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Montag, 13. Mai 2019

Gottes eigenes Volk (1)

Es wird gerne erzählt, daß es die Welt ist, die die Juden haßt. Ohne der Frage nachzugehen, wie das denn möglich sei, und vor allem warum sich so eine Haltung gebildet haben könnte, wird die Erklärung vielleicht einsichtiger, wenn man die Angelegenheit vom Kopf auf die Füße stellt. Denn sind es nicht die Juden, die mit dem Vorwurf des Antisemitismus, mit dem sie die gesamte Welt überziehen, den sie überall wittern und zu sehen meinen, den sie zum vielleicht sogar obersten Moralkriterium der Welt stilisiert haben, sich selbst (bei aller Frage, wer denn "die Juden" überhaupt sind, wobei interessanterweise die Juden selbst zu angeblichen rassisch-genetischen Zusammenhängen greifen) zu Antagonisten der Welt machen? Die überall Feinde wittern und jeden dieser Feindschaft anklagen? 

Und wo könnten die Gründe dafür liegen? Nicht vielleicht in einer tief liegenden Ahnung einer gewaltigen Schuld dem Sein, also Gott gegenüber? Denn es ist immer der Schuldige, und es ist eine Schuldbewältigungsstrategie, den anderen einer Schuld zu bezichtigen, die das eigene unruhige Gewissen treibt, dem man sich aber nicht zu stellen wagt, weil seine Forderung zu gewaltig scheint? Und vor allem das eigene Dasein auf eine Weise erhellen würde, die sehr sehr viel verlangt, um durchgestanden zu werden. 

Mit dieser Gewissenslage aber sind sie in die Welt gegangen, weil vertrieben worden. Warum sind sie aus Palästina vertrieben worden? Weil sie notorische Revolutionäre waren, notorisch gegen jede Ordnung aufstanden, in dem verzweifelt festgehaltenen und gepflegten Sendungsbewußtsein, als Gottes auserwähltes Volk, von dem das Heil für die Welt kommt. Welchen Status keine Tat in ihren Augen und als Behauptung je verändern hätte können. Dieses mit trotzigem Willen aufrechterhaltene Sendungsbewußtsein war es, das die Juden überall und zu allen Zeiten in einer Haltung verharren, diese Haltung pflegen ließ, daß sie außerhalb jeder menschlichen Gesellschaft standen. Man könnte sagen: Außerhalb aller christlichen Kulturen. Aber das wäre zu kurz gegriffen, denn auch im Islam sehen sie die notorischen Judenhasser und auch diesem unterstellen sie, daß das grundlos und unbegründbar sei. Und es ist dasselbe Sendungsbewußtsein, das sie zur Haltung geführt hat, daß dies die tiefere, ja vor Gott gültige Legitimation des Staates Israel sei. 

Die Frage ist also, bei aller Ungreifbarkeit der Juden sui generis, ob es einen Grund geben könnte, warum man "die Juden" haßt. Warum sich eventuell dieser Haß von einigen auf alle ausgedehnt hat, die sich selbst (sic!) als Juden definieren. Denn nur das begründet das Judentum: Die Selbstdefinition, wie sie dann im Talmud, dem zweitwichtigsten Buch des Judentums, ab dem 2. Jahrhundert festgelegt wurde. Die das Judentum eigentlich grundlegend als "Anti" definiert, als Gegenentwurf, und für manche der Moment der Neugründung einer Religion bedeutete, die man fortan "Judentum" nennt.

Es wirkt damit umso seltsamer, wenn Roy H. Schoeman in seinem Buch "Das Heil kommt von den Juden - Gottes Plan für sein Volk" auf eine Sendung zurückgreift, die im Alten Testament ergangen ist, die er zugleich aber dann an das "Blut" bindet. Um nicht nur in einer grotesken, äußerst selektiven Geschichtsverklitterung die Menschheitsgeschichte neu zu schreiben, sondern auch das heutige Judentum zur Quelle allen weiteren Heiles, ja zum Schlüssel des eschatologischen Schicksals der Welt sogar zu erklären. Und zwar nicht nur, weil Jesus Christus dem Blute nach Jude gewesen war, sondern weil auch das von der Kirche erwartete Heil - als Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag, also am Tag des Endes der Welt - von den Juden komme, Christus also als Jude und aus den Juden kommen werde.

Wobei er sich hier leider einiger der schlimmsten Entgleisungen der katholischen Theologiegeschichte bedienen kann. Nicht nur durch die dogmatisch unhaltbare Formulierung des Zweiten Vatikanums, daß die Kirche Christi in der Katholischen Kirche "subsistit", also "auch" in ihr sei, nicht als das einzige Heilswerkzeug, die das Reich Gottes ist, sondern auch durch einen emeritierten Papst, der nach wie vor seine germanische Korrumpierung (wieder: Schuldbewußtsein) nicht ablegen konnte und noch 2017 neuerlich die Quadratur des Kreises versuchte, indem er zwar schon die Kirche als DAS Heilswerkzeug Gottes definierte (anders wäre der dogmatische Irrtum zu gewaltig gewesen), jedoch gleichzeitig davon spricht, daß die Juden als das auserwählte Volk Gottes nach wie vor zu betrachten wären. Aber das ist falsch, und zwar aus mehreren Gründen.

Natürlich bedient sich Schoeman dieser Wendungen, die er mit untrüglichem Instinkt ausgegraben und aufpoliert hat. Sodaß man sich nach der Lektüre der 300 Seiten des Eindrucks nicht erwehren kann, daß hier ein Jude versuchte, den Katholizismus zu judaisieren, und zu einem "Katholizismus in jüdischer Art" umzudeuten. Er kann sich des Beifalls der protestantisierenden Freikirchen, charismatischen Gruppierungen und neotheologisierender "Katholiken" sicher sein.

Damit wäre eigentlich schon alles über dieses Buch und über den "messianischen Judaismus" gesagt, dem Schoeman angehört. Fast zumindest. Juden bräuchten, schreibt er, keine Bekehrung (und da stimmt er mit päpstlichen Aussagen der letzten Jahre überein), denn das Christentum würde wie der Deckel auf den Topf passen, und das Judentum zu seiner Vollendung führen.

Sie merken, werter Leser, womit wir es hier zu tun haben. Mit einem subtilen Täuschungsversuch. Der sich der Äquivokation bedient (also einzelne Aussagen herausgreift, sie als "inhaltlich deckungsgleich" vorzustellen, aber in einen anderen Horizont verschiebt), um völlig überraschend zu ganz neuen Aussagen zu führen, die eine Prämisse hat: Verehrt die Juden! Sie sind nach wie vor Gottes auserwähltes und seit je bevorzugtes Heilswerkzeug, ja heute noch mehr als früher. Und sie sind jene, die die Welt in Ordnung bringen - Tikun Olam, der Boden des Sendungsbewußtseins der Juden seit je. Bis hin zu seinem durch die Geschichte geisternden Erfüllungspunkt, dem "Zionismus"*, der gleich noch den Staat Israel selbst sakrosankt stellt. Gleich vorweg: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Heute nennt sich Schoeman katholisch. Und manch einer könnte zu dem Schluß kommen, daß er das tut, um unter der Mogelverpackung "katholisch" das Judentum, den Zionismus in die Kirche einzuschleusen. Ja, manch einer könnte das als ... leider, aber man muß es so nennen ... typisch jüdische Operation der Subversion sehen. In jedem Fall muß man den Bezug zur Utopie als Wesen des Judentums sehen. Denn er erklärt auch, warum sich Juden weltweit in utopischen Visionen dermaßen stark engagiert haben. Nicht zuletzt im Kommunismus. Der mit mindestens 120 Millionen Opfern endete. Aber auch diese Themen vermeidet Roy Schoeman, und das hat alles seinen Grund. Aber versuchen wir systematischer vorzugehen. Nur so läßt sich der Verwirrung, die Schoeman bei so manchen verursachen könnte, beikommen.

Und deshalb werden wir hier noch auf einiges Weitere eingehen. Denn wir müssen Begriffe klären. Was ist nämlich Volk? Wer gehört dazu? Wer ist das Volk der Juden heute? Worauf bezieht sich eine Verheißung an ein Volk? Auch das gleich vorweg: Ein Volk definiert sich sicher nicht über sein Blut, und Juden sind nicht mehr Gottes Volk als Buddhisten, Muslime, Chilenen oder Angolaner. Der Umstand, daß Gott in Jesus als Jude inkarnierte, hat ganz andere Gründe als die, eine jüdische Blutsverwandtschaft sakrosankt zu stellen. Und wir werden auch klären, warum das mit Auferstehung und Himmelfahrt definitiv bedeutungslos wurde.


Morgen Teil 2) Ein historischer Zwischenschritt





*Was ist mit Zionismus gemeint? Es ist die Berufung auf die Verheißung, die seit Abrahams Aufbruch aus der arabischen Halbinsel ins "gelobte Land" auf Israel ruhte, in der Gott den Juden ein Land, wo Milch und Honig fließen, versprochen hat. Dieser Gedanke wurde ab dem 19. Jahrhundert intensiv wieder aufgegriffen (wobei er nie erloschen war), und zu einem Recht umgedeutet wurde, Palästina in Besitz zu nehmen und zu beherrschen. Die Gründung des Staates Israel steht also im Rahmen einer Eschatologie, eines notwendigen Tuns, um das Kommen des Messias und das Ende der Welt - mit einem Anbruch eines irdischen Paradieses, wo friedlich das Lamm neben dem Löwen lagert, vorzubereiten.

Behalte der Leser dabei die wesentliche Dimension des Judentums im Auge, wie es auch von Jesus selbst, und später von den Aposteln verurteilt wurde, weil sie, wie unzählige Schriftstellen belegen, eben NICHT der Torah gefolgt sind, wie sie behaupten. So daß es die Ankunft des Messias mit konkreten, irdischen Utopie-Bedingungen gleichsetzte und gleichsetzt. Exakt jene Haltung also perpetuiert, die zur Ablehnung von Jesus Christus führte. Denn alle diese paradiesischen, handfest-irdischen Zustände hat dieser nicht gebracht. Es gab nach wie vor Leid, Krankheit, Tod, es gab nach wie vor Kriege und Anfeindungen. Und er selbst war am Kreuz gelandet. Das war kein Messias, der jüdischen Erwartungen entspricht. "Steig herunter vom Kreuz," riefen sie ihm deshalb zu. Ewiger König bist Du sonst nicht. Kein König aus Davids Geschlecht endet als Versager und Verbrecher.

Ein König, wie man ihn am Sonntag vor dem Paschafest noch gefeiert hatte, und der dann jene enttäuschte, die eben nicht die Gebote der Väter seit Abraham befolgten, denn sonst hätten sie ihn erkannt. Stattdessen haben sie sich von ihm, der so viele Wunder gewirkt hat - die zu verschweigen er wieder und wieder aufgefordert hatte, um eben diese falschen Voraussetzungen nicht zu nähren - ein irdisches Paradies mit Brot und Fisch und Wein bis zum Abwinken, geschaffen aus dem Nichts, ohne den Fluch der Arbeit und ohne Mühe, die Heilung von Krankheiten und das Austreiben der Dämonen erwartet.

Daß die Kirche ein Reich des Heiligen Geistes ist, das notwendig den Tod des Erlösers brauchte, der in den Himmel auffahren mußte, um die Herrschaft des Geistes zu eröffnen. Als reale Anwesenheit jener geistigen, wirklichen Wirklichkeit der Grammatik der Schöpfung, die aus und in Liebe Welt weil Gestalt im Rahmen einer Gesamtordnung aus Gott, dem reinen Geist, hervortreibt. Die dann zu Pfingsten anbrach. Weil diese Welt durch die Erbsünde und die Herrschaft Satans notwendig untergehen muß, es also eine Neuschöpfung braucht, eine Wiederkunft Christi, in der im Jüngsten Gericht die Bösen und der Satan aus der Welt geworfen werden müssen. Dann, ja dann wird es auch wieder die Ganzheit aus Geist und Fleisch geben.

Das war und ist den Juden zu wenig. Sie suchten den Anbruch der Zeit der Erlösung in der vorhandenen, faktischen, gegebenen Welt. Und sie tun das bis heute. Dahinter stehen ganz konkrete, metaphysische Schlüsse und deren Folgen, die letztlich auf einen Pan-Entheismus, ja auf Polytheismus hinauslaufen. Damit werden wir uns später noch befassen. Denn Roy H. Schoeman liefert mit seinem Buch noch eine große Menge weiterer falscher Blüten, die eine nach der anderen gepflückt werden wollen.