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Sonntag, 14. Juli 2019

Hommage an einen ungarischen Bildhauer

Der Leser findet hier die Übertragung eines Textes ins Deutsche, der als Vorwort zu einem kleineren Bildband über den wohl bekanntesten, mittlerweile hoch betagten ungarischen Bildhauer László Kutas und von Mihály Praznovszky verfaßt wurde. Er ist bemerkenswert, und soll Ihnen nicht vorenthalten werden. 

Wer ist László Kutas?



Da sitzt mir ein kleiner Junge gegenüber, der mir ins Gesicht schaut. Natürlich weiß ich, daß ich es bin, der ihn beobachtet, aber ich stelle fest, daß er es ist, der mich auffordert, ihn zu studieren. Selbstverständlich mache ich das, was sonst. Und obwohl ich ihn nicht kenne, erinnere ich mich an ihn und seine Geschichte. Er muß der junge Mann sein, der in dieser unvergeßlichen Erzählung eines großen ungarischen Schriftstellers, der in der Manege eines Zirkus in die Höhe steigt und auf einem unglaublich dünnen, gefährlich schwankenden Seil seine Geige hervorholt und jenes Lied spielt, das seit seiner frühesten Kindheit in seiner Seele klingt. Er weiß, daß jeder Mensch in sich einen Traum hat, für dessen Verwirklichung er sein ganzes Leben aufs Spiel setzt.



Laszlo Kutas
László Kutas hat den Traum von diesem Jungen in seinem Clownkostüm und dieser mehrspitzigen Kappe auf dem Kopf, ließ ihn niedersitzen, seine Hände ineinander verschränken, und goß ihn dann in Bronze. Den Rest überließ er mir, dem aufmerksamen Betrachter, der ich die Geschichte um ihn vollenden muß. Der Bildhauer vertraut mir, weil er darum weiß, daß seine Skulpturen den Betrachter dazu anregen, zu reden. Nach der ersten Erfahrung, von einer der Skulpturen von Kutas angeblickt zu werden - die man als Mischung von Gelassenheit, Überraschung und innerer Bewegtheit bezeichnen könnte - gelangt der Betrachter auf die zweite Stufe, wo er der Figur einen Namen gibt, und ein Gesicht identifiziert, das von einer Geschichte ihres Schicksals umgeben wird, bis der Betrachter schließlich beginnt, diese Figuren in sein eigenes Leben, seine Erinnerungen und Träume einzubauen.



In diesen paar Zeilen sind, so habe ich den Eindruck, alle Schlüsselbegriffe zu Kutas' Leben, Arbeit und Popularität enthalten. Denn alle seine künstlerischen Werke unterschiedlichster Größe - einige sind größer, einige kleiner, einige stellen Einzelfiguren dar, andere Paare oder Gruppen - führen eine Geschichte mit sich. Sicher, manchmal können wir das Rätsel nicht lösen, worüber eine Gruppe von jungen Frauen, die auf einer Bank sitzen und miteinander tratschen, gerade redet. Und Männern ist die Logik ohnehin unzugänglich, die die Gespräche von jungen Frauen prägt und deren Inhalte so unvorhersagbar macht. Aber László Kutas versucht es immerhin, solche Situationen zu interpretieren.



Andererseits schafft er es aber immer wieder, Szenerien uneindeutig zu halten, wenn er etwa kultivierte Frauen (diesem Adjektiv fehlt leider jedes Volumen und jede Linienführung) sitzen, liegen oder auf einem Bronzesofa, -diwans und -couches in so spezifischen und aufregenden Posen sich ausstrecken läßt. Der Höhepunkt männlicher Sehnsüchte bricht auf, mit dem jemand diese kleinen Bronze-Venusse umkreist. Wir müssen an dieser Stelle das Wort Sehnsüchte relativieren, denn wir haben es hier mit einer Welt unerfüllten Verlangens zu tun, mit einer Welt, die sich rasch zu einer Welt der Heiterkeit, einer leichten, heiteren Stimmung, des Humors, der Ironie, des Kicherns oder gar des herzlichen Auflachens entfaltet.



Ich habe diese zwei oder drei Frauen bereits erwähnt, die auf einer Bank sitzen. Aber was ich so richtig an Kutas Statuen genieße ist der Umstand, daß man zu allen diesen individuellen Stücken ein ganzes soziales Umfeld konstruieren kann. Etwa wie man es beim Betrachten der kleinen Zimmer und Stuben bei diesen altmodischen Puppenhäusern tut. In gleicher Weise können wir mit allen seinen Statuen eine kleine, intime Welt bauen, eine Welt der Träume. Und hier haben wir den nächsten Schlüsselbegriff.



Man nehme zum Beispiel dieses kleine Kammermusikensemble, bei dem wir einmal mitwirken wollten, aber dann doch nicht konnten, weil uns das feine musikalische Gehör fehlte, das notwendig gewesen wäre. So daß wir an die Stelle dieses tiefgründigen Vergnügens, an der Schöpfung von Musik teilzunehmen, das etwas andere, einfachere Vergnügen setzen mußten, der Musik zuzuhören. Mit Kutas' Figuren aber können wir uns in die Vorstellung hineinträumen, daß wir nun doch die Geige spielen, die Oboe, das Saxophon, oder was immer wir gerne hätten. Und sie spielen für uns dann unser eigenes Wunschkonzert. So daß man sagen kann, daß in Kutas' Welt niemand allein bleiben muß, weder die Statuen, noch ihre Besitzer. Und vielleicht ist das eines der größten Geschenke, die uns Kunst und Künstler machen können: Daß sie uns aus einer sehr ursprünglichen Einsamkeit herausholen können.



Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zu einem zweiten Schlüsselwort zu Kutas' Kunst, und das ist das Wort "Liebe". Sogar Menschen, die Kutas nie persönlich begegnet sind, können diesen Zauber der Persönlichkeit des Künstlers fühlen.



Er ist eine Art von "Beschenker" als Künstler, wie ich das für mich bezeichne. Er ist jemand, der sich in kleine Geschenkpäckchen zerteilt. Er kann nicht widerstehen, mit jener liebevollen Geste in unser Leben einzugreifen, mit der er uns ein Geschenk macht. (Wobei gesagt sein soll, daß es schwer ist ihm nicht "begegnet" zu sein, nachdem die Statuen mit fixierbaren Bewegungen, wie bildende Künstler sie verwenden, nach ihm benannt wurden.) Und vor allem mit seinen Kunstwerken macht er uns diese Geschenke - neben Humor, Begehren und Ideen verbreiten seine kleinen Statuen Liebe, die Liebe zur Musik, zum Spiel, zur Existenz überhaupt, und die Liebe zum eigenen Leben, genauso, wie es der Bildhauer selbst mit seinem vollen Gewicht macht.



Wie es aussieht, ist sich Kutas dieses Umstands auch bewußt, und er steht auch offen dazu. Er selbst meint, daß er während des Tages nur "existiert", daß er aber in der Nacht "lebt". Tagsüber kann es schon vorkommen, daß er mit zitternden Händen und größter Spannung der Enthüllungszeremonie zu einer seiner Statuen entgegenfiebert, die wieder einmal irgendwo an einem öffentlichen Platz in einer Ecke Europas der Öffentlichkeit übergeben wird. Aber nachts, da lebt der Bildhauer - und war nicht die Nacht immer schon jene Zeit, in der der Mensch seine Träume gelebt hat? Und es sind diese Träume die den Künstler dazu treiben, seine inneren Phantasien in die Realität umzusetzen. Denn eine Menge guter Dinge geschehen in der Nacht, die dann unter den Händen des Künstlers zu Leben erwachen. Um Geschichten, Begehren, Hoffnungen, aber nicht zuletzt Gebete nicht zu vergessen.



Laszlo Kutas - Frauengruppe; Miskolc (Ungarn)
Denn in den Nächten, da betet Kutas zusammen mit seinem Lieblingsautor, Gyula Krúdy: "Gütiger Gott, gib mir stille Träume und eine ruhige Nacht. Gewähre mir, ich bitte Dich, daß ich die sirenenartigen Stimmen der Frauen nie in meinen Ohren habe. Beschütze mich, guter Gott, daß ich den Frauen nicht verfalle." Bis er schließlich, schon im ersten Morgengrauen, in ungeheurem Tempo alle diese Frauen schafft, ob sie auf einer Couch sitzen, an einer Bar lehnen, ein Balkongeländer berühren, ein Fahrrad halten, bekleidet oder nackt sind. Und während er das macht, betrügt er die ihm nicht so gut bekannte Sehnsucht, die uns dazu drängt, den Frauen doch zu verfallen.



Es geht also immer wieder um die Frauen ... Obwohl natürlich Kutas Welt weit komplexer ist, weit vielfältiger. Und dieses Argument kann jederzeit durch die dutzenden, lebensgroßen Statuen belegt werden, die überall im Land stehen. Darunter viele Skulpturen von Menschen, die in der Geschichte und Geisteswelt Ungarns Bedeutung hatten, oder Büsten herausragender Pädagogen. Und ich habe dabei noch gar nicht die Medaillons erwähnt, die man mit Preisen überhäuft und sogar Staatsmännern als Präsent überreicht hat. Oder seine Erinnerungsmünzen, die er für verschiedenste Jubiläen in Gold oder Silber angefertigt hat. 

Und wir dürfen diese kleine, ungemein populäre Statue von Mary Poppins nicht vergessen, die auf dem Ostwind reitend in unser Leben tritt, um es glücklicher zu machen. Die uns vor Augen führen soll, daß unser Leben wunderschön ist, und daß das Vergnügen daran kein Ende haben muß. Daß Gelassenheit unerschöpflich ist, natürlich ebenso wie die Güte. Und die soll unsere Fähigkeit stärken, bis an unser Lebensende Kind zu bleiben. Diese zarte, englische Lady ist genau wie der Ungar László Kutas. Sieht man vom Umstand ab, daß Kutas nicht verschwindet, ja daß er sich sogar weigert, wieder ins Märchenbuch zurückzukehren. Weil er für sich die Forderung sieht, Pflichten und Aufgaben zu erfüllen, die er noch nicht erfüllt hat. Erkennbar daran, daß die Welt immer noch nicht so ist wie all die Träume, die während der durchwachten Nächte aufsteigen.



Das hat alles aber auch damit zu tun, daß er seinem Namen gerecht werden will. Übersetzten wir deshalb einmal diesen Namen in eine Fremdsprache. Denn 'Kut' heißt "Brunnen", und 'Kutas' bedeutet so viel wie "der, der einen Brunnen hat" oder "aus ihm gibt." Brunnen enthalten ja bekanntlich sonst verborgenes, kühles, klares, lebensspendendes Wasser - das also, was man im Märchen als "Wasser des Lebens" bezeichnet. Wir wissen außerdem von je her aus Erfahrung, daß Familiennamen und die Merkmale ihrer Träger nicht selten in vollkommener Übereinstimmung stehen.



Wir können aber in keinem Fall unsere Namen einfach ablegen wie ein Kleidungsstück. Wir sind immer auch unser Name. Im Falle Kutas' strahlt diese Übereinstimmung jedoch in hellstem Glanz.



Glücklich jene, die eine von Kutas' Statuen besitzen.

Mihály Praznovszky, in "László Kutas


Laszlo Kutas, Harlekin, Bronzeguß - Photo with courtesy Leser U