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Sonntag, 13. Juni 2010

Neulich, in Knittelfeld (1)

Die Meisterschaft in der steirischen Fußball - Gebietsliga Mur (das ist die 7. Ligastufe) war gegen Schluß hin ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen dreier scharfer Konkurrenten geworden, das sich erst in der letzten Runde entscheiden sollte. Der nun die Tabelle anführende FC Gaal hatte als erster gespielt, und erwartungsgemäß vorgelegt, weil mit einem glatten 4:0 seinen Pflichtsieg eingefahren. Alles andere als ein Sieg war für Knittelfeld also von vornherein wertlos war. Mit einem Sieg wäre der FC Gaal überholt. Daran zweifelte aber niemand, das war möglich.  

Blieb noch Sankt Lorenzen. Und da war zudem die Tordifferenz das Problem. Würden auch die Lorenzener ihr Heimspiel gewinnen, würde, weil Punktegleichstand die Tordifferenz entscheiden, und da war Lorenzen leicht im Vorteil.

Dennoch war da ein geheimes Hoffen, das in Knittelfeld bald die Runde machte. Daß es die Burschen, gedopt mit dem grünen Kernöl aus den Kürbisrieden des Ursteirischen, doch noch schaffen würden. Es mußte nur ein entsprechend hoher Sieg her. Mit deutlicher Tordifferenz. Dann war auch Lorenzen überwunden. Mit einem richtigen Sieg eben. Unvergessen der Sturl Binderreither, mit seinen sieben Toren, damals in den 1950ern, beim legendären 13:0 gegen den (mittlerweile den Geschichtsbüchern, mitsamt dem Sturl, Friede seiner Seele, übergebenen) SG Karnacker-Bärnsee.

Und der FC Promotool Formenbau Knittelfeld machte auch scheinbar wirklich alles klar. Was heißt klar: Überklar! Mit einem sauberen 21:0 (5:0) Sieg gegen TUS (Turn- und Sportverein) Schoder war der Meistertitel endlich wieder in die heimliche Metropole (was war denn schon Judenburg?! man schaue nur die neue ÖBB-Reparaturanlage an! DAS ist Dynamik! Originalton Bürgermeister Kurz, SPÖ) des oberen Murtals gewandert. 

Mit diesem historischen Sieg (Originalton Vizeobmann Weber) hatte man eine durchwachsene Saison schlußendlich doch noch zum Guten gedreht, den einen Konkurrenten Gaal auf Distanz gehalten, und dank der nun weit besseren Tordifferenz den letzten noch verbliebenen Titelanwärter, den FC St. Lorenzen, im letzten Moment wohl endgültig aus dem Rennen bugsiert. Selbst wenn der auch siegte, was ja zu erwarten war, denn er hatte ebenfalls ein Heimspiel: Die Tordifferenz machte alles klar. Das war dem FC Lorenzen unerreichbar. Davon waren nach dem überzeugenden Auftreten der Burschen alle Knittelfelder überzeugt.

Der Meistertitel würde also die "neue Ära" endlich krönen, die vor Jahren eingeläutet wurde, der aber die Krone noch fehlte. Eine Notwendigkeit, wie es bei der seinerzeitigen Vorstellung des Generalsponsors, der sich auch im Namen präsentierte, und der über eine enge Kooperation mit der Bundesbahn groß und reich geworden war, geheißen hatte. Seit damals hatte es ein Ende mit dem Amateurtum, nun waren andere, professionelle Zeiten angebrochen, denn es sollte "aus der Tiefe und Breite des Landes" (Originalton Vizeobmann OSR Lechner), mit selbst herangezogenem Nachwuchs, das Feld von hinten aufgerollt, Knittelfeld binnen zehn Jahren zu einem Begriff im steirischen Fußball werden. Hier ist das Herz der wertvollen Steirerjugend, das sein Blut in alle Landesteile pumpen wird! (Originalton OSR Lechner)

Aber es war halt nie so gelaufen, wie sich das alle vorgestellt hatten. Schon das vierte Jahr hatte man vergeblich die Hand nach der Meisterschale ausgestreckt, im letzten Moment hatte es immer jemanden gegeben, der sie einem doch noch weggeschnappt hatte - es schien kein Wegkommen aus der Gebietsliga, kein Aufstieg in die 1. Klasse, und von dort war es ja auch noch ein weiter Weg, bis ganz nach oben. Der Sponsor war längst ungeduldig, und auch wenn selbst ein Frank Stronach (der auch aus der Gegend stammt, man vergesse das nicht) eine Millionentruppe wie die Wiener Austria nicht zum Europacupsieg tragen konnte - zum Meistertitel hat es allemal gereicht! (Originalton Vizeobmann Weber) Geld spielt schon Fußball. Zumindest irgendwie.

Man mußte aber natürlich verstehen: Der Sponsor war eine Firma, ein Unternehmen, und das Geld das ein solchener in einen Sportverein investierte, das mußte sich über Werbewert amortisieren, also: rechenmäßig (Originalton Kassier Zeisellehner), wie es in der letzten Vorstandssitzung geheißen hatte. Und das tat es einfach nicht so richtig. Meister waren halt in den Schlagzeilen, Meistermannschaften zeigte man in Bildern, und auf den Trikots waren sie eben, die Werbebotschaften, auf den Sportseiten prangten ja nicht nur Szenen, in denen der Pepp gerade über sein fünftes Saisontor jubelte, sondern im Hintergrund war auch die Spielfeldbande zu sehen, so einfach funktionierte das. Aber welche Zeitung druckte ein Bild von einem Verein, der sich kaum noch vom Biertischkick der "Schwarzen Liga" erhoben hatte? Vom Fernsehen schon gar nicht zu reden.

Alle hatten genickt. Besorgte Gesichter waren darunter. Denn damit war sie schon im Fenster gestanden, die Rute: Ausstieg des Sponsors, und damit sicher auch Rückzug der Gemeinde. Die sich angeblich zwar wegen der Perspektiven (und der Jugendarbeit - "Oder sollen sich die Jungen auf der Straße rumtreiben? Und rauschgiftsüchtig werden?" - Originalton Vizevereinsobmeister Oberstudienrat Lechner) gar nicht lumpen hatte lassen, aber irgendwie fühlten alle, daß das nicht so recht der entscheidende Grund war. Nicht für den Bürgermeister.

Damit drohte ein Rückfall in Steinzeit-Zeiten. In Zeugwarte, deren Ehefrauen die Dressen wuschen, die selbst den Kot von den Stollen klopften und den Boiler unterheizten, damit alle Spieler duschen konnten. Die aus eigenem Geld eine Flasche Lederöl spendierten, ehe sie sich in unüberwindlichem Enthusiasmus für die Sache an die Kasse setzten. Ein Fall in die Zeiten, wo noch Vizeobleute und Platzwarte jeden Zuschauer per Handschlag begrüßten. Das wollte doch niemand?

Aber nun war es ja auch erreicht. Mit diesem 21:0. Diese Zufriedenheit erfüllte sie alle, die sie da in der Post saßen, und ihr Meisterschaftsgösser tranken. Burschen, sollt's leben!



2. Teil - am 16. Juni 2010: Das Unglaubliche passiert, und der Unglaublichkeiten mehr



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