Dieses Blog durchsuchen

Samstag, 26. November 2011

Von bösen Buben

Dieses Jahr sollte niemand zu Weihnachten alleine bleiben ... Mugabe - Gadhaffi - Saddam Hussein - Botha - Idi Amin





***

Schwere Versäumnisse - II

Teil 2) Gehen wir nicht diesen Weg, wird es Europa mehrfach zerreißen

So hätte zielgerichtete Außenpolitik aussehen müssen, und so müßte sie aussehen. Solange das nicht erkannt wird, wird es alle diese kleinen Staaten in der Spannung zwischen übermächtigem Zentralraum - EU, Weltgemeinschaft - und volkeigenen, "nationalen" Bedürfnissen zerreißen. Denn die Aufgaben sind so nicht lösbar, jeder Staat für sich gestellt stößt immer wieder auf eigentlich unlösbare Schwierigkeiten, weil die Probleme, die er ausgelöst hat, immer die falschen Ebenen betreffen. Ebenen, für die im Lande keine Strukturen da sind, nie waren wie nie sein werden.

Diese Staaten sind auch heute was sie sind, weil sie einen gewissen Weg gegangen sind, den man nicht einfach vergessen, auslöschen kann. Alle diese Länder sind in solchen übergroßen Strukturen aber ständig an den Rand des Abgrunds gedrängt, wo ihnen nur als Lösung bleibt: Überleben, aber totale Unterwerfung.

Zum Gegenbeweis kann die alle diese Länder gleichermaßen betreffende Problematik der jeweiligen Außenpolitik hergenommen werden, wo nur die Tschechei einen "Ausweg" insofern gesucht und gefunden hat, der übrigens historisch fast traditionell ist: durch eine starke Anlehnung an die USA hat dieses Land eine kleine Hintertür der starken zentraleuropäischen, aber damit vor allem deutschen Vorherrschaft geschaffen. An den Wirtschaftszahlen aber läßt sich deutlich absehen, daß eben dieser geographische Raum zu einem Hinterhof Deutschlands heruntergekommen ist. Auch das ist historisch absolut nicht einmalig, sondern nachvollziehbar gewachsen bzw. verursacht. Passiert nichts, wird der Konflikt sich erneut auf dasselbe alte und ungelöste Thema zuspitzen: Deutschland gegen England und Frankreich! Beide Länder können sich seit Jahrhunderten nicht mehr anders helfen, als Europa zu schwächen, um selbst zu überleben, angesichts eines unvermeidlich übermächtigen Deutschland.

Christoph Steding hat es in seiner Studie "Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur" 1937 überzeugend nachgewiesen (wenn auch mit anderen Schlußfolgerungen beendet): Europa pendelt seit vielen Jahrhunderten zwischen dieser Logik, wonach ein starkes Deutschland ein schwaches Westeuropa, und umgekehrt, bewirkt.*

Dafür gibt es nur einen Ausweg, und er ist historisch-politisch so logisch, daß alle Probleme, die diese Länder haben, damit weitgehend erklärbar sind, ob wirtschaftlich, ob kulturell, ob innenpolitisch wie außenpolitisch (so sehr diese beiden Bereiche nämlich zusammenhängen): wenn jeder dieser Staaten begönne, sich erst einmal um die regionalen, zentraleuropäischen Aufgaben und Nachbarn zu kümmern, um so die notwendige und richtige Symbiotik, Verwachsenheit im Nahraum zu erreichen. Um dann die nächsten Schritte anzugehen.


Daß die EU selbst sich in Hinblick auf diese Logik, die ja mehr Staaten und Räume betrifft (man denke da nur an das Baltikum mit Polen und Weißrußland, mit assozieerten Räumen in der Ukraine und in Rußland selbst; man denke an den Balkan, Räume, die allesamt ähnlich gelagerte Probleme haben, die Pleite Griechenlands hat ihre Wurzeln GENAU DORT: im inadäquaten Anspruchspartner), zwar neu adaptieren müßte, zugleich aber in einer Strukturreform weit besser aufgestellt wäre, als sie es derzeit ist, würde ihr en passent einen weiteren Vorteil verschaffen: sie hätte endlich jene Hände (weil den Rücken) frei, der sie die Aufgabe erfüllen ließe, zu der sie einzig - ich betone: einzig! - sinnvoll (und da wäre sie es wirklich) ist: um Europa im weltweiten Konzert seine angestammte und gleichfalls historisch gewachsene Rolle spielen zu lassen.

Denn die Welt leidet am selben Syndrom: es fehlt ihr jede Struktur, weil ihr jener Kopf, der ihr alle diese Ideen gab, die heute ihren Geist bestimmen, aber zu reinen Logizismen verkommen, weil ihr der Repräsentant abhanden gekommen ist. Man denke nur an Afrika! Ideen aber, Geist, lebt nur personal, persönlich, nicht als mathematische Formel und Funktion.



*Mit einer interessanten historischen Tatsache: daß es immer der schweizer-allemannische Raum war - Baseler Raum, Elsaß, Rheingebiet -  der die Stärke Deutschlands von innen her bestimmte, oder aushebelte. In gewisser Hinsicht könnte man die Habsburger (Freiburg!) als Bestätigung dieser These betrachten: die Wahl Rudolfs von Habsburg zum deutschen König und Kaiser des Römischen Reichs 1278 erfolgte ... um einen starken zentraleuropäischen Raum zu vermeiden, der sich in Ottokar von Böhmen längst zu bilden angeschickt hatte, der in Wahrheit jene Mission verfolgte, die ihm die Habsburger dann aus der Hand nahmen, UND um ein starkes Deutschland zu verhindern.

***

Freitag, 25. November 2011

Schwere Versäumnisse - I

Allmählich wird immer sichtbarer, was an Außenpolitik im zentraleuropäischen Raum - und ich spreche von jenem Raum, der 1918 zerschlagen worden ist, geographisch also vom Raum der ehemaligen Monarchie - v. a. seit 1945 versäumt worden ist. Und ich meine da vor allem Österreich, aber es betrifft alle übrigen Länder der ehemaligen Donaumonarchie.

Zerschlagen in lauter Kleinstaaten, steht diesen Kleinstaaten nur eine große, übermächtige EU-Ebene gegenüber, und jeder dieser Staaten muß sich politisch nach der Pfeife Brüssels richten, das völlig logisch zu einer Hierarchie wird, an deren Spitze Deutschland steht, auch wenn Frankreich noch so tut, als könne und wolle es mithalten. Damit bauen sich in Europa dieselben Spannungen auf, die bereits im 19. Jahrhundert jene Pulversituation bewirkt haben, an der das Faß ab 1914 bis 1945 auseinanderflog - die Situation eines harmonischen Kräftespiels am Kontinent.

Es geht gar nicht um eine Wiedererrichtung der Monarchie, auch wenn diese als Konzept für alle betroffenen Staaten politisch das einzig Vernünftige wäre - aber reden wir von Österreich, Tschechei, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, und reden wir von "assoziierten Gebieten", wie der Westukraine und Siebenbürgen, denn als Ganzes wären diese Länder (die Ukraine wäre zu groß, zu inhomogen, Rumänien und Bulgarien wären allerdings überlegenswerte Kandidaten in einem späteren Stadium) und natürlich ... Südtirol und den Triestiner Raum. Hier ist ein historisch und kulturell homogener Lebensraum, in dem seine momentane kulturelle Gestalt historisch so gewachsen ist, daß er auf ein Ganzes hinzielt, bzw. aus diesem herauswuchs.

Das hätte auch anders kommen können, gewiß, aber es ist so gekommen, und in dieser Konstellation ist dieser Raum gewachsen, mit einer wirklich eigenen Kultur, mit ganz realen wirtschaftlichen und persönlichen Symbiosen: unsere momentanen Strukturen sind, ob wir das wollen oder nicht, aufeinander zu gewachsen und NUR miteinander das, geworden, was sie heute sind. Es ist deshalb regelrecht sinnlos so zu tun, als könnte sich für jeden dieser Staaten ein eigenes Profil, ein eigenes Szenario des Weiterlebens entwickeln. Alles das sind Notlösungen, und sie entsprechen nicht den wirklichen Gegebenheiten und Bedürfnissen.

Otto v. Habsburg hat deshalb immer wieder sehr richtig von einer "historischen Mission" Österreichs gesprochen, und er hat genau das damit angesprochen. Diese Rolle hätte Österreich ausfüllen müssen, sie hätte uns Identität gegeben, und es wird uns auch keine andere Rolle Identität geben, so sehr wir uns auch bemühen, "selber" zu einer solche zu kommen - Identität hat mit Außenbeziehungen zu tun. Wenn wir aber dieses "für andere" umlügen wollen, umdeuten wollen, weil uns die wirkliche Baustelle zu mühsam ist, die auch wir mit angerichtet haben - es bedürfte da durchaus einer Aufarbeiten der historischen Schuld der Habsburger, denen Familienpolitik oft genug mehr wert war als Staatspolitik -

Natürlich hat es diese außenpolitischen Ansätze immer gegeben, ich erinnere an Erhard Busek, der gleichfalls immer von diesem zentralen europäischen Raum sprach, und der damit der letzte relevante Politiker Österreichs war, der dies thematisierte. (Wobei Busek sogar - allerdings in unbedeutenden Funktionen - an solchen Assoziationskörperschaften arbeitet, so sehr Busek selbst fragwürdige Gestalt ist.)

Dann, aus diesem geeinten Zentralraum heraus, wo mit Augenmaß und im Nahverhältnis alle jene Probleme gelöst werden können, die nur in jeweils stufenweise sich erweiternden Nahkreisen gelöst werden können, dann erst kann der nächste Schritt getan werden, der Zusammenschluß mit dem nächst weiteren Kreis, und damit erst sind wir bei der EU angelangt. Und aus dieser heraus erst kann es in Weltverbände gehen.

Morgen_ Teil 2) Gehen wir nicht diesen Weg, wird es Europa mehrfach zerreißen


***

Donnerstag, 24. November 2011

Fehlende Transzendenz

Großartig die Darstellung des Wesens der Hölle bei Dante - indem er beschreibt, wie deren Insaßen den Fernblick verloren haben, der sich nach dem Jüngsten Gericht überhaupt auf das Fehlen jeglicher Zukunft zurückbaut - sie sind blind für Transzendenz, kennen nur noch Vergangenheit und Gegenwart, haben sich festgelegt, aber diese Festlegung hat keine Zukunft. Ihre Qualen erfahren keine Änderung, sie mangels Sinnhintergrund keine Reue und Läuterung mehr.


***

Mittwoch, 23. November 2011

Sinnkonzept

Das gedankliche Konzept der Geschichtsmächtigkeit bei Dante beeindruckt durch seine philosophische Verankerung immer wieder. So sieht er die Ordnung der Geschöpfe nach dem Plan Gottes nicht auf das irdische Hiersein beschränkt, sondern dieses ist Ausdruck und Darstellung des geistigen Planes (wie er in den Engeln zum Ausdruck kommt).

Deshalb finden sich bei Dante im Jenseits auch Heiden in Allegorien wieder, die ihr irdisches Dasein reflektieren. Denn natürlich tragen oder trugen auch sie ihren spezifischen Sinn, der sich geschichtlich wiederfindet bzw. das ewige Jenseits in die Geschichte mit hineinnimmt: wo sich der Mensch auch im Jenseits in der für ihn spezifischen Lage, die im Konkreten eine Summe wie Resultante seiner irdischen Handlungen war, und die offenbart weil ausbildet, was seine wirkliche Willensrichtung war. So wie in der Auseinandersetzung mit dem Weltganzen offenbar wird, wieweit der Mensch damit seinen Auftrag erfüllt hat.

Jeder Tote, schreibt Erich Auerbach in "Mimesis - Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur",  empfindet seine Lage im Jenseits als den noch fortspielenden, jederzeitlichen letzten Akt seines irdischen Dramas.


***

Dienstag, 22. November 2011

Mit dem Bettelmann Stab getauscht

Unter Hinweis auf deutsche Studien - von denen in den Medien aber kaum etwas zu lesen stand - warnt der ehemalige Direktor der burgenländischen Raumplanung, HR DI Hosina, in einer Aussendung vor der Gefahr von flächenbrandartig und schlagartig sich ausbreitenden Teil- und Ganzausfällen im Stromnetz Europas. Der deutsche Alleingang im Ausstieg aus der Atomkraft (wie immer man dazu stehen mag) trifft auf eine Situation, in der das Netz auf Alternativlösungen nicht vorbereitet ist.

Bereits jetzt muß in den Stromzentralen der Netzverwaltungen im Schnitt alle 15 Minuten interveniert werden, um Stromunterversorgungen in Teilnetzbereichen auszugleichen. Vor allem der süddeutsche Raum ist höchst fragil versorgt.

Es sei außerdem lächerlicher Unsinn, wenn Kommunen von "Selbstversorgung" oder "Energieautarkie" sprächen! Gerade der Umstieg auf "Alternativenergien", wie Wind und Solarkraft, funktioniert ohne ein totales Netzkollektiv Europas, das bis in den Ural reicht, überhaupt nicht, ja ist lebensnotwendig darauf angewiesen.

Insgesamt wären für ein solches Energiesystem, wie es geplant ist, weitere sechs- bis achttausend Kilometer an Hochleistungsleitungen alleine in Deutschland (mit Errichtungskosten von rund 1,5 Milliarden Euro) notwendig.  Derzeit sind die Leitungswege viel zu schwach ausgelegt, und wenn zum Beispiel die Windkraft im Norden ausfällt, glühen buchstäblich die polnischen Leitungen, die Unterversorgung in Deutschland auszugleichen. Eine lediglich deutsche Lösung kann es also gar nicht geben.

Damit wird aber auch deutlich, daß es gar keine nationalen Sonderwege mehr geben kann: ein solcherart fragiles Stromnetz ist eine gesamteuropäische Angelegenheit, die - wenn überhaupt! - nur funktionieren kann, wenn nationale Interessen in gesamteuropäischen aufgehen.

Man müsse sich aber bewußt sein, daß dies überhaupt nur funktioniere, wenn die Stromautobahnen in ganz Europa ausgebaut seien. Gerade mit den Versorgungseigenheiten des Winters steige die Gefahr von wie im Dominoeffekt sich ausbreitenden Teilnetzausfällen von Tag zu Tag. Denn die Umstellung auf "nachhaltige Energie" habe vor allem eines bewirkt: Den Umstieg von verläßlichen Dauerstromlieferanten auf fragile Quellen, die zur Gänze Produktionsreservevorhaltung benötigen, wie er durch Speicherkraft aber nur begrenzt, und durch kontinentalen Netzausgleich nur bedingt, vorhanden ist. Daß Rußland derzeit dutzende Atomkraftwerke baut hat schon seine Gründe.


*221111*

Montag, 21. November 2011

Stücke, nicht Montagen

Der Kurier berichtet von der Verleihung der Nestroy-Theaterpreise 2011: 

Wiener-Festwochen-Chef Bondy lobte Handke für dessen Partisanen-Drama "Immer noch Sturm". Es sei eines der "Stücke, die man leider nicht mehr hat. Heute ist alles Montage. So aus einem Guss heraus gibt's ja nichts mehr."

Handkes Dank dafür: "Es ist sehr wichtig, dass man ein Stück auszeichnet und keine Textfläche, wie das heute üblich ist am Theater." Und weiter: "Ich würde mir wünschen, dass das Theater sich mehr auf geschriebene Stücke konzentriert und nicht auf das Drumherum."


***

Sonntag, 20. November 2011

Und gingen in die Wüste, um zu überleben


Da kamen die Beamten, die vom König den Auftrag hatten, die Einwohner zum Abfall von Gott zu zwingen, in die Stadt Modeïn, um die Opfer durchzuführen. Viele Männer aus Israel kamen zu ihnen; auch Mattatias und seine Söhne mussten erscheinen.

Da wandten sich die Leute des Königs an Mattatias und sagten: Du besitzt in dieser Stadt Macht, Ansehen und Einfluss und hast die Unterstützung deiner Söhne und Verwandten.
Tritt also als erster vor und tu, was der König angeordnet hat. So haben es alle Völker getan, auch die Männer in Judäa und alle, die in Jerusalem geblieben sind. Dann wirst du mit deinen Söhnen zu den Freunden des Königs gehören; auch wird man dich und deine Söhne mit Silber, Gold und vielen Geschenken überhäufen.

Mattatias aber antwortete mit lauter Stimme: Auch wenn alle Völker im Reich des Königs ihm gehorchen und jedes von der Religion seiner Väter abfällt und sich für seine Anordnungen entscheidet - ich, meine Söhne und meine Verwandten bleiben beim Bund unserer Väter. Der Himmel bewahre uns davor, das Gesetz und seine Vorschriften zu verlassen. Wir gehorchen den Befehlen des Königs nicht und wir weichen weder nach rechts noch nach links von unserer Religion ab.

Kaum hatte er das gesagt, da trat vor aller Augen ein Jude vor und wollte auf dem Altar von Modeïn opfern, wie es der König angeordnet hatte. Als Mattatias das sah, packte ihn leidenschaftlicher Eifer; er bebte vor Erregung und ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar.

Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der leidenschaftliche Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte. Dann ging Mattatias durch die Stadt und rief laut: Wer sich für das Gesetz ereifert und zum Bund steht, der soll mir folgen. Und er floh mit seinen Söhnen in die Berge; ihren ganzen Besitz ließen sie in der Stadt zurück.

Damals gingen viele, die Recht und Gerechtigkeit suchten, in die Wüste hinunter, um dort zu leben. 


Erstes Buch der Makkabäer 2,15-29


***

Samstag, 19. November 2011

Denkmal der Tugend

"Unter den angesehensten Schriftgelehrten war Eleasar, ein Mann von hohem Alter und edlen Gesichtszügen. Man sperrte ihm den Mund auf und wollte ihn zwingen, Schweinefleisch zu essen. Er aber zog den ehrenvollen Tod einem Leben voll Schande vor, ging freiwillig auf die Folterbank zu und spuckte das Fleisch wieder aus. In solcher Haltung mussten alle herantreten, die sich standhaft wehrten zu essen, was man nicht essen darf - nicht einmal um des geliebten Lebens willen. 

Die Leute, die bei dem gesetzwidrigen Opfermahl Dienst taten und die den Mann von früher her kannten, nahmen ihn heimlich beiseite und redeten ihm zu, er solle sich doch Fleisch holen lassen, das er essen dürfe, und es selbst zubereiten. Dann solle er tun, als ob er von dem Opferfleisch esse, wie es der König befohlen habe. Wenn er es so mache, entgehe er dem Tod; weil sie alte Freunde seien, würden sie ihn mit Nachsicht behandeln. 

Er aber fasste einen edlen Entschluss, wie es sich gehörte für einen Mann, der so alt und wegen seines Alters angesehen war, in Würde ergraut, der von Jugend an vorbildlich gelebt und - was noch wichtiger ist - den heiligen, von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht hatte. So erklärte er ohne Umschweife, man solle ihn ruhig zur Unterwelt schicken.

Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht verstellen. Viele jungen Leute könnten sonst glauben, Eleasar sei mit seinen neunzig Jahren noch zu der fremden Lebensart übergegangen.
Wenn ich jetzt heucheln würde, um eine geringe, kurze Zeit länger zu leben, würde ich sie irreleiten, meinem Alter aber Schimpf und Schande bringen.
Vielleicht könnte ich mich für den Augenblick der Bestrafung durch die Menschen entziehen; doch nie, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen.

Darum will ich jetzt wie ein Mann sterben und mich so meines Alters würdig zeigen.
Der Jugend aber hinterlasse ich ein leuchtendes Beispiel, wie man mutig und mit Haltung für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines schönen Todes stirbt. Nach diesen Worten ging er geradewegs zur Folterbank.

Da schlug die Freundlichkeit, die ihm seine Begleiter eben noch erwiesen hatten, in Feindschaft um; denn was er gesagt hatte, hielten sie für Wahnsinn. Als man ihn zu Tod prügelte, sagte er stöhnend: Der Herr mit seiner heiligen Erkenntnis weiß, dass ich dem Tod hätte entrinnen können. Mein Körper leidet qualvoll unter den Schlägen, meine Seele aber erträgt sie mit Freuden, weil ich ihn fürchte.

So starb er; durch seinen Tod hinterließ er nicht nur der Jugend, sondern den meisten aus dem Volk ein Beispiel für edle Gesinnung und ein Denkmal der Tugend."

Zweites Buch der Makabäer 6,18-31
 

***

Donnerstag, 17. November 2011

Später Aufschrei

Peter Turrini anläßlich der Verleihung der diesjährigen (2011) Nestroy-Theaterpreise, wobei er einen Preis für sein Lebenswerk erhielt (Kurier):

"Wenn jeder am Theater, der einen Bleistift halbwegs fest in der Hand halten kann, in die Stücke hineindichtet, was ihm so einfällt, hineincollagiert, was ihm so gefällt, dann schreie auch ich auf. Vor allem deutschen Regisseuren muss ein böser Theatergeist eingeredet haben, ihre alltagssprachlichen Ausrufungen, wie ,Mensch, hör mal!' oder ,Ist doch Kacke!' würden sich neben klassischen Worten durchaus ebenbürtig ausnehmen."

Er habe selten so viele "im Gleichschritt bei ihrem Marsch auf die vermeintliche Höhe der Zeit" gesehen, so Turrini, der leidenschaftliche Goldoni-ins-Heute-Holer, der außerdem aufs Urheberrecht verwies: Noch sei nicht die ganze Welt vergoogelt. Vieles, was heute am Theater passiert, "kommt mir ziemlich plemplem vor."


***

Mittwoch, 16. November 2011

Parallelen

"Aus ihnen ging ein besonders gottloser Spross hervor, Antiochus Epiphanes, der Sohn des Königs Antiochus. Er war als Geisel in Rom gewesen und trat im Jahr 137 der griechischen Herrschaft die Regierung an.

Zu dieser Zeit traten Verräter am Gesetz in Israel auf, die viele (zum Abfall) überredeten. Sie sagten: Wir wollen einen Bund mit den fremden Völkern schließen, die rings um uns herum leben; denn seit wir uns von ihnen abgesondert haben, geht es uns schlecht.

Dieser Vorschlag gefiel ihnen und einige aus dem Volk fanden sich bereit, zum König zu gehen. Der König gab ihnen die Erlaubnis, nach den Gesetzen der fremden Völker zu leben. Sie errichteten in Jerusalem eine Sportschule, wie es bei den fremden Völkern Brauch ist, und ließen bei sich die Beschneidung rückgängig machen. So fielen sie vom heiligen Bund ab, vermischten sich mit den fremden Völkern und gaben sich dazu her, Böses zu tun.

Damals schrieb der König seinem ganzen Reich vor, alle sollen zu einem einzigen Volk werden und jeder solle seine Eigenart aufgeben. Alle Völker fügten sich dem Erlass des Königs. Auch vielen Männern aus Israel gefiel der Gottesdienst, den er angeordnet hatte; sie opferten den Götterbildern und entweihten den Sabbat. Am fünfzehnten Kislew des Jahres 145 ließ der König auf dem Brandopferaltar den unheilvollen Gräuel aufstellen; auch in den Städten Judäas ringsum baute man Altäre. Vor den Haustüren und auf den Plätzen opferte man Weihrauch. Alle Buchrollen des Gesetzes, die man fand, wurden zerrissen und verbrannt. Wer im Besitz einer Bundesrolle angetroffen wurde oder zum Gesetz hielt, wurde aufgrund der königlichen Anordnung zum Tod verurteilt.
 
Dennoch blieben viele aus Israel fest und stark; sie aßen nichts, was unrein war.
Lieber wollten sie sterben, als sich durch die Speisen unrein machen und den heiligen Bund entweihen. So starben sie. Ein gewaltiger Zorn lag auf Israel."

Erstes Buch der Makbäer 1,10-15.41-43.54-57.62-64



***

Dienstag, 15. November 2011

Tja, da geht's noch um mehr

Der französische Präsident Sarkozy schlug vor, die italienische Nationalbank unter ein deutsch-französisches Direktorium zu stellen, die Regierung nach dem Rücktritt Berlusconi's durch ein Gremium von Fachleuten zu ersetzen, samt begleitender "Beratung" einer deutsch-französischen Kommission. Und da ging Sarkozy wohl neuerlich zu weit. Das empfinden auch italienische Politiker so, und diese Stellungnahme ist wirklich sehens- und hörenswert.

Giuliano Ferrara, Zeitungsherausgeber und schillernde Persönlichkeit des intellektuellen Italien, einst Kommunist, zuletzt Pressesprecher von Berlusconi, stellt in einer leidenschschaftlichen Rede klar, daß eine rein technische Regierung nicht in Frage komme - nur weil es Sarkozy so passe und es lästig sei, werde Italien nicht auf eine politische Regierung verzichten! Das sei faschistisch! Und purer Neokolonialismus, auf das schärfste zurückzuweisen. Italien sei keine verlängerte Werkbank französischer Politik.

Sie finden den Beitrag extern - über dieses Link.

Ein augenzwinkerndes Abschiedslied zu Berlusconi's Rücktritt finden Sie, weil wir schon dabei sind, hier. Was auch immer passiere, ob Skandale oder mediale Manipulationen oder kuschelweicher Staatsfunk - sollen ihn doch alle den Buckel runterrutschen ...


***


Montag, 14. November 2011

Fortgesetzte Schuld

Ein Gedanke mit enormen Implikationen, den der ehem. Kardinal Ratzinger, jetzige Papst Benedict XVI., in "Eschatologie - Tod und ewiges Leben" anführt, indem er Origines zitiert: Die geschichtliche Verhangenheit des Menschen hört mit seinem Tod nicht auf! Denn er ist über seine Schuld mit der zukünftigen Geschichte verhangen, die wirkliche Abrechnung seiner Lebensfrucht ist bis zum "Ende der Zeit" gar nicht möglich - solange Menschen mit freiem Willen leben, kann die Passion vermehrt werden, das Leiden an den Sünden der Welt.

Darin liegt die Auflösung der "leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel" - die nur durch ihre völlige Freiheit von Schuld (und Erbschuld) denkbar ist: sie ist nicht mehr mit der Geschichte verhangen.

Schuld bedeutet Fesselung an die Zeit, Schuld bedeutet Fesselung an die Welt in ihrem faktischen Sosein. Wer am anderen verbricht, macht ihn zum Gläubiger, zum Kläger. Umgekehrt ist LIebe die Loslösung in der Freiheit, aber auch sie ist ihrer Natur nach "für" (sozial zu denken), wenn auch ihre Wirkung der der Schuld entgegengesetzt ist. Aber auch diese Freiheit zur Liebe ist zukünftig geschichtsmächtig: wer liebt, will auch das Zukünftige nicht ausschließen, will sich nicht vom anderen in diesem "für" zurückziehen, geht nicht ohne ihn und sein sicheres Heil zur Festtafel der Freude.

Und damit wird auch klar, was Fegefeuer meint: es ist die Begleichung noch ausstehender Schuld, deren verursachtes Leiden noch weiterglimmt. So leidet der Mensch im "Fegefeuer" die irdische Hinterlassenschaft zu Ende! Zwar schon in der Gewißheit endgültigen Angenommenseins, aber zugleich in der unendlichen Schwere der sich entziehenden Gegenwart des Geliebten.


***

Samstag, 12. November 2011

Wo man hingehört

Ich sage nicht, daß man überhaupt niemanden braucht, dessen Anerkennung einem wert und teuer, ja um deretwillen man ganze Leben gestaltet, auf die hin man ein Leben orientiert. ich spreche auch nicht von der entscheidenden und im letzten einzigen Orientierung, die das Leben an sich wert ist, und wer immer das nicht sehen kann, dem sei ein ruhiges "noch nicht" vorgesetzt.

ich spreche davon, wenn ich vom Platz spreche, der einem angemessen ist, dieses seltsame, geheimnisvolle Zueinander von Berufung und Gewordenheit aus der subjektiven Geschichte, wenn ich also (um das Wort noch einmal aufzuhäufen) davon spreche, dann ist es ein sehr verläßliches Kriterium zu beobachten, WER als wichtig angesehen wird, WEM zuliebe man sich "auftakelt", um ein nettes umgangssprachliches Wort zu verwenden.

Wem will man gefallen? Was ist das für eine Schichte? DORT gehört man nämlich nicht hin, sondern der (und ihren organismischen Gefügen) ist man UNTERgeordnet, so wie man dem untergeordnet ist, zu dem man hochblickt, von dem man etwas ERWARTET.

Dieses Erwartungsgefälle ist wohl die entscheidende menschliche Daseinsgegebenheit überhaupt im Leben, sie ist entscheidend für die Erkenntnis und für das Wohl, denn man erhält nur jene Erkenntnis, der man sich - von oben - öffnet.

Aber will man sich kennenlernen, so achte man darauf - wer soll mich achten? Wer soll mich an seiner Autorität teilhaben lassen, indem er mir die Autorität in meinem Umfeld gibt? Denn DAS ist das Umfeld, in das ich hingehöre.


***

Dekadente Lebenskrüppel

Das Mißtrauen besteht doch zurecht, daß, wie Hermann Bahr es im "Dialog von Marsyas" schreibt, "aus der inneren Not kläglicher und zum Leben unfähiger Menschen, als Surrogat für dieses, die Kunst erst entstanden ist. Anständige Menschen haben es nicht nötig, begabt zu sein. Sie brauchen die Kunst nicht, denn sie haben das Leben. Nur wer sich vom Leben ausgestoßen fühlt, wen es ängstigt, wer keine Macht hat, es unmittelbar zu gestalten, der versteckt sich vor ihm in der Kunst. Nur wer das Leben entbehrt, schafft sich durch Kunst seinen Schein. Der starke, freie Mensch ist Nicht-Künstler."


***

Freitag, 11. November 2011

A = A'?

Wer seinen Nebenbuhler erschießt, ist nicht auch Dichter, nur weil er dasselbe getan hat wie Verlaine. Nicht einmal dann, wenn er einen ähnlichen Pathos zeigt.


***

Donnerstag, 10. November 2011

Leben in der Literatur

Der Schriftsteller, schreibt Jean Paul, bewahrt alle seine Kenntnisse und Ideen einzig in dem, was er schreibt, und wenn ihm jemand das beschriebene Papier verbrennt, so sind sie ihm verloren, und er weiß nichts mehr davon; wenn er ohne sein Notizbuch die Straße entlanggeht, so ist er "ordentlich unwissend und dumm, gleichsam ein schwacher Schattenriß und Nachstich seines eigenen Ichs, ein Figurant und curator absentis desselben."

Dies geht mir immer wieder durch den Kopf wenn ich mir vor Augen halte, daß das Verhalten der heutigen Menschen in den social media frappierend der Existenz des Künstlers (Schriftstellers, Schauspielers) ähnelt. Aber wie ich hier schon behandelt habe - dort ist die Pathologie alles, was der Mensch hat, beim Künstler ist sie Antrieb, um im Werk zu gesunden. Heißt das, daß heute alle zu Schriftstellern geworden sind? Weil die Menschen nur noch in ihren Formulierungen leben?

Unwirklich wie Romanfiguren, das sind sie auf jeden Fall: das Leben der Menschen ist ein Starren auf die Landkarte (cit. Jean Paul), während sie reisen.


***

Mittwoch, 9. November 2011

Keine Söhne und Töchter

Der Ruf nach den Vätern in Erziehung und Gesellschaft ist nicht der Ruf nach Vätern! Es ist der Ruf nach Statisten, die deren Platz einnehmen, deren Texte nach vorgegebenem Textbuch sprechen, deren Part spielen sollen, um die Illusion eines perfekten Theaterspiels aufrechtzuhalten, das aber genau das nicht mehr ist: Theater. Es ist nur Illusion, so wie alles Theater, aller Film zur Produktion von Illusion, nicht von Wirklichkeit wurde.

Vatersein aber heißt, den Geist vorgeben; einen Vater haben heißt, seinen Geist erfüllen, dem Auftrag folgen, den mir der Vater gibt. Muttersein heißt, diesen Auftrag in geheimnisvoller Komplizenschaft, im Zuarbeiten für den Auftrag großziehen, nähren. Geschwistersein heißt, diesen Ruf zu einem Generalsinn ausbauen, zu einem Kollektivgeist, der auch nach dem physischen Tod des Vaters, der Eltern, "auf immer" bleibt.

Deshalb ist der Wunsch nach Selbstdeklaration so groß, um vorzutäuschen, daß es diese Wirklichkeit noch gebe ... Heimat großer Söhne und Töchter? Nein. Heimat OHNE Söhne und Töchter, weil Heimat ohne Väter.



*091111*

Dienstag, 8. November 2011

Keineswegs Zufall

Als Vater des sogenannten wissenschaftlichen Atomismus - des mechanistischen Weltbildes, demgemäß die Dinge der Welt zufällige Anordnungen von Atomen sind, nachträglich als Dinge mit Namen erfaßt (teleonomisch also, nicht teleologisch), wird der englische Wissenschafter John Dalton bezeichnet. Ihm gemäß ist das Atom die kleinste Einheit der Natur, und es gibt also exakt so viele verschiedene Atommassen, als es Elemente gibt, jedes Element hat eine eigene Atommasse, und diese Atome sind unzerstörbar, und innerhalb eines Elements gleich. Unterschiedliche Stoffe entstehen lediglich durch unterschiedliche Anordnungen bzw. Mischungen der Atome.

Nimmt es wunder, daß Dalton ... farbenblind war? Ja, seine Farbenblindheit, die er durch Selbstbeobachtung zu einem Krankheitsbild zusammenfaßte, wird als "Daltonismus" bezeichnet.


***

Sonntag, 6. November 2011

Beschränkungen

Welch fatale Kurzsichtigkeit, im wahrsten Sinne - unser Weltbild aus der Physik des Atoms, einerseits, und der Sterne, anderseits, naturwissenschaftlich konstruieren zu wollen! Denn um diese Welten zu "erforschen" muß sich die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit so weit einschränken, daß ihr Erkenntnisgewinn sich auf reine Phoronomie (also die rein mathematische Bewegungslehre ohne Bezug auf reale Bewegungen physischer Körper) reduziert.

Unsere Physik (und unsere Weltbilder mittlerweile), um es mit Worten von Eddington zu beschreiben, beschränken sich auf die Erkenntnisfähigkeit von jemandem, der auf sämtliche übrigen Sinne verzichtet und nur mehr mit einem Auge blickt, das noch dazu farbenblind ist. Denn anders nehmen wir von der Welt - im Kleinen wie im Großen - nichts wahr. (Weshalb sich Goethe so vehement gegen das Aufkommen des Newton'schen Weltbildes wehrte und auf die dramatischen Konsequenzen für unser Weltverstehen hinwies.)

Noch Heisenberg wies auf die dringende Notwendigkeit hin, daß die Physik (bzw. die Naturwissenschaft) ihre eigenen Voraussetzungen dringend neu überdenken müsse, denn tue sie es nicht, verrenne sie sich unweigerlich in einen fatalen Irrtum: indem sie das Verstehen der Welt völlig aufgibt, und die äußerst beschränkte und relative Erkenntnisweise ihrer Methoden verabsolutiert. 

Wir sind, schreibt Alexis Carrel, der amerikanische Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger, Fremde in einer Welt geworden, die wir uns selbst geschaffen haben, die es nämlich "so" gar nicht gibt.

Diese Reduktion des Weltbildes auf das Erfassen reiner Bewegungsabläufe, die sich längst bis in die tiefsten persönlichen Anschauungen der Menschen ausgewirkt hat, ist kein gewissermaßen subtraktiv gewonnenes Teilbild der Welt, sondern ein völlig falsches: denn der Verzicht auf Geschmack, Farbe, Ton, Wärme, Dichtigkeit, selbst Elektrizität und Magnetismus (etc. etc.) läßt das Ganze der Erscheinungen gar nicht mehr vor Augen treten.

Zeit, und die unbeschränkbare, ja prinzipiell unbeschränkt sein müssende Vielfalt der Sinneseindrücke, sind aber die Faktoren, in denen sich die Welt offenbart - das Ganze der Dinge liegt mitten in all dieser Vielfalt, geheimnishaft "ganz" eben, aber erfahrbar.

Das führt zu viel dramatischeren Konsequenzen, als den Menschen gemeinliglich bewußt ist: denn somit schränken sich auch die Fragen (analog zur eingeschränkten Erkenntnismöglichkeit) mehr und mehr ein! Ernst Lehrs schreibt deshalb in "Mensch und Materie", daß  

die Naturwissenschaft deshalb nicht in der Lage war und ist, einen gültigen Begriff von "Kraft" zu bilden. Soweit der Kraftbegriff in wissenschaftlichen Überlegungen auftaucht, spielt er daher die Rolle eines bloßen "Hilfsbegriffes". Was das naive Bewußtsein unter Kraft versteht, wird da zur bloßen "Beschreibung einer Verhaltensweise". Das aber hat zur Folge gehabt, daß die Forschung auf ihrem Wege nicht geleitet worden ist von den durch die Forscher gebildeten Begriffen, sondern von den jeweils durch sie entdeckten Kräften. Darin aber liegt die Wurzel der Gefahr der sich unser gegenwärtiges Zeitalter ausgesetzt findet.


*061111*

Freitag, 4. November 2011

Ewiges Gedächtnis

Ein faszinierender Gedanke, er wurde angeblich von einem gewissen Ernst Neweklowsky formuliert, Strombaumeister zwischen Puchenau und Mauthausen in den 1950er-Jahren, dessen Lebenswerk ein unglaubliches, dreibändiges, zweieinhalbtausend Seiten starkes Kompendium der "Schiff- und Floßfahrt auf der Donau und ihren Nebenflüssen" der Entdeckung harrt.

Alles was auf der Erde oder irgendwo im Weltall geschieht, ist durch das Sonnenlicht sichtbar, und zwar: durch die reflektierenden Sonnenstrahlen. Theoretisch (weil praktisch - es passiert ja tatsächlich) ist vom Weltall aus somit alles sichtbar, was auf Erden passiert. Was passiert, und was jemals passiert war. Es zu sehen ist also nur eine Frage der Entfernung (und der Fähigkeit, es zu sehen) - irgendwo im Weltall aber reisen weiterhin jene reflektierten Sonnenstrahlen, die ein Bild ergeben, das Bild von allem, was jemals auf der Erde passiert ist, und zu sehen war. Denn Sonnenstrahlen, das Licht, wird im Vakuum nicht langsamer. Alles was jemals war, ist von irgendwo bzw. auf einem Irgendwo (reflektiert) auf ewig weiterhin zu sehen. Sein Buch soll diese Gleichzeitigkeit repräsentieren, das synchrone Wissen vom Ganzen, zu allen (bisherigen) Zeiten.

Eine schönere Vorstellung der göttlichen Fähigkeit, alles gleichzeitig zu sehen, habe ich noch kaum gefunden.



*041111*

Dienstag, 1. November 2011

Umwandlungen

Mit der zwangsläufigen Umwandlung des Religiösen, in der Religiosität des Mittelalters zur Vernunft- und Aufklärungsreligion des Protestantismus, zum blanken Deismus, zum blanken Hochmut also, im 19. Jahrhundert, mit dem Primat der ethischen Sphäre. Das bedeutet nichts als den Durchbruch des individuellen Machtwillens (aus dem Ursprungsimpuls der Renaissance, dem Individualismus) in unverblümter Ausdrucksideologie.

Die Idee der Freiheit und Selbstbestimmung des einzelnen Individuums wird nun die eigentliche Ideologie des Bürgertums, also der führenden Klasse des sich entfaltenden Kapitalismus. Dessen psychologische Grundlage, der individuelle Machtwille, dehnt sich damit als demokratisches Prinzip auf alle Einzelnen aus. In den nüchternen Ausdrucksideologien des Darwinismus und Marxismus, wissenschaftlich frisiert als Lehre vom Kampf ums Dasein und vom Klassenkampf, wird der Machtwille seiner ethischen Maskierung entkleidet.  
 
Alfred Seidel in "Bewußtsein als Verhängnis"

Diese Ideologien, die in intellektuellen Kreisen durchaus dem 19. Jahrhundert zugehören, sind (wie jede Leitidee der Eliten) erst viel später zur Massenideologie abgesunken. Und nachdem der Darwinismus seine ganze wissenschaftliche Unzulänglichkeit (in den 1920er Jahren galt er bereits als überwunden und widerlegt) bewiesen hatte, begannen diese Weltanschauungen ihre volle Kraft im Arbeiterstand zu entfalten.


*011111*

Montag, 31. Oktober 2011

Verschleierte Herrschaft der Triebhaftigkeit

Kapitalismus, Demokratisierung, Klassenkampf, Nationalismus sind der Einbruch des Sexual- und Machttriebes in die Realität, maskiert in "Ideen". Sie sind alle gleichen Geistes, ausgehend von der Renaissance, der Wissenschaft, die nach und nach alle Lebensbereiche ihrer selbst beraubte, durch Analyse entzauberte, emanzipierte, für sich stellte.

Der wirkliche aristokratische Mensch, schreibt Alfred Seidel, braucht keine Ideologie, keine Machtideologie, keine aristokratische Ideologie - er lebt und kämpft unter dem Banner echter Ideen.

Der Wandel der Ideologien von den religiösen über die ethisch-rationalistischen (Protestantismus, Aufklärung) zu den naturalistisch-positivistsichen (Naturwissenschaft) offenbart einen ganz bestimmt gerichteten Ablauf. Er führt von den realitäts- d. h. diesseitsfernen Kontrastideologien (Stichwort: Selbsttranszendenz) kulturerfüllter Zeiten zu den realitätsnäheren, d. h. diesseitsorientierten Ausdrucksideologien der Zivilisationsepochen.

Er bedeutet den Durchbruch der naturhaften Grundlage, d. h. der Triebhaftigkeit in die Ideoligie, also die Erhebzung dieser Triebhaftigkeit (Macht- und Sexualtrieb) zur Idee.


***

Sonntag, 30. Oktober 2011

Leibhaftig

Der christliche Glaube steht und fällt mit der Wahrheit des Zeugnisses, daß Christus von den Toten auferstanden ist.

Wenn man dies wegnimmt, dann kann man aus der christlichen Überlieferung zwar immer noch eine Reihe bedenkenswerter Vorstellungen über Gott und den Menschen, über dessen Sein und Sollen zusammenfügen - eine Art von religiöser Weltanschauung - aber der christliche Glaube ist tot. Dann war Jesus eine religiöse Persönlichkeit, die gescheitert ist; die auch in ihrem Scheitern groß bleibt, uns zum nachdenken zwingen kann. 

Aber er bleibt dann im rein Menschlichen, und seine Autorität reicht so weit, wie uns seine Botschaft einsichtig ist. Er ist kein Maßstab mehr; der Maßstab ist dann nur noch unser eigenes Urteil, das von seinem Erbe auswählt, was uns hilfreich erscheint. Und das bedeutet: Dann sind wir alleingelassen. Unser eigenes Urteil ist die letzte Instanz.


Papst Benedict XVI., "Jesus von Nazareth", Band II

***

Es ist absolut folgerichtig, daß in einer Zeit der Virtualität, des Scheins, des "vernetzten Geistes", der über der Welt in Glasfaserkabeln wandelt und waltet, in einer Zeit - man vergesse das nur nicht! man sehe es nur mit offenen Augen! - der völligen Leibfeindlichkeit, in der der Mensch meint, die Bedürfitkgeit des Leibes sei losgelöst von allem Geist für sich zu erfüllen, daß in solch einer Zeit und Geisteshaltung irrealer Identität auch eine leibliche reale, ja sehr reale Kirche unsinnig erscheinen MUSZ. Und je mehr sie dies tut, desto mehr flüchtet der Mensch das Reale, muß es fliehen, denn es wird sonst immer drängender und bedrohlicher. Deshalb muß sich auch die Haltung des heutigen Menschen gegen alles richten, was real und fleischlich an dieser Religion ist - gegen die Liturgie. Von der aber alleine Regeneration ausgehen kann: als Verbindung mit der Wurzel selbst, dem Sein, das Fleisch werden will weil erst so Leben WIRD weil nur ist, was darstellt.


***

Freitag, 28. Oktober 2011

Fatale Rückkoppelungseffekte

Was also schreibt da Alfred Seidel in seinem sagenumwobenen, kaum zu halbwegs erschwinglichen Preisen erhältlichen Buch "Bewußtsein als Verhängnis" - mein Exemplar habe ich in einem Antiquariat in Argentinien aufgetrieben! - in der Fortführung der Gedanken um die Auflösung der Kultur durch die Psychoanalyse (zu hohe Reflexion zernichtet das Tun), zum einen Symptom, zum anderen Triebkraft?

Aus dieser fehlenden Triebsublimierung heraus (Seidel ist Freudianer, und meint, daß Kultur sui generis aus der Verdrängung des reinen Sexualtriebes entsteht: die freigewordene Kraft wendet sich anderen fruchtbringenden Tätigkeiten zu, im Tun, wohlgemerkt) Entsteht im (unbewußten) Tun ein Mangel, wendet sich diese nunmehr ungebundene, frei schweifende Kraft entweder einer Hypertrophierung des Trieblebens zu (Stichwort: Übersexualisierung), oder/und einer Überreflektiertheit, die dem Handeln im Wege steht, es ersetzt, oder die Untätigkeit rechtfertigt.

In einem Zeitalter, in dem die Technik (sagen wir so) die Natur beherrscht, durch Psychotechnik sogar die menschlich-geistige Natur, verändert sich das religiöse Erleben des Menschen fundamental. Er verliert den religiösen Bezug, er wird verblendet, und sieht den Menschen als Ursache von allem, und sei es (Seidel schrieb das Buch bis 1924) daß er glaubt, daß ein paar Menschen einen Weltkrieg auslösen können.

In entzauberter Weltbetrachtung, der Auflösung der Welt in Funktion, wird geistige Kraft aus den inneren (ungebundenen; auch religiösen) Kräften heraus zur Dämonie (entsprechend der Prägung der Geistigkeit in Ablauf, Zweck, Funktion): der Mensch unterwirft sich, ohne es zu wissen, dem technischen Ablauf, wird vom Geist der Maschine, der Technik beherrscht. Er verliert seine Freiheit, die Technik oktroyiert ihm mehr und mehr Bedürfnisse auf, die ihn mehr und mehr von seinem inneren Sein ablenken. Er, der Beherrscher der Naturkräfte, ist der Sklave seiner Produkte, der Maschinen, wie auch der angewachsenen Bedürfnisse geworden.

Der moderne Sport, schreibt Seidel, sei einer der krampfhaften Versuche, diese unheilvolle Wirkung (durch Ersatzbindung) aufzuheben, und die durch A-Kulturalität freien identitären Kräfte wieder soziabel zu machen - indem das Machtstreben (im Rekordstreben etc.) gebändigt wird. Das biologische Leben versucht sich vor der Zerreibung durch Unrast und Mechanisierung (im Sport) zu schützen. Aber die Kultur, der Geist geht zugrunde: das Wirtschaftsleben hat alle sozialen Prozesse in sich aufgesogen und nutzbar gemacht. Es zwingt alle zu ungeistiger Berufsarbeit.

Eine Wirtschaft, die sich auf Wissen und Technik beruft, hat bewirkt, daß der Erbsündenfluch so schwer wiegt wie noch nie: die Plage der Arbeit, das Essen des Brotes im Schweiße des Angesichts. Durch Vernunft und Wissenschaft, so Seidel, und nicht durch deren Verachtung hat der Mensch sich dem Teufel ergeben.

Der Sozialismus unterliegt also einem fatalen Fehlschluß, wenn er versucht, die Arbeitsprozesse rationaler durchzugestalten, den Fortschritt zu forcieren, um den Menschen VON der Arbeit (durch automatisierte Abläufe) zu befreien, anstatt die Freiheit der Arbeit als Ziel zu deklarieren. Um dieses Ziel zu erreichen, unterwirft er sogar die gesellschaftlichen Prozesse der Mechanisierung! Damit werden technische Rationalisierung auf menschliche Totalitäten übertragen, dem Leben somit das Blut vampyrartig ausgesaugt. Als wenn man Lebensimpulse (aus realen historisch gewachsenen Lebensumständen) ausschalten, überwinden könnte.

Zurück zu Freud: es ist ein rationalistischer Trugschluß zu glauben, wesenhaft irrationale Antriebe des Menschen wären rational gestaltbar. Gerade das triebhaft-irrationale Leben besitzt keine "Vernunft", es verlangt Anerkennung als es selbst, in jedem Fall. Werden diese Antriebe rational überstülpt (durch Moralismen, heute: political correctness, Ideologien), und scheinbar überbaut, "beherrscht", suchen sich diese Kräfte andere Formen der Entladung. Solche Ideologien sind somit lediglich Verdeckungsmechanismen zwischenmenschlicher (oder: nationaler!) Machtkämpfe.


***

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Wer kann solches hören!?

Es ist wirklich absurd der Kirche Leibfeindlichkeit vorzuwerfen! Denn zum Gegenteil, gegen fast alle heutigen Strömungen und Weltanschauungen, ist ihr Geheimnis, ihr zentraler Punkt die Erlösung des Leibes!

Und hieran stoßen sich nach wie vor die meisten, hier bildet sich ihr größter Widerspruch zu allen "Lehren" und "Weisheitslehren", aller Gnosis und aller Esoterik, denen genau dieses Element fehlt. Das sie auf jede nur denkbare Weise weg- oder herbeiargumentieren. Die wirklichen Probleme mit Esoterikern beginnen genau dort: wo es um den Glauben an Auferstehung und Neuschöpfung geht. Der doch noch dazu so weitgehend logisch gestützt und plausibel wird!

(Wie entscheidend ist also denkerische Redlichkeit im Kleinsten, sie wirkt sich auf verästelterer Ebene oft dramatisch aus, was im Ansatz winziges Detailproblem scheint. Die Dogmengeschicht ist im Grunde ein einziges Beispiel solcher vermeintlicher "Haarspaltereien" - die aber irgendwann zu dramatischen Wegkreuzungen führen.)

Während sie vom Materialismus durch das Wissen abgegrenzt wird, das jedem Menschen auf der Zunge brennt, das ja der eigentliche Anlaß nach dem Erlösungswunsch ist: das Unbehagen das daraus entsteht, daß der Leib einer Zuständlichkeit unterliegt, die nicht als gut und wunschgemäß erfahren wird.

Paulus beschreibt es als "tun, was ich nicht will", als Gespaltenheit. Und diese Gespaltenheit ist es, die es zu heilen gilt - ja, das ist Heiligkeit: Ähnlichkeit mit Jesus bedeutet auch und vor allem als leibhaftiger Mensch heilig zu sein!

Daran stoßen sich selbst die "Wohlmeinendsten", diese Auferstehung des Leibes ist auf oft noch dazu viel subtilere Weise Stein des Anstoßes, als man meint.

Und plötzlich erfährt der Einzelne, vor die Frage gestellt, wie bedeutend sein Leib wirklich ist, und wie unmöglich es scheint, ihn wirklich zu besitzen (nicht nur da oder dort zu dominieren; vielfach ist ja Askese und Zucht nicht mehr als genau die Flucht vor der wirklichen, eigentlichen leiblichen Gewalt, die auszuüben wäre), zu einem Willen zum Guten zu einen.

Der wirkliche Kult, schreibt Papst Benedict XVI. im zweite Band von "Jesus von Nazareth", ist der lebendige Mensch, der ganz Antwort auf Gott geworden ist, geformt von Seinem heilenden und verwandelnden Wort.

Was wunder also, daß manch einer sogar an Jesus selbst Kritik übte, dem Fresser und Säufer (anstatt des Asketen, wie man es sich vorstellte) ...

Aber es ist die Gabe seiner selbst - sein Gehorsam, der uns alle aufnimmt und zu Gott zurückträgt - der wahre Kult, das wahre Opfer. Das ist in seiner Leibbezüglichkeit keine Allgeorie, und keine uneigentliche Redeweise, schreibt Ratzinger, es mündet letztlich sogar im Martyrium.



***

Dienstag, 25. Oktober 2011

Unendlicher Wortnebel

Die rasante Zunahme derjenigen, die ein Blog führen, die im Internet - wie es so völlig falsch und lügnerisch behauptet wird - ihre Stimme erheben, und damit nun (angeblich) Gehör verschaffen, bedeutet alles andere als eine Zunahme der Mündigkeit der Menschen!

Sie zeigt den in atemberaubenden Tempo voranschreitenden Zerfall des gesellschaftlichen Ganzen (das immer auch ein Ganzes der Weltsicht und Ordnung ist, was sonst würde es zu einem Ganzen machen?) in lauter Disparatheiten (die Wortnähe zu "dispair", Verzweiflung, ist ja keinesfalls zufällig).

Alles fällt auseinander, und weil jedes Ganze prinzpiell unendlich ist, entweicht diesem Zerfall ein unendlicher Wortschwall, der aber bedeutungslos ist, dessen Erkenntniswert sich auf Symptomatik beschränkt. Denn das Wesen des Erkennens ist - Gehorsam, Ordnung, heilige Ordnung. Nur in dieser Haltung kann von der Quelle aller Weisheit her übergebene, in jeweils persönlichen Akten des Nehmens wie Weiterreichens, Erkenntnis übernommen werden.

Selbst bei jenen, die vorgeben, nur jemandes Inhalte - ja, ich denke da an die sogenannten "katholischen Blogger" - weiterzugeben, zu explizieren, ist es fast ausnahmslos dieselbe Haltung, die ihr Tun zum Greuel anstatt zum Segen macht. Deren "Gehorsam" nur vorgetäuschte Legitimität ihrer Usurpation der Macht darstellt.

Weil Glaube aber Gnade, Geschenk ist, nicht machbar, bestenfalls wollbar ist, braucht er diese Haltung des Gehorsams zu allererst, als alles verbindende Haltung, als alles in einer Wahrheit zusammenführende und von dorther die Welt gliedernde, ordnende Haltung. Als (in wirklichen Sinn) unendlich komplexes Gefüge, das deshalb besteht und im Bestand gehalten wird, weil alles aneinander seiner Art (sic!) gemäß handelt.



***

Montag, 24. Oktober 2011

Sentire ecclesiam

Der jüngst verstorbene Friedrich Kittler bringt es einmal auf den Punkt: die neuen Medien, der Computer, bringt nicht eine Auseinandersetzung mit "Inhalten", sondern mit der Wirklichkeit der Programmierer. Deren Auffassung von Welt und Wirklichkeit übermittelt sich letztlich als Botschaft dem, der sie liest. Die Inhalte sind für Kittler überhaupt nur Schein.

So reduziert sich ihm Kulturgeschichte überhaupt zur Mediengeschichte, zur Medienanalyse. Denn weil der Mensch die Sprache übernimmt, ist sein Denken immer Abbild der Medien, die ihm Sprache vermittelt haben. Deren Gesetzlichkeiten finden sich im Rezipienten als Merkmale seiner Weltanschauung.

Womit sich seine Aussagen zu hohen Teilen mit dem decken, was ich im letzten Jahr vermehrt darzustellen versucht habe: wo ich aus Beobachtungen zunehmend geahnt habe, daß das, was das Internet bei den Menschen auslöst und bewirkt ganz anders gelagert ist, als gemeiniglich geglaubt wird - ein Glaube, der dem Schein auf den Leim gegangen ist, dem eigentlichsten Merkmal des Internet. Des Internet. Nicht des Blog, Twitter, was auch immer.

Vielmehr zwingt sich das Medium die Inhalte unter seine Fuchtel, prägt ihnen ihre Charakteristika auf. Bestimmend wird aber nun die reine Technik selbst, die die Menschen regelrecht ihren Gesetzen gemäß umerzieht - als Technik, nicht über Inhalte, noch einmal sei es wiederholt. Der Rezipient eines Mediums wird in erster Linie von dieser Technik bestimmt.

Umso prägnanter und schreiender tritt die Bedeutung des Kults, der Liturgie in den Vordergrund. Und ich gestatte mir noch die Querverbindung zu Giorgio Agamben, den ich mir zuletzt entdecke: der da vor Augen führt, wie sehr die Dinge IM VOLLZUG erst entstehen (nicht, wie oft abschwächend gemeint wird, quasi posthoc vollzogen, quasi sinnbildlich, aber eigentlich funktionslos dargestellt werden), im Kult, im Prozedere, in der alltäglichen Liturgie. Das Tun des Menschen hebt sich sohin in eine (soll ich sagen: fast? nein, wir sprechen unter Getauften ...) sakramentale Dimension.

Kultur, jedenfalls, ist, was in ihren institutionalisierten Vollzügen auch tatsächlich vorhanden ist. Und völlig deckungsgleich mit dem berühmten "sentire ecclesiam", wird sie so zur pädagogischen Maschine der Tugend - oder des Untergangs.


***

Sonntag, 23. Oktober 2011

Wer soll noch gerettet sein?

Der Gedanke der Erlösung reduziert sich zunehmend auf einen reinen Glauben, auf die reine Hoffnung, DOCH gerettet zu werden. Denn nach menschlichem Ermessen ist es unvorstellbar ... Alle Ursachenalanysen sind im Grunde geleistet, nun bleibt nur noch das Entsetzen zu sehen, daß die Welt fast unaufhaltsam in einen Zustand rutscht (so, wie man einen Hangrutsch beobachtet: unendlich mächtig, erst langsam, dann immer rascher geht es nach unten) der wir das Abschneiden des letzten kleinen Drahtes erscheinen könnte.

So, wie ich gestern beim Rasierapparat den Stecker zu reparieren suchte, um festzustellen, daß nur noch ein hauchdünnes Drähtchen Strom zuführt, das ich auch prompt - so vorsichtig ich es auch anzustellen versuchte - ebenfalls durchschnitt. (Heute muß ich einen neuen Apparat kaufen.)

Es ist das völlige Abschneiden von der Gegenwart Gottes, und es ist an einer beobachtbar wachsenden, ja, rasant wachsenden Zunahme des Hochmuts feststellbar, der Sünde wider den Geist.

Ich glaube nicht, daß die Läuterung NACH dem Tod, auf die es hinausläuft, denn die heutigen Lebensformen sind keine "pädagogische Maschine" der Gewöhnung an das Gute, das Richtige, sondern zum Gegenteil, Apparaturen zur Vernichtung alles noch verbliebenen Guten, ich glaube also nicht, daß diese Läuterung "sanft" oder "milde" abläuft. Wenn sie ist, was sie ist und als was ich sie mit so vielen Stimmen der Tradition vermute, so ist sie ein gewaltiges Schmelzwerk, das nur von reinstem Gold überstanden wird. Nur dieses kann ins Himmelreich.

Was aber wird heute bleiben, in einer Zeit der grundsätzlich so pervertierten Lebensordnung? Wer wird heute noch gerettet? Wer wird nicht in der Hölle landen?


***

Samstag, 22. Oktober 2011

Nur das Verschwiegene schreiben

Das Blog verführt zur Haltlosigkeit im Schreiben, welche ein Defekt in der Integrität der Persönlichkeit ist: auch aus Berichten anderer Blogger, ja vor allem aus diesen, und natürlich eigener Beobachtung, werden die Blogbeiträge nicht mehr zu ausgebackenen, fertigen und der Veröffentlichung, ja des Sagens überhaupt werten Äußerungen, sondern zu einem bloßen Abschöpfen des Wortschaums, der sich bildet, ohne daß dieser im Backofen der persönlichen Entwicklung herangereift wäre.

Mit seinem wichtigsten Ferment - der Geduld, der Mäßigkeit, des Tragens von Spannung, auch im Schweigen.

Ja, das Schweigen ist vielleicht überhaupt die entscheidende Eigenschaft des Schreibens, will dieses nicht zu einem reinen Wortsymptom verkommen. Nur was eigentlich verschwiegen werden soll und kann, kann auch gesagt werden.

Erst aus dieser Warte erscheint mir die Aussage, daß Schreiben der Versuch ist, das nicht zu sagen, was man sagen wollte, wirklich verständlich und sinnvoll: erst wenn man schreibend schweigt, wird jene Spannung der Persönlichkeit nicht verletzt, die auch (als einzige wirkliche Ebene: der integren Person, in der Persönlichkeit) schaffend tätig ist.


***