Was soll das? Wo doch die Krise gerade als "überstanden" gemeldet wird?
Auch die NZZ bringt ja in ihrem Wirtschaftspodcast in einem Interview mit Kuno Kennel, dem CEO von Barclays Capital Schweiz, daß es den (Schweizer, weitgehend internationalen) Unternehmen sehr gut gehe. So gut, daß sie gar kein Geld bräuchten! Und wo Geld benötigt würde, würden viele in "liquide Märkte" gehen, wie Dollar oder Euro, wo die Zinsen niedrig seien.
Nun: wenn Kredite, wie sie die Staaten aufnehmen, nicht zurückgezahlt werden, werden Anleihen, deren Laufzeit endet, eben nur durch neue Anleihen abgelöst, Schulden also mit Schulden "zurückgezahlt". Diese Politik dominiert in Europa seit den 1960er, in jedem Fall seit den 1970er Jahren. Da gab es sogar Zeiten, wo ein deutscher Finanzminister zurücktrat, als ihm die Regierung verordnete, seinen Ehrgeiz, die aufgenommenen Schulden auch wieder zurückzahlen zu wollen. Das könne er, so meinte er damals, mit seinem Gewissen nicht vereinbaren.
Die Politik hat aber nie gewagt, den Kater nach der Konsumorgie aufkommen zu lassen. Stattdessen hat sie, wie der Alkoholiker, das Zittern der Hände durch weiteren Alkohol beseitigt. Mittlerweile sind es nicht mehr kleine Morgenkater, die - als "Sparen" bekannt - den Bevölkerungen drohen, mittlerweile sind es Teilamputationen, die notwendig wären, und die Politik wagt es noch weniger, diese Schritte zu setzen. Also weiß niemand mehr, wie alles enden wird - aber man versucht, dieses Ende so weit es nur möglich ist, hinauszuschieben. Man refinanziert sich also nur noch.
Insgesamt schätzt man das Volumen der 2011 nötigen Refinanzierung in Europa auf 1,2 Billionen Euro, davon rund 500 Milliarden durch Banken, der Rest durch Staaten über Anleihen, oder sogar direkt, über Schatzwechsel, also kurzfristige, meist einjährige Geldausleihungen durch Staaten.
Solange diese Schulden alle nicht zurückgezahlt sind, wird dieses Spiel, möchte man fast sagen, dieser Druck zur ständigen Refinanzierung, nicht enden. Und solange die Schulden ständig weiter vermehrt werden, durch die Staatsdefizite, wird er sich weiter erhöhen. Und solange werden wir nicht nur das System der Getriebenheit, das uns alle in eine gnadenlose Maschinerie einspannt (Heidegger nennt das sehr zutreffend "Bestelltheit", wir sind zur Geldbedeckung durch Arbeitsleistung gezwungen, alle "Gestelle" zu bedienen, die dieses System aufrechthalten, weil es sonst zum Totalzusammenbruch kommt)
Es gibt dabei Länder mit hohem Sicherheitsgrad: geringer Verschuldung, große Währungsreserven, eine starke Hand hintendran (Zitat Kennel), und hoher Wirtschaftsleistung: Rußland, Brasilien und Indien. (Nicht übrigens: China; das sehr von Märkten abhängt, die labil sind)
Interessant eben ist, wie diese Anleihen besichert sind. Die FAZ führt es ja an: durch Immobilien und durch Staatsgarantien, sprich: Steuerverpfändungen, wie man das früher nannte.
Und damit schließt sich der Kreis. Wenn auch diese Generationen nun bereits im Traumland ewigwährender Unverändertheit leben, mit dem großen alten Vater "Staat", der alles garantiert, der für alles sorgt, so zeigt sich in diesen Fakten, woraus sich dessen "Allmacht" wirklich nährt.
Aus den Vermögenswerten seiner Bürger, und aus deren Arbeitskraft und Bereitschaft, durch Steuern die Staatspolitik zu tragen und die Ausgaben zu decken. Wenn nicht heute, dann durch die Nachkommen. In dem Moment, wo diese Verpflichtung nachläßt, wo diese Bereitschaft fehlt, wo nachkommende Generationen nicht mehr beriet sind, diese Fron zu erlegen, bricht uns bereits heute das System unserer Wohlstandslüge, das System der Gewaltmaschinerie, in das wir uns seit der Aufklärung, seit dem 18. Jhd. mehr und mehr begeben haben, "unter dem Arsch weg".
Manche sollen sich das ja regelrecht wünschen.
Auch Kennel - das nur am Rande - rechnet 2011 mit einem ruhigen Jahr nur leicht steigender Zinsen und mäßiger Inflationsraten. Erst ab 2012 könnten, meint er, Probleme auftauchen.
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