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Samstag, 6. November 2010

Stille Sprachmacht

Auch für Paul Valéry ist die Sprache kein "Kommunikationspfeil", den Zweckabsicht abschießt, sondern wesentlich Darstellung, Selbstdarstellung. Es braucht den Willen des Gegenüber, das Dargestellte in der Relevanz für sich selbst wahrzunehmen. Umgekehrt ist es vergebliche Liebesmüh, sein Sprechen mit besonderem Nachdruck auf Gehör zu gestalten. Diese fehlgeleitete (vermeintliche) Darstellungs-, Präsenzverstärkung führt zu nichts, weil die direkte Brücke zum anderen, auf dieser Ebene, nicht vorhanden ist. Der andere erkennt nur, wenn er das Teil des anderen - das gesprochene Wort als Teil eines selbst verstanden - in sich einläßt. Wieweit er dann versteht, ist eine Frage dessen, was er damit macht. Läßt er sich (im Gehorsam, in der Liebe) bewegen davon, vermag er es, nachleidend, weitgehend oder ganz (in dem, was es für ihn ist) zu verstehen. Erst damit nimmt der andere Teil an jenem Geist, der hinter dem Ausgesprochenen liegt.

Von hier aus läßt sich bequem weiterdenken, verquickt man diese Feststellung, diese Beobachtung, mit Worten von Meister Eckhart, oder Henri Bremond, oder so vielen anderen, nicht zuletzt Valentin Tomberg: Denn wenn die Darstellungsmacht eines Menschen wesentlich - und nie über seine Natur, seine ihm zugedachte Stellung hinaus! - von seiner Anbindung an den tiefsten Daseinsgrund, das Sein, von seinem Durchlässigwerden für die göttliche Liebe (als Ursache der Welt) abhängt, dann ergibt sich auch die größere Macht - für den Gekreuzigten.

Wenn sie auch mit der Macht vergleichbar ist, die scheinbar nicht vorhanden, weil unsichtbar, in den Dingen selbst nur, mit ihnen vereint, zum Ruf animiert, wie ihn Jesus am Kreuz hörte: "Wenn Du Macht hast, so steig doch herab, und kämpfe für Deine Sache!" Aber sie berührt auch jene Worte, wo es in der Schrift heißt: "... und Du sagtest zu diesem Berg da, hebe dich hinweg, so würde er sich hinwegheben ..."

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Von hier (s.o.) aber ist auch der Schritt klein, der begreifen läßt, daß es der Geist selbst ist, der sich im Geist erfaßt, der den Menschen guten Willens erfaßt. Denn der Geist muß dem Verstehen bereits vorangehen - ich muß im Geist bereits sein, um an diesem Geist teilhaben zu wollen. (Übrigens: das entscheidende Argument für die Kindertaufe.) Es ist der Geist selbst, der das Verlangen nach dem Geist, und sein Verstehen als Präsentsein, weckt.  (Siehe u. a. die Stelle, sinngemäß: "Wer da sagt, Jesus ist der Herr, tut es aus dem Heiligen Geist ...", u. a. Petrus in seiner Antwort "Für wen aber haltet Ihr mich?", die sich gleichfalls nur daraus verstehen läßt.)

 
*061110*

Was getan werden kann, und soll

Spaemann bringt mit einer Präzision und Klarheit auf den Punkt, worum hier schon mehrmals gerungen wurde - die Geschichte liegt in einer Spannung zwischen ihrem Trend zur Entropie, der auf bloßem Materiesein beruht, und dem Geist, der Form, der den Verfall - mit dem Ende der Welt, deren Auflösung im Chaos, als Endpunkt - aufhält, ihm entgegenwirkt.

Menschliches, sinnvolles, ethisches Handeln ist sohin ein Handeln, das diesem Zerfall entgegenwirkt, ihn aufhält. Und es ist nicht erschöpfbar in einem "ein für alle mal", sondern unentwegt gefordertes Gegenhalten. "Die Geschichte ist nicht durch ein das Gute hervorbringendes Gesamttelos bestimmt," schreibt deshalb Spaemann, und er schreibt es damit gegen Hegel, Marx, Kant, denen das menschliche Handeln in jedem Fall nur Teil eines Gesamten ist, das ohnehin immer zum Besten führt.

Aber es geht im Leben eben um diese 70, 80 Jahr, um diese kurze Spanne, damit es gelingt. Fortschritt hat - wie beim Klavierspielen - auch dann einen Sinn, wenn kein Endzustand erreichbar ist, sondern eine Steigerung in der Vervollkommnung erzielt werden soll. Der Zweck ist bereits realisiert, wenn der Weg überhaupt begonnen wurde, angestrebt wird. Anders als beim Hausbau, wo ein Ziel vordefiniert ist: Fertigstellung. Wo alles darunter, alles etappenhafte, noch sinnlos ist.

Denn das Ziel, das Ganze - das existiert schon! Es geht immer darum, es mehr oder weniger zu realisieren. Der Sinn dieses Weges ist bereits dann realisiert, ist bereits dann Gestalt, wenn es überhaupt vorwärts geht, unabhängig von den Fortschritten. Der Mensch existiert bereits, seine Gestalt nimmt mit der Vervollkommnung nicht "zu", sondern wird im Streben vollkommen. Es ist bedeutungslos, Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert wie Horrowitz spielen zu können - dennoch kann und soll man es anstreben, auch wenn man es nie erreicht, wird dennoch Klavierspielen lernen, um sich und anderen Freude zu bereiten.

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Darauf eben basiert der "Fortschrittsglaube", der im 18. Jhd. seine heutige Form annahm, und in dem der Mensch im Grunde alles nur falsch machen konnte, nichts richtig. Menschliches Handlen, in der Geschichte, wurde gar zum "immer Falschen" verleumdet. 

Nein, sagt Spaemann mit Aristoteles und Plato, tut es eben nicht. Es verlangt das dezidierte Mühen um das Beste. Und so gibt es in der Geschichte auch Phasen des Guten, der Höherentwicklung, auch wenn der Mensch weiß, auch wenn es wahrscheinlicher ist, daß das Ende nicht vermeidbar sein wird.

Um ein gesamtes Leben eines Menschen unter "Fortschrittsaspekten" in der Endgestalt beurteilen zu können, fehlen uns zudem alle Maßstäbe. Schon gar, weil jedes Leben unwiederholbare, individuelle Gestalt annehmen will und muß. Ziel kann also nicht eine bestimmte Endgestalt sein, sondern eine gewisse "Erfähigung" - Tugend.

Bei menschlichen Zielen - und besonders sei hier die Pädagogik, die Schule allen voran! erwähnt - kann es also nicht darum gehen, daß Teilziele, in sich abgrenzbare Ziele (Erlernen der "Kleinen Nachtmusik"; Sprachbeherrschung; Mathematik etc. etc.), das Gesamtziel gefährden. Der Mensch kann nicht Mittel zum Zweck werden, er ist selbst Zweck: es SELBST ist es, das fortschreitet, sich entwickelt. Um überhaupt also einen solchen Fortschritt feststellen zu können, braucht es - ein definiertes Menschenbild, ein Interpretat. Das keine Wissenschaft herstellen kann. Hinter jedem Fortschritt also versteckt sich ein Ziel, eine Vorstellung - um die geht es, diese ist zu hinterfragen.

Wissenschaftlich kann nur die Wahl der Mittel sein - nicht das Ziel. Schon gar trifft dies auf die Utopie zu, die ja noch nie war: deren Mittel zum Zweck wissenschaftlich also überhaupt nicht verifiziert werden können. Was den vielleicht entscheidenden politischen und gesellschaftspolitischen Ansatz des Handelns der Gegenwart als völlig irrational darstellt, als Aberglaube, weil seine Teilziele im Rahmen eines Ganzen gar nicht definiert sind. Was heißt "Emanzipation" - wovon? wann ist sie erreicht? Was heißt Aufklärung?

"Politische Reife heißt Zurückweisung jedes Zieles, das nicht operativ definiert ist."

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Der Mensch selbst ist für einen grenzenlosen Fortschritt nicht mehr das Maß der Vervollkommnung, wenn er als Evolutionsprodukt Durchgangsprodukt ist und damit ebenfalls endlos und beliebig veränderbar (Genetik!) dargestellt wird. Wobei unverändert gilt: damit sogar erst recht gilt: die Kriterien für diese Veränderung (im Sinne des Fortschritts) sind nicht vorhanden, was also gut, was schlecht ist.

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Verzögern des Endes ist die Grundstruktur aller humanen Politik. Nicht der ewige, sondern der lange Friede ist ihr Ziel. Der Ewige Friede bedarf keiner Politik, keiner Anstrengung zu seiner Erhaltung. Er erhält sich von selbst. Politik heißt: wachsames In-Schach-Halten der Tendenzen, die den Ausbruch der uralten Verwirrung begünstigen. (Spaemann)

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Weitergedacht

Man führt das den Sinnen sich darbietende Ding (Seiende) im Geiste zu seiner Bestimmung - zum Ziel, das als Drängen des Dings, als Gut wie in seiner Ermangelung. Sieht so als Betrachter, mit weiterem Wahrnehmungskreis, besser als der Involvierte, was "wirklich" ist, führt weiter, was werden wird, oder werden könnte. Und welche Rolle dabei die eigenen Wünsche spielen! Man stelle sich die Szene mit einem eher nicht attraktiven Mädchen vor.

Zeugnis menschlichen Mutes

Look around, he said. A city is the frozen shape of human courage - the courage of those men who thought for the first time of every bolt, rivet and power genrator that went to make it. The courage to say, not "it seems to me", but "It is" - and to stake one's life on one's judgement.

Ayn Rand, in "Atlas shrugged"
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It is - and to stake one's life on one's jedgement. Vielleicht kann man das Wesen von Persönlichkeit in diesen Satz komprimieren, er enthält das wohl Entscheidende: den Schritt in die Insecuritas - auf den Punkt zu, wo sich Welt und Gott berühren.

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Freitag, 5. November 2010

Wissen, was man braucht

Bild: Kleine Zeitung
Noch eine bemerkenswerte Meldung aus der Kleinen Zeitung von heute: Ein kanadisches Ehepaar, er ein 75jähriger Schweißer, sie 78, seit 36 Jahren verheiratet, hat einen Lottogewinn von 8 Millionen Euro gemacht - und verschenkt.

 "Es gibt nichts, was wir brauchen," meinte der Mann zur den Medien. "Was hätte ich kaufen sollen?" Also haben sie nur eine kleine Notreserve behalten, und ansonsten ihre Verwandten mit einem kleinen, Hilfsorganisationen mit dem überwiegenden Teil des Geldes bedacht. "Man kann Glück mit Geld nicht kaufen," war ihre Äußerung dazu. Sie hätten sich beim Verschenken allerdings großartig gefühlt. Beantwortet das auch die Frage, warum sie überhaupt mitgespielt haben?

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Also wenn das nicht ...

Die Kleine Zeitung berichtet über einen kuriosen Fall: Ein Häftling, der wegen Körperverletzung im Gefängnis Wels einsaß, brach von dort aus. Zwei Monate später läuft er an einem Würstelstand in Edt bei Lambach, Bezirk Wels, einem Justizwachebeamten über den Weg, der ihn erkennt.

Er war übrigens in Begleitung jener Frau, die er wohl "körperverletzt", und die ihn deswegen ins Gefängnis gebracht hatte.

Nette Geschichte, die da vor einem aufsteht.

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Wenn Welten zerbrechen

Plötzlich schießen die "-ismen" aus dem Boden -1914-1924 - Kunst, die sich fortan regelrecht in Lehren hinein auflöste.




Gefunden bei mudwerks via Glaserei

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Russischer Jazz

Hier Musyka" vom russischen Komponisten Alex Mashukow. Teil eines Weltgefühls, der doch von einer eigenen russischen Note durchweht ist.

An die Wirklichkeit genagelt

"Der Mensch ist frei, das heißt vor allem: Er ist frei von sich selbst. Sein Selbst ist nicht ein Gefängnis, sondern es ist als personales Selbst immer schon offen für das Andere seiner selbst als das Andere. Sein Handeln hat nicht Ursachen, sondern Gründe. 

Sich durch Gründe bestimmen können, heißt Freiheit. Und Freiheit ist gleichbedeutend mir Wahrheitsfähigkeit.

Man könnte sagen: Der Mensch hat die Alternative des Gefängnisses oder des Kreuzes. Aus der Gefangenschaft in sich selbst, der curvatio in se ipsum, wie es in der augustinischen Tradition heißt, führt nur die Annagelung an das Kreuz der Wirklichkeit."

Robert Spaemann, in "Freiheit und Wahrheit"

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Mittelmeer

Hochgefühl über dem Mittelmeer. Plakat aus 1947.

 Gefunden auf  x-ray delta one 

Ausdruck, nicht Schöpfer

Von einer schon jahrelang bekannten Beobachtung erzählt Genesis.net in seiner letzten der immer wieder lesenswerten (und zu empfehlenden) Nachrichten: Gene sind nicht, wie mechanistischer Geist sich gerne vorstellt, Bausteine, die aus sich organische Entwicklungen und Bausteine generieren und anregen, sondern es muß weit darüber hinaus gehende Einwirkungen geben, die man aber nicht kennt. Denn es ist eindeutig, daß dieselben Gene auf verschiedenste Weisen gebraucht werden, keinesfalls also so, daß ein Genbaustein quasi diese oder jene Eigenschaft oder Gestalt initiiert. Darüberhinaus finden sich auch unähnliche Gene, die dennoch denselben Zweck verfolgen dürften.

Eine der überraschenden Entdeckungen der letzten Jahre ist die vielfache Verwendung derselben Gene in verschiedenen Zusammenhängen. Evolutionstheoretisch wird postuliert, dass Gene häufig neu und sogar mehrfach „zweckentfremdet“ wurden; man spricht von „Kooption“ oder „Rekrutierung“. Immer häufiger zeigt sich darüber hinaus, dass ähnliche oder auch unähnliche Gene mehrfach unabhängig (konvergent) für denselben Zweck kooptiert wurden.

Wer sich im Detail interessiert, möge den Artikel direkt nachlesen. Im wesentlichen zeichnet sich eine sehr alte Erkenntnis der Biologie ab, die auch an dieser Stelle in vorgestellten Forschungen (Woltereck, etc.) aus den 1930er Jahren bereits dargelegt wurden: Es muß mit hoher Gewißheit Determinanten geben, die über die rein mechanistisch vorliegenden Abläufe hinausgehen, bzw. diesen vorausliegen (!), und die in "Feldern", in "determinierenden Seinsheiten" liegen dürften. Keineswegs aber sind Gene quasi Baupläne, denen Organismen wie auf Schienen folgen, vielmehr sind sie formgebenden Baustoffen vergleichbar, die ihre Ausformung aber wieder übergeordneten Sinnseinheiten verdanken. Gene sind somit Ausdruck eines Formwillens, nicht Selbst-Schöpfer.

Welche Faktoren das (im naturwissenschaftlich-begrenzten Sinn) freilich sind, wie die aussehen, bleibt im Dunklen - diese Forschungen wurden seit den 1940er Jahren wieder weitgehend aufgegeben, weil, soweit kann man das sagen, die Naturwissenschaft damals an Grenzen gekommen ist (ähnlich übrigens der Philosophie), wo sie ohne Metaphysik nicht mehr weiter weiß, sie offen die übergeordnete Wissenschaft bräuchte. (Womit wir bei Gödel wären - und auch der hat sich, dieselbe Zeit, dieselbe Baustelle, nicht durchgesetzt, sondern seine Kontrahenden: Wittgenstein, Russel, Popper ... der Positivismus.)

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Donnerstag, 4. November 2010

Der rational Entwürdigte

Das Entsetzliche an der Meldung des NDR ist nicht eigentlich, was vorfiel. Und zwar hat da die Hamburger Sparkasse in ihren Unterlagen Kundenprofile auf der einen Seite entsprechende marketing- und Verkaufsmaßnahmen auf der anderen Seite gegenübergestellt. Ein paar Auszüge:

So heißt es beispielsweise, für den "Genießertyp" sei eine "weiche Wortwahl wichtig, um Phantasie und Genuss ins Spiel zu bringen". Beim "Bewahrertyp" dagegen sollten Bankberater - so wörtlich - "Ängste aufbauen", um bestimmte Versicherungsprodukte besser verkaufen zu können. Die Haspa-Berater werden sogar aufgefordert, private Bekanntschaften auszubeuten: "Befreundete Finanzberater haben leichtes Spiel!" Dem "Performer" soll der Haspa-Berater zum Beispiel folgendes Argument nahelegen: "Die Basis des Fonds sind die besten Unternehmen der Welt. Das bieten wir nur unseren Top-Kunden an."

Was an solchem Vorgehen anstößig sein soll, ist mir nicht übrigens nicht klar. Denn gute Verkäufer waren immer gute Menschenkenner, und die Grenze zu ziehen zwischen "Entsprechung" und "Manipulation" war immer ein Problem, das angesichts des Drucks, verkaufen zu sollen, oder (wegen der Provisionsabängigkeit der Saläre) zu müssen, den Beruf "Verkäufer" zu einem mit höchsten Fluktuationsraten gemacht oder: verdorben hat. Damit ist nämlich der Verkauf oft genug, ja oft ausschließlich, zu einem Wettkampf geworden, der einem Spießrutenlauf gleicht: wo erwischt der Verkäufer den Kunden doch noch mit einer Bananenschale.

Das Anstößige fand ich in einem anderen Satz, der nämlich begründen soll, warum solche Zielgerichtetheit anstößig sei: "Man versucht, indem man sich ins Gehirn hineinschleimt, Vertrauen zu finden und den Verbraucher zu beeinflussen in einer Weise, die nicht in seinem Interesse ist."

Gibt es also Beeinflussung, die im Interesse des Käufers ist? wir sprechen hier nicht von Kindern, wir sprechen hier von Erwachsenen, denen man nicht zu Unrecht "Geschäftsfähigkeit" zuspricht, die man dazu fähig wähnt, vernünftig zu entscheiden, weil ihr Horizont an Sachkenntnissen ausreichend ist. Von Tugendhaftigkeit, die ja eine Haltung wäre, die immer zum Guten greifen ließe, spricht man ja ohnehin nicht. Und das Laster ist nun einmal ein Anteil Unfreiheit, keinesfalls Genußsucht, wie man schönfärberisch oft meint.


Es geht um die Würde des Anderen. Nicht darum, ihn zu definieren, wo er wie und wann doch noch für sich, und wo er gegen sich entscheidet. Die Würde kann man nicht in zeitbedingten Gegebenheiten festmachen. Sie muß absolut sein.

Das kann sie aber nur sein, wenn sie in einer Verpflichtung einer Sphäre gegenüber veranktert wird, die nicht dem Menschen zugängig ist, die absolut bleibt, die niemals angetastet werden darf - der andere kann fehlen, er kann sündigen, er kann sich irren, er kann schwach werden. Aber niemals darf ich ihn bevormunden! Ich kann seiner Wahl Grenzen ziehen, ja, wo er andere über ein bestimmtes Maß beeinträchtigen könnte.

Was im übrigen die Schwäche eines Rechtssystems zeigt, die keine zwischenmenschlichen Abstufungen der Ächtung, der Bestrafung, der Korrektur über sozialen Druck, nachbarliche Zurechtweisung, etc. etc. (die deutschen Rechtsquellen sind voll von solchen minderen, aber oft sehr wirksamen Selbstreinigungsmechanismen) kennt. Ein "kleinerer" Betrug, wie er andauernd vorkommt, im übrigen, muß ja nicht beim Richter enden. Eine Ohrfeige, oder eine öffentliche Schande, am Pranger, sollte da reichen. Und dann sind auch alle gewarnt, und der Täter muß sich sein Vertrauen wieder mühsam erarbeiten.

Nein, heute geht das alles nicht mehr. Heute gibt es nur noch hopp oder tropp. Während genau diese vielen kleinen Korrekurmöglichkeiten, die der Fehleranfälligkeit des Menschen entsprechen, denn in jeder Richtung fehlt jeder des Tages 7 mal 70 mal, eine nach der anderen ausgerottet werden. Man den Menschen damit genau diese Möglichkeiten nimmt, ohne große Folgen, aber doch wirksam, soziale Probleme zu beheben.

Also brauchen wir zweierlei Gesetze - solche, die Verstöße ahnden, was immer hinterherhinkt und viel unwirksamer ist, weil viel unter den Tisch fällt, was aber nur aus technischen Gründen nciht verfolgt werden kann, und solche, die die Selbstregelungen unterbinden. Wenn man will ist auch das "Antidiskrinminerungsgesetz" genau so ein Gesetz, sind es die Wegweisegesetze, all die vielen vielen Regelungen und Gesetze, die in Organismen eingreifen, denen man ihr Leben nimmt, die man aufbricht, um bestimmte definierte Bausteine daraus zu verdammen, oder diktatorisch zu definieren.

Somit nimmt das Gesetz und das Rechtsempfinden mehr und mehr den Charakte einer Totalentmündigung an. Der Staat ist es, der in allem wissen muß und wissen soll, was gut und was schlecht für einen ist. Und um das zu erreichen, oder zu verhindern, ist alles erlaubt. Das gibt den Rahmen vor.

Damit wird der eigentliche Verstoß aber übersehen. Der Verstoß gegen die menschliche Würde, die auch der größte Narr, der Verbrecher ebenso wie der Naive, genießen können muß. Ja, der Würde opfert man zunmehmend alles. Was schiefgehen könnte wird ebenso "verhindert", wie definiert, wie die Menschen sich im Einzelnen verhalten sollen. Und weil das eigentlich nie wirklich definierbar ist, weil das Leben unendlich in seiner Vielfalt ist, erstickt das Gesetz an der Fülle von Regelungen, die an die Stelle des sozialen Lebens treten, das als Normierung und Persönlichkeitsbildungsinstanz aufhört, zu existieren.

Etwas nicht für gut heißen heißt noch lange nicht, dafür ein Gesetz zu wollen oder aufrichten zu müssen! Der Ruf nach dem Staat aber ist längst in aller Munde, und auf der Jagd nach Stimmprozenten hecheln die Politikerl hinterher, als - wie Burger es unlängst nannte - skurrilste NGO des Landes.

Ja, es ist nicht gut, wenn man bei der Hamburger Sparkasse damit rechnen muß, daß der Verkäufer geschickt auf einen "eingeht", und man von Emotionen überrant werden soll, die die Entscheidung der Vernunft aus der Hand schlagen. Gut. Aber was dann? Gar nichts! Gar nichts! Das war's.

"Der rationale Kunde ist tot," schreibt die Sparkasse in ihren Verkaufsunterlagen. Recht hat sie, so ist es. Was soll sie nun machen? Den Kunden erst vernunftfähig machen, und dann zum Verkaufsgespräch zu bitten?

Bald habe ich mich selbst zensuriert

Der (ost-)deutsche Photograph Gerhard Kiesling spricht auf Spiegel online (Zeitgeschichten) sehr offen über seine künstlerische Tätigkeit zu Zeiten der DDR. "Ich habe mich ein bißchen selbst zensuriert," sagt er in seiner sympathischen Art. Was er aber berichtet sei hier als Metapher zu lesen. Denn auch wir akzeptieren diese Gehirnwäsche, diese ideologische Manipulation, bis in künstlerische Tätigkeiten hinein sogar! An der DDR freilich hängt das Etikett entfernter Betrachtung: "Diktatur."
Kiesling wußte, was er getan hatte. Als die Wende kam, war seine größte Angst, daß alles, was er bisher gemacht hatte, nun nichts mehr wert sein könnte.

Lob als Bumerang 

Wer heute mit Kiesling redet, spürt schnell eine innere Zerrissenheit - als ob es mehrere Gerhard Kieslings gäbe: Da ist der begeisterte Fotograf, für den die "Fotografie bis heute das Schönste im Leben ist", der stolz ist auf seine Bilder und all die Berühmtheiten, die er fotografieren durfte: Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Thomas Mann. Und da ist der andere Gerhard Kiesling, der Angst hat, dass "jetzt alles nichts ist, was ich gemacht habe" und sein fotografisches Werk "zum Opfer der Wende" wird. Der sich dafür rechtfertigen muss, dass er angeblich das DDR-System verherrlichte, wo er doch nur das tat, was er immer am liebsten gemacht hat: fotografieren. Und damit wollte er "nur die Menschen so darstellen, wie sie waren".
 

Der Staat, in dem er arbeitete, zeichnete ihn aus, überhäufte ihn mit Medaillen und Preisen. Auf manche ist er heute noch stolz, zum Beispiel auf den "Kunstpreis der DDR", den er 1987 erhielt. Er habe "wunderbare Aufnahmen vom Sozialismus" gemacht, lobten ihn die Mächtigen des Arbeiter- und Bauernstaats - und als die DDR unterging, wurde das Lob zum moralischen Bumerang.
 

Einweihung Gedenkstätte Sachsenhausen
Wenn Kiesling heute über seine Arbeit aus DDR-Zeiten spricht, wird der tagtägliche Drahtseilakt zwischen künstlerischen Freiheit und Auftragsfotografie schnell sichtbar. "Wenn ich irgendwo fotografieren wollte, habe ich es eigentlich immer geschafft", sagte er dann, er habe "nur wenige Dinge" nicht fotografieren dürfen. Aber gleichzeitig räumt er ein, dass er immer nur das fotografiert habe, von dem er glaubte, dass es veröffentlicht werden würde. Es gab also Motive, die einfach nicht fotografiert wurden. "Vor der Aufnahme habe ich mich ein bisschen selbst zensiert", erinnert er sich.

"Wo sind denn die Werktätigen?"

Und Tabus gab es reichlich in der DDR: Die Mauer zu fotografieren, etwa. Bei einem Missgeschick eines Funktionärs auf den Auslöser zu drücken. Oder hinter den glänzenden Fassaden eines Staatsempfangs nach Motiven zu suchen, die nicht zur Inszenierung gepasst hätten. Die Angst vor der Bloßstellung beherrschte die Köpfe der SED-Funktionäre. So durfte Kiesling nicht über die erste Lebertransplantation in der DDR berichten. "Die haben wohl gedacht, wenn das schief geht, blamiert sich der ganze Staat."

Auf der anderen Seite gab es Motive, die in der Redaktion der "NBI" besonders gern gesehen und von den Zensoren durchgewunken wurden: Arbeiter, Kohleträger, alte Menschen, hübsche Frauen. Alles, was, wie Kiesling sagt, "den Touch des Schönen und Funktionierenden" hatte.

Doch das musste auch der junge Fotograf erst noch lernen. Gleich bei seiner ersten großen Fotoreportage, die er 1950 im Ostseekurort Sellin machte, lernte er seine wichtigste Lektion über das Fotografieren in der DDR. Er porträtierte Ort und Kurgäste, lichtete ein Ärzte-Ehepaar in Badesachen ab, "das war ein sehr schönes Bild". Doch Chefredakteurin Lilly Becher, Frau des Kulturministers Johannes R. Becher, war wenig angetan von den Aufnahmen: "Herr Kiesling, das ist eine Drei minus. Wo sind denn die Werktätigen?" 
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Deutungskarussell

Ohne gültige, erwiesene Interpretation a priori kann der Betrachter gut beobachten, wie die Phantasie im Eiltempo Sinnhorizont um Sinnhorizont anbietet, kann beobachten, welche Rolle spielt, welche Interpretation er gerne hätte, womit er sich identifiziert, was er gerne erlebt hätte, kann erfahren, wie er die Welt zumindest lieber hätte. So wird das Gesehene, der Film, das Theaterstück, das Bild, zum Auslöser innerer Bewegtheiten und schafft damit sehr reale Erkenntnis und Erfahrung.



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Der Schiffsschaukelbremser


Eine Aufnahme des ungarischen Fotografen Brassaï (1899-1984)

Gefunden auf Glaserei



*041110*

Die Wahl



Gefunden bei thisisnthappiness


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Erkenntnisentsprechung

"Sooft durch die unmittelbare oder mittelbare Ursächlichkeit der Sinnenwirklichkeit eine sinnliche Erkenntnisform (species sensibilis impressa) im Menschen aufbricht, die als solche diesen Menschen sinnlich erkennend macht: sooft bricht aus den letzten Tiefen und Verursachungen der geistigen Seele, des substanzialen, formalen Seinsprinzips im Menschen, auch die geistig-begriffliche Erkenntnisform (species intellectiva impressa) zum aktuellen Sein empor. 

Warum? Einfach deshalb, weil durch die einbrechende sinnliche Erkenntnisform die EINE Aktualität des konkreten Menschen bis in die Wurzeln oder Seinsprinzipien konkret verändert wird: ganz und gar gemäß dem erfolgten Einbruch in die Seinsprinzipien und in das ganze Sein."

"Gut ist etwas, sofern es Streben nach sich selber, sei es im Geiste oder in den Sinnen, weckt."

Daniel Feuling, in "Hauptfragen der Metaphysik"

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Mittwoch, 3. November 2010

Nur in Freiheit gibt es Wahrheit

"Es gibt heute eine gewisse Einsicht in die Tatsache, daß ein extremer relativistischer Individualismus eine soziale Katastrophe bedeutet und daß keine Zivilisation ohne einen gewissen Wertekonsens bestehen kann. Aber wo Erziehung im Sinne dieses Konsenses tätig ist ohne den Glauben an die Wahrheit dessen, was sie vermittelt, da handelt es sich nur um eine Konditionierung zugunsten eines Autoritatismus, der sich heute in der Regel als political correctness präsentiert. Er zielt auf Anpassung, nicht auf Wahrheit. Einsicht in Wahrheit aber gibt es nur in Freiheit. 

Verhalten kann und muß gelegentlich erzwungen werden. Wahrheitseinsicht und Glauben können nicht erzwungen werden. Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme. Wer die Behauptung historischer Unwahrheiten wie die Leugnung des Kreuzestodes Jesu oder die Ermordung der europäischen Juden unter Strafe stellt, der schwächt die Autorität der Wahrheit. Die Wahrheit ist - im Unterschied zum Irrtum - niemandes Eigentum. Ihre Geltung ist unbedingt, aber sie kann sich nur geltend machen im Medium der Freiheit."

Robert Spaemann, in "Wahrheit und Freiheit"

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Viele Eindrücke

Man erlebt viel bei diesem Film, vor allem als Mann - Gefühle und Stimmungen, erinnerte Sinneseindrücke und Seelenbewegungen ... testen Sie es.

Schulausflug in den Zoo

Gefunden bei 9gag

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Denkstile, nicht Wahrheit

Zwischen (wissenschaftlichen, Anm.) Auffassungen und ihren Beweisen besteht in der Wissensgeschichte kein formal-logisches Verhältnis: die Beweise richten sich ebenso oft nach den Auffassungen, wie umgekehrt die Auffassungen nach den Beweisen. Die Auffassungen sind eben keine logischen Systeme - so sehr sie es jederzeit sein wollen - sondern stilgemäße Einheiten, die sich nur als solche entwickeln und vekrümmern oder in andere mit ihren Beweisen übergehen. 

Ist ein ausgebautes, geschlossenes Meinungssystem, das aus vielen Einzelheiten und Beziehungen besteht, einmal geformt, so beharrt es beständig gegenüber allem Widersprechenden.

Nicht um bloße Vorsicht handelt es sich, sondern um eine aktive Vorgehensweise, die in einige Grade zerfällt:

  1. Ein Widerspruch gegen das System erscheint undenkbar
  2. Was in das System nicht hineinpaßt, bleibt ungesehen, oder
  3. es wird verschwiegen, auch wenn es bekannt ist, oder
  4. es wird mittels großer Kraftanstrengung dem Systeme nicht widersprechend erklärt.
  5. Man sieht, beschreibt und bildet sogar Sachverhalte ab, die den herrschenden Anschauungen entsprechen, d, h. die sozusagen ihre Realisierung sind - trotz aller Rechte widersprechender Anschauungen.

Jede Epoche hat herrschende Auffassungen, Überreste vergangener Anlagen zukünftiger, analog allen sozialen Gebilden.


Ludwik Fleck, in "Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv"

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Was Fleck tut ist natürlich nicht ein Entwerten aller Wahrheit dadurch, indem der Wahrheitsfindungsprozeß zum Argument für die Ent-Absolutierung von Wahrheit macht. Er sieht aber völlig richtig, daß Wahrheit und Erkenntnis ein tief sozialer Prozeß sind, und daß Wahrheit und Persönlichkeit untrennbar zusammengehören. Er wendet sich gegen den Rationalismus des Wiener Kreises, dem Wahrheit nur ein logizistisches Spiel von "absoluten Werten" sein sollte. Eine solche Wahrheit aber gibt es nicht. Dennoch entwertet das nicht die Wahrheit an sich. Wir wissen, ja, wissen, weil streng logisch (seit spätestens Gödel) gezeigt, daß jedes formale System sich selbst nicht beweisen, sich nicht verifizieren kann. Dazu braucht es ein Drittes, ein Außenstehendes. Fleck schließt an alle diese Erkenntnisse an. Und im Grunde zeigt er nur, warum sich Wahrheiten oft so schwer durchsetzen, und wie es zugeht, daß sich gaze Epochen - ausgehend von ihrer "Stimmung" - in scheinbar "wissenschaftlich erwiesenen Meinungen" sehr weitgehend irren können. Er zeigt, wie sich Wahngebilde festsetzen können, die aber enorm fest im Sattel eines Zeitgeistes sitzen können, der auf den Einzelnen rückwirkt.

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Dienstag, 2. November 2010

Aus uralten Zeiten

Zwar wolle er, schreibt Ludwik Fleck einmal, nicht behaupten, daß JEDE wissenschaftliche Erkenntnis der Neuzeit auf Urideen zurückgehe, aber es sei auffallend, daß enorm VIELE der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Jahrhunderte und Jahrtausende hin konsequente Verfolgungen solcher Urideen waren! Die nach heutigen Wissenschaftskriterien nicht durch "Beweise" oder "Fakten" belegt hätten werden können - und doch: stimmen!

Fleck führt als eines der illustrativsten Beispiele die Idee des "Atoms" an, ebenso wie die Kugelgestalt der Erde. Oder der Gedanke von Krankheitserregern im Blut, der schon bei den Römern lebendig war, der sich sogar auf die Säftelehre zurückführen läßt, lange ehe noch ein Mikroskop erfunden war - ja, diese wurde in gewisser Weise "auf diese Idee hin" entwickelt.

Was sogar nahelegt, die Sprache selbst, die Worte, als Entsprechungen auf Erlebtes und Wahrgenommenes zu sehen: übertragen in ein Element, das jedem verfügbar rasch formbar war. Dann wäre Gedankliche Wiedergabe kein logischer Prozeß, sondern eine Übertragung in die Darstellung. Damit wäre Erkennen um Ursprünglichen nicht als gedanklicher Prozeß definierbar, sondern ... auf Intuition, auf Bilddarstellung, Sprache auf Darstellung in "'Erlebensäquivalenten" rückgeführt.

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Allerseelen

 
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Staat und Sinn

 "Es ist eine irrige Vorstellung, verbindlicher Sinn ließe sich diskursiv erzeugen. Man muß schon Sinnvorstellungen mitbringen, um ein einen solchen Diskurs überhaupt eintreten zu können." 

Die moralischen Voraussetzungen, die zur Teilnahme an einem solchen öffentlichen Diskurs befähigen und zur Unterordnung unter seine Resultate motivieren, sind nicht selbst Resultate diskursiver Willensbildung.

"Die einen demokratischen Staat tragenden moralischen Überzeugungen sind Ausschnitte aus komplexen Überzeugungszusammenhängen, deren Zentrum gar nicht politisch-rechtlicher Natur ist. Solche Überzeugungskomplexe kann der Staat nicht verordnen. Er kann sie allenfalls durch einen totalitäre Staatsideologie zu ersetzen suchen."

Zu unserer freiheitlichen Kultur gehört indessen die Trennung von Staat und Religion. Das heißt aber nicht, daß diese Trennung in der Gleichgültigkeit gegenüber  den partikularen, nicht durch ihn selbst gesetzten und nicht durch wissenschaftliche Tests gelaufenen Überzeugungen bestehen muß.

"Vielmehr ist es Gesetz einer freien Gesellschaft, daß die, die vor der Stadt waren und nicht Resultat einer politischen Konsensbildung sind, in der Stadt einen geheiligten und garantierten Platz einnehmen."

Robert Spaemann, in "Überzeugungen ..."

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Ehre Deine Ahnen

Es geht im vierten Gebot nicht einfach um das leibliche Wohl der leiblichen Eltern. Es geht, schreibt Tomberg, um das Gegenwärtigsetzen des Ewigen, das jeweils neu geboren werden muß, und das in der Vergangenheit liegt. Als unsterblicher Geist, voller Fruchtbarkeit und Willen zur Befruchtung.

"Du sollst Vater und Mutter ehren"

Darin liegt auch der Sinn des "Tut dies zu meinem Gedächtnis", das kein simples "Erinnern" ist, sondern eben ein Gegenwärtigsetzen, ein Lebendigmachen. So wird jeder Moment neu aus dem Anfang, aus dem immer Gültigen, in dem alles enthalten war - und ist. Die so auf uns gekommenen Gebote und Regeln, noch mehr aber der Geist der in ihnen enthalten ist, ermöglichen uns das Leben:

"auf daß Du lange lebest, und es Dir wohlergehe auf Erden."

Das ist zugleich das Geheimnis jedes Sakraments, weil es die Welt begattet, und gebiert!

Darin gründet auch die Grabespflege, die Achtung, die den Vorfahren entgegenzubringen ist. Was sie aktualisiert hatte, das nur können wir ja aufgreifen, nur das ist uns erkennbar - und so leben wir im Heute aus dem Gestern.

In welchem Geist Auffassungen existieren, die in einem fortwährenden Fortschrittsfluß gesehen das Gestern entwerten, als minderwertiger als das Heute, noch mehr aber als das Morgen sehen, mag der Leser entscheiden.

Nur wer die Tradition in Ehren hielt, konnte in Athen ein öffentliches Amt bekleiden - und man schaute das zu prüfen nach, wie die Grabstätten seiner Vorfahren gepflegt waren.





*021110*

Wir sind, die wir gewesen.

Kein Augenblick, der nicht sein wollte, Bewegung aus Erkenntnis ist.


Gefunden auf thisisnthappiness.com
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Schlicht gesagt

"... damit will ich das ganz Schlichte sagen, daß das Denken und Erkennen eines Gutes oder eines guten gar nicht sein kann, ohne daß es, das Denken und Erkennen (genauer: der Mensch als Denkender und Erkennender des guten oder Gutes) dieses Gut verlangt und wählt, es als gut bejaht und lebt."

Daniel Feuling, in "Hauptfragen der Metaphysik"

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Noch schlichter: nur der Gute - der "Mensch guten Willens", des "bonae voluntatis" - kann das Gute, kann die Schönheit, überhaupt erkennen.

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Montag, 1. November 2010

Sinn, nicht Fanatismus

"Sinn ist nicht nützlich, Sinn DEFINIERT möglichen Nutzen. Er kann daher nicht zweckrational hervorgebracht werden. Gewollte Überzeugungen und Gewißheiten nennt man Fanatismus."

Robert Spaemann in "Überzeugungen ..." in einem vehementen Einwand gegen den häufig zu beobachtenden Versuch, Religion unter Hinweisen auf Nützlichkeit in Hinblick auf Gesellschaft und Einzelnen zu begründen.

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Einsetzende Wirklichkeit

Henri Thode macht eine interessante Bemerkung, als er die Art beschreibt, wie die Kreuzigung Christi bis ins 13. Jhd., bis Giotto, unter Rückgriff auf die byzantinische Kunst, dargestellt wurde.

Er schreibt, daß bis Giotto Christus wie ein Gott wirkte, der gar nicht wirklich an seinen Martern litt. Standen Maria und Johannes unter seinem Kreuz, so nahm (bzw. nimmt) man deren Schmerz lediglich als Abschiedsschmerz wahr. Aber Christi Leiden hatte für den Beschauer keine Wirklichkeit, was er sah hatte nur symbolischen Charakter.

Erst in einer kulturellen Bewegung mit dem Hl. Franziskus beginnt Christus plötzlich wirklich zu leiden, und zu sterben, und sind seine Mutter und der Apostel gezeichnet von tiefstem Schmerz. Erst jetzt streiten die Soldaten um seinen Mantel, erst jetzt bekehrt sich Longinus, der Römer mit der Lanze, und erst jetzt umflattern die Engel verzweifelt den Herrn. Ja es ist sogar nun genau der Schmerz Mariens, der für den Betrachter am meisten nachvollziehbar macht, was da geschieht, was dargestellt ist. Denn was etwas ist, macht sich an seinen Wirkungen erfaßbar. Durch Maria wird somit das Leid Jesu, und die Schuldigkeit eines selbst als innere Reaktion, erfahrbar. Die Heilsgeheimnisse werden auf eine neue Weise (wieder) gegenwärtig.

Durch Maria, und an Maria, lernt die Kunst ab dem 13. Jhd. menschliche tiefste Empfindungen auszudrücken. Maria wird - aufbauend auf der Verehrung des ewig Weiblichen, wie es im späten Mittelalter in der Minne ohnehin geschah - so zur Hauptfigur der Renaissancekunst.

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Nur auf den ersten Blick ist die Entwicklung im 13. Jhd. widersprüchlich - in Franz v. Assisi streitet zwar der "störrische Esel Leib" gegen den Geist, und Franz behandelt ihn auch nicht gut, wie er selber dann sagt. Aber die Stigmatisierung, die ihm dann zuteil wird, liegt auf einer Linie: im Leib, im Fleisch, in der Schöpfung soll das Ewige bereits sichtbar werden, wird das Paradies "gepackt und auf die Erde gezwungen" (Viktor Leum) Nicht zufällig in dem Jahrhundert, in dem die Naturwissenschaft ihren entscheidenden Anlauf nimmt, weil man die Natur in ihrer Ursprünglichkeit als Selbsterzählung Gottes, der Wahrheit, begreift.

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Mehr sehen!

"Es wird weder methodisch argumentiert noch autoritativ verkündet [...] - es wird eine bestimmte Art des Sehens eingeübt, und in eine bestimmte Art des Sehens eingeführt, eines Sehens, das in unserer Kultur oft auf eine erschreckende Weise verkümmert ist. Es handelt sich um ein Sehen von Urphänomenen und von wesentlichen Ähnlichkeiten.

Dieses Sehen kann und soll weder die Wissenschaften noch den christlichen Glauben ersetzen. Es liegt vielmehr der Wissenschaft ebenso wie dem Glauben als deren gemeinsame Wurzel zugrunde. Mit seiner Verkümmerung müssen beide degenerieren: die Wissenschaft wird destruktiv, und der Glaube wird blutleer. 

Das Sehen von Ähnlichkeiten geht aller Wissenschaft voraus. Der Gebrauch von Begriffen ist nur möglich, wenn wir Dinge und Ereignisse als ähnlich zu sehen imstande sind. Jeder sieht solche Ähnlichkeiten. Worauf es ankommt ist, wesentliche Ähnlichkeiten sehen zu lernen. Wo z. B. das Phänomen des Lebendigen, der Pflanze, des Tieres oder wo die Schönheit eines Kunstwerks nicht gesehen wird, da wird die wissenschaftliche Erklärung die Phänomene am Ende einfach wegerklären oder als bloß subjektive, unerhebliche "Ansichten" beiseite tun. 

Die gegenwärtige Gestalt wissenschaftlichen Denkens ist durch einen solchen Sehverlust und eine entsprechende destruktive Tendenz gekennzeichnet. Die gegenwärtige Anämie des Glaubens aber hängt mit dem gleichen Verlust zusammen. Der Glaube hat heute weitgehend einen kognitiven Anspruch aufgegeben, seinen Anspruch auf eine ebenso wahre wie substantielle Deutung der Welt, des Lebens und der Geschichte."

"Aufgrund der erstaunlichen Gemeinsamkeit echter spiritueller Erfahrungen in allen Zeiten und allen Kulturen integriert diese Tradition auch fernöstliche Überlieferungen, während die heute modischen Asienimporte meist auf tiefer Unkenntnis der abendländischen Geschichte meditativen Sehens beruhen und gerade deshalb auch zu keinem tieferen Verständnis solcher Importe führen. Aber diese Unkenntnis ist ja nicht zufällig. Sie hängt mit jenem Defizit, jenem Sehverlust zusammen, von dem ich anfangs sprach. Ein Gefühl des zivilisatorischen und religiösen Leerlaufs breitet sich aus und nagt die Seelen an."


Die ganze Verkündigung des Neuen Testaments zielt auf das Heranwachsen von gnostischen, reifen, erleuchteten Christen ab, zitiert Spaemann Kardinal Martini. Und holt ein Wort von Johannes Paul II. hervor, der in Paris ausrief: "Frankreich, bist du noch im Bund mit der Weisheit?"

Weisheit freilich, so Spaemann, ist aber - anders als Glaube, der eine Gnade ist - erlernbar, ist eine Disposition des Geistes, in die eingeübt werden kann - vorausgesetzt, daß der Hörende in der entsprechenden Disposition - geistig wie körperlich (die Liturgie, als exemplarischer Ort des Zusammentreffens von göttlichem Geist und Mensch, braucht auch eine entsprechende Haltung des Teilnehmenden!) - ist.

Robert Spaemann, im Vorwort zu "Die großen Arcana des Tarot" 
des Anonymus von D'Outre-Tombe (= Valentin Tomberg)

 
*011110*