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Montag, 16. Juli 2018

Über das Schreiben und die Kunst - Interview (1)

Auf besonderen Wunsch von Leser R, welcher den Text im Netz fand, bringen wir hier den Wiederabdruck eines Interviews aus dem Jahre 2000, das der VdZ damals anläßlich der Ersterscheinung seines Romans "Helena oder: Das Gute ist was bleibt" gegeben hat. Weil der VdZ damals mit dessen in mehreren Zeitungen veröffentlichter Endfassung, auf die er keinen Einfluß hatte, nicht zufrieden war, hat er es nachträglich in "reinerer Form" noch einmal niedergeschrieben, was dann von anderer Stelle im Internet veröffentlicht wurde und seither dort zu lesen steht. Nun also auch hier.

Herr Wagner, warum schreiben Sie?
Die Frage ist ungefähr gleich sinnvoll wie die an den Tischler, warum er Bänke baut. Sein Metier ist eben das Tischlern, meines das Wort. Der Unterschied liegt im behandelten Gegenstand und den Voraussetzungen, die sie benötigen.

Also vergleichen Sie sich mit einem Handwerker?
Ja. Insoferne wehre ich mich gegen eine Romantisierung des Künstlers. Dieses unselige Erbe schadet den Künstlern ungemein. Denn sie versuchen häufig ein Bild zu werden und meinen, dann erst schreiben bzw. gut schreiben zu müssen. Aber sie stehen sich damit im Wege, denn wie schon Goethe bemerkte, kommt der entscheidende Kick erst dann, wenn man begreift, daß man schreibt, weil es eines Natur ist, nicht weil man Kunst produzieren möchte - das ist ein immanentes Geschehen.

Kunst also als zufälliges Produkt der Tätigkeit?
In einem gewissen Sinne: Ja. Was nicht heißt, daß jeder der schreibt Kunst produziert. Der es aber tut, weiß es nicht wirklich, für ihn gibt es nur das Kriterium gelungen oder nicht gelungen, seinen Maßstäben gerecht oder nicht. Künstler zu sein ist immer eine Begabung, von der der Begabte am allerletzten erfährt. Die Beurteilung, ob etwas ein Kunstwerk ist oder nicht obliegt dem Kritiker, dem Betrachter. Der Künstler trägt seine Kriterien in sich, ist sich gewissermaßen selbst Maßstab, er hat keine andere Wahl - das ist Krönung wie Crux seiner Zunft. Und so verstanden ist er unendlich frei, unterliegt streng genommen nicht einmal der Moral. Wenn er zu dieser Radikalität nicht findet, bleibt er eine arme Knackwurst.

Somit plädieren Sie für eine Willkür der Formen in der Kunst?
Keineswegs! Die Formen sind eine der Wirklichkeit abgerungene Spiegelung, ihre jeweiligen Eigenarten beziehen sich auf Eigenart und Sinn der Wirklichkeit. Somit wehre ich mich auch gegen den Ästhetizismus. Hier ist es Zeit, das Kriterium der Erzählung als Eigentümlichkeit des Erkennens und damit des Lebens anzusprechen: Jede Kunstform ist eine Form des Erzählens, weil auch die Wirklichkeit sich erzählend preisgibt. Schon die Worte sind ja beschreibende Festhaltungen von den Dingen inhärenten, diese in die Welt hinaustreibenden Eigenschaften. Darin liegt auch der Anspruch auf Wahrheit und Schönheit von Kunst begründet. Keinesfalls darf dabei Schönheit als ästhetisierende Behübschung verstanden werden, sondern dieser Begriff ist nur vor dem Hintergrund verstehbar, daß nichts, was es gibt, nichts, das Sein hat, "schlecht" sein kann! Häßlichkeit ist stets nur ein Mangel an Vollkommenheit im Selbstvollzug, denn alles was etwas ist will seiner Art gemäß wirklich sein.


Morgen Teil 2)




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