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Dienstag, 10. September 2019

Auf den Kampf kommt es an, nicht auf den Sieg

Als sich im April 1793, als Reaktion auf die ersten Aufstände in der Vendée, eine 30.000 Mann starke Arme unter General Berruyer, von Paris geschickt, in die südlich der Loire gelegene Provinz am Meer aufmacht, um die Konterrevolution niederzuschlagen, sind sie nur ausgezogen, um ein rebellisches, katholisches Volk blutig zur Raison zu bringen. Sie rechnen nicht mit der Entschlossenheit und Opferbereitschaft der Vendéer, die treu zu Papst und Königshaus stehen und die Brutalität, mit der Berruyer die Dörfer niederbrennen läßt, mit umso größerem Kampfesmut beantworten.

Erstmals (also nicht erst in Spanien, einige Jahre später) war eine organisierte Armee (Paris hatte Berufssoldaten entsandt) mit einer levée en masse konfrontiert, mit dem "asymmetrischen Krieg", wie wir ihn heute nennen. In dem sich ein ganzes Volk mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zur Wehr setzte. Als Freischärler eingestuft, wurden - wir kennen es von heute - praktisch sämtliche Bewohner der Vendée als Terroristen klassifiziert, und man versagte ihnen jeden Status der Menschlichkeit. Bewaffnete Kämpfer wurden sofort exekutiert, wenn man sie aufgriff oder bei Kampfhandlungen gefangen nahm. Und jeder Zivilist - ausdrücklich auch alle Frauen, Kinder und Alte - wurde erschossen, der auch nur in der Möglichkeit stand, mit ihnen zusammenzuarbeiten oder ihnen der Geisteshaltung nach Sympathie entgegenzubringen. Dieser Rigorosität fielen somit auch viele Revolutionäre zum Opfer, ein Kollateralschaden, den man aber in Kauf nahm.

Berruyer, der sich rühmte, am 21. Jänner 1793 mit seinen Befehlen die Stimme des Königs am Schafott übertönt zu haben, war aber vor allem von der militärischen Effizienz des Widerstands überrascht. Obwohl das Kalkül der Pariser Revolutionstruppen, daß die Bauern um diese Jahreszeit nach Hause müssen, um die Felder zu bestellen, sonst gibt es keine Ernte, und außerdem Karwoche und bald Ostern ist, eine Zeit, in der kein Bauer kämpft, weil er in frommer Glaubenstreue die Heiligen Tage in der Kirche miterleben möchte, verfügt der Oberst der Konterrevolutionäre über genug Männer.

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Das Dorf La Bar in den Mauges ist das erste, das die Revolutionsarmee niederbrennt und wo sie alle Bewohner erschießt, ein Dorf, ein Schloß nach dem anderen, das auf dem Weg der Pariser Armee liegt, folgt. Aber die Glocken der Kirchen rufen die Vendéer wieder zu den Waffen. Und in Chemillé gelingt auch ein erster Sieg gegen die Eindringlinge, die Invasoren, wie man sie nennt.

General Maurice d'Elbée, einer der vielen Adeligen, die auf Bitten der Bauern hin die Führung des Aufstands übernommen haben, zügelt mit knapper Not den Rachedurst der Vendéer, die die gefangengenommenen Soldaten erschießen wollen. 

Aber, sagen die Bauern in Waffen, wenn wir sie nicht töten, sondern frei lassen, werden sie sofort wieder gegen uns kämpfen!
Das mag sein, antwortet d'Elbée. Aber ich möchte nicht, daß meine Soldaten zu Mördern werden.  

Wir verlangen Gerechtigkeit, schreit einer der Soldaten. Diese Männer haben so viele Verbrechen gegen unsere Angehörigen begangen! Wir müssen sie ausschalten, sonst werden wir niemals siegen!

Gott bittet von uns nicht, zu siegen, antwortet der General. Er befiehlt uns nur, daß wir kämpfen. Danken wir ihm also heute, daß er uns den Sieg geschenkt hat. Er ordnet an, daß sich alle niederknien und spricht das Vaterunser. Wir sollen alle verzeihen, schließt d'Elbée an die Vaterunser-Bitte an.

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Dieses Verhalten wird dann zum Vorbild, als die Konterrevolutionäre die Städte angreifen, die Ausgangspunkt der Invasionsarmee sind, und eine nach der anderen erobern. In Bressuire lassen sie am 2. Mai die Gefangengenommenen gegen deren Ehrenwort frei, keine Waffe gegen die Vendée mehr zu erheben. Das gleiche geschieht am 5. Mai in Thouars, das erst nach schwerem Kampf erobert wird, und wo 4.000 Gefangene gemacht werden. Die man gegen den Eid freiläßt, nicht mehr gegen Gott und König zu kämpfen.

Als dieses Vorgehen bei der Revolutionsarmee anerkennend die Runde macht, verbietet Berruyer seinen Soldaten bei Todesstrafe, davon zu sprechen. Die Vendéer seien zum Tode verurteilte Verbrecher, und von solchen könne man nicht Freiheit erhalten. Und mit solchen könne man keine Vereinbarungen treffen oder ihnen Eide leisten.

Am 16. Mai 1793 erleben die Vendéer in Fontenay le Comte zwar den ersten Rückschlag, als die Bauern vor den dicht gestaffelten Kanonen der Revolutionsarmee Reißaus nehmen. Aber als sie zurücklaufen, werden sie von den Frauen in ihren Lagern überredet, für ihrer aller Freiheit weiterzukämpfen und wieder nach vorn zu gehen. Sie kehren in den Kampf zurück, und nach neun Tagen gelingt die Einnahme der befestigten Stadt. Wieder werden 3.000 Soldaten gefangen. Diesmal werden ihnen vorsichtshalber die Haare geschoren, ehe sie freigelassen werden, um sie später leichter zu erkennen, denn dann können sie nicht mehr mit Pardon rechnen, dann ist ihr Wortbruch erkennbar.

Anfang Juni haben sich bereits 30.000 Männer der Vendée dem Widerstand angeschlossen, und eilen von Sieg zu Sieg. Am 9. Juni 1793 gelingt sogar die Einnahme von Naumur, wo ihnen eine riesige Kriegsbeute in die Hände fällt: 11.000 Gefangene werden gemacht, 15.000 Gewehre, und 80 Kanonen werden ihre Kampfkraft hinkünftig stärken. Die Aufständischen sehen ihre auch für sie völlig überraschenden Siege als Werk Gottes, den sie bei jeder Beratung um seinen Beistand anrufen. Alle Macht kommt von Gott, und der König ist sein Statthalter. Darauf ist ihr Glaube gegründet.

Aber dann machen sie einen schweren Fehler. Sie sind unschlüssig, wie sie strategisch weiter vorgehen sollten. Nach Paris marschieren, um den erst 8jährigen Königssohn Ludwig XVII. zu retten und von den Priestern krönen und auf den Thron ganz Frankreichs setzen zu lassen? Man muß etwas tun, denn aus Paris sind auf jeden Fall nächste, noch überlegenere Truppen zu erwarten. Robespierre wird nicht zusehen, wie man der Revolution widersteht. Da langt die Botschaft ein, daß viele Bretonen nördlich, über der Loire, ebenfalls gegen die Pariser Revolution aufstehen wollen. Das gibt den Ausschlag. Nantes soll also das nächste Ziel sein.

Also verlassen sie die eroberten Städte wieder, verlassen gar die Vendée, um nach Norden in die Bretagne zu marschieren, wo sie sich mit einer bretonischen Aufständischen vereinigen sollen. Die aber nicht wie vereinbart einlangen. Das wird am 29. Juni die tragische Wende bringen, und zwar ausgerechnet im Kampf um die Kathedrale St. Peter in Nantes, die am Tag des Apostels eingenommen werden soll. Ihr Anführer, der Heilige von Anjou, Jacques Cathelineau, wird durch einen Scharfschützen aus dem Hinterhalt heraus tödlich getroffen. Die geschockten Vendéer brechen den Angriff ab, und ziehen sich zurück. Ab nun läuft alles anders.