Aber Spaemann weist noch auf etwas hin, und ich bin mir gar nicht so sicher, ob er das selber gesehen hat: wenn er nämlich schreibt, daß die Pflege dieses Verbrechens als religiöses Opfer auch eine subtile Entschuldung der Täter in sich berge. Diese werden nämlich damit nicht lokalisiert, sondern bieten (noch dazu unter Ausnehmung der Frauen als Täter!) im großen Begriff des "wir", "wir Täter", eine diffuse pauschale Identifizierungs- wie aber genau damit: Distanzierungsmöglichkeit des Einzelnen. Der so erst in der Lage ist, insgeheim zu sagen: "ich allerdings nicht"; ich war "Opfer der Verführung".
Wirkliche Täterschaft, im Großen, im Kleinen, erspart sich so die unmittelbare Aufarbeitung durch Konfrontation mit realer Schuld und Sühne, indem sie sich geräuschlos in ein öffentliches religiöses Ritual eingliedert. Denn mit dem "wir" gewinnt man sogar die höhere Weihe des Selbstanklägers!
Das impliziert - und vielleicht liegt darin die Begründung dafür, daß das Thema nicht und nicht ruhen will - daß dieses Thema tatsächlich nicht aufgearbeitet wurde und wird, und zwar GERADE DURCH diese Sakralisierung, DURCH diese Ersatzreligion des "Holocaust". Der diese Verbrechen in geheiligte Tabu-Regionen versetzt, ohne ihre wahre Natur betrachten zu dürfen. (Denn jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema, die rückhaltlosen Zweifel erlauben müßte, ist mit den Verbotsgesetzen unterbunden.)
Damit bleiben nur Verdrängung (als Überantwortung ans Unterbewußte), oder gar: gutheißende Identifikation (sic!), als Strategien der Schuldbewältigung, um neue Unbefangenheit im Handeln gewinnen zu können, wie sie jede Jugend braucht und verdient.
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