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Mittwoch, 8. Juli 2015

Es ist erschütternd (1)


Wie angekündigt, hat der VdZ nach einer ersten oberflächlichen Lektüre die jüngste Enzyklika LAUDATO SI des Heiligen Vaters, Papst Franziskus dem Ersten, nun genauer gelesen. Ermuntert durch einen ersten Eindruck: Es handele sich hier um einen Schlag gegen die Moderne. Einen Schlag gegen die heutige Lebensweise, die darauf abzielt, den Sinn des Menschseins zu pervertieren, der eingebettet ist in den Sinn der Schöpfung überhaupt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist nachgerade umgekehrt, wenn auch subtil. Der VdZ hat eine intensivere (Re-)Lektüre des Textes jedenfalls eingestellt. Denn - dieser Text ist eine intensive Lektüre nicht wert. Er ist es nicht wert, eine Intention zusuchen, sie ist nicht zu finden, sie wäre eine "Hineindichtung". Nicht wert, einen Faden, eine Deutungsmitte zu suchen, der nicht da ist. Und das, was die superfrommen Propagandisten und antheistischen Rationalisten sowieso tun werden - einzeln Sätze oder Wörter heraussuchen, um an ihnen zu beweisen, was sie an diesem Konvolut haben - sollen die machen, das muß hier nicht auch noch passieren.

Aber der Text desavouiert nicht nur alles, was der VdZ als die unfaßliche, immer wieder staunenswerte, ergreifende Weisheit und geistige Tiefe und Höhe der Kirche kennzeichnend kennengelernt hat. Er ist in einem Ausmaß dumm und widersprüchlich, daß sich ein Generalimpuls (wie: Antimoderne) gar nicht herauslesen läßt. Die Reaktionen bestätigen das ja vielfach.

Daß sich nichts (und: alles) herauslesen läßt weil - sich ein Papst, der es nicht schafft eine innere Mitte zu finden (und das in dem Alter!), gerne schwafeln hört, und in seinem narzißtischen Wahn meint, er hätte so unendlich viel Wichtiges zu sagen. Vielleicht trifft das auch über argentinischen Tango zu (nicht einmal das aber glaubt der VdZ), ganz sicher aber nicht aber über die in der Enzyklika angerissenen Themen, und eigentlich schon gar nicht über Glaubensdinge. Denn auch dort verfährt er wie mit dem Umweltthema - er plappert Stehsätze nach, die nur aufnahmebereite Gehörgänge finden, weil sie der Papst sagt. Jedem anderen am Biertisch würde man übers Maul fahren, weil er im Suff faselt.
 
Leserin S, Sie haben deshalb völlig recht: Was der VdZ in der ersten Schnellreaktion noch an Gutem zu sehen meinte - und glauben Sie ihm: Wie hätte er gewollt, endlich einmal Gutes an diesem Papst zu finden! denn es gibt wahrlich geistig Ungefährlicheres als Kritik am Papst! an dessen Amt die geistige Gesundheit der Welt hängt! -  ist bei genauerem Betrachten nicht vorhanden. Und sich auf die vereinzelt guten Sätze zu beziehen, die natürlich auch vorkommen, ist im Ganzen gesehen Lüge - denn man spricht nicht mit Einzelnem, man spricht immer im Ganzen. Einzelne Punkte, die besondere Mängel darstellen (wie die inkonsistente Kulturanthropologie - nicht jede Lebensweise des Menschen ist nämlich Kultur, das gilt auch für Ureinwohner), werden hier im Laufe der Zeit vielleicht noch einmal aufgegriffen.

Weiteres Eingehen auf dieses Schandpapier, auf dieses unsägliche, oft grotesk lächerliche, vor allem aber widersprüchliche Gefasele eines Wirrkopfs pubertären Zuschnitts, in dem die Kirche in einem Ausmaß blamiert wird, gegen das der Fall Galileo Galilei wie ein dezenter Fauxpas bei einem despektierlichen Nachmittagstee unter hochwohlgebornen Freunden wirkt, ist eine Vergeudung menschlicher Ressourcen. In einer Zeit, die so nach Substanz und Orientierung lechzen würde, in der in einer breiten Stimmung die Bevölkerungen die Nase voll haben von Umweltmoralismen und Scheinlösungen für Scheinprobleme, ist die Kirche, die hier zum politischen Rundumschlag mit revolutionärem Impetus angesetzt hat, wie immer, wenn sie Weltdinge annimmt, zu spät und am falschen Dampfer unterwegs. Die nun Tips zum ethischen Bäumchensetzen und moralischen Mülltrennen gibt und dringend aufruft, einer Wissenschaft zu glauben, die längst im Rationalismus erstickt ist.

Wie, bitte schön, will man der "Umweltproblematik" auf den Grund gehen, wenn man vom Wort "Vorsehung Gottes" scheinbar nicht eimal gehört hat? Das Wort kommt nicht ein einziges mal vor. Dabei ist es der Dreh- und Angelpunkt jeder katholischen "Ökologie".  Nur von ihr aus läßt sich das Thema der Lebensweise überhaupt reflektieren.

Ach ja, die Dolchstoßlegenden sind natürlich auch längst vorbereitet und unterwegs. Ihr Inhalt ist jetzt schon formuliert, auch das nichts Neues und aus bisherigen Papstäußerungen längst bekannt - was nicht alles doch AUCH in dem Dokument stünde, wenn auch nur hier, dort, in einem Absatz, in einem Wort.

Eine Enzyklika, das sei allen jenen gesagt, ist wie jede sprachliche Arbeit eine Gesamtaussage, ein Ganzes. Sie hat eine Spitze, eine Stoßrichtung, ein Ziel. Und aus der Wirkung läßt sich erkennen, wo dieses Ziel liegt, und wie es um den Redner bestellt ist. Nicht an einzelnen Sätzen, die "natürlich nicht gelesen werden," wie ein Sandro Magister bereits wenige Tage nach dem Erscheinen von Laudato Si schwächlich moniert um zu beweisen, daß er doch eh den Papst auch verteidigt, man solle ihm doch die Akkreditierung bittebitte wieder zustellen. (Die ihm der Heilige Stuhl entzog, nachdem Magister eine ihm zugespielte Entwurfsfassung des päpstlichen Schreibens vor dessen offiziellem Präsentationstermin online stellte.)

Wieder aber, so ein amerikanischer Kommentator, werde der Kirche also die Sonne - man beachte den hohen Stellenwert der Lichtsymbolik in der Kirche! - zum Verhängnis. Der VdZ bestreitet einmal mehr vehement, daß dieser Papst ein besonderes Gespür für diese Zeit und die Öffentlichkeit hätte. Das genaue Gegenteil ist wahr. Er rennt ihr nur nach, einerseits, und irritiert anderseits, weil es der Papst ist, mit allem Gewicht, das der Welt schon ontologisch innewohnt. Der da aber ein ganze Runde im Olympiastadion hinterherhechelt und in der Zielgeraden, kurz vor der Überrundung, nun so tut, als würde er den Lauf anführen.



Morgen Teil 2) Ein Läufer der 1970er Jahre kommt an




*Man lese die immer noch sehr lesenswerten Rhetoriken der Antike. Denn anders, als heute meist gemeint wird, ist Rhetorik nicht einfach die "Kunst gut und wirkungsvoll zu sprechen" - zu dem Zeitpunkt war sie bereits Sophistik und Nominalismus. Vielmehr enthält die Rhetorik das Wissen, daß sich in der sprachlichen Struktur eines Menschen, einer Rede, auch sämtliche Auseinandersetzung mit der Wahrheit enthält. Es ist eine geistige Konstellation, die Sprache gestalten, Worte wählen, Sätze formulieren läßt. Die Texte entstehen läßt, die dann dieses geistige Insgesamt in sich bergen, und weitertragen können, wenn der Leser (oder Hörer) es aufzunehmen, zu begreifen vermag - indem er sich dem geistigen Inhalt und Impuls öffnet. Deshalb kann es auch im Gespräch nur ein Verstehen geben, wenn beide Seiten in einem Geist übereinkommen, dem auch der Hörer oder Leser beitritt. Ein und derselbe Satz, ein und dasselbe Wort wird in anderem Zusammenhang zu einer völlig anderen Aussage. Das ist auch das Spezifische an der Unterschiedlichkeit der menschlichen Sprachen - sie sind Schöpfungen eines geistigen Raumes mit spezifischen geistigen Konstellationen, ohne daß dies universales Verstehen ausschließt. Aber hinter jeder Grammatik steht eine Weltanschauung, ein "Denkstil", ein Kulturstil.

Deshalb wird ein Nicht-Glaubender niemals nominelle Glaubensinhalte verstehen oder darin denken können - es sei denn, er WILL glauben, er will diesen Geist HABEN, bzw. in ihm atmen. Das macht den Unterschied des Katholischen gegenüber jeder anderen Religion aus: Es ist univeral, es enthält alle anderen. Was sich, übrigens, Mitglieder anderer Religions- oder Bekenntnisgemeinschaften meist nicht vorstellen können - wie auch; sie gehen ja von Voraussetzungen der Selektion aus.

Und deshalb muß man einen Text immer in seinem Gesamthintergrund sehen und zu verstehen suchen. Wer einen Text, dessen geistiger Hintergrund verworren ist, durch Selektion zu "Aussagen" stilisiert, mißachtet bereits den Hersteller dieses Textes und versucht einen Geist zu simulieren, der nicht da ist. Das Eklektizistische an den Aussagen des derzeitigen Papstes ist dbei dieselbe Simulation des Universalen. Das der Einheit nur dient, wenn es sich in einem einzigen Punkt eint, und von dort wiederum ausgeht. Sonst bleibt der Text, eine Aussage, im Vielfachen (Subjektiven, Faktischen) zerstreut, eint sich nie ... in Gott. 

Das muß nicht bewußt geschehen, im Gegenteil sogar, es ist wesentlich immanent, unbewußt: es muß nämlich nur vorhanden sein, als Kraft. Ein Mensch widerspricht sich deshalb nicht, weil sich seine "Worte" widersprechen. Er widerspricht sich, wenn einzelne Aussagen aus je anderem Geist stammen. Das ist mit dem bewußten Wollen gar nicht zu bewirken (aber oft gut vorzugaukeln). Denn dann trägt sein Vielfältiges - und jedes tägliche Leben ist ein Exzentrieren, ja ein Hingeben ins Vereinzelte - nicht die innere Ausrichtung auf das Eine hin, die Verwurzelung darin. Das ist sie dann, die Wahrheit - oder die Lüge, zumindest die Nicht-Wahrheit. Wahr zu sprechen ist deshalb eine Frage der Tugend als Durchdringungskraft der Äußerungen.

Das Eine, das alles enthält, das Universale, ist aber nicht summativ zu erreichen. Wie es der Vielsprecher versucht, der einfach alles sagt, im Versuch, dann auch alles zu enthalten. Es ist eine innere Qualität, die in ihrer höchsten Vollendung (weil Universalität) in ein Wort bzw. ins Schweigen mündet. 

Das nennt man dann Mystik - von myeein = schweigen. (Geheimnis bezieht sich damit auf das "daheim, vertraut" sein; seine Nähe zum Schweigen ist evident.) Weil das Universale=Eine unendlich ist. Aber nicht "nichts" (im Sinne von Auslöschung), sondern "alles", und deshalb nicht mehr ins Vielfältige verloren. Weshalb die Mystik die Initialstufe - zur Aktivität ist. Denn das Eine, das Sein, ist höchste Aktivität. So, wie dann alles Vereinzelte, alles Dinghafte, alles Seiende, zur (tathaften) Stellvertretung des Einen (Seins) wird.

Von außen bzw. dem "unheimigen Auge" scheint die Aktivität des ins Vielfältige Verlorenen und aus dem Einen Tätigen oft ununterscheidbar. Aber sie sind Gegensätze. Niemand "tut" meist so "viel" (ist so "aktiv") wie der "Nicht-Tuende" (im Einzelnen Verlorene), dessen Streben aber nie ins Eine führt.




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