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Mittwoch, 6. Dezember 2017

Dein Wille geschehe

Die Vaterunser-Bitte "fiat voluntas tua - Dein Wille geschehe" wird in seiner realistischen Dimension oft gewaltig unterschätzt. Denn sie bezieht sich auf die Tatsache, daß die menschliche Freiheit erst dort beginnt, wo sie im Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber steht. Der als Anruf im uns Begegnenden verborgen liegt, im Erkennen (selbst eine Funktion des Zustimmens, der Liebe also) die Hinbewegung in uns abbildet, der wir dann zustimmen oder die wir ablehnen können. DAS ist unsere Freiheit!

Nur in der Ablehnung der Schöpfung liegt jener Irrtum der Neuzeit begründet, der da verkündet, daß wir unsere Welt völlig autonom zu gestalten haben. Wenn die Geschichte der Neuzeit und die zahllosen in ihr verborgenen menschlichen Geschichten aber eines beweist dann ist es das, daß die Menschen mit einem Selbstentwurf ihres Lebens hoffnungslos überfordert sind. So überfordert, weil das weder ihrer Natur entspricht, noch ihrem Vermögen. 

Bleibt er aber in diesem Gestus gefangen wie es heute passiert, wo dieser Selbstentwurf angebliches Maß der Freiheit sei (dabei ist es völlige Gefangenheit von irdischen Mechanismen), wo aus diesem Grund aufgelöste gesellschaftlich-kulturelle Organizität jeden Einzelnen sogar dazu zwingen wollen, sich selbst sein Leben zu entwerfen, so tritt ein, daß der Mensch das, was ihm Gemessen wäre, das was ihm Gut wäre, gar nicht sieht weil ablehnt - weil den Weg ganz woanders sucht. Dort aber findet er ...  nichts.

Vielleicht kann man deshalb sogar von einem regelrechten kollektiven Zug der Gegenwart sprechen, daß die Menschen allesamt hinsichtlich ihrer Lebensentscheidungen pausenlos FALSCHE Entscheidungen treffen. Nur dort, wo noch wirkliche Gottergebenheit besteht, nur im Katholischen, besteht die berechtigte Hoffnung, daß im Einfügen in den Willen Gottes (also in der Antwort auf das Nächstliegende, im liebenden Eintreten in dessen Wahrheit und auffordernden Geneigtheit) Lebensentscheidungen richtig sein können. 

Selbst dort, wo sie uns nicht das Hauptversprechen der Gegenwart - rein subjektives Wohlbefinden oder gar kurz gegriffenes "Gelingen" als Ziel, das fälschlich mit Glück verwechselt wird - zu sein scheint. Selbst dort, wo es Mühe und Kraft zu kosten scheint, selbst dort, wo wir vieles überwinden müssen, um ihm zu folgen. Selbst dort, wo wir nach irdischen Gesichtspunkten vielleicht gar nicht glücklich werden. Dennoch liegt nur dort das Glück, weil Glück nur in seiner Letztdimension begreifbar wird, als Glück in Gott.

Die Vaterunser-Bitte "Dein Wille geschehe" ist also der Schlüssel zu jenem uns auf Erden möglichen Glück, das in Gottes Plan und Vorsehung auch für uns bereit liegt. Denn es ist die Einstimmung in unser Glück, das uns genau das Nächstliegende wählen, also vertrauend annehmen läßt, sodaß wir es nach und nach auch tatsächlich sehen, wenn auch gar nicht ganz, weil es noch weiter ist als wir. Dieses jene Nächste, das wir meist übersehen, wenn wir glauben selbst entwerfen zu müssen, aus Angst, die vertrauende Zustimmung könnte uns sonst auf falsche Wege führen.

Das praktisch immer das ist, das wir bei autonomistischen Entscheidungen fast notwendig übersehen, weil wir nach irdischen Gesichtspunkten suchen. Während Gottes Glück und Vorsehung, die alles zum Glück führt, um Dimensionen größer und weiter ist. Wir sind in der Zustimmung, in der Liebe so dicht in Gottes Vorsehung eingefügt, daß wir selbst wie ein Teil dieser Vorsehung (in der Gleichförmigkeit zur Wahrheit) sind, sodaß bzw. weil wir jenes Auge, das da gerne ein Außen sucht und sehen will, SELBST SIND: Erst wenn wir mit den Augen Gottes sehen, also ihm gleichförmig sind, sehen wir auch dieses Nächstliegende. 

Sodaß wir im besten Fall nach unseren autonomistischen Vorstellungen, in denen wir uns oft so unglaublich zäh und hartnäckig dagegen sträuben, uns wirklich dem Willen Gottes zu übergeben, erst dann erkennen, wenn wir etwas nicht wahrgenommen haben und die Gelegenheit vorbei ist.

Leben wir aber in dieser Bitte, in dieser Offenheit für Gott, in diesem Gehorsam seinem Willen gegenüber, dann müssen wir uns auch nicht grämen (was natürlich leicht gesagt ist, es ist aber oft sehr schwer), wenn einmal etwas nicht gelingt, wenn scheinbar unsere Entscheidung etwas nicht unseren Vorstellungen gemäß entstehen ließ. Denn dann können wir dennoch sicher sein, daß auch dieses Mißlingen, dieser Rückschlag, oder gar ein Leid, durch Gott zu unserem Glück ausschlagen wird. Das wir aber erst dann sehen, wenn nicht unsere Augen, sondern wir mit den Augen Gottes unser Leben betrachten.

Die einzige legitime Frage ist dann die, ob wir getan haben, was im Gehorsam zu tun war. Wenn ja, ist das Scheitern nur Täuschung. Wenn nein, haben wir die Beichte, die Vergebung, und die Chance zu einem Neubeginn, wenn auch alles nun anders wird als wir dachten.  Und deshalb ist ein Scheitern immer die Tür zu einem noch größeren, vollkommeneren Einwilligen in die Vorsehung Gottes, und damit - oh glückliche Schuld, ruft das Oster-Exsultet - zu noch größerem Glück.

Entspricht nicht genau das auch der Wahrnehmung dessen, was bei Menschen passiert, die eine Niederlage, einen Rückschlag, ein Leid erfahren? Werden sie nicht in der Regel etwas demütiger? Zumindest zwei Tage lang. Aber hören sie nicht genauer auf das geführte Leben hin, diese zwei Tage zumindest? Wissen sie nicht scheinbar intuitiv, daß das Glück außen - im Gehorsam nur zugängig - liegt?

Ehe sie wieder daran gehen, das Leben in den Punkten selbst in die Hand zu nehmen, die gar nicht in ihrer - des Menschen - Hand liegen.




*221117*