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Freitag, 7. Januar 2011

Von der Niedrigkeit der anderen

Was Joachim Heinrich Campe bei seinen "Feldstudien" über das "gemeine Volk", oder in selbigem Zwecke Friedrich Carl Gustav Gericke über die einfachen Deutschen zu Ende des 18., Anfang 19. Jhds, zur Zeit Goethe's, Schiller's also, zu sagen hat, berührt schon deshalb so eigentümlich, weil beide ja ebenfalls aus diesem Stande stammen (wie Goethe oder Schiller), und bloße Emporkömmlinge sind.

"Eine grobe Sinnlichkeit ist ihnen eigen, und ihr Gott ist ihr Magen. Um ihre Sinnlichkeit zu befriedigen, und ihren Magen zu füllen, erlauben sie sich alles. Näscherei aller Art halten sie für kein Unrecht. Sie essen nicht, um um sich zur neuen Arbeit zu stärken, sondern sie arbeiten um sich desto mehr mit Essen und Trinken zu überfüllen. Sie haben wie alle rohe Menschen einen großen Hang zu Tanzen und zu lärmender Fröhlichkeit. 

Sie dünken sich wie alle beschränkten Köpfe meistens klüger als sie sind und haben ihre ganz eigene Art zu philosophieren. Sie beneiden in der Stille jeden ihrer Vorgesetzten, jeden höher als sie stehenden und den am meisten, dem sie dienen müssen. Sie sind voll Mißtrauens und heimlichen Unwillens gegen die höheren Stände. Sie sind meistens nur darauf bedacht, an diesen Fehler zu finden, oder sie zu hintergehen. 

Sie haben einen ganz eigenen unerträglichen Stolz, weshalb auch ein übermäßiger, übelangebrachter Hochmut mit Recht Bauernstolz genannt wird. Geht man also mit dieser Menschenklasse um, wie man mit seines Gleichen umzugehen pflegt, so trifft man die rechte Art nicht."

"Menschenslange"; von Sigmar Polke
Was Gericke da schreibt, gleicht bemerkenswerter Weise über weite Strecken der Kritik gegenüber dem Adel! Auch der Adel sei ohne wahre Liebe, es mangele ihm an Bescheidenheit, das Hofleben sei von grober Sinnlichkeit beherrscht, Essen und Trinken sei zum gesellschaftlichen Ereignis degradiert, und diene zweifellos nicht der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Oft beklagt wurden die höfischen Lustbarkeiten, die Tanz- und Spielsucht, und schließlich war dem Blaublütigen Hochmut - Adelsstolz - anzulasten.

Hier bildet sich der Siegeszug des Kleinbürgers heran, der mit Moral und "Anstand" das Echte wie das Höhere, mit neuen Philosophien, die ihn rechtfertigen, gespickt, auszuhebeln versuchen, indem man die anderen erniedrigt, um so selber erhöht zu werden. Der Siegeszug des Neids beginnt, um bis zum heutigen Tag zu wüten und zu verwüsten, was ihm vor die Flinte kommt. Endlich konnte die "Tüchtigkeit der Technik" ihren greulichen Pestatem verbreiten, und alles niederreißen, was noch Leben und Welt hatte, um Kultur durch Zivilisation zu ersetzen.

Die Moderne begann. Der Kleinbürger, der sich heute Mittelschicht nennt, begann sich endgültig durchzusetzen. Der mit seinem aufklärerischen Bildungsbegriff begann, die bildungslosen Unterschichten genauso wie den lasterhaften Adel zur Normalität der eigenen Mittelmäßigkeit und Halbbildung zurechtzustutzen. In der sie, abgestoßen von der Niedrigkeit der Unterschichten, von den Regierenden, dem Adel, nötigenfalls über eine Revolution - als zerstörendes Heraustreten aus dem Ganzen, das in Funktionen zerlegt wird - die Treppe nach oben verlangte.

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