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Freitag, 19. Juni 2020

Not und Elend (1)

Die Kritik, die auf diesen Seiten an Raphael Bonelli schon mehrmals artikuliert wurde, und bislang eher theoretisch war, erhält durch diese "Verteidigung" des Psychiaters und Psychotherapeuten ihr praktisches Fundament. Noch besser hätte man die Evidenzen nicht aufzeigen können, aus welchem liberalen Seichtwasser der Mann gestrickt ist. Den seltsamerweise, aber so typisch, von katholischen Organisationen, Gruppen und vielen einfachen Gläubigen als Fahnenträger der "guten Sache" gefeiert wird.

In dieser Stellungnahme versucht Bonelli, sich eines Artikels im österreichischen Flaggschiff des linksliberalen Lagers 'Der Standard' zu erwehren. Der ihm zu große Nähe zu (ultra- und sonst was-) konservativen katholischen Institutionen vorwirft. Samt den Hebelargumenten, er sei auch homophob, also "gegen" Homosexuelle eingestellt.

Alles das verneint Bonelli vehement und mit weinerlichem Gesicht, das den subjektiven Eindruck einer sonst oft schon so deutlich in der Physiognomie durchscheinenden Tendenz zur Gesichtslähmung (also einer Nervenschädigung in der "Maske", der "Persona") zur Prophetie macht. Er werde zu Unrecht angegriffen, denn er sei in seiner Arbeit weltanschaulich neutral, und selbstverständlich fließe eine religiöse Haltung oder Anschauung nicht in seine psychologische beziehungsweise therapeutische Arbeit ein.

Lassen wir einmal beiseite, wie das gehen soll. Denn wie soll sich eine (wissenschaftliche!) Sichtweise bilden, in der jene Elemente keine Rolle spielen, die als Licht (!) zur Erfassung der Wahrheit, also auch der Wahrheit über die Welt, über die Dinge, über den Menschen sohin, sogar die entscheidende Rolle spielt. Die voraussetzungslose Wissenschaft, von der offenbar auch Bonelli phantasiert, gibt es nämlich nicht. Und was er hier von sich weist, ist andererseits (und wenn es nützt) sein Etikett und damit seine Eintrittskarte als Autorität in Institutionen, die er genau damit schwer schädigt. 
Das Argument einer objektiven Wissenschaft erfüllt seine Wahrheit nicht durch die angebliche "Voraussetzungslosigkeit", sondern über die Natur der Wahrheit als Universalität, die nur durch sittliche Bedingungen zugängig wird. Insofern ist Wahrheit als objektive Grammatik der Welt tatsächlich "subjektiv". 
Aber nicht weil die Wahrheit (die immer eine konkrete Wahrheit "über oder von" etwas ist) selbst relativ, also nicht festmachbar, nicht definierbar ist. Sondern weil die Wahrheit sich erst über eine Beziehung zu ihr erschließt, ihre Reinheit und Darstellbarkeit - und damit ihre Objektivität - durch eine Person von deren sittlicher Reife abhängt.
Das ist der Ort für jene These, nach der sich in Bonelli (und seinem Denken, seiner Psychologie, seiner "Arzt"-Eigenschaft sohin) etwas offenbart, was als Hauptproblem einer Kultur im Zusammenbruch gesehen werden muß. Für die Bonelli symptomatisch ist. Denn wenn sich eine Kultur auflöst, tut sie das durch Auflösung ihrer institutionalisierten Formen. Da wird sogar bedeutend, daß sich Bonelli zum Beispiel in seinen "Corona-Videos" einem großen Auditorium im schlabbrigen T-Shirt präsentiert. Formverzicht ist zwar heute der Schlüssel zu den Menschen, aber nur, weil diesen jede Hürde der Begegnung "erspart" wird. 

Damit aber reduziert sich Wahrheit und damit Sprache auf eine "technische Logik", die es geben soll - aber gar nicht gibt! In jedem Fall aber vermeidet man nun jeden Widerspruch, weil jede Kritik sich schon nur durch die nunmehr manifeste Positions- weil Ortslosigkeit (also Indefiniertheit) beziehen kann, also von Vornherein danebenschießt. Denn ihr Ziel, die Person, die Figur, löst sich wie ein Spuk sofort auf, sobald man danach greift. 

Das entspricht auch der Beobachtung seiner Physiognomie entsprechend. Wenn oben (etwas, aber nur etwas polemisch) von Gesichtslähmung gesprochen wurde, so steckt dahinter der wahre Kern der Persönlichkeitsdiffusion. Diese wird durch Invertiertheit betrieben. Die das Denkprinzip ist. Sagen wir es salopp: Durch "In-sich-Hineingehen", im Wesentlichen also durch die Denkgestalt der Reflexivität (wir verweisen zur tiefergehenden Erklärung auf Texte hier, aber vor allem auf die Arbeiten von Walter Hoeres zu Reflexivität und Persönlichkeitsdiffusion) wird jene Ich-Grundlage aufgelöst, die selbst betrachtet wird, wobei Betrachtetes und Betrachtendes nicht unterscheidbar weil identisch ist. Resultat? Das Nichts. 

Diese Selbstnichtung ist sogar Prinzip der allermeisten Strömungen der Psychologie heute. Die ihre Therapie praktisch ausnahmslos als Auflösung der Persönlichkeit versteht, in der - natürlich! - Probleme "gelöst" werden. Durch von der Anwendung dieses Prinzips als "Heilungsprinzip" wird auch der Therapeut selbst affiziert. Sodaß der seelische Zustand von Therapeuten in sehr vielen Fällen höchst problematisch ist. Das ist auch bei Bonelli zu beobachten, mehr als er wohl glauben würde. 

Das begründet aber auch das, was fälschlicherweise von vielen als "Talent" oder "Fähigkeit" gesehen wird: Wo sich alles aufgelöst hat, wird die Sprache, getrieben von der sogenannten Intelligenz, auch höchst "flexibel". Der Mensch kann also "gut und spontan reden". Weil die Phantasie, das die Weltbruchstücke zu einem Ganzen (Bild) Vorschlagende, das dann das Ich zu einem Bild formen muß (also in Verantwortung, das heißt im Rahmen seiner Beziehung ZU jemandem etc.), keiner Bindung unterliegt. Weil die Phantasie nicht jene Grammatik trägt, die bei einer gesunden Person und Persönlichkeit (als Gestalt, in der sämtliche Beziehungsfäden integriert und beantwortet sind) aktiv und prägend vorhanden ist, die Bilder und die Sprache formt. Solche Personen werden zu "Plapperschnuten", sagen wir so, und "schlagen permanent Lösungen vor", ja scheinen unerschöpfbarer Quell von Möglichkeiten, denen nur eines fehlt: Verbindlichkeit. Wer sollte solche aufgelösten, nie Kraft zur Beziehung, nie Verbindlichkeit fordernden Personen "nicht mögen"? Die noch dazu von Schuld befreien? (Denn das ist der wirkliche Hintergrund für "Patienten".) Das ist doch die 70 Euro (und mehr) für die Sitzung locker wert?

Wessentwegen (also wegen der Auflösung der eigenen Persönlichkeit (die nur noch zu "einer Möglichkeit unter vielen" wird, deren man sich gelegentlich  bedient) die Branche übrigens "Supervision" eingerichtet hat. Denn der Therapeut verliert in seiner "Arbeit" regelmäßig jeden "objektiven Einordnungs-Rahmen", in dem erst er so wie jeder Mensch wenigstens irgendwie fest in der Welt steht. 

Meist über seine Branchenidentität: Kein Psychologe, der nicht bei jeder Gelegenheit erzählt, daß er ein solcher ist; die Bedeutung dieser Identitätsformel, die heute das am meisten Ersehnte, gerade von Psychologen am meisten ersehnte liefert: Autorität!, ist gar nicht zu überschätzen.

Sehen Sie aber auch, werter Leser, wie die Psychologie die Beichte ersetzt und bereits ersetzt hat? Natürlich ohne ihre reale Wirkung, weshalb Psychotherapien eine Eigenschaft haben: Sie werden zur sich selbst perennierenden Einrichtung für jeden, der sich darauf einmal eingelassen hat. 

Mit dem entscheidenden, weiteren Unterschied zur Beichte: Und das ist der wirkliche, also wirkende und wirken sollende Hintergrund, daß das Gegenüber "Sein selbst, Gott, die objektivste und - das ist wichtig! - absolute Ordnung, durch ein anderes Gegenüber ersetzt wird, den Therapeuten, und dessen Wahrheitsgrad (sozusagen), der Absolutheit beanspruchen muß. Weil sonst an Therapie nicht einmal gedacht werden kann. 

Wenn man in einem Streit zwischen zwei Personen, illustrieren wir es mal so, die jeweilige Person (oder auch nur eine; dann setzt sich halt die andere durch) aufgelöst wird, indem ihre Basis relativiert, in Sophistereien so lange zerredet wird, bis nichts mehr bleibt, weil der ordnende Rahmen der Ratio verloren geht, den in der Regel dann der Psychiater "ersetzt", das heißt, die heutige Psychologie zieht den "Patienten" ein neues, künstliches Verstandeskorsett ein, in dem dann die spezifischen Probleme des zu Behandelnden "lösbar" sind, zumindest eine begrenzte Zeit. Denn dauerhaft vermag die heutige Psychologie nichts zu bewirken, das wissen auch die Psychologen selbst, die sich mit Untersuchungen auseinanderzusetzen haben, die belegen, daß sich "Heilerfolge" der heutigen Psychotherapie im extrem niedrigen Bereich bewegen.

Denn Bonelli ist ein Trojanisches Pferd. Eines von so vielen natürlich nur. Aber eben eines von vielen. Das Etikett "katholisch" spricht der Psychiater zwar nicht (oder nur indirekt) aus, aber er kokettiert damit. Es ist nämlich sehr nützlich!

Aber wir stoßen hier an ein großes Problem der Gegenwart, das auf eine Verwirrung zurückzuführen ist, die zu allergrößten Teilen sogar genau dem Handwerk Bonellis zuzuschreiben ist: Der Psychologie des 20. Jahrhunderts, die maßgeblich auf (atheistische, materialistische, evolutionistische) Figuren wie Sigmund Freud aufbaut. 

Die Wahrheit ist deshalb, daß, wenn Bonelli "katholisch" wäre, die Kritik des Standard weitestgehend zuträfe. Und man (endlich!) ohne jede Scheu zugeben müßte, daß zumindest das meiste an den Anwürfen stimmte. Aber dazu bräuchte man jene Eier, die Bonelli zwar in seinen Vorträgen und Schriften einfordert, aber persönlich nicht hat. Dazu braucht es aber keine große Lektüre seiner Äußerungen, die sich wie die gesamte heutige Mainstream-Psychologie und Mainstream-Psychotherapie im Westen auf der Ebene von Küchenpsychologie bewegt. 

In die bemühte Leute wie Bonelli, die da ein eigenes Publikumsfach ausschöpfen, dem Schlagworte und Triggerbegriffe genügen, um einen "Wissenschaftler" samt und sonders zum einen heilig zu sprechen, zum anderen Tür und Tor zur eigenen "Information und Bildung" öffnen. Dabei wird jedes Denken abgeschaltet, denn man sucht ohnehin nur Schlagworte, an die man sich anhängen kann, sucht ohnehin nur Images (Bilder) und Identitätsziegel, die man dann zu einer Art "Identität" zusammenschustert. Aus der dann "Katholisches" generiert wird, das mit Katholizität ungefähr so viel zu tun hat wie Schusterblumen in der Krieau mit dem World Trade Center vor 9/11 - nämlich gar nix. 


Morgen Teil 2) Zumindest tendenziell hätte der Standard Recht.
Wäre Bonelli tatsächlich das, was man ihm hier vorwirft.
Aber damit kokettiert Bonelli ja nur, das ist das Problem.




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