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Sonntag, 29. Mai 2011

Standpunktslose Erkenntnislosigkeit

Nichts sei der Unmittelbarkeit des Volksbewußtseins so fern wie "geistiger Atomismus, der die moderne Seele wie Krebs zerfrißt und abtötet. Nehmen Sie als Beispiel das uns am nächsten stehende Gebiet, die Wissenschaft. Das Ideal eines ganzheitlichen Wissens, von Plato so klar vorgezeichnet, lenkt die Wissenschaft nicht einmal mehr in Gestalt der regulativen Ideen Kants.

Die Menschheit ist nicht mit der Wissenschaft, sondern mit Wissenschaften, ja nicht einmal mit Wissenschaften, sondern mit Disziplinen befaßt. Zufallsfragen fressen sich mit suggestiver Kraft in das Bewußtsein, das, von seinen Hervorbringungen versklavt, die Verbindung zur Welt verliert. 

Spezialisierung, Monoideismus - tödliche Krankheit des Jahrhunderts - fordern mehr Oper als Cholera und Pest und alle Seuchen. Es gibt nicht einmal mehr den Spezialisten einer einzigen Wissenschaft: Einer kennt nur noch die elliptischen Integrale, ein zweiter das Ratiothorium, ein dritter die Chemie einer Unterart der Eiweiße usw. [...]

Wie viele gibt es noch, für die die Natur nicht in miteinander nicht verbundene Dinge zerfällt, in Erde, Wald, Feld, Fluß usw. Gibt es noch viele, die nicht nur Bäume, sondern Wald sehen? Ist nicht 'Wald' für viele lediglich ein Kollektivum und eine rhetorische Personifizierung, d. h. reine Fiktion und nicht eine Einheit, etwas Lebendiges? [...]

Bedenken Sie, wie erschüttert die Grundlagen des inneren Lebens sind: Das Heilige, die Schönheit, das Gute und der Nutzen bilden nicht nur kein einheitliches Ganzes mehr, sie werden jetzt schon nicht mehr zusammen gedacht." Das Heilige ist scheu und verborgen, das Schöne untätig und verträumt, das Gute nötigend, der Nutzen unverschämt und grausam. "Das Leben ist zerstäubt."

"Was für ein tiefer Sinn liegt darin, daß die wissenschaftliche Psychologie eine Psychologie ohne Seele ist: Denn die Menschen unserer Zeit haben angeblich keine Seele, sondern an ihrer Statt nur einen psychischen Strom, ein Bündel von Assoziationen, psychischen Staub."

Dabei sei doch unzweifelhaft, daß es eine funktionale Entsprechung gibt zwischen Ideen und dem inneren Leben, zwischen der Weltanschauung und dem Weltempfinden. Nur im Volksempfinden sei das noch vorhanden, bei den einfachen Menschen am Land, an der Wolga. Hier ist der Mensch ganz. Der Nutzen ist nicht nur der Nutzen, er ist auch das Gute; er ist schön, er ist heilig. Für den, der dieses ganzheitliche Leben nicht lebt und nicht leben kann, ist der Schlüssel zur Weltanschauung des Volkes für immer verloren. Das Wissen des Intellektuellen sei demgegenüber nämlich zersplittert, organisch größtenteils unnütz, etwas, das er sich von außen auflädt und dann wie ein Packesel trägt. "Mit allem ist es so, mit allem und besonders mit der Sprache."

Pawel Florenski bei seiner Antrittsrede als Dozent an der Geistlichen Akademie Moskau 1909

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