, bis in unsere Tage. Unverändert, gefühllos, ohne Verstand. Es lebt, um zu töten. Eine gehirnlose Freßmaschine. Es frißt alles. Als hätte Gott einen Teufel geschaffen, und ihm Kiefer gegeben."
 
 
 
*021010*

Nicht nur in den Krieg gestolpert (3)

Fortsetzung von Teil 2


Der interventionistische Sozialstaat heutigen Zuschnitts beginnt wie ein Zufallsprodukt: Als eine Frucht des Krieges

Rathenau sieht aber in den Auswirkungen der Kriegsereignisse 1914-1918 den lange erhofften Durchbuch seiner Ideen und Hoffnungen: denn nach seiner Ansicht hat der Krieg bewirkt, daß die Arbeiter dem Mechanismus der Maschinenwirtschaft entkommen sind, indem sie ein transzendentes Ziel - Krieg und Sieg - hatten. Das, so Rathenau, ist der Beginn der Seele, als die eigentliche Berufung des Menschen. Die Kriegsereignisse selbst sieht er als maßgeblich dafür, daß ein Gesinnungswandel beschleunigt wird, der eine staatlich gemessene Volkswirtschaft gutheißt. Für Rathenau in der Befreiung des Arbeiters vom Zwang der Not DER Grundstein eben jenes höheren Lebens, der Seele. Der Sozialstaat heutigen Zuschnitts ist geboren.

Rathenau sieht drei Faktoren, die dies begünstigen:

  1. die Verächtlichwerdung des Reichtums in der öffentlichen Meinung (oft in Gestalt des Antisemitismus), begleitet von einem wachsenden Verantwortungsgefühl
  2. fortschreitende Entpersönlichung des Besitzes in der Wirtschaft durch das Ausbreiten der Aktien- bzw. Kapitalgesellschaften, sowie das Überhandnehmen gemeinwirtschaftlicher Unternehmungen (Kriegsgesellschaften)
  3. durch Entautorisierung der Obrigkeit eine Entwicklung zum Volksstaat.
Das ist der für Rathenau lang ersehnte Weg: Die transzendente Aufgabe, schreibt er einmal, lautet: Wachstum der Seele; wie lautet die pragmatische?

Und er gibt die Antwort: Aufhebung der proletarischen Verhältnisse, denn der proletarische Druck lastet am schwersten auf der Seele und verhindert Glück und schöpferische Freiheit. Die Kriegserfahrungen bestätigen Rathenau in der Auffassung, daß eine klassenlose Gesellschaft auch ausreichend Güter produziert, um zu leben. Damit fällt für ihn das letzte Argument für eine freie Volkswirtschaft. 

Nach dem Krieg, schreibt er, wird ein Proletariat, das aus Not produziert, nicht mehr notwendig sein. Der Krieg, der die Unantastbarkeit des Privateigentums zum alten Eisen geworfen hat, hat gleichzeitig andere Antriebe begünstigt. 

Und er entwirft ein Wirtschaftssystem, mit Selbstverwaltungsräten aus Arbeitern, Kollektiveigentum etc., eine "Neue Wirtschaft", das Archetyp für sämtliche sozialistischen Volkswirtschaften des 20. Jahrhunderts ist.

Schaffensfreude, DAS Kriterium für Rathenau, kommt, so meint er, mit der Mitverantwortung von selbst. Dort, in der Vergeistigung der Handarbeit in der Arbeitsteilung, wird Raum geschaffen für die reinen Kräfte, die das künftige Willensdasein bewegen sollen. Mit Freiheit von Erbfron, Freiheit von Not und Freiheit der Berufswahl.

Der Unterschied von Marx? Marx ist deutlich mehr Realist ... und sieht den Arbeitszwang, besonders für den Ackerbau, als Grundlage einer sozialistischen Volkswirtschaft.

***

Harry Graf Kessler hält (im Jahre 1928) übrigens den Streit - Arbeitszwang oder freie Motivation einer freien Seele - für müßig und eher unentschieden. Denn, so schreibt er, die Zahl der Arbeitsscheuen (bei freier Wahl) wird sich mit der Zahl der unfreiwillig Arbeitslosen (bei Arbeitszwang) die Waage halten. Das zukünftige Problem, so meint er, sei ohnehin, wie bei der fortschreitenden Mechanisierung der Arbeitsprozesse und den damit zu erwartenden Produktivitätssteigerungen mit den nicht mehr benötigten Arbeitskräften umzugehen sein wird.

Fortsetzung in Teil 4 - morgen: Pläne zu einer NEUEN WIRTSCHAFT, und das Fazit
 

*021010*

Pechvogel

Was tun, um endlich Gewinner zu werden? Die Werbung zielt genau darauf ab: endlich dem Leben die Wünsche abringen. Hier mit Selbstrelativierung in köstlicher und gut gemachter Ironie.



*021010*

Was begründet

Es ist unsinnig und unwissenschaftlich, schreibt Feuling einmal, die Metaphysik von Fachwissenschaften abzuleiten oder sich darauf zu stützen. Denn sämtliche Fachwissenschaften bauen auf einer Metaphysik auf, aus der sie ihre Fragestellungen formen. Auch ist es ein verkehrter Ansatz, die Metaphysik nach einer Einzelwissenschaft aufzubauen, wie es Descartes und Spinoza nach der Mathematik anstellten.

Die Wissenschaftlichkeit der metaphysischen Erkenntnis besteht in nichts anderem als in ihrer schlichten Sach-Vernünftigkeit.

Fachwissenschaften aber sind unentbehrlich für die Lösung und Stellung von Einzelfragen durchaus metaphysischen Gepräges.

***

Auf vier Säulen beruht eine wissenschaftliche Metaphysik:
  1. in der unerbittlichen Gewissenhaftigkeit der Wahrheitsintention
  2. in der Strenge der Begriffsbildung auf Grund sämtlicher Gegebenheiten der Erfahrung in der Außen- und der Innenwelt
  3. in der universalen, radikalen Fragestellung bis zur letzten Fragemöglichkeit des Gegenstandes und aller Gegenstände überhaupt
  4. in der unbedingten Sachlichkeit der Lösungen und daher in der Vorsicht und Geduld im Suchen nach der Beantwortung der gestellten Fragen
***

Fünf Punkte sind es, die den wissenschaftlichen Charakter des Ergebnisses metaphysischer Bemühung bestimmen:
  1. die durchgängige Bestimmtheit aller Begriffe, Fragen, Lösungen rein von der Sache her
  2. das Begründetsein der sämtlichen Ergebnisse in letzten evidenten Sätzen
  3. die Geöffnetheit der gesamten Lehre für die Gesamtheit aller möglichen Probleme, Tatsachen, Begriffe und Methoden
  4. die Ablehnung jeder metaphysischen Behauptung, die nicht mit Evidenz erwiesen ist, sei es als sicher, sei es als wahrscheinlich oder möglich
  5. die durchgreifende Systematik, die alle Erkenntnis unter den schlechthin letzten Gesichtspunkten ordnet und logisch verbindet
 
*021010*

Freitag, 1. Oktober 2010

Eine Wahrheit

Niemals wird die Satire ihr Examen bestehen. In der Jury sitzen ihre Objekte.

Stanisław Jerzy Lec
 
 
*011010*

Schnelligkeit

Eine richtig lange Zeit verstreicht, in Bildstufen erzählt. Mit einer perfekten Pointe, die mit dem Wesentlichen spielt: Das ganz Schnelle ist nicht mehr sichtbar. Es könnte also alles passieren.


*011010*

Sehnsucht nach Trugbildern

Je größer die Kluft zwischen der Welt, wie wir fürchten daß sie ist, und der gewünschten Welt, dem Ziel "Lebensglück", wird, umso drängender wird der Wunsch, eine Wunschwelt herzustellen. In der Architektur läßt sich dies besonders gut ablesen. Die Neue Zürcher Zeitung titelt hier sogar mit einer "Sehnsucht nach Trugbildern", wie er vor allem bei den großen europaweiten Bauvorhaben bemerkbar sei.

Man möchte die Vergangenheit zum einen auslöschen, aber nur in einem bestimmten Segment, nur gewisse Jahrzehnte. Um zu einem Punkt in die Vergangenheit zurückzureisen, an dem noch alles besser war. Was eine der Wahrheiten des Lebens ist, unbestreitbar, und zwar gerne in irgendeinen dieser schwindeligen Schwachsinnspsychologismen abgedrängt wird - das sei ja nur subjektives Erleben, das sei ja nur typisches Verhalten der eigenen Kindheit gegenüber, etc. etc. - aber nichts anders anzeigt als die Grundbewegung der Welt: von der Quelle in den Orkus ... Vom Paradies zur Hölle. Sodaß das Ende der Welt zum Wunschtraum wird.

Aber so wird europaweit mit gigantischen Geldmitteln an der Illusion gebaut, es sei ja nichts geschehen, in den letzten Jahrzehnten. Es gäbe sie noch, die Bauten und Dinge, die schon verloren sind. Kein historisches und kein natürliches Ereignis hat je existiert. Beim Hohenzollernschloß in Berlin. Beim Limmatmarkt in Zürich. Bei der Kapellbrücke in Luzern. Und die öffentlichen Stellen und die Politik gerät zunehmend unter den (massenpsychologischen) Einfluß, diese "Schonung" mitzuspielen, und jeden gewachsene Realität immer mehr zu "lupfen", sie einem Facelifting zu unterziehen.

Was sich in der Architektur ausdrückt, ist freilich nur eine der Spitzen des Eisbergs, die die Kontur unseres Gegenwartsozeans scheinbar ausmachen. Denn diese Tendenz ist zwar immer gewesen, sie ist keine Erfindung von heute, aber sie drückt eben eine immer gleiche menschliche Haltung und Schwäche aus, die schon das ganze 20. Jahrhundert so deutlich geprägt hat, auch in der Architektur (da hat man den 1902 eingestürzten Campanile am Markusplatz in Venedig auch neu errichtet): dem Wunsch, der Gegenwart zu entfliehen, die immer mehr als bedrohlich empfunden wird, sodaß die Zukunftsangst wächst und wächst, weil immer mehr Bereiche des Lebens unter den Teppich gekehrt, dem Irrationalen überantwortet werden.

Giorgio de Chirico
Besonders Deutschland hatte fünfzig, sechzig Jahren alle Hände voll zu tun, eine Vergangenheit, die in apokalyptischen Katastrophen gewütet hat, ungeschehen zu machen. Erst im "Wiederaufbau" im Westen, dann im "Wiederaufbau" im Osten, wo man die Erinnerung an mittlerweile zwei Regime beseitigen möchte, oder zu müssen meint, indem man Jahrzehnte ungeschehen macht, rückabwickelt, sozusagen.

Aber man schafft nicht historische Stufen wieder. Das ist eine Illusion, eine Scheinwelt eben, die man da errichtet. Man baut lediglich anstelle der wirklichen Gebäude Attrappen, Schaustücke, und verwandelt so eine lebendige Kultur zu einem Museum. Das letzte Stadium, würde man wahrscheinlich sagen können, das Leben inmitten unveränderbarer äußerer Hüllen.

Und dem begegnet der zweite, quasi antipodische Trend in der Architektur - nämlich jener, sich als Architektur selbst völlig aufzulösen, jede wirkliche Charakteristik (vorgeblich, bei Geschäftsgebäuden z. B., um - man stelle sich das alleine vor! welche Haltung daraus spricht! - eine flexible Nutzung der Gebäude zu ermöglichen) seiner selbst zu vermeiden, den Zusammenhang Gebäude - Nutzer - Nutzung auszulöschen, weil jeder die Welt, den Sinnhorizont, in dem er lebt, jederzeit ... bei sich trägt. Sehen kann, was er sehen möchte. Oder, und das ist sogar der überwiegende Teil der Architektur, sich in simplen Rekonstruktionen und Nachäffungen ergeht, worin er sich sogar noch des Lobes eines fast immer kleinkindhafteren Massengeschmacks (Massenphänomene sind Kinderphänomene) gewiß sein darf. Hier im Bilderalbum, dort in einer inexistenten Gegenwart. Beides dieselben Elemente, einer Welt, die aufhört zu existieren, weil sie den Anspruch darauf aufgegeben hat. Womit wir genau das schaffen (!), was die Sehnsucht nach Trugbildern noch weiter verstärkt: weil uns damit auffällt, daß unser Leben keine harmonischen Stadt- und Lebensraumgefüge mehr ergeben. Daß wir alle wie fremde, unabgeholte Pakete in einer Landschaft herumstehen.

Der wirkliche Vorgang wiegt eben schwer: es ist ein Ablösen der Dinge als Erkenntnisobjekte, durch das, was bei Museen und leeren Wänden am Wesentlichsten ist: durch die Beschriftung. Die uns anhält, das Begegnende nicht mehr als es selbst, sondern als Mahnmal, als Symbol seiner selbst (womit es ins Nichts fällt) zu sehen. Wir verzichten auf die wirkliche Welt, die wir mit allen Mitteln fernhalten, der wir unsere Zukunft opfern, und dank "technischer Errungenschaften" sind wir dazu in einem beängstigenden Maß in der Lage, und sind zufrieden, wenn uns eine Welt vorgegaukelt wird. DAS im übrigen, das kostet Energie, das kostet wirklich Energie.

Aber paßt nicht auch das zu uns, der Facebook-Generation? Ist der Vorgang nicht in allen Lebensbereichen längst derselbe?
 
 
*011010*

Eine Armee an Kriminellen

Die Presse bringt 15 böse Fakten über die USA. Das meiste ist ja bekannt, oder geahnt, und wie alles dort: beeindruckend. Sogar die Größe der Kängurus, wie man weiß.

Die Höhe der Schulden (laut Forbes) - Haushaltsdefizit 1,6 Billionen Dollar alleine für 2010 - ist ja nicht für die USA gefährlich, sondern für die Kreditgeber, also praktisch die gesamte Welt, denn der Dollar ist ja Weltreservewährung, und die USA haben sich gut von dieser Reserve ernährt. Die USA haben fast so viele Schulden, als die gesamte restliche Welt ZUSAMMEN. Das Geld ist längst ausgegeben, nun dürfen die Geldgeber alles beitragen, um den Schein aufrechtzuhalten, die USA werden das alles auch eines Tages zurückzahlen.

Es überrascht auch nicht (mehr), daß die US-Banken mehr Immobilien (im Nettowert) besitzen, als sämtliche Amerikaner zusammen. Das verwundert nicht, konnten doch 2010 10 Prozent aller Hausbesitzer bereits ihre Kreditraten nicht regelmäßig bezahlen. Kein Wunder, beziehen doch 40 Millionen Amerikaner Sozialhilfe in Form von Essensmarken, und weil 74 % aller 16- bis 19jährigen keinen Arbeitsplatz mehr haben, wird sich das auch kaum verbessern, man rechnet mit 43 Millionen Essensmarken für 2011.

Eines aber ist hängengeblieben, es war mir neu: Eine Million Amerikaner sind Mitglieder in kriminellen Banden. Diese wiederum begehen 80 % aller Verbrechen.

Die USA hat gut 300 Millionen Einwohner.
 
 
*011010*

Nicht nur in den Krieg gestolpert (2)

Fortsetzung von Teil 1

Der Beginn staatlicher Interventionen in freie Volkswirtschaften

Die Frage der Versorgung mit dem reinen Importprodukt Stickstoff war also dringlicher, als die des Mannschaftsersatzes, oder selbst der Strategie. Denn zu Kriegsbeginn war der für jede Art von Sprengstoff notwendige Salpeter - eine Stickstoffverbindung - für maximal ein halbes Jahr vorhanden.

Rathenau handelt augenblicklich. Selbst bei Kleinbauern wird (nur wenige Wochen oder Tage gar noch, und dieser Rohstoff ist unwiederbringlich in die Ackerböden eingearbeitet) jeder verfügbare Stickstoffdünger requiriert, und mit in Belgien zusammengekratzten Mengen zusammen schafft Rathenau die Versorgung wenigstens so lange zu sichern, bis völlig neu aufgebaute Fabriken nach neuen Verfahren Salpeter selbst herstellen. Diese Tat ist nach Auffassung der meisten Historiker eine der entscheidenden Kriegshandlungen!

*** 

Freilich - Rathenau's "Kriegsgesellschaften" sind die erste Form eines deutschen Staatssozialismus, der die gesamte Wirtschaft zu einer Planbedarfswirtschaft zusammenfaßt, und erstmals in der Geschichte Deutschlands an der Stelle der privatkapitalistischen Profitwirtschaft entsteht.

Erst DADURCH, durch die nun mögliche Fortführung des Krieges gezwungen, folgen nach und nach auch die Alliierten, und gestalten ihre Volkswirtschaften ebenfalls nach ähnlichem Muster um. Bis sie sämtliche alliierte Volkswirtschaften - England, Frankreich, USA, Italien ... - in einen "Allied Maritime Transport Council" (denn ihr Problem ist nicht die Rohstoffaufbringung, sondern die Verteilung) zusammenfassen, und konzertiert steuern.

1917 und 1918 waren als Kriegsjahre schließlich ein Kampf der Volkswirtschaften geworden, nicht mehr ein Kampf der Heere. DAS war schließlich kriegsentscheidend: daß es Deutschland nicht gelungen ist, die Lebensadern der alliierten Bedarfswirtschaften zu durchschneiden. Besonders 1917, am Höhepunkt des U-Boot-Krieges Deutschlands, stand der Krieg aus Nachschubgründen auf des Messers Schneide! 

***

Immerhin haben diese Erfahrungen die Politiker weltweit ein völlig neues Verhältnis von Staat und Marktwirtschaft entdecken lassen. Scheinbar funktionierte die Wirtschaft auch so, als quasi Selbstverwaltungsgesellschaften, gesteuert von staatlichen Stellen?! Mehr und mehr fielen Berührungsängste, deutlich stärker als bisher in die Volkswirtschaften einzugreifen. Bis in den 1930er Jahren überhaupt erstmals staatliche direkte Eingriffe in kapitalistische Volkswirtschaften auch zu Friedenszeiten gewagt wurden. Gewagt deshalb, weil als Kern des Kapitalismus bislang die Selbststeuerung der Märkte angesehen worden war. Und fortan wurden staatliche Interventionen zum gewohnten Mittel der Politik, beginnend mit den USA, und Deutschland. Heute wird diese Politik weltweit betrieben.


Fortsetzung - Teil 3 
Der interventionistische Sozialstaat als konkrete Frucht des Krieges



*011010*