Wie kann er das machen, dachte Feinz, wie kann er das so machen - dabei entsteht doch Haut! Feinz sah im Café herum.
Eine ganz einfache Logik steht dahinter. Schröder redete weiter, lächelte nun. Schauen Sie: früher wurden die Menschen angestachelt, den Vermögensverlust, der bei all den vielen Kindern drohte, auszugleichen. Denn jedes Kind mehr bedeutete eine weitere Aufteilung des Hausvermögens. Und das hieß auf jeden Fall, daß ab dem dritten Kind die Lebensführung aller gefährdet war, einberechnet, daß jedes Kind auch einen Partner aus dem gleichen Stand, mit etwa gleichem Vermögen erlangte. Das hieß: Anstrengung, um nichts zu verlieren. Man legte sich, wie man so sagt, tüchtig ins Zeug! Schaffe, schaffe!
Schröder lachte laut auf. Feinz lächelte auf Reflex, wobei er seinen Blick nicht von der Kakaotasse wenden konnte, die Schröder immer noch in Händen hiel. Da mußte sich bereits dick Haut gebildet haben. Fenz fühlte, wie er blaß wurde.
Mit der Umverteilung, setzte nun Schröder fort, hat aber eine ganz andere Dynamik eingesetzt. Nun wurde es den Oberen genommen, weil es hieß: warum sollten Nachkommen die Lebensführung schmälern? Und den Unteren gegeben. Nun ersetzte der Staat allfällige Vermögensverluste, glich die durch Aufteilung geschmälerten Teile des Familienvermögens aus. Was wurde erreicht? Die unteren und mittleren Schichten hatten keinen Antrieb mehr, durch Mehrleistung die drohenden Vermögensschmälerungen für ihre Nachkommen auszugleichen. Diesen Antrieb, nämlich den zum Ausgleich der Verluste, hatten nun - richtig! Die Vermögenden. Denn alles drängt nach Selbsterhalt, das ist eigentlich das Grundgesetz allen Lebens. Nicht MEHR - sondern GLEICH!
Schröder nahm den nächsten Schluck diesmal ohne noch zu blasen, er vermutete zurecht, daß der Kakao längst trinkbar war. Feinz blickte angewidert zur Seite. An Schröders Oberlippe klebte ein kleines braunes Stück der Milchhaut, die sich im Kakao gebildet hatte. Feinz hörte zwar weiter zu, vermied aber jeden Blickkontakt.
Und? Was ist passiert? Die Statistiken bestätigen es. Der Sozialstaat bewirkt, daß die Vermögenden, um ihre durch die Umverteilung geschmälerten, bedrohten Vermögen zu bewahren, noch aktiver tätig sind, während die Unterschichten ihre Antriebe verlieren. Mit dem Effekt, daß statistisch die Reichen noch reicher werden, während der Anteil der Unterschichten am Nationalvermögen sinkt. Der einzige Antrieb, der den Unteren noch bleibt, ist die Gier. Die wird also auch mehr. Bei den Unteren.
Wo er recht hat, hat er recht, dachte Feinz, der etwas Seltsames, aus dem Magen kommend, nach oben steigen fühlte, schon drohte es den Hals zu erreichen. Bis er aufsprang, und in Richtung jener Türen lief, die die Toilettenräume anzeigten.
Schröder sah ihm nach. Er schüttelte den Kopf, nahm noch einen kräftigen Schluck, und leckte mit seiner Zunge über seine Lippen.
Ah, stöhnte er zufrieden. Zahlen, Ferdinand!
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