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Mittwoch, 24. März 2010

Ort der Entstehung


"Was den Wert eines Kunstwerkes ausmacht ist nicht sein Ausdruck oder die Bejahung von Wünschen oder die Wahl von Zielen, sondern die Tatsache, daß ein wirkliches Objekt existiert, etwas, das aus dem Gefühlsstrom herausgerissen und dazu gebracht worden ist, objektiv zu existieren. Seine Existenz, seine Persistenz ist seine Realität.

In diesem Zusammenhang muß die Geschichte der Kunst mit Max Scheler aufgefaßt werden als *ein sukzessiver Eroberungszug der anschaulichen Welt - der Innen- und Außenwelt - für die mögliche Erfassung, und zwar für eine Art von Erfassung, die keine Wissenschaft je zu geben vermöchte*.

Die Mission aller echten Kunst ist *weder Gegebenes zu reproduzieren (was überflüssig wäre) noch in subjektivem Phantasiespiel etwas zu erschaffen (was ephemer und notwendig für alle andern ganz gleichgültig sein müßte), sondern vorzustoßen in das All der Außenwelt UND der Seele, um hier Objektives und Seiendes sehen und erleben zu machen, was Konvention und Regel bisher verbarg.*

Ich möchte diese Worte Schelers nur in einem Punkte verbessern, denn die objektiven Realitäten der Kunst werden nicht vom Künstler gesehen und daraufhin mitgeteilt:

Sehen ist vielmehr schaffen, und schaffen ist Mitteilung, die objektiven Realitäten kommen im Akte des Schaffens zustande."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"


*240310*

Teil des Lebens

Graham Greene über den Unterschied zwischen Franzosen und Engländern:

"Für den Engländer ist Krieg eine Abweichung vom Normalen, wie eine Leidenschaft. Für den Franzosen ist der Krieg einfach ein Teil seines Lebens: er kann angenehm oder unangenehm sein, wie ein Ehebruch. La vie sportive - so nannte ein französischer Kommandant sein Leben auf einem kleinen Landungsfahrzeug im Delta südlich von Saigon, wo er in den schmalen Kanälen, dem Granatregen von beiden Ufern ausgesetzt, Viet-Minh-Guerillas jagte."




*240310*

Denken ist Ironie

"Mit all dem habe ich nichts getan als ein Theorem entworfen. Theoreme sind erdachte Figuren, die wir mit Linien von geometrischer Reinheit ausarbeiten. Aber die Wirklichkeit stimmt niemals mit diesen Theoremen überein. Und trotzdem gibt es kein anderes Mittel, sie zu verstehen, als ihre immer schwankenden Züge anzuschauen durch die irrealen Profile, die von unserer Phantasie geschaffen werden.

Das Theorem erlaubt uns, uns in der Verworrenheit zu orientieren, die jede Wirklichkeit auf den ersten Blick ist, und auch genau zu messen, wieviel Diskrepanz zwischen ihr und dem Spinngewebe unserer Ideen besteht.

Denken ist eine ironische Handlung; was wir sagen, ist die "reine Wahrheit", aber wir sagen es in dem Bewußtsein, daß die Dinge ein wenig von ihr unterschieden sind, denn alle Dinge sind die unreine Wahrheit. Nur wer nicht denkt, nur der Dummkopf glaubt, daß das, was er sagt, ohne weiteres die Wirklichkeit selbst sei."


Ortega Y Gasset in "Geschichte als System"




*240310*

Dienstag, 23. März 2010

Einsamkeit

Geboren ist er am 13. Juni 1966 in St. Petersburg, das damals noch Leningrad (Leninstadt) hieß. Schon in der Grundschule war sein überragendes mathematisches Talent aufgefallen, und sein Weg war somit vorgezeichnet: 1982 gewann er als Schüler eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade (mit voller Punktzahl) und wurde deshalb ohne Aufnahmeprüfung zum Studium zugelassen. Für einen Sohn jüdischer Eltern in der antisemitischen Sowjetunion eine bemerkenswerte Ausnahme. 1990 promovierte er in Leningrad über einem Problem der Sattelflächen im Euklidischen Raum.

Es folgten Aufenthalte an Universitäten in den USA, und tolle Angebote wiesen auf eine kometenhafte Karriere. Da überlegte es sich Grigori Perelman noch einmal. Er kehrte 1995 nach St. Petersburg zurück, und war dort Steklow-Institut tätig. Weil man seine überragenden Fähigkeiten erkannt hatte, ließ man ihn völlig in Ruhe, obwohl er nichts mehr publizierte, wie man sagt: an der Differentialgeometrie arbeitete, und nicht einmal seine Habilitationsschrift verteidigte, was im russischen Bildungssystem, wo der "Doktor" immer weit höher qualifiziert war als z. B. in Österreich, notwendig gewesen wäre. Er blieb "Kandidat" (etwa: Magister), als einziger der führenden Wissenschaftler am St. Petersburger Institut.

2003 kündigte er aber dort, und es ist die letzte bekannte Beschäftigung, der er nachging. Eine Zeit lang wohnte er in der Datscha eines Freundes, isoliert und zurückgezogen, und befaßte sich noch mit mathematischen Problemen. Schließlich zog er wieder zu seiner Mutter in die Vorstadt von St. Petersburg. Nun wird von ihm nur noch bekannt, daß er ein ausgezeichneter Tischtennisspieler ist, Geige spielt, und von seinen Ersparnissen lebt.

Bereits 1996, als 30jähriger, hatte er den EMS-Preis der Europäischen Mathematischen Gesellschaft abgelehnt. 2002 veröffentlichte er den ersten Artikel einer Serie, in denen er die Poincaré-Vermutung bewies. 2003 bis 2006 prüfte ein internationales Gremium diese Beweise, um deren Stichhaltigkeit festzustellen.

Damit stehen Perelman Preisgelder zu, neben der Anerkennung, die ihm weltweit zuteil wird. Oder: würde. Denn man geht davon aus, daß der Sohn einer Mathematikerin und eines Elektroingenieurs auch diese Preise nicht abholen, dafür seine Zurückgezogenheit nicht aufgeben wird. Obwohl ihm nun mit Fields-Medaille (einer Art Nobelpreis für Mathematik) und dem Millenniums-Preis des Clay-Instituts in Cambridge (USA) zugesprochen wurden, die zusammen mit 1,015 Millionen Dollar dotiert sind.

Angeblich aber hat sich Perelman völlig aus der Mathematik zurückgezogen. Angeblich weil er sich keinen Jurys mehr stellt, die gar nicht verstehen, was er sagt. Angeblich weil er enttäuscht über den Niedergang der Ethik in der Gesellschaft ist. Und in der Mathematik.




*240310*

Entführung

In den frühen 1970er Jahren passierte in Argentinien folgende Geschichte: Der paraguayische Untergrund hatte in Argentinien den (vermeintlichen) Botschafter Paraguays entführt. Damit sollte von Diktator General Stroessner, dem Staatsoberhaupt Paraguays, die Freilassung politischer Gefangener erpreßt werden. Denn der General führte sein Land sehr ... sagen wir: übervorsichtig?

Sie stellten ihre Forderungen, doch der General war nicht im Lande - er war auch in Argentinien, und zwar zum Angelurlaub. Endlich hatte man ihn aufgefunden, um ihm die Nachricht zu überbringen.

Mittlerweile aber hatte sich herausgestellt, daß die Entführer einen Fehler gemacht hatten: der Entführte war nicht der Botschafter, sondern nur ein Honorarkonsul des Landes ...

Nichts desto trotz, beharrten die Entführer auf ihren Forderungen: Freilassung der Gefangenen.

General Stroessner ließ ihnen jedoch ausrichten, daß ihm egal sei, was mit dem Konsul geschehe. Er sei nun zum Angeln, und der Rest interessiere ihn nicht.

Wenige Wochen später wurde der Konsul von den Guerilleros wieder freigelassen.



*240310*

Standesgemäßer Dienst

In seiner Monographie (die es eher ist denn eine Biographie) von Pater Joseph, der "Grauen Eminenz" des Kardinal Richelieu, schreibt Aldous Huxley abschließend, indem er den großen Irrtum des an sich zu Kontemplation begabten Geistlichen reflektiert - wo ein Kirchenmann seine geistliche Autorität verspielte, um die weltliche zu gewinnen, um hinwiederum dieser denn doch fremd zu bleiben:

"Es ist verhängnisvoll, sagen die Inder, wenn Angehörige einer Kaste die Funktionen, die eigentlich einer anderen gehören, an sich zu reißen. So wird, wenn sich die Kaufleute auf das Gebiet der Kshatriyas (die regierenden Fürsten, Anm.) wagen und sich des Geschäfts des Regierens unterfangen, die Gesellschaft von allen Übeln des Kapitalismus heimgesucht; und wenn die Kshatriyas tun, wozu nur der theozentrische Brahmane ein Recht hat, wenn sie sich anmaßen, in spirituellen Dingen Vorschriften zu machen, dann kommt es zum Totalitarismus mit seinen götzendienerischen Religionen, seiner Vergötterung der Nation, der Partei und der politischen Bonzen.

Nicht weniger verhängnisvolle Wirkungen treten ein, wenn die Brahmanen (= die Gottgeweihten, Priester) sich der Politik oder dem Geschäftsleben zuwenden; denn dann verlieren sie ihre spirituelle Einsicht und Autorität, und die Gesellschaft, die zu erleuchten ihre Aufgabe war, bleibt völlig im Dunkel, aller Verbindung mit der göttlichen Wirklichkeit beraubt und daher eine leichte Beute für Prediger falscher Lehren.
"

Bei Pater Joseph führte die falsche Wahl - weil die Aufgabe nicht mit seiner "Kaste" übereinstimmte - dazu, daß sein ursprünglich angesehener Ruf als Geistlicher so zerstört wurde, daß man ihn schließlich aufgrund seiner im (mißverstandenen) Gehorsam ausgeführten politischen Handlungen jeder Lüge und jedes Verbrechens für fähig hielt.




*230310*

Montag, 22. März 2010

Revolution der Kinder

Graham Greene beschreibt eine "Revolution der Kinder", die er 1957 in den letzten Tagen des US-unterstützten Diktators Batista erlebt hatte, von der aber, wie er meint, kein Medium der Welt berichtet habe. Dabei waren zahlreiche Korrespondenten wie Greene Augenzeugen.

Wie so viele, war nämlich auch ein Vater von drei Töchtern, acht bis zehn Jahre alt, verhaftet worden, konnte aber entfliehen. Da tauchte die Armee in seinem Haus auf, und nahm die drei Töchter als Geiseln mit, und verbrachte sie in eine Kaserne in Habana.

Am nächsten Morgen hatte sich die Nachricht blitzschnell in allen Schulen verbreitet. An den höheren Schulen trafen die Kinder die Entscheidung selbst und gingen auf die Straße. Die Kunde verbreitete sich weiter. Nun kamen auch die Eltern und holten ihre Kinder aus den Volksschulen heraus. Die Straßen waren voll von ihnen. Die Kaufleute schlossen die Läden, erwarteten das Schlimmste.

Aber die Armee gab überraschend nach, und entließ die drei Mädchen. Sie konnte denn doch nicht ihre Feuerwehrschläuche auf kleine Kinder in den Straßen richten, wie sie es bei ihren Müttern getan hatten, oder sie an den Laternenpfählen aufhängen, wie es an den Vätern geschehen wäre.





*220310*

Sonntag, 21. März 2010

Wie immer bei solchen Angelegenheiten

Martin Mosebach schreibt in "Die schöne Gewohnheit zu leben" von dieser seltsamen Dumpfheit der Italiener ihrer Umwelt gegenüber, als "altes kaltes Volk", wie es auch Rudolf Borchardt einmal beschreibt. Das die Welt kennt und ihr in Zynismus und Hyperrealismus die kalte Schulter zeigt. "Man könnte von einer welthistorisch bedingten Disposition zur Kälte bei den Italienern sprechen."

Deshalb kann man den Italienern nur wünschen, was Berlusconi als neuesten Slogan verkündet: den "Sieg der Liebe über den Neid und den Haß." Um ihm in Rom zuzujubeln, waren sie jedenfalls genug, aber gut, da gab es was zum Wärmen, das sagt noch nicht viel. Dreitausend Busse, zehn Sonderzüge. Italien wählt in ein paar Wochen seine Stadtparlamente, da hat es was für die Piazza in Cremona und Tarent gebraucht.

Eine Million sei es gewesen, verkündete Berlusconi. Ach was, wild übertrieben, unkte die Opposition. Ohne aber leider zugleich ihre Schätzung bekanntzugeben. So blieb ihr Bezugspunkt ihre eigene Demonstration von vor zwei Wochen, wo an der Piazza del Popolo (Bild 2) knapp zweihunderttausend Italiener ihr kaltes Herz zu wärmen versucht hatten. Äußerer Anlaß war - angeblich - jeweils die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, die Partei Berlusconis unter die Lupe zu nehmen. Weiß der Deibel warum.

Beiden geht es jedenfalls ganz exemplarisch in solchen Situationen, der Österreicher kennt das ja, vom Heldenplatz am 13. März 1938: Erst betonen die einen, daß es möglichst viele, und die anderen, daß möglichst wenige sind. Kurz darauf ist das genaue Gegenteil der Fall.

Vielleicht sollten sie sich jetzt schon auf eine gültige Interpretation einigen und mal die Köpfe am Bild zu zählen und dann auf die Quadratmeter hochzurechnen beginnen. Das Bild müßte die Piazza vor der Lateranbasilika, der eigentlichen Bischofskirche des Papstes, zeigen - die ist groß. Ja, ist sie nicht viel größer, als die Piazza del Popolo am Ende der Via del Corso?




*210310*

Frei in der Wirklichkeit

Als er in die Vierziger kommt (in den 1950ern), schreibt Graham Greene in seinen Lebenserinnerungen "Fluchtwege", gerät er in eine seltsame Verfaßtheit: er möchte nur noch fliehen. Seine Erfolge, vor allem im Film, haben es ihm gut eingerichtet, und nachdem er auch die Vorgehensweisen des Schreibens weitgehend ausgelotet hat, wird er zunehmend ihr Gefangener, auch weil diese Wege zu Methoden werden. Das war wohl ausschlaggebend, daß er sich auf eine Weise verändert hat, im Leben sich's eingerichtet hat, die im Gleichmaß der Behaglichkeit jene Angst bis zur Unmöglichkeit steigen läßt, wieder loszulassen, ja die den bewußten Zugang völlig versperrt.

Verzweifelt sucht er Wege, wie er sich selbst, dieser uneigentlichen Identität, zu der sich sein Leben verfestigt hat, wieder entflieht. Und er beschreibt es indirekt in "Das Ende einer Affäre". So deutlich, daß Papst Pius XII., der das Buch gelesen hat, zum englischen Bischof Heenan sagt: "Ich glaube, dieser Mensch ist in Gefahr. Sollte er je zu Ihnen kommen, dann müssen Sie ihm helfen!" (Greene hat Heenan freilich nie aufgesucht.)

"In dem Roman habe ich einen Liebenden beschrieben, der sich so sehr fürchtet, die Liebe könnte sich erschöpfen, daß er ihr Ende beschleunigt, um auch die Qual zu beenden. Dennoch floh ich diesmal nicht vor einer unglücklichen Liebe, ich war glücklich verliebt. [...] Ich suchte nicht das Ende einer Liebe, sondern des Lebens. Zum Selbstmord fehlte mir der Mut, aber ich machte es mir zur Gewohnheit, in Krisengebiete zu reisen, nicht um Stoff für Bücher zu sammeln, sondern um das Gefühl der Ungewißheit wiederzufinden, das ich während der drei Luftangriffe auf London so wohltuend empfand."

Die Ungewißheit, in der er sich selbst, einer übermächtigen Gewalt ausgeliefert, endlich entkommt, dem Scheinleben entkommt, um Gott neu zu finden, indem man endlich seine Hände aus allen Sicherheiten lösen, staunend ganz neu in die Wirklichkeit einzutauchen vermag ...




*210310*

Samstag, 20. März 2010

Zeichen der Zeit

Steht man vor dem Hause am Beginn jener kleinen Gasse, die ehedem das schmale Gäßchen - ein "Schlupf", davon der vormalige Begriff "Schlippergasse" - gewesen, das zu den Weingärten der südlich ausgerichteten Hänge der Ränder der Stadt führte, so befindet sich rechter Hand ein Internetcafé, und links der Leichenbestatter, in dessen Schaufenster die Toten der Stadt angeschlagen sind. An sich nicht verwunderlich, liegt doch die Széntlelek templom - die Heilig Geist Kirche - gleich anschließend. Und womit sonst hat Tod zu tun, als mit Jenseits, ist doch der Gottesdienst, die Messe, die Öffnung des Tores, auf daß sich zwei nun getrennte Welten zu einer wiedervereinen.

Es gibt keine Weingärten mehr, nicht mehr dort, wo die Gasse hinführt, gerade diese besten Lagen sind mittlerweile vollständig von modernen Siedlungshäusern verdrängt. Der für Sopron berühmte Kekfrankos, der Blaufränker, wird heute deutlich außerhalb der Stadt gezogen.

Nach dem Kriege, nach der Vertreibung (oder der rücksichtslosen Magyarisierung, was in gewisser Hinsicht keinen Unterschied macht, weil man die Menschen zwang, sich in der abgeschnittenen und auch umgedeuteten Vergangenheit selbst zu verleugnen - was also blieb noch denen, die blieben ...?) der Deutschen, verschwand mit ihnen auch die Weinbaukompetenz, denn sie waren (auch) die Weinbauern gewesen. In Schnellsiedekursen wurden vor allem den Zuzüglingen, die die nun leerstehenden Häuser bewohnen sollten (aber lange nicht wollten) Grundbegriffe des Weinbaus beigebracht, erst heute und nach fünfundsechzig Jahren wagt man es wieder, von Qualitätswein zu sprechen. Die Gasse aber heißt nun nach dem kleinen Dorf, das man nach fünfzehn Kilometern über sie erreicht: Balf.

In dem Lokal neben dem Temetkezési, dem Bestatter, noch vor dem Durchgang, der Café und Bestatter trennt, befand sich, noch heute erkennbar, ein Schreibwarengeschäft. Es hielt sich nicht lange, mußte mangels Kundschaft schon nach wenigen Monaten wieder zusperren.

Das Internetcafé, in dem tagaus tagein vor allem Studenten stumm sitzen, und in eine andere jenseitige Welt starren als die Kirchgeher von Széntlelek, war zuvor das "Beisel ums Eck" der Gegend, das ausgelagerte Wohnzimmer, wie es immer noch die völlig unterschätzten Stammbeisel, die Stammkneipen darstellen, die soziale Gefüge nicht einfach schweißen, sondern sind. Betritt man die Räumlichkeiten heute, so herrscht eisernes Schweigen, und sogleich umfängt einen die eigentümliche Pietät des "Nichtraumes", in dem lauter Parallelwelten in sich versunken beschäftigt sind, der Raum als bloße technische Ausrüstung gar nicht erst versucht, soziale Stätte zu werden. Selbst beim Leichenbestatter wird mehr und schon gar lockerer geredet, wenn die Angestellten die Särge durch die Gänge des Hauses fädeln, und dies nicht anders tun als wuchteten sie Bierkisten.

Deren Lagerräume sind vom Internetcafé nur durch eine dünne Türe getrennt. Aber es hätte auch ein Blatt Papier genügt, im Geschäft mit Geistern.




*200310*

Keinen Platz mehr

G meinte: "Wenn man sich ansieht, was es alles schon gibt - nämlich genau alles - dann könnte man den Glauben verlieren, daß da noch Platz für einen selbst ist, daß man an dieser Welt noch was zu tun haben soll, und nicht ... umsonst da ist. Vielleicht ist das alles, da rundrum, gar nicht Neid? Sondern Verzweiflung, weil man nicht mehr glaubt, daß man seinen Platz hat? Vielleicht steckt das, geheim, hinter diesem Gequatsche von Überbevölkerung?"
 
Wir hatten darüber gesprochen, daß Neid (und Gier) eine Frage des Platzes ist, den man im Leben hat oder meint haben zu müssen, und mit dem man nicht zufrieden ist.

"Schau, in Leipzig gab es damals (17. Jahrhundert, Anm.) fünfundzwanzigtausend Menschen. Da fiel jeder mit je seinen Begabungen noch auf, da reichte die Tuchent der sozialen Kontakte bis zum Ende der Zehen. Bei jedem. Was will ich heute aber in Köln, oder Wien? Ein oder zwei Millionen sind da ... vierzig-, achtzigmal Leipzig! Da geht man unter. Ich habe auch das Gefühl, daß aus solchen Riesenstädten weit unterproportional wenige wirkliche große Leistungen erwachsen. Während man den Eindruck hat, daß es in einer Kleinstadt wie Athen, mit vielleicht hunderttausend Einwohnern, ständig zu Trägern alle Zeiten überdauernder Spitzenleistungen gekommen ist. Als wären die großen Städte gigantische Vernichtungsmaschinerien ..."

Warum wir später, im Gespräch, bei Einspänner und Apfelstrudel, auf den Sinn des Dezentralen, des Föderalismus kamen weiß ich nicht mehr. Aber es hatte klar damit zu tun. Ich war ja längst in Gedanken bei etwas anderem.

Denn G hatte gemeint, daß er das Gefühl habe, daß es nicht eine Decke über ein oder zwei Millionen sei, mit der man es zu tun habe - sondern nur eine gleich große, also kleine, Decke, die aber die anderen zu verdrängen suche. "Als fehlte," meinte er, "etwas, das aus diesen ganzen kleinen Decken wieder eine übergeordnete Decke häkelte. Als wäre es eine Dorfclique, die aber die Herrschaft an sich gerissen hat. Kann es sein, daß es das ist, was so entmutigt?"
 
 
 
 
*200310* 

Freitag, 19. März 2010

Verruchte Lauer

"Einen verruchten Menschen stellen wir uns überaus auf der Hut und auf der Lauer vor. Allemal bereit zum Sprung. Wir können uns keinen verruchten Menschen vorstellen, der sich ehrlich und aufrichtig Träumereien hingäbe, - denn wir dürfen uns einen verruchten Menschen nicht vorstellen, daß er jemals allein mit sich selber wäre."

Als ich das bei Chesterton, "Der Mann der Donnerstag war", las, dachte ich sofort an eine Meldung, die in der Zeitung dieser Tage gestanden hatte. Daß eine der Früchte der beschleunigten Kommunikation, in Twitter, facebook, sei, daß die Menschen auf nichts mehr konzentriert wären, sondern ständig auf der Hut, und bereit, auf Nachrichten einzugehen, auf die sie in Permanenz warteten. Angeblich seien sie sogar beim Sex, schreibt die Zeitung - beim Sex ... war ich schon je beim Sex? bei etwas das so klingt wie beim Haareschneiden, muß auch mal sein? - in dieser ständigen Warteposition, bereit sofort zu unterbrechen.

Ständig auf der Lauer also liegen. Ständig bereit, alles umzustoßen, um der Nachricht zu folgen. Nie mehr mit sich selbst allein, nie mehr man selbst als je aktuell zum flüchtigen Wortschaum aufkocht. Als Form, ohne Bleibendes, unbestimmbar geworden, nur noch Art, nur noch Vogelschwarm, hierhin, dorthin ... zum "So wie ..."

Führen nicht heute alle das Leben von Verruchten?




*190310*
 

Ein Volk von Brüdern

"Unter Sippen und Blutsverwandten dauert ja die lebendigste,vollste Kunde, und ihnen stehen von Natur geheime Zugänge offen, die sich den anderen erschließen. Nicht allein leibliche Eigenheiten und Züge haben sich einzelnen Gliedern eines Geschlechts eingeprägt und zucken in wunderbarer Mischung nach, sondern dasselbe tut auch die geistige Besonderheit, daß man oft darüber staunt; da hält ein Kind den Kopf oder dreht die Achsel genau wie es der Vater und Großvater getan hatte, und aus seiner Kehle erschallen bestimmte Laute mit derselben Modulation, die jenen geläufig war; die leisesten Anlagen, Fähigkeiten und Eindrücke der Seele, warum sollten nicht auch sie sich wiederholen? [...]

Mir erscheint nun, daß dieser edle, die Menschheit festigende und bestätigende Hintergrund seine größte Kraft hat zwischen Geschwistern, stärkere sogar als zwischen Eltern und Kindern. Geschlechter haben sich zu Stämmen, Stämme zu Völkern erhoben nicht sowohl dadurch, daß auf den Vater Söhne und Enkel in unabsehbarer Reihe folgten, als dadurch, daß Brüder und Bruderskinder auf der Seite fest zu dem Stamm hielten, nicht die Descendenten, erst die Collateralen sind es, die einen Stamm gründen, nicht auf Sohnschaft sowohl als auf Brüderschaft beruht ein Volk in seiner Breite. [...] 

So will ich den einfachen Grund angeben, warum Brüder sich besser verstehen und erkennen als Vater und Sohn. Eltern und Kinder leben nur ein halbes Leben miteinander, Geschwister ein ganzes. Der Sohn hat seines Vaters Kindheit und Jugend nie gesehen, der Vater nicht mehr seinen Sohn als reifen Mann und Greis erlebt. Eltern und Kinder sind sich also nicht volle Zeitgenossen, das Leben der Eltern sinkt vornen in die Vergangenheit, das der Kinder steht hintern in die Zukunft. [...]

Niemand weiß folglich bessern Bescheid zu geben als vom Bruder der Bruder, und diesem natürlichen Verhalt hinzu tritt noch ein sittlicher. Der Vater vom Sohne redend wird sich seiner Gewalt über ihn stets bewußt bleiben, der Sohn Zeugnis vom Vater ablegen der gewohnten Ehrfurcht nie vergessen. Geschwister aber stehen untereinander, ihrer wechselseitigen Liebe zum Trotz, frei und unabhängig, so daß ihr Urteil kein Blatt vor den Mund nimmt.
Und dazu noch die leibliche Geschwisterähnlichkeit, also insgeheim auch die geistige, dem Vater gleicht der Sohn nur mehr oder weniger als halb, weil er auch Mutterzüge in sich aufnimmt, hingegen Brüder teilen sich in des Vaters und der Mutter Gesicht und besitzen von jedem irgendetwas; laßt Brüder sich in der Kindheit noch so unähnlich erscheinen, im Alter, wenn ihre Wangen einfallen, gleichen sie einander durch die Bank."



Jacob Grimm in seiner Gedenkrede 
an den Bruder Wilhelm, 1860



*190310*

Donnerstag, 18. März 2010

Heute aus gestern

Der Mensch - und zwar jeder für sich - hat sich zu schaffen, sich in jedem Augenblick handelnd in die Zukunft zu werfen. Was er also jetzt ist, ist er aufgrund seiner Vergangenheit. Und somit kann er nur die Zukunft vorauswerfen, wenn er auch weiß, was er jetzt ist - also seine Vergangenheit kennt.
 
So schreibt Ortega Y Gasset in "Geschichte als System". "Der Mensch hat nicht Natur, sondern er hat Geschichte." Das Individuum ist kein starres (elastisches) Wesen, sondern es lebt (unwiederholbar und immer neu) in dieser Konstellation der Offenheit der Gegenwart, auf dem Boden der Vergangenheit, die eine nie abreißende Kette der kausalen Zusammenhänge bildet - wo in jeweiliger Gegenwart zur Vergangenheit und den nun präsenten Kräften reagiert (beziehungsweise in diese Gegenwart hinein gestaltet) wird.

Im Gegensatz zum Tier, das immer als "erstes Tier" da ist, immer gleich, wesentlich geschichtslos, ist der Mensch der zweite, dritte, etc. Mensch, mitbestimmt und umgeschaffen aus der Vergangenheit.

"Die Geschichte ist eine systematische Wissenschaft der Grundrealität, die mein Leben ist. Sie ist daher Wissenschaft der Gegenwart in dem strengsten und aktuellsten Sinn des Wortes. Wäre sie nicht Gegenwart, wie sollten wir die Vergangenheit finden die ihr gewöhnlich als Thema vorgeschrieben wird?

Die entgegengesetzte und übliche Interpretation läuft darauf hinaus, aus der Vergangenheit eine abstrakte und irreale Sache zu machen, leblos in der Zeit in der sie geschah, während hingegen die Vergangenheit die lebendige und wirksame Kraft ist, die unser Heute trägt. Es gibt keine actio in distans. Die Vergangenheit ist nicht drüben, wo sie geschah, sondern hier, in mir. Die Vergangenheit bin ich, daß heißt mein Leben."




*180310* 
 

Wahre Gefängnisse

"Es ist dem Erkennenden naturgegeben, auch die Wesungsform des Mitdings zu besitzen. Denn das Artbild des Erkannten ist im Erkennenden. Damit liegt auf der Hand, daß die Natur des nichterkennenden Dings mehr eingeengt und eingegrenzt ist. Die Natur der erkennenden Dinge aber hat eine größere Weite und Ausdehnung. Deswegen sagt der Philosoph: "Die Seele ist gewissermaßen alles." 

Die Einengung der Wesungsform ist aber durch den Wesungsstoff da. Daher sagten wir auch oben von den Wesungsformen, sie träten, je unstofflicher sie sind, umso näher an eine Art Unendlichkeit heran. Es ergibt sich also, daß die Unstofflichkeit eines Dings im Grunde auf die Erkenntnis verweist, und daß das Erkenntnismaß sich nach der Unstofflichkeitsweise richtet."             
(Thomas v. Aquin, S. th. 14/1)

Vom seligen Hentwich dem Einsiedler wird erzählt, daß er, als er dies las, die darauffolgende Nacht in zähneknirschender Verzweiflung und in Tränen verbrachte, weil er seinen Leib als Gefängnis begriff, das er nicht abstreifen, sondern nur in Geduld ertragen lernen konnte.




*180310*

Immer auch Moralist.

In diesem Sinne, freilich, kann ich mit dem Prädikat, in meiner Arbeit ein "Moralist" zu sein, gut leben, wie es Gilbert K. Chesterton einmal notiert.

Wenn er nämlich festhält, daß jedes Kunstwerk eine Allegorie des Lebens ist - nämlich die Allegorie einer bestimmten Weltsicht. Jedes große Kunstwerk, meint er, sei die Verkörperung einer moralischen Botschaft. Und wir wollen hinzufügen, gerade, wenn sie das verneinen zu sollen meint. "Die Ilias ist groß, weil das ganze Leben ein Kampf ist, die Odyssee, weil das ganze Leben eine Reise ist, das Buch Hiob, weil das ganze Leben ein Rätsel ist. Es gibt eine Haltung im Leben, da wir die ganze Existenz in dem Titel 'Gespenster' beschlossen finden, eine andere - und etwas bessere - in der wir sie in den Worten 'Ein Sommernachtstraum' zusammengefaßt sehen."

Um das Gemeinte zu illustrieren, sollten wir vielleicht weiterlesen, was Chesterton in "Verteidigung des Nonsens" argumentiert. Denn im Pendent zum "Nonsens" leben seine Ausführungen auf, weil er diesen auffordert, seine entsprechende und eigene Version des Kosmos anzubieten. Und diese darf unsinnig sein, weil auch dies ein Aspekt des Lebens ist. Man kann die Welt nicht nur tragisch, romantisch und religiös auffassen - sie hat auch ihr Quäntchen Unsinnigkeit. Oder was sonst solle es sein, wenn ein Baum hoch in den Himmel hinein seine Früchte anbietet - und eine Giraffe sie abweidet? Ist dies nicht ein staunenswertes Aufbäumen der lebenden Erdkrume, die sich zur mächtigen Woge tosend zum Himmel erhebt?

Ist nicht das viel überzeugendere Argument für einen Gott, in aller Größe und Allmacht, überzeugender als das, er ordne alles zur Vernunft in seiner Güte - der Hinweis auf dessen verspielte Unvernunft, unter der ein Vogel zur losgerissenen Blüte des Strauches, ein Mensch ein auf seinen Hinterfüßen bettelnder Vierfüßer, ein Haus ein gigantischer Hut, um den Menschen vor der Sonne zu beschützen, ein Stuhl ein Apparat aus vier hölzernen Beinen, konstruiert für einen Krüppel mit nur zweien, wird?

Und wird somit selbst also die Unvernunft, der Nonsens, zur Predigt, zur moralischen Botschaft, weil alles Allegorie ist?
 
 
 
 
*180310* 

Dienstag, 16. März 2010

Quelle Mythologie

Die Poesie öffnet auf einen Deutungshorizont hin, und sie öffnet immer am Konkreten, am Gegenständlichen. In "Gespräch über die Poesie" zeigt Friedrich Schlegel richtig, daß die größte Gefahr der Kunst - und ihrer Konstituenten, der Poesie - davon droht, daß sie sich ohne Mythologie wiederfindet.

Das sieht Schlegel - zu dem Zeitpunkt noch Protestant! - als die eigentliche Aufgabe der Romantik. Und er, wie die Romantik selbst, ahnt diesen großen Sündenfall des Abendlandes. Und will den Bruch heilen.

Es nimmt nicht wunder, daß der Pantheismus eines Spinoza, die "Mystik" des 18. Jahrhunderts (als Schwärmerbewegungen, selbst Ersatzhandlungen dieses großen Bruchs zum Ausgang des Mittelalters, unerhört populär), als jene Ideen gesehen werden, die die dem Protestanten fehlende Metaphysik ersetzt.

Poesie aber öffnet das Fenster, und sie tut es aus der Metaphysik heraus, auf ihrem Boden. Denn die wahre Metaphysik IST Poesie, unnennbar im Grunde, nur abgrenzbar - zerstört von den Genannten, die Auswählungen ("Häresien") waren und sind. Und der Boden für Kunst wie Wissenschaft gleichermaßen.

"Die Mitteilung und Darstellung aller Künste und aller Wissenschaften kann nicht ohne einen poetischen Bestandteil sein." 

Schlegel sieht diesen Bedarf auch, und nicht unwesentlich, eben aus den Erkenntnissen der Physik heraus, die - in den auftauchenden Beobachtungen über Elektrizität, Magnetismus (siehe unter anderem J. W. Ritter's Versuche einer nunmehr wissenschaftlich-physikalisch-mythologischen Kosmogonie) - die Not der Deutung offengelegt hat. Zweihundert Jahre später, heute, stehen wir im Grunde in der Quantenphysik vor haargenau denselben Fragestellungen!

"Ich zog die Physik aber auch darum vor, weil hier die Berührung am sichtbarsten ist. Die Physik kann kein Experiment machen ohne Hypothese, jede Hypothese, auch die beschränkteste, wenn sie mit Konsequenz gedacht wird, führt zu Hypothesen über das Ganze, ruht eigentlich auf solche, wenn gleich ohne Bewußtsein dessen, der sie gebraucht." Sobald es der Physik, schreibt Schlegel, um allgemeine Resultate geht, und nicht nur um technische Zwecke, gerät sie, ohne es zu wissen, in Kosmogonie, in Astrologie, in Theosophie, und was auch immer, "kurz: in eine mystische Wissenschaft vom Ganzen."

Schlegel konvertierte schließlich übrigens zum Katholizismus.




*160310* 
 

Abschreckende Wirkung

Heinrich von Talleyrand, Marquis von Chalais, ein zum nämlichen Zeitpunkt 18jähriger, hübscher, angenehmer Mann, war 1626 an einer Verschwörung an Ludwig XIII. überführt worden. Der junge Mann hatte sich von Marie von Rohan, der Herzogin von Chevreuse (Bild), in die Angelegenheit hineinziehen lassen, die ihn in ihrer berüchtigten Koketterie hoffnungslos in sich verliebt gemacht machte, um ihn dann zu benützen.

Im Verhör, das von Richelieu psychologisch geschickt aufgeführt worden war, gab er nicht nur alles zu, sondern beschuldigte noch eine Reihe weiterer Beteiligter, darunter seine Angebetete.

Er wurde trotz verzweifelster Widerrufs- und dann Entschuldigungs- und Bittschreiben zum Tode durch Enthauptung in Nantes verurteilt. Anschließend sollte sein Kopf auf eine Pieke montiert in der Stadt aufgestellt, sein in vier Teile geteilter Körper in vier Hauptstraßen zur Abschreckung ausgestellt werden.

Der König war nicht bereit, den jungen Mann zu begnadigen, weil man diesmal versucht hatte, sogar seinen Bruder Gaston gegen ihn als Thronprätendenten auszuspielen.

Auf innigstes Flehen der Mutter des Verurteilten wurden ihm aber zumindest die entehren sollenden Teile der Hinrichtung erlassen.

In seinen letzten Wochen war Chalais im Gefängnis dadurch aufgefallen, daß er pausenlos verzweifelt-wütend fluchte, jedes Gespräch mit einem Geistlichen verweigerte, und alle und jeden beschimpfte. Nur die Chevreuse, die er erst schwer belastet hatte, nahm er von seinen Flüchen aus, und entschuldigte sich fortwährend für seine, wie er nun behauptete, falschen Beschuldigungen, und versicherte sie seiner unausgesetzten heißen Liebe.

Sie beantwortete keinen seiner Briefe.

Weil der gewöhnliche Henker zum Tag der Hinrichtung nicht in Nantes war, wurde ein zum Strang verurteilter Häftling mit dessen Vertretung betraut, der aber noch nie eine Hinrichtung vollzogen hatte.

Battifol schreibt: Er mußte sechsunddreißigmal mit einem Böttchermesser dreinhauen, um den Kopf vom Rumpfe zu trennen, und war schließlich noch genötigt, den Kopf auf die andere Seite zu drehen, um sein scheußliches Werk zu vollenden. Beim zwanzigsten Streiche lebte Chalais noch, und rief aus: "Jesus Maria!"




*160310*
 

Montag, 15. März 2010

Zukunft ist nun bald

Wenn es um Renten geht, kann man den Politikern ganz sicher nicht trauen. Versicherungen vielleicht ein wenig mehr. Wie der Allianz, die in einer eigenen Studie, wie der Standard berichtet, die Probleme der kommenden Jahre aufzeigt. Und bald wird es nicht mehr heißen: irgendwann, in Zukunft ... 2015, das ist in fünf Jahren, wird auch in Österreich der Arbeitsmarkt kippen.

Erstmals werden in fünf Jahren auch hierzulande mehr Arbeitnehmer in Pension gehen, als in den Arbeitsprozeß neu eintreten.
 
EU-weit betrachtet, träte diese Wende bereits heuer ein. 

Auch Zuwanderer, so die Studie, werden das Problem ... NICHT lösen können. Denn so viel Zuwanderung, wie dann nötig wäre, würde das soziale Bewußtsein im Lande definitiv kippen lassen, würde, so die Studie, die Integrationsfähigkeit Österreichs überfordern.

Abgesehen davon, so sagt einmal der deutsche Demograph Herwig Birg, daß internationale Wanderung das Problem nicht behebt - denn diese Menschen, so Birg, kosten nicht nur hierzulande mehr, als sie bringen, sondern es fehlt jede Solidarwurzel, noch dazu wo diese Menschen ihren eigenen Ländern ja genauso abgehen. (Erneut der Hinweis auf den Thread im ARS ACTU-Forum, in dem vor Jahren bereits alle Fakten und Perspektiven sehr erschöpfend abgehandelt wurden, es muß nichts korrigiert werden.)

Apropos Arbeitnehmer: EU-weit sei noch jeder Dritte zwischen 60 und 65 im Arbeitsprozeß. In Österreich - nur jeder Fünfte. Das gibt's in der EU sonst kaum noch.

Vielleicht sollte man einen Aufruf starten, weltweit: Suchen gut ausgebildete Fachkräfte, die unsere Renten und Sozialabgaben zahlen. Aber, bitte, ohne Kinder! - denn wie der Artikel der FAZ zeigt, wird heute noch dazu recht munter auf Kosten eines ganz anderen Faktors Geld vernascht: daß weniger Kinder vorderhand auch weniger Kosten fürs Solidarsystem bedeuten, und viel viel Arbeitskraft (über die Frauen) freisetzen. Und die Rentenlawine - das Verhältnis Erwerbstätige zu Pensionisten - kommt ja auch erst jetzt und allmählich so richtig zum Tragen.

Denn wie man es auch dreht und wendet, die Ausgaben für Renten wie für die "Kinderaufzucht", ja die Ausgaben des gesamten Sozialsystems, müssen grosso modo in genau dem Jahr erwirtschaftet werden, in dem sie entstehen. Nicht ausgenommen "privates Kapitalsparen als Rentenversicherung" - denn wer, WER soll denn jene Renditen erwirtschaften, von denen Sie in Ihrer Pension angeblich zweimal jährlich nach Pukhet fliegen?
 
 
 
 
*150310* 

Parasitäre Gleichzeitigkeit

Persönlichkeit heißt (auch), Verhältnisse des Ich zur Welt, das so zum Selbst wird, verfleischlicht und damit gespeichert zu haben.

Diesen Vorgang vermag scheinbar das Internet zu ersetzen - zumindest trägt es diese Hoffnung. Indem es diese Information (und man muß es unter Anführungszeichen setzen, denn die Natur dieses "Dings Information" ist einstweilen keineswegs absehbar - denn daß es simple 0/1 Information überhaupt gäbe, ist ja einer der fatalen Irrtümer des 20. Jahrhunderts) stets gegenwärtig setzt.

So, wie eine gereifte Persönlichkeit, in ihrer Bibliothek der Abstrakta die es durch Selbstabstrahierung integrierte weil wurde, die Welt immer universaler in sich trägt.

Zugleich ist ein Persönlichkeitsbild - und es ist ein Zerrbild von Persönlichkeit - beobachtbar zunehmend, aus dem sich Menschen eine Identität aus diesen ständig präsenten Versatzstücken regelrecht zusammenstehlen. Wie Lumpensammler, eine neue Form von Schmarotzertum, von Hunden, die am Boden hechelnd warten, was von den Tischen fällt - an denen immer wenige sitzen.

Denn es werden immer mehr - zu Hunden.

Die ihr Menschsein durch ständige Präsenz, durch ständiges "Ohr am Netz" halten, "beweisen" können - nicht mehr sein müssen, beziehungsweise sind.

Und Facebook ward erfunden.

Und das Twittern ward erfunden.

Geschäftsideen. (Kultur entsteht aus dem Gegenteil, seine Quellen waren immer das Spiel, die Absichtsfreiheit, die Feier, die unerklärliche Lust an der Form, die von Menschen gefühlt und gewollt, Fleisch wurde.)

Erkenntnis wird entmenscht, wird zu technisch machbarer Informationspräsenz. Und wird auf paradoxe Weise - bar jeder Welterkenntnis, -erfahrung, weil bar jeder Vergangenheit und geschichtlichen Lehren sein. Menschen, die (scheinbar!) keine Geschichte mehr haben ... und alle Information zur Verfügung haben, aber nichts wissen.

Denken selbst wird bestenfalls noch zum Vollzug einer mechanischen Abfolge, zur Sprachlogik, zur (völlig mißverstandenen, weil nur vermeint Welt konstituierenden) Mathematik - ohne das Wesentliche der Sprache, die vorauswerfende Sinn- und Bildhaftigkeit der Welt, die nur der jeweils kommunizierende Mensch leisten kann und muß (!), im Chiffrieren wie Dechiffrieren (!), noch weiter bilden zu können. Das fest verschlossen in tiefsten Bergen unantastbar, bei dräuender Todesstrafe tabuisiert ist. Bis man auch aufhört, sich zu denken zu bemühen, weil es, immer wirklichkeitsferner geworden, keine Aussage mehr über die Wirklichkeit, die einen zu überschwemmen droht, die immer unbeherrschbarer wird, zuläßt. Im dann anbrechenden Zeitalter einer geistigen Finsternis, einer magisch-okkulten, dämonischen neuen Welt voluntaristischer, totalitärer Ordnung, gewählt weil alles, schon gar Freiheit, weniger wert ist als Lebenssicherheit - in der, in irgendeiner Ordnung ...

Sogar "Kunst" wird entmenscht - zum Produkt per Computer assemblierter, oft genug zufällig, durch Programm- oder Materiallogiken entstandener, bestenfalls noch von Menschenhand ausgelöster Prozesse, auch eines willensbefreiten (wenn nicht: gelangweilten) Herumprobierens, ihre Formkriterien sind "sieht aus wie", "hört sich an wie", sind überraschende Variationen in sich unzusammenhängender, ja widersprüchlichster Elemente, somit Bizarrheit, nicht selten wahrhaftige Ausgeburt des Höllischen, weil um solche Collagen hervorzurufen bereits das wesentliche der Dinge selbst fehlt, ihre Stellung im humanen Kulurganzen muß zertrümmert, ausgelöscht, Vernunftganzes als "Blockade" terminiert sein, bestenfalls sind Bezüge noch brauchbar als (sinnlos) ästhetizistisch/ästhetische Elemente. Oft genug wird Kunstdeutung somit nicht zur Deutung, sondern zur posthoc "Hineinschaffung" von Sinn.

Genau diese Menschen, diese technischen und technizistischen (und aktualistischen, also nichts seienden, sondern nur gerade jeweils werdenden) Charaktere, werden von Medien - die immer nur extrapolieren, was da ist, ihrer jeweiligen Art gemäß solches anziehend, und erst in zweiter beziehungsweise dritter Linie zu eigenem Dinge, eigener Ursache werden - hochgespült. Aber: zusätzlich hochgespült.

Als symbiotische Parasiten.
 
 
 
 
*150310* 

Weß Brot ich eß, deß Lied ich sing

Der Eigenbericht von pressetext.at über einen Media-Workshop macht erneut deutlich, was längst als Konsument an den Medien auffällt, als der man sich an den Verlust des Objektivitätsanspruchs von Nachrichten besser rasch gewöhnen sollte, um nicht noch deutlicher der Wunschinformation von Wirtschaft und Politik ausgeliefert zu sein. Es gibt Schätzungen, denen gemäß kaum noch dreißig Prozent der aktuellen Presseberichte und -artikel von herkömmlichen Journalisten (samt ethischem Anspruch) stammen. Agenturen und Werbefachleute ("Kommunikationsexperten") übernehmen damit aber nicht einfach nur Textproduktion. Sondern sie bestimmen in klaren Strategien die Inhalte der öffentlichen Diskussionen - und beherrschen damit den zentralen Punkt individueller Meinungsbildung: die Fragestellungen.

Zur Erinnerung: über die auflagengebundene Presseförderung wäre in Österreich eher wenig politischer Einfluß gegeben. Nachdem aber diese Presseförderung seit Jahren eher reduziert wird, werden die Medien zunehmend von den Werbegeldern der Parteien, jeweiligen öffentlichen Körperschaften, und öffentlichen Betrieben (also wieder: Parteien) lenkbar, weil existentiell abhängig.

Eine Entwicklung, die längst weit fortgeschritten ist, und die Relevanz der "öffentlichen Diskussion" via Medien was die wirklichen Themen des Lebens sind längst aufgelöst, die Mediendiskussion zu einer Parallelwelt gemacht hat. Stichwort: Die veröffentlichte Meinung ist immer weniger die öffentliche, sondern die von Politik, Interessensgruppen und Wirtschaft gesteuerte Meinung! Ob das nun eine Diskussion über "Andy Ivanschitz als Teamkapitän" ist, welche Kampagne dessen Manager mit einer Tageszeitung ausschnapst, oder die zufällige Häufung von Berichten über die Studien über "zunehmende Gewalt an Frauen in Österreich" mit anschließendem "Thema" im ORF, drei Wochen vor den Abgaben von Subventionsansuchen entsprechender "Frauenhilfseinrichtungen", deren Argumentation und also dann permanente Öffentlichkeitsarbeit sich zufällig mit der politischen Linie einer Partei deckt.

Die einen zahlen dann mit Geld, mit Werbung, die anderen mit "content", mit Inhalten, mit Geschichten und Themen, in denen sie Welt vorwerfen. Und die Zeitung ist von beidem abhängig, berichtet nicht mehr von Geschehenem, sondern läßt (virtuell initiiert) geschehen, wovon sich berichten läßt.

pressetext.at schreibt (Art. gekürzt; man beachte vor allem die originellen originalen Wortschöpfungen!, Anm.):

Unternehmen und Organisationen werden immer mehr zu Medienproduzenten in eigener Sache, klassische Medien sind immer mehr auf "gute Vorarbeit" der PR-Abteilungen angewiesen. Die digitale Revolution verstärkt den bereits erkennbaren Trend, dass Kommunikatoren in Unternehmen und Organisationen (und nicht mehr Journalisten in Medien) die Tagesagenda bestimmen. Die zunehmende Entkoppelung der Werbebudgets von klassischen Medien und die Abwanderung ganzer Kampagnen ins Internet vergrößern nur noch die Abhängigkeit klassischer Medien.

Printmedien in den USA und Europa haben allein in den vergangenen zwei Jahren fünfundzwanzig Prozent ihrer Umsätze (an die neuen Medien, Anm.) eingebüßt. Das hat zu Massenentlassungen von Journalisten und zur Einstellung vieler Titel geführt. Diese Ressourcen werden den Medien künftig sehr fehlen. Auch die Werbewirtschaft musste schwere Einbrüche hinnehmen. Fehlende Budgets zwingen Agenturen und Medien heute weltweit zu einer Neuorganisation, klassische Kampagnen sind ein "Auslaufmodell", erläutert Seywald.

Web- und Mobile-Media-Spezialisten werden die Werbespendings abschöpfen und "konvergente" Kampagnen die Kommunikation bestimmen. Für die nächste Generation sei der Medienkonsum via Handy & PC spannender als in TV und Printmedien.


Die zunehmende Ressourcenknappheit der klassischen Medien und das Fortschreiten der digitalen Revolution mit Social Media & Co hat auch Konsequenzen für die Unternehmenskommunikation. Das neue Selbstverständnis geht davon aus, dass künftig Unternehmen die Nachrichten bestimmen werden, nicht mehr die Medien, und dass der Inhalt den Medienkanal bestimmen wird, nicht mehr der Absender. Zwangsläufig müssen sich daher auch die Kommunikationsabteilungen der Unternehmen neu aufstellen, und noch aktiver als bisher ins Geschehen eingreifen




*150310*

Sonntag, 14. März 2010

Zeit - Das Hintereinander, nicht das Zugleich

"Wie kannst du nur, verführte Seele, deinem Fleische folgen? Kehre um, so wird es dir folgen.
Was du fleischlich wahrnimmst, ist Stückwerk. Das Ganze bleibt dir verborgen, an dessen Teilen, die du allein vor Augen hast, du dich gleichwohl erfreust. Aber auch wenn deines Fleisches Sinn imstande wäre, das Ganze zu erfassen, wenn er nicht selbst dir zur Strafe in einem Teil des Universums die ihm zukommende beschränkte Rolle spielen müßte, würdest du wollen daß das heute Gegenwärtige vorüberginge und du am All um so größere Freude habest. 

Auch die Worte, die man spricht, vernimmst du ja mit demselben Fleischessinn und willst nicht, daß die Silben stehen bleiben, sondern dahin eilen und anderem Platz machen, damit du das Ganze vernehmest. 
So ist's immer mit allen Teilen, daraus ein Ganzes besteht. Die Teile, aus denen es besteht, können nicht alle zugleich sein. Alle zusammen, wenn man sie in ihrer Gesamtheit wahrnehmen kann, erfreuen mehr als die einzelnen. 
Aber hoch über ihnen steht, der sie alle gemacht hat, er selbst, unser Gott, der nicht entweicht, weil nichts an seine Stelle treten kann. 

Denn er schuf nicht und ging davon, sondern aus ihm und in ihm ist alles."

Augustinus, "Confessiones", 4. Buch

Erst in der Poesie ist das Universum wieder ganz - in der Kunst. Weshalb der erste Dienst des Priesters der der künstlerischen Darstellung ist. Weshalb die Liturgie das größte aller Kunstwerke, heilig selbst ist. Die Gotteserfahrung und -erkenntnis geht von der Darstellung aus, sie ist der originäre Weg Gottes sich mitzuteilen. Religiosität beginnt im Kult.

"Der Schauspieler ist wie ein Brillant - immer derselbe, aber je nachdem, von wo das Licht einfällt, leuchtet er jeweils anders auf." Und man könnte zu Günther Maria Halme hinzufügen: es liegt nur noch am Schliff.



*140310*

Politische Streitkräfte

Unter Bezug auf Bismarck wie auf Clausewitz, weist Gerhard Ritter (selbst in die Geschehnisse um den 20. Juli 1944 involviert, aber davongekommen) in seiner Geschichte des deutschen Widerstands um Goerdeler den Vorwurf zurück, daß die Deutsche Wehrmacht nicht (das sowieso, die Widerstände waren beträchtlich!) Hitler in den Arm gefallen sei.

Das würde bedeuten, daß von den Streitkräften eines Landes grundsätzlich politische Richtung verlangt würde. Aber daß das nie gutgehen kann, beweist nicht zuletzt die unendliche Geschichte der lateinamerikanischen Staaten, Spaniens, nun der Türkei, Griechenlands, etc. etc. Politisierende Generäle haben in der Geschichte fast immer nur großes Unheil angerichtet.

Wenn Streitkräfte politisch positioniert sind, dann stehen sie immer (sic!) den Regierenden als latente Bedrohung gegenüber und unterliegen keiner wirklichen politischen Kontrolle, werden sogar, wenn sie politisch durchdrungen sind, im Falle einer Diktatur zum politischen Machtinstrument. Krieg kann aber kein Mittel für sich sein, er muß immer der Mäßigung der Politik und damit ihrer Führung unterliegen! Konstellationen wo die Streitkräfte sich in die Politik mischen, sind historisch belegbar bereits Anzeichen eines gefährlich schwachen Staates. Sie müssen deshalb a-politisch sein, und im Normalfall bleiben.

Hier setzte gerade im von bestem preußischem Ethos durchwirkten "alten" Offizierskorps unter Hitler ein allmähliches Umdenken ein, das - wie Generalstabschef Beck (Bild) es dann sogar schriftlich formulierte - in besonderen Zeiten auch besondere Verantwortlichkeiten forderte. Erst allmählich begriffen die Generäle, daß die normalen Verhältnisse umgekehrt waren: daß an der Spitze des Staates kein echter Staatsmann mehr stand, sondern ein verantwortungsloser Abenteuerer.

Diese Gewissensentscheidungen fielen erst mit den Jahren, insbesonders 1938 und 1939, als immer klarer wurde, daß Hitler auch nach rein strategisch-militärischen Standpunkten hasardierte, und sinnlos einen Krieg riskierte - denn die Verhandlungsbereitschaft Englands und Frankreichs war fast grenzenlos, weil das Unrecht von Versailles allen klar war, den Engländern sowieso, den Franzosen noch nicht ganz.

Zu Anfang von Hitlers Expansionspolitik - die Aufrüstung selbst war ja zuerst noch als Akt der Wiederherstellung der Gerechtigkeit begrüßt, die Beschränkung auf 100.000 Mann laut Versailles versetzte ja Deutschland gar nicht in die Lage, sich im Angriffsfall zu verteidigen, wie die latente Polenfrage bewies (Polen erwog lange einen Präventivschlag), außerdem hoffte man die Paramilitärs (SA, SS) endlich in den Griff zu bekommen (was sich nicht erfüllte) - war der Widerstand deshalb noch prinzipiell auf wehrtechnische Argumente beschränkt, was Hitler immer wieder zu schlimmen Ausbrüchen reizte.

Goerdeler, der von 1937 bis 1939 fast zwei Jahre lang in Europa und Nordamerika unterwegs war, berichtete in zahllosen Niederschriften davon, daß sämtliche Forderungen Deutschlands, nur mit etwas mehr Mäßigung vorgebracht, bei sämtlichen maßgeblichen Politikern und auch der Stimmung der Völker gemäß auf entgegenkommendstes Verständnis stießen. Selbst Kolonien (in Westafrika) waren kein wirkliches Thema, neben sämtlichen Restitutionen nach Versailles abgetretener ehedem deutscher Gebiete, freilich mit dem schwierigen Fall Danzig, weil die Rohstofffrage für einen Industriestaat (wie Deutschland) von elementarer Bedeutung, und allen Großmächten klar war, daß diese Frage gleichfalls gelöst sein mußte, sonst würde nie politischer Friede einkehren.

Es spricht Bände, wenn Bismarck noch die Politik daran dringend erinnert, die Automatismen der Militärs, ihren (verständlichen) Wunsch Geschichte zu machen, ihre Offiziere und Soldaten damit zu motivieren (wie sonst nämlich), zu beachten und in Schranken zu halten. Und wenn nun plötzlich der Staatsobere, Adolf Hitler, sich darüber wie mehrfach bekundet wunderte, warum bei ihm nicht die Generalität wie ein Kettenhund sei, den man in seinem Blutdurst zügeln sollte, sondern ewig nur den Bremsklotz am Wagen seiner Kriegspolitik bilde.

Selbst die westlichen Großmächte mußten ja erst begreifen lernen, daß es nie um vernünftige Forderungen ging, auch wenn Hitler das wieder und wieder betonte. Nicht anders die Generäle. Bei allem Ehrgeiz, bei allen individuellen Fehlhaltungen, die es gab. Aber, so fragt Ritter schließlich, war nicht immer der starke Charakter der seltenste unter den Menschen? Außergewöhnliche Zeiten verlangen außerdem immer sogar ein übernormales Maß an sittlicher Kraft und politischer Einsicht.

Die Frage spitzte sich erstmals beim geplanten Einmarsch in die Tschechoslowakei zu. Die Wahrscheinlichkeit, Hitler zur Einstellung seiner Kriegspläne zu zwingen, durch kollektiven Rücktritt, wie Beck es sogar von seinen Generalen erst gefordert hatte, hätte Hitler mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht zum Einhalt gebracht! Im Gegenteil, ein Diktator (Aussage v. Mansteins in Nürnberg) kann sich nicht zwingen lassen - sonst ist er erledigt. Er muß dann sogar mit Terror zurückschlagen, und es wären Ehrgeizlinge und Bewunderer Hitlers nachgerückt. Und: wie sicher war es, daß alles in einen Weltkrieg mündete?

So nahm nur der Generalstabschef im August 1938 (in Anbetracht der Tschecheipläne, die für ihn einen neuen Krieg wahrscheinlich machten) alleine seinen Abschied. Und begann, eine effektivere Verschwörung aufzubauen. Was passierte aber? Nichts. Die Westmächte blieben ruhig.




*140310*

Unverfrorenheit

Die Indiskretion und Schamlosigkeit der als sittenlos und skandalös empfundenen Vertrauten der Gemahlin Ludwigs XIII., der Königin Anna von Österreich, war legendär. Marie de Rohan, die spätere Herzogin von Chevreuse, die aufgrund ihres unstillbaren Spieltriebes, der sie in alles sich einmischen machte, in den Geschichtsbüchern nur "die größte Intrigantin des 17. Jahrhunderts" genannt wird, und die Burckhardt in seiner monumentalen Biographie von Richelieu sogar dessen wahrscheinlich größte Gegenspielerin nannte, kam als bereits 18jährige als Gesellschafterin der Königin Anna an den französischen Hof. Auf die sie rasch den sittlich verderblichsten Einfluß ausübte, schreibt ihr Biograph Louis Batiffol.

Es dauerte nicht lange, da interessierte sich der König für sie, deren Mann sein langjähriger Günstling war. (Wenn Schwulenorganisationen kaum noch jemanden der Geschichte ausließen, dem sie und fast immer lächerlich falsch nicht schon Homosexualität andichten - auf Ludwig XIII. ist es einmal belegbar und zutreffend, wenn auch nicht ausreichend.)

Kardinal Richelieu hat solch persönlicheres Interesse an ihr, beziehungsweise die daraufhin von ihr erfahrene Zurückweisung, als Grund seines Hasses, den er ihr stets entgegenbrachte, ja stets (und in dem Fall halbwegs glaubhaft, meint C. J. Burckhardt) bestritten.

Als nun die Armee des Königs 1622 das hugenottische Montauban belagerte, ließ der König, der Jagden ebenso wie Kriegszüge regelrecht liebte, wenn er nur auf einem Pferd sitzen konnte, auch für seine Gemahlin Unterkünfte einrichten. Madame de Rohan reiste dem Hof aber gegen jede Etikette prompt nach.

Dort angekommen, stellte sich tatsächlich das Problem, daß es zuwenig Platz gab - man war ja im Krieg! "Ihr könnt nicht hier bleiben, denn wir haben kein Bett mehr für Euch," meinte die Königin also zu ihrer Vertrauten, als die ankam.

Darauf meinte die von der damaligen Zeit, ja von ganz Europa als geistreich, witzig und ungemein anziehend beschriebene Herzogin von Chevreuse (die unter anderem eine große Nase und unreine Haut hatte), in unbefangenstem Tone, inmitten allen Hofstaates:

"Wieso? Hat der König keins?"

Kurz darauf wurde sie dann doch vom französischen Hof entfernt. Auf Wunsch des Königs. Gegen jenen der Königin, und trotz einer langen, zermürbenden Reihe von Fürsprechern. Mit deren nicht wenigen sie wohl schon ebenfalls das Bettchen geteilt, denen meisten sie zumindest aber den Kopf verdreht hatte.




*140310* 

Samstag, 13. März 2010

Sprachloser Autismus

Herder weist darauf hin, daß er meint, es sei in der Natur zu beobachten, daß je konzentrierter, unfreier, von einer mechanikartigen Instinktabhängigkeit lebendige Vorgänge beziehungsweise Tiere, sind, desto weniger wird Sprache und damit Gehör notwendig.

"Tiere vom engsten Bezirk sind sogar gehörlos," schreibt Herder.

Je vielfältiger, unabhängiger, instinktfreier, damit selbstbestimmter ein Lebewesen ist, desto notwendiger wird die tonale Äußerung - bis zum Menschen, in der Sprache (die nur er kennt), der den Geist, die Vorstellungsbilder benötigt, ja bei dem sich die Welt dort hinein auflöst und abstrahiert. (Weil sich ja alles in seiner Würde über seine höchste Möglichkeit definiert, kann der Mensch also auch nicht zu einem instinkthafteren Ich "zurück", will er sich nicht zugleich selbst verlieren!)
 
(Haben wir nicht viele die Beobachtung gemacht, daß das Nachlassen bestimmter Sinneskräfte - die Sehkraft bei Einsamen! - von seelischen Prozessen abhängt und deshalb auch vom Willen zur Welt und ihrer Weite? Ja, ob nicht dann auch die Beobachtung hierher gehört, daß autistische Menschen häufig eine hoch ausgeprägte Spezialbegabung haben? Und ob nicht auch hierher gehört, daß der Anteil jener Eltern, die heute meinen, ihre Kinder seien auf Spezialgebieten "hochbegabt", so grotesk zur Allgemeinerscheinung fast schon steigt, aber mit ganz anderen seelischen Prozessen und Defeketen zu tun hat, als man gemeiniglich und selbstschmeichlerisch meint? Gerade für narzißtische Störungen - heute so häufig! - wäre nämlich eine Spezialbegabung höchst typisch, die aber keine Begabung, sondern eine neurotische Konzentration auf eine periphere Möglichkeit ist, der das Insgesamt dieses Menschen sohin zum Opfer fällt!)




*130310*

Der Tanz vom Parkett der Wirklichkeit

Es ist ein seit vielen Jahren praktiziertes, nur ständig weiter entwickeltes Geschehen, das Medien und Politik miteinander als Tänzchen abliefern, und das die mediale Berichterstattung - abgesehen von der Macht, die die Politik über Gelder ausüben - zu einem Instrument bestimmter Strömungen macht. Dieser Bericht des Deutschen Senders BW schockiert also niemanden. Aber man sollte sich's manchmal wieder vor Augen führen - wie Politik und Medien funktionieren, und was wir da täglich serviert bekommen ... Seriösen Journalismus jedenfalls sollte man von niemandem mehr erwarten, sondern sorgfältig wählen, wem man noch trauen möchte.

Das Zeitalter der Zweitwirklichkeit ist längst angebrochen, wo das "öffentliche" Leben zunehmend allen Kontakt mit wirklicher Wirklichkeit verloren hat. Die aber, weil sie einziger Träger der einen einzigen Wirklichkeit ist, immer unvorhersehbarer und immer überraschender agiert. Die Weltwirtschaftskrise der letzten beiden Jahre ist nur ein Beispiel dafür.

Teil 1 - (10 min.)



Teil 2 - (10 min.)



Teil 3 - (10 min.)



Teil 4 - (10 min.)



Teil 5 - (4 min.)







*130310*

Freitag, 12. März 2010

Ein Nachgeschmack

Natürlich hinterläßt es einen eigenartigen Nachgeschmack, wenn dieselbe Zeitung, der KURIER, die einen regelrechten Feldzug, der sich keineswegs der Lauterkeit rühmen darf, gegen Barbara Rosenkranz führte, weil diese sich (wie immer man dazu stehen mag) vorsichtig dahingehend geäußert hatte, ob nicht das Verbotsgesetz auch die Freiheit der Meinungsäußerung gefährde, wenn also dieselbe Zeitung nun sich durch einen großen Artikel, der die Einschränkung der Meinungsfreiheit weltweit anprangert, neuerlich auf die Seite der "Guten" stellen möchte.

Und das trifft sich auch mit Beobachtungen die man in Foren der Meinungsäußerungen macht, wie den Postinglisten von Medien. Nicht nur herrscht dort eine ganz klare Zensur - keine Zeitung veröffentlich alles, was dort gepostet wird, sie stimmt es mit ihrer politischen, gesellschaftspolitischen Blattlinie, mit ihren Intentionen ab.

Schon gar weil es in Österreich kein liberales Medium gibt, und ich möchte die Definition von "liberal" in Richtung "Langmut", einer christlichen Tugend, ausgeweitet wissen. In Ansätzen höchstens: wie die Presse, oder wie bis vor einigen Monaten die Wiener Zeitung (jetzt auch nicht mehr), denn liberal heißt nicht, daß die in einem Medium vertretenen Meinungen ungerichtet sind, sondern, daß auch andere Meinungen streßfrei zugelassen werden, und das war zum Beispiel bei der Wiener Zeitung unter dem Chefredakteur Unterberger der Fall. Österreich hat eben nur politische Medien. Hier geht es ja um etwas. Aber umso mehr muß man achtgeben, daß nicht die eine Seite, und das ist hierzulande die Linke, diese "eingeschränkte Meinungsfreiheit" dazu benützt, um ihr mißliebige Meinungen zu unterdrücken.

Was ohnehin manchmal gefährlich nahe scheint, weil längst in der veröffentlichten Meinung "links" auch mit "gut" gleichgesetzt ist. Es fehlte gerade in diesem Land eine wirkliche Position der Mitte, wenn schon. Das wäre die Idee, übrigens, eines konstitutionellen Monarchen ... aber kehren wir zum Thema zurück:

Ich möchte nämlich ein Ereignis schildern, das illustrativ dafür ist, wie sich hier die Linke in einem unauflöslichen Widerspruch befindet, in den sie gelangte, weil sie eben die "nicht uneingeschränkte Meinungsfreiheit" schon gerne für ihre politischen Zwecke mißbraucht, und wie es Linke tun, damit gerne mit "unbestreitbaren Menschenrechten" als ihre angebliche Legitimation spielt, in dem Fall der "Meinungsfreiheit": im Zusammenhang mit der Berichterstattung mit der Presse hat ein (linker) Poster sich "aufdeckerisch" betätigt, und die Aussage des Herrn Petzner an den Pranger gestellt, der moniert hatte, daß in Österreich doch nicht jeder alles sagen dürfe! Seht, meinte der Mann, der will etwas Diktatorisches, so sind sie eben, die Rechten!

Meinte er. Bis ihn ein Poster darauf hinwies, daß doch "wir Linken" auch wollen, daß das Verbotsgesetz (das eine Wiederbetätigung im Sinne des Nationalsozialismus bei Strafe untersagt) eben nicht alle Meinungen belasse, daß es also in Österreich nicht um Meinungsfreiheit gehe! Oder wolle er auch die Aufhebung der Verbotsgesetze? Ach nein, meinte der Mann dann betroffen, es stimmt schon ... Aber, fügte er noch hinzu, Petzner hat das ja anders gemeint!

Das geht sogar so weit, daß sogar eine Diskussion darüber, so wie wir sie hier führen, laut der Meinung eines (bekanntermaßen "linken") Wiener Anwalts bereits die Vorbereitung einer strafbaren Handlung im Sinne des Verbotsgesetzes bedeutet. Zumindest meint er damit die unliebsame Präsidentschaftswahl-Kandidatin Rosenkranz auszuhebeln, zumindest als "braun" im Gespräch zu halten. Wobei der gute Mann daran erinnert, daß ein Gleichgewicht - ein Verbotsgesetz, das die Errichtung einer stalinistischen Diktatur in Österreich untersagt - fehlt, eine ausgewogenere, allgemeinere Gesetzeslösung durchaus überlegenswert sein sollte: daß jede Ideologie nämlich, die die Freiheit kassieren will, hier unerwünscht ist.

Das wäre noch dazu höchst aktuell und vielleicht dringend angeraten, denn man liest und hört allenthalben, daß längst die Freiheit weniger wert geschätzt wird, daß Störungsfreiheit schon wichtiger scheint, daß die Bürger einen Überwachungsstaat lieber haben als ihre Freiheit, die eben eine Freiheit auch zum Fehler, zum Irrtum, und sogar zum Bösen bedeutet - damit muß man in einer freiheitlichen Gesellschaft schlicht und ergreifend leben! Dieser Freiheitsbegriff einer Staatsordnung baut eben auf einem Verständnis des Menschen auf, demgemäß dieser frei IST, und als seine höchste Möglichkeit diese Freiheit über alles zu stellen ist. So begründet sich ja unsere "nicht uneingeschränkte Meinungsfreiheit", und so grenzen wir uns ja auch ab, gegen Bananendiktaturen und Massenmörder. Und um dieses äußerst hohe Gut zu wahren, muß man eben sehr sehr vorsichtig umgehen mit jeder Form von Einschränkung!

Wobei man die Notwendigkeit dazu in Österreich ja viel enger und dringender sieht, als in Deutschland, das viel gelassener mit dem Thema umgeht. Und prompt (noch) eine sehr freie Presse hat. Anders als in Österreich. In deutschen Medien aber finden sich an prominentester Stelle - Fernsehen, Hauptsendezeit - Themen und Meinungen vertreten, deretwegen man in Österreich längst schon wegen "Wiederbetätigung" an den Pranger gestellt würde.

Alles das also ist denkbar, alles diskutierbar. Aber, Herrschaften, Linke, dieser Hut mit der Meinungsfreiheit, der paßt Euch nun doch nicht. Und auch Ihr habt nur einen Kopf.

Es geht eben in Österreich nicht um die Meinungsfreiheit, wir haben uns - tja, und da unterscheiden wir uns nicht von den Diktaturen, auf die wir mit dem Finger zeigen, damit müssen und können wir offenbar leben - für eine Beschränkung der Meinungsfreiheit entschlossen, aus bestimmten (historischen) Gründen, punktum. Und diesen Standpunkt kann man durchaus vertreten! Dann soll man aber auch nicht leugnen, daß die Einschränkung der Meinungsfreiheit klar politische Hintergründe hat.

Man kann also nicht um die Meinungsfreiheit streiten - hier stellt sich Österreich klar gegen die UN-Menschenrechtskonvention und sagt: die gibt es hierzulande nicht. Und da braucht man auch nicht schmierig hinzufügen: "nicht uneingeschränkt". Meinungsfreiheit gibt es - oder nicht. Es geht hierzulande - und da unterscheidet sich Österreich NICHT von Diktaturen, so ist das eben! - um die Bedingungen, unter denen Meinungen eingeschränkt werden können, dürfen, oder gar: sollen.

Der Unterschied zu den Diktaturen ist nicht "Meinungsfreiheit", sondern daß diese Diktaturen weniger Recht haben als wir. Daß wir das Gute wollen, die nicht. Darauf, und sonst auf nichts, basiert unsere "nicht uneingeschränkte Meinungsfreiheit."

Ein Volk muß eben auch das Recht haben zu sagen, daß es bestimmte Geister in seiner Mitte nicht möchte, warum nicht. Dann muß es eben auch die Konsequenzen daraus tragen. Wie die Schweiz nach ihrem Votum gegen Minarette, das ein Signal zur Verteidigung bestimmter Traditionen und Kulturwerte bedeutet, denen gegenüber andere Freiheiten nachrangig werden. Warum nicht.

Also sollte man hierzulande auch den Mut besitzen zu sagen: nein, das und das, das wollen wir nicht. Da stimmen wir mit der Menschenrechtskonvention nicht überein, aus dem und dem Grund.

Weil uns bestimmte Meinungen gerade das gefährden, das Meinungsfreiheit überhaupt erst möglich macht: FREIHEIT.

Sie sehen darin einen Widerspruch? Das muß man wirklich nicht. Anders als so viele Zeitgeistige, und der Weltgeist ist längst ein zeitgeistiges Abwaschwasser, wissen wir den Wert des Geistes noch zu schätzen, und wir fürchten ihn deshalb auch. Und wir haben noch etwas zu verlieren. So viele, weltweit, nicht.




*120310*

Kind - Poesie - Sprache

Jeder Irrtum ist ein Fehler in der Entsprechung der Sprache auf die Wirklichkeit bezogen. Wobei jeder Irrtum in einem sittlichen Defekt, einer Zustimmung zu diesem ... eigentlich: Gefühl ... Gewissenskonflikt, der ins Bleibende gehoben wird, besteht.

Das Kind kennt insofern natürlich diese Konflikte noch nicht, oder nicht in diesem Ausmaß, weil ihm die Differenziertheit noch fehlt. In dieser Hinsicht kann man von Poesie sprechen, vergißt man, daß Poesie gerade die Differenziertheit umfaßt und enthält - vom Geformten her also kommt. (Ein Kind kann deshalb nicht dichten - es bleibt im Vorstadium des "Sprechens von Empfindungsschällen", wie Herder es nennt: es unterscheidet sich vorerst im Stimmgebrauch nicht wirklich vom Tier, muß sich zur nur der Vernunft möglichen Sprache erst zum Menschen heben. Während natürlich der Poet in gewisser Weise wieder Kind werden oder sein muß. Aber der Laut "entwickelt" keine Sprache - der Geist, der Verstand kommt ordnend dazu, als: zuvor da sein müssend, sowohl beim Sprechenden, wie beim Hörenden.)

In der Poesie freilich kommt Sprache mit Wirklichkeit liturgieartig zur Deckung, aktualistisch, wirksam - bewegend, trunken machend vom Ewigen das das Historische konstituiert und sich im Hier und Jetzt der Liturgie zur Ganzgestalt, als omnidimensionales Fenster zur Ewigkeit, schneidet.




*120310*

Donnerstag, 11. März 2010

Geschlechtereinheit Sprache

Ein schöner Gedanke: Johann Gottfried Herder (1734-1803) vergleicht in seiner Schrift "Über den Ursprung der Sprache" (die seinen ersten Ruhm begründete) die Konsonanten mit einem Leichnam, der erst Leben erhält, erst zur Sprache belebt wird, wenn ihn Vokale erfassen, und der erst die wirkliche Mission der Sprache - die immer eine Sprache FÜR, die immer gerichtete Botschaft, Mitteilung also ist - möglich macht.

So wenig eines ohne das andere denkbar ist, führen wir fort. Denn der Vokal, der Ton alleine, enthält keine konzise Botschaft, er ist totisensual, enthält keine Deutung, ja unterscheidet sich nicht einmal vom tierischen Laut, sondern muß zum Gedanken, zum Geist geformt werden. Er braucht die deutende Form aus dem Geist, und er braucht die sittliche Haltung, um die Zusammenführung mit den eigenen Erfahrungen, in der Empathie, im Mitleiden, mit den Bildern der Phantasie, zu bewerkstelligen.

Nur Form - im Umkehrschluß - ist also Kommunikation und bildet Gemeinschaft im Geiste. Und die erhält der Vokal durch die strukturierende Seinsweise des Konsonanten - den er selbst erst belebt, zur lebendigen Gestalt durchwirkt.

Eines mit dem anderen, keines ohne den anderen, und doch auf bestimmte und nicht umkehrbare Weise einander zugeordnet, hierarchisch in seinen Aufgaben aneinander - wie das Sein von Mann und Frau.

Ein unerschöpfliches Bild.



*110310*