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Samstag, 30. Oktober 2010

Entscheidende Begrifflichkeiten

In den Begrifflichkeiten, als irgendwann entstandene Problemdefinitionen, zeichnet sich, so Ludwig Fleck, am deutlichsten das Relative, Historische der Wissenschaft ab. Anhand seiner Analyse der Entstehung des Syphilis-Begriffs muß ein Denkansatz verweigert werden, der davon ausgeht, daß mit heutigen Instrumentarien und Möglichkeiten ein rascherer Klärungsprozeß gefunden worden wäre. Selbst der Erreger kann nicht als "Erreger" gesehen werden, sondern als Mikroorganismus, der mit der Syphilis in Beziehung zu setzen ist. Dies ist weit mehr als eine Spielerei, weil sich daran die Frage des "Trägertums" entscheidet.

(Die sehr grundsätzliche Frage muß also sein, ob die seit den 1940er Jahren gegebene "Breitseitenbekämpfung" durch Penicillin, die heute zunehmend an ihre Grenzen stößt, genau daran scheitern muß: weil man sich zunehmend vom "was" der Krankheiten ab-, und nur noch dem "wie bekämpfen" zugewendet hat.)

"Auch die heutigen Forschungsmittel sind eben Ergebnis der historischen Entwicklung, sie sind so und nicht anders eben durch solche und nicht andre Vorgeschichte. Auch der heutige Begriff der Krankheitseinheit z. B. ist Entwicklungsergebnis und nicht die logisch einzige Möglichkeit. Man kann nicht nur vollkommen andersartige Krankheitseinteilungen einführen, wie es die Geschichte lehrt, aber man kann auch überhaupt ohne den Begriff einer Krankheitseinheit auskommen."

An dieser Stelle sei dezent daran erinnert, daß - über die Gründe könnte man separat disputieren - von "Aids" erst seit wenigen Jahrzehnten gesprochen wird. Mit einem Federstrich wurde aus einer lange schon bekannten Symptomkollektion ein Krankheitsbild deriviert. (Weshalb ich jener Meinung anhänge, daß einer wirklich fruchtbaren Erforschung der Krankheit durch einen völlig verkehrten, begrifflich viel zu früh definierten Ansatz - hier der HIV-Erreger, dort die Krankheit - eiserne Riegel vorgeschoben wurden. Und finde mich bei Fleck bestätigt: denn er weist ebenfalls darauf hin, daß in jedem Fall ein offeneres, mehr Bindungen zulassendes Definitionsfeld vorzuziehen ist. Begriffe sind nur denktechnische Hilfsmittel.)

Ähnliches geschah (als zufällig herausgegriffenes Beispiel) in der Definition von "Schizophrenie". Ronald D. Laing, der "amerikanische Freud", hat sich immer gegen die schließlich einfach durchgesetzte Definition gewehrt, die führe am eigentlichen Problem vorbei.

 
*301010*