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Donnerstag, 22. April 2010

Aus fernen Zeiten ward berichtet

"In dieser Zeit gab es nur einen Stoff; er war Gemeingut wie Luft und Licht, in natürlicher Entwicklung nach den ewigen Gesetzen geistigen Trennens und Lösens, Verbindens und Schaffens erwachsen. Die Form war fest und kunstvoll geschmiedet, ein Becher, mit dem man nur zu schöpfen brauchte.
Dichten hieß erhalten und liebevoll hegend weitergeben, was allen gehörte und niemandem. Der Dichter war der Mundschenk, der den Wein in kundiger Wahl zu reichen hatte. In angemessenem Tonfall trug er sein Lied in rhythmischer Harfenbegleitung vor. Da waren alle Küsnte vereinigt: Tonkunst und Wortbild und die dramatische Weise, in einfacher, gewaltvoller Verbindung und Wirkung, was man in späten Jahrhunderten erst durch mühsame Arbeit zu verknüpfen suchte.

Und statt des einsamen Lesers eine Versammlung gleichgestimmter Zuhörer, statt des gelegenheitslosen Genießens der kommenden Geschlechter ein dichterisch gehobener Tagesabschnitt - festliches Mahl und frohe Gemeinschaft-, eine Jahreswende - Fest und Opfer - , oder der ernste Markstein eines Lebens - Hochzeit, Totenfeier - aber immer eine Gelegenheit und ein Anlaß.


Um was wir die Griechen so beneiden, das hat das deutsche Volk einmal schon besessen, in den Hallen der gotischen Fürsten, an den einfachen Höfen der Franken und Sachsen, Alamannen, Thüringen und Bayern, selbst an Attilas glanzvollem Fürstensitz, wo gotisches Leben und germanische Lieder heimischer waren als in Ravenna und Aachen
."


Josef Nadler in "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" über die Rolle der Literatur bei den Germanen
vor dem Jahre 800.



*220410*

Mittwoch, 21. April 2010

Das antiautoritäre Konzil

"Die Reformation steht am antiautoritären Beginn der bürgerlichen Gesellschaft. Fügen wir hinzu: Das Konzil (Vaticanum II, Anm.) gehört in die Endphase ihrer Herrschaft. Die reformatorische Wendung zur Sprache (im Umschichten der Liturgie, ja ihrer Heilsvermittlung, durch Reduktion und Substituierung des Ritus durch Wort, Anm.) hatte damals eine ganz andere - nämlich antiautoritär befreiende - Wirkung, als sie es in der gegenwärtigen Situation haben kann, in der die "Öffentlichkeit einen Zustand erreicht hat, in dem unentrinnbar der Gedanke zur Ware oder die Sprache zu deren Anpreisung wird." (Zitat H. Marcuse, Anm.)

Das rührt an ein Grundproblem der Persönlichkeitsbildung. Versprachlichung signalisiert grundsätzlich (und das heißt: in allen Kulturen) ein zwiespältiges Verhältnis zur Freiheit der Subjekte (ihrer Freiheit gegenüber subjektvernichtenden objektiven Verhältnissen). Versprachlichung ist nicht nur Freiheitsgewinn (in der Verfügung über die einsozialisierte Lebensführung) sondern auch Beschränkung: Einpassung in ein bestimmtes Bewußtsein."

Alfred Lorenzer in "Das Konzil der Buchhalter - Die Zerstörung der Sinnlichkeit/Eine Religionskritik"
 
 
 
 
*210410*

Dienstag, 20. April 2010

Herrschaft ALS Technik

"Ich möchte den zuinnerst instrumentalistischen Charakter dieser wissenschaftlichen Rationalität darlegen, kraft dessen sie a priori Technologie ist und das Apriori eine spezifischen Technologie - nämlich Technologie als Form sozialer Kontrolle und Herrschaft. [...] Die Prinzipien der modernen Wissenschaft waren a priori so strukturiert, daß sie als begriffliche Instrumente einem Universum sich automatisch vollziehender, produktiver Kontrolle dienen konnten; der theoretische Operationalismus entsprach schließlich dem praktischen.
 
Die Wissenschaftliche Methode, die zur stets wirksamer werdenden Naturbeherrschung führte, lieferte dann auch die reinen Begriffe, wie die Instrumente zur stets wirksamer werdenden Herrschaft des Menschen über den Menschen vermittels der Naturbeherrschung. Theoretische Vernunft trat in den Dienst praktischer Vernunft und blieb dabei stets rein und neutral. Die Verschmelzung erwies sich als vorteilhaft für beide.
 
Heute verewigt und erweitert sich die Herrschaft nicht nur mittels der Technologie, sondern ALS Technologie, und dies liefert der expansiven politischen Macht, die alle Kulturbereiche in sich aufnimmt, die große Legitimation."

Und:

"Die unaufhörliche Dynamik des technischen Fortschritts wurde vom politischen Inhalt durchdrungen und der Logos der Technik in den Logos fortgesetzter Herrschaft überführt. Die befreiende Kraft der Technologie - die Instrumentalisierung der Dinge - verkehrt sich in eine Fessel der Befreiung, sie wird zur Instrumentalisierung des Menschen."


Herbert Marcuse in "Der eindimensionale Mensch"


(Anmerkung: Das Problem bei Marcuse - Bild - ist nicht, daß er die Realitäten nicht richtig sähe. Im Gegenteil, und das ist ja manchem Linken zugute zu halten (gewesen), wird die Realität oft bestechend genau gesehen. Das Problem bei Marcuse, und allen Linken, ist, daß ihre Herleitungen schlicht Unsinn sind, und zwar weil ihre Sicht des Menschen und damit die Erklärung über die Entstehung von faktischen Zuständen falsch ist. Deshalb sind auch ihre Gegenrezepte fast immer unbrauchbar, weil sie in haltlosen Utopien ersaufen.

Heute besteht allerdings generell das Problem, daß der Marxismus, die Linke, TEIL des Herrschaftssystems, ja daß der Marxismus, s. o., nach seinem langen Weg durch die Institutionen (Mao), das (technizistische) Instrumentatium des Herrschaftssystems IST. Der Marxismus selbst - auf den alles zutrifft, was Marcuse (oder: Weber) als Ergebnis einer Technisierung der Welt in ihrer Verwissenschaftlichung als Herrschaftstechnologie sieht - ist jenes Schreckenswerkzeug, das Marcuse so scharfsinnig am Werk sieht. Marcuse beschreibt also ... den Marxismus und seine Wirkungen, beziehungsweise in seinen Zusammenhängen mit dem Antiautoritarismus Luthers!

Das hat zu der Groteske geführt, daß das größte Problem der heutigen Linken - über die "political correctness" - ihre Verfestigung zu einer herrschenden Klasse wurde, der das Objekt ihrer Kritik abhanden gekommen ist (und u. a. deshalb in mumifizierten Schreckensbildern - wie Lenin im Mausoleum am Roten Platz - am Leben gehalten werden muß: die Linke muß sich ihre Feinde heute selbst schaffen! und sie tut das auch). Dadurch haben sie ihre einstige Stärke völlig verloren, ja diese wurde zu ihrer heute größten Schwäche: NICHTS fällt der Linken heute so schwer wie die Anerkenntnis von schlichten, ja oft simpelsten Realitäten! Oder, wie es unlängst jemand ausdrückte: "Die Linke ist stinklangweilig geworden. Und mit der political correctness verräterisch: so verhält sich jemand, der meint, er hätte etwas zu verlieren. Das hätte aber nur die Macht?!")




*200410*

Montag, 19. April 2010

In den Netzen der Psychoanalyse

Nur innerhalb der - wenn man so will: sogar von ihr selbst geschaffenen - starren Schienensysteme, der Unfreiheiten, in die sich der Mensch verstrickt hat, vermag die Psychologie, die Psychoanalyse "befreiend" zu wirken. Indem sie diese (noch einmal: nicht selten vom selben Rationalisierungsimpuls geschaffenen) Drahtkäfige aufzulösen, ihnen dämonische Ganzheit zu nehmen vermag. Hier hat das Wort also in bestem Sinn entdämonisierende Wirkung. Viktor Frankl's Ansatz der Logotherapie, die ausschließlich mit dem Wort- und Erklärungsvorrat des "Patienten" arbeitet, kann in dieser Hinsicht als vorbildlich, aber sogar als einzig mögliche weil zulässige "Therapie" angesehen werden. Denn selbst wenn Frankl von dem ontologisch gesehen an sich verfehlten Ansatz der "Sinnsetzung" ausgeht, der Sinngebung durch menschlichen Kulturwillen selbst, so wird dieser Immanentismus hier brauchbar und fruchtbar.

Keineswegs aber vermag die Psychoanalyse Welt zu schaffen, und noch viel weniger: Welt zu erklären! Wo sie dies zu tun versucht, wirft sie über den ganzheitlichen, komplexen, immer, und nicht als Metapher so überzuckerten, geheimnisvoll zu nennenden Menschen - denn jede Ganzheit ist ein Geheimnis - ein Netz der Zwangsmechanisierung, und lähmt ihn genau dort, wo sie ihn zu befreien vorgibt.

Indem sie ihm ihn selbst wegnimmt, mit einem beherrschbaren Surrogat des Rationalen zu trösten versucht. Damit erreicht sie sogar genau das Gegenteil des Behaupteten - sie verdrängt seine Ganzheit, die sich in unerreichbare Unterschichten zurückzieht, und liefert den Menschen erst recht - indem sie seinem Selbst auch noch das Recht nimmt, sich ganz für sich zu beanspruchen - dem Dämonischen, der Unfreiheit der Getriebenheiten aus.



*190410*

Sonntag, 18. April 2010

60.000 bis 30.000 Jahre

So lange, schreibt nun der Standard, ist es her - streng wissenschaftlich, natürlich - daß die Menschen von diesem einen Punkt in Afrika aus aufgebrochen sind, um die Welt zu erobern. Weltweite genetische Untersuchungen an mittlerweile zweihunderttausend Menschen kommen zu diesem Ergebnis.

Ein alter Hut, natürlich. Aber es ist immer amüsant, wenn sich die Linken aufraffen, doch auch Fakten zur Kenntnis zu nehmen und all ihre Gewißheiten, an die sie sich so festkrallen, allmählich loslassen. Die Welt ist doch nicht so simpel, wie sie hofften, um dem eigenen Gewissen zu entfliehen.

Und auf was für kurze Zeitspannen menschliche Geschichte plötzlich reduziert möglich wird. Na klar, ist ja wissenschaftlich. Nichts mehr aber von mit sonorer Stimme gehauchtem "Hier hat die Evolution in Millionen von Jahren ..."




*180410*

Man lebt, wie man glaubt

"Es kommt also zunächst wieder darauf an: die besondere Eigenart des okzidentalen und, innerhalb dieses, des modernen okzidentalen, Rationalismus zu erkennen und in ihrer Entstehung zu erklären. Jeder solche Erklärungsversuch muß, der fundamentalen Bedeutung der Wirtschaft entsprechend, vor allem die ökonomischen Bedingungen berücksichtigen.

Aber es darf auch der umgekehrte Kausalzusammenhang darüber nicht unbeachtet bleiben. Denn wie von rationaler Technik und rationalem Recht, so ist der ökonomische Rationalismus in seiner Entstehung auch von der Fähigkeit und Disposition der Menschen zu bestimmten Arten praktisch-rationaler Lebensführung überhaupt abhängig. Wo diese durch Hemmungen seelischer Art obstruiert war, da stieß auch die Entwicklung einer wirtschaftlich rationalen Lebensführung auf schwere innere Widerstände. Zu den wichtigsten formenden Elementen der Lebensführung nun gehören in der Vergangenheit überall die magischen und religiösen Mächte und die am Glauben an sie verankerten ethischen Pflichtvorstellungen
."



Max Weber in "Die protestantische Ethik", worin er (selber Protestant) aufweist, wie die Entwicklung des modernen Kapitalismus von der Entwicklung des emanzipatorischen Protestantismus nach Luther bedingt ist. Wie, vereinfacht, die Art des menschlichen (und natürlich vor allem wirtschaftlichen) Handelns von der Grundhaltung zur Welt bestimmt ist. Der Protestantismus aber hat das Wirtschaften selbst, weil das ganze Denken über die Welt, in der Entmythologisierung zu einem bestenfalls noch durch positivistische Moral, nicht mehr aber aus dem (metaphysiklosen) Wesen der Dinge heraus (deren Maß nicht mehr in ihnen selbst, in ihrer Natur, und als solche Willensäußerung Gottes, liegt), beschränkbaren Selbstzweck entfesselt.

Der Rationalismus, der Technizismus der Gegenwart ist maßgeblich einer Geisteshaltung innert, die deckungsgleich mit den Quellen des Protestantismus ist, und umgekehrt, vor allem eben: umgekehrt. Denn die Sicht auf die Welt, die Haltung zu den Dingen, bestimmt jeden Moment menschlichen Handelns. Schon gar, weil der Protestantismus einem ununterbrochenen "Erziehungsprozeß" gleichkommt. Das "sola fide" Luthers - nur der Glaube genügt - führt zu einer Überbetonung des Wertes der menschlichen Arbeit und Leistung in ihrer Instrumentierung! Nicht zufällig gibt es im Protestantismus das "nutzlose Spiel" als Lebensform - das Mönchstum, der ausgeprägte Kult - NICHT. Gott zu gefallen ist nur noch über die Erfüllung nützlicher innerweltlicher Pflicht möglich. Weshalb die disziplinierenden, alles kontrollierend-moralisierenden Elemente des Mönchstums, profaniert, sehr wohl ins Laienleben übernommen wurden. Cromwell's puritanische Truppen hießen "die Mönche"! Damit wird sogar die Wirklichung in der Welt - H. Marcuse schreibt das einmal - "unvernünftig", nicht mehr wirklich rechtfertigbar, letztlich: sinnlos, und damit ... normenlos. Luther sagt es ja einmal: "Die Werke aber sind tote Dinge, können Gott nicht ehren noch loben."


Max Weber stellt also nicht zufällig fest:

"Ein Blick in die Berufsstatistik eines konfessionell gemischten Landes pflegt mit auffallender Häufigkeit eine Erscheinung zu zeigen, welche mehrfach in der katholischen Presse und Literatur und auf den Katholikentagen Deutschlands lebhaft erörtert worden ist: den ganz vorwiegend protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums, sowohl wie der oberen gelernten Schichten der Arbeiterschaft, namentlich aber des höheren technisch oder kaufmännisch vorgebildeten Personals der modernen Unternehmungen."



*180410*

Samstag, 17. April 2010

Zum Ideologieproduzenten geworden

"Die Kirche selbst tritt plötzlich als Produzent von Weltanschauung auf. Sie gibt den bislang noch im Mythos verankerten Widerstand sinnlichen Verlangens gegen den herrschenden Zeitgeist preis."


Alfred Lorenzer, Psychoanalytiker und Professor für Soziologie in "Das Konzil der Buchhalter" über die Entwicklung der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die die Verkündigung der Kirche radikal entsinnlicht und noch radikaler verbalisiert und damit prinzipiell verändert hat.




*170410*

Freitag, 16. April 2010

Die Bühne im Kopf

Weil jedes Wort Symbol für einen Weltgehalt ist, sagt Alfred Lorenzer, weil das Wort darin einen realen Bezug zu einer - in Erlebnisqualitäten und -bezügen qualifizierten - Weltform hat, ist das Sprechen selbst weit mehr als das bloße rationalistisch-mechanistische Bewegen von logischen Zeichensystemen. Das "Symbolisierte" geht viel mehr im Symbol auf, "ist" es in gewisser Hinsicht.

Sprache, Sprechen (und damit: Denken, Anm.) ist also keine praxislose Operation, sondern ein "Probehandeln" mit Praxiskomplexen, die einen Anteil nichtsprachlicher Sinnlichkeit haben.




*160410*

Mutter Kirche

Anne Parsons zeigt in ihrer bemerkenswerten (psychoanalytischen) Arbeit über den Ödipus-Komplex anhand der sozialen Gegebenheiten in Süditalien, wie eng die Haltung zur Kirche mit der Stellung der Frau in der Familie, und deren (ödipal bemerkenswert geprägtes) Verhältnis zu ihren Söhnen zu tun hat. Die Kirche, und vor allem die Gottesmutter Maria, sind für die Mutter Mittel, die Macht über die Söhne, ohne das Tabu zu brechen, zu bewahren.

Die notwendige Ablösung von der Mutter in der Pubertät, die stark vom sozialen Umfeld vorangetrieben und häufig über die Ehe hinaus für die Identitätsbildung konstituierend ist, passiert sohin über die in Unteritalien bemerkenswert spöttische Haltung der Kirche gegenüber. Vor allem wird die Kirche - sic! - der Unreinheit in sexuellen Dingen sehr gerne bezichtigt.

Der junge Mann aber muß sich, um erwachsen zu werden, von der Kirche ... abwenden. Religion und Sexualität, so Parsons, sind in den Augen der Süditaliener, nicht vereinbar.

Entsprechend sind die Probleme mit der Kirche in den Verhältnissen zur Mutter zu suchen. Und weil genau das nicht möglich ist, hat die Kirche derzeit "unlösbare" Probleme - es ist nicht möglich, weil sie, in der überwiegenden Mehrzahl ihrer Repräsentanten, von einer Massenpsychose befallen ist, und deshalb den wahren Ursachen des Problems auf unnachahmliche Weise ausweicht.

Mich hat einmal vor vielen Jahren ein hochgestellter Kleriker gefragt, warum ich denn meine, daß es in der Kirche - das Problem war also viele Jahrzehnte bekannt - so viele Homosexuelle gäbe. Die Antwort liegt genau dort - im selben Bezirk, wo das Problem Homosexualität selbst liegt: in der Identitätsverweigerung, in der psychotisch gewordenen Beziehung zur Mutter, als Gewissensherrscherin, der zu "entfliehen" nur durch "so werden wie" möglich wird.

In kaum anderer, lediglich selektiv moralisierter Form, betrifft es die "Muttersöhnchen", die in der Nachkriegsgeneration zum Standardtypos des vorzufindenden Mannes in der Kirche geworden ist, oder umgekehrt.

Und in der Gleichsetzung dieser "Nicht-Männer" mit Kirche liegen fast sämtliche übrigen Probleme, die gemeiniglich als "Glaubensschwund" bezeichnet werden - und seltsamerweise ... von einem wahren Boom an agnostischen, esoterischen Lehren gekennzeichnet sind. Lehren und Systeme, die es ermöglichen, der eigenen Mutter (als überliefertem Werterepräsentanten) auszuweichen.




*160410*

Donnerstag, 15. April 2010

Geburtsstunde des Spießers

Im Aufschwung der Städte, der Kaufmannschaft, im Götzen Geld, der nun aufgetaucht war, in der Demontage von Adel und Reich, in den Ereignissen des 13. und 14. Jahrhunderts, sieht Joachim Fernau die Geburtsstunde des deutschen Spießers.

"Damals bildeten sich im Charakter der Deutschen auch jene Züge, die sich bis heute gehalten haben und die so widerwärtig, so unleidlich und oft so beschämend sind.

In der ideenlosen, engen Welt der kleinen Städte ohne Vaterland wurde der Vereinsmeier geboren, der seinen Stolz in lächerlichen Dingen sucht, der sich unter dem Banner seines Kegelklubs und unter donnernden Reden beerdigen läßt; der Titelkranke, der vor Wut bebt, wenn man ihn nicht mit Herr Doktor anredet; der Radfahrer, der nach unten trampelt und nach oben schamlos buckelt; der stille Hasser alles Fremden und anders Gearteten, das sein Philistertum bloßstellt, und der berühmte "Feigling in der Fremde", der alles einsteckt, weil seit jenen alten Tagen fast niemals mehr die Macht eines Vaterlandes hinter ihm gestanden hat."

Und wieviel erst, so Fernau, hat Deutschland sich selbst später dann zuzuschreiben, genau weil es diesen Weg eingeschlagen, genau diese Stunde der Geschichte so selbstsüchtig-kleinlich versäumt hat. Denn in der beginnenden Renaissance ... wurde die Welt aufgeteilt. Aber Deutschland war nicht dabei. Es machte die bahnbrechenden Erfindungen, die eine neue Welt vorbereiteten - den Globus, das Schießpulver, den Buchdruck, die Taschenuhr. Aber es war weltpolitisch abgemeldet, Spielball und Zankapfel europäischer Mächte, auch habsburgischer Eigensucht. Und während es sich in Wohlstand und Bürgerglück suhlte, bemerkte es nicht, daß es politisch auf ein Nebengleis rutschte, bis es ein furchtbares Erwachen gab ...


Joachim Fernau in "Deutschland, Deutschland über alles ..."



*150410*

Mittwoch, 14. April 2010

Das Anhauchen Gottes

Etymologien von Worten - die Geschichte ihrer Herkunft, die im Grunde eine Geschichte ihrer Verwendung ist - gehören wohl zum Erbaulichsten, das es zu lesen gibt. Und sind oftmals reine Poesie.

So das, was die Brüder Grimm (ihr Wörterbuch; sie selbst waren es in dem Fall nicht mehr) über GEIST schreiben. Sie zeigen, daß es aus dem Verstehen als "Hauch" herkommt, seine Wortentstehung leitet sich aus dem nordischen ab, wo es als "gajst" etc. in der Bedeutung von Hauch oder Atem vorkam wie kommt.

Und entsprechend wird Geist als Wind oder Atem verstanden. In diesem Zusammenhang wurde es auch als Zeichen verwendet, so wenn Jesus seine Jünger anhaucht ("Empfanget den Heiligen Geist!"), ehe er sie aussendet, oder wenn der Priester (leider nur im "alten" Ritus) den Täufling anbläst.

In diesem Sinne ist es als 'Seele' und Lebensgeist zu verstehen, was sich in vielen Schöpfungsmythen ausdrückt, wo Gott zum Beispiel dem von ihm geformten Leib des Adam über die Nase Lebensgeist, Lebensatem einbläst.

Im Lateinischen - spiritus - stammt es ja offensichtlich aus derselben Quelle, und ist in dieser Verquickung reine Poesie: spirare. Hauchen. Ausatmen.



*140410*

Dienstag, 13. April 2010

Vom Nutzen der Armut

Anfang der 1950er Jahre traf Graham Greene in Neapel den dort seinen Lebensabend verbringenden, ehemaligen deutschen Ulanenoffizier, Baron Schacht. Der völlig mittellos war, und hauptsächlich von Pasta und Kräutern, die er in den umliegenden Bergen sammelte, lebte. Und von den zahllosen Einladungen seiner noch zahlloseren Freunde, die er dort gewonnen hatte.

Jedes Jahr, zum Geburtstag des deutschen Kaisers, zwängte sich der längst aus allem Leim gegangene, vor Gesundheit aber strotzende Baron in seine alte Reiteruniform, und salutierte in vollem Wichs vor dem Bild seines ehemaligen Herren. "Es war damals alles so friedlich," meinte er.

Die Regierung Adenauer bekam Wind von seiner armseligen Existenz, und setzte ihm eine standesgemäße Gnadenrente aus.

Das war der Untergang des Barons. Denn er war ein großzügiger Mensch, und ab nun in der Lage, alle freizuhalten, weil endlich alles zurückzuzahlen, was er erhalten.

Nach wenigen Wochen erlag er, nach einem der zahllosen Trinkgelage zu denen er geladen hatte, einem Schlaganfall.




*130410*

Montag, 12. April 2010

Am Anfang der Freiheit

Bemerkenswert, wie sich der Mensch oft sträubt, zu dem, was ihm die Beobachtung aufzwingt (Schopenhauer nennt das: Verstand, quasi vom Sinneseindruck aufgezwungene Eigenschaft des Erkenntnisobjekts), den Augenschein, auch sein Urteil abzustimmen. (Schopenhauer nennt das dann: Vernunft.)

Denn da wird es ja mühsam. Da beginnt sich plötzlich, die lang vertraute Identität zu melden, wo alles seinen Platz hat, da müßte man sich zu etwas bekennen, das einen so ins Neue schießt ... man verliert den Halt, das Bequeme, die Sicherheiten ...

Mühsam, gewiß. Aber da, sagt Schopenhauer, beginnt das Denken.




*120410*

Sonntag, 11. April 2010

Inadäquates Wissen wirkt entsittlichend

Soeben war Wilhelm Meister durch ein Teleskop der Anblick des solcherart stark genäherten Jupiters mit seinem Trabanten entdeckt worden. Da trat er zurück, und wandte ein:

"Ich weiß nicht, ob ich Ihnen danken soll, daß sie mir dieses Gestirn so über alles Maß näher gerückt. Als ich es vorhin sah, stand es im Verhältnis zu dem übrigen Unzähligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor, und ich weiß nicht, ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte. Sie werden mich einengen, mich beängstigen.

[...] Ich begreife recht gut, daß es Euch Himmelskundigen die größte Freude gewähren muß, das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen, wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie es mir auszusprechen: Ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden, daß diese Mittel. wodurch wir unseren Sinnen zu Hülfe kommen, keine sittliche günstige Wirkung auf den Menschen ausüben. Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger als er ist, denn sein äußerer Sinn wird dadurch mit seiner inneren Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt; es gehört eine höhere Kultur dazu, deren nur vorzügliche Menschen fähig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von außen herangerückten Falschen einigermaßen auszugleichen."



J. W. v. Goethe in "Wilhelm Meisters Lehrjahre"



Leopold Ziegler schreibt dazu einmal, Goethe habe sich nie davon abbringen lassen, und nichts und niemand vermochte ihn je zu erschüttern in seiner glaubensähnlichen Überzeugung, der eine und ungeteilt ganze Mensch sei das vollkommenste Werkzeug, sei der vollkommenste Sinn der uns bekannten Welt und stehe deshalb für jedes sonstige Instrumentarium und Arsenal. Und damit zeigt er, daß Naturwissenschaft nach wie vor jedem, wirklich jedem offensteht, auch ohne Apparaturen und Hilfsmittel - so wie Goethe sich nie beirren ließ, von der Anatomie über Physik und Geologie jedes Wissensgebiet unbefangen zu erobern, das ihn interessierte.

Denn das Entscheidende an der Erkenntnis ist ihre Überführung und Gliederung in Vernunft, ist die richtige Relation, das Insgesamt - das Kriterium selbst ist nicht die Menge an spezifischer Information, der "künstlichen Nähe der Objekte". Denn dem Übergewicht an äußerer Welt (durch zuviel Detailinformation) entspricht, so argumentiert Ziegler (nach Freudscher Diktion), auch ein Übergewicht an äußerer Libido, die mit jedem Gramm vom Innenleben abgezogen wird, das sie außen zulegt. Damit stürzt der Mensch - wir sprechen hier auch von Technik, die an sich genau solcher "Detailkonzentration" entspricht und einer Ordnung bedarf - in ein Ungleichgewicht, das durch erhöhten Aufwand persönlicher Kultur wiederhergestellt werden muß.

Geschieht dies nicht, wird das Innenleben durch die nunmehr unmäßig geöffnete Wahrheit tragikomisch verstellt, und durch in die Tiefe gedrängte ungeformt bleibende Libido dämonisch verzerrt.




*120410*

Samstag, 10. April 2010

Späte Vereinigung

Im April/Mai 1940 ermordet der NKDW, der innenpolitische Geheimdienst der Sowjetunion, auf Anweisung Stalins in dem Dörfchen Katyn bei Smolensk zweiundzwanzigtausend polnische Offiziere und Intellektuelle, die Elite des von der Roten Armee besetzten Teiles Polens. Zu diesem Zeitpunkt formiert sich längst in London eine polnische Exilregierung. Die unmittelbare Staats- und Armeespitze Polens hat weder Hitler noch Stalin erwischt, sie spielt in der Rückeroberung Europas, bei den Landungen in Sizilien sowie in der Normandie, eine nicht unwesentliche Rolle.

Als diese 1943 von den Massengräbern in Katyn erfährt, verlangt sie eine Untersuchung des Roten Kreuzes, woraufhin die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen zu ihr abbricht. Man vermutet Zusammenhänge mit dem nie aufgeklärten, taktisch unverständlichen Zögern (in Kanonenreichweite) der an der Weichsel stehenden Sowjetarmeen beim Aufstand im Warschauer Ghetto, der durch das selbst von den Deutschen nicht verstandene Zuwarten der Roten Armee zu einem schrecklichen Gemetzel wird.

Die in den geheimen Zusatzprotokollen des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 vereinbarte Okkupation von Ostpolen - Weißrußland und Westukraine - wird nie rückgängig gemacht, Polen wird mit den ehemals ostdeutschen, westpreussischen Gebieten, Pommern sowie Schlesien, "entschädigt".

1946, in den Nürnberger Prozessen, nimmt man erst noch an, daß die Deutschen auch die Verbrechen in Katyn begangen haben. Bald aber, unter Last von Zeugenaussagen, wird klar, daß es die Sowjets unter Stalin waren.

Am 10. April 2010 fliegt die polnische Staatsführung, begleitet von der gesamten Spitze der Armee - gegen deren eigene Bestimmungen in einer Maschine versammelt - sowie den Militärbischöfen des Landes, einigen Parlamentariern, dem stellvertretenden Außenminister, sowie weiterer führender Köpfe des polnischen Lebens, zum Gedenken, auf Einladung der Russen, nach Rußland, um an einem Gedenkakt teilzunehmen.

Im Anflug auf Smolensk versucht der Pilot der polnischen Präsidentenmaschine viermal im dichten Nebel zu landen, immer verfehlt er die Landebahn, teilweise um hunderte Meter, und man hat noch keine Erklärung, warum er nicht nach Kiew oder Minsk ausweicht. Möglicherweise hat sich der polnische Präsident durchgesetzt, schon einmal war derselbe Pilot gegen dessen Wunsch wegen unsicherer Verhältnisse auf einem Ausweichflughafen gelandet. Wenige Stunden zuvor war bereits eine russische Maschine von Moskau kommend umgekehrt. Beim vierten mal aber kann die Maschine (nach vorläufigen Berichten) nicht mehr rechtzeitig durchstarten: die Turbinen heulen zwar noch auf - aber dann kracht die Tupolew mit ihren sechsundneunzig Insassen in einen nahen Wald, und fängt augenblicklich Feuer.

Alle kommen ums Leben. Die Leiche von Präsident Kaczynski wird als eine der ersten geborgen.

Die Staatsführung fehlte 1940. Am Ort, an dem Polens Elite liegt.

Requiescat in pace.




*100410*

Vernunft als Sprachaufbau

Die Abstraktion als vornehmstes Instrument der Vernunft ist nur noch in der Bildung von Begriffen möglich, die ihre Anschaulichkeit umso mehr abgelegt haben, als sie allgemeiner sind (Sein, Wesen, Ding ...) Auch wenn sich die Sprache noch um eine "Mitnahme" von Anschaulichkeit (in den eigenschaftlichen Zuordnungen von Selbst- und Mit-Lauten, siehe unter anderem Jakob Grimms Schriften über die Entstehung der Sprache) mühen mag. (Bis zu dem einen Wort, in dem sich alles enthält - Gott. Anm.)

Also ist der Aufbau von Vernunft an den Aufbau von Sprache gebunden (was die Behinderung des Taubstummen so dramatisch macht). Das Tier ist zu solchen Abstraktionen unfähig, es vermag nur Eigennamen zu erkennen. (Laut Grimm übrigens hebt die Sprachbildung beim "ich" an.)

Der Aufbau der Vernunft, im Gleichschritt mit dem Aufbau der Sprache, beim Kind ist sohin nicht eine Schule der Logik. Diese ist ja auch Vernunftgestörten möglich, wie manche exorbitanten Leistungen auf Spezialgebieten der Logik bei solchen Personen beweisen.

Aufbau von Vernunft heißt, den Gebrauch der Logik zu lernen. So, schreibt Schopenhauer, wie ein Mensch von musikalischer Anlage die Regeln der Harmonie, ohne Noten und Generalbaß, durch bloßes Klavierspielen durch das Gehör, erlernt.

Erst in dieser Abstraktion ist von Wissen zu sprechen möglich (Aristoteles: "Ohne das Allgemeine ist Wissen unmöglich"), indem es mit Phantasiebildern zusammengedacht, anschaulich (und damit: besessen) und geordnet (ob nach Regeln ordenbar, oder auf Bilder zurückzuführen) wird, erst in diesen Begrifflichkeiten (Universalien) vermag man von Denken zu sprechen, und Heinrich Reinhardt geht in "Johannes - Die Rede von Gott" sogar so weit, daß Philosophieren nur das Nachdenken über das, was ein Wort überhaupt ist, heißen kann.



*100410*

Am Anfang war das Wort

Jacob Grimm läßt (kompakt zusammengefaßt u. a. in seinem Vorlesungsmanuskript von 1851, "Über den Ursprung der Sprache") keinen Zweifel: der Aufbau menschlichen Ausdrucks erfolgte historisch - und erfolgt in jedem Menschen, ja tagtäglich in einzelnen Emanationen immer wieder neu - vom Wort ausgehend, und zwar vom Pronomen (Fürwort) und Zeitwort. Erst ist also das "was" - dann erst das "wie" menschlichen Gestaltens.

Grimms (im Prinzip: weltweite) Entdeckungen über die Ursprünge und Entwicklung menschlicher Sprachen stehen in völligem Widerspruch zu einer evolutionistischen Sicht des Werdens des Menschen - die zu seinen Schlüssen genau umgekehrte Prämissen fordert. Aber Grimms Arbeit deckt sich mit den Belegen jüngster (und nun wirklich weltweiter) Forschungsarbeiten eines Roger Liebi, der in seinen Arbeiten (empfehlenswert: "Herkunft und Aufbau der Sprachen", Hänssler-Verlag) nachweist, daß gerade die urtümlichen Sprachen hochkomplex und subtil im Ausdruck waren, also auf eine der unseren zumindest gleichwertigen, wenn nicht überlegenen, nur nicht auf unsere Weise differenzierten (soll heißen: ausgewählten) geistigen Welt Bezug nehmen, ein Sprachaufbau also keineswegs teleonomisch geschehen sein konnte (das Lallen von Babys ist also keine physiologische Entwicklungssstufe des Menschseins an sich, sondern ein Ringen um die Herrschaft über das, was möglich weil angelegt ist), wo aus primitiven Lauten aufbauend irgendwann festgelegte (vereinbarte) Worte "entstanden". Sprache ist eine genuin menschliche Schöpfung (und erst in dieser, zweiten Linie Vereinbarung) - im gesamten Indogermanischen ist sogar das Wort "Mensch/Mann" darauf bezogen: der der denkt, der der spricht.

"Aus betonter gemessener Rezitation von Worten entsprangen Gesang und Lied, aus dem Lied die andere Dichtkunst, aus dem Gesang durch gesteigerte Abstraktion alle übrige Musik die nach aufgegebenem wort geflügelt in solche Höhe schwimmt, daß ihr kein Gedanke sicher folgen kann.
Wer nun die Überzeugung gewonnen hat, daß die Sprache freie Menschenerfindung war (im Gegensatz zu Ansichten, daß Sprache gottgegeben von Anfang wäre - Sprache, nicht Sinn, oder Wort!; Anm.), wird auch nicht zweifeln über die Quelle der Poesie und Tonkunst in Vernunft, Gefühl und Einbildungskraft des Dichters. Viel eher dürfte die Musik ein Sublimat der Sprachen heißen als die Sprache ein Niederschlag der Musik!"




*100410*

Freitag, 9. April 2010

Die hinzugedachte Welt

Anhand der von jedem zu machenden Beobachtungen am Sehvorgang zeigt Schopenhauer den Anteil von Verstand wie, in der Unterscheidung: der Vernunft, am menschlichen Wahrnehmen (und insofern: begrifflich konstituieren) der Welt. Wie am Beispiel eines Schiffes, das unter einer Brücke, auf der wir stehen, durchfährt. Was, wer bewegt sich? Das Ufer scheint sich zu bewegen, der Verstand "sieht" in seiner Annahme einer Kausalität "immer" richtig, denn er geht von Ursache und Wirkung aus. Erst im Abstrahieren, dem Zusammenführen und Abwägen vieler Eindrücke und Fakten, wird die wirkliche "Wirklichkeit" erfaßt.
Das vom Verstand richtig erkannte, schreibt er in "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde", ist die REALITÄT. Das von der Vernunft richtig erkannte ist die WAHRHEIT, das ist ein Urteil, welches Grund hat: jener ist der SCHEIN (das fälschlich Angeschaute), dieser der IRRTHUM (das fälschlich Gedachte) entgegengesetzt.

Obgleich, schreibt er weiter, der rein formale Theil der empirischen Anschauung also das Gesetz der Kausalität, nebst Raum und Zeit, a priori im Intellekt liegt, so ist ihm doch nicht die Anwendung desselben auf empirische Data zugleich mitgegeben: sondern diese erlangt er erst durch Übung und Erfahrung. Daher kommt es, daß neugeborene Kinder zwar den Licht- und Farbeneindruck empfangen, allein noch nicht die Objekte apprehendieren und eigentlich sehen; sondern sie sind, die ersten Wochen hindurch, in einem Stupor befangen, der sich alsdann verliert, wenn ihr Verstand anfängt, seine Funktion an den Datis der Sinne, zumal des Getasts und Gesichts, zu üben, wodurch die objektive Welt allmählig in ihr Bewußtsein tritt. Dieser Eintritt ist am Intelligentwerden ihres Blicks und einiger Absichtlichkeit in ihren Bewegungen deutlich zu erkennen, besonders, wenn sie zum ersten Mal durch freundliches Anlächeln an den Tag legen, daß sie ihre Pfleger erkennen.

Das zeigt sich sogar an Blinden, die durch Operation wieder "sehend" werden: sie "sehen" nämlich erst, trotz wiederhergestellter Sinnesreizungen, "gar nichts". Sondern sie müssen erst lernen, diese Reizungen zu bewerten, in Erfahrung umzusetzen, und schließlich abstrakten Anschauungen zuzuordnen, um so endlich zu "sehen".

Damit wird nicht nur der Anteil des Ich (und damit der Sittlichkeit, im erweiterten Selbst) am Urteil über die Welt klar, klar dessen Aufgabe des Konstituierens selbst - ein Satz, der stimmt, solange man dieses Konstituieren nicht im ontologischen Sinne versteht (wenn auch die Quantenphysik in ihren Aussagen aus Beobachtungen in dieser Richtung zarte Hinweise nahelegt: denn manche Ergebnisse könnte man dahingehend deuten, daß das Bewußtsein den kleinsten Bestandteilen der Materie ihre Eigenschaften mitteilt, Anm.) - sondern auch die Bedeutung übernommener "a priorischer" Urteile sowie der Qualität wie Quantität schon der als Kind gemachten - realen, nicht der "erzieherisch gedachten" - Erfahrungen als abgelöste Eigenschaften der Wirklichkeit.

Das Anschauungsbild geht dem sinnlich Erfaßten voraus - das nun erst zum Gesehenen, zum Etwas wird. Epicharmos, ein griechischer Philosoph, sagt es einmal so: Der Verstand sieht, der Verstand hört, alles andere ist blind. Weil die Empfindung in den Augen und Ohren keine Sinneswahrnehmung bewirkt, wenn nicht das Denken dazukommt. Und Plutarch, der davon berichtet, schreibt weiter: Es ist der Physiker Straton der beweist, daß ein Wahrnehmen ohne Verstand ganz unmöglich ist.

Es gibt sie nicht, die weltanschauungsfreie Wahrnehmungswelt, und insofern - aber nur insofern - weltanschauungsfreie Welt der Objekte. Daher müssen alle wahrnehmenden Wesen Verstand (zumindest in der Erkenntnis der Kausalität als Welteigenschaft, Anm.) haben, denn nur durch den Verstand nehmen sie wahr.

Aber nicht alle haben Vernunft - die bleibt dem Menschen eigen. Und hier tatsächlich: jedem, und prinzipiell in gleichem Ausmaß. Die menschlichen Unterschiede in der Leistungsfähigkeit liegen im Verstand, der über die Sinne je sein "Material" zu bearbeiten, sein Menschsein zu konkretisieren hat.

Die Gliederung, Ordnung aber ist allgemein menschliche Leistung.

Die Kausalität der Welt, aus der heraus erst Verstandestätigkeit (in unterschiedlicher Ausprägung und Veranlagung) aussagbar ist, muß also, so Schopenhauer, eine a priori Erkenntnis sein, die sogar den Tieren eignet. Aus der Wahrnehmung über die Sinne alleine erschließt sie sich nicht: denn sie setzt voraus, was die Sinne erst liefern sollten. (Dies, in Schopenhauer'scher Diktion, gegen den Empirismus von Locke und Hume gesagt.)

Doch geht es ja nicht um die Kausalität, hier, sondern ... um die Kunst, und deren Wirkung. Und deren Aufgabe. Weshalb ein Wort von Leibniz angebracht ist, der in diesem Zusammenhang sagt: "Die Wahrheit der Sinnendinge besteht nur in der Verknüpfung der Erscheinungen, welche ihren Grund haben muß, und das ist es, was sie von den Träumen unterscheidet. [...] Das wahre Kriterium, wo es sich um Sinnendinge handelt, ist die Verknüpfung der Erscheinungen, welche die tatsächlichen Wahrheiten hinsichtlich der Sinnendinge außer uns verbürgt."

Die Aufgabe der Wahrheitsfindung ist also: das Herstellen (bzw. Finden) jener Ordnung (im wiederherstellenden Darstellen), die sich auch in der (vielfach als Ursache-Wirkung-Stränge verflochtenen) Realität ("...") findet, und sich an ihr "erweisen" läßt. Und in diesem Sinn: die Realität zur Wahrheit erhellt.

Wenn es also eine Poesie überhaupt geben kann, so muß sie auch hinter aller Realität - als Wirklichkeit - stecken. Dies vorbeugend gesagt: um Poesie von Traum (Schein), und wie erst von einer völlig mißverstandenen, willkürlich gedachten (also: positivistischen) "Phantasie" abzugrenzen.

Der Dichter, der Mensch, denkt also der Welt sie selbst, in ihrem Wesen, hinzu, und macht sie begreifbar ...

Bildrechte bei Dieter Huemmer


*090410*

Donnerstag, 8. April 2010

Schwierig aus Angst, nicht frei sein zu dürfen

Zwei Interview-Aussagen zum Schauspiel, die hier interessieren, macht Josef Hader im Standard - ich bringe sie, weil sie auf ein Kernproblem zuführen: Der schwierige Schauspieler ist nur der, der (meist aus Erfahrung) Angst hat, daß man seine Freiheit nicht zuläßt und sogar beschränkt, und ihn mißbraucht.

STANDARD: Wie wichtig ist Ihnen Harmonie am Set?

Hader: Ich kann mit Konflikten nicht gut arbeiten. Das macht mich ganz klein und eng. Da bin ich wie eine Pflanze, die zumacht.

STANDARD: Hat der Ruf eines Schauspielers eine Rolle für die Auswahl?

Hader: Ich hatte mit so genannten schwierigen Schauspielern noch nie ein Problem, weil die nur dann schwierig sind, wenn sie nicht gut ihre Arbeit machen können. Die meisten, die als schwierig gelten, sind Schauspieler, die unbedingte Konzentration, Hingabe, Zeit, Ruhe und Raum fordern. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Schauspieler, der mit uns drehte und als schwierig galt, wirklich schwierig war. Alle sagten, Sepp Bierbichler sei schwierig. Es war wunderbar und ein großer Gewinn, mit ihm zu drehen. Man muss nach den Schwierigen suchen. Natürlich gibt es auch die eitlen, arroganten Arschlöcher, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Das muss man halt vorher gut unterscheiden.

STANDARD: Wahrscheinlich bringen Sie natürliche Autorität mit.


Hader: Es hängt damit zusammen, dass ich als Künstler akzeptiert werde. Der Schauspieler ist der beste Kritiker des Drehbuchs. Ich habe viel von Joachim Król bei Silentium gelernt, der das Drehbuch dauernd hinterfragt hat. Bei Sepp Bierbichler haben wir uns von vornherein so angestrengt, dass er es nicht gemacht hat.




*080410*

Systeme des Selbstausgleichs

Eine interessante Logik der Selbstregulierung zeigt der Leiter der volkswirtschaftlichen Analyse-Abteilung von UBS im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung: wie hohe Staatsschulden - Daniel Kalt spricht von einer kritischen Schwelle von achtzig, neunzig, hundert Prozent vom jährlichen Bruttoinlandsprodukt - eo ipso und allen Belebungsabsichten zum Trotz die Privatwirtschaft abwürgen. (In Österreich und Deutschland liegt der Wert, Tendenz - nach Rückgang seit 2003 auf neunundfünfzig Prozent in Österreich - erneut deutlich steigend, bei über sechzig Prozent.)

Weil der Staat den Kapitalmarkt über die Aufnahme von Krediten so stark beansprucht, steigt alleine übe die Nachfrage (Bonitätsverschlechterungen gar nicht gerechnet) das Zinsniveau, und das wiederum verdrängt die privaten Investoren. Ein Teufelskreis.

Zumal der Internationale Währungs Fonds, überrascht von der kurzen Zeit, in der die Weltwirtschaft nach weltweiten Hilfsmaßnahmen wieder "kräftiges Wachstum" zeigt (wie in den USA und Asien), dringend davor warnt, die staatlichen Stützen für die jeweiligen Wirtschaften zurückzufahren. Es sei höchst unsicher, ob das nicht zu einem neuerlichen Einbruch im Wachstum führe. Zu erwarten ist ja, daß um die Geldmengen und damit die Inflation wieder in den Griff zu bekommen weltweit die Staaten mit Zinserhöhungen und zurückgefahrenen Ausgaben reagieren. Damit aber könnte die fragile Lage erneut kippen, erneute Rezession statt Wachstum wäre die Folge.

Und ein solches brauchen wir nun noch drängender denn je - um die neu aufgenommenen Schulden zur "Krisenbewältigung", die die Finanzsituation so vieler Staaten noch bedrängender gemacht haben (weshalb der "Klimawandel" vielen mehr als gelegen kommt: er rechtfertigt Steuererhöhungen).

(Link: Anteil der Staatsschulden am BIP im weltweiten Vergleich)




*080410*

Erkenntnisrealität Kunst

"Ein römisch-ägyptisches Portrait auf einer Mumienumhüllung ist eine ebenso reale Tatsache wie die zeitgenössischen Sätze von Euklid. Vesal begründete in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Wissenschaft der menschlichen Anatomie; ein Jahrhundert früher aber hatte Jan van Eyck die Seele des Menschen in seinen Portraits zergliedert, und wer könnte sagen, welches die realste Tatsache ist - ein sezierter Leichnam im Spital St. Jean in Brügge oder das Portrait von Margaret von Eyck im Musée Communial derselben Stadt?

Der Wissenschaftler wird geltend machen, daß der Blutkreislauf eine verifizierbare Tatsache ist, was aber ist dann das van-Eyck-Portrait - eine Pseudo-Erklärung, wie der wissenschaftliche Philosoph sagen würde, *ein einen Gefühlszustand ausdrückendes Symbol*? Weshalb nennen wir dann van Eyck *den erschöpfendsten und quälendsten Interpreten der menschlichen Natur*, der jemals gelebt hat (Panofsky)? Der weitestgehende Anspruch, der für die Wissenschaft geltend gemacht werden kann, ist der, daß sie die Geschichte der Natur ist. Der weitestgehende Anspruch, der für die Kunst geltend gemacht werden kann, ist der, daß sie die Schaffung von Natur ist - daß sie eine völlig autonome Welt ins Leben ruft.

Dies ist der extreme Standpunkt von André Malraux; ich für meinen Teil begnüge mich damit, geltend zu machen, daß sie die vorhandene Welt erweitert, sie durch neue Tatsachen, durch Elemente vergrößert, die dem menschlichen Erlebnis Dauer verleihen."

Read greift, wie er sagt, nicht die Wissenschaft an, sondern nur deren heute vorgetragenen "Anspruch, die einzige ausreichende Grundlage der Philosophie zu sein oder mit der Vernunft selbst identisch zu sein."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"




*080410*

Mittwoch, 7. April 2010

Es uns zu eigen machen

"Das Leben ist uns gegeben, da ja wir selbst es uns nicht geben, sondern uns plötzlich in ihm finden, ohne zu wissen wie. Aber das Leben, das uns gegeben ist, ist uns nicht fertig gegeben, sondern wir müssen es uns, jeder jeweils das seine, erst zu eigen machen. Das Leben ist Tätigkeit. 

Und die wichtigste dieser Tätigkeiten aus denen das Leben besteht, ist nicht der Zwang, sie auszuüben, sondern in gewissem Sinn das Gegenteil: ich meine, daß wir immer unter dem Zwang stehen, etwas zu tun, aber genau genommen niemals gezwungen sind, etwas Bestimmtes zu tun, daß uns nicht diese oder jene Tätigkeit auferlegt ist so wie dem Stern seine 'Bahn oder dem Stein die Schwerkraft."

Jose Ortega Y Gasset, "Geschichte als System"



 *080410*

Montag, 5. April 2010

Opferlamm

Als Kubas Diktator Battista von Castro defacto gestürzt war, und vor den anrückenden Rebellen, die bereits das ganze Land in Händen hatten, mit Sack und Pack fliehen wollte, hatte er vor, den berüchtigten Hauptmann des Geheimdienstes der Armee, Ventura, als "letzter Tropfen im Glas" - Opfer für den Zorn des Volkes - zurückzulassen. Während er in der Dominikanischen Republik ein neues Leben in Stille und Zurückgezogenheit beginnen wollte ...

Ventura aber bekam davon Wind, riß sich von seinen Spielautomaten los, vor denen er endlose Stunden verbrachte, verschaffte sich wütend Zutritt zum Diktator, und setzte diesem die Pistole an die Brust.

Der mußte daraufhin am Flughafen einen Teil seines Gepäcks wieder ausladen, um in der Fluchtmaschine noch Platz für Ventura zu schaffen.




*050410*

Sonntag, 4. April 2010

Berlusconis Schule

Nachher
Tja, und weil Italiens Berlusconi - dessen Beliebtheit in seiner Heimat nach dem "Kathedralen"-Attentat auf seine Nase nie gekannte Ausmaße erreicht hat - einfach Recht hatte ("Die Rechte hat die schöneren Frauen!"), weil er mit seinen schönen Frauen in der Politik allen klar machte, daß auch in einer Demokratie das Gute mit dem Schönen gleichgesetzt wird und zählt, hat Boliviens Linke reagiert.

Und zur Kandidatin für die am 4. April, also heute, stattfindende Gouverneurswahl in der nordöstlichen Provinz Benir die wunderschöne ehemalige Miss Bolivia Jessica Jordan aufgestellt. Sie soll dort nach langen Jahrzehnten erstmals wieder die konservative Mehrheit brechen. Die nun noch dazu mehr Autonomie fordert, um die Umverteilungs- und Nivellierungsbegierlichkeiten der regierenden Sozialisten in La Paz abzuwehren. Denen die reiche Provinz ein Dorn im Auge ist, zumalen ein großer Teil des übrigen Landes in Armut lebt.
Vorher
Mal sehen, ob's wirkt. Umfragen nach lag die 25-jährige vor zwei Wochen bereits bei vierzig Prozent Wählerstimmen. Und das obwohl man ihr vorwirft, sie würde die Politik mit dem Laufsteg verwechseln.

Obwohl? Ja haben diese Herrschaften unserem Silvio nicht genau zugehört?! WEGEN! Und daß man die bolivianisch-britische Nase von Jessica Jordan als deutlich schützenswerter als jene des Italieners ansieht beweist bereits die These - plötzlich findet man sich auf der Seite der Linken. Zumindest in dieser Frage.

Aber dennoch - vielleicht geht es dem geneigten Leser auch so: etwas in ihrem Gesicht, vergleicht man die beiden Bilder, vorher, nachher, ist anders. Etwas, das wie Beschädigung wirkt ... Und: wirkt ihr Aussehen im Bild als Politikerin nicht - nur noch als "hinter ihr stehend", nicht mehr als "sie selbst"?

Und vielleicht geht es nur mir so - aber sind Bilder wie das untenstehende, aus dem Wahlkampf, nicht seltsam? Seltsam anfällig auch, für Wechsel der Interpretationshorizonte, was also da überhaupt abgebildet ist: Was starren diese Männer an?

Wie auch immer. Für alle Fälle hat sie eine Homepage, mit zehn Ratschlägen für die Provinz Beni.







***

Nachtrag vom 8. April 2010: Es gelang Jessica Jordan nach dem Urnengang vom Ostersonntag NICHT, die Vorherrschaft der Konservativen in Beni zu brechen, wie "Amerika 21" berichtet. Obwohl bei den gleichzeitig stattgefundenen Wahlen auf Kommunalebene in ganz Bolivien ein deutlicher Linksruck zu bemerken war. Nicht aber in Beni. Auf ihrer Homepage berichtet Miss Jordan von "Wahlbetrug", ein offizielles Wahlergebnis wird es aber ohnehin erst in etwa vierzehn Tagen geben.
 
 
 
 
*040410*

Samstag, 3. April 2010

Welch ein Aufwand

Ortega Y Gasset sagt einmal, daß ein Leben ohne Glaubensüberzeugung schon theoretisch undenkbar sei, praktisch aber ohnehin. Ja, Gott sei uns sogar so nahe, er (das Sein) so präsent, daß es einen enormen Aufwand koste, ihn von unseren Augen wegzubringen.

Aber es ist verlorene Liebesmüh - schiebt man ihn hier weg, taucht er im selben Maß dort auf - aus den Augen, aber umso mächtiger im Rücken ... Denn selbst wenn es uns gelingt, nicht daran zu denken - wir rechnen (unbewußt) ständig damit.

Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben ausschließlich mit solch unnützem Unterfangen.



*030410*

Halbbildung, statt Antwort

"Aber der empirische Status des Kunstwerks ist von unserem technischen Zeitalter, von unseren Herrschern und Erziehern ignoriert worden. Es ist möglich, daß viele von uns erzogen und zu dem Beruf des Lehrers ausersehen und doch des Wissens um eine Hälfte der Wirklichkeit beraubt worden sind: wir sind der Schönheit, die die Wahrheit ist, und der Wahrheit, die die Schönheit ist, beraubt worden.

Es ist natürlich ein Fehler, diese Gefühlsworte zu gebrauchen. Was sie in erkenntnismäßigem Sinn bedeuten, ist, daß wir einer Mitteilungsmöglichkeit beraubt worden sind, einer - um Obbo Baenschs Worte zu gebrauchen - *Geistestätigkeit, durch die wir uns den Weltinhalt zu allgemeingültigem Bewußtsein erheben*.

Es ist uns eine ästhetische Wahrnehmungsmethode versagt worden, deren Funktionen eine Ergänzung zu der logischen Methode der Definition und Verifizierung bilden. Wir können mit dieser Halb-Bildung, diesem Halb-Wissen in einer technischen Zivilisation Erfolg haben.

Welches sind aber die Werte einer technischen Zivilisation? Welche Weisheit hat sie uns zu bieten? Sie hat eine Philosophie, die wissenschaftlich genannt wird, und einer sozialen Organisation entspricht, die funktionell ist; beantwortet aber diese Philosophie jene Fragen, die die Menschheit Jahrhunderte hindurch beunruhigt haben und die noch heute jeden nachdenklichen Mann oder Frau beunruhigen - die [...] einzigen der gedanklichen Auseinandersetzung würdigen Fragen: Warum existiert etwas? Warum existiert nicht nichts? Welche vorhandenen Umstände rechtfertigen die Absurdität weiterzuleben?

Wozu ich noch diese letzte Frage füge: Ist es möglich, daß das Leben nur insoweit einen Sinn erlangt, als der Mensch schöpferisch ist?"


Herbert Read in seinem Schlußplädoyer 
in "Formen des Unbekannten"
 
 
 
 
*030410*

Freitag, 2. April 2010

Warum der Kreuzestod Jesu?

Eine wunderschöne, schlichte und ergreifend wahre Kurzcharakteristik des Sinns des Kreuzestodes Jesu gibt Robert Spaemann auf idea.

Der Sühnetod Jesu löst das Dilemma zwischen Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe. Christus erfüllt mit seinem Kreuzestod beides:

Der Gerechtigkeit wird Genüge getan, indem Gott das Unrecht dieser Welt nicht ungesühnt lässt. Zugleich übt Jesus Christus gegenüber uns Menschen Barmherzigkeit, indem er selbst diese Strafe auf sich nimmt.

Für den Menschen sind Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zwei verschiedene Eigenschaften, in Gott aber sind sie vereint.


*020410*

Und der Gewinn?

"Was wir durch unseren Unglauben gewonnen haben,
Ist nichts als ein Leben des Zweifels,
durchsetzt von Glauben.
Anstatt eines Lebens des Glaubens,
durchsetzt von Zweifeln:
Wir nannten das das Schachbrett weiß -
nun nennen wir's schwarz."



Robert Browning (1812-1889)





*020410*

Donnerstag, 1. April 2010

Wegen einiger Silberlinge

Robert Brownings Gedicht über einen verlorenen Führer war entstanden, nachdem William Wordsworth (1770-1850) die Würde des "Poet laureate" im Jahre 1843 angenommen hatte, zu der auch eine Pension von 300 Britischen Pfund (die ihm ein gutes Auskommen bedeuteten) gehörte. Das war in den Augen seiner "Jünger" Verrat an der Idee der Dichtkunst, wie gerade Wordsworth sie vertreten und so bewunderungswürdig gelebt hatte. In den Idealen der Einsamkeit und Armut.



The lost leader

I
Just for a handful of silver he left us,
Just for a riband to stick in his coat -
Found the one gift of which fortune bereft us,
Lost all the others she lets us devote;
They, with the gold to give, doled him out silver,
So much was there is who so little allowed:
How all our copper had gone for his service!
Rags - were they purple, his heart had been proud!
We that had loves him so, followed him, honoured him,
Lived in his mild an magnificent eye,
Learned his great language, caught his clear accents,
Made him our patern to live and to die!
Shakespeare was of us, Milton was for us,
Burns, Shelley, were with us - they watch from ther graves!
He alone breaks from the van and the freemen,
- He alone sinks to the rear and the slaves!


II
We shall march prospering - not thro' his presence;
Songs may inspirit us - not from his lyre;
Deeds will done - while the boasts his quiescence,
Still bidding crouch whom the rest bade aspire:
Blot out his name, then, record one lost soul more,
One task more declined, one more footpath untrod,
One more devils-triumph and sorrow for angels,
One wrong more to man, one more insult to God!
Life's night begins: let him never come back to us!
There would be doubt, hesitation and pain,
Forced praise on our part - the glimmer of twilight,
Never glad confident morning again!
Best fight on well, for we taught him - strike gallantly,
Menace our heart were we master his own;
Then let him receive the new knowledge and wait us,
Pardoned in heaven, the first by the throne!

 
Sinngemäße Übersetzung: Browning beklagt, daß Wordsworth seine Gefolgschaft verrät, und das nur um schnöden finanziellen Gewinnes willen, nur wegen ein bißchen Ehre. Die, die Gold zu vergeben hätten, teilten doch nur Silber aus. Die geringen Gaben hingegen, die sie zu geben hätten, stünden alle bereit. "Fetzen - wie waren sie von Purpur! Wie stolz war er gewesen! Wir, die wir ihn geliebt hatten, folgten ihm nach, ehrten ihn, lebten unter seinem milden, großartigen Blick, lernten seine erhabene Sprache. Shakespeare war einer von uns, Milton war für uns, Burns und Shelley mit uns - und sie wachen noch über uns vom Grabe aus. Er allein verließ die vorderste Front und die Reihen der freien Männer, um zurück zu fallen zur Nachhut und zu den Sklaven." Im zweiten Teil versucht Browning, sich auf ein Leben ohne Wordsworth einzurichten, denn im Diesseits gibt es keine Versöhnung - im Jenseits freilich, da ist sie in Aussicht gestellt.



*010410*

Mittwoch, 31. März 2010

Geheimnisvoll gestaltende Hand

Selbst nach abertausenden Seiten Lektüre unterschiedlichster Autoren wird die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Geschichte Europas, die im Dreißigjährigen Krieg sich einfaßte, nicht einfacher zu abstrahieren. Vielmehr zerläuft diese Epoche in ein einem Bienenhaus gleichendes Gemengelage eigentümlichster Figuren und Charaktere und alles zerreißender Motivstränge. Und eine der wahrlich seltsamsten dabei ist die des Pater Joseph, der "Grauen Eminenz", wie man diesen Kapuzinerpater, den engsten Vertrauten, die rechte Hand von Kardinal Richelieu, nannte.

Dieser Mann, der meist zu Fuß zwischen Rom, Wien, Deutschland, ja Schweden, und Paris unermüdlich hin- und herlief, war der eigentliche Drahtzieher eines Europas, das den tödlichen Keim des Zerfalls, den Frankreich sehr real anbot, schluckte - und daran zerweste. Es sind nicht die geringsten Historiker, die in den Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges, und vor allem in der Konstellation, die im Westfälischen Frieden 1648 geschaffen wurde, die vitale Wurzel der furchtbaren Kriege des 20. Jahrhunderts sehen.

Und dieses Drahtgeflecht, diese Mißgeburt, wurde von einem Mönch geflochten, der auf diesen abertausenden Kilometern, die er auf Schusters Rappen, in einfachen Sandalen oder gleich barfuß  zurücklegte, in fortwährendem Gebet versunken, sein Leben Gott hingab, für Frankreich im mystischen Sinne starb. Er, Francois Leclerc du Tremblais, Pater Joseph (1577-1638) war der Täter, er führte nicht nur aus, sondern er gestaltete, verhandelte, vereinbarte - völlig im Hintergrund, und nur in grober Abstimmung mit dem offiziellen Architekten, Richelieu.

Ein schlichter Bettelmönch brachte das Kaiserreich, die einzige Hoffnung Europas, zum Einsturz, indem er ihm auf diplomatischem Wege (der natürlich auch Intrigen umfaßte) unheilbare Wunden zufügte, schwächte weil spaltete Deutschland auf Jahrhunderte, entschied den Krieg durch Allianzen, brachte Spaniens Vormachtstellung in Europa zum Einsturz, setzte geschickt den Papst politisch für seine Zwecke ein, stimmte über das weltweite Informationsnetz der Kapuziner die Politik seines Landes auf geostrategische Momente ab, steuerte über Massenmedien - die ersten "Parteizeitungen" - Stimmung und politische Meinung in Frankreich selbst, und stärkte, nein schuf so Frankreich als europäische Großmacht.  Ein Ziel, dem er sich auf spirituelle Weise, als so verstandenen Auftrag Gottes an ihn, in aller Totalität unterordnete.

In einer Zeit voll der gleichermaßen bemerkenswertesten wie seltsamsten Figuren. In deren Hand auch unsere Gegenwart lag.



*310310*