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Samstag, 3. Oktober 2020

Von der Welt der Dinge und Gespenster

Was der David Kreisel hier erklärt ist einfach zusammenzufassen: Wenn wir glauben, daß ein Scan, eine Kopie mit den heute gebräuchlichen Maschinen dem Urbild entspricht, das es angeblich 1:1 übernimmt und wiedergibt, so täuschen wir uns. Alle diese Wiedergabetechniken sind vielmehr eigene Werke, eigene Produkte, die interpretieren, was sie "sehen", und in ein neues Produkt umsetzen. 

Deshalb kann ein Scan oder eine Kopie (egal welcher Art) NIEMALS als rechtsgültiges und rechtsverbindliches Mittel verwendet werden! Es ist niemals sicherzustellen, daß die Kopie (die so bezeichnet wird, was aber falsch ist) auch dem Original entspricht. Und das beweist David Kreisel hier sehr eloquent und im übrigen amüsant.

Wir aber bringen diesen Beitrag nicht zur Unterhaltung, sondern deshalb, weil an ihm erkennbar wird, worin das Revolutionäre an der Digitaltechnik besteht. Es liegt nämlich an der Interpretation, die ihre Ergebnisse bedeuten! 

Die Digitaltechnik trägt im Gegensatz zur bisherigen Medien- und Übertragungstechnik - vor allem im audio-visuellen Bereich, ob bei Kopierern, Scannern, mp3-Abspielgeräten, Handys, iPhones, Telephonen oder Photoapparaten oder oder oder - keine greifbare, reale Spur vom originalen Urbild. Sondern sie braucht einen Interpreten, der sich dazwischenschaltet. 

Sodaß das dann "wiedergegebene" Produkt ein ganz neues, eigenes Produkt ist, das nur insofern "Ähnlichkeit" mit dem Urbild (Photo, Textpapier, Musikstück, Sprache usw.) hat, als es gemäß der Sichtweise des Programmierers und seiner Auftraggeber dem Urbild entspricht (oder nicht).

Was konkret sogar noch mehr bedeutet: Dieses neue Produkt gibt die Intention, das Ziel, die Absicht des Urbildes wieder! Und was das bedeutet, das möge der Leser selber durchdenken. 

Weil, es sind also konkrete Personen und deren Sichtweisen und Anschauungen, die "machen", was wir dann hören, sehen usw. usf. 

Denn es sind immer Personen, auch wir, die aus über Sinne eindringenden Sinnesreizen erst "Gehörtes" machen. Weil bestimmen, abgrenzen, festlegen, schlicht: begrifflich machen. Der Techniker der digitalen Welt ist kein "Medium", er leitet nicht einfach und möglichst unberührt (also ohne die Eigenart der Technik fühlen zu lassen, was für lange Zeit ja das Ziel jeder technischen Weiterentwicklung war) weiter, was sich als Gestalt dieser Welt bietet. Sondern er hört, interpretiert, und setzt dann in Wirkung (!) um, was seiner Meinung nach dem Original entspricht. 

Was wiederum heißt, dessen beabsichtigter Wirkung im Hörenden, Sehenden, Fühlenden entspricht. Die digitale Technik setzt deshalb auf direkte sinnliche Reize einerseits, und Wirkungen anderseits. Sie "manipuliert" also den Konsumenten, weil sie ihn in eine Richtung bringen will, die bereits Interpretation ist.

Der Unterschied zur analogen Technik liegt also auf der Hand: In der analogen Technik wurde und wird ein Teil des Originals (und seiner Wirkung auf die Welt) "eingefangen", und dieses dann ergab das, was wir als "Wiedergabe" bezeichnen. Die alte Schallplatte mit dem Abspielgerät, das aus Röhren, auf elektrische Impulse ausgerichtete Transistoren und Widerständen etc. etc. zusammengelötet wurde, trug in der Rille und deren Profil noch eine direkte mechanische Wirkung des Originals

Und dieses Originale war es dann, das der Konsument vor sich hatte, wenn er eine Schallplatte abspielte oder eine Photographie in der Hand hielt. Zu dem er sich auf eine Weise wie zum Original  selbst (freilich noch vermindert in seiner sinnlichen Präsenz eines Originals - der abgebildeten Person, oder des spielenden Musikers - aber umgekehrt wieder mit eigenen additiven Bedingungen) verhalten konnte. 
Das heißt - er selbst interpretierte das Produkt das sich so darstellte, wie es der Erzeuger "gemeint" hatte. Noch einmal: Er selbst interpretierte! Das heißt, daß er im Akt der Wahrnehmung auch schöpferisch tätig war weil werden mußte.

Die Schallplatte oder die Photographie, die über Lichtstrahlen und Schattenbildungen, die das Original aussandte bzw. vermittelte, objektiv und real, konservierte also im besten und wahrsten Sinn die Dinge selbst, die sie dann jederzeit wiedergeben konnte. Sie war also das Ding selbst, von dem sie eine wahrhaftige "Kopie" geworden war. 

Das ist aber die Bedingung von Kunst. Denn Kunst ist das real und selbst, was sie darstellt. Die Welt des Digitalen ist also auch keine Welt der Kunst, ja bannt die Kunst zugunsten eines Hinweises auf ein Original, das auf sich geworfen bleibt.