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Freitag, 19. Juni 2009

Der schmale Grat

Welche Gratwanderung die Arbeit an der Rolle für den Schauspieler ist, erkennt man an dem, was im Drehbuch "Charakter(beschreibung)" genannt wird. Schreibt man diese Charaktere nieder, bedenkt, was Regisseur und Schauspieler mit diesen Zeilen tun, wie sie damit umgehen werden, werden die Mechanismen deutlich. Und wird deutlich, wie rasch aus einem künstlerischen Prozeß ein technizistisch-mechanistischer Vorgang wird, und mit welcher Sorgfalt damit umgegangen werden muß.

Der Schreibende nämlich steht selbst vor der ständig zu umschiffenden Klippe, eine Figur seiner Handlung nicht "herauszuschälen", abzulösen aus dem, was er sieht, vor sich selber - als Beobachtender, in so geheimnisvollem Zusammenspiel mit dem Schaffen - stehen hat, als lebendigen Menschen, als Figur, sondern Eigenschaften als Treibsatz für seine Handlung zu benutzen, der es an Stringenz und Logik fehlt. Oder durch sinnlose "Phantasie" (ein Begriff, der auch vielfach mißverstanden wird) regelrecht zu verunstalten.

Der Ansatzpunkt ist dann also nicht: Was "tut diese Figur", ist die Frage "Wer, was ist sie?" sondern: "Was soll sie tun? Was brauche ich, damit sie meiner gewünschten Handlung - dahinter: einer gesollten Aussage - entspricht?"

Dieselbe Frage hat sich der Regisseur zu stellen, der Inszenator, und er hat mit denselben Klippen zu ringen. Aber! - er hat es mit einem neuen Vorgang zu tun! In sein Spiel der Figuren, in sein kreatives Spiel ist nämlich ein Faktor dazugekommen, der Schauspieler. An ihm nimmt eine Figur neue Kontur, die für den Regisseur wiederum als solche nur mit einer Haltung des Staunens zu betrachten ist. In dem Moment, wo eine Eigenschaft phänomenologisiert gefordert wird ("mehr Liebe, mehr Charme, mehr Haß, mehr ..."), bricht erneut das Insgesamt der nunmehr entstandenen Figur, wird der Schauspieler mechanisiert und mißbraucht.

Der Regisseur hat sich im Idealfall auf die rein technischen "äußeren" Vorgänge - geh' hierhin, nimm die Karaffe, schleudere sie zu Boden, tritt drauf - zu beschränken. Andernfalls wird er nie über ein Machwerk hinauskommen, in dem mehr oder weniger Faktoren Lebendigkeit simulieren (wie zum Beispiel im "method acting").

Die Herangehensweise für den Schauspieler ergibt sich nun: Die Beschreibung eines Charakters, wie er sie vom Autor vorfindet, ist nicht mehr als eine nachträgliche Erinnerungshilfe, welche Spuren eine Figur hinterließ. Bei: Ihm hinterließ. Sämtliche Aussagen zu Charakter und Psychologie der Figur sind lediglich "Bojen", die anzeigen, daß dahinter, hinter dem seltsamen Nebel, der für viele bereits "Wirklichkeit" bedeutet, für den Künstler aber nur jene Membran ist, die die Welt unzulässig in zwei Hälften teilt, jene des Geistes und jene der Phänomene, daß sich hier also eine lebendige Figur verbirgt, die es zu sehen gilt.

Dann setzt nichts anderes ein als die Imitation, wie sie auch im normalen alltäglichen Beobachten stattfindet: Wo aus dem Menschenstudium (das zu allergrößten Teilen ja unbewußt bereits stattfand, noch ehe jemand an den Beruf des Schauspielers dachte - es ist einer jener Faktoren, die man Begabung nennt, denn schauspielerisches Tun kommt vom Sehen und Hören) eine Eigenschaft FREIGELEGT wird, die dann gezeigt werden kann.

Die Eigenschaften also, die der Schriftsteller einer Figur zuordnet, die ein Regisseur meint zu benötigen, können für den Schauspieler, aber können für alle in dieser Kette des Schaffens, nicht mehr sein als Bojen und nachträgliche Markierung. Die Rolle selbst kann aber nicht von dort her aufgezogen, erarbeitet werden. Die Rolle muß vom Sehen eines lebendigen Menschen her ihr Leben beziehen.

Weil aber der Mensch alles ist und hat, weil des Künstlers Ziel das Universale ist, wo er zum Träger ALLER Form der Schöpfung wird, wird ihm je älter er wird, und je ausgebauter seine Persönlichkeit wird, sein Facettenreichtum größer, das was er zu spielen - als: Darstellen - vermag, immer umfassender.

Aber nur, wenn er in diesem alltäglichen Slalom der Anforderungen und Erwartungen (auch von ihm selber stammend, wobei: damit wieder von außen, weil an einem außen liegenden Effekt orientiert) lernt, soviel Disziplin zu wahren, daß er diesen schmalen Grat nicht verläßt: Wo es sich entscheidet, ob er Effekte mechanisch hervorruft, oder wo er eine Figur freilegt, deren Phantasie zu der seinen, alles an ihm also reiner Formgehorsam wird. Ein Gehorsamsgebot, dem alle, in der langen Kette derjenigen, welche eine Figur "in die Hand" nehmen, die am Schluß auf der Leinwand, auf der Bühne zu sehen ist, unterliegen. Gerade angesichts einer Praxis (im Film, im Theater) gesagt, wo heute Lebendigkeit in all diesen Stufen der Entstehung nur noch mit krankhafter Ergebnis- und Aussagenfixierung erwürgt wird.

Kunst ist eben: Das Schaffen der Welt im Betrachter. Sie selbst aber ist: Der Akt der Befruchtung durch das potente Wort, durch die Wurzel, die im Betrachter Konkretisierung hervorruft beziehungsweise diesen zur Konkretisierung anwegt. Der Poet, der Bildhauer, der Maler, der Komponist, der Regisseur (also auch jene, die es mit bereits weiteren Stufen der Ursächlichkeit zu tun haben), der Schauspieler - sie alle sind mit einer prinzipiellen Ursächlichkeit konfrontiert, zu deren Konkretion sie die Durchgangsstation sind: Ihre Arbeit hebt diese Ursächlichkeit ins Konkrete, macht göttlichen Funken und entelechialen Willen zur konkreten Welt. Ja, Welt sein ist eben: Konkretion des Abstrakten, nur Eigenschaftlichen.

Max Reinhardt meinte genau deshalb einmal: "Nicht verstellen - sondern: Freilegen, das ist die Arbeit des Schauspielers." Ein Gebot, dem alle Künste gleichermaßen unterliegen.

Es ist das Gebot ... der Liebe.





*190609*

Eine Tragödie der Ideologie


Wie sich Verwirrung, die durch ideologische Behandlung eines Sachverhalts (demgemäß sich durch die Wirklichkeit ergeben muß, was sich ergeben soll) entstanden ist, zur Tragödie steigern kann, aber auch, wie Ideologie in subjektive Schuldverarbeitung verwoben ist, demonstriert der "Fall Cher-Chastity".

Die Tochter des Pop-Stars Cher nämlich, Chastity (beide im Bild), ist nicht nur "bekennende Lesbe" (im übrigen: eine Lebensform, für die Bekenntnis wesentlich ist, weil alles an ihr Versuch ist, auszusagen), sondern hat sich nun "entschlossen", ihr Geschlecht umwandeln zu lassen. Cher findet das "mutig".

Mutig, sagt nun Cher, und stärkt ihrer Tochter zumindest medial den Rücken. Erst sei es ihr ja nicht so recht gewesen, daß aus ihrer Tochter ein Sohn würde, aber nun ... sagte sie. Die ja mit ihrer Musik immer ein wenig mit einer gewissen Faszination der weiblich-männlichen Identifikationsachse gespielt hat.

Mutig? Nicht mehr? Ist das alles, was eine Mutter dazu zu sagen hat? Ach so, ja, wir haben es ja mit dem Zeitalter der "herrschaftsfreien Diskurse" (Habermas) zu tun. Wo sohin auch das Geschlecht frei zur Disposition steht. Und nachdem Chastity offenbar in ihrer lesbischen Beziehungsgeschichte jeweils den Part des Mannes gespielt hat, kann sie sich ja gleich zum Mann um operieren lassen, der man so gerne immer gewesen wäre. Heutzutage kann man sich ja nicht nur eine andre Nase machen, oder das Fett aus den Schwabbelzonen absaugen lassen - heutzutage kann man sich in der Mitte seines Lebens auch das Geschlecht mal schnell wandeln lassen. Beispiele zeigen das ja zur Genüge.

Zur Genüge? Es gibt Transsexualität als Phänomen tatsächlich. Es gibt - man schätzt in Deutschland wie Österreich etwa fünf- bis achttausend Personen - diesen seltsamen Fall, daß das sichtbare Äußere eines Menschen mit seinem gesamten seelischen Fühlen und Erleben nicht kombiniert. Dieses seltsame Fremdsein im eigenen Körper liegt weit jenseits von Neurosen und Homosexualität, es ist eine seltsame Laune der Natur, für die Erklärungsgründe irgendwo dort liegen könnten, wo die katholische (thomistische) Seelenlehre die Nahtstellen zwischen der reinen "Vegetativseele" und der "Verstandesseele" ansetzt.

Ähnlich, wie die Fälle, wo "nicht überlebende Zwillinge" in den Überlebenden lange Jahre oft weiterwachsen. Wo mit fünfzehn, fünfundzwanzig, dreißig ... Jahren plötzlich bis dorthin im Körper desjenigen gewachsene Körperteile des anderen Zwillings gewachsen sind, "gelebt" haben, bis sie eines Tages denn doch absterben. Hier zeigt sich nichts anderes als die von Thomas so bezeichnete "Vegetativseele", die in gewisser Weise gewisse Abtrennung von der ganzpersonalen menschlichen Mitte zuläßt, und wie im genannten Fall (Reste eines Zwillings, die im eigenen Körper mitwachsen) offenbar interpersonal verschränkt, durcheinander sind. (So nebenbei: und nur dort, in diesen peripheren Bereichen, kann es auch mit gewisser Erfolgsaussicht zu menschlichen "Klonergebnissen" kommen. Zumindest ist alles, was derzeit an Erfolgen auf dem Gebiet der Gentechnik, auch im Tierreich, gefeiert wird, so verstehbar.)

Aber aus Gesprächen mit Betroffenen, deren Leidensdruck mit seelischen Neurosen Homosexueller, mit Identitätsproblemen nicht das geringste zu tun hat, die sich auch selbst in keinem (mir) bekannten Fall als "Homosexuelle" bezeichnen, ja sich strikt dagegen verwahren, zeigt sich eine grundlegende Unterscheidung zu den Identitätsproblemen, die Homosexualität evozieren. Menschen, die sich als "im falschen Körper" erfahren, erfahren sich nicht als "Homosexuelle", sondern erleben höchstens, daß sie in dieses Umfeld geschoben werden. Transsexualität also in eine Reihe mit Genderthematik zu stellen ist auch in den Augen der wirklich Leidenden ein (wie sich hier zeigt: unverantwortlicher, weil beispielgebender) Fehler. "Queer" oder "Transvestitentum" haben damit nicht das geringste zu tun. Hier nicht klar zu scheiden, bedeutet eine Verhöhnung und verächtliche Abwertung des Leidensdrucks wirklicher Transsexueller!

Das Gegenteil behauptet natürlich die Homosexuellenbewegung, mit deren Schutzschild, der Ideologie des "Gender". Für sie, die Geschlecht prinzipiell subjektiv beliebig wählbar, zumindest in seiner Polarität als "conditio humanae" bestreitbar sehen (um sich zu rechtfertigen), sind diese bedauernswerten Menschen (deren Selbstmordrate bedrückend hoch ist, zumindest, solange sie den Schritt zu einer heute weitgehend vollziehbaren "Geschlechtshomogenisierung", also nämlich keiner "-umwandlung", nicht vollziehen) Beweisgegenstände und Objekte der Rechtfertigung, daß ihre Nicht -Wahrnehmung ihres Geschlechts(auftrags) eine unwiderstehliche Naturmacht (und vererbt) ist. Ja, daß das Geschlecht generell wählbar ist, frei nach Simone de Beauvoir, daß man zur Frau (oder umgekehrt) erst gemacht würde, das sei man nicht.

Es gibt nur einen Fall aber, wo die Selbstmordrate noch höher ist, und hier ist nicht die Rede von Theorien, sondern von Informationen aus der Praxis (auch in Österreich gibt es Chirurgen, Mediziner, die damit relevante Erfahrungen haben) Nämlich jene Fälle, wo Homosexuelle ihre Neurose zu solchen Geschlechtsumwandlungen ausformten. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit eines Suizids bei über 50 Prozent. Weshalb im Vorfeld exakt und höchst eingehend zu prüfen ist, ob es sich eben um die Charakter- und Identitätsneurose "Homosexualität" handelt, oder um wirkliche "Transsexualität". Passiert hier ein Irrtum (die hormonellen und operativen Eingriffe sind nur ein einziges Mal machbar, und irreversibel) wird aus dem "Drama der Selbstinszenierung" plötzlich ein Ernst, dessen Leidensdruck wohl unvorstellbar ist.

Chastity bekannte sich als Lesbe, als Homosexuelle also. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie wirklich transsexuell ist, schon recht niedrig, hoch aber dort, wo zu vermuten ist, daß die Ideologien des heutigen Genderwahns Grundlagen ihrer Entscheidung sind. Cher scheint denselben Ideologien zu folgen, was umso befremdlicher erscheint, als Cher selbst ein Musterbeispiel für den Entstehungsboden von Homosexualität bietet! Eine Mann-Frau äußerlich mit ihrer Identität, mit der Androgynie spielend (damit keine Identifikationsfläche bietend), stark, und (wenn vielleicht auch aus ihrer Vita erklärbar) stärker als der Mann. (Stärker als Sonny, ihrem ersten Mann, war sie allemal.)

(Nachweisbar und höchst signifikant statistisch korrelierend ist, daß in über 80 Prozent der Homosexualität die Kräfteverhältnisse unter den Eltern so sind: schwacher Mann, starke Frau. Sodaß die Umverteilung der Macht, die in den letzten Jahrzehnten stattfand, ein regelrechter Garant für die Zunahme von Homosexualität - noch einmal: eine Neurose der Identität und Persönlichkeitsentfaltung - war und ist.)

Dieser Hintergrund aber gibt ihrem "Verständnis" mit einem Mal - einen seltsamen Beigeschmack von Zynismus. Als diente ihre "Liebe" zu ihrer Tochter im Grunde nur der ... Rechtfertigung ihrer Leichtfertigkeit, mit der sie das Joch ihres Mensch- und Mutterseins abschüttelte.

Im übrigen: Das wahrscheinlich häufigste Motiv für die heute so gern zitierte elterliche "Toleranz".

Aber es würde nicht Wunder nehmen, wenn auch diese Geschichte ein tragisches Ende nähme. Vielleicht ist die Öffentlichkeit dieser Geschichte ihr Wert - was zu sagen hoffentlich ohne Zynismus möglich ist. Es spricht aber viel dafür, daß sich hier nicht ein Muster an Liebe und Verständnis vollzieht, sondern ein Lehrbeispiel der Tragödie, die entsteht, wenn man tatsächlich Gender-Ideologie ernstnimmt (Chastity), und ihr aufsitzt. Und ein Lehrbeispiel, was der Entstehungsgrund einer Ideologie ist: Rechtfertigung eigenen Versagens (Entschuldung) und eigener Fehlhaltungen.

Was nichts an Cher's Liedern ändert, mit denen eine Generation groß wurde. Und wo eine verheiratete Cher ihr Spiel mit der Androgynie - wen wundert's? - noch keinesfalls so in den Vordergrund schob. Als: Sonny und Cher in "I got You Babe"

Und wie erst (ich gestehe alles ...) Cher mit Sunny in "The Beat goes on"




*190609*

Donnerstag, 18. Juni 2009

Glaubwürdigkeit auf der Grundlage persönlicher Weitergabe

Einen interessanten Hinweis gibt Max Weber zur Rolle der Schriftlichkeit in Gesetz und Recht wie Heiligen Schriften - im Islam. Weber führt an, daß ein Vertrauen in die Schriftlichkeit ein Abweichen vom prophetisch-charismatischen Charakter der maßgeblichen Personen der Religion und Lebensordnung bedeutet hätte beziehungsweise bedeuten würde. Ihre Glaubwürdigkeit hängt aber an der ununterbrochenen Weitergabe der Wahrheit von Person zu Person! Deshalb gilt im Islam nach wie vor das Prinzip der Tradition der persönlichen Weitergabe der Grundsätze und Lehre in Schulen und Anstalten.

Eine "sola scriptura"-Rolle Heiliger Schriften meint Weber nur im "Altprotestantismus" zu finden. Selbst im Hinduismus findet sich nach Weber diese Tradition, wobei er ihn noch als Exempel benutzt, um die Unterscheidung zwischen dogmatischen Büchern der Offenbarung (srufi vedas) und "Erinnerungsschriften" (smeti), aus der Geschichte gegriffene Auslegungsschriften, zu demonstrieren, die es auch zum Beispiel im Islam gibt. (Natürlich auch im Katholischen, unter anderem in den Schriften der "Kirchenväter".)

Weber, ein Protestant, führt damit die (nunmehr also: auch) katholische Position zur Stellung und Rolle der Heiligen Schrift ("Die Kirche hat sie sich selbst gegeben!") Die Rolle der Schriftlichkeit, wie Weber sie sieht: um über die Dauer die Einheitlichkeit der Überlieferung nicht zu gefährden.

"... nicht die Heiligen Schriften die Wahrheit der Tradition und der Kirchenlehre, sondern umgekehrt: die Heiligkeit der als Fideikommiß der Wahrheit von Gott gestifteten Kirchen und ihrer Traditionen die Wahrheit der Schriften garantiere. Dies ist konsequent und praktisch: das umgekehrte (altprotestantische) Prinzip setzt ja die Heiligen Quellen der historischen und philologischen Kritik aus."


(Max Weber in "Wirtschaft und Gesellschaft")




*180609*

Alter Etikettenschwindel

Max Weber sieht den Anteil des Christentums an der Abschaffung der Sklaverei defacto nicht relevant, weil sehr gering. Weil sich Sklaverei nur auszahlt, wenn die Lebenshaltungskosten gering waren (was ihre Reproduktion ausschloß, denn Familien sind teuer, haben einen hohen Anteil von unproduktiven Essern) und Boden billig, wenn nicht (durch Expansion) frei ist, war das Ende der Sklaverei in Amerika längst eingeläutet: Boden war bereits begrenzt, und die Zufuhr von Sklaven aus Afrika unterbunden beziehungsweise eingeschränkt, auch durch afrikanische Entwicklungen. Weber vergleicht die Lebensweise der Südstaaten-Farmer eher mit denen der römischen Großfamilie, den Sklavenhalter mit dem Pater Familiae, mit sehr weitgehenden Rechten, aber längst sehr familiären Haltungen.

Der Bürgerkrieg Nord-/Südstaaten hatte also nach Max Weber rein politische, kulturelle Gründe. (Julien Green übrigens definiert den Bürgerkrieg genau so: als kulturelle Katastrophe, nicht als "humanitäres Projekt" des Nordens; entsprechend spricht Green vom "Trauma des Südens") Es war ein Krieg der Farmerdemokratie und bürgerlichen Plutokratie der Nordstaaten gegen die südliche Pflanzeraristokratie. Ein Kampf der neuen, protestantischen Welt gegen die alte europäische, katholische Welt. Ein Kampf der Schwärmer und Mystizisten gegen aristotelisch-thomistische Metaphysik.

Die parallele Entwicklung in Europa - Weber sieht die unfreie Arbeit als generelles Kriterium dieser Kulturstufen, unterscheidet nur formal zwischen Sklaverei und Frondienst (die Bauernbefreiungen fanden am Kontinent ebenfalls zu etwa der gleichen Zeit statt) - war gleichfalls von Rentabilitätsüberlegungen getragen: Die Entwicklung moderner Produktionstechniken hatte unfreie Arbeit unrentabel gemacht.




*180609*

Samstag, 13. Juni 2009

Abgeschnitten von den Wurzeln

"Es ist möglich, daß sich eines Tages irgendein mutiger Wissenschaftler an die Untersuchung herantraut, wie unser kulturelles Leben durch die 68er Bewegung direkt und indirekt beschädigt wurde. Es ist möglich, aber kaum wahrscheinlich. Frustrierte Revolutionäre klammern sich noch immer an ihren Schreibtischen in den Redaktionen fest und sprechen bitter von "der Erneuerung, die im Sande verlief." Sie sehen nicht ein (wie sollten sie das können!), daß ihr Einsatz einer Entwicklung, die nie von ihren Wurzeln getrennt werden darf, den Todesstoß versetzte. In anderen Ländern, in denen mehrere Gedanken nebeneinander gedeihen dürfen, wurden Tradition und Ausbildung nicht liquidiert. Nur in China und Schweden verhöhnte und demütigte man seine Künstler und Lehrer.

(Ingmar Bergman, in seinen Erinnerungen "Mein Leben", erschienen 1987)




*130609*

Donnerstag, 11. Juni 2009

Der Komet kommt. Eines Tages.

So kam sie, die Finanzkrise, die Wirtschaftskrise hinterdrein. Tauchte auf - und streifte uns. Oder schlug ein. Fast zumindest.

Keiner konnte was dafür. Niemands.

Ja, die Reichen, wie die Meinls, und überhaupt alle diese Betrüger und Geldaussauger, die schon. Solche, wie die Wallstreet-Banker, in ihren Anzügen, die feinen Pinkel.

Aber wir halten zusammen. Und kämpfen gemeinsam. Schulter an Schulter! Gegen die Wirtschaftskrise.

Dort ist sie! Haut sie! Abgewehrt.

Ober!? Noch ein Vierterl! Irgendwann geht sowieso alles zugrund'. Irgendwann kommt er, der Komet.




 *110609*

Dienstag, 9. Juni 2009

Beneplacitum Dei

In der Genesis liegt der großartigste Erweis der Priorität des ästhetischen Akts vor dem Gutsein selbst, so untrennbar alles verbunden, das Ethische mit dem Ästhetischen ident ist.

Und Gott sah, daß es gut war - und er fand Gefallen daran.




*090609*

Vorsehung und Kunst

Theodor Haecker deutet es in seinem Buch über Vergil an: Das Wesen einer christlichen Kunst, insbesonders einer christlichen Literatur, die dieses Attribut als "Spur" einer hinter allem stehenden Anschauung und Glaubenswelt verlangt, gründet im "Fatum". Im zuinnersten Glauben, daß alles Geschehen einen Sinn hat, und einen Sinn erfüllt, im Denken sucht, im Handeln zu erfüllen hat.

Damit schließt sich ein Kreis: Am Ausgangspunkt, der göttlichen Vorsehung, am Gut, das hinter allem als Movens steht. "In principio erat verbum"- Im Anfang war das Wort. Das Gesagte. Und das Wort, das Gesagte, das Fatum, war Gott.

Das Scheidegebirge zwischen Hoffnung im Sinn, und Verzweiflung im Chaos. Das - meint Haecker - so beeindruckend Adventliche an Vergil's Aenaeis.




 *090609*

Mittelmaß aus Berufung

Kaum einmal bedacht ist das Problem der beruflichen Ausbildung von der Seite her, daß hoher Ausbildungsstand eine Frage der Verantwortung der Gesellschaft gegenüber ist. Weshalb VOR einer Ausbildung die Aspekte der Lebensplanung abzuwägen sind.

Dabei ist ein großer Störfaktor ein grotesk weitverbreiteter "Glaube", man sei ... etwas Besonderes (in Verkennung wirklicher Einzigartigkeit, die von einer gesellschaftlich-kulturellen Stellung unabhängig ist.) Und je mehr man diese Besonderheit auch institutionalisiert versucht "hervorzubringen", desto mehr fehlt sie. Und allzu oft ist "Besonderheit" dem kindischen Rollenspiel von Kleinkindern vergleichbar. In solchem Klima wird dann Menschlichkeit zur Zustimmung zu eben diesem zweitwirklichen Spiel allgemeiner Identitäts-Simulation.

Wie oft, ja fast immer ist aber festzustellen, daß eine solche Selbsteinschätzung in keiner Weise gerechtfertigt ist, und eher einer sinnlosen Neurotisierung entspringt. Noch dazu, wo die Geschichte eindrücklich lehrt, daß "Besonderheit" kaum einmal eine Frage der Talente, sondern des Charakters ist. Der Ansatz, daß Talent auch "Anrecht" hieße, dessen Wirklichung eine Bringschuld der Gesellschaft sei, ist also völlig verkehrt.

Die meisten Menschen sind einfach ... mittelmäßig, durchschnittlich, und ihre Gaben sind es - einzigartig nur im Sinne der Einzigartigkeit des Individuums, das ganz sicher, und im unmittelbaren Umfeld (auch hier: völlige Verfehlung des Bezugspunktes, es genügt nicht mehr der Nächste, das Nächstliegende, sondern es ist Hollywood oder die Welt).

Wenn "Normalität" (und: Bescheidung auf das kleine Umfeld) aber so übel beleumdet ist - womit man diesem überwiegenden Teil der Bevölkerung unerträglichen immanentisierten Druck aufbaut - wird sie eine Frage der Überlebensfähigkeit einer Kultur beziehungsweise eines Staates.




*090609*

Sonntag, 7. Juni 2009

Reputation Management

Wenn jedes Selbstsein zum Image verkommt, jeder Lebensvollzug der formenden Hand einer höheren Zieladäquatheit unterworfen wird, oder gar nur noch daraus erwächst, wenn das oberste Ziel eben die Bestimmung dessen ist, "was man für andere ist" (weil: sein will) - dann haben wir es mit dem weiteren Ausfluß des technischen Zeitalters zu tun. Wo alles bereits diesem Mechanismus unterworfen ist, der keine originäre Lebensäußerung mehr zuläßt, alles erfrieren und ersticken läßt, was einmal pathetisch "Herz" genannt wurde.

Zur "Ich-AG" verkommt das Ich, und getrieben vom Giftstachel des Neides wird der Ehrgeiz zum Motor eines Lebensvollzuges, der nur noch Besonderheiten und eiskalten Konkurrenzkampf kennt. In welchem auch längst Zwischenmenschlichkeit zur Ware verkommen ist, weil alles nur noch Lüge und Simulation ist. Gemeinsamkeit wird nur noch daran ablesbar, wieweit der andere bereit ist, sich denselben Konventionen aus Weltanschauungen und Moralismen zu fügen.

Bis alles nur noch Lüge ist, und die Lebensangst immer größer wird, weil es keine Handbreit originäres Leben mehr gibt, das - als "Wirklichkeit" - wirkliche Selbstwerdung ermöglichte oder forderte.

Und bis die Sehnsucht unerfüllt bleiben muß, die Trauer zur Verzweiflung gerät. Wo es keinen Fluchtpunkt mehr gibt, weil auch die Kunst längst davon angekränkt und durchfault ist.

Weil es ein Weg ist, den man zu gehen hätte. Ein Weg täglicher Ablösung und täglichen Zurüstens auf den Tod. Weil es das bräuchte, was man Askese nennt. Und das so diametral zu allem zu stehen scheint, was vorgeblich Grundlage unseres heutigen Lebens, ja nahezu "Verpflichtung" zum Schein ist.




*070609*

Samstag, 6. Juni 2009

Weil alle lieber im Trüben fischen

Nun tauchen Meinungen auf, denen gemäß Polen sogar ("die") Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hätte ... Das kommt diesmal aus Rußland, übrigens. Die (abgesehen von den historischen Spannungen mit Polen) am freiesten mit der Frage nach der Kriegsschuld umgehen. (Die Auffassung, daß der Angriff Deutschlands auf Rußland im Juni 1941 ein Präventivschlag war, kommt aus Rußland, wo sie nach Einbeziehung der "geheimen Archive" historischem Forschungsstand entspricht.) Weil dort die verschiedensten Interessen, mit denen Geschichtsforschung betrieben wird, sofern sie mit solchen Interessen (Historie ist ja immer ein Belegen, was sonst; also stets eine Frage der Weltanschauungen) betrieben wird, einander wiederstreiten, und das auch dürfen.

Womit wir beim Thema wären. Denn was wir hierzulande immer nur an solchen Ereignissen (wenn zum Beispiel in Rußland solche Thesen auftauchen) bemerken, ist, daß unser Geschichtsbild gerade über jene Zeit ("Hitlerismus") in höchstem Maß feststeht. Aber kann es auch ausreichend erklären?

Das läßt sich nämlich hinterfragen. Denn die Ansichten, gerade im "breiten Volk", über diese Zeit, gehen weit auseinander. Man muß allerdings unterscheiden: zwischen "offiziellen", gelehrten wie öffentlich verkündeten Ansichten, und privaten Meinungen, den Meinungen des einfachen Mannes, wie man gerne unterscheidet. Dabei verläuft die Trennungslinie aber woanders: Jene, die nach Erklärung suchen, und jene, die erklären können. Meinen zu können. Und dabei nicht bemerken, wie sehr sie die Interessen einer Ideologie vertreten.

Weil Geschichtsinterpretation hierzulande von einer politischen Gruppierung regelrecht okkupiert wurde. Und dieser politischen Richtung, die sich gerne als "Funktionselite" begreift, die nach solchem Verständnis auch die eigentliche gesellschaftliche Elite darstellt, ist es höchst genehm, die Geschehnisse dieser Zeit den Grundsätzen ihres Weltbildes gemäß zu erklären.

Deshalb braucht - die Linke, nennen wir das Kind beim Namen - einen rationalen Hitler! Deshalb braucht sie das Vorgehen Nazi-Deutschlands eingebettet in einen Kranz "nachvollziehbarer", weil ideologisch erklärbarer, Ursachen und Wirkungszusammenhänge. Die im letzten im bösen westlich-abendländischen (und das bedeutet: patriarchalen) System an sich liegen.

Aber genau so lange diese Geschichtsklitterung vorherrscht, genau so lange wird über dieser Zeit ein seltsamer Nebel liegen. Genau so lange wird es ständig wieder zu mal diesen, mal jenen Ansichtenstreits kommen. Denn alle diese Ansichten nützen den Umstand, daß viele vereinzelte "Körnchen Wahrheit" - hier: das Verhalten Polens in der Zwischenkriegszeit war unter bestimmten Aspekten keinesfalls einfach "jungfräulich", aber was hätte man an Alternativen gehabt? Und man hat auch Fehler gemacht, ganz klar, auch weil Polen sich neu und ziemlich künstlich erfinden mußte, der historische Strom war salopp formuliert "abgedrückt"; an sich aber kann man fragen, ob Sachen wie "Teschener Land" notwendig waren ... - für alle möglichen Theorien verwendbar bleiben.

Weil sie bis zum heutigen Tag in kein wirklich umfassend befriedigendes, erklärendes Gesamtbild eingebettet sind.

Das verhindert die Linke nämlich auch konsequent, gerade indem sie ein Erklärungsmodell (sogar: per Sanktionierung) verlangt und propagiert. Denn die Linke macht - zeugt, schafft - sich, gemäß ihrem inneren Wesen: sie ist eine Charakterdeformation - ihre Gegner selbst. Ihre Ansichten haben sohin simpel selbsterfüllenden Charakter. Ein Erklärungsbild, das nicht ihrem Weltbild zuspielt, wird so schlicht verhindert. Und das ist in diesem Fall so!

So wird Hitler's Politik außen wie innen konsequent (eine ganz bestimmte) Rationalität unterstellt. Wird konsequent sogar unterstellt, Deutschlands Politik unter Hitler stünde in einer kontinuierlichen historischen Linie, die an das Vorher anknüpfe.

Aber bei intensiver Beschäftigung mit diesen Themen zerfällt diese These. Sie erklärt nämlich nahezu gar nichts wirklich. Wo immer historische politische Linien auftauchen, die scheinbar fortgeführt wurden, muß man sie nämlich als das sehen, was sie für Hitler waren: Chancen. (Man beachte alleine die Verwendung des Wortes "Vorsehung" durch ihn: als Leitstern) Nicht mehr.

Mit "echten" Motiven hat Hitler seinem politischen Handeln lediglich Rationalität unterschoben. Sein Verhalten selbst, und das seiner wesentlichen Figuren (unter anderem Ribbentrop), war hingegen völlig widersprüchlich! Das konnte auch gar nicht anders sein.

Denn der Nationalsozialismus war alles andere als eine homogene, in sich stimmige Theorie oder Ideologie! Er war ein rohes, in sehr vielem widersprüchliches Mischmasch ungeklärter, oft genug diffuser, krankhafter (auch das), dann wieder evidenter, ja an sich richtiger (ja, auch das) Einzelgedanken und -thesen. Das zeigt sich alleine an seiner Kompatibilität mit dem Kommunismus, den zu bekämpfen er vorgab. (Selbst Stalin war dieser Meinung!)

Ein Konglomerat aus Zeitströmungen, Emotionen, Ansichten, Theorien ... also, an dem lediglich eines klar war: er hat sich GENAU DURCH SEINE IRRATIONALITÄT hervorragend geeignet, um Wahnsinnigen freie Bahn zu geben, ihren Wahnsinn auszuleben. "Der" Nationalsozialismus war ein Mäntelchen, unter dem eine politische Struktur aufgebaut werden konnte, die sich je länger desto deutlicher als dämonischer Wahnsinn entpuppte. Der Nationalsozialismus war - auf den Punkt könnte man es bringen - eine reine Funktionsstruktur. (Man sehe sich alleine den aberwitzigen Zuständigkeitswirrwarr an, der in allen Organen herrschte, die mit der Partei zu tun hatten!) Seine Macht konnte der Nationalsozialismus genau dadurch nur aufbauen wie behaupten: weil er unvernünftig war, mußte er sich nie rechtfertigen, und war damit unwiderlegbar weil total anpaßbar. Das war auch schon das einzige "Totale", das er war. Aber schon alleine mit heutiger Gesellschaftspolitik verglichen, müßte man blaß werden: denn die Parallelen mit dem heutigen "Sozialstaat", die Modernität des Hitlerstaates also, jagt einem Schauer über den Rücken.

Eine solche Irrationalität aber können sich Russen, die noch dazu so viele Jahre das linke Geschichtsbild inhaliert hatten, gar nicht vorstellen. Für sie muß das Handeln ihrer (damaligen) Gegner rational gewesen sein. Denn die Politik Stalins war es. Stalin war ganz klar rational, hatte ein Ziel, und er verfolgte es konsequent. So konsequent, daß er sogar den Westen in den Verhandlungen über die Nachkriegsordnung laufend überrumpelte. Weil ihm eine Niederwerfung Deutschlands keineswegs fundamentalstes Ziel gewesen war, wie dem Westen - bloß das vordringlichste, als Mittel zum Ziel. Wieder waren es die Engländer, war es Churchill, der das als einziger erkannt hatte.

So wie es auch die Engländer 1938 waren, die als erste kapiert hatten, daß Hitler und damit Deutschland nicht berechenbar, sondern irrational war. Und so wird auch das Verhalten Englands Polen gegenüber rational, nicht "kriegshetzerisch" - lediglich schrecklich nüchtern. Selbst wenn der Anlaß seltsam erscheinen mag. Im Umgang mit dem Irrationalen aber ist es so, daß man eine Weile braucht, um die Vernunftunfähigkeit des anderen zu begreifen, und schließlich anzunehmen. Damit spekuliert ja der Unvernünftige (so sich Böses längst mitmischt): daß der "Anlaß" für den Vernünftigen zu klein und zu "irrational" scheinen könnte, weil zum Vorher wie Nachher in Bezug setzt, herausgenommen, für sich stehend. Rationalität ist hier aber längst ein Heraustreten aus dieser historischen Kette, in einer Rückkehr zum Prinzipiellen.

Solange wir hier, in Österreich, in Deutschland, nicht die Einsicht zulassen, daß es so war, oder: gewesen sein könnte, solange, wird diese Zeit ein nie endender Herd abstrusester, nie eingrenzbarer Thesen, Ansichten und Motiven bilden, aus denen sich weitere Irrationalitäten und Dämonien nähren.

Aber nicht nur der Linken nützt ein solches Interpretationsdiktat, das nichts erklärt, sondern alles möglich macht. Auch nämlich allen möglichen abstrusen Vereinigungen, und gar Konservativen, scheint diese irre Zeit zum Beleg mancher These gerade recht zu kommen.

Aber die Linke profitiert zweifellos am meisten, weil sie in dieser historischen Interpretation eigene Legitimation auszuweisen behauptet.

Selbst das gesamte Problem des echten "Rechtsradikalismus" (der sehr sehr selten ist!) hat aber wesenhaft damit zu tun: Alle fischen nämlich lieber im Trüben. So hat ein Geschichtsbild Platz, das als Motiv historische Verkettungen vorgaukelt, die die (bloß charakterlich fundierte) Gegenwart verschleiern, aber vor allem: den Status quo legitimieren soll.

Man muß Hitler als das sehen, was er war: ein wirklicher Psychopath. Erst in diesem Licht beginnt sich diese damalige Zeit zu erhellen. Seine Politik war wesenhaft irrational, nur scheinbar und bestenfalls in Ansätzen dort vernünftig, wo es ihm in den Kram paßte. Und dieser "Kram" war in einem Ausmaß "persönlich", daß wir's uns kaum vorstellen können. Der Mißbrauch der Sprache war dazu wesentlichstes Instrument. In diesem Punkt unterscheidet sich nichts mehr von heute. Nur die Rechtfertigungsmodelle haben sich verändert. Der Nationalsozialismus hat die Instrumente heutiger demokratischer Politik, die in höchstem Maße auf dem Mißbrauch der Sprache beruhen (vor allem durch "Äquivokation" - NLP zeigt es vor) nicht nur aber längst ausgelotet, er hat sie regelrecht erfunden.

Solange das nicht akzeptiert wird, solange aber vor allem die Linke nicht aufhört, ihr Geschichtsinterpretat um jeden Preis durchsetzen um als politischen Hebel nutzen zu wollen, solange insgesamt so viele Gruppen und Personen ein reges Interesse daran haben, diese Zeit 1933 bis 1945 eigentlich im Dunklen des Dämonischen zu halten - solange wird dieser Dämon seine zeugende Kraft nicht und nicht verlieren.

Und das heißt in diesem Falle das historisch so Unfaßbare als wirklichen Ausfluß von Irrationalität und Dämonie zu begreifen.

Dann aber kann man auch erfassen, wie eng in heutigen politischen Konstellationen persönliches Tun mit Charakter und Absichten von Einzelnen zu tun hat. In der Zerstörung der Staaten 1918, vor allem aber: der Kultur, hat sich in Hitler ein Menetekel an die Wand geschrieben. Er hat das langfristige, zu ahnende Schicksal Europas - wie es seinem Charakter entsprach - in geraffter Form darstellend lediglich ein für alle Mal vorwegzunehmen versucht.

So erfaßt, wird diese Zeit plötzlich zu einem wirklichen Lehrbeispiel der Geschichte. Wo jedes "nie wieder" erst glaubwürdig, aber völlig anders, wird.




*060609*

Dienstag, 2. Juni 2009

Grundsätze künstlerischen Schaffens

"Dieses Gut-Machen, dieses Arbeiten mit reinstem Gewissen, war alles. Ein Ding nachformen, das hieß: über jede Stelle gegangen sein, nichts verschwiegen, nichts übersehen, nirgends betrogen zu haben; [...] erst dann war ein Ding da, erst dann war es Insel, überall abgelöst von dem Kontinent des Ungewissen. [...] Der Schaffende hat nicht das Recht, zu wählen. Seine Arbeit muß von gleichmäßigem Gehorsam durchdrungen sein. Uneröffnet gleichsam, wie Anvertrautes, müssen die Formen durch seine Finger gehen, um rein und heil in seinem Werke zu sein."

Was Rilke in einem Vortrag über Auguste Rodin sagt, gilt völlig unverändert für jede Kunst: die Arbeit an einer Rolle als Schauspieler, die Arbeit an einem Text, an einem Lied. Nur dem Selbstbeherrschten, dem sich in allen Fasern Besitzenden, ist es möglich an jenen Punkt zu kommen, wo aus dieser Tugend des Meisterlichen heraus jede Faser des Tuns Vollzugsmoment des Gehorsams dem Geheimnis des Lebens gegenüber wird. Hier wird man abgeholt vom Wissen, daß hohe Kunst nur dem Könner gelingen kann, und daß die Kunstübung sich im Tun auf das Ziel der Vollkommenheit hin alleine wirklicht. Wo Kunst seinen Gradmesser in der Hingabe des Künstlers an die Kunst hat, der auf diese Insel abstößt, die alles Seiende erst es selbst sein läßt.





*020609*

Verblüffende Gegenwart

Das Argument ist verblüffend: Während man heute bei Tier wie Pflanze davon ausgeht, daß sie über all die beobachtbaren Zeiträume ihr Wesen nie verändert haben, gleichzeitig ihr Verhalten mit diesem Wesen untrennbar verbunden ist, dieses sich aus jenem erklärt ...

... ist in dem Maß, als der Mensch als reiner Primat, also als Tier, der Geist als Epiphänomen rein natürlicher, chemischer, automatischer, mechanistischer, rein materialer Prozesse erklärt wird, der Glaube an eine völlig beliebige Gestaltung seines Wesens, bei gleichzeitig gedachter völliger Wesensfremdheit und damit Verkehrtheit wie Irrelevanz der Geschichte (die zur reinen Historie von Untaten wird), uferlos.

Wächst in dem Maß, in dem Kausalität schwindet, der Zufall als dominierendes Prinzip der Weltentwicklung gesehen wird, der Glaube an eine Beeinflussung des Weltgeschehens durch Kausalität.

Wächst in dem Maß, als Zufall als Prinzip gesehen wird, der Glaube an die Kausalität des Zufalls, und des Zufalls der Kausalität.





*020609*

Nur noch Horizonte

Ernst R. Curtius schreibt einmal, daß es das Recht und die Pflicht der Jugend sei, zu urteilen. Daß es aber dann das Recht und die Pflicht einer späteren Phase (um nicht zu sagen: des Alters) sei, zurückzusehen und nachzumessen.

Man sieht nur aus der Ferne gut. Und mit dem Alter wächst die Fähigkeit wie Neigung, den Blick (nur noch) auf den Horizont zu halten.




 *020609*

Berlusconi III: Rückschlag der Linken auch in Österreich


Während Italiens Linke ihre Strategie endlich gefunden hat, sucht Österreichs Linke doch nach anderen Wegen. Und es wär' nicht Österreich, wenn das nicht gleich auf höherer, ganzeuropäischer, manichäistisch-intellektueller, vor allem aber: ernsthafterer Ebene ansetzte.

Nun haben nämlich Frauen aus diesem schönen Alpenland (siehe: Bild) die gewiß längst notwendige Feministische Gruppe der Europäischen Linken gegründet, die EL-FEM. Diese versteht sich nach Eigenaussage der GründerInnen (in diesem Fall bin sogar ich zu überzeugen, um der Wahrhaftigkeit willen, die Schrecklichkeit der geschlechtsneutralen Sprache zu verwenden) als Thinktank für linksfeministische Fragen und neue Formen der politischen Organisation. Man will Umverteilung auch zwischen den Geschlechtern.

Aber das gibt es doch längst? Und sogar die Kirche steht hinter ihnen! Indem Sie ein Müttergehalt gefordert hat, die effizienteste (und: Bravo, die klügste weil versteckteste) Art, vom Mann (denn: woher soll es kommen, wenn die Frau einen Job als Mutter hat? Achja, ich vergaß, von den Kapitalzinsen ...) zur Frau per Gesetzeszwang umzuverteilen, und gleichzeitig die Herkunft ("Das zahlt der Staat!") zu verschleiern. Außerdem wird schon lange nicht nur die Kinderbeihilfe, sondern werden auch sämtliche andere gesetzliche Steuerrückführungen (mehr ist auch die Kinderbeihilfe nämlich nicht) unabhängig vom Aufkommen der Frau ausbezahlt. Und sämtliche (männliche) Unterhaltspflichten - völlig unabhängig von Fragen wie Verschulden, Verursachung, und nach wie vor wird an Gesetzen gebastelt, das weiter zu verselbständigen! Was ist das denn anderes - als gesellschaftspolitisch motivierte Umverteilung?

Die Einigkeit unter den Linken Europas über die richtige Strategie - sie läßt eben noch zu wünschen übrig. Da weiß doch die Linke oft nicht, was die Rechte tut. Wir gestehen: Wir sind ganz auf der eigenständigen Linie von Debora Seracchiani und rufen ihr zu: Laß Dich nicht unterkriegen! Laß Dir nicht von der österreichischen Leitung der EL-FEM vorschreiben, was Sache ist! Denn mit solcher typisch österreichischer Unlogik, da macht man es den Berlusconis aller Länder viel zu leicht, die Wähler zu überzeugen.




*020609*

Montag, 1. Juni 2009

Berlusconi II: Die Linke schlägt zurück


Aufgerüttelt vom Hohn Berlusconi's, die Rechte hätte die schöneren Frauen, hat die Linke nun zurückgeschlagen, den Trend zu schönen Frauen in der Politik ebenfalls aufgegriffen:

Nach monatelangem Suchen gelang es, Debora Seracchiani zu finden - und zu überzeugen, die "täglich sieben Stunden mit dem Bus nach Rom" auf sich zu nehmen. Die 38jährige aus Udine, die aussieht wie zwanzig, hat schon in ihrer ersten Parlamentsrede vor wenigen Tagen das Parlament, aber man höre: die eigene Fraktion, die Linke, aufgemischt. Mit ihrer frechen Art (die Rede ist im Internet auf YouTube abrufbar und wurde bereits zehntausende Male angesehen) hat sie vor allem die Schwächen der eigenen Partei aufgezeigt: Die Partei fahre keinen klaren Kurs, verliere sich andauernd im Gezänk, verweigere sich dem Generationenwechsel, enttäusche die Wähler. Der Partito Democratico müsse endlich jene Meinung vertreten, die in der Basis vorherrsche. Es gehe nicht an, dass Parteigrößen sich in der Öffentlichkeit befehdeten, wetterte Seracchiani. (Zitate aus dem Standard)

Hätte Berlusconi nicht zuerst aber schon den Finger auf die offene Wunde gelegt, wer weiß ... So hat die Linke wieder etwas Hoffnung, bei den anstehenden Kommunalwahlen nicht völlig unter die Räder zu kommen.

Nur am Outfit sollte sie noch etwas arbeiten. Sie sieht ja aus, als wäre sie gerade aus dem Bus gestiegen. Aber: das kommt noch.



*010609*

Sonntag, 31. Mai 2009

Berlusconi I: Vom Humor in der Politik


Man kann sagen was man will - an Köstlichkeit ist Silvio Berlusconi, der schon zweimalige italienische Ministerpräsident, nicht mehr zu überbieten. Und er macht einem Italien, das Land der "Mama", "Spaghetti" und "Ragazzi", noch sympathischer als es einem ohnehin bereits war. Weil er ein richtiger Gewinn für die nationale wie internationale Politik ist. Bücher mit Anekdoten werden einmal Kassenschlager sein, mit Beweisen seiner realistischen, volksnahen Einstellung, seiner großartigen "Italianitá", und vor allem: seinem unüberbietbaren Sinn für Humor. Fellini hätte seiner Heimat keine größere Liebeserklärung machen können. Hier einige Beispiele.

Seine Reaktion auf die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA zeigte schon, daß auch die sogenannte Hohe Politik nicht mehr ist als ein Job: "Er ist jung, gut aussehend und sogar braungebrannt." Auf eine Frage über Unterschiede zwischen ihm und Obama antwortete er wahrheitsgetreu: "Ich bin blasser, auch weil ich seit langem nicht in der Sonne gewesen bin. Obama ist schöner, jünger und größer."

Obama soll nicht so tun, er hat auch schon genug Böcke geschossen.

[Barrack Obama zu seinem Pressesprecher, beiseite: "Who is that funny guy? ... A what? ... Bouerlassoni??? ... Never heard ... oh, I see ... oh, Europe, I see ... Riesenrad, Wiener Schnitzel and so, I see ...]

Auf die Erdbeben des heurigen Frühjahrs in Italien reagierte er viel subtiler - denn was brauchen solche Menschen zuallererst? Richtig: Ablenkung von ihren Sorgen, am besten mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. Viktor Frankl hätte das nicht besser gekonnt, mit seiner Paradoxen Intention: Er ermunterte die obdachlos gewordenen Menschen L'Aquilas, die Zeltlager zu verlassen, aus der Not eine Tugend zu machen, und in die Hotels an der Adria-Küste zu ziehen. Zeit hätten sie ja! Und wer weiß schon, wann sie sich den nächsten Urlaub leisten können. Haben ja grad alles verloren! "Fahren Sie ans Meer über Ostern!" Leider ist nicht bekannt, wieviele der Betroffenen die Einladung zum Urlaub angenommen haben. Viele hatten wohl noch zu tun. Und blieben in den Zeltstädten vor Ort untergebracht. Berlusconi aber konnte nicht aufhören, die Idee, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, zu proklamieren - wenn er schon mal da war, wollte er auch was zur Entspannung der Leute beitragen. "Natürlich ist ihre Unterbringung absolut provisorisch, aber man muss es eben nehmen wie ein Campingwochenende"!

Aber Berlusconi hat einfach keine Zeit zu verlieren. Immer auf Achse, immer am Kurbeln ... Das Familienfoto der Staats- und Regierungschefs auf einer Rheinbrücke aus Anlaß eines NATO-Gipfels fand deshalb leider ohne ihn statt. Weil er sich nicht von seinem Handy lösen konnte. Berlusconi war schon beim Ankommen direkt aus seiner Limousine ausgestiegen, und war telephonierend zum Rhein geschlendert. Die Gastgeberin, Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zur Begrüßung auf ihn zugegangen war, hatte er unabsichtlich links liegen gelassen. Bitte, es wird dennoch nicht das letzte NATO-Treffen gewesen sein. Ist man so vielbeschäftigt wie ein Ministerpräsident, dann muß man eben die Prioritäten richtig setzen!

Aber Berlusconi hat ja schon bei anderen Anlässen gezeigt, daß er von Selbstmanagement etwas versteht. Arbeitslosen riet er einmal völlig richtig, nicht deprimiert zu sein und sich doch zu beschäftigen! Jawohl, kann man da nur sagen, wenn man arbeitslos ist und auch noch deprimiert herumhängt, dann wird man apathisch, desinteressiert, vernachlässigt sich ... wer kennte das nicht!? "Wer arbeitslos ist, soll etwas tun, ich würde nicht tatenlos herumstehen." Wer würde nicht den hohen pädagogischen Wert der Aussage Berlusconis erfassen?

Das Gespräch übrigens, bei welchem er diese Ratschläge gab, fand im von der Schließung bedrohten Fiat-Werk in Pomigliano D'Arco bei Neapel statt - mit dessen (Noch-)Arbeitern. Schlicht konsequent, die politische Linie, kann man da nur sagen: Am richtigen Ort das richtige Wort! Zwei Tage zuvor erst hatte Berlusconi ja seinen Landsleuten schon einmal eindringlich nahegelegt, "mehr zu arbeiten", um einen Ausweg aus der Krise zu finden. Was gibt's nun daran auszusetzen?!

Mit Berlusconi ist eben einfach immer etwas los. Was mit Sicherheit dafür sorgt, daß der eine oder andere seiner Amtskollegen der europäischen Staaten heimlich nur wegen "der Hetz" zu all diesen Konferenzen kommt. Während seine Frau zu Hause glaubt, er arbeite schwer - das ... beim Familienfoto der EU-Außenminister 2002 bildete Berlusconi mit Zeige- und kleinem Finger hinter dem Rücken des spanischen Ratsvorsitzenden Josep Pique ein Paar Hörner, "cornuto", das Symbol für einen gehörnten Ehemann. (In Italien eine schwere Beleidigung.) Naja, wer weiß, warum Berlusconi zu diesem Treffen zu spät kam.

Und SO gesittet geht's auf so hoher Ebene auch nicht immer zu, wie wir alle ja wissen; man möge nur an sich selber denken! War da nicht was mit einer spanischen Kommissarin und einem französischen ... ? (Oder hat man schon ermittelt, wer der Vater ist? Um falschen Gerüchten vorzubeugen: Nein; das war VOR Berlusconi's Zeit.)

Warum nur wollen ihm alle immer am Zeug flicken!? Auf einen groben Klotz ein grober Keil? Berlusconi ist doch in Wahrheit zartfühlend und sensibel! Nach dem Wahlerfolg des Bürgermeisters Giovanni Benussi zum Beispiel. Sicher, er hielt bei einer Kundgebung der Forza Italia den "Stinkefinger" in die Kamera. Aber: Sofort meldete sich sein Gewissen. "Jetzt wird man behaupten, dass ich vulgär bin." Es fehlt einfach überall an Humor. Und Mitgefühl.

Die Deutschen hinwiederum mögen solche Lockerheit, ja sie fahren nach wie vor in Massen nach Italien, um Urlaub zu machen, des Lebensgefühls wegen, wie Umfragen belegen. Mit Italienern ist einfach immer Feierstimmung - Pizza und Spaghetti und Chianti und Spumante, ach, man kommt ins Schwärmen. Berlusconi verkörpert diese südländische Lebenshaltung, die immer etwas von Kindsein hat, perfekt. Zum Auftakt einer Zusammenkunft mit Angela Merkel ging zum Beispiel der italienische Ministerpräsident hinter einer Säule in Deckung und rief: "Kuckuck!" Die deutsche Kanzlerin drehte sich daraufhin um, rief "Silvio!" und umarmte ihn. Man sieht sie, die glücklichen Kinder in den glücklichen Filmen, die - in Zeitlupe - in die geöffneten Arme ihrer vor Glück weinend lachenden Mütter fliegen und "Mama!" rufen. Herrlich. Glückliche Politiker. Wann gab's das zuletzt?

Berlusconi kann aber eben einfach mit den Deutschen. Beweis? Dem deutschen SPD-Abgeordneten Martin Schulz bot Silvio Berlusconi in seiner Antrittsrede zum italienischen EU-Vorsitz 2003 glatt eine Filmrolle an: "In Italien wird gerade ein Film über Konzentrationslager gedreht. Ich lade Sie ein, die Rolle des Kapo zu spielen." Der Italiener hat einfach einen Blick für Menschen, und was in ihnen steckt.

[Tja, das Berufsgeheimnis der Schauspieler: Beziehungen muß man haben, dann kriegt man auch die Rollen!]

Berlusconi kennt die Branche, kennt ihre ewigen, ehernen Gesetze. Wobei: Er hat es ja nicht leicht. Im Gespräch mit Opernsängern in Rom meinte er vor laufender Kamera: Sicher, auch er sei Schauspieler (wir wissen das, Silvio!), aber im Vergleich hätten es Opernsänger leicht: sie spielten jeden Tag dieselbe Rolle. Er aber müsse jeden Tag eine andere spielen!

Das stimmt - für einen Schauspieler kaum zu bewältigen! Und: wann lernt er den Text? Die Folgen können nicht ausbleiben.

2005 verärgerte Goldmund Berlusconi nämlich jemanden - durch einen Versprecher!? Die finnische Regierung betraf's. Als er nach langen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen der Presse (welche Indiskretion! der Presse! da kann er's gleich in die Straßen rufen!) offenbarte, er habe bei der Präsidentin Tarja Halonen sogar seine "Playboy- Künste" aufbieten müssen, um sie im Kampf um die EU-Lebensmittelbehörde zum Einlenken zu bewegen. "Man muss eben alle Waffen einsetzen, die man zur Verfügung hat", meinte er. Für sein Land tut dieser Mann eben alles. Nicht zufällig verglich er sich schon mit Jesus.

Ob Halonen errötete, oder sich verlegen ihre unordentliche Bluse in den Rockbund stopfte, ist leider nicht überliefert. Darüber schwieg sie nämlich, die Presse. Unfair!

Naja, die war mit anderem beschäftigt, denn: Da attackierte Berlusconi die kulinarische Tradition der Finnen! Das war zuviel. "Ein Land, das sehr stolz auf seine baltischen Fische und auf marinierte Rentiere ist. [Solch ein Land soll also die Lebensmittelbehörde stellen?] Die Finnen wissen doch nicht einmal, was 'Prosciutto' ist." Da hat er natürlich recht, aber sagt man das so brutal offen?

Die Reposte kam wie's Amen im Gebet: "Prosciutto ist Schinken", titelte die größte finnische Zeitung am nächsten Tag. Um im Untertitel nachzuschieben: "1,2 Millionen Finnen wissen das jetzt. Reicht das, Berlusconi?"

Berlusconi irrte also. Kann passieren. Bei fünfundzwanzig oder fünfunddreißig EU-Mitgliedern, Pisa-geprüft, wer soll da den Überblick behalten, wer was weiß!?

Reif fürs Goldene Buch, getragen von Mitgefühl und Menschlichkeit, waren freilich auch seine Äußerungen zu einem Massenausbruch aus einem Flüchtlingslager auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Die Insassen seien doch nur auf die Straße gegangen, wie sie es immer machten, rechtfertigte Berlusconi die Gewaltexzesse. Natürlich, bitte, im Süden spielt sich doch das halbe Leben auf der Straße ab, das wissen wir schon, aber so?! "Das ist kein Konzentrationslager." Es stehe den illegalen Einwanderern in dem Lager frei, jederzeit "ein Bier trinken zu gehen". Zumindest das, wenn sie sich schon nicht im Lande aufhalten dürfen. Für Menschen in Not hat Berlusconi - wie so oft schon bewiesen - immer ein Wort der Aufmunterung.

Der Favorit all seiner Sager ist aber zweifellos ein von ihm gesetzter, wohl nie mehr zu überbietender Höhepunkt wahlkampftechnischer Perfidie: 2008 machte er die Linke im Laufe des Wahlkampfs mit dem Satz nieder: "Unsere Frauen sind einfach schöner als Eure"! Das Insiderargument überzeugte - es war sowas von wahr!

Berlusconi gewann die Wahl - auch wenn seine Frau bis heute nicht begriff, was er eigentlich gemeint hatte. Sie fühlte sich irrtümlich angesprochen, und läßt sich jetzt scheiden. Dabei: Er hat nie gesagt, er KÖNNE alle schönen Frauen haben! Er hat gesagt: Die Forza Italia HABE die schöneren Frauen! Oder lag's am schöneREN? Da kenne sich einer aus, mit den heißblütigen Südländerinnen ... Außerdem: Er hat erst jetzt wieder gesagt, daß er sofort zurücktreten WÜRDE, HÄTTE er etwas mit einer Minderjährigen. Darum war es ja doppelt gemein, ihn auf der Feier zum 18. Geburtstag der Neapolitanerin abzulichten. Bitte, sie IST nun volljährig! Und schöner ist sie auch als seine Frau. Er hat nicht gelogen.

Und es ist gewollt mißverstanden, wenn man seine Aussage, sein Beruf sei sehr hart - jeden Tag müsse er in einem anderen Bett schlafen ... anders auslegt als sie gemeint war.

Die Linken in Italien haben sich von diesem gezielten, knallharten Schlag jedenfalls bis heute nicht erholt. Unbestätigten Gerüchten zufolge war das einzige, was seither bei ihnen gestiegen ist, die Scheidungsrate.

[Rosa M., (Ex-)Frau eines kommunistischen (Ex-)Abgeordneten, im Interview: "Wir haben es satt, immer mit Verlierern und Loosern identifiziert zu werden. Immer dieses Mutter Theresa-Image! Wir sind moderne Frauen, wir gehören auch zu den Gewinnern! In welchem Jahrhundert leben diese Sozis?" Hinweis der Redaktion: Aus prinzipiellen Gründen werden Heiratsofferte nicht weitergeleitet!]

Berlusconi hat eben das Zeug, ALLEN die Augen zu öffnen. Nur eine seiner zahlreichen Gaben, die ihm ethische Verpflichtung sind, sich für sein Land völlig aufzuopfern. "Nur Napoleon hat mehr getan als ich, aber ich bin auf jeden Fall größer als er."

Wo Berlusconi recht hat, da hat er recht. Wie wünschte man sich doch mehr von dieser erfrischenden Aufrichtigkeit, auf dem Boden einer beeindruckend nüchternen Sachlichkeit, in der Politik.

P. S. Sämtliche Beispiele sind aus der Sammlung des KURIER angeregt.




*310509*

Freitag, 29. Mai 2009

Sophistik und Mission

Das Grundproblem sämtlicher Erneuerungsbewegungen zeigt sich in ihrem Gründungsmythos, in welchem sich die Haltung Wort sucht, daß während rundherum die Kirche und Glaube sich auflöst und zerstört ist, die wahre Kirche und der wahre Glaube in ihnen fortlebt. Hier treffen sie sich scheinbar mit dem missionarischen Auftrag der Kirche, doch handelt es sich nur um Äquivokation, um theologistische Sophistik. Vergleicht man die Erneuerungsbewegungen mit den christlichen Häresien und Ketzerbewegungen der Kirchengeschichte, so sind die Parallelen, aber auch die Stringenz ihrer Herkunftsbelege, verblüffend.

Schon gar, weil man streng genommen nicht einmal von "protestantischem Ursprung" sprechen kann, sondern nachgerade umgekehrt: von der Herkunft des Protestantismus aus ihnen, sprechen muß. (So daß gerade die heftige Gegenwehr Luthers, Calvins ff. gegen diese Schwärmerbewegungen, als Indiz verstanden werden kann.)




*290509*

Donnerstag, 28. Mai 2009

"Von Ostgeheimdiensten gesteuerte Jugendrevolte!"


Es ist längst bekannt, in welchem Ausmaß die kommunistischen Geheimdienste, allen voran: der Geheimdienst der DDR, die 68er-Unruhen unterstützt haben. Noch weniger bekannt ist, in welchem Ausmaß sie diese "Unzufriedenheit" durch Unterwanderung sogar gesteuert haben. Man konnte es schon bisher für legitim halten, phantasievoll zu spekulieren, vieles ist längst belegt - die Realitäten scheinen aber weiter gegangen zu sein.

So wurde nunmehr aufgedeckt, daß der deutsche Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 in Westberlin während einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammed Reza Pahlewi den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, nach Recherchen des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) Spitzel der DDR-Staatssicherheit gewesen sein soll. Das belegten neu entdeckte Dokumente der sogenannten Birthler-Behörde. Kurras habe ab 1955 für die Stasi gearbeitet; außerdem sei er ab 1962 Mitglied der SED gewesen. Ein definitiver "Tötungsauftrag" wurde aber nicht entdeckt.

Die Erschießung - sofort in der "Szene" als "Ermordung" durch den kleinfamiliär-repressiven Polizeistaat "erkannt" - des Studenten Benno Ohnesorg während einer Demonstration gilt als ein Schlüsselereignis der 68er-Bewegung. "Der unterdrückerische Springer-Kapitalismus schlägt zurück!"




*280509*

Landnahme per Scheckbuch - ein neuer Trend

Fährt man durch den Oderbruch, sieht man zwar große agrarwirtschaftlich genutzte Flächen. Aber die Bevölkerung singt ein Klagelied über den völligen Niedergang der Landwirtschaft, vor allem des Produktenhandels und der Weiterverarbeitung. Mit den neuen Bedingungen seit 1989, der "Wende", herrschten auch die Bedingungen der EU, weshalb die Produktion landwirtschaftlicher Güter auf diesen Flächen nicht mehr notwendig war - es herrscht in der EU Überproduktion. Also wurde stillgelegt.

Doch ausländische - man hört: vor allem niederländische - Pächter umgehen elegant die nationalen Brache-Vorschriften. Und sie freuen sich auch über die vorgefundenen Bedingungen: die ehemalige Kolchosenwirtschaft brachte große zusammenhängende Flächen, die auch bestens für den Maschineneinsatz geeignet sind. So pflügen und säen und ernten niederländische Bauern im Land des Friedericus Rex, während die ansässige Landbevölkerung arbeitslos ist und die Orte durch Abwanderung veröden.

Aber das Problem ist keineswegs aus den besonderen Bedingungen der "Wende" entstanden. Seit zwei Jahren gibt es weltweit einen definitiven Trend: Länder und Konzerne kaufen oder pachten riesige Landflächen, natürlich vor allem in armen Ländern, um dort Produkte (vor allem Reis und Mais) für Nahrung oder Biosprit anzubauen. Dabei geht es nicht nur um ein gutes Geschäft, denn die Produktpreise sind weltweit nach wie vor hoch, sondern immer mehr auch um existentiell notwendige Lösungen für den Nahrungsmittelbedarf.

Zielländer sind vor allem Afrika und Asien, die Investorenländer stammen natürlich aus den Kreisen der Industrieländer. China, aber auch die arabischen und islamischen Länder sind hier besonders zu nennen.

Solche der Kolonisation nicht unähnliche Landnahmen gehen freilich nicht immer ohne Widerstand ab. So hat sich die Bevölkerung von Mosambik erfolgreich dagegen gewehrt, daß China achthundert Millionen Euro in Land investiert hätte, um Reis anzubauen. Man prognostiziert für China, daß es in wenigen Jahren den Eigenbedarf an Lebensmitteln nicht mehr selber decken kann. In Kambodscha ist China schon jahrelang weit willkommener, dort fehlt wie in allen Entwicklungsländern das Geld für die Entwicklung der Infrastruktur. Dort gibt es auch wenig Widerstand gegen die Chuzpe, die China in Mosambik so große Schwierigkeiten gemacht hatte: man wollte auch zehntausend Bauernfamilien ansiedeln, die den Reisanbau bewerkstelligt hätten. Damit aber wären keine Arbeitsplätze in Mosambik entstanden.

Ähnliche Gründe hatte der Widerstand in Madagaskar, wo der südkoreanische Daewoo-Konzern eine Fläche, die so groß ist wie halb Belgien, 1,3 Millionen Hektar, kaufen und mit Ölfrüchten (Mais, Palmöl) zur Biosprit-Gewinnung bebauen wollte.

Längst ist solche "Landnahme per Scheckbuch" (andere nennen es "land grabbing" oder "Neokolonialismus") in großem Maßstab im Gange. Besonders die Nahrungsmittelkrise von 2007 und 2008 hat, begünstigt durch die Weltwirtschaftskrise 2009, die den Finanzbedarf für arme Länder noch weiter erhöht hat, hat diesen Trend initiiert. So wurde unlängst bekannt, daß Mercedes riesige Landflächen in Südafrika gekauft hat. Und der Kongo witterte offenbar ein Geschäft - und bot Südafrika weitere zehn Millionen Hektar Land zur wirtschaftlichen Nutzung an.

Denn die Folgen werden von Fachleuten nicht nur negativ gesehen. Vor allem Investitionen in die Infrastruktur werden so initiiert und tatsächlich durchgeführt, die anders nicht finanzierbar gewesen wären, oder wo Korruption die Entwicklungsförderungsgelder in dunkle Kanäle geleitet hätte. Denn es ist eine Tatsache, daß viele der sogenannten "Entwicklungsländer" von Korruption geprägt sind. Was zur Aussage führender Experten der UNO geführt hat, daß der Hunger in den meisten Ländern ein "hausgemachtes Problem" sei! Der Grund: Während die Regierungen die Produktion von Lebensmitteln im eigenen Land mit hohen Steuern belegen (Exportsteuern, Produktionssteuern), und der eigenen darbenden Landbevölkerung Produktenpreise bezahlen, die kaum die Hälfte der Weltmarktpreise für die Güter betragen, stecken korrupte Eliten die Differenz zu den Erlösen am Weltmarkt - denn natürlich werden die Produkte dort veräußert - in ihre Taschen.

Weltweit geht man von einer Milliarde Menschen aus, die unter der Hungergrenze leben müssen.




*280509*

Mittwoch, 27. Mai 2009

Pervertiertes römisches Recht

Das römische Recht kannte die sogenannte "freie Ehe": In ihr konnte die Frau die Ehe jederzeit beenden. Aber dafür verzichtete sie auf die Versorgung als Witwe, und verlor jedes Recht den Kindern gegenüber.

Dies macht die Ungeheuerlichkeit der heutigen Rechtslage in Österreich so richtig deutlich, die nämlich das Gegenteil vorsieht, während die Pflichten des Mannes weitgehend unverändert dem des römischen Rechts entsprechen: Die Frau kann die Ehe jederzeit beenden, behält aber defacto alle Rechte auf die Kinder, sowie alle Versorgungsrechte.

Weber sieht übrigens sehr richtig als wesentlichen Faktor der ehelichen Güterregelung die Sicherung außenstehender (Ehe-) Gläubiger. Es ist deshalb nur logisch, daß die Kreditwürdigkeit des Mannes (ein Maßstab seiner Unternehmenskraft) hierzulande längst deutlich unter der der Frau rangiert.

In dem Moment, wo das wirtschaftliche Recht - bei der Frau in der Mitgift, auf die sie je und je mehr Zugriff hatte, beim Mann vorwiegend in vor allem von Dritten, Außenstehenden auferlegten werkzeuglichen und militärischen Bedingungen, wie zum Beispiel Waffenrecht - in die Hausgemeinschaft eindringt, sieht Weber den definitiven Beginn der Zersetzung der Hausgemeinschaft: Ab hier löst sich der Kommunismus auf, wird "gerechnet".




*270509*

Nur eheliche Kinder

Weiter in Max Weber's Anatomie der menschlichen Gesellschaft, die er in der von ihm quasi grundgelegten Soziologie in "Wirtschaft und Gesellschaft" akribisch vom Kleinsten ins Allgemeinste betreibt:

Aus der Verflechtung der Hausgemeinschaften in den Nachbarschaftshilfen ist die Bedeutung der Übernahme von Rechten und Pflichten durch die Nachkommenschaft verständlich, und die Gewähr durch jeden Einzelnen, sich im Sinne eines "do ut des" an dieses Geben und Nehmen untereinander zu halten. Ein Einbruch fremder Sippenansprüche hätte hier gravierende Unordnungen und Desolidarisierung stiften können.

Dadurch ist auch die Unterscheidung in illegitime/legitime, eheliche Nachkommen eine Einrichtung, die der Frau - der natürlich die Kinder zugerechnet wurden - Rechtssicherheit gab. Die Annahme als Kind durch den Vater war ja weitgehend ein willkürlicher Akt des Haushaltsvorstands (und die patriarchale Rechtsordnung ist historisch existentielle Voraussetzung jedes Volkes mit größerer Reichsgründungskraft, sohin größerer Kulturkraft) Eine Einrichtung, die sich in den nordischen Ländern noch bis ins Mittelalter erhielt. (Namensgebung, auch in slawischen Völkern!)

Die Gefahr des Bruchs dieser Solidarverpflichtung innerhalb der Gemeinde brachte die (verstehbare) Gefährdung der sozialen Stellung des ganzen Hauses mit sich!




*270509*

Nahe, aber keine Nachbarn

Der die Familie prinzipiell in ihrem Außenverhältnis tangierende weitere Kreis ist jener der Nachbarschaft. Ihre Berührung findet in der Nachbarschafts-Hilfe, in der ökonomischen Nothilfe statt, und reicht prinzipiell auch nicht weiter oder länger. Die Gemeinschaft solcher Nachbarschaften sind das, was mit Gemeinde verstanden werden kann, welche wiederum nur in ihrem Außenverhältnissen zu anderen Gemeinden (aus Nachbarschaften) besteht wie verstehbar ist. Die Größe der Familie selbst ist wiederum eindeutig ökonomisch bedingt.

Wobei es natürlich zu immer komplexeren Verflechtungen und kulturell-institutionalisierten Ausdifferenzierungen von Familie - Sippe - politischer Verband - Nachbarschaft/Gemeinde kommen kann und kommt. Sie setzen alle aber in der Nachbarschafts-Nothilfe an. Mit einem interessanten Hinweis: Weber sieht die Sippe (blutsverwandte Familien in unterschiedlichsten Formen) als klarste Gegenkraft gegen die politischen Verbände. Ja, die Rechtsgewähr des Einzelnen gründet in diesem Rückhalt.

Umso problematischer sieht Max Weber die heutigen sozialen Verhältnisse ("Mietskasernen"), die durch ihre ökonomischen Bedingungen, die große und nicht wirklich weiter bestimmbare Nähe bewirken, oft eine Abgrenzung der Hausgemeinschaften/Familien voneinander bewirken, anstatt solche Nachbarschaft zu entwickeln.




*270509*

Sauber von der Ehe gesprochen

"Von einer Ehe kann man im Sinne einer bloßen Kombination einer sexuellen mit einer Aufzuchtsgemeinschaft von Vater, Mutter, Kindern begrifflich überhaupt nicht reden. Denn der Begriff der EHE selbst ist nur durch Bezugnahme auf noch andere als jene Gemeinschaften zu definieren. Ehe entsteht als gesellschaftliche Institution überhaupt erst durch den Gegensatz zu anderen, NICHT als Ehe angesehenen geschlechtlichen Beziehungen."

So einfach formuliert Max Weber den Umstand, daß Bestand wie Auflösung der Ehe nicht simpel auf individuellem Wollen oder gar moralisch-ethischem Gutsein beruht, sondern daß ihre Natur wesenhaft mit der sie berührenden Gesellschaft zusammenhängt. Hört die Gesellschaft auf, die Integrität der Ehe zu achten, nimmt sie die Ehe durch Scheidungsgesetze nicht mehr ernst, oder nivelliert sie sie durch "Ausweitung" des Begriffs aus ihrem Wesen nach andere Lebensformen, löst eine Gesellschaft in ihrer Konkretion - Staat - die Ehe schlichtweg auf.

Die Ehe aber ist entscheidendes - ja Weber ist drastisch: Einziges - Kriterium der Zugehörigkeit zu einer Wirtschaftsgemeinschaft, weil nur so der Konsens des Einzelwillens mit dem umfassenden (religiösen, wirtschaftlichen, politischen) Gemeinschafts- und Solidaritätswillen hergestellt ist, die Nachkommen als Teil jeweiliger Genossenschaft angenommen sind. (Anm.: Max Weber, dessen unfaßliche Vorurteilslosigkeit und strenge Wissenschaftlichkeit berühmt ist, und beim Lesen enorm beeindruckt, sieht also zumindest auszuräumendes, einen Konsens nämlich posthoc forderndes Konfliktpotential zwischen Gemeinschaft und Individuum auch dort, wo Nachkommenschaft in Unehelichkeit entsteht.)

Auch wenn die relevanten Passagen in Weber's "Wirtschaft und Gesellschaft" nur wenige Seiten umfassen, und in der für Weber so typischen Art trocken und extrem sachlich, aber ungemein präzise und umfassend durchdacht unbedingt lesenswert sind, würde es zu weit führen, sie hierher zu übertragen. Auch wenn klar ist, daß Weber die Soziologie nicht als normierend, sondern nur deskriptiv sieht. Umso beeindruckender und relevanter aber seine Beschreibungen.

In der Ehe und Familie selbst prägen sich für die Nachkommen die jede weitere gesellschaftliche Organisationsform tragenden, ja konstituierenden Wertebezüge und Verhaltensweisen. Sie trägt nicht nur die urwüchsigste Form des gemeinschaftlichen wie gemeinschaftsbezogenen Handelns des Einzelnen, sondern ist die Grundlage der Pietät und Autorität, somit zahlreicher weiterer Gemeinschaften außerhalb ihrer: Der Autorität des Stärkeren, Erfahreneren, der Wehrhaften und Arbeitsfähigen gegenüber den Unfähigen, der Erwachsenen gegen die Kinder, der Alten gegenüber den Jungen. Der Pietät der Autoritätsunterworfenen gegen die Autoritätsträger wie untereinander; sie geht als Ahnenpietät sohin in die religiösen Beziehungen ein, wie insgesamt auf die gesellschaftlich-kulturellen Bezüge. Damit ist sie ihr maßgebliches Identitäts- und Stabilitätselement.

Einige von Weber's Gedanken zum Thema "Hausgemeinschaft": Die Entwicklung ihrer Integrität bietet für Weber den für den Einzelnen maßgeblichen kulturellen Fortschritt des Schutzes vor der Gemeinschaft. Deshalb ist sie auch vor allem ab der Seßhaftigkeitsstufe der Völker markant feststellbar. Gleichzeitig bestimmte Formen von Solidarität, die insbesonders durch den (von Weber so genannten) Hauskommunismus" auf der Grundlage des Begreifens von Hausgemeinschaft als Wirtschaftsgemeinschaft. Ihre Verfaßtheit ist maßgeblich (und defacto unersetzbar, zumindest in dieser Zuverlässigkeit, Gerechtigkeit und Stabilität, denn sie weist nicht die durch Komplexität und Bedingtheiten gegebene Anfälligkeit aller übrigen Wirtschaftsgemeinschaften) für die Versorgung ihrer Mitglieder mit den Gütern des Alltags.

"Der hauskommunistische Grundsatz, daß nicht "abgerechnet" wird, sondern daß der Einzelne nach seinen Kräften beiträgt und nach seinen Bedürfnissen genießt (soweit der Gütervorrat reiche), lebt noch heute als wesentlichste Eigentümlichkeit der Hausgemeinschaft unserer "Familie" fort, freilich meist nur als ein auf den Haushaltskonsum beschränkter Rest." Weber sieht ganz klar den vor allem wirtschaftlich-sozialen Vorteil, den der Einzelne zieht, umgibt ihn ein solches Umfeld aus näherer und weiterer Familie.




*270509*

Montag, 25. Mai 2009

Vom Sinn eines Wunders

Ronald A. Knox berichtet: Die Charismatikerin Jemima Wilkinson, sie lebte in den "amerikanischen Kolonien der englischen Krone", behauptete, sie sei 1776 gestorben, und kurz darauf in einem neuen Leib auferstanden, der eine Inkarnation Jesu Christi sei. Sie trat in einer Art Männerkleidung auf und behauptete, Wunder wirken zu können. Sie gründete mit ihren Anhängern eine kleine Siedlung, die freilich wenig Erfolg hatte.

Einmal rief sie ihre Jünger zusammen um ihnen zu zeigen, daß sie auf dem Wasser wandeln könne. Noch ehe sie es aber versuchte, fragte sie ihre Anhänger, ob sie fest daran glaubten, daß sie es könne.

Diese bejahten enthusiastisch.

Daraufhin meinte Jemima Wilkinson, damit sei der Sinn des Wunders ja erfüllt: die Stärkung des Glaubens. Somit brauche sie es nicht mehr wirklich zu tun, einen "Beweis" jetzt noch zu fordern wäre Vermessenheit.




*250509*

Sonntag, 24. Mai 2009

Vor der Hinrichtung

Johann Gottfried Seume erzählt Beispiele des Sittenverfalls in den italienischen Ländern um die Wende 18./19. Jahrhunderts: Der König von Neapel war als großer Frauenliebhaber bekannt. Eine "interessante, attraktive" Adelige war wegen Hochverrats und Aufwiegelei (gegen ihn) zum Tode verurteilt worden. Freunde bewirkten, daß sie kurz vor der geplanten Hinrichtung ihre Sache dem König selbst noch einmal vortragen konnte.

Dabei blieb es aber offenbar nicht. Tagelang lebte der König nahezu öffentlich mit der Delinquentin "nach der Liebhaber Weise." Schließlich wurde der König von den Hofbeamten doch erreicht, und gefragt, was nun geschehen solle.

Da ließ der König die Frau abführen und "ordnungsgemäß" exekutieren.




*240509*

Samstag, 23. Mai 2009

Buchdruck auf Verlangen

Eine neue Ära des Buches bereitet sich still und heimlich vor, hört man allenthalben: "Book on demand".

Man wird in wenigen Jahren in die (noch verbliebenen) Buchhandlungen (oder in Vertriebsstellen wie Copyshops usw.) gehen, ein Thema am Bildschirm suchen, sofern man einen Buchtitel nicht schon gewählt hat, am Bildschirm (Google ist da längst dran) anlesen, und dann - je nach Geldbörse - ganz oder teilweise "kaufen":

Der Verkäufer läßt am Druckgerät das Buch in gewünschter Art ausdrucken, und gleich abbinden. Vielleicht kann man noch die Ausstattung wählen, billiger, teurer, edler, einfacher ...

Man zahlt.




*230509* 

68er-Schwärmerbewegung

"Alles Schwärmertum ist eine Erkrankung nicht des entkräfteten, sondern des überernährten Organismus und empfängt seine Prägung vom Wesen eben jenes Protestes, den er anmelden möchte."

Was Knox da über die mittelalterlichen Schwärmerbewegungen sagt, möge noch um eine weitere Aussage erweitert werden:

"Der Enthusiasmus pflegt seine treuesten Anhänger weder in den reichsten noch in den ärmsten Schichten zu finden; es ist der kleine Mittelstand, von Natur ein Nährboden puritanischer Tendenzen, der ihn am wärmsten willkommen heißt."

Um dann diese Fakten auch in den 68ern erfüllt zu finden. Eine Bewegung aus gelangweilter, situierter, und/oder verbeamteter Mittelschicht heraus.

Um auch die Erneuerungsbewegungen diesen (weiteren) Kriterien nach erfaßbar zu sehen.




*230509*

Freitag, 22. Mai 2009

Nee, auch die Kirche lernt nicht

Zwar entspricht sie - fast neumodisch und aktuell - mit ihrer Vorgehensweise bei Fehlern Kriterien der ISO 9000f, also hochmodernen Qualitätssicherheitssystemen. Aber nur auf dem Papier. Wer liest denn heute noch den Denzinger? "Na wie man es halt im Studium liest," hat mir einmal ein (junger) Priester geantwortet. So mal drüber, damit man irgendwie auch gehört habe, was drinstehe, meinte er.

Das kann auch gar nicht anders sein, denn sonst würde sich nicht auch in der Kirche - trotz dieses an sich perfekten Qualitätssicherheitssystems - ständig alles wiederholen. Wer sich zum Beispiel die Geschichte Kirche: Montanismus ansieht, gewinnt den Eindruck. Doch vielleicht hätte es funktioniert, vielleicht ... denn eine definitive Verurteilung des Montanismus findet sich im Denzinger gar nicht! Diese "Schwärmerbewegungen" sind nicht einfach Häresien, zumindest nicht immer so einfach als solche zu identifizieren. Sie haben eben immer einen sehr subjektiv-persönlichen Zug. Übrigens fast immer auch sind sie stark in Frauen verankert beziehungsweise von solchen getragen, finanziert, verbreitet. Ja Knox meint sogar, daß die Geschichte der Schwärmerbewegungen sich streckenweise signifikant mit der Geschichte des Feminismus deckt.

Und tatsächlich: Der als Häresie implizit (von mehreren maßgeblichen katholischen Schriftstellern) verurteilte Prophetismus - der direkte Draht zu Gott - ist kaum je tot gewesen, was auf seine Wurzeln in grundsätzlichen menschlichen, charakterlichen Haltungen hinweist. Mit den in jeder Generation wieder aufstehenden Subjektivisten und Auserwählten, Eiferern, ist er immer wieder, mal mehr, mal weniger, aktuell. Und das hat mit seinem schwer zu fassenden Wesen zu tun, die eine Abgrenzung im Einzelfall so problematisch, ja fast unmöglich machen. Auch, weil ein Urteil über einen Menschen so unmöglich ist, sich Verteidiger dieser Richtungen aber sehr oft auf solche Haltungen beziehen. Nicht zuletzt - sie sind ja deren Vollzieher, damit heiliger als die Ankläger.

Dazu kommen und kamen die oft rasch wandelnden, oft von Person zu Person, von Ort zu Ort variierenden Inhalte oder Teilaussagen der Lehren. Der Hl. Bernhard hat es (angesichts der Vielfalt solcher Bewegungen, die im Mittelalter aufbrach) einmal so bezeichnet: Die Gesichter sind verschieden, aber an ihren Schwänzen hängen sie zusammen.

Das Überleben des Montanismus - in dem sich diese Haltungen erstmals so deutlich ausprägten - profitierte genau davon, und so hat er immer wieder neue Gesichter angenommen.

Die Charismatischen Bewegungen (wobei: wie deutlich hier, denn sie sind sämtlich Ableger aus dem Protestantismus, der ja fast perennierter Montanismusboden ist), und alle ihre Ableger, sind solche Gestalt: Fast lupenreiner Montanismus. Aber liest man Ronald A. Knox' hervorragende historiologische Untersuchung "Christliches Schwärmertum", gewinnt man den Eindruck: die kirchliche Gesamtbewegung seit dem 2. Vaticanum ist es generell! Insbesonders bei jenen, die vom "Geist des Konzils" sprechen, bei den Reformern also, usw. usw. Vergleicht man so viele Phänomene: die Parallelen sind verblüffend.

Sogar bis zum Umstand, daß die verkündete Moral nicht auf die Propheten selbst anzuwenden sei (man denke an die Vorfälle um den Gründer der "Legionäre Christi"), deckt sich so vieles.

Und es geht bis zum Verkennen der Mystik, die nicht aus Prinzip der Ekstase und dem Prophetismus zuzurechnen sich die Kirche (und die Heiligen) eingeschworen hat.

Einsam und allein versuchen historisch lediglich die päpstlichen lehramtlichen Grundsatzdokumente Platzhalter für den "echten", historischen, traditionellen Katholizismus zu spielen.

Und: auch hier in den letzten Jahrzehnten oft recht mangelhaft, zu spät, zu wenig deutlich. Beim letzten Papst Johannes Paul II. ließ es sich so gut beobachten. Ein Papst, der ständig seine eigenen Dokumente nachflicken mußte, sofern er selbst nicht kaum etwas anders tat als vergangene Aussagen (schwächer weil viel verquaster und verschwafelter, wie um sie vermeint spiritueller, dabei aber okkulter zu machen) zu wiederholen - er hat keine einzige originelle Aussage getroffen, die nicht längst in teils sogar expliziten kirchlichen Dokumenten festgelegt war?! Nur wiederholt.

Eingedämmt aber ist (und damit: wurde) gar nichts, der Wildwuchs ging munter weiter, auch was den Montanismus in der Kirche anbelangte. Ja, im Gegenteil: Die Stimmen sind zumindest lauter, die die Charismatik wie einen Teil des Katholizismus behandeln. Kirchenpolitik?

Auch im 2./3. Jahrhundert übrigens gab ja maßgebliche kirchliche Stimmen, die - mit denselben Argumenten! - eine Integration des Montanismus, der "formell keine Häresie sei", für möglich hielten, ja forcierten. Ja, in Tertullian trat sogar ein sogenannter "Kirchenvater" zum Montanismus über! Schließlich aber setzte sich die ablehnende Haltung durch. Daran sollte man vielleicht manche erinnern, die meinen, man müßte die alten Fragen neu aufrollen. Sie sind meist längst beantwortet.

Es ist aber eben so: Die Frage von "richtig oder falsch", aber auch von "gut oder böse", ist in vielem eine Frage des rechten Maßes, des "zuviel oder zuwenig". Und mit einem Mal wird aus einem vermeintlich nur graduellen Unterschied - ein prinzipieller: weil das fehlende Maß die Fehler der Prinzipien aufdeckt.

Der Grundfehler aber - die Berauschung an sich selbst als übergeschwappter Erkenntnisvorgang, wo man sich selbst als Quelle der Wahrheit, ja diese identitär eins mit sich, erlebt - ist zutiefst menschlich-allgemein.




*220509*