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Sonntag, 11. März 2018

Muß der Westen Putin völlig neu denken? (3)

Fußnoten




²So nebenbei: Vladimir Putin war Offizier im Auslandsbereich des KGB, der damals "geheimsten" der Abteilungen des KGB. Dessen Aufgabe war es zu verstehen, wie "der Westen tickt". Putin speziell war für Deutschland und den Westen generell zuständig. Dazu hatten diese Mitarbeiter völlig freien Zugang zu westlichen Medien und Lebensweisen. Denn sonst wären sie nie in die Lage gekommen, ihren "Feind" zu verstehen. Diese KGB-Mitarbeiter waren deshalb die bei weitem intellektuellsten, Gebildetsten der sowjetischen Geheimdienste, und sie waren am wenigsten bürokratisch oder gar "Apparatschiki" und man kann davon ausgehen, daß intern ganz offen geredet wurde. Sonst hätten sie nie ausreichende Kontakte mit Westlern aufbauen können. Sie wußten, ja mußten wissen, was in der Welt vorging.

Vladimir Putin hat übrigens jahrelang - während seines Aufenthalts in der ehemaligen DDR -  in Göstling im Ybbstal (unweit Waidhofen/Ybbs bzw. Amstetten, also der gewissermaßen "Heimat" des VdZ) je einige Wochen Urlaub gemacht. Göstlinger, die sich teilweise noch heute an ihn erinnern, sprechen von ihm und seiner Familie als ausgesprochen nett, ruhig, angenehm und freundlich.

Bedenken? War Putin nur gerissen?

Diese Tatsache gibt freilich auch anderen Interpretationen Raum, als Cohen sie ausführt: Ist es glaubwürdig zu meinen, daß Putin "Illusionen" über den Westen hatte? Als ein Mann, der den Westen so gut kannte? Ist nicht wahrscheinlicher, daß Putin den "guten Freund" des Westens so lange spielte, als es möglich war und er davon profitieren konnte, und sein Vorgehen in dem Moment änderte, als der Westen durch die Boykottmaßnahmen weniger nützlich wurde?

Denn es darf nicht übersehen werden, daß sich Rußland in den ersten zehn Jahren unter Gorbatschow und dann Jelzin zur "Tankstelle des Westens" entwickelt hatte, bzw. von diesem auf demütigende Weise so gesehen wurde. Als ein Land, das zur Plünderung ausgeschrieben war. Außerdem krallte sich die US-NATO Land um Land, das einmal sowjetischem Einfluß unterlag. Putin startete 2000 also aus einer immensen Demütigungserfahrung heraus, das sollte man nicht vergessen. 

Aber um "reine" Motive sich den Kopf zu zerbrechen, ist verlorene Liebesmüh. Die gibt es nicht, jeder Mensch ist fortwährend ein Bündel von Motiven.  Alles wird mitgespielt haben. Samt einer gehörigen Portion Frechheit, die der VdZ im Mittelosten Europas immer wieder festgestellt hat. Wo ihm (auch) eine Generation entgegenkam, die jahrzehntelang von der Substanz gelebt haben, bis nichts mehr da war. Und weil sich die Schüsseln nicht von selber füllen, kam man dann reumütig oder in der Opferrolle an und der Westen sollte nun auch das zahlen, was sie jahrzehntelang nicht zu leisten willens waren. Denn er war ja durch glückliche Umstände reich. 

Neid (und Gier) ist noch heute ein wichtiges Motiv in den ehemaligen Ostblockstaaten, der Leser möge dem VdZ glauben. Samt dem oft anzutreffenden "Glauben", die Dinge würden prinzipiell hereinschneien, man müßte nur so tun, als arbeite man - Lieblosigkeit, Desinteresse als Frucht von Entsittlichung - und samt dem auch im Westen nicht selten anzutreffenden grotesken Mißverständnis, freie Wirtschaft ("Kapitalismus") sei der Wettlauf der Cleveren, Geld das Ergebnis der höheren Finesse, den anderen über den Tisch zu ziehen.


*Als Unternehmer nicht weniger als späterer Diözesansekretär, wo er eine westliche Kirche antraf, die sich in großmütigen Überlegenheits- und Missionierungsgesten der Schwesterkirchen im Osten annahm, indem all der Pastoralmittel- und Liturgiemüll, der hier bereits eine Generation zernichtet hatte, lastwagenweise dorthin exportiert wurde. Unvergessen vor allem ein Gespräch mit einer Diözesanmitarbeiterin aus Rumänien, mit der der VdZ - das muß so 1994/95 gewesen sein - ein längeres Gespräch führte. Und die seltsam reserviert wirkte gegenüber dem, was sie hier bei uns sah. Vor gut einem Jahr hat der VdZ mit einer anderen Rumänin, einem einfachen aber ziemlich geraden Gemüt, ein Gespräch geführt. Sie sei hier vom Glauben weitgehend abgekommen, meinte sie, denn sie empfinde alles, was hier die Kirche böte, als lächerlich. Aber auch die Gesellschaftsordnung hier sei ein einziges Chaos. In Rumänien, das sie vor 20 Jahren verlassen hatte, sei alles viel ernster, klarer und auch gläubiger gewesen.

**Oder sollte man sagen: Hätte tun können sollen? Wird hier nicht eine erschütternde Grundunterscheidung erkennbar? Ist viel Reaktion auf Putin nicht schon daraus erklärbar, daß Amerika nicht mehr gewöhnt ist, seine Präsidenten ausschließlich unter dem Kontext "Amerika" zu sehen?




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