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Sonntag, 18. Januar 2009

Mythos Technik I

Für F. G. Jünger ist die Korrelation von Technik und Reichtum ein bestenfalls politisch motivierter Mythos: "... Auch der kleinste technische Arbeitsvorgang verbraucht mehr an Kraft, als er hervorbringt. Wie sollte also durch die Summe dieser Vorgänge (in Technisierung und Rationalisierung; Anm.) ein Überfluß geschaffen werden?"

Jünger stellt mit sehr grundsätzlichen Überlegungen infrage, ob ein Ziel "Reichtum" überhaupt mit Technisierung erreicht werden kann. Zu obigem Satz führt er als Beleg den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre an (Carnot-Prozeß), der vereinfacht besagt, daß die Umwandlung von Wärme in Bewegung (zur Technisierung in Maschinenform) ausnahmslos nur einen Teil der Wärme, die sie einem heißen Körper entziehen, in mechanische Arbeit verwandeln können (es gibt also keinen "Wirkungsgradfaktor/thermodynamischer Wirkungsgrad = 1").

Vielmehr meint Jünger, ob nicht beobachtbar sei, daß die Zunahme der Technisierung die Quantität an manueller Arbeit ebenfalls erhöhte! (Man möge sich nur die Regelkreise größer als in Nationalökonomien geteilt vorstellen - Stichwort: Globalisierung!)

Jünger sagt nichts anderes, als daß es immer einen ausgleichenden Faktor "menschliche, manuelle Arbeit" braucht, und daß dieser Sektor mit der Zunahme der Mechanisierung (irgendwo auf der Erde) ebenfalls größer (bestenfalls verschleierter, weil auch viel indirekt verursacht) wird.




 *180109*

Wir SIND Katholiken.

Friedrich Georg Jünger in "Die Perfektion der Technik" über den heutigen Menschen, den "Techniker", weil alles in Technik aufgelöst ist: "... Mit solchen Menschen ist auch kein Gespräch zu führen, da sie nicht mehr Partner eines Gesprächs, sondern Demonstranten sind. Die Umwandlung des Gesprächspartners in einen Demonstranten kennzeichnet die Dogmatisierung der Glaubensgrundlagen einer mechanischen Bewegung."

Ein anderer Satz, ich glaube von Kaltenbrunner (auch wenn ihn der anders meinte, aber sich damit eigentlich verriet), zeigt, was Jünger 1953 prinzipiell meinte: "Wir SIND Evolution!"

Beim Spaziergang steigt mir dann der Satz auf, daß der Sozialstaat heutiger Prägung einem Hochstand des Technizismus entspricht, technisierte Zwischenmenschlichkeit ist, der durch Moralismus (die depersonalisierte, weil in Technik aufgelöste Gutheit des Seins, das somit regelrecht in Ursache und Wirkung aufgespalten, zum jeweiligen Ziel an sich wird) definiert wird. Als Diktatur einer öffentlichen Moral, deren Fratze deshalb nur so wenige kennen, weil sie nur so wenige derzeit noch erlebt haben. Denn das Große auszurotten war eine der ersten politischen Zielsetzungen des Sozialismus.

Größe - und damit erlebbare Würde - ist dort nicht nötig, wo alle Vorgänge technisiert sind.

Selbst der Umgang mit dem Mitmenschen ist simple Analyse möglicher technischer Vorgänge im anderen. Um der Unerträglichkeit wirklicher Autorität auszuweichen.




*180109*

In Gesellschaft von Kindern lacht sich's leichter

Was den Umgang mit Amerikanern immer wieder so angenehm erscheinen ließ? Im Zug, in aller Schmuddeligkeit, Unkompliziertheit, die, streng betrachtet, Ausweis völliger Kulturlosigkeit ist. Aber so rasch findet sich ein (nettes) Gespräch, so rasch sind sie zu verblüffen, so rasch lachen wir, auch ohne Zynismus ... - nun denke ich, daß die Ursache dafür ist, daß ihnen Neid weitgehend unbekannt ist. Wo allen alles möglich ist, zumindest prinzipiell, nimmt mir der andere nie etwas weg, das auch mir gehört oder gehören könnte, sondern er ist maximal schneller.

Wo Scheitern konsequenzlos bleibt, weil es zu gar keiner Identität kommt, mangels kultureller Institutionalisierung, die weitertragen könnte, oder weiterzutragen wäre (eine bemerkenswert asketische, fast mystische Seite der Wurzellosigkeit), da ist Neubeginn mit veränderten Vorzeichen jederzeit möglich. Sie sind alle eben Kinder.

Das alles läßt sie auf eine Art und Weise unbefangen und offen, in gewissen Hinsichten angstfrei sein, die wohltut. Eine Seite der Kindlichkeit, die gerade dem gelernten Österreicher inmitten unverweslicher Leichenberge Balsam ist.




*180109*

Freitag, 16. Januar 2009

Blind geworden

Der Verzicht darauf, daß ein Werk auch Kunst zu sein habe, wie er im Barock als Verdrängung der Kunst durch die Imagination davon stattfand, durch die Imagination einer Stimmung und Spiritualisierung des Sinnlichen durch dessen Ersatz und Symbolisierung stattfand, war der Tod des Sehens.

Man verzichtete auf "wirkliche Gegenwart" des Gesehenen (was eine Eigenschaft der Kunst ist) zugunsten einer bloßen und rein geistigen Erinnerung daran.

Geist ohne jedwede Wirklichkeit und Geschöpflichkeit - das ist Barock. Und das ist Subjektivismus des Descartes wie der Konstruktivismus der heutigen Philosophie. Und das ist heutige Liturgie: auf Dualismus, Zweispaltung des Menschen aufbauend wie davon herstammend. E-Soterisch - nicht mehr soterisch.

Die Liturgie der Katholischen Kirche von heute ist also nichts als eine Ausformung einer jahrhundertelang "gelehrten" Wirklichkeitssprache. Es ist also wirklich kein Wunder, daß Aufklärung und Barock so engumschlungene Geschwister waren.




*160109*

Samstag, 10. Januar 2009

Es geht doch noch tiefer


Eigentlich dachte ich schon bei Bill Clinton, daß das Maximum erreicht sei - aber diese kleine Auswahl an Sprüchen aus dem Munde George Bush's jun. zeigt, daß es stimmt: Es geht immer noch tiefer, als man glaubt.

"Die Menschen in Louisiana müssen wissen, dass es überall in unserem Land viele Gebete gibt - Gebete für diejenigen, deren Leben auf den Kopf gestellt wurden. Und ich bin einer von ihnen. Es war gut, hier her zu kommen." (In Louisiana nach dem Hurrikan "Gustav".)

"Es ist nicht die Umweltverschmutzung, die unsere Umwelt schädigt, es sind die Verunreinigungen in unserer Luft und in unserem Wasser."

"Ich weiß, daß in Washington viel Ehrgeiz existiert. Aber ich hoffe, daß die Ehrgeizigen mitkriegen, daß sie mehr Erfolgschancen mit Erfolgen haben werden als mit Misserfolgen."

"In unserer gesamten Geschichte haben die Worte der Unabhängigkeitserklärung Einwanderer aus der ganzen Welt inspiriert, die Segel zu setzen und unsere Küsten anzusteuern. Diese Einwanderer haben dazu beigetragen, dreizehn kleine Kolonien in eine große und wachsende Nation von mehr als dreihundert Leuten zu verwandeln."

"Es gibt einen alten Spruch in Tennessee - ich weiß, es ist in Texas, vielleicht in Tennessee - der besagt, täusche mich einmal, Schande über dich. Täusche mich - Du kannst nicht erneut getäuscht werden."

"Unsere Feinde sind erfinderisch und haben viele Mittel, und wir auch. Sie hören nie auf, über neue Arten nachzudenken, wie sie unserem Land und unserem Volk schaden können, und wir auch nicht."

"Es war nicht immer so festgelegt, dass die Vereinigten Staaten und Amerika enge Beziehungen haben. Schließlich waren wir sechzig Jahre im Krieg - vor sechzig Jahren waren wir im Krieg." (Bei einem Empfang des japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi im Weißen Haus.)

"Herr Ministerpräsident, danke für Ihre Einleitung. Danke, dass Sie ein so guter Gastgeber für den OPEC-Gipfel sind." (September 2007 in Sydney bei der Teilnahme an einem Gipfel des Asiatisch-Pazifischen Forums APEC.)

"Ich bin im Westen aufgewachsen. Im Westen von Texas. Das ist ziemlich nah an Kalifornien. In vieler Hinsicht näher an Kalifornien als Washington."

"Sie haben drei verschiedene Arbeitsstellen? ... Sowas kommt nur in den USA vor, nicht wahr? Ich meine, das ist doch fantastisch, dass Sie so etwas machen." (Zu einer geschiedenen Mutter von drei Kindern.)

"Es ist Zeit für die menschliche Rasse, in das Sonnensystem einzutreten."

Als begnadeten Redner würde man Georg W. Bush wohl nicht gerade bezeichnen. Zu seinem Repertoire gehört etwa die Neuschöpfung des Verbs "to misunderestimate" - eine innige Verbindung von "to misunderstand" (missverstehen) und "to underestimate" (unterschätzen).

"Ich weiß, daß Mensch und Fisch friedlich zusammenleben können." (Bei einer Erklärung zur Energiepolitik in Michigan)

"Selten wird die Frage gestellt, lernen unsere Kinder etwas?"

"Wir werden die bestausgebildeten Amerikaner auf der ganzen Welt haben.

"Es gibt in mir keinen Zweifel, keinen einzigen Zweifel, dass wir scheitern werden."

"Sie haben mich fehlunterschätzt."

"Sie mißunterschätzen das Mitgefühl unseres Landes. Ich denke, Sie mißunterschätzen auch den Willen und die Entschlossenheit des Oberbefehlshabers." (Über die Terroristen vom 11. September.)

"Wenn wir keinen Erfolg haben, werden wir scheitern."

"Und sie haben keine Geringschätzung für Menschenleben." (Über Rebellen in Afghanistan.)

"Ich erinnere mich an eine Begegnung mit der Mutter eines Kindes, das von den Nordkoreanern entführt wurde genau hier im Oval Office."

"Es wäre ein Fehler, wenn der Senat der Vereinigten Staaten zulassen würde, daß irgendeine Art von menschlichem Klonen aus dieser (Parlaments)Kammer kommt."

"Ich habe gehört, dass es in den Internets Gerüchte gibt, wir würden die Wehrpflicht wieder einführen." (Präsidentschaftsdebatte 2004)

"Ich glaube, wir befinden uns auf einem unumkehrbaren Trend zu mehr Freiheit und Demokratie - aber das kann sich ändern."

"Es ist nicht die Umweltverschmutzung, die unsere Umwelt schädigt, es sind die Verunreinigungen in unserer Luft und in unserem Wasser."




*100109*

Freitag, 9. Januar 2009

Geschmacklos

Da wird es natürlich schon happig: Wenn als Show der Gewinn von 100.000 Euro für jenen Übergewichtigen in Aussicht gestellt wird, der am meisten abnimmt. So, wie es Pro Sieben jüngst machte.

Da drängen sich Vergleiche mit den Tanzwettbewerben der 20er Jahre auf, die in den USA so populär waren. Wo jenes Paar jeweils den Geldtopf gewann, das am längsten durchtanzte. Was zumindest in einem Fall sogar zum Ableben eines Teilnehmers wegen Erschöpfung führte. Gerade die verbissensten Teilnehmer waren natürlich unter jenen zu finden, die bettelarm waren und das Geld dringend benötigten. Und sich deshalb selbst verzweckten, auch diese Entwürdigung auf sich nahmen.





*090109*

Samstag, 3. Januar 2009

Den Habsburgismus geläutert überstanden

Man muß Ricarda Huch in ihrem "Federico Confalonieri" eigentlich rechtgeben - ihre Wut auf die Katholische Kirche begründet sie dort (durch den Mund eines Proponenten) mit der "entsittlichenden Wirkung", die der katholische "Formalismus" hat.

Es ist natürlich prinzipiell falsch und unverstanden, diese Soteriologie (die Verbindung von Gnade und Zeichen im Sakrament), die wiederum auf einer Metaphysik aufruht, als "magisch" zu verurteilen, wie es Luther (ff.) tat. Aber rein praktisch gesehen hatte sogar Luther (ff.) im Einzelfall (und auf vielfache Volkspraxis bezogen) recht: Der Mißbrauch der Gnadenmittel, ja ihr quasi-magischer Gebrauch sind auch heute sehr häufig zu beobachtende Erscheinungen.

Ganz kann man diesem Urteil die Wahrheit also nicht absprechen. Denn wenn auch stimmt, daß die Sünde niemandem den Zugang zu den Gnadenmitteln verbaut (ein Problem, das der Protestantismus schlicht und ergreifend gar nicht realistisch - und nur durch ein Wunder - lösen kann: was ist nun mit dem Sünder hier auf Erden!?), sofern er sich von ihr abwendet, so sehr verführt diese Bindung der Gnade und der Rechtfertigung an die Form und Praxis (der Beichte) zu Laxheit und Heuchelei.

Genau so, falsch, heuchlerisch und bösartig-dumm, hatte ich als Jugendlicher in den späten 1960ern, frühen 1970dern das kirchlich-katholische Umfeld wahrgenommen.

Ich hatte mich mit Grausen davon abgewandt.

Der Mailänder Graf und italienische Nationalist Federico Confalonieri interessanterweise (Huch ist Protestantin) überwindet in bemerkenswerter sittlicher Haltung einer (durch das Leid der 14jährigen Festungshaft in Spilberk/Spielberg bei Brno/Brünn) sich mehr und mehr läuternden Liebe diese (prinzipielle) Anfechtung.

Ich habe mich deshalb schon mehrfach gefragt, ob der Protestantismus als "Ordensgründung" nicht durchgegangen wäre ... denn jeder Orden betont einen Aspekt stärker als dem Ganzen wohltäte. Im Protestantismus eben den des rigorosen Bemühens um subjektive Wahrhaftigkeit.




*030109*

Einfach die Strategie gewechselt

Immer wieder erinnert sich in mir, wie ich beim Umräumen meiner Bücher ein schmales Bändchen aus früheren Zeiten zur Hand nahm, erst nur sentimental-belustigt darin blätterte, dann (erneut) las. 

Es war eine Schrift von Mao Tse-tung. 

  • Vier philosophische Monographien
  • Über die Praxis
  • Über den Widerspruch
  • Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke
  • Woher kommen die richtigen Ideen im Menschen

Die Schrift ist klug, weil Mao sehr klug war, das wird gerne unterschätzt oder vergessen. Oder glaubt man hierzulande wirklich - den Eindruck hat man manchmal - daß diese Menschen dumm waren oder sind? 

"Vier philosophische Monographien" behandelt ganz praktische Fragen politischen Handelns. Ich war perplex. Hatte ich doch ganz vergessen, was darin so offen stand, und was ich doch einmal (aber gewiß auch völlig anders, aber wie? ich weiß es nicht) gelesen hatte. Nun las ich es mit völlig anderen Augen. Nun las ich nämlich, was sich wie eine Niederschrift der politischen Handlungsstrukturen bei uns (!) las. Als wären wir der von Mao empfohlenen Strategie bis auf den letzten Buchstaben erlegen. Man muß es selbst gelesen haben.

Ähnliches ist mir bislang bestenfalls beim Lesen von Alexis de Tocqueville passiert - zu sehen, wie (sehr) lange zurückliegendes Wort aus präziser Analyse der Wirklichkeit gewonnen, sich buchstabengetreu der Prophezeiung gemäß erfüllt hat. Aber Tocqueville prophezeit eben aus Menschenkenntnis, als Beobachter, als Außenstehender. Seine Hellsicht ist besorgte Warnung.

Mao arbeitete Strategien aus - ebenfalls aus Menschenkenntnis. Seine exakte Analyse dient aber dem Erreichen eines politischen Zieles. Und, verdammt noch einmal, wer seine Schriften liest, könnte meinen, er hätte alles, wirklich alles erreicht.

Aber ist China nicht ... kapitalistisch geworden? Hat sich der Kommunismus dort nicht selbst aufgelöst?

So lautete doch die Mär bei uns. Gäbe es nicht ab und zu irritierende Nachrichten über grausame Vorgänge in China, mit denen aber ... niemand hier etwas anfangen kann? Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Denn die Widersprüche sind für uns nicht auflösbar. Es fehlt an einer erhellenden These, an einem gültigen Urteil über China. Das vergangene - die pöhsen pöhsen Kommunisten - darf man irgendwie nicht mehr anwenden, das ist ja nicht mehr gültig?

Gleich vorweg: China hat keineswegs den Kommunismus aufgegeben. Nach wie vor ist es ein kommunistisches Land und verheimlicht das nicht einmal. Könnte es aber nicht sein, daß man diese Mischung aus Konfuzianismus und Marxismus in seiner praktischen Wirkung schlichtweg gänzlich unterschätzt? 
Die Chinesen waren, anders als die Russen und Osteuropäer, keineswegs so dogmatisch verbohrt, dafür in der Umsetzung unvergleichlich konsequenter. Sie haben stets rasch Realitäten zur Kenntnis genommen, und sie haben auch keinerlei abendländische Skrupel hinsichtlich Wert und Würde des Einzelnen - worin sie vom Konfuzianismus ganz elegant getragen werden. Ihr System der Gehirnwäsche zeugt von einer beeindruckenden Kenntnis des Menschen. Da klingt "Archipel Gulag" fast steinzeitlich rückständig in seinen Methoden - als hätte der sowjetische Kommunismus immer noch einen Rest an abendländischem Dünkel vor dem Menschen bewahrt.

Die Chinesen haben stets viel rascher gelernt - weil sie schlicht lernbereiter waren und sind. Sie sind kühl pragmatisch, wie es bei uns bestenfalls die Römer waren. Und die haben es ja auch weit gebracht.

Die Chinesen haben vor 15 bis 20 Jahren einfach die Strategie gewechselt.

Worin der Strategiewechsel der Chinesen bestand? Nur Ewiggestrige, Verbohrte greifen die politischen Gestalten noch direkt an. Heute wird der Boden ausgetrocknet. Dann fallen die Bäume von selbst. Das Zaubermittel "Realismus" - in der paradoxen Intention - wirkt auch in begrenzten Systemen. Dazu braucht es keinen Gott, den Viktor Frankl ebenso treuherzig-berührend wie kantianisch reklamierte. Was hat ein Mitspieler zu verlieren, der eigentlich nur gewinnen kann? Entweder wird er reich und hat so die Macht, oder das Spiel bricht zusammen - ein Sieg (des Kommunismus) bedeutet (wie Sun Tsu in seiner Kriegstaktik sagt) letztlich nur, daß der Gegner mehr fällt als man selbst. Bei wem aber menschliche individuelle Würde ohnehin keine Rolle spielt - der kann (machiavellistisch gesehen) gar nicht fallen. Sieg verhält sich auch relativ zum Ziel. Man siegt dann am elegantesten, wenn man den Gegner dazu bringt, sich selbst zu lähmen. Zum Beispiel indem man ihn auf Phänomene fixiert, indem man sie ihm läßt, ja liefert - bis man ihn süchtig gemacht hat.

Gegenprobe? Nie konnte China mehr Phänomene kontrollieren als in den letzten Jahrzehnten, wo auch die wirtschaftliche Potenz dazu entstand, im Westen mitzumischen. Hat China aber sein Verhältnis zur menschlichen Würde geändert? Im Gegenteil: der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, seine Kapitalpotenz, die ohnehin nur auf das westliche System bezogen war und ist, baut auf genau jener Menschenverachtung. China hat ja nicht einmal Rohstoffe, wie die Sowjetunion sie hatte. China aber hat Asketen.

Die Sowjetunion ist genau daran gescheitert: es war wirtschaftlich ausgehungert, es ist strategisch dem Westen unterlegen, bis zum Todesstoß, dem SDI (Star Defense Initiative)-Programm.

China hat genau zu der Zeit umgeschaltet.

Nein, nein, der Marxismus ist keinesfalls tot, und ich habe das auch nie so gesehen, mich auch nicht vom "Mauerfall" täuschen lassen. Er ist nur viel schlauer, als der naive Abendländer es sich vorstellen kann, und er ist dabei, das Feld von hinten aufzurollen. Und wenn man sich "Vier philosophische Monographien" durchliest hat man den Eindruck, daß die westliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte darin vorweggenommen ist, ja präsentiert sich diese als Ergebnis politisch klugen Handelns, wie Mao es beschreibt. Präsentiert sich auch und vor allem in der Verlagerung des politischen Handelns hin zu moralischen Bewegungen (ich erwähne nicht zufällig die Grünen, aber auch die FPÖ etc.), die nämlich extrem geschickt weltanschauliche Diskussionen regelrecht ins Abseits stellen, zu grotesk-lächerlichen akademischen Ehrenrunden machen, als strahlender Sieger.

Es ist auch kein Wunder, denn der Marxismus spiegelt die Charakter- und Handlungsstruktur charakterloser Muttersöhnchen, denen es nicht um die eigene Würde geht: "Das Schwache macht das Starke schwach, damit die Schwäche Stärke wird." (Eberhard Wagner, in "Zwei Seelen - Keine Welt")

Nirgendwo übrigens, so hört man, ist die Familien- und Mutterbindung, ja die symbiotische Abhängigkeit der Jungen von den Alten, so hoch wie in ... China.




*030109*

Ursache war nicht eine vergessene soziale Komponente

Etwas gefällt mir an der Stellungnahme des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der mit einfachen Worten einen Kern des Problems aufzeigt: Der Hinweis darauf, daß sich kein Mensch überlegt hat, woher denn die versprochenen, erwarteten Gewinne kommen sollen, mit denen angeblich die Zukunft abzusichern wäre. Daß es aber jede Menge Narren gab, die allen Ernstes an ein mathematisches Wachstum ad infinitum glaubten und (das ist ja der Kern!) ein ganzes Wirtschaftssystem auf dieser Annahme aufrichteten.

Und die sich nach wie vor nicht hinterfragen, ob an ihren Denkmodellen etwas grundsätzlich nicht stimmen könnte. Nein, dieselben Denkmodelle und Masken werden bestenfalls stromlinienförmiger gemacht, im Windkanal "Öffentlichkeit und Autorität" (sprich: Identität) kam es ja zu Turbulenzen! Also wird rasch auch diese Krise zur "die weltweite Finanzkrise" mythologisiert, wird ihr ein selbständiger Körper gegeben, auf daß sich dieselben Versager an ihren Plätzen halten und nun mitten in der Schar der Krisenbekämpfer auftauchen, die sie durch intellektuelles Versagen mit verursacht haben: da ist sie, die Krise, bekämpfen wir gemeinsam das Ungeheuer aus der Unterwelt!

Das Geschehen 2008 auf den weltweiten Finanzmärkten war schlicht widervernünftig, das ist der Kern. Und das erwähnt EB Zollitsch leider nicht, sondern er spielt wieder die scheinbar leichtere Moralbande, kick und - mal sehen, wo der Ball letztlich landet, Moral klingt immer gut ...

Es war eben nicht das Scheitern des Neo-Liberalismus oder sonst eines -ismus, es war auch nicht ein vergessenes soziales Gewissen, so daß man hätte sagen können: MIT diesem wäre alles gut gewesen, alles lag ja nur an einer fehlenden (positivistischen) Moralität der Beteiligten.

Sondern es war die Kapitulation des Verstandes vor einer Mentalität, die jeden Bezug zu Realitäten verloren hat und Folge einer Wohlstandsideologie ist, die die Menschen - und das schon eine ganze Generation lang - jeden Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verlieren hat lassen. Ein irreales Lebensgefühl, das in diesen Breiten vorherrscht, wankte jetzt erstmals beträchtlich, die Wirklichkeit meldete sich zurück, durch alle Nebel, die gar niemand mehr durchdringen wollte.

"Schnell noch diese Beute gemacht, und noch eine, und noch eine ... und dann rasch die Tür zu, hinter uns die Sintflut ..." Einmal freilich ist man einfach nicht rasch genug, aber das nimmt man in Kauf. Auch jetzt noch. Weltweit wird längst an einer weiteren Vernebelungsmaschine gebaut.

Ich weiß, ich spinne da vor mich hin, aber ... mich würde keineswegs wundern, wenn irgendwo, auf einer Parteihochschule der Chinesischen Kommunistischen Partei, in tiefster Provinz, die Sektkorken zum messerscharf gedachten Strategiewechsel knallten. Zu auffällig ist die Deckungsgleichheit der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Mao's Schriften vorgezeichnet. Mittlerweile verstaatlicht sich der Kapitalismus nämlich selbst - über die Allmacht des Proletariats, das bei Gefährdung des Wohlstands zur Bestie würde. Man mußte das System über seine Schwächen nur hochkochen! Die Finanzmittel dazu hat China nämlich. Es ist seit Jahren weltweit der größte Investor. Und was soll China passieren? Daß der Kapitalismus endgültig zusammenbricht? Dreimal gelacht.

Gut, weit gegriffen, ich weiß. Diese Vernebelung der Geister war und ist aber in jedem Fall - und diese These paßt mit Gewißheit - Folge einer ideologisch-politischen Maßnahme des Zerreißens aller Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, und diese politische Naivität, deren bösartiges Gesicht einmal auch für Wohlstandsbäuche bedrohlich (aber noch nicht mehr) wurde, dominiert nach wie vor. Denn nur wer Ursachen von Wirkungen (in falschen Theorien) trennt, kann sie politisch zur Bekämpfung freigeben.

Dies betrifft weltweit die Grundlagen des Menschseins (nach dem Mechanismus, dem Subjektivismus der Entwertung der Gestalten über die Geschlechterfrage zur Gottesfrage), indem man auf diesem Weg die Existentialität des Menschen zu manipulieren sucht. Die Ausweglosigkeit, in die man den heutigen Menschen hineinmanövriert, ist ganz klar absehbar, und wird sich in gewaltiger Irrationalität Luft verschaffen. Das kann gar nicht anders sein.

Aber nun EB Zollitsch - wobei: Was mir an seiner Stellungnahme ebenfalls nicht gefällt sind diese "flinken Vertreterbeine": als wollte die Kirche nun rasch den Fuß in die Tür kriegen. Das war auch im Wirtschaftsgeschehen verräterisch.

... Der Neoliberalismus sei an seine Grenzen gestoßen und in seiner radikalsten Ausformung in den USA bereits am Ende angekommen. Ein Kapitalismus, der allein auf Wachstum setze und die soziale Komponente vergesse, sei zum Scheitern verurteilt. „Wenn ich Geld anlege und hoffe 15 oder 25 Prozent Gewinn zu machen, dann muss ich mich fragen, woher der Gewinn kommen soll. Den muss ein anderer bezahlen. Diese Gier ist so ins Maßlose getrieben worden, dass wir jetzt diesen gewaltigen Einbruch erleben“, sagte der Freiburger Erzbischof.

„Es waren ja nicht nur die Manager, die große Gewinne machen wollten. Es hat sich ja auch die breite Bevölkerung darauf eingelassen, daß man tatsächlich 15 oder 25 Prozent Gewinn machen könnte: Die Gier ist eine Untugend und eine der Hauptsünden, die nun die breite Bevölkerung erfasst hat. Darum ist es wichtig, dass wir uns alle gemeinsam besinnen und nicht nur darauf aus sind, möglichst viel Gewinn zu machen, sondern dabei auch immer an die anderen denken.”

Es sei wichtig zur Besinnung zu kommen und zu der Erkenntnis: „Geld ist nicht alles, die Vermehrung des Gewinns ist nicht alles“. Im Blick auf die Krise der Banken sieht Zollitsch das große Problem darin, dass keine Bank der anderen Bank mehr Geld ausleihe. Das bedeute, dass das Vertrauen zerstört sei. Inzwischen hätten auch Banker begriffen, dass Management allein nicht ausreiche, sondern Glauben und Vertrauen die Basis soliden Wirtschaftens sei.




*030109*

Freitag, 2. Januar 2009

Einen Weg der Katharsis finden

Wenn die Dichtung (als einzige Kunstform hat sie die Gegenwehr gegen den Irrtum in der Hand, das Wort) es nicht schafft, sich die Gesetze des Schönen wieder zurückzuerobern, und sohin zur wirklichen Handlung zu finden, wird dies die Weltgeschichte selbst übernehmen. Denn die Kräfte der Menschen und der Welt werden sich ihren Weg der Katharsis suchen.





*020109*

Immer sich selbst gespielt

Volker Schlöndorff im Interview: "Viele Filme sind nicht Filme MIT Schauspielern, sondern Filme ÜBER Schauspieler, Dokumentationen gleich. Schauspieler wie Romy Schneider waren gar keine "großen" Schauspieler, das würde ich so nicht sagen, sondern sie hat alles in Bezug auf sich gesetzt und war mit einem Magischen Moment ausgestattet, das gerade in der Kamera - (während im Filmgeschehen den Phänomenen der Seele ohnehin völlig neue Interpretationen verschafft werden) - so hervorragend wirkte. Romy blieb immer sie selbst, war immer sie selbst, und das berührt einen, weil sie auch tiefste, intimste Seelenregungen in ihr Gesicht ließ.

Dustin Hofmann - mit dem habe ich gedreht, nicht aber mit Romy, die dann zum Schluß schon so neurotisch war, daß uns das in "Die Fälschung", wo es um diese Frage ging, zu riskant war - als anderes Beispiel ist wiederum einer von jenen, die mit einer ungeheuren Wandlungsfähigkeit ausgestattet sind. Er ist auch wirklich ein Charakterdarsteller, viel mehr als ein Star. In "Marathonman" z. B. hat er darauf bestanden, daß ihm der Zahnarzt wirklich die Wurzel anbohrt - er wollte den Schmerz spüren, nicht nur so tun als ob."
 

(Sinngemäße Wiedergabe)




*020109*

Donnerstag, 1. Januar 2009

In testimonium fidei

Ich selbst habe verschiedentlich Zweifel an der Heiligsprechung von Edith Stein dahingehend vernommen, als das Sterben am Judentum unter den Nazis kein Sterben "in testimonium fidei" gewesen sei. Auch manche Äußerung Johannes Pauls II. konnte dahingehend gedeutet werden. Das wäre an sich stichhaltig, denn es wäre im strengen Sinn nicht möglich, an Umständen wie jenem, Jude zu sein, ein Martyrium im eigentlichen Sinne zu erleiden.

Wäre Edith Stein nicht aus ganz anderen Gründen verhaftet worden. Denn mit 26. Juli 1942 hatten sich die niederländischen katholischen Bischöfe in einem bewundernswert klaren Hirtenbrief gegen die (geplante) Ausschließung der Juden vom öffentlichen Leben, deren Verschleppung usw. ausgesprochen. Als Racheakt verhaftete daraufhin die Gestapo viele derjenigen Katholiken und Kleriker bzw. Ordensangehörigen, gegen die gesetzliche Handhabe vorlag - z. B. als konvertierte Juden.

Edith Stein selbst hat übrigens immer die Verfolgung der Juden in einem Zusammenhang mit deren historischer Schuld - der Kreuzigung und Leugnung Christi - und dem daraus erwachsenen Fluch gesehen. Was natürlich niemals dessen Rechtfertigung bedeutet. Einmal schreibt sie sinngemäß, daß es wohl richtig sei, daß Kain verfolgt würde. Wehe aber dem, DURCH den er zu Schaden komme (hier: die Nazis, das Deutsche Volk). Man fand in ihren Schriften ein Bildchen, auf dessen Rückseite eine Aufopferung ihres Lebens für die Bekehrung der Juden niedergeschrieben stand.

Aber weil ich es für wesentlich halte - und zwar als historischen Faktor, denn die wahren Kämpfe sind nicht die in großem Lärm - noch die Abschrift einer Bitte an ihre Priorin: Liebe Mutter, bitte erlauben Euer Ehrwürden mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten, daß die Herrschaft des Antichrist wenn möglich ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die zwölfte Stunde ist. Ich weiß, daß ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und er wird gewiß in diesen Tagen noch viele andre dazu rufen. (Passionssonntag, 26. III. 1939)



*010109*

Die Teilung der Erde

Zum Zusammenfall von künstlerischem Ideal und jener Armut, wie sie den eigentlichen Weg des Kreuzes bedeutet, auch dieses Gedicht, von Schiller 1795 verfaßt:


"Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. "Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein."

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: "Der Zehente ist mein."

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern';
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn.

"Weh mir! so soll ich denn allein von allen
vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?"
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.

"Wenn du im Land der Träume dich verweilet,
Versetzt der Gott, "so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?" -
"Ich war," sprach der Poet, "bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
berauscht, das Irdische verlor!" -

"Was tun?" spricht Zeus. "Die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein."





*010109*

Opera maxima

Ich glaube es ist Carl J. Burckhardt, der "La Divina Comedia" des Dante Alighieri als die umfassendste Ausfaltung abendländischer Weisheit bezeichnet, und ich glaube es ist Goethe, der die Ilias des Homer als die umfassendste Darstellung menschlicher Möglichkeiten bezeichnet, die wir in der Literatur besitzen. Alle andere Literatur sei nur noch Ausformung von mehr oder weniger großen Kapiteln oder Episoden daraus.




 *010109*

Armut als Haltung

Man mißversteht das "Kreuz", wenn man es mit "Leiden" gleichsetzt. Edith Stein nennt deshalb in "Die Kreuzeswissenschaft" das Leiden lediglich "Hilfsmittel." Ja, Kreuz bedeutet die Bereitschaft zur Entfaltung des Seins zum Seienden hin, der eigentliche Auftrag des Menschen im Selbstdialog Gottes, den Schöpfung darstellt. Wo Gott sich in sich selbst liebt, weil herausstellt, und den Menschen daran teilhaben läßt, neben ihm, und doch nur aus ihm.

Wir töricht also fast alles, was man zum Thema Armut und Armutsbekämpfung hört! Fast ausnahmslos hat dieses Reden den Charakter der Kreuzesvermeidung - nicht einmal den der Hilfe, Kreuz zu tragen (das im Gegenteil eben wieder mit Leid und Leidvermeidung identifiziert wird.)

"Der Mensch stirbt nicht vom Gift, 
er stirbt auch nicht vom Tod,
er stirbt vor lauter Todesangst, 
er stirbt, wenn man ihm droht," 

singt Arik Brauer einmal. 

Und so ist es auch im Kreuz: Es bedeutet letztlich die bloße Bereitschaft - und hier muß und kann man vom eigentlichen Geheimnis und Fruchtbarkeit der Armut sprechen - alles aus der Hand und in die Hand Gottes zu geben. Alles dem Sein zu überantworten, ohne diese Deutung als simple Passivität ausgelegt zu erlauben.

Das ist nicht Fatalismus, sondern Armut als Weg zur Freiheit. Und es ist diese Armut der Kreuzesannahme.

Diese Armut als vollendete Haltung der Kreuzesannahme ist das Geheimnis Christi in dieser Welt. Sie bedeutet nicht einmal "Güterlosigkeit." Sie bedeutet lediglich das Ja zum Kreuz, zugleich die freie Annahme der Gesetzlichkeiten, die anerkannte bis zum Tode gehende (weltliche) Ernsthaftigkeit sohin, in Erfüllung des Standes, in welchem man steht.




*010109*

Frausein als erfüllte Hingabe

Edith Stein zum Wesentlichen des Frauseins: "Sich liebend einem anderen Wesen hinzugeben, ganz eines anderen Eigentum zu werden und diesen anderen ganz zu besitzen (im Sinne von: ganz von ihm im Erkennen durchwirkt sein; Anm.) ist tiefstes Verlangen des weiblichen Herzens. Darin faßt sich die Einstellung auf das Persönliche und auf das Ganze zusammen, die uns spezifisch weiblich erscheint."

"Wo diese Hingabe einem Menschen gegenüber erfolgt, ist sie eine verkehrte Selbstpreisgabe, eine Versklavung und zugleich ein unberechtigter Anspruch, den kein Mensch erfüllen kann. Nur Gott kann eines Menschen Hingabe ganz empfangen und so empfangen, daß der Mensch seine Seele nicht verliert, sondern gewinnt."

"Darum ist die restlose Hingabe, die Prinzip des Ordenslebens ist, zugleich die einzig mögliche, adäquate Erfüllung des weiblichen Sehnens."




*010109*

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Schlicht: köstlich


Der KURIER bringt einige Peinlichkeiten des Jahres 2008, und ich kann nicht widerstehen, einige davon hier zu bringen:

Glänzender Tipp
Zum Thema "Tipps gegen die Teuerung" Fiona Griffini-Grasser (aus dem Hause der Multimillionäre Swarowsky): "Wenn man Platz auf seiner Terrasse hat, dann soll man sich sein Gemüse, seinen Salat einfach selber anbauen."

Spitzerl
Claudia Stöckl fragte beim sichtlich angeheiterten Tobias Moretti nach, wie er sich den Verbleib von Dita von Teese im WC erklären könne. Moretti dazu:
"Wer?"
"Der Stargast von Richard Lugner (Anm.: am Opernball), Dita von Teese."
" Dieter, ein Mann?!"
"Nein, das ist eine Frau, eine Tänzerin, eine Edel-Stripperin (…)."
"Wieso heißt die dann Dieter?"
 

(siehe Photo: Dita von Teese)




*311208*

Religion des Schönen

Schiller 1794 an Goethe: "... Hält man sich an den eigentümlichen Charakter des Christentums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in der Aufhebung des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das Christentum eine freie Neigung ersetzt haben will. Es ist also in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinne die einzige ästhetische Religion; daher ich mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück macht, und nur in Weibern noch in einer gewissen erträglichen Form angetroffen wird. ..."




*311208*

Montag, 29. Dezember 2008

Krank sein dürfen

Schiller in seiner Antwort auf eine Einladung Goethe's nach Weimar: er könne (aufgrund seiner Krämpfe) nicht dieses und nicht jenes, morgends schlafe er, weil er nächtens nicht schlafen könne, ja er könne an so gut wie nichts teilzuhaben versprechen, weshalb er bereits jetzt fest verspreche, an keinem von Goethe's Vorschlägen, etwas zu unternehmen, teilzuhaben, und er erbitte sohin dringend, ihn von allem entbunden zu sehen, wo andere an ihn gebunden seien - dann komme er gerne. "Erlauben Sie mir aber bitte, krank zu sein!"




*291208*

Nur Schönheit ist Kultur

Natürlich verknüpft sich Freiheit (siehe: Goethe's Definition von Schönheit, die Freiheit voraussetzt) mit Schönheit zur Kultur. Kulturelle Höhe ist gekennzeichnet durch Schönheit.

Weshalb man viel zu leichtfertig von KulturEN der Welt spricht - denn nicht selten findet sich lediglich ein Zustand einer Kultur, deren Kultur-sein vom Freiheitsgrad abhängt.

Innerhalb von Getriebenheiten - und seien es solche von natürlichen (an sich abstrakten, Konkretion in einem kulturellen Gefüge zu einem solchen suchenden) Neigungen, die zu Trieben als Haltungen ausgehärtet wurden - ist auch keine Schönheit, lediglich technische Tauglichkeit (Attraktivität ist eine Kategorie dieser Technik) zu finden.




*291208*

Mehr als notwendig

Goethe schreibt in einem Traktätchen, daß die Schönheit eines Lebewesens in der Darstellung der Freiheit in seiner Möglichkeit zur Möglichkeit (dem actu der potens) besteht bzw. sinnlich erfahrbar wird - in der Ausgedrückten Freiheit von Notwendigkeit. Jede Bewegung drücke dieses "Mehr" aus, diese Nicht-Getriebenheit.

Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, daß Freiheit eine Kategorie des Menschen ist, ihre Möglichkeit somit Auftrag zur Schönheit, aber wiederum innerhalb der geschöpflichen Vollkommenheit, also konservativ (und nicht positivistisch) verbleibt.

Die Überschreitung dieser Vollkommenheit ist ein Schritt zum Ästhetizismus, zum Manieristischen, und genau dieses Abgleiten dorthin zeigt sich im Idealismus der Romantik.




*291208*

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Vielleicht bist Du's

Unvermutet, in seinen Briefen, dies Gedicht von Jakob Burckhardt:




























*171208*

Sonntag, 14. Dezember 2008

Man merkt die Absicht und ist verstimmt

Immer wieder ist die Decke zu kurz, die William Golding in "Der Herr der Fliegen" über seine Ideengerüste in Handlung und Charakteren geworfen hat, so daß ich der hohen Meinung über dieses sein Buch nicht wirklich beipflichten kann. Golding will eine Theorie darstellen, das merkt man auf Schritt und Tritt, und Figuren wie Handlung dient lediglich der Illustration dieser Theorie: Der Entstehung von totalitären Regimen.

Zwar ist manches an seinen Gedanken, dem man beipflichten kann, viel Wahres über Zusammenhänge von Irrationalem, Bösem und Religion, sowie Vernunft. Aber daß Golding dabei aus der aufklärerisch-rationalistischen Ecke kommt, für die Numinoses generell nicht mehr ist als psychologisch-mechanistisch erfaßbares, weltimmanentes, rein subjektivistischer Schwächeaffekt kann er ebenfalls nicht abstreiten.

Gewiß, das Totalitäre in seiner Zustimmung durch den Großteil der Masse kann sich auf irrationale Ängste berufen, die es kanalisiert, in Gruppenerlebnissen läutert sowie jene als deren Ort der Erlösung erfahrbar macht. Gewiß und sogar möglicherweise ungewollt tiefsinnig auch der erklärte Zusammenhang von Machtusurpation (ungerechtfertigter Aneignung) und Neid, ja Sturz des Vaters. Sehr schön, gewiß, auch die Erklärung des die Gesellschaftsordnung begründenden als wesentlich traditions- und dann tabubestimmt. Aber schon an deren Entstehung aus bloß persönlicher Willkür, aus zufälliger, willkürlicher Wahl von Attributen, die ein irgendwie gewordener Führer festlegt, bricht sich die Theorie, sucht sie sich Fundamente, die nicht halten.

Golding's Immanentismus stört denn also, und vermutlich liegt die letztlich fehlende Glaubwürdigkeit des Buches, die man an der Plausibilität der Charaktere und Geschehnisse mißt, das kaum über einen (wenn auch sehr intelligenten) Traktats hinauskommt, genau darin: daß eine Dimension des Menschen schlicht fehlt, und daß Religion eine Dimension der Wirklichkeit, und nicht einer biologistischen Psychologie ist. Vermutlich bezieht das Werk seinen Ruhm eben nicht aus seinem Rang als Kunstwerk, sondern als Versuch einer Illustration der Metapher einer Theorie des Totalitären.




*141208*

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Was nur man selbst kann

Schiller, zu der Zeit Geschichts-Dozent in Jena, fragt Dalberg, was er nun tun solle: als Schriftsteller historischer Schriften weiterleben, oder als Dichter weiterleben?

Dalberg antwortete: "... ich würde wünschen, daß Sie in ganzer Fülle dasjenige leisten, was nur Sie leisten können, und das ist das Drama."

Leisten, was nur durch einen selbst geleistet werden kann - die höchste Spitze des Menschseins, von der aus der Mensch selbst definiert wird, den es nur als Individuum gibt.

Das Höchste im Leben des Einzelnen wird Gestalt, wenn es aus der Wirklichungskraft des (gereinigten, reinen) Selbst steigt.

Ein Prinzip des "Höheren Guts." Eine Hilfe für Lebensentscheidungen.




*101208*

Samstag, 6. Dezember 2008

Orden der strengsten Observanz


Ein Trappistenkloster (reformierte "Zisterzienser von der strengeren Observanz", während Zisterzienser wiederum reformierte Benediktiner sind) kehrt geschlossen zur "Alten Ordnung" zurück - im Ordensleben, im liturgischen Leben: Marienwald. (siehe Photo; Titelverlinkung: Artikel auf kreuz.net)

Der Abt: "Man übersieht meist, wie viel Anziehungskraft die französischen Klöster auf junge Menschen haben, die die Alte Liturgie pflegen." (Anm.: In Frankreich gibt es eine Reihe von Abteien, die sich teils schon lange wieder oder überhaupt der traditionellen Liturgie verschrieben haben, wie Le Barroux)

Die Genehmigung aus Rom für diesen Schritt langte laut Bericht angeblich so rasch nach dem Ansuchen ein, daß die Vorbereitungen zu dieser Umstellung noch gar nicht abgeschlossen waren und nun beschleunigt nachgeholt werden.

Vielleicht entsteht bald der nächste benediktinische Zweig - die "Marienwalder - Orden von der die Strenge wieder streng machenden Observanz".

Hoffentlich schaffen sie nicht - auch das gibt es ja bereits, unter anderem in der Piusbruderschaft - eine neue Häresie, reihen sich ein in eine Strömung, die Merkmale einer Modeerscheinung hat: der Häresie des Traditionalismus, oder: des zur Häresie betonten Traditionalismus.

Böse Zungen behaupten, es gäbe ohnehin nur einen einzigen katholischen Orden - den der Benediktiner. Alle anderen wären (für sich gesehen) häretisch. (Häresie = das Auswählen, das Ausgewählte).




*061208*

Freitag, 5. Dezember 2008

Dann packe zu!

Jack Malloy in "Verdammt in alle Ewigkeit" kurz vor seinem Ausbruch, den er Prew zu dessen Überraschung verriet - er hielt seinen Zellenkumpan bis dahin für absolut abgeklärt und ausgewogen, aber der winkte ab, er stehe auf tönernen Füßen: "(Im Gegensatz zu Dir) ... habe ich die Armee nie geliebt. Ja, ich habe überhaupt nie etwas genug geliebt, und deshalb gehöre ich nirgendwo dazu. Die Dinge, die ich geliebt habe, waren alle zu trügerisch, zu irreal. Ich leide an der gleichen Krankheit, die ich zu diagnostizieren versuche und die die Welt zerstört.

Das ist's, was mich mein ganzes Leben lang verfolgt hat, (...) Immer ist es hinter mir her gewesen und hat mich zu Fall gebracht, dieses Ding, das ich gesucht hab und niemals finden werde. Welcher Platz im Himmel auch immer auf mich wartet, ich gäbe ihn dafür, wenn ich etwas so lieben könnte, wie du die Armee liebst. Verlaß sie nicht, (...) Niemals.

Wenn ein Mann einmal das gefunden hat, was er wirklich liebt, dann muß er es festhalten, ganz gleichgültig, ob seine Liebe erwidert wird oder nicht. Und (...) wenn es ihn schließlich tötet, sollte er dankbar dafür sein, daß er überhaupt die Möglichkeit hatte, so zu lieben. Darin liegt nämlich das ganze Geheimnis.
"

Dazu vielleicht nur zwei Bemerkungen, Hinweise - auf diese Angst vor dem Schmerz, dem Tod, dem man sogar sein Glück opfert, einerseits, und: die (eben: Nicht-)Erziehung zur Trägheit der Versorgtheit, ja: des Förderwesens, das zutiefst einer Haltung der Lieblosigkeit erwächst, die das Kind schon genau das, was es liebt, vielleicht sogar noch erkennen läßt, aber den entscheidenden Ernst, es festzuhalten, nie ertüchtigt, sodaß der Mensch, erwachsen, korrumpiert, dem davonwehenden Glück schlichtweg ... traurig nachblickt.

Es ist eben nicht (zumindest nicht: zuerst) die Versorgtheit, die Versicherung gegen die Lebensunbill, die Lebensgeglücktheit grundlegt.

Es ist der Wille, zuzupacken - vor dem Hintergrund der fehlenden Furcht vor Schmerz und Tod.




*051208*

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Angst vor dem Tod

Goethe meint einmal, daß alle Kunst religiös sei, ja sein müsse. Sei sie das nicht mehr, würde sie bloß nachahmen. Dazu fügt C.J. Burckhardt noch die Bemerkung an, daß er den Eindruck habe, daß die heutige Künstlergeneration dem entgehen wolle. Sie fürchte die Nachahmung so sehr, daß sie die Schönheit im platonischen Sinne (Thomas von Aquin: Gott schafft immer geometrische Formen, das heißt Ordnung und Harmonie) nicht nur meide, sondern sie jedesmal, wenn sie auftauche, breche.

Immerhin - im Werk tritt der Künstler gnadenlos sich selbst gegenüber.




*041208*

Das Neue = das Andere

C. J. Burckhardt in einem Brief (1946) an Gustav Bally (unter anderem Präsident der Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie):

"... dieser mir psychologisch so merkwürdige Begriff 'des Neuen', das doch nichts anderes sein kann als das Andere, nämlich eine Ausschließung von allem Seienden und Bewährten."




*041208*

Dienstag, 2. Dezember 2008

Über das Vorherwissen

"(... denn da ihm alle Dinge gegenwärtig sind, sieht er sie vielmehr, als daß er sie vorhersieht), ... in Wahrheit sehen wir es so kommen, weil es so kommt; aber es kommt nicht so, weil wir es so kommen sehen. Das Geschehen macht das Wissen, und nicht das Wissen das Geschehen. Was wir kommen sehen, kommt so; aber es konnte auch anders kommen; und Gott sieht im Buch der Ursachen des Kommenden, das vor seiner Allwissenheit aufgeschlagen liegt, auch jene, die wir zufällig nennen, und die willkürlichen, die in der freien Wahl stehen, mit der er unseren Willen begabt hat, und er weiß, daß wir fehlen werden, weil wir haben fehlen wollen." 


(Montaigne)




*021208*

Das hat Humor!

Zur Zeit der Proteste bis 1989 (Wende) im kommunistischen Polen verkleideten sich im schlesischen Breslau bei Protestaktionen Studenten als Zwerge.

Die Polizei mußte dann bei den Verhaftungen ... Zwerge inhaftieren. Während die Studenten skandierten: "Ihr könnt doch keine Zwerge verhaften!"




*021208*