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Dienstag, 19. Januar 2010

Lackmustest des Seins

Weil der Mensch seiner selbst nur im Erkennen gewahr wird, diese wiederum nur einem Seienden - als Teilhabe am Sein - entwächst, über die Sinne "in den Menschen hineinwächst", ist die Grundstimmung des Menschen dem Nichts gegenüber - damit auch: der Täuschung, die versucht, dem Nichts das Mäntelchen eines Scheins, Sein zu beinhalten, überzuhängen - ist diese Grundhaltung dem Nichts gegenüber, die aufsteht, also: die Angst.

"Indem das Seiende entgleitet und wir selbst uns entgleiten, offenbart die Angst das Nichts," schreibt Martin Heidegger in "Was ist Metaphysik".  Es enthüllt sich in der Angst nicht als Seiendes und nicht neben dem Seienden.

Das Nichts "zielt nicht auf sich, sondern ist wesenhaft abweisend. Die Abweisung von sich ist aber als solche das entgleitenlassende Verweisen auf das versinkende Seiende im Ganzen. Diese im Ganzen abweisende Verweisung auf das entgleitende Seiende im Ganzen, als welche das Nichts in der Angst das Dasein umdrängt, ist das Wesen des Nichts: die Nichtung. Sie ist weder eine Vernichtung des Seienden noch entspringt sie einer Verneinung. Das Nichts selbst nichtet."

Ein Etwas, also ein "Nicht-Nichts", bedeutet Geformtheit, bedeutet geformte Stofflichkeit, und bedeutet "etwas und nicht alles".

Also ist Formlosigkeit - Signum des Nichts.




*190110*

Montag, 18. Januar 2010

Aber wer wacht über die Hintertüre?

Selbstverständlich verändert der starke Zuzug von Mitgliedern fremder Kulturen auch unsere eigene Rechtsprechung.

Zum einen, weil unser Rechtssystem, das immer noch weitgehend auf der Basis des abendländischen Menschenbildes steht, zwei Faktoren bei der Bemessung von Schuld kennt: da ist einmal die objektive Tat, und da ist anderseits der individuelle (!) persönliche Hintergrund. Erst unter Berücksichtigung dieser gesamten Faktoren kann von Recht und Gerechtigkeit, auch bei Strafen, gesprochen werden.

Und hier fließt selbstverständlich der "subjektive kulturelle Hintergrund" - z. B. bei islamischen Menschen das Rechtsempfinden ihrer Herkunftsländer und -kulturen - mit ein! Wenn wir davon abweichen, höhlen wir unsere eigene, bewährte, in Jahrtausenden gewachsene Rechtsprechung aus!

Also ist es völlig logisch, wenn es z. B. zu einer zunehmenden Urteilspraxis kommt, die die Sharia (als Beispiel) bzw. die familiäre Stellung von Mann, Frau, Kindern berücksichtigt, die in unseren Ländern längst vergangen, "überwunden" sind. Unabhängig davon, was objektiv wünschenswert wäre.

Aber die Aufregung läßt schmunzeln, die Grüne produzieren, wenn, wie jüngst geschehen, die subjektive Situation eines islamischen Mannes, für den die Einreichung der Scheidung durch die Frau eine - subjektiv - weit größere Katastrophe darstellt als für einen (längst kastrierten und zum Weibchen dressierten) österreichischen Mann, sodaß es "verständlich(er)" ist, wenn dieser Türke seine Frau daraufhin niedersticht, als wenn es ein Österreicher täte. Entsprechend (für die Grünen: viel zu) "milde" fiel das Urteil aus!

Aus Großbritannien, in Fragen der Integration durch Kulturrelativierung und -diffusion bereits in vielem horrorartiges Zukunftsbild, hört man, daß die Fälle zunehmen, wo Richter Prügelstrafen bei Kindern nicht als Delikt (das es nach britischem Recht wäre) sehen, wenn die Eltern islamischen Hintergrund haben.

Die Durchdringung unserer Rechtsprechung ist also - zum einen - unaufhaltsam. Weil es dem Verständnis unseres Rechtssystem entspricht, sämtliche Gegebenheiten beim Ermessen subjektiver Schuld klar zu berücksichtigen. Es war immer eine der Dummheuten von heute zu meinen, es gäbe überhaupt (!) die Möglichkeit, Schuld, Delikt und Strafe rein technisch zu "objektivieren".

Zum anderen (um diese Reihe fortzuführen): Man liest, daß diese Einrechnung des migrantischen (bzw. individuellen) Hintergrunds in England ein Fortschritt in der "Ingetration" der Zuwanderer wäre.

Ein herzhaftes Auflachen angesichts der (vorhergesagten) Gegenstürme, die jene Linken und Grünen auslösen, die meinten, Winde müßten gesät werden, um die Traditionen zu verblasen, sei also erlaubt.




*180110*

Erfüllung höchster Möglichkeit

Die Verdunstung Europas, jenes Geistes, der sich in seinen Einwohnern als tiefste menschliche Wurzel findet, aus der sich alles Vereinzelte errichtet, aus dem aller und jeder seine Kraft schöpfte - wie schöpft, nein: schöpfte, als Konjunktiv - äußert sich am Furchtbarsten, weil Häßlichsten, in der Banalität der Utopie, es gäbe ein Land, eine Welt ohne Verzicht - weil ohne Transzendenz, die besagt, daß das Erfüllte des Lebens nicht in seiner primitiven materialen Erfülltheit liegt, sondern ... im Opfer, das erst zum Höchsten hebt, dessen der Mensch fähig ist - zum Höchsten, das seine Möglichkeit ist, und damit seine größte Erfüllung.

Und alles ist es selbst nur aus seinem Höchsten heraus.

Vergil's "Aeneis" wird nicht deshalb als Mutter Europas bezeichnet, weil es "künstliche" Mythologien als methodische Kulturgründung erstmals praktizierte, und dazu einfach Homer fortschrieb.

Das, was ihre kulturzeugende Kraft ausmacht - und sie atmet damit im Geist der damaligen Zeit, der "Fülle der Zeit", der Erlösungsahnung, in der sich hier Augustus incarnierte, dort Jesus Christus - ist genau diese Resignation, aus welcher Haltung heraus erst Kulturaufbau überhaupt möglich ist, weil der Welt in ihrem Zustande, in ihrer wirklichen Gegebenheit, antwortet. Und sie überwindet - nicht ihr, die außerhalb dieser Klammer sofort in banale Einzeltriebe zerfällt, die zusammengesetzt aber niemals mehr das Ganze ergeben - erliegt.

Diese Grundhaltung der Resignation ist die Situation der ewigen Heimatlosigkeit, der Vertriebenheit, der Verantwortlichkeit einem außerhalb aller Welt Stehenden gegenüber, dem zu genügen ist - ohngeachtet aller irdischen Niederlagen und Austreibungen. Es ist dieser Zug der Traurigkeit, den das Christliche so erfüllt. Indem es seinen Sinn aussagt, von dem her plötzlich alles Erlebte und Erlittene licht wird, sich erhellt, Welt und Geschichte plötzlich deutbar - ja: vorhersehbar, natürlich immer in gewissen Grenzen - wird. Denn das jeden Menschen prägende Erleben ist ... jenes von Leid. Wer anderes sagt, täuscht sich und vor allem: andere über die Natur der faktischen Welt, in der wir uns bewegen. Und wer vorgibt, dieses Leid zu beseitigen, ist ein Sohn der Hölle, wo er die Welt hinstößt, der er die Hoffnung der Überwindung nimmt.

Daraus schöpft man, liest man Vergil, wie aus einem Gebetbuch; und daraus schöpft man in dieser langen Liste der Literatur und Kunst, die Trost dadurch spendet, weil sie erneuert, als Urbild, welche menschliche Größe es - NUR! - ist, die alles aufrichtet und hält.

Bedrängtheitsliteratur allem voraus, wie Vergil, wie anderseits, als Dokumente des Menschseins der höchsten Möglichkeit, (um nur einen zu nennen) Theodor Haecker mit seinem "Tag- und Nachtbücher".




*180110*

Sonntag, 17. Januar 2010

König und Vater

Kardinal Richelieu in seiner Denkschrift 1629 - über den Staat und den König:

"Die Staaten jedoch besitzen kein Heil außerhalb dieser irdischen Welt, ihr Heil ist ausschließlich gegenwärtig, oder es ist nicht. Infolgedessen können die für das Bestehen der Staaten nötigen Strafen nie vertagt werden. Sie müssen augenblicklich vollzogen werden."

"Im übrigen muß man ohne Leidenschaften Recht sprechen; ein Monarch, der die Gerechtigkeit auf persönlichen Abneigungen oder Zuneigungen beruhen ließe, hätte vor dem Gericht, das über dem seinen wirkt, Rechenschaft abzulegen. [...]"

"Da die Könige die wahren Ebenbilder Gottes auf Erden sind, so müssen auch alle Wohltaten aus ihren Händen fließen, und es kann ihnen nicht genug empfohlen werden, den Ruf der Liberalität zu erwerben. [...] Aber ihre Wohltaten dürfen sie nicht an ihre Favoriten verschwenden, sondern sie müssen nach Maßgabe der Verdienste und Leistungen erfolgen. Es gibt wenige Menschen, welche die Tugenden an und für sich leiben, die sich bemühen auch dann recht zu handeln, wenn sie keine Belohnung zu erwarten haben. Große Herrscher halten sich an die Maxime, jenen Dienern, die ihre Pflichten im Staatsdienst mit Würde erfüllen, Wohltaten zu erweisen; dies aber heißt, daß sie diese Wohltaten mit einem Zins von tausend zu hundert anlegen [...]"

"Gegen alle diejenigen, die die Ordnung stören und die Gesetze verletzen, sollen die Könige genau und streng sein. Aber sie sollen an dieser Strenge nicht ihr Vergnügen finden."

"Stark muß man durch den Verstand sein, und nicht durch seine Passionen."




*170110*

Samstag, 16. Januar 2010

Vom sinnlosen Wirtschaften

Es geht um eine Neubewertung dessen, was "Wohlfahrt" bedeutet - der seit über einem Jahrhundert nur noch als pekuniäre Leistung erfaßt wird. Als Kontrollparameter für die steuernden Maßnahmen der Politik aber sind diese Parameter zu hinterfragen. (So wie zu hinterfragen ist, ob Wohlstand - in Geld und Gütermengen berechnet - nicht viel zu kurz greift, um Erfolg - oder Mißerfolg von Wirtschaftspolitik zu bemessen.) Ökonomisches Wachstum bzw. ökonomische Leistung kann nur einen Teil von "Wohlfahrt" ausmachen.

Eine gut funktionierende soziale und ökologische Infrastruktur ist weit weniger krisenanfällig als rein ökonomische Strukturen, und leistet einen weit unterschätzten Beitrag zur Wohlfahrt. Auch wurden ökonomische Bilanzen (als Erfolgsthermometer) unzulässig durch künstliche Mittel (Geldvermehrung!) hochgehalten, um Erfolg auszuweisen - dessen Folgekosten ihn als Mißerfolg ausweisen müßten.

"Vielfach ist in unseren Zahlen von Wirtschaftswachstum und Bruttoinlandsprodukten zudem eine Leerlaufwirtschaft enthalten, die außer Zahlen eigentlich nichts produziert - und nur versucht, Schäden aus bereits vergangenen Wirtschaftsabläufen wieder auszugleichen. Zum Beispiel schlägt sich die Errichtung einer Lärmschutzwand neben einer Autobahn als positiv zur Wirtschaftsleistung eines Landes zu Buche - aber es ist die Beseitigung negativer Folgen, die es ohne das Wachstum zuvor gar nicht gegeben hätte.

Es zeigt sich, daß diese Leistungen nicht zum Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft ausreichen: Paradox ist derzeit auch, daß zwei Personen, die sich gegenseitig, gegen (bleiche) Bezahlung das Geschirr spülen, sich aufs Bruttoinlandsprodukt auswirken - tun sie es nur für sich, sinkt die Wirtschaftsleistung. Das hat zu einer systematischen Geringschätzung der Frauenarbeit - in Pflege, Haushalt, Ehrenamt - geführt. [Umgekehrt sind diese Leistungen von den staatlichen Haushalten - als Lohnarbeit - nicht finanzierbar; Anm.]

Jahrzehntelang aber hat man Sozialpolitik zunehmend und ausschließlich auf der Basis eines so verstandenen Wirtschaftswachstums gemacht."

Es ist vielleicht unverzichtbar zu fragen, ob nicht ein nationaler Wohlfahrtsindex einem Bruttoinlandsprodukt gegenüber als Gradmesser politischer Maßnahmen vorzuziehen ist. Sogar dort, wo man subjektive Lebenszufriedenheit von ökonomischer Leistung sogar so weit abtrennen muß, als auch unter oft einfachsten Lebensbedingungen erstaunliche Lebenszufriedenheitswerte erzielt werden. Dazu aber braucht es eine prinzipielle bzw. teilweise "Entmaterialisierung" der Maßstäbe.

Ferner braucht es die Berücksichtigung globaler Gerechtigkeitsaspekte, die Abkoppelung von Wirtschaftsleistung von Energienutzung und -verbrauch, um von einer rein ökonomisch-quantitativen Politik (ohne die Sinnhaftigkeit von Wirtschaftswachstum für viele Bereiche zu bezweifeln) zu einer qualitativen Politik zu gelangen.


(Prof. Hans Diefenbacher in "Aula")




*160110*

"Mach Platz und laß mich jetzt!"

Das ist der Leitspruch, der die Wahlen in Haiti seit Jahrzehnten bestimmt, schreibt der deutsche Journalist und Haitikenner Hans Holz. "54 Prozent der Haitianer leben heute von weniger als einem Dollar pro Tag." Es gibt seit Jahrzehnten, zumindest, keine funktionierende Regierung mehr, Diktaturen natürlich mitgerechnet. Wer an die Macht kommt rechnet fix damit, den Stuhl bald wieder räumen zu müssen, ins Ausland fliehen, bis dorthin muß er seine Schäflein ins Trockene gebracht haben. Alle Beschreibungen zeigen, daß es um nacktes Überleben, um würdelosestes Elend - nicht um einfach: Armut - geht.

Die Hilfskonvois sind, nach mehrfachen Berichten, kaum in der Lage, rasch zu helfen, sitzen am Flughafen, sitzen an der Grenze fest, wo sie zeitaufwendig und mühsam wegen geforderter Bestechungsgelder verhandeln müssen. Dadurch sterben viele zusätzlich, denn Zeit spielt eine große Rolle: aus kleinen Verletzungen werden große, aus großen tödliche. Es gibt kein Wasser, keine Nahrung, Verschüttete können nicht geborgen werden, kommen um. Tote werden nicht mehr von ihren Angehörigen identifiziert, man spricht bereits von fallweisen Verbrennungen, um den unerträglichen Leichengestank aus den Straßen zu bringen. Wieviele Tote es sind kann niemand derzeit einschätzen. 100.000. 200.000 ... Die Überfüllung der Hauptstadt Port au Prince, bedingt durch den Niedergang der Landwirtschaft, hat die Folgen dieser Katastrophe noch drastisch verschlimmert, zumal in den Hanglagen, wo viele durch Hangrutsche und herabstürzende Gesteinsbrocken ums Leben kamen.

Haiti war bereits bisher der ärmste Staat der westlichen Hemisphäre, ja das ärmste Land der Welt gewesen. Und ein Land ohne Hoffnung. Dabei war es seit seiner Gründung ein Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit aus Kolonialherrschaft: 1804 war es das erste Land Amerikas, das durch eine Sklavenrevolution unabhängig wurde, und das dann selbst Napoleon militärisch trotzte. Die Haitianer gelten als kraftvoll und voller Überlebensenergie ... "Sie hätten sonst kaum bisher überleben können," meinen langjährige Beobachter, denn auf Haiti überleben zu können sei alleine ein Kunststück.

Die Geschichte Haiti's ist eine einzige Abfolge von Tyrannei, Unterdrückung, und brutaler Bereicherung. Die Regime der letzten Jahre - alleine seit 2004, seit die USA nach dem Sturz des vorherigen Präsidenten "Aristide" den Regierungen "unter die Arme greifen", waren es bereits sechs - sind obligatorisch unfähig und korrupt, dazu stets auch am Gängelband des CIA, auch wenn die UNO-Blauhelme, die seit 2004 im Land sind, allmählich für gewisse Sicherheit im Inneren sorgen.

Durch die politische Unsicherheit fehlte es aber völlig an ausländischen Investoren, zudem fehlt es völlig an notwendigster Infrastruktur. Anders als beim Inselnachbarn Dominikanische Republik, wo wenigstens Tourismus etabliert werden konnte.

Nationale Güterproduktion gab es in den letzten Jahren kaum noch. Die Arbeitslosigkeit ist extrem, die Abhängigkeit von Importen enorm, auch bei Lebensmitteln. Nur noch etwa 1 Prozent der Fläche sind, durch jahrhundertelangen Raubbau, mit Wald bestanden, die landwirtschaftlichen Flächen sind ruiniert, Strukturen nicht mehr vorhanden. Erosion, aber vor allem Monokultur hat die Böden unfruchtbar gemacht, ein Problem das nur langfristig überhaupt zu bewältigen wäre. Mit daran schuld: die USA, die Haiti zur Öffnung des Lebensmittelmarkts zwang, und mit seinen landwirtschaftlichen Überschüssen den lokalen Bauern den Rest gab.

Das war alles aber schon VOR diesem gigantischen Erdbeben bekannt. Erst vor wenigen Jahren hatten schließlich die USA ihre Politik geändert.

Dann kam der Wirbelsturm, der enorme Verwüstungen anrichtete.

Aber tatsächlich: Haiti zeigte trotzdem erste Anzeichen von Besserung, ein zartes Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent war 2009 zu verbuchen.

Da kam nun das Beben.

Erstmals seit Jahrzehnten dürften amerikanische Flugzeuge mit Hilfsgütern kubanisches Territorium überfliegen. Eine Reportage, ebenfalls auf HR2, läßt einen Wissenschaftler zu Wort kommen, der erklärt, daß sich im Laufe der Evolution der vordere Hirnlappen gebildet habe, wodurch sich die Gattung des homo sapiens von anderen Gattungen grundlegend unterscheide - weil seither dort alle moralischen Entscheidungen abliefen, die den Menschen wie auf Leiterbahnen zum Guten - oder, bei Evolutionsstörungen, zum "Schlechten" - brächten. Als ich auf SWR2 schalte, höre ich eine Reportage über Istanbul, in der die nette Frauenstimme, die im Off spricht, alle zwei Minuten bemüht nebenher erzählt, daß Istanbul nicht anders wäre als Paris, London oder Berlin. (Sodaß ich mich wirklich frage, warum man dorthin fahren sollte.) Ich erinnere mich an einen Bericht im Reader's Digest, irgendwo habe ich den wohl noch, aus den späten 1970er Jahren, in dem man über den wahnsinnigen haitianischen Diktator "Baby Doc" groteske, mehr noch: grauenhafte Geschichten berichtet hat.

Die Evolution hat ihn wahrscheinlich weggespült. Wie kann man auch nach Haiti ziehen.

Die Grünen protestieren, daß am Meldeschein nun auch die "eingetragenen Partnerschaften" auftauchen (das sei Diskriminierung - was wollten sie denn?), die deutsche Familienministerin Köhler (CDU) erzählt in allen Medien, daß Homosexuelle nicht nur sehr wertebetont leben könnten, sondern oft sogar sehr konservative Werte hochhielten, während Alfons Haider seit Tagen in jeder Zeitung dasselbe sagt - daß in Österreich, diesem Scheißland, lauter Schweine wohnten (die man am besten was sollte?) die nur darauf lauerten, seine Mutter grün und blau zu schlagen, weil er schwul sei.

Ein weit unterschätztes Problem ist in Österreich: die Langeweile. Darüber werde ich noch schreiben, nehme ich mir vor.

Nach alledem auf Haiti.




*160110*

Von den Regierungspflichten

Kardinal Richelieu in seiner berühmten Denkschrift - vor allem auch seinem Sovereign Ludwig XIII. gesagt - über das Königtum; nicht ohnabsichtlich sei hinzugefügt, daß die Haltung des Königs das Archetyp jedes Mannes und Vaters, ja, die Grundhaltung jedes Menschen ist, der je nur seinen Stand, seine Aufgabe als Seinsform verwaltet. Sollte man noch erwähnen, daß Richelieu - treu dem scholastischen Grundsatz "agere sequitur esse" (Das Handeln folgt dem Sein) - die Repräsentation als zentrales sachliches Anliegen (und nicht in persönlicher Eitelkeit motiviert) und Basis allen Handelns, ja diesem übergeordnet weil dieses beinhaltend, sah. Eine Einheit, die erst der Technizismus auflöst, der menschliches Handeln in höchst eingeschränktem (und damit: unmenschlichem) Maß als bloß technische Funktion sieht:

"Es ist dem Staate gefährlich, wenn man in Bezug auf die Anwendung der Gesetze sich gleichgültig zeigt. Es scheint mir, der König besitze nicht genug Eifer und Festigkeit in Bezug auf die Durchführung seiner Erlasse. [Damit ist der König direkt für jene Seelen verantwortlich, die Opfer der Nichteinhaltung der Gesetze sind.]

Etwas anderes sind die Sünden, welche die Könige als Könige begehen, und die Sünden, welche sie sich als Menschen zuschulden kommen lassen. Als Menschen sind sie, wie jeder andere, dem göttlichen Gesetz unterworfen. Als Könige müssen sie ihre Macht für diejenigen Ziele einsetzen, deren Erreichung der Himmel ihnen vorschreibt. Ihre Macht dürfen sie nie mißbrauchen. [...]

Jene Fürsten aber, die es unterlassen, ihre Autorität dafür einzusetzen, daß ihre Staaten innerhalb der ihnen notwendigen Ordnung bleiben, sind vor Gott schuldig. Wenn es ein König zuläßt, daß untger seinen Untertanen ungestraft der Starke den Schwachen unterdrückt, wenn er es hinnimmt, daß einzelne die Staatsordnung durchbrechen, dann wird er auch selbst untergehen. [...]

Nie genug und nie früh genug wird ein Christ Beleidigungen vergessen, ein König aber, ein Gouverneur, ein Magistrat wird solche Beleidigungen nie früh genug bestrafen, sobald sie gegen den Staat gerichtet sind."



*160110*

Freitag, 15. Januar 2010

Nur freie Menschen wirtschaften



Sergej Petrow, der Gründer der mittlerweile größten russischen Autohandelskette "Rolf", nennt im Interview mit der Presse das wahrscheinlich prägnanteste Argument in einer pragmatischen Diskussion um Kommunismus/Marxismus und Fortschritt: "Ich glaube nicht an das chinesische Modell, das hat noch nie funktioniert." Früher oder später werde man auch dort die Marktwirtschaft wieder beschränken. "Man kann zwar imitieren. Aber nur freie Menschen bauen einen Mercedes." Und er gibt interessante generelle Einschätzungen zur Lage in Rußland. Petrow gab vor zwei Jahren die Aktien an seinem Unternehmen ab, und sitzt seither als Abgeordneter der Partei "Gerechtes Rußland" in der DUMA, dem russischen Parlament.

Der ehemalige Mitarbeiter des vormaligen KGB (ehem. sowjetischer Geheimdienst; Anm.) - mit dem er aber in Konflikt geriet - beweist, aufbauend auf dem so typisch russischen, fast schon zu trocken-nüchternen Realitätssinn, auch sonst bemerkenswerten Reflexionsstand, wie u. a. auf dieser Seite erfahrbar ist. "Menschen in einem Unternehmen müssen wissen, daß sie und ihr Unternehmen eine Sendung haben. Nur die allerwenigsten Menschen arbeiten primär wegen des Geldes."

„Die Presse“: In zwei Jahrzehnten freier Marktwirtschaft in Russland wurden Unternehmer erst von der Mafia behindert, ab dem Jahr 2000 von milliardenschweren Geheimdienstaufsteigern unter den Beamten. Wann war der Widerstand stärker?

Sergej Petrow: Viele Unternehmer behaupten seit 2000. Die Mafiosi hielten zumindest ihr Wort.

„Die Presse“: Sie schossen aber auch.

Petrow: Ich teile ja die Einschätzung meiner Kollegen nicht. Heute kann man immerhin Beschwerde einlegen. Aber in den Neunzigern wurde die Grundlage für jene marktwirtschaftlich orientierten Firmen geschaffen, die nun 30 Prozent der Wirtschaft ausmachen. Jetzt fahren sie ihre Aktivität zurück. Damals gab es noch Aussicht auf Verbesserung.

„Die Presse“: Fehlt diese Perspektive heute?

Petrow: Die staatlichen Institutionen werden wieder schlechter. Die Gerichte waren in den Neunzigern zwar auch nicht frei, aber es besserte sich. Bis Putin die Gerichte den neuen Machthabern unterwarf. Wenn Menschen mit solchen Vollmachten beginnen, Richter zu lenken, was dann?

„Die Presse“: Was wiegt schwerer? Dass Öffnung und Demokratie von oben behindert werden oder dass die Nachfrage danach von unten fehlt?

Petrow: Freilich Letzteres. Im Übrigen heißt es, dass der Staatsmann, der nur den Willen des Volkes ausführt, kein Staatsmann ist. Er sollte dem Volk voraus sein und es ziehen. Putin aber fühlt vor allem den Zeitgeist und will ihn anführen.

„Die Presse“: Wundert Sie das, wo er doch beliebter ist als der junge Kremlchef Dmitrij Medwedjew, der zu Modernisierung und Liberalisierung aufgerufen hat?

Petrow: Das Volk will keinen Liberalismus. Putin ist noch der Liberalste unter den Geheimdienstlern. Gleichzeitig schart er Leute um sich, die täglich Entscheidungen gegen Liberalisierung treffen.

„Die Presse“: Die Wirtschaftskrise zeigt wohl auch Hardlinern Grenzen auf. Führt sie nicht zwangsweise zu Reformen?

Petrow: Es wird nicht zu Reformen kommen. Solange der Ölpreis erlaubt, Probleme zu vertuschen, bleibt Putin populär. Auf Medwedjews Aufruf zu Reformen reagiert außer einigen Liberalen niemand.

„Die Presse“: Sind die Unternehmer unsicher, auf wen sie setzen sollen?

Petrow: In Russland gibt es zwei Arten von Business: Jenes der Nomenklatur, das Putin unterstützt, und das der marktwirtschaftlich orientierten Unternehmer, die Stabilität suchen. Weil das Beamtentum immer stärker wird, nehmen Hass und Gereiztheit unter den Unternehmern zu. Nicht der Unternehmer ist bei uns König, der Beamte ist der King.

„Die Presse“: Sie sagten einmal, dass die russische Autoproduktion eigentlich nur noch eine soziale Funktion ausübe. Ist mit der Krise der Todesstoß gekommen?

Petrow: Pragmatische Leute denken so. Unsere Automanager wurden aber nicht zur Konkurrenz erzogen, vertrauen auf den Staat und werden fett. Die Betriebe werden von der Konkurrenz abgeschottet. Die Zwischenstellung zwischen Europa und Asien zwingt uns offenbar zu denken, dass wir es wieder auf die alte Weise probieren müssen.

„Die Presse“:
Mit dem Kauf von Opel wollte man doch einen neuen Weg gehen.

Petrow: Den sehe ich nicht. Know-how zu kaufen könnte prinzipiell funktionieren, aber nur, wenn etwa Opel der Käufer wäre. Die Frage ist, wie sich Know-How auf niedrigem Niveau implementieren lässt. Ein Beispiel: Bei uns erhält ein Mechaniker seinen Lohn prozentuell von der Rechnung, die er ausstellt. Er will daher logischerweise mehr reparieren als nötig. Um das zu ändern, stellt der Betrieb jemanden ein, der den Mechaniker kontrolliert und dazu anhält, nur nötige Reparaturen durchzuführen. Das Systemproblem bleibt ungelöst.

„Die Presse“:
Ist die Übernahme durch ausländische Autobauer die einzige Lösung?

Petrow:
Das ist eine Chance, reicht aber nicht. Wenn etwa Renault Avtovaz übernähme (hält heute 25 Prozent der Anteile, Anm.), dann stünden die Franzosen einer Gewerkschaft gegenüber, die dem Staat unterworfen ist. Und die so mächtig ist, dass sie den ganzen Betrieb zusammenhaut.

„Die Presse“: Ökonomen diskutieren die Möglichkeit eines chinesischen Weges für Russland. Politisch autoritär, aber dahinter eine blühende Ökonomie. Kann das gelingen?

Petrow: Nirgends ist das gelungen. Die chinesische Form ist nicht interessant; auch dort wird die autoritäre Regierung früher oder später den marktwirtschaftlichen Prozess bremsen. Man kann zwar imitieren. Ein Mercedes kann aber nur von freien Menschen gebaut werden.

„Die Presse“: Viele Unternehmer sitzen im russischen Parlament, wohl um Lobbying zu betreiben. Warum sind Sie Politiker geworden?

Petrow: Um etwas am Businessklima im Land zu verbessern. Sie glauben nicht, was man in der Duma erleben kann! Beamte erklären mir, dass die Unternehmer Feinde des Volkes sind und bestohlen werden müssen. Uns gelingt es immerhin, kleine Korrekturen bei Gesetzesanträgen anzubringen.

„Die Presse“: In Russland gilt es als offenes Geheimnis, dass Plätze in der Duma für Millionen Dollar gekauft werden. Wollte man auch von Ihnen Geld?

Petrow: Ja. Man ist davon ausgegangen, dass ich der Partei eine gewisse Hilfe leiste. Aber das ist kein Aufnahmeticket in die Duma. Es waren freiwillige Hilfen, etwa für eine Region, in der das Geld fehlte.




*150110* 

Glauben hätte er ja ...

Friedrich Anton "von" Schönholz* berichtet in seinen Traditionen von manchem Umtrieb, der sich (Anfang d. 19. Jahrhunderts) aus (seiner Meinung nach) von der Kirche zu wenig gelenktem, zu großem Wunderglauben in der Bevölkerung breitgemacht habe:

"Von welcher Seite Extravaganzen des Glaubenseifers im Volke aufgenommen werden, stellte sich am deutlichsten während der Anwesenheit des Wunderheilers Hohenlohe** in Wien heraus. Unter anderen Persiflagen fand sich allgemein und nicht bloß im Mittelstand die verbreite Anekdote: Ein Lahmer auf Krücken sei von jenem nach Auflegung der Hand, mit den Worten entlassen worden: "Gehe hin! Dir wird geholfen werden"; wodurch der arme Mann sich veranlaßt gefühlt hätte, auf der Treppe die Krücken von sich zu werfen - und nun auch noch das andere Bein brach."

* Gänsefüßchen, weil Schönholz sich in seinen Publikationen zwar als "von" tituliert, seine Zugehörigkeit zum Adelsstand aber nicht nachweisbar ist.

**Leop. Frz. Em. Prinz Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (1794-1849), gestorben als Weihbischof von Sardica, der sich in Bayern als Thaumaturg betätigte, bis sich die Sanitätspolizei ins Mittel legte; worauf er sich 1821 nach Wien begab, wo er aber nur im Stillen wirkte.




*150110*

Donnerstag, 14. Januar 2010

Wir haben keine Wahl

Hinter diesem schlichten Satz steckt mehr Wahrheit, als man wahrnehmen möchte, ja: er ist der Schlüsselsatz:

Der Goldman-Sachs-Chef warnte zugleich davor, die geplante Neuregulierung der Finanzmärkte zu streng zu gestalten: "Wenn wir die Risiken komplett aus dem System nehmen, dann geht das nur auf Kosten des Wirtschaftswachstums."

Unser gesamtes Wirtschaften aber, in seiner unlösbaren Verbindung mit dem Wohlfahrtsstaat, vor allem in Hinblick auf Rentensicherung und demographischen Wandel, basiert seit Jahrzehnten auf einem immer unausweichlicheren Zwang zum Wachstum. Wir können es uns nicht (mehr) aussuchen, wollen wir nicht einen völligen Systemzusammenbruch riskieren - die "Rettungs-"Maßnahmen von 2009 waren sogar der Eid, die Rückgänge der vergangenen Monate ZUSÄTZLICH zu den Steigerungen der nächsten Jahre wieder einzuholen. Tun wir das nämlich nicht, haben wir NUR Inflation geschaffen.




*140110*

Anstelle des Vaters

Oh ja, man fühlt die tiefe Wahrheit, wenn Borchardt über allem "Gutmenschentum" der späteren Jahrtausende den tiefsten inneren Kern der Alkestis freilegt wie ein Anatom das innerste Knochengerüst, worauf pochendes, siedendes Blut sichtbar wird, das aus einem selbst strömt:

Das Selbstopfer der Tochter für den Vater, in dem Iphigenie sich auf den Altar legt (was dann so weibisch, mit Sicherheit aber nicht im ursprünglichen Sinne, abgeschwächt wurde ...) Nicht "für" jemanden, sondern "anstelle", kostbarer Verzicht im Opfer gegen notwendiges Bedürfen, pars pro toto, aus dem Geschlecht, der Familie, der Sippe.

Selbst das Wesen des Lesbentums hellt sich unter diesem Licht.




*140110*

Die Bewahrung des Ethischen

"Der Mythus existiert nicht absolut, sondern nur durch die Vorzeichen seiner musischen Prägung. Er ist Kult oder er ist Poesie; unabhängig von beiden "ist" er gar nicht, ist er eine vom einen oder andern her konstruierte theoretische Abstraktion, und im Epos nackter Literaturstoff, religiös und dichterisch und darum auch ethisch indifferent bis zur höchsten Pracht und bis zur furchtbarsten Gefährlichkeit.

Was in den Chor zugelassen die nationale Menschheit vor die nationale Gottheit begleiten soll, muß seine Ehrenprobe bestanden haben. Die Heldensage ist zugleich der Ehrenkodex des althellenischen Edelmannes, an Rechtschaffenheit und Mißschaffenheit, Treue und Frevel gegenwendig entwickelt. Der Preis der Zucht ist keine späte humanisierende Sittigung einer archaischen Fürchterlichkeit, sondern selber ein archaisches, ein urältestes Stammeserbe, erhalten in der Adelsgesinnung, im überlieferten und angeborenen Adelscharakter, und in seinen beiden Bewahrungsformen, Kult und Chor. 

Die blöde Menge hat ihren dumpfen Aberglauben, ihre Fetische, Greuel und Götzen, und und, darüber hingebreitet, die sie unterhaltende und zersetzende Spielmannsmaere, mit dem rasenden Achill und dem schlauen Odysseus: keinen von beiden bringt die Muse von Althellas vor Zeus und die Ahnen."

Rudolf Borchardt, in "Pindarische Gedichte", über das liturgisch-kultische, mythische Wesen der Poesie, als Ort der Kontinuität wie Entwicklung der Kulturhöhe eines Volkes, und insofern ethische Qualität.




*140110*

Mittwoch, 13. Januar 2010

Göttlicher Abgrund im Gedanken

"Das Wort, das [Pindar] braucht, Sophia, Meisterschaft, bedeutet an sich nur eine höchste Wertstufe jeglicher Leistung, aber es kann sie im besonderen Sinne höchster geistiger Einsichten bedeuten: er widersetzt sich auch darin der beginnenden Spaltung und Spezialisierung. "Weise" heißen ihm zugleich, als die "Kompetenten", etwa die Regierenden jener altlandadligen Oligarchieen, in deren griechischer wie germanischer Form er das überlieferte Ideal der Verfassung gesehen hat, gegenüber der Tyrannis und der Herrschaft des "blöden Gewalthaufens", der Demokratien; und "weise", über alle vermittelnden Stufen hinweg, der denkende Wegweiser des Volkes, der, für viele Denkungewohnte, mit dem Göttergeschenke des Gedankens belehnte. 

Diesen "Gedanken" erschließt er in die Tiefe hinein als göttlichen Abgrund, in die Breite der Empirie und der Spekulation begrenzt er ihn nicht mit allgemeinen Stilgrenzen, vielmehr mit den besonderen des ihm vorschwebenden Gotterehrfürchtigen und bei höchster Spannung höchst demütigen Mannestumes. Unablassend steht er als heiliger Warner vor dieser Schranke, der dem Meister wie dem Ungemeisterten gleichmäßig gebannten, hinter der keine beliebig zu erweiternde Weisheit beginnt, sondern eitles Mehr-Wissenwollen. 

Aus seinem Tiefsinn, nicht aus seiner konventionellen Starrheit, stammt die energische Verachtung alles bloßen Wissens um des Wissens willen, aller nüchternen Spekulationen der Neugierde, hinter denen der Zweifel als Weltmacht auftaucht und die Wurzeln des Handelns zernagt."


(Rudolf Borchardt, in "Pindarische Gedichte")




*130110*

Dienstag, 12. Januar 2010

Der völlige Auseinanderfall

Man bezeichnet den Barock gerne als letzte gesamteuropäische Kulturepoche. Nun, das stimmt auch wohl.

Aber betrachtet man seine Formensprache genau, so könnte einen der Verdacht beschleichen, daß der Barock - in seinem Explizitmachen, seiner Verbalisierung alles dessen, was zuvor immanent war, in seiner Liebe zu Allegorien - erschreckend deutlicher gesamteuropäischer Ausdruck der Entfesselung alles zuvor Gebundenen, in "intaktem" Zustand also Schweigenden ist.

Aufgestachelt durch die Reformation, in einem Atemzug mit der Gegenreformation ausgeblüht, ließ sich das allem Ganzen innewohnende Immanente plötzlich in seiner Vereinzelung - als Ding, das auch außerhalb seines Sinnbezuges wirken könne - erfassen, begann (und vermutlich, wie nämlich immer, das bereits Fehlende oder Bedrohte) plötzlich zu sprechen. Als Hauch der heraufziehenden Pest, zum tödlichen Keuchhusten gesteigert, wie ihn die Aufklärung sinngemäß bedeutet, die den Hammer der Zertrümmerung darstellt.

Unbedingt dafür spricht, daß nicht nur nach dem Barock Europa definitiv zerfiel, daß mit ihm die Europa noch einen sollende Reichsidee endgültig zerbrochen war (zu Tode gekommen durch ... französische Politik, die nur dadurch Frankreichs Bedeutung erhöhen konnte, daß Europa als Reich unter einer Reichskrone verhindert wurde, fixiert im Westfälischen Frieden 1648) sondern - betrachtet man den französischen Barock als Übersteigerung des Barock, so deutet sich darin sogar bereits die Französische Revolution an: die Explosion des Gefüges.

Und die Entwicklung des Theaters - losgetrennt von allem Kult - als Verbalisierung reiht ihn in kulturelle Gesamtentwicklungen ein, die die Literatur als Ausdünstung geistigen Todes entlarvt.


*120110*

Der Tod der Liturgie

Pindar reißt das Recht auf gültige, auf heilsbringende Weltdeutung wieder an sich, gegen den Rationalismus der Zeit, gegen dessen neue, aber unfruchtbare Schöße der Sinngebung.

So begreift man ihn, folgt man Borchardt's Schrift über dessen Gedichte, liest sie in Borchardt's Übertragung. Pindar hat sich damit - restaurativ, aus großer Kraft, aber auch: das letzte Mal - gegen die Trennung der poetischen Kunst als formale Sprachkunst an sich gewehrt, die sich in der aus Asien rückgewanderten Homerischen Symbolik über die ursprüngliche, aus den tiefsten Wurzeln des Menschseins, das mit der Landschaft, dem Boden verwurzelt, aus diesem, diesen deutend, erquollen ist, das religiöses (und in der Lyrik Liturgie gewordenes) Empfinden und Weltdeuten war. In der konsumableren, zum Buch (das im Ältesten Griechischen als "Sammlung" bezeichnet war: Sammlung der Lieder, der Poesie) "Literatur" aber bereits zur Unterhaltung abgesunken war.

"Es ist der höchste Anspruch, mit dem die Poesie je aufgetreten ist, seit sie in Urzeiten mit aller Vorstufe der Kultur verschwistert in der gleichen Knospe gelegen haben mag: heilige Enzyklopädie zu sein, von ihrer Basis aus das Weltall zu setzen und zu deuten; erst Dante und Goethe haben wieder wie der Thebaner das Recht auf die dichterische Summe als höchste Instanz der Zeit an sich gezogen, und sie setzen bereits unbewußt das Pathos des musischen Primates voraus, das sich aus Pindars hallenden Stuhlbesteigungsworten ätherhaft durch die ganze Antike verbreite hatte."

Für Pindar waren die Götter- und Heldengeschichten unmittelbar, reale Erfahrung - nicht symbolische Geschichten geworden, die in sich bereits ein Gemengelage an Deutung und Interesse der Zeit vermischten. Seine Lyrik war noch einmal der Versuch, nein: das reale Aufflackern, das Auflodern, einer Poesie der Verbindung von Gott und Mensch.

Historisch erfaßbar, verstehbar weil nachvollziehbar - und verifizierbar, weil wiederholt, vorhersagbar: "Der Sieg der Demokratie ist hier wie in Mittelalter und Neuzeit das Ende der Poesie. Was übrig bleibt, hier wie dort, ist Literatur, die der neuen Gesellschaft das Bild ihrer Misere liefert, und Romantik, die das der alten rekonstruiert, bis die Geschichte den Volkskehricht in die Sklavenecken neuer Herren räumt."

Borchardt faßt damit tief in die Wurzeln einer Liturgie, einer Religiosität - die den Begriff des Sakraments nicht kennt, aber mehr als ahnt: um ihn bereits weiß. Und das erst im Sakrament aber in sich diesen Anspruch auf Poesie, auf den Kreuzungspunkt von Ewigkeit und Geschichte, wie eine Erfüllung alter Menschheitssehnsucht real macht, aus dem bloß Aktualistischen des Erlebens des Moments aus dem Menschen selbst, aus seiner Brüchigkeit wie Flüchtigkeit, ins Wirkliche, Dinghafte heraushebt.

Pindar selbst wehrt sich entsprechend noch vehementest gegen Tendenzen, die diese Sakralität zur Sakramentalität heben wollen, die diese Grenzen (die, natürlich, gar nicht mehr wirklich zu ziehen ist, die nur noch in Sehnsucht und unerfülltem Drang verharrt) überschreiten wollen. "Weiter nicht - dünkle nie dich, Gott zu werden." Denn längst belegen unteritalische Schriftfunde, was da ausgelöst war: "Seliger, ein Gott geworden aus Sterblichem"; oder: "Du ist nun Gott, der du Mensch gewesen", "Du bist schon Gott: suche den Rückeingang zu den Göttern".

Dasselbe übrigens, zu dem die Katholische Liturgie seit vierzig Jahren implizit tendiert, zu dem sie (außerhalb der Ränder der Dogmatik allerdings) alle Tore aufgerissen hat, indem sie den Menschen selbst als Vollzieher der Sakramente bedeutsam machte, ihn faktisch damit vergöttlichte, worauf sich im nächsten Schritt das Sakrale auflöste ...




*120110*

Wozu Literatur?

Rudolf Borchardt schreibt an einer Stelle:

"Das alte Helenenvolk, das unter dorischer Vorherrschaft, nach Überfärbung Makedoniens und des aeolischen Theassalien und Boeotien, Mittelgriechenland besiedelt, den Peloponnes erobert, Athen gebrochen und schließlich bis zu Leuktra und Mantinea kraftmäßig das Festland gewaltet hat, das dorische, ist durch Ionien in die Abwehrformen starren Schweigens gedrückt worden und hat keine Literatur, denn Literatur haben hieß sich aufgeben.
Sparta schweigt und handelt [...] während Athen für alles Griechische das Wort prägt und führt, auch, und das ist die Tragik der Geschichte, für den lippenstrengen Feind und endlichen Bezwinger."

Auch die Geschichte der französischen Troubadoure - der ersten Formen dokumentierter poetischer Kunst außerhalb des Religiösen - zeigt: Schriftlichkeit trat erst in dem Augenblick ein, wo die Tätigkeit erstarb, von ihrem wirklichen Lebensquell abgeschnitten war.

Wie im alten Griechenland, war auch in Frankreich Aufzeichnung (außerhalb des Kultes) nur eine Angelegenheit des Arbeitsbehelfes - der nebensächlich behandelt, ständig verändert, angepaßt, erweitert, gekürzt wurde, und unter Kollegen blieb - der Sänger und Spielleute. Erst als sich diese so alltäglich eingebundenen Formen totgelaufen hatten, kam es zur Entwicklung einer eigenen literarischen Kunst "für sich".

Nimmt man Homer's Ilias oder französische Literatur - bei beiden hat sich die resultierende, später "siegende" Literatur (in Frankreich: die der militärisch überlegenen Franken) aus zahllosen Überlagerungen, aus persönlichen, politischen oder karrieretechnischen Motiven, aus Reaktionen auf Publikumsgeschmack etc. mehr oder weniger angepaßt, eingeschmiegt. Aber die wirkliche Verbindung mit den Volkswurzeln - also das, was man im besten Sinnen nur als "Nationalliteratur" bezeichnen kann - war oft genug abgetrennt. Die Funktion der Literatur veränderte sich.

Sie wurde zu einem im Leben selbst funktionslosen Ersatz für ungelebtes Leben.




*120110*

Gnadenlos

Frage in einem Zeitungsforum:


"Wann gibt es endlich eine DVD von Mitten im Achten, mit allen Folgen, mit Bonusmaterial sowie allen Hoppalas und dem Making Off?"

Antwort eines Posters:

"Sie haben doch zugesehen? Das Gesendete WAR bereits das Bonusmaterial, das Making-Off, und vor allem: alles an Hoppalas. Das Making Off also können Sie sich vorstellen!"

(Anm.: Mitten im Achten war eine vom Österreichischen Rundfunk ORF 2007 produzierte Daily Soap mit Comedyanspruch, die gnadenlos durchfiel, und nach wenigen Monaten mangels Zuschauerbeteiligung eingestellt wurde.)




*120110*

Charakter mehr, denn alles andere

"In großen Situationen entscheidet Charakter mehr als Geist und Wissen: man kann Anderer Geist und Wissen benutzen und muß ihn wegen der menschlichen Beschränktheit benutzen, aber den Charakter eines andern kann man sich nicht aneignen, wohl sich ihm mit Aufopferung aller Selbständigkeit unterwerfen ... Es war diese Charakterstärke, die man Enthusiasmus nennt ... 

Lebet der Mann, der sich durch die Natur zu einer großen Laufbahn berufen fühlt, inmitten der Weichlichkeit oder unter Kleinlichen, so kann er nur dann sich erhalten und diese Charakterstärke entfalten, wenn er sich mit den großen Männern der Geschichte umgibt und sich durch ihre Vorbilder gegen die zerstörenden Eindrücke verderbter und kleiner Umgebungen schütze: Religiöse Sittlichkeit und Vaterlandsliebe sind die einzigen nicht zu erschütternden Träger des Charakters."
(Freiherr H. vom Stein)




*120110*

Die Energiestudie des Eberhard Wagner

Man weiß, was man sich schuldig ist ... als Eberhard Wagner. Der deutsche Energiepublizist Dipl. Ing. Eberhard Wagner - mit dem Autor dieser Zeilen weder verwandt noch verschwägert noch persönlich bekannt - hat auf http://www.energie-fakten.org/ mehrere bemerkenswert prägnante Artikel zur Energieversorgung, besonders unter Bewertung des Aspekts der "Regenerativ-Energie", verfaßt. Die interessante Einblicke in reale Fragestellungen der Problematik bieten und andeuten, womit unter anderem eine Erfüllung der so häufig zu hörenden Forderung nach "erneuerbarer Energie" real zu kämpfen hat. Und was damit alles zusammenhängt. Wer dächte daran, daß z. B. ein deutlicher und rascher Ausbau der Windkraft derzeit gar nicht möglich ist, weil die zusätzliche Kapazität an eingespeister Energie die Gesamtversorgung ... gefährdet, ja zusammenbrechen lassen könnte?

In der Bewertung der Studie "Energiewirtschaftliche Planung für die Netzintegration von Windenergie in Deutschland an Land und Offshore bis zum Jahr 2020 (dena-Netzstudie)“ kommt Wagner nämlich zu folgenden interessanten Schlüssen:
  1. Eine erhebliche Nutzung erneuerbarer Energien ist ohne das Vorhandensein eines großen konventionellen Kraftwerksparks und eines leistungsfähigen Übertragungsnetzes zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit nicht möglich.
  2. Bereits 2003 wurden diesbezüglich kritische Werte erreicht: Bei hoher Windstromerzeugung infolge Starkwinds wurden regional die Stromübertragungsanlagen an der Grenze ihrer Kapazität betrieben. Bei der kleinsten zusätzlichen Störung hätten großflächige Abschaltungen eintreten können. Diese Situation hätte sich kaskadenartig weiter ausbreiten können. Wenn zusätzliche Windkraftanlagen installiert werden sollen, ist ein Ausbau des Stromnetzes zwingend erforderlich.
  3. Das ursprünglich zu untersuchende Ausbauszenario mit einer installierten Windkraftleistung von 48.000 MW im Jahre 2020 ist aus versorgungstechnischen Gründen nicht realisierbar. Während zahlreicher Stunden des Jahres wäre keine ausreichende Regelleistung in Gestalt konventioneller Kraftwerke am Netz, Versorgungsunterbrechungen wären vorprogrammiert.
In einem weiteren Artikel mit Bezug auf eine weitere europaweite Studie kommt der Namensvetter zu dem Schluß, daß zugleich eine Länderweise (was für Deutschland gilt, gilt für jedes andere Land gleichermaßen) autarke Versorgung mit "Regenerativ-Energie" nicht möglich ist: Sämtliche dieser Energiekonzepte bedürften also zumindest eines international "offenen" Versorgungsnetzes, das ausreichende Kapazitäten in den entsprechenden Leistungsmerkmalen besitzt, um die hohe Schwankungsbreite dieser Energieformen auszugleichen.

Gleichzeitig wäre aber auch diese weitere Vernetzung der europäischen Stromerzeugung keine Garantie für eine sichere Versorgung: Bei einer weiteren Steigerung der "unsicheren Energie" (v. a. Strom aus Windkraft) steigt (bei der derzeitigen Kraftwerksstruktur) unweigerlich die Gefahr einer "Stromlücke".

Liegt der Frequenzwert über 50 Hz, muss die Kraftwerksleistung vermindert werden. Diese Situation ist weniger problematisch.
Fällt die Frequenz dagegen unter 50 Hz, liegt ein Mangel an Kraftwerksleistung vor. Kann dieser Mangel nicht schnell ausgeglichen werden, z. B. durch schnell verfügbare Kraftwerksleistung (typisch aus Pumpspeicher-Kraftwerken) oder ist aufgrund von Engpässen im Netz eine Zuführung von Leistung aus anderen Regionen nicht schnell möglich, besteht die Gefahr, dass generell Last „abgeworfen“ werden muss; also einzelne Großverbraucher oder ganze Gebiete abgeschaltet werden müssen. In der Folge kann sich aus einem lokal begrenzten Lastmangelgebiet eine (auch europaweite) Großstörung entwickeln, gleichsam als Ergebnis einer Kettenreaktion. Beispiele sind die Störungen vor Jahren im Nordosten der USA, die Störung bei der Strom-Übertragung aus der Schweiz nach Italien und auch die große Störung, die durch das Abschalten einer Leitung über die Ems anlässlich einer Schiffsüberführung eingetreten war.

Es gibt ja Stimmen die meinen, daß hinter der Lobby für Windenergie Atomkraftkonzerne stecken.

Übrigens ist der im Bereich Windenergie weltweit führende Konzern ... Siemens.




*120110*

Montag, 11. Januar 2010

So ist es eben, das Leben

In einer bewegenden öffentlichen Stellungnahme entschuldigt sich die Ehefrau des Nordirischen Premierministers Peter Robinson, Iris, für ihre "schweren Fehler," wie sie es bezeichnet.

Gemeint ist eine Affäre mit dem 19jährigen Kirk McGambley, den sie vor eineinhalb Jahren anläßlich eines Todesfalls in der Familie kennengelernt habe. Ursprünglich rein aus Sympathie, habe sie ihm Kontakte und Beihilfen vermittelt, um ihm die Gründung eines Unternehmens zu erleichtern. Plötzlich sei sie mitten in einer ausgewachsenen Affäre gestanden, schreibt Iris Robinson, - u. a. in BBC-News nachzulesen. Mit der Gewissenslast sei sie schließlich nicht mehr fertiggeworden.

Ihre Anfälligkeit für solch einen Fehltritt, der ihr Leben völlig aus seinen Bahnen werfen hätten können - das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder - entschuldigt die attraktive 60jährige (sic!) mit einer fast ihr ganzes Leben bereits andauernden Krankheit, von der aber kaum jemand gewußt hatte. Und die sich in schweren Depressionen ausgewirkt hätte.

Nach dem gescheiterten Selbstmordversuch im März 2008 habe sie auch ihrem Mann ihre Verfehlungen gestanden.

"Ich verdiene keine zweite Chance," meint sie zerknirscht. "Aber ich habe sie erhalten, dafür kann ich nur dankbar sein."

Ihrem Mann, dem Prime Minister, bricht ihre Affaire - vor allem aber die unsaubere Optik aus der finanziellen Hilfe, es waren angeblich auch öffentliche Gelder im Spiel - politisch möglicherweise das Genick. Sie selbst, ebenfalls Parlamentsabgeordnete, hat bereits eine weitere politische Tätigkeit nach Ablauf dieser Legislaturperiode ausgeschlossen.

Die private Situation aber hofft sie noch retten zu können.




*120110*

Sie sind wie wir

Je mehr ich darüber weiß, desto spannender wird das, wie sich hinter diesem ganzen Schleier der Exotik dann doch Dinge und Verhaltensweisen verbergen, die uns sehr ähnlich sind. Obgleich sie so weit weg waren und eine ganz eigenständige Entwicklung hatten, sind die Maya zu den gleichen Schlüssen gekommen, standen sie vor den gleichen Problemen wie wir auch. (N. Grube)

Der renommierte Maya-Forscher, der deutsche Alt-Amerikanist Nicolai Grube, zu den Maya, in der Presse:
„Die Presse“: Sagen die Maya den Weltuntergang voraus?
Grube: Das muss man differenzieren. Die Maya sagen den Weltuntergang nicht für 2012 voraus. Es gibt keine Prophezeiung zum Jahr 2012. Was es wohl gibt, das sind apokalyptische Vorstellungen, in der vorspanischen Zeit wie auch bei manchen modernen Maya. Vorstellungen, dass die Welt eines Tages untergehen wird. Aber die finden sich eigentlich bei allen Völkern und sind nichts Besonderes.

Gibt es dafür ein Datum?
Grube: Nein, Zeitangaben werden immer bewusst offen gelassen. Es gibt moderne Maya, die glauben, dass es konkrete Vorzeichen gibt, die den bevorstehenden Weltuntergang ankündigen und einleiten würden. Solche Prophezeiungen gibt es in vielen dörflichen Gemeinschaften, wo Menschen ihre traditionelle Lebensweise bedroht sehen und den Weltuntergang als Metapher verwenden für den Kulturwandel, dem sie unterliegen. Andere sagen nur, es sei sehr wahrscheinlich, dass die Welt eines Tages wieder untergeht, weil sie daran glauben, dass es eine Anzahl zyklischer Weltschöpfungen und Weltuntergänge gibt. All diese apokalyptischen Vorstellungen münden immer darin, dass es irgendwie dann doch weitergeht, mit einer neuen Zeit oder einer neuen Art von Menschen. Wenn man sich das Popol Vuh ansieht, die Heilige Schrift der Quiché-Maya, wird von vier unterschiedlichen Schöpfungen berichtet. Wir sind die vierte Schöpfung, die Maismenschen.

Woher kommt die Aufregung um 2012?
Grube: Diese Interpretationen beruhen auf der Erkenntnis, dass tatsächlich 2012 ein Zyklus zu Ende geht, der 13. 400-Jahres-Zyklus seit dem Nulldatum des Mayakalenders. Das ist tatsächlich eine wichtige Periode gewesen, keineswegs aber die letzte. Wir wissen aus Inschriften, dass die Maya davon ausgingen, dass nach dem 13. Zyklus der 14. kommt und dass der Kalender einfach weiter gezählt wird. Der Übergang ist mit der Jahrtausendwende vergleichbar. Aber es ist nicht das Ende der Zeit.

Was fasziniert Sie selbst an den alten Maya?
Grube: Als Kind hat mich diese exotische Zivilisation interessiert, über die man noch nichts wusste. Jetzt merke ich, dass das eigentlich Interessante ist, diesen exotischen Schleier zu lüften und darunter das zu entdecken, was die Maya mit uns verbindet. 

Wir haben hier eine Gesellschaft, die in der neuen Welt gelebt hat, völlig ohne Kontakt zu Gesellschaften in der alten Welt, nach Afrika, Asien oder Europa. Und man kann zeigen, dass Menschen offenbar überall auf der Welt, völlig unabhängig voneinander, zu ähnlichen Lösungen und Ideen kommen, in Bezug auf die Organisation von Gesellschaft, das Messen von Zeit, die Vorstellung von Göttern oder Schrift. Man kann durch den Vergleich zeigen, was Menschsein überhaupt ausmacht. Dazu kommt, dass wir mit Hilfe der Maya-Archäologie den modernen Maya, die ja heute am unteren Ende der sozialen Skala leben, eine Möglichkeit bieten können, sich wieder zu entdecken und an die Vergangenheit anzuknüpfen.




*110110*

Sonntag, 10. Januar 2010

Die lauten Ruf erklimpern

Künstlertum ist ein Lebensprogramm, und nur höchst sekundär eine Angelegenheit des Talents, wenn auch ohne Begabung undenkbar. Wer aber diesen Weg des "Mönchtums" (Zit. Doderer) nicht zu gehen bereit ist ... Hugo v. Hofmannsthal ließ sich nicht zufällig im Franziskaner-Habit begraben. (Er war Zeit seines Lebens Mitglied deren Dritten Ordens.) Wer nicht das Leben wirklich erforscht und durchlitten und überwunden hat, alles in den Dienst seiner Berufung gestellt hat, allem gestorben ist, um so alles wahrhaftig zu gestalten, wird (und wie erst sein "Werk") vom Wind verweht.

Sei mittelmäßig als Minister,
Als General, als Arzt, als Priester,
So bist du - was die mehrsten sind.
Sei mittelmäßig als ein Dichter,
So ist (die Nachwelt noch wird Richter!)
Dein Ruhm, dein Einz'ges - Spreu im Wind!
Und diesen Ruhm dir zu erstreben,
Mußt du von deinem kurzen Leben
Den schönsten Teil Gesängen [dem Eigenlob, der PR; Anm.] weihn.

Und bist du endlich durchgedrungen,
Hast deinen Namen [selbst! Anm.] groß gesungen
Und deine Pfleg' im Alter klein,
Was wird dir Ruhm und Nachruhm sein?
Glaubst du, der Dichter wird geboren?
Nein, Freund, der erste Funke nur,
Und, o wie leicht geht der verloren.

Ja hätte dir auch die Natur
Zu Iliaden Geist gegeben,
Du stirbst, ohn' Iliaden, hin,
Wenn du nicht durch das ganze Leben,
So wie Homer, mit offnem Sinn,
Die weite Welt und ihre Bürger,
Vom Grashalm bis zum Cederbaum,
Vom Hirten bis zum Völkerwürger,
Erforscht im Wachen und im Traum.

Wo nicht: Singst du vielleicht dem Ohr
Der Damen an den Toiletten
Von Grazien und Amoretten,
Von Venus und von Cypripor,
in feinen, reinen, kleinen, netten
Gesängen braven Schnickschnack vor.

Du kannst, gehüllt in blauen Dunst,
Dir freilich lauten Ruf erklimpern.
Denn, wie du siehst, ist manchen Stümpern
Dies eine federleichte Kunst.
Doch, nach Jahrtausenden, noch allen,
Wie Flaccus und Homer, gefallen,
Das hängt nicht ab von Mädchengunst. 

(L. F. G. Göckingk; 1748-1828) 




*100110*

Samstag, 9. Januar 2010

Die Wirklichkeit ist unwahrscheinlich

In einer Besprechung des neuen Buches von Alexander Kluge, dem Erzählband "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft" resümiert die Wiener Zeitung einen Punkt, der die poetische Verarmung unseres Alltags höchlichst betrifft:

Kluge meint, und wir wollen ihm zustimmen, daß die Wirklichkeit viel "unwahrscheinlicher" ist, als wir ihr in unserem Denken zumessen wollen. Wir meinen alles schon zu wissen - alles wird letztlich damit reduziert, erhält nicht einmal mehr die Chance auf Wahrnehmung. Die Verstrickungen und Verwicklungen des realen Lebens sind aber oft von einer Würze und Pikanterie, die als dem heutigen Denken oft gar nicht mehr zumutbar eingeschätzt wird. Wer aber nicht mehr damit nicht mehr rechnet, erlebt die Welt nur noch ausschnitthaft - verarmt.

Je technizistischer unser Weltbild geworden ist, desto schmäler wurde der Grad des Möglichen, desto eingeschränkter dessen Überraschungsmöglichkeit - und desto schmäler der Grat des Wahrscheinlichen.

Während Große Teile einer Bibliothek (nicht nur von Künstlern, Anm.) früherer Zeiten aus ebensolchen Büchern bestanden, oder gar heute noch bestehen, die unglaubhaft erscheinenden Fällen des Lebens gewidmet sind - und aber "wahr", also "so" passiert sind. Und während die Literatur sich in der Hauptsache genau diesem erst "Berichtenswerten" widmete.

Denn was wäre sonst ... erzählenswert? Das mechanistisch Erwartete, und damit: das bereits Bekannte? Wie oft steht man als Geschichtenerzähler selbst vor Erlebtem, das man in dieser vorgefallenen Art niemandem erzählen kann - es würde nicht geglaubt.

Das Überraschende aber ist nicht das Irrationale, das Verrückte, als das es oft genug - eine simple, dumme Roßtäuscherei - ausgegeben wird! Das Überraschende ist vielmehr eine Anhaftung an allem was Individualität, was Einzelung ausmacht - ist Wesensmerkmal des Menschen an sich, der unwiederholbar ist, und der jeden Augenblick "neu", original zu entscheiden hat. Oder - hätte? Denn es ist nicht nur eine Frage der Wahrheit und der Freiheit, es ist auch eine Frage des Muts zu sich selbst, der nur aus einem transzendenten "Recht" auf das - nein, nicht schon wieder etwas von anderen Erwartetes, nicht schon wieder eine Bringschuld gegenüber greinenden Kleinkinder, nein: einer Pflicht zum Selbstsein erwachsen kann.

Aber heute passiert ja sogar in letzten Randbereichen das Gegenteilige: jede Ausnahme wird verlangt, zur Norm zu machen!

Die Wiener Zeitung schreibt also:

[...] Ohnehin ist die Wahrheit nicht selten unglaublicher als jede Erfindung. Auch das zeigt Kluges Buch etwa anhand von sechs dem Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gewidmeten Geschichten, [...]. Wie der mit Theodor W. Adorno gut bekannte Kluge nämlich recherchiert hat, hielt der damals noch völlig unbekannte Luhmann just während der heißen Hochphase der deutschen Studentenrevolte zu Ende der sechziger Jahre ein Vertretungsseminar für Adorno an der Uni Frankfurt. Das dazugehörige Manuskript wurde erst 2007 entdeckt, trägt den einfachen Titel "Liebe" und erweist sich als Grundlage jenes 1982 erschienenen Buches, mit dem Luhmann weit über die Grenzen von Soziologie und Philosophie bekannt wurde: "Liebe als Passion".

[...] Das unwahrscheinlich erscheinende Szenario, dass der spätere Urheber der wichtigsten Gegenströmung zur Kritischen Theorie mit [dessen Hauptvertreter; Anm.] Adorno zusammensitzen und ausgerechnet über dessen Liebeskummer philosophieren sollte, ist eine der möglichen Erfindungen, die in dem Buch geschildert werden.

Worum es Kluge in seiner neuen Geschichtensammlung einmal mehr geht, ist den Eigensinn der Literatur gegenüber dem platten Wirklichkeitsbild der Medien zu behaupten. Im Erzählen (und Wiedererzählen) seiner Geschichten, die nicht selten ergänzt werden durch teils authentisches, teils gefälschtes Faktenmaterial (wie Fotografien oder Statistiken) will er die Welt zum Oszillieren bringen und im Leser jene intellektuelle Fähigkeit wecken, die uns im Alltag ausgetrieben wird: den Möglichkeitssinn. Kluge erzählt exemplarische Fallgeschichten, die wir mit unseren eigenen Erfahrungen vergleichen können, um so das Gespür für die verborgene, aber immer präsente Möglichkeit eines anderen Umgangs mit uns selbst und mit anderen Menschen zu schärfen. Kritische Theorie in literarischer Form.




*090110*

Eine etwas andere Art

Als ein an Höflichkeiten kaum zu überbietender "Krieg", der eben erst gar kein Krieg sein sollte und schon gar keiner zwischen England und Frankreich, begann 1627 zwischen englischen (die Hugenotten unterstützen wollenden) angelandeten Truppen unter dem Großadmiral und Herzog von Buckingham, sowie königlich-französischen Truppen unter Herzog Toiras, auf der "Isle de Re" der Kampf um das hugenottische La Rochelle. Um das herum Truppen des Königs "friedlich" lagerten. Der dann noch so furchtbar enden sollte.

Als die englischen Truppen das Hauptfort der Insel, St. Martin (Bild: der heutige Ort), belagern, den Rest der Isle de Re einstweilen links liegen lassen, bitten die Belagerten, drei verwundeten Edelleuten freies Geleit zu gewähren, damit sich diese auf ihren Schlössern kurieren können. Buckingham gewährt nicht nur die Bitte, sondern die drei Franzosen werden in einer mit Purpur ausgeschlagenen Schaluppe mitten durch die englische Flotte geführt, Musikanten an Bord spielen heitere Sarabanden. Ein Trompeter und ein Mann bringen hieraus zwei englische Geiseln in des Herzogs Lager; Buckingham schenkt den beiden Franzosen 50 Pistolen in Gold. Toiras läßt sofort vier englische Gefangene frei und schenkt jedem von ihnen sechs Pistolen.

Buckingham (im Portrait von Rubens) läßt nun durch einen Parlamentär die Übergabe der Festung verlangen. Toiras schickt ihn mit stolz abschlägiger Antwort und mit Geschenken beladen zurück. Im Gespräch hat er den Engländer gefragt, ob es noch Melonen auf der Insel gebe. Nach einer Stunde bringt eine Ordonnanz des Herzogs dem Kommandanten der Festung ein Dutzend dieser Früchte, er geht nicht mit leeren Händen weg - zwanzig Goldstücke hat er von Toiras erhalten, und am nächsten Tag treffen bei Buckingham, vom späteren Marschall Ludwigs XII. gesandt, sechs Flaschen Orangenblütenwasser und zwölf Dosen mit Puder von Cypern ein.

Aber nicht daß der Kampf aufgehört hatte; man wußte zu sterben. Besonders die französischen Adeligen taten sich dabei hervor - das letzte Refugium der Ehre und Sinnerfüllung, das ihnen im verlorenen Kampf gegen den Zentralismus blieb: die ars moriendi, die Kunst zu sterben. Und über fortlaufenden Beschuß hinaus, beginnen die Belagerer ihre Maßnahmen zu verschärfen.

Schließlich hat die Höflichkeit scheinbar doch ein Ende: Die Engländer sammeln die Bevölkerung der Ortschaft St. Martin und treiben sie vor die Tore der Festung; wer umkehrt, wird erschossen. Toiras und seine Soldaten haben Mitleid, man läßt sie ein. Ein paar hundert Hungrige mehr befinden sich nun in der Festung. Das Wasser beginnt knapp zu werden. Die Ziehbrunnen sind bewacht.

Am 30. August 1627 übersendet Buckingham ein Ultimatum: "Da ich Sie nicht größeren Unannehmlichkeiten aussetzen möcht, biete ich Ihnen und der Garnison ehrenvollen Abzug ..." Er setzt fort: "Ich würde es überaus bedauern zu den äußersten Mitteln greifen zu müssen, die ich in Händen habe." Und er zeichnet als Toiras' untertänigster und gehorsamster Diener.

Dieser antwortet: "Euer Durchlaucht Courtoisien sind der ganzen Welt bekannt, und da sie von so viel klarem Urteil begleitet sind, so müssen vor allem diejenigen auf Sie rechnen, die rechtschaffene Taten vollbringen; nun kenne ich keine besser als die in seines Königs Dienst sein Leben zu lassen ..."

Buckingham aber hat keine wirklichen Mittel, und er muß vor dem Winter die Belagerung abschließen, um La Rochelle zu entlasten, für das die Lebensmittelsituation nun allmählich knapp wird. Auch wenn immer noch kein Krieg erklärt war - und Richelieu vor allem auf die Karte der inneren Spannungen bei den Hugenotten setzte, sowie auf jene der Vermeidung der Feindschaft mit Spanien (und dadurch dessen Allianz mit England), wozu er gegen England "leidend", nicht "macht-aggressiv" bleiben mußte.

Buckingham verständigt sich mit Toiras, und sie beraten sich - und senden gemeinsam (und geheim) jeweilige Unterhändler zum König, der nur den Franzosen zu sich vorläßt. Aber unter dem Einfluß von Richelieu schlägt er jede Verhandlung ab. Zurück auf der Insel, läßt Buckingham den Offizier - den er in Besitz geheimer Unterweisungen des Königs für die Belagerten wähnt - nicht mehr in die belagerte Festung. Er wird offiziell gefangen genommen, aber aufs höflichste behandelt, und speist täglich an der Tafel Buckinghams. Die von La Rochelle zunehmend unterhalten wird - die Stadt versorgt die Engländer, und fürchtet zunehmend, bald selbst Not zu leiden. Richelieu läßt nun sogar einen gewaltigen Damm ins Mees aufschütten, der jede Versorgung von See her unmöglich machen soll.

In der Festung St. Martin nimmt freilich ebenfalls der Hunger zu. Seuchen brechen aus, und Toiras kann knapp eine Revolte, die aufzugeben verlangt, niederschlagen. Er hat nun nur noch ein Drittel der ursprünglichen Mannschaft, aber die ist zu allem bereit: selbst Todkranke schleppen sich noch an die Mauern, geben drei, vier Schuß ab, um dann zu sterben ... während die Engländer Angriff um Angriff führen.

Es gelingt schließlich Toiras, einen (von drei) schwimmenden Boten (einer ertrinkt, einer wird gefangen) mit einer in einer Bleikugel eingeschmolzenen Botschaft an Richelieu (die bei Gefahr nur losgelassen werden muß, um unwiederbringlich zu versinken) durchzubringen: es geht um Tage, dann muß man St. Martin aufgeben. Toiras gibt nun auch wirklich vor, am 8. Oktober 1627 die Festung zu übergeben, am Vortag wird mit Buckingham alles bereits ausverhandelt.

Der Kardinal reagiert richtig und energisch, und in der Nacht vor der "Übergabe" werden 46 Schiffe, zum Teil mit eilig eingeschulten Landsoldaten bemannt, weil hugenottische Matrosen den Dienst gegen ihre Glaubensgenossen verweigern, losgeschickt. 17 gehen in Ablenkungsabsicht "absichtlich" den (nachlässigen, weil siegesgewissen) Engländern in die Sperre, die sie mit ihrer Flotte (und Seilen) gezogen haben - aber 29 kommen durch, versorgen die Festung mit Nahrung und Munition. Als die Engländer morgens zur Festung ziehen, um die Übergabe vorzunehmen, winken ihnen die Franzosen mit Truthähnen und Hühnern auf ihren Lanzen und Degen von den Festungsmauern.

Die Engländer stürmen entnervt, aber die Franzosen verteidigen sich so geschickt, daß es ein Gemetzel unter Buckinghams Soldaten gibt, die sich zurückziehen und die Festung weiterhin nur belagern. Zwischenzeitlich erfährt Buckingham, daß gegen ihn - der sich unsterblich in die französische Königin, die Habsburgerin Anna von Österreich, verliebt und ihr in den Jahren zuvor auf kaum faßbare und offene Weise den Hof gemacht hat - längst in London intrigiert wird.

Die Nerven reißen nun im bislang aufreizend "unkriegerisch" belagerten La Rochelle: man eröffnet das Feuer, und während man an dem englischen König wieder um Hilfe schreibt, schwört man im selben Brief die Treue zum französischen König, der ... mit seinen Truppen vor den Toren der äußerst stark befestigten Stadt liegt.

Weil die Engländer aber - es ist bereits November 1627 - offenbar keine Unterstützung von England aus zu erwarten haben, La Rochelle ihnen nichts mehr liefern kann, sie sich völlig isoliert wähnen, keine weitere Initiative setzen die Insel vollständig in ihre Gewalt zu bekommen, ja Anzeichen zeigen abzuziehen - sie schütten die Belagerungsgräben mit ihren Leichen zu, die sie nicht einmal mehr begraben -  beschließen Franzosen unter Leitung des deutschen Marschalls Schomberg heimlich überzusetzen, und bei gleichzeitigem Ausfall des Forts, greifen sie die Engländer an. Es gibt eine vernichtende Niederlage für Buckingham, die Blüte des englischen Hochadels ist unter den 1800 an einem Tag gefallenen Briten, deren Flotte - zu der Zeit die mächtigste der Welt - voll mit Verwundeten zurückkehrt und ... unterwegs dem Hilfsheer begegnet. Aber es ist zu spät: man hätte nicht einmal genug Proviant, um zurück in den Kampf zu ziehen.

Toiras wird hoch dekoriert, leidet aber unter Neid und Eifersucht. Als er für einige seiner Offiziere, die sich im Abwehrkampf verdient gemacht haben, Beförderungen verlangt, antwortet ihm der königliche Groß-Siegelbewahrer: "Sie haben sich großartig geschlagen, aber es gibt in Frankreich 500 Edelleute, die in der selben Lage sich nicht anders benommen hätten."

Toiras antwortet darauf: "Frankreich wäre sehr zu bedauern, wenn es nicht 2000 Männer aufbringen könnte, die fähig wären das zu leisten, was ich vollbracht habe. Aber wissen Sie ihm Königreich nicht 4000 Männer, die das Amt des Siegelbewahrers ebenso gut verwalten würden wie Sie?"

Das erschütternde Drama um La Rochelle freilich dauerte noch ein weiteres Jahr.  Wo eine eigene Pioniereinheit der Franzosen Wochen brauchte, um die Toten zu bestatten.




*090110*

Freitag, 8. Januar 2010

Zeit der Trümmerjugend

Man hört sie ja mittlerweile häufiger, die Stimmen, die davon sprechen, daß die "großen "Themen fehlten, am Theater, im Film, in der Kunst. Daß sich alles auf so privatime Fragen zurückziehe. Auf "den Pimmel", wie Peymann es nonchalant formulierte.

Tja - es hat sich ausgepolitisiert, meine Herren. Die Zeit der großen Entwürfe im bestehenden System, in denen ihr alle Eure Windeln vollgeschissen habt, die nun auszuputzen sind, natürlich von den selben Jungen, die nun verspottet werden, diese Zeit ist vorüber.

Es geht nun um Fundamentalstes, um Zuinnerstes, ums Eingemachte, um wesentlichste Grundfragen. Die nun zu klären sind, weil nichts mehr da ist. Weil ihr alle auf Kosten der Nachkommenden Eure "großen" Politikentwürfe, Eure "großen" Gesellschaftsneuansätze ausprobiert habt, im sicheren Netz des Bestehenden, wohlbemerkt, ohne daß alle Eure Würfe undenkbar sind.

Nun aber ist die Zeit der Trümmerjugend, die mühsamst aus den gigantischen Schutthaufen letzte Reste des Menschseins zusammensuchen muß. Mühsam sich neue Wege bahnen muß - wie das denn gehe, Mensch sein, wie denn das gehe, Mann, Frau sein, denn es ist ja alles niedergerissen.

Von jenen, die nun ihre Wichse genußvoll um ihre Mäuler schmieren.




*080110*

Und trinken auch noch den Kakao, durch den wir gezogen

Die Wahrheit ist auf jeden Fall, wo sie sind - das zu erreichen, waren sie ausgezogen, die 68er-Generation, die Generation der Muttersöhnchen, die zu schwächlich und zu charakterlos waren, um sich gegen die "Lodenträger" durchzusetzen, in der wirklichen Welt zu behaupten. Also entwerteten sie sie, also diffamierten, also verleumdeten sie alles, was ihnen entgegenstand, Denken war längst zu bloßem Agitieren geworden, und - trafen auf Menschen, die noch genug Anstand hatten, sich selbst zu relativieren, die mit solcher Perfidie nicht rechneten und die sich deshalb alles aus den Händen nehmen ließen. Die von Ansätzen ausgingen, die von sich auf andere schlossen und die danebenlagen. Denn mit dieser Charakterlosigkeit, die ihnen fremd war, hatte man niemals gerechnet.

Nun treten sie erneut auf, vollmundig, die damals alles entwerteten, um neue Welten zu entwerfen, dabei aber nur einer fatalen Strategie folgten: mit der sie dem anderen ausredeten, daß das, was er in Händen hielte, Wert hätte, die andere anhielten, denn Recht war, wo sie waren, nur sie hatten Interpretationsrecht auf Wahrheit, es jenen aus Händen zu reißen ... um es selbst dann aufgreifen zu können, feige, hinterrücks, heimtückisch ... - um nun, pensionsberechtigt und satt vom vereinsamten Buffet mit seinen Gänseleberbrötchen und Hummerscherchen, mit hämischem Grinsen, das Fett trieft noch aus den Mundwinkeln - mit den alten Bruchstücken daherkommen und tun, als hätten sie das neu entdeckt, als hätten sie nun erneut Anrecht, ja wären gar die Verteidiger des Guten, Wahren, Schönen, das sie selbst schlecht redeten.  Und dabei nur erbeuten wollten.

Wie Usurpatoren also, wie Diebe, genau so lächeln sie, genau so reden sie. Und bringen den Mythos gleich selber mit, in dem sie sich selbst sahen, auf den sie hinarbeiteten, den sie lange schon in den Requisitenkammern unterm Tuch stehen hatten, erklären gleich, wie sie zu sehen seien - ach wie romantisch kann Eitelkeit doch sein! Wie künstlerisch und wertvoll!

Man MUSZ ihnen doch verzeihen!? Man DARF doch nicht erwarten, daß sie sich nicht nur entschuldigen, sondern vertrollen, in die Bußecke, und Sühne leisten?

Merkt niemand mehr, wie sie nun, in dieser Phase, alle diese, die auszogen, das große, wirkliche Theater zu machen (Gänsefüßchen sind schon müßig, in ihren Reden nämlich Standard), wie diese nun auftreten und große alte weise Herren spielen, und gleich die Gedenktafeln prägen lassen, die sie an den Institutionen, die sie einst angeblich auszogen, um sie zu zerstören, angebracht wissen wollen.

Kam es ihnen doch nur, NUR darauf an, damals, in den wilden Jahren, mein Gott, was waren wir wild ... die Jungen heute sind doch arme Würstchen dagegen.

Und wir nicken, trinken den Kakao, durch den wir jahrzehntelang gezogen wurden, und werden, wo wir alle Institutionen verloren und nur noch aktualistisch erhalten sollten, was jene uns mal gaben und heute geben wollen, - so lesen wir betreten, was sie sagen, was die Presse ehrfürchtig abmalt, um ihren eigenen Mythos endlich, endlich auch noch vernaschen zu können - was wird man im Alter nicht doch weise!?

Aber was war das doch noch? Irgendwas stimmt doch da nicht? Aus aus, mal Pause!


[...]
Suchen Sie in Berlin trotzdem noch verzweifelt nach einem neuen Wunderteam?
Peymann: Wir haben eine regelrechte Dramatikerschwemme, jedes Dorf hat seinen Literaturpreis. Soweit ich es kenne, viel Unterholz und wenig Wipfel. Nach dem Tod von Thomas Brasch, Heiner Müller und George Tabori ist es einsam geworden. Die junge Dramatik ist vor allem privat geprägt, es geht um die Abhängigkeit von Mami und Papi, die Probleme mit dem Pimmel... Das ist angesichts einer Welt in Flammen nur hilflos.

In „Richard II.“ wird raffiniertest das Problem von Macht und Legitimität gezeigt...
Peymann: Dieses Stück wird nicht oft gespielt. Wenn man einen großartigen Schauspieler hat, spielt man lieber gleich den „Hamlet“. „Richard II.“ ist ein überforderter Monarch, wie viele unserer Politiker auch überfordert sind mit ihrer Aufgabe. Die Schuhe sind zu groß. Das führt zu Skrupellosigkeit und Verbrechertum. Aber auch Richards Gegenspieler wird im Kampf um sein Recht zum Populisten und Verbrecher.

Bei Shakespeare wird implizit gefragt, ob man schlechte Herrscher beseitigen darf. Das war damals wahrscheinlich noch skandalöser, als daß Sie für die Zahnbehandlung des RAF-Mitglieds Gudrun Ensslin sammeln ließen. Wie reflektieren Sie Recht und Macht?
Peymann: Das ist eine verwegene Parallele. Aber ich bin kein Geistesmensch, der sich dauernd Gedanken macht. Ich reagiere intuitiv. Was das Theater meiner Generation betrifft: Wir sind aufgestanden gegen die Theaterpatriarchen, die mit Hitler ihr Auskommen gefunden hatten und in den Nachkriegsjahren eine harmlose Biedermeierlichkeit vertraten. Dagegen haben wir geputscht. Wir probten in den Sechzigerjahren die Mitbestimmung, in Berlin, Frankfurt, Zürich. Daß wir am Ende selbst – und ich bin vielleicht das krasseste Beispiel – zu Patriarchen geworden sind, ist der besondere Witz. Manche sehen in mir einen Diktator. Ich gebe zu, ich habe keine Hemmungen, Entscheidungen zu fällen: Zu entscheiden, wer welche Rolle spielt, welches Stück auf den Spielplan kommt, wer welche Gage bekommt. Dennoch sind alle Entscheidungen kollegiale. Das Team! Aber einer muß entscheiden, wie in der Familie. Das Experiment der Mitbestimmung ist leider schiefgegangen. Kunst ist eben sui generis undemokratisch.

Die Sechzigerjahre sollen rebellisch gewesen sein. Sie wurden damals Regisseur. Warum?
Peymann: Zufall! Eitelkeiten und jähe Erfolge! Ich habe im Studententheater eine Inszenierung gemacht, weil ein Regisseur erkrankte. Die hat dann alle Preise gewonnen. Man schrieb Hymnen über mich: Peymann der Shootingstar. Mein Lebenstraum war eigentlich schreiben, Stücke, Romane: Briefe an die Welt, so wie von Hemingway, Thomas Mann oder Proust. Aber dafür bin ich wahrscheinlich zu blöd. Ich habe gern Leute um mich und fürchte die Einsamkeit.

Was sind also Ihre Vorzüge?
Peymann: Meine Lust ist es, Menschen zu verführen. Jeder Schauspieler braucht seinen eigenen Weg: Der eine will an die Hand genommen werden und alles genau wissen, der andere braucht völlige Autonomie. Das ist das Reizvolle an einer Neuinszenierung wie jetzt bei „Richard II.“ – mit einer Vielzahl sehr unterschiedlicher und komplexer Charaktere zusammenzukommen, jeden Einzelnen zu verführen und alle auf eine gemeinsame Idee zu vereinigen. Regisseure sind Verführer und Vergewaltiger.

Sie reden wie ein exzessiver Mensch. Was sind für Sie die orgiastischen Momente am Theater?
Peymann: Beim Liebesakt spielt Perfektionswahn keine Rolle. Man kommt – hoffentlich – gemeinsam zum Genuß. Probenarbeit ist stark von der Angst beeinflusst, das Ziel zu verfehlen. Man hat mich unlängst nach der Aufführung von Bernhards Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose“, die umjubelt wurde wie ein Popkonzert, gefragt, ob ich jetzt glücklich wäre. Hab ich gar nicht gemerkt! Ich hatte die Hosen voll auf dieser rasenden Flucht nach vorn. Gut, ich bin Laienspieler. Dieser Kampf gegen den famosen Beil, der meine Sekretärin, meinen Dramaturgen und meinen Lieblingsdramatiker Thomas Bernhard gab, war eine Strapaze! Selbst das Verbeugen vor 500 glücklichen Gesichtern war mehr Wachkoma als Orgasmus.

So reflexiv ist auch König Richard.
Peymann: Richard II. ist ein Spieler, wie Bolingbroke. Auch heute noch folgt das Welttheater der Politik der Dramaturgie des Schauspiels: Wie täusche ich die Öffentlichkeit, wie lüge ich erfolgreich? Als ich hier Direktor war, hat mich der Obmann einer Partei im Nationalrat ernsthaft um Schauspielunterricht gebeten.

Wer ist für Sie politisch durchgeknallt?
Peymann: Da denke ich an unseren Jürgen Möllemann, der sich beim Fallschirmspringen umgebracht hat, oder an Euren Jörg Haider. Das sind die bunten Papageien, aber ansonsten ist die Politikerszene eher farblos.

Sie klingen zuweilen wie ein engagierter junger Idealist. Ist das nicht anstrengend?
Peymann: Ich bin spontan. Das erweckt vielleicht den Eindruck einer etwas vergilbten Jugendlichkeit. In uns Theaterleuten stecken große Kinder. Wenn ich zum Beispiel an den Peter Stein denke, der jetzt bei uns am BE arbeitet, an seinen Größen- und Perfektionswahn, dann frage ich nur, wen Thomas Bernhard mit dem Theatermacher gemeint hat – den Oskar Werner, den Peter Stein oder doch den Claus Peymann? Bei Bernhard wimmelt es nur von Verrückten. Der 90-jährige Tabori, der immer noch behauptete, er verstehe vom Theater nichts, zählt auch dazu. Man möchte das geliebte Kind bleiben. Die Schauspielkönige wie der Hörbiger oder der Minetti waren doch im Grunde nur liebesbedürftige kleine Jungs voller Angst. Vielleicht soll ja auch mein notorisches Herumschimpfen das Licht der Aufklärung nicht erlöschen lassen. Sind meine Kollegen denn anders? Wir tragen gemalte Kindergesichter und wollen immer weiterspielen. Die Hoffnung, daß meine Arbeit die Welt verbessert, selbst in diesem gewaltigen Burgtheaterkasten! Wenn es ein Irrtum ist, ist es ein schöner.

Ihrer Generation reagiert etwas herablassend auf Jüngere. Sind das Verletzungen?
Peymann: Das beruht auf Gegenseitigkeit. Als ich nach Berlin ans BE ging, sagte Thomas Ostermeier, der neue Leiter der Schaubühne: Auf dem Grab von Peymann wollen wir noch tanzen. Das hat mich verletzt. Als wir jung waren, sind wir auch gegen die Theaterpatriarchen angetreten. Aber es gab keinen Zweifel an den alten, großen Regisseuren wie Kortner, Gründgens, Noelte oder Hans Bauer. Heute herrscht das Geschmacksdiktat des Jugendwahns! Warum soll es nicht irgendwo auch einen Platz für die alten Meister geben? – Breth, Bondy, Stein, Wilson und Peymann, bis vor Kurzem auch Zadek, Schleef und Tabori, leider sind die tot. Mehr als fünf oder sechs herausragende Regisseure hat es in keiner Generation gegeben. So ist es charmant, dass Matthias Hartmann noch einmal so einen alten Knacker wie mich herholt. Vielleicht kommt er auf den Geschmack und engagiert bald auch Peter Stein.




*070110*