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Freitag, 7. Januar 2011

Verfall eines Volkes

Albrecht Günther vergleicht das ausgeprägte Sozialleben von Ameisenvölkern mit Menschenvölkern. Aber er meint mit Verwunderung, daß sich immer nur Vergleiche mit Kulturphasen finden, die bereits Dekadenz und Verfall bedeuten.

Eines von vielen Beispielen liefert dabei der Büschelkäfer. Er sendet einen Lockstoff aus, der für Ameisen derartig anziehend wirkt, daß sie alle ihre Pflichten vergessen, und nur noch ihn versorgen. Selbst der eigene Nachwuchs wird vernachlässigt, und nichts bringt die wie im Rausch sich verhaltenden Ameisen davon ab, durch ihr Verhalten ihren eigenen Untergang zu bewirken: ihr Volk im Laster für den Lockstoff gefangen stirbt aus.

Sklavenhaltung, die bei Ameisen häufig ist, passiert auf eine Weise, die nach gewisser Zeit Gewaltanwendung unnötig macht. Das die Sklaven in ihrer Stellung haltende Band ist reine Nützlichkeit: sie sind in einem System eingegliedert, das auch sie überleben läßt, und das reicht ihnen. Sie gehen in der Masse der den durchorganisierten Städten vergleichbaren Ameisenstaaten auf, und ihre Eigentümlichkeiten verschleifen sich bis zur völligen Auflösung, wie es eben die totale arbeitsteilige Durchrationalisierung und Verzweckung des Lebens mit sich bringt. Selbst die Sexualität wird zur Reproduktion reduziert an die Königin ausgegliedert.

"Ein rationaler Sozialismus der Arbeitsgemeinschaft steht an Stelle der Artgliederung in Familie oder Herde mit einem durch Kraft und Erfahrung hervorragenden Oberhaupt. Alle Arbeitsameisen sind gleichen Rechtes und alle sind frei - zum Dienst am Ganzen.

Der Nachwuchs wird bestens versorgt, erfährt allerdings nichts, das mit Zuwendung oder  der Freiheit im Spiel zu tun hätte.

Prägnantere Facetten weist allerdings das Leben von Bienen auf. Hier wird jede Arbeitsbiene nicht einfach spezialisiert, sondern je nach Lebensalter durchläuft sie in ihrem kurzen Leben je nach Altersklasse sämtliche Tätigkeiten des Bienenvolks (außer Fortpflanzung), die in ihrer Spezialisierung perfekt der jeweiligen Leistungskraft angepaßt sind.

"Man kann nicht verkennen, daß in dieser strengen und planvollen Lebensform eine Entsprechung liegt zu den Vorstellungen, die sich Menschen allezeit gemacht haben, wenn sie aus den scheinbaren Zufälligkeiten der organischen, geschichtliche gewordenen Staatsformen, nach gesellschaftlichen Zuständen gestrebt haben, die ganz vom abstrakten Denken geordnet und von der Zweckmäßigkeit bestimmt sein sollten. Alle die Phantasiestaaten, welche die Menschen sich als ideale Zukunftsbilder ausgedacht haben, tragen Züge, die an das Ameisenleben gemahnen."

Vor allem die wimmelnde Geschäftigkeit der Großstadt erinnert an Tierstaaten wie jene der Ameisen: wimmelnde, scheinbar planlose Geschäftigkeit allerorten, die doch von zahllosen Einzelantrieben motiviert wird, die jedoch aus dem allgemeinen Lebenszusammenhang der ganzen Siedlung erfließen. Dann allerdings nur, wenn jeder Einzelne - wie im Tierreich - eine stille, aber genau deshalb selbstverständliche Selbstgewißheit hat, die seinen Mut trägt. Eine Selbstsicherheit, die alle Tierreiche aufweisen, die aber einem Volk fehlt - und man bemerkt es an allen Einzelgliedern - das im Niedergang ist. Oder wo es zumindest an Einbindung in einen Teilorganismus (Lebenszusammenhang) mangelt, der die Sendung, den Sinn des Einzelnen definiert.

Auch bei den Ameisen könnte man den Mut der Einzelnen, der zweifellos zu beobachten ist, aus der Kraft des staatlichen Selbstgefühls motiviert begreifen.

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